Ich
ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen
hinausgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel
in die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder
von eilf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer
Größe, die ein simples weißes Kleid, mit blassroten Schleifen
an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen
rings herum jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab,
gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein:
Danke!| Johann
Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, 1774, S. 21 |
Ich
bin nun ganz eingeschifft auf der Woge der Welt voll entschlossen: zu entdecken,
gewinnen, streiten, scheitern, oder mich mit aller Ladung in die Luft zu sprengen.| Johann
Wolfgang von Goethe, in einem Brief an Johann Kaspar Lavater, 1776 |
Ein
jeglicher wollte als nächster neben dem Sieger
sich blähren.| Johann
Wolfgang von Goethe, Reineke Fuchs, 1794 |
Ich
schreibe nicht um euch zu gefallen, Ihr sollt was lernen.| Johann
Wolfgang von Goethe |
»Ihr folget falscher
Spur, // Denkt nicht, wir scherzen! // Ist nicht der kern der Natur // Menschen
im Herzen?«| Johann
Wolfgang von Goethe |
Habe
nun, ach! Philosophie, // Juristerei und Medizin, // Und leider auch Theologie!
// Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. // Da steh ich nun, ich armer
Tor! // Und bin so klug als wie zuvor.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 27 |
Heiße
Magister, heiße Doktor gar // Und ziehe schon an die zehen Jahr
// Herauf, herab und quer und krumm // Meine Schüler an der Nase herum -
// Uns sehe, daß wir nichts wissen können! // Das will mir schier das
Herz verbrennen. // Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen, // Doktoren, Magister,
Schreiber und Pfaffen; // Mich plagen weder Skrupeö noch Zweifel, // Fürchte
mich weder vor Hölle noch Teufel - // Dafür ist mir auch alle Freud
entrissen, // Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen, // Bilde mir nicht ein,
ich könnte was lehren, // Die Menschen zu bessern und zu bekehren. Auch hab
ich weder Gut noch Geld, // Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt; // Es möcht
kein Hund so länger leben! // Drum hab ich mich der magie ergeben, // Ob
mir durch Geistes Kraft und Mund // Nicht manch Geheimnis würde kund, //
Daß ich nicht mer mit saurem Schweiß // Zu sagen brauche, was ich
nicht weiß, // Daß ich erkenne, was die Welt //
Im Innersten zusammenhält.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 27 |
Daß
ich erkenne, was die Welt // Im Innersten zusammenhält.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 27 |
Schau
alle Wirkenskraft und Samen // Und tu nicht mehr in Worten kramen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 28 |
Wie
schwer sind nicht die Mittel zu erwerben, // Durch die man zu den Quellen steigt!
// Und eh' man nur den halben Weg erreicht, // Muß wohl ein armer Teufel
sterben.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 33 |
Mein
Freund, die Zeiten der Vergangenheit // Sind nur ein Buch mit sieben Siegeln.
// Was ihr den Geist der Zeiten heißt, // Das ist im Grund der Herren eigner
Geist, // In dem die Zeiten sich bespiegeln.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 34 |
Mit
Eifer hab ich mich der Studien beflissen; // Zwar weiß ich viel, doch möcht
ich alles wissen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 34 |
Nichts
Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen // Als ein Gespräch
von Krieg und Kriegsgeschrei, // Wenn hinten, weit, in der Türkei,
// Die Völker auf einader schlagen. // Man steht am Fenster, trinkt ein Gläschen
aus // Und sieht den fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; // Dann kehrt
man abends froh nach Haus // Und segnet Fried und Friedenszeiten.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 45 |
Ich
höre schon des Dorfs Getümmel, // Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
// Zufrieden jauchzet groß und klein: // »Hier bin ich Mensch, hier
darf ichs sein!«| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 48 |
O
glücklich, wer noch hoffen kann, // Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!//
Was man nicht weiß, das eben brauchte man, // Und was man weiß, kann
man nicht brauchen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 51-52 |
Du
bist dir nur des einen Triebs bewußt; // O lerne nie den den andern kennen!
// Zwei Seelen wohnen - ach! - in meiner Brust, // Die eine will sich von der
andern trennen; // Die eine hält in derber Liebeslust // Sich an die Welt
mit klammernden Organen; // Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust // Zu den Gefilden
hoher Ahnen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 55 |
Aber
ach! Schon fühl ich, bei dem besten Willen, // Befriedigung nicht mehr aus
dem Busen quillen. // Aber warum muß der Strom so bald versiegen // Und
wir wieder im Durste liegen? // Davon hab ich so viel Erfahrung. // Doch
dieser Mangel läßt sich ersetzen: // Wir lernen das Überirdische
schätzen, // Wir sehnen uns nach Offenbarung, // Die nirgends würdiger
und schöner brennt // Als in dem Neuen Testament. // Mich drängts,
den Grundtext aufzuschlagen, // Mit redlichem Gefühl einmal // Das heilige
Original // In mein geliebtes Deutsch zu übertragen. // Geschrieben steht:
»Im Anfang war das Wort!« // Hier stock ich schon!Wer hilft mir weiter
fort? // Ich kann das »Wort« so hoch unmöglich schätzen,
// Ich muß es anders übersetzen, // Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet
bin. // Geschrieben steht: »Im Anfang war der Sinn!« // Bedenke
wohl die erste Zeile, // Daß deine Feder sich nicht übereile! // Ist
es der »Sinn«, der alles wirkt und schafft? // Es sollte stehn:
»Im Anfang war die Kraft!« // Doch auch indem ich dieses niederschreibe,
// Schon warnt mich was, daß ich nicht dabei bleibe. // Mir hilft der Geist!
Auf einmal seh ich Rat // Und schreibe getrost: »Im Anfang war die
Tat!«| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 60-61 |
Ich
bin ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute
schafft. // .... Ich bin der Geist, der stets verneint! // Und das mit Recht;
denn alles, was entsteht, // ist wert, daß es zugrunde geht; // Drum besser
wärs, daß nichts entstünde. // So ist denn alles, was ihr Sünde,
// Zerstörung, kurz das Böse nennt, // Mein eigentliches Element.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 64-67 |
Werd
ich zum Augenblicke sagen: // Verweile doch! Du bist so schön! // Dann magst
du mich in Fesseln schlagen, // Dann will ich gern zugrunde gehn!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 78 |
Das
kommt nur auf Gewohnheit an. // So nimmt ein Kind der Mutter Brust // Nicht gleich
im Anfang willig an, // Doch bald ernährt es sich mit Lust. // So wirds
Euch an der Weisheit Brüsten // Mit jedem tage mehr gelüsten.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 83-84 |
Grau,
teurer Freund, ist alle Theorie // Und grün des Lebens goldner Baum.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 90 |
Das
liebe Heilge Römische Reich, // Wie hälts nur noch zusammen?| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 92 |
Ich
hoffe, Sie läßt michs drum nicht büßen: // Ihr
Mann ist tot und läßt sie grüßen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 129 |
Mein
Liebchen, wer darf sagen: // Ich glaub' an Gott? // Magst Priester oder Weise
fragen, // Und ihre Antwort scheint nur Spott // Über den Frager zu sein.
// .... // Wer darf ihn nennen // Und wer bekennen : Ich glaub' ihn! // Wer empfinden
// Und sich unterwinden // Zu sagen: ich glaub' ihn nicht? | Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 149-150 |
Ihr
seid noch immer da! Nein, das ist unerhört. // Verschwindet doch! Wir haben
ja aufgeklärt! - // Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. // Wir sind
so klug, und dennoch spukts in Tegel.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 183 |
FAUST :
Komm! Komm! Schon weicht die tiefe Nacht. // MARGARETE :
Meine Mutter hab ich umgebracht, // Mein Kind hab ich ertränkt.
// War es nicht dir und mir geschenkt? // Dir auch! - Du bists! Ich glaub
es kaum. // Gib deine Hand! Es ist kein Traum! // Deine liebe Hand! - Ach, aber
sie ist feucht! // Wische sie ab! Wie mich deucht, // Ist Blut dran! //
Ach Gott! Was hast du getan! // Stecke den Degen ein! // Ich bitte dich drum.
// FAUST : Laß das Vergangene
vergangen sein! // Du bringst mich um. // MARGARETE :
Nein , du mußt übrig bleiben! // Ich will dir die Gräber beschreiben.
// Für die mußt du sorgen // Gleich morgen: // Der Mutter den besten
Platz geben, // Meinen Bruder sogleich daneben, // Mich ein wenig beiseit,
// Nur nicht gar zu weit! // Und das Kleine mir an die rechte Brust! // Niemand
wird sonst bei mir liegen! - // Mich an deine Seite zu schmiegen, // Das war ein
süßes, ein holdes Glück! // Aber es will mir nicht mehr gelingen;
// Mir ists, als müßt ich mich zu dir zwingen, // Als stießest
du mich von dir zurück, // Und doch bist dus und blickst so gut, so
fromm. // FAUST : Fühlst
du, daß ich es bin, so komm! // MARGARETE :
Da hinaus? // FAUST : Ins Freie!
// MARGARETE : Ist das Grab
da drauß // Lauert der Tod, so komm! // Von hier ins ewige Ruhebett
// Und weiter keinen Schritt! - // Du gehst nun fort? O Heinrich, könnt
ich mit! // FAUST : Du kannst!
So wolle nur! Die Tür steht offen. // MARGARETE :
Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen. // Was hilft es fliehn?
Sie lauern doch mir auf. // Es ist so elend, betteln zu müssen, // Und noch
dazu mit bösem Gewissen! // Es ist so elend, in der Fremde schweifen - //
Und sie werden mich ergreifen!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (I), 1790 bzw. 1808, S. 203-204 |
Der
Kreis, den die Menschheit auszulaufen hat, ist bestimmt genug und ungeachtet des
großen Stillstandes, den die Barbarei machte, hat sie ihre Laufbahn schon
mehr als einmal zurückgelegt. Will man ihr auch eine Spiralbewegung zuschreiben,
so kehrt sie doch immer wieder in jene Gegend, wo sie schon einmal durchgegangen.
Auf diesem Wege wiederholen sich alle wahren Ansichten und alle Irrtümer.| Johann
Wolfgang von Goethe, Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, 1810 |
BACCALAUREUS :
Anmaßend find ich, daß zu schlechtsten Frist // Man etwas sein will,
wo man nichts mehr ist // Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo // Bewegt das
Blut sich wie im Jüngling so? // Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
// Das neues Leben sich aus Leben schafft. // Da regt sich alles, da wird was
getan, // Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran. // Indessen
wir die halbe Welt gewonnen, // Was habt ihr denn getan? Genickt, gesonnen, //
Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan! // Gewiß, das Alter ist ein
kaltes Fieber // Im Frost von grillenhafter Not. // Hat einer dreißig Jahr
vorüber, // So ist er schon so gut wie tot. // Am besten wärs, euch
zeitig totzuschlagen. // MEPHISTOPHELES :
Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 111-112 |
Die
Glocke tönt, die fürchterliche, // durchschauert die berußten
Mauern. // Nicht länger kann das Ungewisse // der ernstesten Erwartung dauern.
// Schon hellen sich die Finsternisse: // Schon in der innersten Phiole // erglüht
es wie lebendige Kohle, // ja, wie der herrlichste Karfunkel, // verstrahlend
Blitze durch das Dunkel: // Ein helles weiches Licht erscheint! // O daß
ichs diesmal nicht verliere! - // Ach Gott! was rasselt an der Türe?| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 113-114 |
MEPHISTOPHELES :
Was gibt es denn? // WAGNER (leiser) :
Es wird eine Mensch gemacht.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 114 |
WAGNER
(betrübt) : Am Ende hängen wir doch ab // Von Kreaturen,
die wir machten.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 122 |
LYNKEUS
DER TÜRMER : Zum Sehen geboren, // Zum Schauen bestellt,
//Dem Turme geschworen // Gefällt mir die Welt. // Ich blick' in die Ferne,//
Ich seh' in der Näh' // Den Mond und die Sterne, // Den Wald und das Reh.
// So seh' ich in allen Die ewige Zier, // Und wie mir's gefallen, // Gefall'
ich auch mir. // Ihr glücklichen Augen, // Was je ihr gesehn, // Es sei,
wie es wolle, // Es war doch so schön! //
Pause. Nicht allein mich zu ergetzen, // Bin ich hier so hoch gestellt;
// Welch ein greuliches Entsetzen // Droht mir aus der finstern Welt! // Funkenblicke
seh' ich sprühen // Durch der Linden Doppelnacht, // Immer stärker wühlt
ein Glühen, // Von der Zugluft angefacht. // Ach! die innre Hütte lodert,
// Die bemoost und feucht gestanden; // Schnelle Hülfe wird gefodert, //
Keine Rettung ist vorhanden. // Ach! die guten alten Leute, // Sonst so sorglich
um das Feuer, // Werden sie dem Qualm zur Beute! // Welch ein schrecklich Abenteuer!
// Flamme flammet, rot in Gluten /7 Steht das schwarze Moosgestelle; // Retteten
sich nur die Guten // Aus der wildentbrannten Hölle! // Züngelnd lichte
Blitze steigen // Zwischen Blättern, zwischen Zweigen; // Äste dürr,
die flackernd brennen, // Glühen schnell und stürzen ein. // Sollt ihr
Augen dies erkennen! // Muß ich so weitsichtig sein! // Das Kapellchen bricht
zusammen // Von der Äste Sturz und Last. // Schlängelnd sind, mit spitzen
Flammen, // Schon die Gipfel angefaßt. // Bis zur Wurzel glühn die
hohlen // Stämme, purpurrot im Glühn. //
Lange Pause, Gesang :Was sich sonst dem Blick empfohlen, //
Mit Jahrhunderten ist hin!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 339-340 |
FAUST auf
dem Balkon, gegen die Dünen : Von oben welch ein singend
Wimmern? // Das Wort ist hier, der Ton zu spat. // Mein Türmer jammert; mich,
im Innern,// Verdrießt die ungeduld'ge Tat. // Doch sei der Lindenwuchs
vernichtet // Zu halbverkohlter Stämme Graun, // Ein Luginsland ist bald
errichtet, // Um ins Unendliche zu schaun. // Da seh' ich auch die neue Wohnung,
// Die jenes alte Paar umschließt, // Das, im Gefühl großmütiger
Schonung, // Der späten Tage froh genießt.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 342 |
MEPHISTOPHELES UND
DIE DREIE unten : Da kommen wir mit vollem Trab; // Verzeiht!
es ging nicht gütlich ab. // Wir klopften an, wir pochten an, // Und immer
ward nicht aufgetan; // Wir rüttelten, wir pochten fort, // Da lag die morsche
Türe dort; // Wir riefen laut und drohten schwer, // Allein wir fanden kein
Gehör. // Und wie's in solchem Fall geschicht, // Sie hörten nicht,
sie wollten nicht! // Wir aber haben nicht gesäumt, // Behende dir sie weggeräumt.
// Das Paar hat sich nicht viel gequält, // Vor Schrecken fielen sie entseelt.
// Ein Fremder, der sich dort versteckt // Und fechten wollte, ward gestreckt.
// In wilden Kampfes kurzer Zeit // Von Kohlen, ringsumher gestreut, // Entflammte
Stroh. Nun lodert's frei, // Als Scheiterhaufen dieser drei.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 342-344 |
FAUST :
Wart ihr für meine Worte taub? // Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub.
// Dem unbesonnenen wilden Streich, // Ihm fluch' ich; teilt es unter euch!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 344 |
CHORUS :
Das alte Wort, das Wort erschallt: // Gehorche willig der Gewalt! // Und bist
du kühn und hältst du Stich, // So wage Haus und Hof und dich.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 344 |
FAUST auf
dem Balkon : Die Sterne bergen Blick und Schein, // Das
Feuer sinkt und lodert klein; // Ein Schauerwindchen fächelt's an, // Bringt
Rauch und Dunst zu mir heran. // Geboten schnell, zu schnell getan! //
Was schwebet schattenhaft heran?| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 344 |
ERSTE :
Ich heiße Mangel. // ZWEITE :
Ich heiße die Schuld. // DRITTE :
Ich heiße die Sorge. // VIERTE :
Ich heiße die Not.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 344-345 |
ZU
DREI : Die Tür ist verschlossen, wir können nicht
ein; // Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 345 |
MANGEL :
Da werd ich zum Schatten. // SCHULD :
Da werd ich zunicht. // NOT :
Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht. // SORGE :
Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein. Die Sorge, sie
schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.
Sorge verschwindet.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 345 |
MANGEL :
Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier. // SCHULD :
Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir. // NOT :
Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 345 |
ZU
DREI : Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!Dahinten,
dahinten! von ferne, von ferne,Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der
Tod.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 344 |
FAUST im
Palast : Vier sah ich kommen, drei nur gehn; // Den Sinn
der Rede konnt' ich nicht verstehn. // Es klang so nach, als hieß' es
Not, // Ein düstres Reimwort folgte Tod. // Es tönte hohl, gespensterhaft
gedämpft. // Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft. // Könnt'
ich Magie von meinem Pfad entfernen, // Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
// Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein, // Da wär's der Mühe
wert, ein Mensch zu sein. // Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte,
// Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte. // Nun ist die Luft von solchem
Spuk so voll, // Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll. // Wenn
auch ein Tag uns klar vernünftig lacht, // In Traumgespinst verwickelt uns
die Nacht; // Wir kehren froh von junger Flur zurück, // Ein Vogel krächzt;
was krächzt er? Mißgeschick! // Von Aberglauben früh und spat
umgarnt: // Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt. // Und so verschüchtert,
stehen wir allein. - // Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein. // Erschüttert.
Ist jemand hier?| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 345-347 |
SORGE :
Die Frage fordert Ja! // FAUST :
Und du, wer bist denn du? // SORGE :
Bin einmal da. // FAUST : Entferne
dich! // SORGE :
Ich bin am rechten Ort. // FAUST erst ergrimmt,
dann besänftigt, für sich : Nimm dich in acht
und sprich kein Zauberwort. // SORGE :
Würde mich kein Ohr vernehmen, // Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
// In verwandelter Gestalt // Üb' ich grimmige Gewalt. // Auf den Pfaden,
auf der Welle, // Ewig ängstlicher Geselle, // Stets gefunden, nie gesucht,
// So geschmeichelt wie verflucht. // Hast du die Sorge nie gekannt? //
FAUST : Ich bin nur durch die
Welt gerannt; // Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren, // Was nicht
genügte, ließ ich fahren, // Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
// Ich habe nur begehrt und nur vollbracht // Und abermals gewünscht und
so mit Macht // Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
// Nun aber geht es weise, geht bedächtig. // Der Erdenkreis ist mir genug
bekannt, // Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt; // Tor, wer dorthin
die Augen blinzelnd richtet, // Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
// Er stehe fest und sehe hier sich um; // Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht
stumm. // Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen! // Was er erkennt, läßt
sich ergreifen. // Er wandle so den Erdentag entlang; // Wenn Geister spuken,
geh' er seinen Gang, // Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, // Er,
unbefriedigt jeden Augenblick!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 347-349 |
SORGE :
Wen ich einmal mir besitze, // Dem ist alle Welt nichts nütze; // Ewiges
Düstre steigt herunter, // Sonne geht nicht auf noch unter, // Bei vollkommen
äußern Sinnen // Wohnen Finsternisse drinnen, // Und er weiß
von allen Schätzen // Sich nicht in Besitz zu setzen. // Glück und Unglück
wird zur Grille, // Er verhungert in der Fülle; // Sei es Wonne, sei es Plage,
// Schiebt er's zu dem andern Tage, // Ist der Zukunft nur gewärtig, // Und
so wird er niemals fertig.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 349 |
FAUST :
Hör auf! so kommst du mir nicht bei! // Ich mag nicht solchen Unsinn hören.
// Fahr hin! die schlechte Litanei, // Sie könnte selbst den klügsten
Mann betören.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 349 |
SORGE :
Soll er gehen, soll er kommen? // Der Entschluß ist ihm genommen; // Auf
gebahnten Weges Mitte // Wankt er tastend halbe Schritte. // Er verliert sich
immer tiefer, // Siehet alle Dinge schiefer, // Sich und andre lästig drückend,
// Atemholend und erstickend; // Nicht erstickt und ohne Leben, // Nicht verzweiflend,
nicht ergeben. // So ein unaufhaltsam Rollen, // Schmerzlich Lassen, widrig Sollen
// Bald Befreien, bald Erdrücken, // Halber Schlaf und schlecht Erquicken
// Heftet ihn an seine Stelle // Und bereitet ihn zur Hölle.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 349-350 |
FAUST :
Unselige Gespenster! so behandelt ihr // Das menschliche Geschlecht zu tausend
Malen; // Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr // In garstigen Wirrwarr
netzumstrickter Qualen. // Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,
// Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen; // Doch deine Macht, o Sorge,
schleichend groß, // Ich werde sie nicht anerkennen!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 350 |
SORGE :
Erfahre sie, wie ich geschwind // Mich mit Verwünschung von dir wende! //
Die Menschen sind im ganzen Leben blind. // Nun, Fauste, werde du`s am Ende! Sie
haucht ihn an.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 350 |
FAUST erblindet
: Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen, // Allein im Innern
leuchtet helles Licht: // Was ich gedacht, ich eil es zu volbringen; // Des Herren
Wort, es gibt allein Gewicht. // Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!//
Laßt glücklich schauen, was ich kühn ersann! // Ergreift das Werkzeug!
Schaufel rührt und Spaten! // Das Abgesteckte muß sogleich geraten.
// Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß // Erfolgt der allerschönste
Preis; // Daß sich das größte Werk vollende, // Genügt Ein
Geist für tausend Hände.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 350-352 |
MEPHISTOPHELES als
Aufseher voran : Herbei, herbei! Herein, herein! // Ihr
schlotternden Lemuren, // Aus Bändern, Sehnen und Gebein // Geflickte Halbnaturen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 352 |
LEMUREN
im Chor : Wir treten dir sogleich zur Hand, // Und wie
wir halb vernommen, // Es gilt wohl gar ein weites Land, // Das sollen wir bekommen.
// Gespitzte Pfähle, die sind da, // Die Kette lang zum Messen; // Warum
an uns der Ruf geschah, // Das haben wir vergessen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 352 |
MEPHISTOPHELES :
Hier gilt kein künstlerisch Bemühn; // Verfahret nur nach eignen Maßen!
// Der Längste lege längelang sich hin, // Ihr andern lüftet ringsumher
den Rasen; // Wie man's für unsre Väter tat, // Vertieft ein längliches
Quadrat! // Aus dem Palast ins enge Haus, // So dumm läuft es am Ende doch
hinaus.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 352 |
FAUST :
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin. // Verpestet alles schon Errungene; // Den faulen
Pfuhl auch abzuziehn, // Das letzte wär das Höchsterrungene. // Eröffn
ich Räume vielen Millionen, // Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu
wohnen. // Grün das Gefielde, fruchtbar; Mensch und Herde // Sogleich behaglich
auf der neuesten Erde, // Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, // Den
aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft! // Im Innern hier ein paradiesisch
Land, // Da rase draußen Flut bis auf zum Rand, // Und wie sie nascht, gewaltsam
einzuschießen, // Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 356 |
FAUST :
Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben, // Das ist der Weisheit letzter Schluß:
// Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, // Der täglich sie erobern
muß.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 356 |
FAUST :
Und so verbringt, umrungen von Gefahr, // Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig
Jahr. // Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, // Auf freiem Grund mit freiem
Volke stehn!| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 356 |
FAUST :
Zum Augenblick dürft ich sagen: // »Verweile doch, du bist so schön!
// Es kann die Spur von meinen Erdentagen // Nicht in Äonen untergehn.«
- // Im Vorgefühl von solchem hohen Glück // Genieß ich jetzt
den höchsten Augenblick..| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 356 |
ENGEL
schwebend in der höheren Atmosphäre : Faustens
Unsterbliches tragend. // Gerettet ist das edle Glied // Der Geisterwelt vom
Bösen: // Wer immer strebend sich bemüht, // Den können wir erlösen.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 376 |
CHORUS
MYSTICUS : Alles Vergängliche // Ist nur ein Gleichnis; // Das
Unzulängliche, // Hier wirds Ereignis; // Das Unbeschreibliche, // Hier
ist es getan; // Das Ewig-Weibliche // Zieht uns hinan. Finis.| Johann
Wolfgang von Goethe, Faust (II), 1832, S. 383-384 |
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