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Logik und Logistik - Erkenntnis und Erkenntnislehre (Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie)

 

Philosophie Logik und Logistik Philosophie

Logik

Logische BeziehungenAxiomBegriffBegriffsbildungUrteilSchlußDefinitionBeweisMethodeFachspracheTerminologieKonventionalismusSystem

Die Logik ist bekanntlich die Fähigkeit richtig, d.h. eben logisch zu denken und die Lehre von der Identität und ihrer Verneinung bzw. von der Folgerichtigkeit und von den Methoden des Erkennens (**). Als elementare formale Logik befaßt sie sich mit den allen Begriffen eigenen allgemeinen Eigenschaften. Die grundlegenden Eigenschaften der Begriffe werden ausgesprochen in den logischen Axiomen. Es folgt die Lehre vom Begriff, dann die vom Urteil, zuletzt die vom Schluß - diese drei bilden zusammen die reine Logik. Die angewandte Logik umfaßt gemäß der traditionellen Logik die Lehre von der Definition, vom Beweis, von der Methode; neuerdings werden ihr oft vorausgesandt die noch nicht logikwissenschaftlichen, sondern erkenntnistheoretischen (**) Lehren vom Erleben, vom Beschreiben und Formulieren, besonders mit Hilfe einer Fachsprache, einer Terminologie, eines Konventionalismus, und von der Begriffsbildung. Bisweilen wird ihr angeschlossen die Lehre vom System.

Logik Logische Beziehungen
W a h r h e i t s t a f e l
NegationDisjunktion
(Adjunktion)
Konjunktion
(Koordination)
Implikation
(Inklusion)
ÄquivalenzKontravalenzTautologieKontradiktion
p  q ¬ pp \/ qp /\ qp -› qp <> qp >< qz.B.
p -› (q - p)
z.B.
p /\ (q /\ ¬ p)
w  w fwwwwfwf
w  ffwfffwwf
f  w wwfwfwwf
f  f wffwwfwf
Die Wahrtheitstafel ist eine Methode zur Definition von logischen Partikeln (sie werden auch aussagenlogische Konstanten, Funktoren, Junktoren, Konnektoren, Operatoren genannt [vgl. v.a.: Aussagenlogik bzw. Aussagenkalkül], also von logischen Elementen wie „und“ (Konjunktion), „oder“ (Disjunktion bzw. Adjunktion), „nicht“ (Negation), „wenn, dann“ (Implikation bzw. Inklusion), „genau dann, wenn“ (Äquivalenz) u.v.a., die elemantare Sätze zu komplexen Aussagen verknüpfen, deren Wahrheitswert von dem Wahrheitswert der elementaren Sätze funktional abhängt.

Logische Beziehungen Negation

Die Negation kehrt den Wahrheitswert einer Aussage in ihr Gegenteil um (Notation: ¬ p), d.h. p ist wahr genau dann, wenn p falsch ist und umgekehrt. „Tokio ist die Hauptstadt von Japan“ ist genau dann wahr, wenn „Tokio ist nicht die Hauptstadt von Japan“ falsch ist. Der Terminus Negation bezieht sich sowohl auf den einstelligen Satzoperator „es ist nicht der Fall, daß“ bzw. „nicht“ als auch auf die durch ihn definierte Aussage. Darstellung:
 p  ¬ p 
w     f
f     w

Logische Beziehungen Disjunktion (Adjunktion)

Die Disjunktion (auch: inklusives „oder“) ist die Verbindung zweier elementarer Aussagen p und q durch den logischen Junktor „oder“ (Notation: p \/ q) und genau dann wahr, wenn mindestens eine der elementaren Aussagen wahr ist. Dieses „oder“ entspricht dem lateinischen „vel“ („oder auch“), das zu paraphrasieren ist mit „das eine oder das andere (oder beides)“. Dieses „oder“ heißt auch inklusives (also nicht ausschließendes) „oder“. „Hans ist entweder müde oder traurig (oder vielleicht auch beides)“. Darstellung:
 p    q 
 p \/
w    w
w     f
f    w
f     f
w
w
w
f

Logische Beziehungen Konjunktion (Koordination)

Die Konjunktion (Koordination) ist die Verbindung zweier elementarer Aussagen p und q durch den Junktor „und“(Notation: p /\ q) , die nur dann wahr ist, wenn beide Teilaussagen (Konjunkte in diesem Falle) wahr sind. Die Aussagenverbindung „Tokio ist die Hauptstadt von Japan“ und „Tokio ist eine europäische Stadt“ erhält den Wahrheitswert „falsch“ aufgrund der zweiten falschen Teilaussage. Darstellung:
 p    q 
 p /\
w    w
w     f
f    w
f     f
w
f
f
f

Logische Beziehungen Implikation (Inklusion)

Die Implikation ist der Junktor, der zwei elementare Aussagen p und q zu einer neuen Aussage verbindet, die dann und nur dann falsch ist, wenn die erste Teilaussage wahr und die zweite Teilaussage falsch ist (Notation: p -› q). Demnach ist die Aussage „Wenn München an der Isar liegt, dann ist 3 mal 3 gleich 10“ falsch, aber die Aussage „Wenn 3 mal 3 gleich 10, dann liegt München an der Isar“ richtig. Darstellung:
 p    q 
 p -› q 
w    w
w     f
f    w
f     f
w
f
w
w

Logische Beziehungen Äquivalenz

Die Äquivalenz ist die Verbindung zweier elementarer Aussagen p und q, die dann und nur dann wahr ist, wenn beide Teilaussagen denselben Wahrheitswert haben (Notation: p <> q ). Die Äquivalenz bezieht sich sowohl auf den zweistelligen Operator „p genau dann, wenn q“ als auch auf die durch ihn definierte Aussagenverbindung. Die Äquivalenz entspricht der bilateralen Implikation, d.h. es gilt sowohl p -› q als auch q -› p. „Heiko ist Heinzis Vater“ -› „Heinzi ist Heikos Sohn“ und umgekekrt. Darstellung:
 p    q 
 p <> q  
w    w
w     f
f    w
f     f
w
f
f
w

Logische Beziehungen Kontravalenz

Die Kontravalenz (auch: exklusives „oder“) ist die Verbindung zweier elementarer Aussagen p und q durch „oder“, so daß die Aussagenverknüpfung nur dann wahr ist, wenn entweder p oder q wahr ist, nicht aber, wenn beide wahr sind (Notation: p >< q ). Diese dem lateinischen „aut ... aut ...“ entsprechende „oder“ kommt in der Alltagssprache häufig vor; es wird realisiert durch „entweder das eine oder das andere (aber nicht beides)“. „Hans ist entweder älter oder jünger als seine Freundin (aber auf keinen Fall beides zugleich)“. Darstellung:
 p    q 
 p >< q  
w    w
w     f
f    w
f     f
f
w
w
f

Logische Beziehungen Tautologie

Die Tautologie ist aufgrund ihrer logischen Form in allen möglichen Welten immer wahr. Beispielsweise p oder nicht p (Notation: z.B. p -› (q - p)). Tautologien sind analytisch und logisch wahre Aussagen. „Es regnet oder es regnet nicht“. Darstellung:
 p    q 
 z.B. p -› (q - p) 
w    w
w     f
f    w
f     f
w
w
w
w

Logische Beziehungen Kontradiktion

Die Kontradiktion ist aufgrund ihrer logischen Form in allen möglichen Welten immer falsch. Beispielsweise p und gleichzeitig nicht p (Notation: z.B. p /\ (q /\ ¬ p)). Kontradiktionen sind analytisch und logisch falsche Aussagen. „Es regnet und es regnet nicht“. Darstellung:
 p    q 
 z.B. p /\ (q /\ ¬ p)  
w    w
w     f
f    w
f     f
f
f
f
f

Logik Axiom

Das Axiom ist derjenige Grundsatz oder Satz, der nicht bewiesen werden kann, aber auch nicht bewiesen zu werden braucht, weil er unmittelbar als richtig einleuchtet und deshalb - eben als Grundsatz - für andere Sätze dient (vgl. Deduktion) bzw. als solcher auch vereinbart werden kann (vgl. Konventionalismus). Logische Axiome sind z.B. der Satz des Grundes (Satz vom zureichenden Grunde, principium rationis sufficientis), der Satz der Identität, der Satz des Widerspruchs (principium contradictionis), der Satz des ausgeschlossenen Dritten (exclusi terti principium). Die Axiomatik ist die Lehre vom Postulieren und Ableiten, sofern dabei von einem Axiomensystem ausgegangen wird (vgl. Logistik).

Axiom Satz des Grundes (Satz vom zureichenden Grunde, principium rationis sufficientis)

Der Satz des Grundes stellt für alles Bestehende einen Grund fest, aus dem es rechtmäßigerweise abgeleitet werden kann bzw. gefolgert werden kann.

Ein Grund ist ein Urteil oder Gedanke, dessen Gültigkeit die eines anderen (die Folgerung) notwendig macht: Grund der Logik oder Grund der Erkenntnis (**). Von diesem wird der Realgrund unterschieden, der den Gedanken vom Erfahrungsinhalt bzw. von einer metaphysischen Wirklichkeit abhängig macht. Zu unterscheiden davon ist auch der seelische Grund, nämlich: das Motiv als Voraussetzung einer Handlung oder Tat. Der Satz des Grundes jedoch stellt für alles (alles!) Bestehende einen Grund fest, aus dem es rechtmäßigerweise abgeleitet werden kann bzw. gefolgert werden kann.

Als allgemeiner Grundsatz ist der Satz des Grundes in der Geschichte der Philosophie und speziell in der Logik, also einer der bedeutendsten Disziplinen der Philosophie, unterschiedlich formuliert und auch in unterschiedlicher Funktion verwendet worden. Ein Konsens war und ist jedoch in etwa folgende Formulierung: Jedes Sein oder Erkennen kann und/oder soll in angemessener Weise auf ein anderes zurückgeführt werden.

Gemäß der Rationalisten haben die Denk- und die Seinsordnung einen gemeinsamen Grund, sind folglich die Denk- und die Seinsformen identisch.

Folgend drei Beispiele (**|**|**) für die unterschiedlichen Ansätze zum Satz des Grundes:
Kulturgeschichtliche Phase
Leibniz (**|**) Hochphase des Rationalismus (**)
Kant (**|**) Spätphase des Rationalismus (**)
Schopenhauer (**|**)Frühphase des Nihilismus (**)

Satz des Grundes (Satz vom zureichenden Grunde) Satz des Grundes gemäß Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz erhob den Satz des Grundes in seiner Monadologie und auch in seiner Theodizee zu einem tragenden Prinzip seiner Philosophie. Der Satz ist neben dem Satz des Widerspruchs nach Leibniz eines der beiden Prinzipien, auf die sich die Vernunftschlüsse stützen.
„Im Sinne des zureichenden Grundes finden wir, daß keine Tatsache als wahr oder existierend gelten kann und keine Aussage als richtig, ohne daß es einen zureichenden Grund dafür gibt, daß es so und nicht anders ist, obwohl uns diese Gründe meistens nicht bekannt sein mögen.“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, 1713, § 32).
In seiner Theodizee charakterisierte Leibniz das Prinzip als „bestimmenden Grund“ als eine Gesetzmäßigkeit mit Gültigkeit vor aller Erfahrung, derzufolge „nichts geschieht, ohne daß es eine Ursache oder wenigstens einen bestimmenden Grund gibt, d.h. etwas, das dazu dienen kann, a priori zu begründen, weshalb etwas eher existiert als nicht existiert und weshalb etwas gerade so als in einer anderen Weise existiert.“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, 1710, § 44).

Satz des Grundes (Satz vom zureichenden Grunde) Satz des Grundes gemäß Kant

Kant unterschied in einem seiner frühen Werke zwischen Seinsgrund und Erkenntnisgrund und zog die Bezeichnung Satz des bestimmenden Grundes vor.
„Denn das Wort »zureichend“ ist, wie derselbe vollauf deutlich macht, zweideutig, weil nicht sofort ersichtlich ist, wie weit er zureicht; bestimmen aber heißt, so zu setzen, daß jedes Gegenteil ausgeschlossen ist, und bedeutet daher das, was mit Gewißheit ausreicht, eine Sache so und nicht anders zu begreifen.“ (Immanuel Kant, Neue Erhellung der ersten Grundsätze metaphysischer Erkenntnis, 1755, in: Werke, Band 1, S. 427).

Satz des Grundes (Satz vom zureichenden Grunde) Satz des Grundes gemäß Schopenhauer

Der Satz des Grundes steht stellvertretend als gemeinsamer Oberbegriff, als gemeinschaftliche Wurzel aller Arten von Relation, wie sie in der vorgestellten Welt erscheinen. Diese Relationsbeziehungen ordnete Arthur Schopenhauer vier verschiedenen Klassen zu, in denen jeweils bestimmte Objekte auf unterschiedliche Weise aufeinander wirken, also eine unterschiedene Ausformung des Satzes des Grundes herrscht. (vgl. Arthur Schopenhauer, Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1813, § 16 [**], § 17-25 [**], § 26-34 [**], § 35-39 [**], § 40-45 [**]).

Als erste Klasse (**) faßte Schopenhauer die Klasse der „anschaulichen, vollständigen, empirischen Vorstellungen“ (**), in denen der „Satz vom zureichenden Grunde des Werdens“ (**) herrscht. Vereinfacht gesagt stellt diese Klasse die physikalische Ebene der Naturwissenschaft dar, in der das Prinzip von Ursache und Wirkung auftritt: Damit etwas wird, braucht es eine Ursache, welche auf es wirkt.

Die zweite Klasse (**) dagegen umfaßt die Begriffe, womit Schopenhauer die Erzeugnisse der Vernunft meinte, also die Sprache. In dieser Klasse herrscht der „Satz vom zureichenden Grunde des Erkennens“ (**). Denn abstraktes Denken, das sich in Begriffen vollzieht, operiert stets mit Urteilen, die, wenn sie wahr sind, eine Erkenntnis ausdrücken. Somit stellt die zweite Klasse der Objekte die sprachlich-formale Ebene der Vorstellungen dar, in der der Satz des Grundes wesentlich das Verhältnis zwischen Prämissen und Schluß beschreibt bzw. zwischen Erkenntnisgrund und Folge.

Mit der dritten Klasse (**) der Vorstellungen setzte Schopenhauer Zeit und Raum gleich. Diese sind hier in ihrer rein formalen Ausformung zu betrachten, während sie eigentlich schon in der ersten Klasse (**) auftreten, dort jedoch in ihrer Vereinigung als materielles Produkt (Zeit vereinigt mit Raum war für Schopenhauer gleich Materie und somit Kausalität). Zwischen den Teilen im Raum bzw. in der Zeit findet sich das Verhältnis von Lage (im Raum) und Folge (in der Zeit). Dieser Verhältnismäßigkeit, die die Grundlage allen Seins bildet, schrieb Schopenhauer den „Satz vom zureichenden Grunde des Seyns“ (**) zu.

Als vierte Klasse (**) nannte Schopenhauer diejenigen Vorstellungen, die sich auf ein einziges Objekt beziehen, nämlich auf das „Subjekt des Wollens“ (**|**): Der Mensch betrachtet den inneren Vorgang des Wollens in ihm als etwas Objektives, er betrachtet sich als wollendes Subjekt. Innerhalb dieses Objektes nun herrscht wiederum Kausalität, jedoch nicht eine „äußere“ wie in der ersten Klasse (**), sondern eine „innere“: Der Ursache entspricht hier das Motiv und der Wirkung die Handlung. Der zugeordnete Satz ist der „Satz vom zureichenden Grunde des Handelns“ (**).

Jeder Klasse ordnete Schopenhauer ein „subjektives Korrelat“ (**) zu, durch welches der jeweilige Satz vom Grunde sich uns darstellt: Die erste (**) besteht durch den Verstand, die zweite (**) durch die Vernunft, die dritte (**) durch die reine Sinnlichkeit, die vierte (**) durch den inneren Sinn oder das Selbstbewußtsein. **

Axiom Satz der Identität

Der Satz der Identität - das Identitätsprinzip (A = A) - verlangt daß jeder Begriff im Verlauf eines zusammenhängenden Denkaktes genau dieselbe Bedeutung beibehalte. Er fordert die feststehende Bedeutung der in einem Urteil gebrauchten begrifflichen Symbole.

„»Ein Triangel ist ein von drei Linien eingeschlossener Raum«, hat zum letzten Grunde den Satz der Identität ....“ (Arthur Schopenhauer, Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1813, § 30, S. 122 **).

Axiom Satz des Widerspruchs (principium contradictionis)

Ein Widerspruch ist ein Gegensatz zu einem behaupteten Satz, genauerer gesagt: ein Widerspruch ist ein ausschließender Gegensatz zweier Urteile oder Begriffe. Daher besagt der Satz des Widerspruchs, daß kontradiktorisch (vgl. Kontradiktion) entgegegengesetzte Urteile nicht beide zugleich wahr sein können, sondern wenn das eine wahr ist, muß das andere falsch sein - oder auch: dasselbe Urteil kann nicht zugleich bejaht und verneint werden.

„»Kein Körper ist ohne Ausdehnung«, hat zum letzten Grunde den Satz vom Widerspruch.“ (Arthur Schopenhauer, Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1813, § 30, S. 123 **).

Axiom Satz des ausgeschlossenen Dritten (exclusi terti principium)

Der Satz des ausgeschlossenen Dritten besagt, daß A entweder gleich B oder nicht gleich B ist und daß es eine dritte Möglichkeit nicht gibt.

„»Jedes Urtheil ist entweder wahr, oder nicht wahr«, hat zum letzten Grunde den Satz vom ausgeschlossenen Dritten.“ (Arthur Schopenhauer, Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1813, § 30, S. 123 **).

Logik Begriff

Der Begriff ist der einfachste Denkakt im Gegnsatz zu Urteil und Schluß, die aus den Begriffen zusammengesetzt sind. Ein Begriff muß die Forderung durchgängiger Konstanz, vollkommener Bestimmtheit, allgemeiner Übereinstimmung und unzweideutiger sprachlicher Bezeichnung erfüllen. Von den Begriffen der Logik weichen die Begriffe des alltäglichen Sprachgebrauches bisweilen erheblich ab, da dieser die Dinge vorzugsweise nach Typen einteilt und nicht nach Merkmalsgesamtheiten (ein Rechteck mit den Seitenlängen 1 und 150 gehört nicht dem Typus Rechteck, sondern dem Typus Band an und fällt daher unter dem Begriff „Band“). So bilden sich auch die Begriffe im Denken eines Volkes oder eines Menschen nicht dadurch, daß die einer Gruppe von Dingen oder Erscheinungen gemeinsamen Merkmale wahrgenommen und zu Begriffen zusammengesetzt werden (vgl. Art), sondern dadurch, daß zunächst die Wesensgemeinschaften an den Dingen oder Geschehnissen aufgefaßt und zu Begriffen verarbeitet werden (für viele Stadtkinder ist jedes vierbeinige Tier oft zunächst ein „Wauwau“) und daß sich erst allmählich diese wenigen, weiten aber unscharfen Begriffe in viele, enge und scharf abgegrenzte Begriffe dadurch aufgliedern, daß im Bereich des Gegebenen das Prägnante erkannt wird sowie eine zunehmende Zahl an Prägnantstufen, die zum Prägnanten hin- oder von ihm wegführen. Der Umfang natürlicher Begriffe fällt mit Prägnanzbereichen zusammen.

Begriff Einzelbegriffe („Individualbegriffe“) und Allgemeinbegriffe (Art-, Gattungs-, Klassenbegriffe u.s.w.)

Art oder Artbegriff bedeutet in der Logik einen Begriff, der aus den gemeinsamen Merkmalen der „Individualbegriffe“ (Einzelbegriffe, die nur ein einzelnes Ding oder Geschehen bezeichnen - im Gegensatz zu den Allgemeinbegriffen, zu denen z.B. die Art-, Gattungs-, und Klassenbegriffe gehören) gebildet ist und selbst mit anderen Artbegriffen gemeinsame Merkmale hat, aus denen der nächsthöhere, nämlich der Gattungsbegriff (Gruppe, die wesentliche Eigenschaften gemeinsam haben) gebildet werden kann.

Logik Die Begriffsbildung ist die jeweilige Methode einer Wissenschaft, durch die das Zustandekommen der Begriffe je nach eigener Betrachtungsweise, Definition (Begriffsbestimmung) und Formulierung ermöglicht wird. Es sind drei Grundformen der Begriffsbildung voneinander zu unterscheiden:
(1.) die mathematische Begriffsbildung, die auf Deduktion beruht;
(2.) die empirisch-naturwissenschaftliche Begriffsbildung, die auf Induktion (induktive Ableitungen) beruht;
(3.) die geisteswissenschafliche Begriffsbildung, die von der „individualisierenden“ Betrachtungsweise bestimmt ist.

Theorie - Deduktion - Empirie - Induktion

Begriffsbildung Deduktion

Die Deduktion ist die Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen, derjenige Weg des Denkens, der vom Allgemeinen zum Besonderen, von einem allgemeinen zu einem speziellen Satz führt. Die allgemeine Denkform der Deduktion ist dabei der Schluß, dessen Voraussetzung das betreffende Allgemeine und dessen Schlußfolgerung das betreffende Besondere bilden. So kann z.B. aus dem Hilbert'schen Axiom (2 voneinander verschiedene Punkte A und B bestimmen stets eine Gerade a) mittels Deduktion geschlossen werden, daß die kürzeste Verbindungslinie zweier Punkte eine durch die beiden Punkte gelegte Gerade ist.

Es gibt seit Kant auch noch die „transzendentale Deduktion“ als die Erklärung der Art, wie sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, d.h. wie sich vorbegriffliche Wahrnehmung zu begrifflicher Erfahrung bzw. Erkenntnis (**) umformen kann, zum Unterschied von der „empirischen Deduktion“, welche nur die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion über diese erworben werden.

Begriffsbildung Induktion

Die Induktion schließt vom Einzelnen, Besonderen auf Allgemeines, Gesetzmäßiges. Das Indukionsverfahren folgert, im einfachsten Falle, aus dem Umstand, daß z.B. S und p (zeitlich oder räumlich) miteinander verbunden auftreten, sei es einmal, sei es öfter, daß sie stets miteinander auftreten oder auftreten werden. Dieser Folgerung kommt natürlich keine absolute Gewißheit, sondern nur Wahrscheinlichkeit zu, und diese wächst mit der Zahl der überprüften Einzelfälle. Ein Schluß der Induktion ist z.B.: „Gold, Silber, Eisen u.s.w. sind Metalle. Gold, Silber, Eisen u.s.w. sind schwerer als Wasser. Also sind alle Metalle schwerer als Wasser“. Der Schluß war richtig, bis das Kalium entdeckt wurde.

Die Induktion als Methode besteht darin, daß eine aus irgendwelchen Beobachtungen geschöpfte oder sonstwie entstandene Vermutung über den Zusammenhang gewisser Erscheinungen planmäßig, durch Beobachtung und Experiment, an den Tatsachen geprüft und mehr oder weniger zur Gewißheit erhoben wird. Dem gegenüber ist Induktion im Alltagsdenken sehr kurzschlüssig, führt von wenigen, oft nur einzelnen beobachteten Fällen zu Verallgemeinerungen. Die strenge Induktion führt zu erst erarbeiteten, aus mehrfacher Erfahrung abgeleiteten Allgemeinbegriffen und zu „Gesetzen“, die Deduktionen zugrunde gelegt werden können. Besonders die Naturwissenschaften sind mit Hilfe der Induktion groß geworden.

„Die Empirie kommt nicht über das Besondere hinaus, sie schreitet immer nur von Erfahrungen zu Erfahrungen, von Versuchen zu neuen Versuchen; die Induktion dagegen zieht aus den Versuchen und Erfahrungen die Ursachen und allgemeinen Sätze heraus und leitet dann wieder neue Erfahrungen und Versuche aus diesen Ursachen und allgemeinen Sätzen oder Prinzipien ab.“ (Francis Bacon, Novum organum, 1620).

Logik Urteil

Das Urteil ist ein Akt des Bejahens oder Verneinens, in dem zwei Begriffe (Subjekt und Prädikat) in Beziehung zueinander gesetzt werden. Im Urteil bezieht das Denken einen Begriff auf einen Gegenstand und setzt diesen zugleich mitsamt seinen Prädikaten, und zwar durch die Kopula „ist“, die stets auf absolute Geltung des behaupteten Sachverhaltes abzielt. Denn es ist für das echte Urteil kennzeichnend, daß es nichts als möglich zuläßt, was dieser Setzung widersprechen und zugleich Geltung haben könnte. Wenn es Bedingungen gibt, unter denen der Sachverhalt steht, so sind durch das Urteil diese Bedingungen ebenso kategorisch mitgesetzt wie der Sachverhalt selbst. Jedes Urteil enthält somit innerlich und unabtrennbar eine Beziehung zu einem Inbegriff möglicher Erkenntnissubjekte (**), zu einem Inbegriff möglicher Sachverhalte und zu einem Inbegriff notwendiger Bedingungen. Dieser Inbegriff aller möglichen Subjekte, Sachverhalte und notwendigen Bedingungen wird regiert von einem gemeinsamen „Gesetz“, dem „Gesetz“ des Nicht-Widerspruchs. Kant z.B. unterscheidet (in seiner Kritik der reinen Vernunft, Logik, 1781) folgende Arten von Urteilen:
(1.)nach ihrer Quantität: allgemeine, besondere, einzelne;
(2.) nach ihrer Qualität: bejahende, verneinende, unendliche;
(3.)nach ihrer Relation: kategorische, hypothetische, disjunktive;
(4.)nach ihrer Modalität: problematische, assertorische, apodiktische.
Analytische oder Erläuterungs-Urteile sind nach Kant solche Urteile, deren Prädikat im Subjekt bereits enthalten ist (alle Körper sind ausgedehnt); synthetische oder Erweiterungsurteile bringen zu dem Begriff des Subjekts ein Prädikat hinzu, welches in jenem noch nicht gedacht war (alle Körper sind schwer).

Logik Schluß

Der Schluß ist das formale logische Verfahren, aus mehreren Urteilen, den Voraussetzungen (Prämissen), ein einziges Urteil, die Schlußfolgerung, begrifflich abzuleiten. Im einfachsten Falle besteht der Schluß aus zwei Voraussetzungen und der Schlußfolgerung - ein solcher Schluß heißt Syllogismus. Schlüsse mit mehr als zwei Voraussetzungen müssen in Syllogismen zerlegt werden. Es können folgende Schlußfehler auftreten, die vermieden werden müssen:
(1.)es dürfen nicht vier Begriffe auftauchen (vgl. Quarternio Terminorum);
(2.) aus zwei verneinenden bzw. zwei partikulären Voraussetzungen folgt nichts (ebenso natürlich aus zwei partikulär-verneinenden).
Sehr oft tritt der Schluß (durch Weglassung des Obersatzes) verkürzt auf, z.B.: (Gefährliches ist verboten), Hinauslehnen ist gefährlich, also ist Hinauslehnen verboten - oder kürzer: Hinauslehnen, da gefährlich, ist verboten! Schlußketten entstehen dadurch, daß die Schlußfolgerung eines Schlusses als Voraussetzung in einen anderen Schluß verwendet wird (Episyllogismus) und umgekehrt (Prosyllogismus); etwas anders ist der Kettenschluß geartet. Für alle Schlüsse gilt: Die Schlußfolgerung folgt dem schwächeren Teil (schwächer ist in diesem Sinn das Verneinende, Partikuläre, Hypothetische gegenüber dem Bejahenden, Allgemeinen, Kategorischen).

Schluß Syllogismus

Der Syllogismus ist insbesondere der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere (vgl. Deduktion). Die Grundelemente der Syllogistik, der klassischen, von Aristoteles begründeten Lehre von den Schlüssen, sind:
(1.)Beide Prämissen (als vorausgesetzte Urteile sozusagen), aus denen der Schluß (Conclusio, Konklusion) gezogen wird, die man als Obersatz und Untersatz bezeichnet;
(2.) die daran beteigten Begriffe, wovon der den beiden Prämissen gemeinsame Begriff Mittelbegriff (M) heißt, die beiden anderen als Außenbegriffe - Unterbegriff als Subjekt (S) und Oberbegriff als Prädikat (P) - bezeichnet werden.
Im Syllogismus müssen also drei verschiedene Begriffe vorkommen: Der Oberbegriff als Prädikat (P) in Obersatz und Konklusion, der Mittelbegriff (M) als Subjekt im Obersatz und als Prädikat im Untersatz, der Unterbegriff als Subjekt (S) in Untersatz und Konklusion.
1. Prämisse (Urteil; Obersatz, propositio maior):Mittelbegriff (M) als Subjekt und Oberbegriff als Prädikat (P)
2. Prämisse (Urteil; Untersatz, propositio minor): Unterbegriff als Subjekt (S) und Mittelbegriff (M) als Prädikat
Schluß (Konklusion, conclusio):Unterbegriff als Subjekt (S) und Oberbegriff als Prädikat (P)
Verkürzt formuliert:
Alle M sind P   (M P)
Alle S sind M   (S M)
Alle S sind P   (S P)
Eine solche Schlußform ist z.B.:
Alle Menschen sind sterblich.
Alle Könige sind Menschen.
Alle Könige sind sterblich.
Die traditionelle Logik untersucht die verschiedenen Schlußfiguren nach den möglichen Grundformen der Prämissen, die der Qualität und Quantität nach (a) allgemein bejahend, (b) allgemein verneinend, (c) partikulär bejahend, (d) partikulär verneinend sein können. Die vier Schlußfiguren (Schlußschemata), die (mit Ausnahme der vierten) von Aristoteles stammen, sind:
(1.)M P
S M
S P
 (2.)P M
S M
S P
 (3.)M P
M S
S P
 (4.) P M
M S
S P
Wenn man die Zahl der einzelnen Schlußarten (Schlußmodi) feststellt, die sich aus der Anwendung der möglichen Urteilsformen (a, e, i, o) auf diese vier Figuren ergeben, so gibt es rein schematisch insgesamt 64 Schlußmodi, von denen aber nur 19 zu logisch gültigen Schlußfolgerungen führen.

Die schematische Darstellung der Syllogismen und die Anwendung der klassischen Operationsregel haben in der Logistik eine erweiterte Formalisierung erfahren, innerhalb derer die Aristotelischen Grundfiguren als Einzelfälle der gesamten symbolisierten Logik betrachtet werden.

Schluß Prämissen (Voraussetzungen, Vordersätze)

Prämissen sind die Vordersätze als die Voraussetzungen eines Schlusses. Voraussetzungen sind das, wovon ausgegangen wird, um etwas (schluß)folgern zu können.

Sind die Prämissen in einem gültigen Schluß wahr, muß auch die Konklusion (Schlußfolgerung) wahr sein. Das Umgekehrte gilt jedoch nicht: Sind die Prämissen (oder einige der Prämissen) falsch, gilt nicht notwendigerweise, daß die Konklusion falsch ist.

Prämissen brauchen also nicht unbedingt wahr zu sein. Im Gegenteil, wie die „Techniker“ des Beweises verdeutlichen, wenn sie gelegentlich absichtlich Beweisfehler benutzen, indem sie z.B. Prämissen setzen, von denen sie genau wissen, daß sie falsch sind. Dies ist z.B. so bei der Beweistechnik für den indirekten Beweis (Widerspruchsbeweis, reductio ad absurdum), bdenn dabei wird absichtlich von einer falschen Annahme ausgegangen, um diese zu widerlegen. Das vielleicht bekannteste Beispiel für einen indirekten Beweis ist der Satz des Euklid, bei dem bewiesen wird, daß es unendlich viele Primzahlen gibt.

Schluß Kettenschluß

Kettenschluß heißt jede Schlußkette, bei der alle zwischen der ersten Prämisse und der abschließenden Folgerung anfallenden Zwischenfolgerung aufgeführt werden. 1. Beispiel: Hunde sind Raubtiere, also Fleischfresser, also mit kurzem Darm ausgestattet. Dieser Kettenschluß, bei dem alle Obersätze verkürzt sind, heißt Aristotelischer Kettenschluß oder Sorites. 2. Beispiel: Hunde sind (mitunter) Bernhardiner, also (mitunter) Alpenbewohner, also (mitunter) Retter aus Bergnot. Dieser Kettenschluß, bei dem alle Untersätze verkürzt sind, heißt Goclenischer Sorites (nach: Rudolf Göckel). Ein Beispiel für diesen Kettenschluß ist: Nimmt jemand ein Wesen als wirklich an, dann leugnet er nicht alles; glaubt er an sich selbst, dann nimmt er bereits ein Wesen als wirklich an. Jeder Skeptiker glaubt an sich selbst, also leugnet er nicht alles.

Logik Definition

Die Definition ist die Begriffsbestimmung bzw. Darstellung eines Begriffs durch Aufzählung des Begriffsinhalts. Sie kann bei Begriffen von empirischen Gegenständen nur in der Angabe der wesentlichen Merkmale bestehen, weil solche Begriffe unabsehbar viele Merkmale haben.

Logik Beweis

Der Beweis bedeutet das Unternehmen, die Richtigkeit einer Behauptung, die Gewißheit einer Erkenntnis (**) herbeizuführen oder, falls sie bestritten wird, sie zusätzlich und ergänzend zu sichern. Der strenge oder deduktive Beweis (die Demonstration) wird erbracht, indem die betreffende Behauptung durch solche als wahr anerkannten Sätze (Beweisgründe, Argumente) gestützt wird, daß aus ihnen das Behauptete als die Folgerung in einem formgerechten Schluß folgt (vgl. Deduktion). Wenn dies nicht möglich ist, muß umgekehrt versucht werden, Tatbestände als Beweisgründe beizubringen, die aus der betreffenden Behauptung als deren Besonderungen hervorgehen: induktiver Beweis (vgl. Induktion). Wenn nur entweder die Richtigkeit oder die Falschheit der betreffenden Behauptung, nicht aber die Unentscheidbarkeit jener beiden in Frage steht, kann fernerhin versucht werden, das Gegenteil der betreffenden Behauptung zu beweisen bzw. zu widerlegen, womit diese selbst dann widerlegt bzw. bewiesen ist: indirekter Beweis. Das Gegenteil des Beweises ist die Widerlegung; sie besteht darin, daß hinsichtlich der Sache, auf die die betreffende Behauptung geht, Tatsachen vorgebracht werden, aus denen diese Behauptung nicht gefolgert werden kann.

In der Beweistechnik werden gelegentlich Beweisfehler benutzt, indem z.B. absichtlich falsche Prämissen gesetzt werden. Ein Beispiel ist der schon erwähnte indirekte Beweis (Widerspruchsbeweis, reductio ad absurdum), bei dem von einer falschen Annahme ausgegangen wird mit dem Ziel, diese zu widerlegen. Das vielleicht bekannteste Beispiel für einen indirekten Beweis ist der Satz des Euklid, bei dem bewiesen wird, daß es unendlich viele Primzahlen gibt.

Beweis Beweisfehler

Beweisfehler liegen möglicherweise:
(1.)in der Unklarheit der Behauptung, die bewiesen werden soll (das Thema probandum);
(2.) n der Unrichtigkeit oder Unsicherheit der vorgebrachten Beweisgründe;
(3.)in der formalen Unrichtigkeit der zu vollziehenden Folgerung.
Die bekanntetsen Beweisfehler sind:
-Hysteron-Proteron
-Circulus Vitiosus
-Petitio Principii
-Ignoratio Elenchi
-Proton Pseudos
-Quarternio Terminorum
Davon zu unterscheiden sind:
-Fehlschluß
-Fangschluß
-Trugschluß

Beweisfehler Hysteron-Proteron

Das Hysteron-Proteron (altgriechisch: „das Spätere [wird] das Frühere“) ist die Vorwegnahme dessen, was eigentlich nachfolgen soll, was sich aus der Umkehrung der natürlichen Ordnung ergibt. Ein Hysteron-Proteron ist z.B. ein (Schein-)Beweis aus einem Satz, der selbst erst aus dem Bewiesenen hätte abgeleitet werden müssen.

Der spätere Vorgang steht vor dem früheren und wird dadurch hervorgehoben, wie man das aus der Rhetorik und - als Stilmittel - aus der Literatur kennt, z.B.:
„Laßt uns sterben und uns in die Waffen stürzen!“
(Vergil, Aeneis, ca. 20-30).
Oder z.B.:
„Ihr Mann ist tot und läßt sie grüßen.“
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust [I], 1790 bzw. 1808, S. 129).

Beweisfehler Circulus Vitiosus

Der Circulus vitiosus (lateinisch: „fehlerhafter Kreis“) - auch Circulus in probando (lateinisch: „Kreis beim Beweisen“) genannt - ist ein Zirkelschluß, ein Beweis mit Voraussetzungen, in denen das zu Beweisende schon enthalten ist.

Wenn also die Voraussetzungen das zu Beweisende schon enthalten, so wird dann behauptet, eine Aussage durch Deduktion zu beweisen, indem die Aussage selbst als Voraussetzung verwendet wird. Dabei wird eine These in einem Argument durch Schlußfolgerung aus Prämissen abgeleitet, deren Gültigkeit ebenso fragwürdig ist wie die der These, auch wenn sie glaubwürdiger klingen oder den Eindruck erwecken, unabhängig von der Akzeptanz der These gültig zu sein. Dadurch wird der Satz vom zureichenden Grunde (Satz des Grundes) verletzt. Der Selbstbezug kann auch über mehrere Stufen geschehen, so daß der Zirkelschluß bielen Unvorsichtigen oder auch sogar dem Urheber selbst verborgen bleibt.

Der Zirkelschluß ist ein Element des Münchhausen-Trilemmas, das bekanntlich zu zeigen versucht, daß Aussagen prinzipiell nicht abschließend begründbar seien. Wird der Zirkelschluß in der Eristik (Lehre vom Streitgespräch) oder Elenktik (Mäeutik, Maieutik, „logische Hebammenkunst“) eingesetzt, so handelt es sich um einen Spezialfall namens Petitio Principii. Ansonsten ist der Zirkelschluß dem Hysteron-Proteron sehr ähnlich.

Beispiele:

Die Bibel ist Gottes Wort, denn es steht geschrieben „alle Schrift ist von Gott eingegeben“. - Dieses Argument zitiert den 2. Brief an Timotheus aus dem Neuen Testament; da das Neue Testament ein Teil der christlichen Bibel ist, wird also die Autorität der Bibel durch ein Bibelzitat begründet. Die Bibel zieht damit ihre Autorität als Gotteswort aus sich selbst. Zudem handelt es sich bei dem Zitat nur um ein Argumentum ad verecundiam (Argument durch Ehrfurcht), da es aus einem speziellen Brief des Apostels Paulus stammt, also eine logisch nicht zwingende rhetorische Figur. Somit könnte man zwar den Standpunkt vertreten, die Begründung sei nicht selbstbezüglich: Der Kanon der christlichen Bibel bestand noch nicht, als Paulus den 2. Timotheusbrief schrieb. Aber dann hat der Verfasser des Briefes mit „aller Schrift“ vermutlich den Tanach gemeint.

Molières Mediziner. - Molière verspottete in einer seiner Komödien treffend diese Art von logischen Fehlern: Der Vater einer stummen Tochter möchte wissen, warum seine Tochter stumm ist. „Nichts einfacher als das“, antwortet der Arzt, „das hängt vom verlorenen Sprachvermögen ab.“ „Natürlich, natürlich“, entgegnet der Vater, „aber sagen Sie mir bitte, aus welchem Grunde hat sie das Sprachvermögen verloren?“ Darauf antwortet der Arzt: „Alle unsere besten Autoren sagen uns, daß das vom Unvermögen abhängt, die Sprache zu beherrschen.“

Sich selbst bestätigender Zeuge. - „Wenn beispielsweise ein Gericht feststellt, ein Zeuge sei glaubwürdig, sich dabei aber nur auf die Aussagen des Zeugen selbst bezieht, um dessen Glaubwürdigkeit es gerade geht, so liegt zumindest der Verdacht nahe, daß hier das Urteil über die Glaubwürdigkeit des Zeugen schon gefällt war, bevor seine Aussage näher in Betracht gezogen wurde.“ (Jan C. Joerden, Logik im Recht, 2009)

Beweisfehler Petitio Principii

Die Petitio principii (lateinisch: „Beanspruchung des Beweisgrundes“) bedeutet die Voraussetzung eines unbewiesenen, erst noch zu beweisenden Satzes als Beweisgrund.

Es wird also eine Behauptung durch Aussagen begründet, welche die zu beweisende Behauptung schon als wahr voraussetzen. Dies kann einerseits explizit geschehen, wenn die Behauptung als Schlußsatz (Konklusion) eines Arguments vorliegt, in dem sie selbst als Prämisse vorkommt, und andererseits implizit, indem die Konklusion kein expliziter Bestandteil des Arguments ist, sondern stillschweigend angenommen wird.

Eine Petitio Principii kann ein logisch gültiger Schluß sein: Aus jeder beliebigen Aussage folgt fraglos diese selbst. Bei diesem Spezialfall eines unmittelbaren Zirkelschlusses (vgl. Circulus Vitiosus) liegt formal betrachtet kein Fehlschluß vor - die Ableitung ist korrekt -, aber es handelt sich nicht um einen Beweis in klassisch-aristotelischem Sinn: Wenn die Prämissen des Beweises von der Konklusion nicht verschieden sind, ist der Satz vom zureichenden Grund (Satz des Grundes) verletzt.

Es gibt verschiedene Weisen, auf die eine Petitio principii konstruiert werden kann. Eine Prämisse taugt nicht zur Unterstützung der Konklusion, wenn sie lediglich (a) eine andere Formulierung der Konklusion ist (z.B.: „Schwarzfahren ist unsozial, weil es auf Kosten der zahlenden Fahrgäste geschieht“), (b) eine Generalisierung der Konklusion ist (z.B.: „Kopfschmerztabletten haben unerwünschte Nebenwirkungen, denn alle Medikamente haben unerwünschte Nebenwirkungen“), (c) aus der Luft gegriffen ist, bloß um die Konklusion zu beweisen (z.B.: „Ich nehme immer am Karneval teil, denn Traditionen müssen bewahrt werden“).

Beweisfehler Ignoratio Elenchi

Die Ignoratio elenchi (lateinisch: „Unkenntnis der Widerlegung“ [bzw. des Beweises]) ist ein Fehler im Beweis, darin bestehend, daß das, was bewiesen oder wiederlegt werden soll, außer acht gelassen, ignoriert, also etwas anderes als das Geforderte bewiesen oder widerlegt wird.

Beweisfehler Proton Pseudos

Das Proton Pseudos (altgriechisch: „falsches Frühere“) ist ein Grundirrtum als die falsche Voraussetzung zu Anfang einer Beweisführung, aus der andere Irrtümer folgen.

Im folgenden Beispiel wird in einem Schluß eine fehlerhafte erste Prämisse vorausgesetzt.
Gott ist der Schöpfer der Moral.
Atheisten glauben nicht an Gott.
Atheisten sind unmoralisch.
Daß Gott der Schöpfer der Moral ist, setzt voraus, daß sich Gott beweisen läßt. Aber Gott läßt sich nicht beweisen. Man kann an ihn glauben u.s.w., aber man kann ihn nicht beweisen. Also ist die 1. Prämisse falsch. Dadurch ist aber auch die Schlußfolgerung falsch. Atheisten können ihre Moral zB. aus Kants Kategorischem Imperativ (**|**) ableiten, der mit der menschlichen Vernunft begründet ist. Andererseits könnte man ähnlich argumentieren, wenn man Kants Kategorischen Imperativ an die Stelle Gottes setzte und behauptete, er sei der Schöpfer der Moral. Denn Kants Kategorischer Imperativ läßt sich ebenfalls nicht beweisen.

In einem Wörterbuch von 1886 fand ich den folgenden Text zum Proton Pseudos: „So ist z.B. Schopenhauers Proton Pseudos die Idee, daß diese Welt die denkbar schlechteste sei, J. G. Fichtes, daß die Außenwelt eine Setzung des menschlichen Ichs sei, Herbarts, daß Vorstellungen durch Zahlen ohne ein gegebenes Maß gemessen werden könnten.“ (Kirchner/Michaëlis, Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe, 1886 Kirchner/Michaëlis). Man könnte jedoch auch mit derselben Berechtigung sagen, daß z.B. Leibniz’ Idee, daß diese Welt die denkbar beste sei (**), ein Proton Pseudos ist, oder z.B. Kants Idee, daß der Kategorische Imperativ die allgemeingültige sittliche Vorschrift sei (**|**), ein Proton Pseudos ist, oder z.B. Habermas’ Idee, daß die Diskurstheorie die Wahrheit sei (**|**|**) ein Proton Pseudos ist. Oder? Entscheidet hierüber vielleicht nur noch der Konventionalismus? Wohl nicht, jedenfalls nicht allein!

Beweisfehler Quarternio Terminorum

Die Quarternio terminorum (lateinisch: „Vervierfachung der Begriffe“) ist ein logischer Fehler im Schlußverfahren, der dadurch entsteht, daß ein Begriff doppelsinnig gebraucht und dadurch zum vierten und damit unzulässigen Begriff wird oder sonstwie ein vierter und damit unzulässiger Begriff eingeführt wird.

Im folgenden Beispiel treten zwei verschiedene Mittelbegriffe auf, wodurch der Schluß, ungeachtet der Wahrheit der Prämissen und der Konklusion, ungültig wird:
Alle Hunde sind Tiere.
Alle Katzen sind Säugetiere.
Alle Katzen sind Tiere.
Alle Hunde (Mittelbegriff 1) sind Tiere (Oberbegriff 1).
Alle Katzen (Unterbegriff 1) sind Säugetiere (Mittelbegriff 2).
Also sind alle Katzen (Unterbegriff 1) Tiere (Oberbegriff 1).
Quaternio-Terminorum-Fälle sind selten so offensichtlich wie in dem Beispiel, da die Verschiedenheit der Begriffe oft durch eine echte oder durch Formalisierung entstandene Homonymie (Wörter mit gleicher Form, aber unterschiedlicher Bedeutung) verborgen ist. Quaternio terminorum durch Homonymie bedeutet Verletzung der Form des Syllogismus, indem in Ober- und Untersatz an die Stelle des Mittelbegriffs ein mehrdeutiger Ausdruck gesetzt wird, der in einer Bedeutung den Obersatz, in einer anderen den Untersatz zu einer wahren Aussage macht. Ein Fehlschluß ist die Folge, da mit der alternativen Bedeutung des Ausdrucks in der Position des Mittelbegriffs ein vierter Begriff eingeführt wurde. Neben der Homonymie kann auch eine Amphibolie (Ambiguität, Mehrdeutigkeit einses kompkexen Ausdrucks), also eine grammatische Vieldeutigkeit, oder eine Metábasis eis állo génos (Wechsel in eine andere Gattung), also ein Wechsel des Bezugssystems der Begriffe, Ursache der Täuschung sein. Die bewußte Verwendung wird auch als Erschleichung oder Subreption bezeichnet, denn die Erschleichung ist einerseits die Erreichung eines falschen Ergebnisses aufgrund eines korrekten Schlusses, aber falscher Voraussetzungen, die möglicherweise das gewollte Ergebnis in unklarer Formulierung bereits enthalten, und andererseits ist es ein falscher Schluß im Syllogismus, bei dem der Mittelbegriff im Obersatz und Untersatz nicht identisch ist (wie im obigen Beispiel: „Hunde“ als Mittelbegriff im Obersatz und „Säugetiere“ als Mittelbegriff im Untersatz).

Beweisfehler Fehlschluß

Der Fehlschluß ist derjenige Schluß, bei dem die Schlußfolgerung unabsichtlich falsch gezogen wird, obwohl die Voraussetzungen (Prämissen) richtig sein können.

Beweisfehler Fangschluß

Der Fangschluß ist ein absichtlicher Fehlschluß, nämlich derjenige Schluß, der die Zustimmung eines Menschen zu einer Behauptung durch alle möglichen Verdrehungen und Verschleierungen bewirkten soll. Folgender Fangschluß wird dem Eubulides zugesprochen: Wenn einer Lügner ist und dabei sagt, daß er lügt, so lügt er und sagt zugleich die Wahrheit.

Beweisfehler Trugschluß

Der Trugschluß ist derjenige falsche Schluß, der auf ungewollten oder gewollten Denkfehlern baut. Ein Beispiel: „Was du nicht verloren hast, das hast du noch; Hörner hast du nicht verloren, also hast du Hörner.“

Logik Methode

Die Methode ist ein mehr oder weniger planmäßiges Verfahren zur Erreichung eines bestimmten Zieles, der Weg zum Ziel. Im Bereich der Wissenschaft ist sie der Erkenntnisweg (**), den der Forscher sich an Hand einer Hypothese zu seinem Gegenstand hin bahnt. Dabei gibt die Philosophie, falls sie als Grundwissenschaft verstanden wird (das kann man ja auch bestreiten!), dem Forscher die Mittel, zu prüfen, ob die gewählte Methode überhaupt geeignet ist (vgl. Methodenlehre als Untersuchung der Methoden) und ob er die Methode im Verlauf der Arbeit konsequent benutzt. Die Philosophie vermag das Methodenbewußtsein in den Einzelwissenschaften wach und kritisch zu halten.

Logik Fachsprache

Jede Fachsprache ist eine Sondersprache oder Verständigungssystem, die für bestimmte Fachgebiete gelten und eine genaue Verständigung und exakte Bezeichnungen auf einem bestimmten Gebiet ermöglichen. Man kann die Fachsprache auch als ein Fachwortschatzsystem (mit den syntaktischen und morphologischen Regeln einer Sprache [vgl. Morphologie und Syntax]) eines bestimmten Bereiches bezeichnen. Nur einige extreme Bereiche - z.B. Mathematik, Logik, Logistik, Linguistik - verlassen mit ihren formalisierten Zeichen und Operationsregeln, ihren Grammatiken die Regeln einer Sprache und gelten so mehr oder weniger als eine Metasprache.

Logik Terminologie

Die Terminologie ist die Gesamtheit der in einer Wissenschaft, Philosophie oder Kunst gebrauchten Fach- und Kunstausdrücke und insofern fast ein Synonym zur Fachsprache; besonders in der Philosophie gestaltet sie sich immer schwieriger, weil die philosophischen Begriffe durch die neuen Aspekte historisch späterer Interpretationen so vieldeutig werden, daß jeder Forscher, um richtig verstanden zu werden, seinen Darstellungen eine Terminologie, d.h. eine Erklärung der von ihm benutzten Termini, voranstellen muß. Die Folge davon ist, daß die Terminologie als Ganzes immer unübersichtlicher wird und nur durch Nachvollzug der entsprechenden Aspekte verstanden werden kann.

Logik Konventionalismus

Der Konventionalismus ist die philosophische Richtung, die den auf rein zweckmäßiger Übereinkuft der Wissenschaftler beruhenden Charakter von Begriffen, Definitionen, Axiomen, Hypothesen u.ä. betont. So brauchen z.B. für den mathematischen Konventionalismus die Axiome keine evidenten Wahrheiten zu sein, sondern sie werden zweckmäßig ausgewählt und als Setzungen vereinbart, müssen nur den formal widerspruchsfreien Aufbau eiens Axiomensystems genüge leisten. Der Konventionalismus steht soweit im Mittelpunkt der heutigen Mathematik, daß behauptet werden kann, es könnte so viele gleichberechtigte bzw. „wahre“ Mathematiken geben wie Mathematiker.

Logik System (Lehre vom System)

Ein System ist ein Zusammenschluß eines - mehr oder weniger - Mannigfaltigen zu einem einheitlichen und wohlgegliederten Ganzen und zu den übrigen Teilen, in dem das Einzelne eine angemessene Stellung einnimmt. Ein philosophisches System ist die Vereinigung grundsätzlicher bzw. grundlegender Erkenntnisse (**) zu einer organischen Ganzheit, zu einer Doktrin, einem „Lehrgebäude“ (vgl. Methode). Vgl. auch Systemtheorie.

 

Logistik

AussagenkalkülPrädikatenkalkülKlassenenkalkülRelationenkalkülSequenzkalküleSonderkalküle

Die Logistik ist die moderne Form der Logik. Sie unterscheidet sich von der älteren, traditionellen Logik vor allem durch ihre Formalisierung (d.h. sie berücksichtigt nicht die inhaltlichen Bedeutungen der einzelnen Ausdrücke, sondern nur ihre syntaktische Kategorie und deren strukturelle Beziehungen) und ihre Kalkülisierung (d.h. die Ausdrücke können nach festen Operationsregeln rein formal umgeformt werden, man kann mit ihnen rechnen). Nicht notwendigerweise, aber aus praktischen Gründen doch meistens ist sie symbolisiert (d.h. den einzelnen Ausdrücken sind ganz bestimmte Zeichen zugeordnet) und axiomatisiert (d.h. alle vorkommenden Zeichen werden durch einige Grundzeichen definiert und alle „Gesetze“ werden durch bestimmte Schlußregeln aus einigen „Grundgesetzen“, den Axiomen, hergeleitet).

Im weiteren Sinne ist die Logistik die Lehre vom Logikkalkül, seinen Voraussetzungen und Anwendungen. Kalkül ist ein System von Zeichen mit dazugehörigen Operationsregeln. Beispielsweise stellt das Schachspiel einen Kalkül dar: die Spielfelder und Spielfiguren stellen ein System von Zeichen dar, die Zug- und Schlagregeln sind Operationsregeln. Die formalen Voraussetzungen des Logikkalküls behandelt die Metalogik - die Lehre von den philosophischen Grundlagen des Logigkalküls -, und dazu gehören vor allem die Syntaktik, die Semantik und die Pragmatik (alle drei sollten trotz Ähnlichkeit nicht verwechselt werden mit denen in der Sprachwissenschaft [Linguistik]).

Innerhalb der Logistik lassen sich folgende Aufgabenfelder unterscheiden:

Logistik (1.) Aussagenkalkül

Ein Aussagenkalkül untersucht die Verbindungen zwischen nichtanalysierten Aussagen durch sogenannte Funktoren (Junktoren, Konnektoren, Operatoren, Konstanten, Partikel), die etwa den Wörtern bzw. Ausdrücken „nicht“, „oder“, „stets dann, wenn, ... so ...“, „und“ u.s.w. entsprechen. Diese Funktoren heißen auch Wahrheits(wert)funktoren.

Logistik (2.) Prädikatenkalkül

Ein Prädikatenkalkül analysiert die Aussagen, die der Aussagenkalkül als Ganzes behandelt. Prädikat ist hier der Name oder das äußere Zeichen für eine Beschaffenheit. Die Zuordnung einer Beschaffenheit zu einem „Individuum“, d.h. zu einem bestimmten, einzelnen Ggenstand, wird durch den Prädikator, der Umfang der Zuordnung durch den Quantifikator ausgedrückt; in den Kalkül gehen nicht die Beschaffenheiten selbst, sondern nur die Prädikatoren bzw- Quantifikatoren ein.

Logistik (3.) Klassenkalkül

Ein Klassenkalkül bezieht sich auf Klassen, wobei in jeder Klasse die Gesamtheit der Einzelgegenstände, denen etwas durch einen Namen Bezeichnetee (gemeinsam) zukommt - z.B. wird die Klasse der Pfeifenraucher als eine „Abstraktion“ der Aussageform „X raucht Pfeife“ aufgefaßt; wenn „ff“ bedeutet „Pfeife rauchen“, so bedeutet „^X“ („fX“) diejenigen X,, für die gilt: fX (X raucht Pfeife). Der Funktor „^“ heißt dabei Abstraktor (Komprehensor); er hat als Argument eine Aussageform und bildet daraus eine Klasse.

Logistik (4.) Relationenkalkül

Ein Relationenkalkül analysiert Aussagen über Relationen („der Bruder von“, „größer als“, „ähnlich“ u.s.w.). Wenn Relation „Verfasser“ bezeichnet und „A“ „Bibel“, dann ist „A“ die Klasse der Verfasser der Bibel; wenn „A“ Homer bezeichnet, dann ist „A“ die Klasse der Werke Homers.

Logistik (5.) Sequenzkalküle

Ein Sequenzenkalkül ist quasi eine Familie formaler Systeme (oder Kalküle), die einen bestimmten Stil der Ableitung und gewisse Eigenschaften teilen. Die ersten Sequenzenkalküle, LK für die klassische Logik und LJ für die intuitionistische Logik, sind von Gerhard Gentzen im Jahre 1934 als formaler Rahmen für die Untersuchung von Systemen des natürlichen Schließens in der Prädikatenlogik 1. Ordnung eingeführt worden (vgl. Prädikatenkalkül). Der Gentzen‘sche Hauptsatz über LK und LJ besagt, daß die Schnittregel in diesen Systemen gilt, ein Satz mit weitreichenden Konsequenzen in der Metalogik. Die Flexibilität des Sequenzenkalküls zeigte sich später, im Jahr 1936, als Gentzen die Technik der Schnitt-Elimination verwendete, um die Widerspruchsfreiheit der Peano-Arithmetik zu beweisen. Die auf Gentzen zurückgehenden Sequenzenkalküle und die allgemeinen Konzepte, die dahinterstehen, werden in weiten Bereichen der Beweistheorie, mathematischen Logik und des maschinengestützten Beweisens standardmäßig verwendet.

Logistik (6.) Sonderkalküle

Zu den Sonderkalkülen gehören:
-die mehrwertige Logik (Formalismus);
-die kombinatorische Logik;
-die Syllogistik (vgl. auch: Syllogismus).
Außer den in Abschnitt Aussagenkalkül widergegebenen fünf Symbolen werden etwa noch mehr als 100 weitere (neben großen und kleinen lateinsichen und altgriechischen Buchstaben) benutzt.

Die ersten Ansätze zu einer inhaltlich fundierten (nicht bloß formalisierenden) Logistik schuf Gottfried Wilhelm Leibniz. Seine Ideen wurden zwar weitergeführt, aber ihre Lehren fanden immer weniger Beachtung wegen des rund 100 Jahre später einsetzenden Siegeszuges der transzendentalen Logik Kants. Unabhängig von diesen Vorgängen wurde George Boole durch die Veröffentlichung seinen Hauptwerke von 1847 der Begründer der „Algebra der Logik“, womit im Gegnsatz zu den Leibniz‘schen Ansatz für die ganze künftige Entwicklung der Formalismus einsetzte. Diese Entwicklung wurde fortgesetzt und fand ihren Höhepunkt im Werk des Mathematikers Ernst Schröder. Der eigentliche Begründer der heutigen Logistik ist Gottlob Frege. Die Axiomatik und die Grundlagenforschung wurde entscheidend gefördert von David Hilbert.

 

Philosophie Erkenntnis und Erkenntnislehre (Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie) Philosophie

Erkenntnis

Erkenntnis bedeutet das Sichaneignen des Sinngehalts von erlebten bzw. erfahrenen Sachverhalten, Zuständen, Vorgängen, mit dem Ziel der Wahrheitsfindung. Erkenntnis heißt sowohl (ungenau) der Vorgang, der genauer als Erkennen bezeichnet werden muß, als auch dessen Ergebnis. Im Sinne der Philosophie ist Erkennen immer „etwas als etwas erkennen“, so wie man z. B. sagt: „Er hatte ihn als Lügner erkannt“. In der Erkenntnis ist also ein Beurteilen enthalten, das sich auf Erfahrungen stützt. Wer nicht weiß, was ein Lügner ist und daß es Lügner gibt, kann niemals einen Menschen als Lügner erkennen. In der Erkenntnis ist stets auch ein Wiedererkennen enthalten. Neue, von innerer und äußerer Erfahrung unabhängige Erkenntnisse können nur durch die schöpferische Phantasie entstehen.

Die Erkenntnis wird seit der griechischen Philosophie untersucht nach den Gesichtspunkten von (objektiver) Quelle bzw. Herkunft, (subjektiver) Fähigkeit, d. h. Vermögen dazu, Ziel und Zweck, Kennzeichen und Maßstäben, Grenzen und Hindemissen (Aporien und Antinomien) in einer Erkenntnislehre, die erst seit Kant als philosophisches Sondergebiet unter dem Namen Erkenntnistheorie auftritt und dann mitunter beinahe die ganze übrige Philosophie überwuchert. Seit Leibniz und Wolff bedeutet Erkenntnis sowohl Prozeß als auch Ergebnis der spezifisch empirisch-wissenschaftlichen Wahrheitsfindung. Kant unterschied in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) die Prozesse bei der Erkenntnis (a) des Verstandes, (b) der Vernunft und (c) der Sinne - alle drei müssen zusammenwirken, um die Erkenntnis im engeren Sinne als systematisch geordnetes Wissen hervorzubringen. Schopenhauer machte aus Kants drei Erkenntnisprozessen vier (Schopenhauer). Innerhalb der Erkenntnis wird unterschieden zwischen der (uneigentlichen) formalen oder abstrakten Erkenntnis und der (eigentlichen) inhaltlichen oder konkreten Erkenntnis. Diese zerfällt ihrerseits in so viele Erkenntnisarten, wie es wichtige Sachgebiete gibt.

 Subjekt Objekt
 
 real  ideal 
 (z.B. Zahlen, 
geometrische
Objekte, logische Begriffe und ihre
 Zusammenhänge) 

Bei der Erkenntnis stehen sich Subjekt und Objekt als Erkennendes und Erkanntes gegenüber. Das Subjekt erkennt, das Objekt ist erkennbar. Das Erkennen geschieht dadurch, daß das Subjekt gleichsam in die Sphäre des Objekts hinübergreift und es in seine eigene hereinholt, genauer dadurch, daß die Bestimmungsstücke des Objektes an seinem, im Subjekt entstehenden Abbild wiederkehren. Auch dieses Abbild ist objektiv, d.h. das Subjekt unterscheidet es, an dessen Aufbau es selbst beteiligt ist, von sich selbst als ein Gegenüberstehendes. Das Abbild ist nicht identisch mit dem Objekt, aber ihm kommt „Objektivität“ zu. Das Objekt ist unabhängig vom Subjekt. Es ist mehr als nur ein Gegenstand der Erkenntnis und in diesem Mehr-als-bloßes-Objekt-Sein ist es das „Transobjektive“. Neben dem Gegenstand-Sein besitzt das Objekt An-sich-Sein. Wird das Objekt unabhängig von der Erkenntnisbeziehung gedacht, so wird es zum Ding. Das Subjekt aber kann auch für sich selbst Subjekt sein, d.h. es kann ein Bewußtsein für seine Fähigkeit des Erkennens haben, es besitzt über seine Eigenschaft als eines Erkennenden hinaus noch ein Für-sich-Sein. Das An-sich-Sein des Objektes bedeutet, daß neben dem am Objekt Erkannten noch ein unerkannter Rest übrig bleibt. Die Tatsache, daß wir den Erkenntnisgegenstand nie vollständig und ohne Rest, nie in der Fülle seiner Bestimmtheit erkennen können, spiegelt sich wider in der Nichtübereinstimmung zwischen Objekt und Abbild. Sofern das Subjekt von diesem Unterschied weiß, ergibt sich das Phänomen des Problems, das den weiteren Erkenntnisvorgang mit Spannung lädt und auf immer weitere Erkenntnisbemühungen drängt. Der Ausgleich einer solchen Spannung liegt in der Richtung eines Erkenntnisprogresses, durch den die Grenze zwischen dem, was bereits erkannt wurde, und dem, was erkannt werden sollte, auf das Transobjektive hin verschoben wird. Der Erkenntnisdrang des Bewußtseins, dessen Wirkung der Erkenntnisprogreß ist, ist ein fortschreitendes Sich-empfänglich-Machen für die Bestimmthetlen des Objekts. Für den Erkenntnisdrang ist das, was erkannt werden soll, unerschöpflich, für ihn ist es ein Unendliches.

„In aller Erkenntnis stehen einander Erkennendes und Erkanntes gegenüber.
Das Gegenüber beider Glieder ist unaufhebbar und trägt den Charakter
gegenseitiger Ungescheidenheit oder Transzendenz.“
(Nicolai Hartmann N. Hartmann).


Erkanntes
(Objectum)
Zu Erkennendes
(Objiciendum)
Unerkanntes
(Transobjektives)
Unerkennbares
(Transintelligibles)
Vier Schichten der Transzendenz
gemäß Nicolai Hartmann N. Hartmann

Der Erkenntnisprogreß findet seine Schranke an der selten verschiebbaren Grenze der Erkennbarkeit. Dahinter beginnt das Unerkennbare, das Transintelligible (irreführend oft das Irrationale genannt). „Wie das Transobjektive in der verlängerten Richtung des Erkannten liegt, so liegt innerhalb des Transobjektiven das Transintelligible in der verlängerten Richtung des Erkennbaren“ (Nicolai Hartmann N. Hartmann). Die Existenz des Transintelligiblen ist es, die den Erkenntnisvorgang nicht zur Ruhe kommen läßt. Der Bereich des Transintelligiblen, dem An-sich-Sein und Für-sich-Sein zugehören, ist das Medium, das den Wirkungszusammenhang zwischen Objekt und Subjekt ermöglicht. In welcher Weise die Übertragung der Bestimmungsstücke des Objekts auf das Subjekt erfolgt, ist im wesentlichen unbekannt. Geht man aber davon aus, daß alles Seiende, da der gemeinsamen Sphäre des Unerkannbaren angehörend, sich gegenseitig irgendwie bedingt und bestimmt, bedenkt man ferner, daß das Subjekt das reaktionsfähigste und empfindsamste unter allem Seienden ist, so ergibt sich, daß das ganze System des Seienden vom Transobjektiven her über das Objekt und das Abbild vor dem Subjekt in Erscheinung treten muß. Erkenntnis ist, so gesehen, ein Wahrnehmen der dem Subjekt zunächst gelegenen Glieder der Beziehungen zwischen Objekt und Subjekt.

Die Erkenntnisprinzipien, d.h. die Art und Weise, in der Erkenntnis stattfindet, müssen also für alle Subjekte die gleichen sein. Andererseits ergibt sich, z.B. aus der (innerhalb der bekannten Fehlerbereiche möglichen) Berechenbarkeit physikalischer Vorgänge, daß die Gesetze der mathematischen Logik (und somit die Gültigkeit apriorischer Einsichten) die logisch-mathematische Sphäre überschreiten und darüberhinaus Gültigkeit haben. Die Anwendung eines mathematischen Satzes auf ein Naturgeschehen bedeutet ein Übergreifen der logischen Sphäre auf die reale. Es gibt logische Zusammenhänge und Beziehungen, die mit denen des Realen übereinstimmen. Die logische Sphäre vermittelt demnach zwischen der Welt der Abbilder und der Welt des Realen. Die Erkenntnisprinzipien sind also nicht nur für alle Subjekte dieselben, sondern sie treten auch in der Welt der Objekte auf, und zwar als die Kategorien. Erkenntnis ist möglich, weil Erkenntniskategorien und Seinskategorien identisch sind. Aber weder sind alle Erkenntniskategorien zugleich Seinskategorien, noch sind alle Seinskategorien zugleich Erkenntniskategorien. Träfe das erstere zu, so würden alle Erkenntnisse die reine Wahrheit zum Inhalt haben, träfe das letztere zu, so wäre alles Seiende ohne Rest erkennbar. Die Bereiche der Seins- und der Erkenntniskategorien decken sich teilweise, und nur so ist es zu verstehen, daß sich das Naturgeschehen nach mathematischen Gesetzen zu richten scheint: daß z.B. die Planetenbahnen auch tatsächlich „elliptisch“ sind. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wird Erkenntnis hauptsächlich mit Erfahrungs-Erkenntnis der Naturwissenschaften gleichgesetzt, während Geisteswissenschaften über die rationale Erkenntnis hinauszugreifen gezwungen sind.

Gemäß Schopenhauer (Arthur SchopenhauerArthur Schopenhauer) ist alles, was für die Erkenntnis da ist - also diese ganze Welt - Objekt in Beziehung auf ein Subjekt, ist Anschauung des Anschauenden, mit einem Wort: Vorstellung. Also: kein Subjekt ohne Objekt, kein Objekt ohne Subjekt.

Arthur Schopenhauer   S c h o p e n h a u e r s   V o r s t e l l u n g ( e n )   Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer Vier Klassen der Objekte für das Subjekt und die in ihnen herrschende Gestaltung des Satzes vom zureichenden Grunde Arthur Schopenhauer
1. Klasse der Objekte ...2. Klasse der Objekte ...3. Klasse der Objekte ...4. Klasse der Objekte ...
Subjektives Korelat:
Verstand
SchopenhauerSubjektives Korrelat
Subjektives Korelat:
Vernunft
SchopenhauerSubjektives Korrelat
Subjektives Korelat:
Sinnlichkeit
SchopenhauerSubjektives Korrelat
Subjektives Korelat:
Selbstbewußtsein SchopenhauerSubjektives Korrelat
Raum, Zeit;
Ursache und Wirkung
(Kausalität)
Begriffe und Urteile u.s.w.wie 1. Klasse - nur ohne Zeit
(also auch ohne Kausalität), weil Raum und Zeit gleichgesetzt
wie 1. Klasse - nur bezogen
auf den Leib, den inneren Sinn; innerlich
Satz vom zureichenden
Grunde des Werdens
Arthur SchopenhauerArthur Schopenhauer
Satz vom zureichenden
Grunde des Erkennens
Arthur SchopenhauerArthur Schopenhauer
Satz vom zureichenden
Grunde des Seins
Arthur SchopenhauerArthur Schopenhauer
Satz vom zureichenden Grunde
des Handelns (Motivs)
Arthur SchopenhauerArthur Schopenhauer

Die Erkenntnis, daß die Welt Vorstellung sei, genügte Schopenhauer nicht. Wir fragen, ob diese Welt nichts weiter als Vorstellung sei, und was, wenn sie noch etwas anderes ist. Wir erkennen nun: das als Individuum erscheinende Subjekt des Erkennens findet als sein innerstes Wesen den Willen, und zwar aus der Erfahrung seines Leibes; er ist auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: als Vorstellung, als Objekt unter den Objekten, zugleich aber auch als das jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet. Also: Der Leib ist die Objektivation des Willens: der Wille ist das Ansich des Leibes. Diese Erkenntnis ist der Schlüssel zum Wesen jeder Erscheinung in der Natur; alle Objekte müssen ihrem inneren Wesen nach dasselbe sein, was wir an uns Wille nennen. Der Wille ist das „Ding an sich“, also ist er auch das innerste Wesen des Menschen. Raum und Zeit allein sind es, mittels welcher das dem Wesen und dem Begriff nach Gleiche und Eine doch als verschieden, als Vielheit neben- und nacheinander erscheint. Der Wille als Ding an sich liegt außer allem Raum und aller Zeit, wie auch außer aller Kausalität: er ist grundlos, ursachlos, ziellos und erkenntnislos. Sobald er sich der objektiven Erkenntnis darstellt, zeigt er sich in Raum und Zeit dem Individuationsprinzip (principium inidividuationis) unterworfen und wird dadurch Wille zum Leben. Die durch Raum und Zeit bestimmten Objekte (Vorstellungen) betrachtet die Wissenschaft am Leitfaden der Kausalität. Darüber hinaus vermag allein das Genie in der Kunst durch reine Kontemplation und ungewöhnliche Kraft der Phantasie die ewigen Ideen aufzufassen und darzustellen, in der Poesie, der bildenden Kunst, der Musik. Die Musik nimmt eine besonders hohe Stellung ein, da sie nicht wie die anderen Kunstgattungen die Ideen abbildet, sondern die unmittelbare Objektivation des Weltwillens in uns ist.

Der Wille muß immer streben, weil Streben sein alleiniges Wesen ist, dem kein erreichtes Ziel ein Ende macht, das daher keiner endlichen Befriedigung. d.h. keines Glückes, fähig ist. Laut Schopenhauer ist jede Lebensgeschichte Leidensgeschichte: „Der Lebenslauf des Menschen“ besteht darin, „daß er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt.“ Die ganze Natur ist ein unbarmherziger Kampf ums Dasein. Sie ist ein „Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist“. Was alles Wirkliche kennzeichnet, ist „der endlose, aus dem Leben wesentlich entspringende Schmerz, davon die Welt übervoll ist.“ So zeigt sich: Diese ist „an allen Enden bankrott“. Sie ist, entgegen Leibniz, der sie für die bestmögliche hielt, die schlechteste aller möglichen Welten (**). In summa: Die Welt ist etwas, was nicht sein sollte. Mitleid ist nach Schopenhauer das Fundament der Moral. Das Gefühl des Mitleids bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern, was für Schopenhauer besonders wichtig war, ebenso auf Tiere. Aus Egoismus entspringt das Böse, aus Mitleid das Gute. Das ist das Grundprinzip der Ethik Schopenhauers. Ihr gemäß wird der das Leiden schaffende Wille durch die Tat des Mitleids verneint. Die Verneinung des Willens zum Leben kann also in letzter Konsequenz nichts anderes sein als die Aufhebung des Individuationsprinzips (principium inidividuationis) oder gar der Übergang ins Nichtsein, ins Nichts (Nirwana). Diese Verneinung geht aus der Durchschauung des Individuationsprinzips hervor, aus dem Sich-wieder-Erkennen (Sichwiedererkennen) in der fremden Erscheinung.

 

Erkenntnislehre (Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie)

 Herrschaftsformen in der Erkenntnistheorie - müssen die sein? 
 Evolutionäre Erkenntnistheorie  Digitale Erkenntnistheorie - werden wir die bald nötig haben? 

Die Erkenntnislehre, auch Erkenntnistheorie, Wisenschaftslehre (einschließlich Wissenschaftstheorie und -praxis), Epistemologie oder Erkenntniswissenschaft genannt, ist die spezialisierteste Lehre der Erkenntnis und gliedert sich in (a) Erkenntniskritk, die von einem vorher bestehenden Erkenntnistypus ausgeht, an dem sie die vorhandenen Kenntnisse kritisch mißt, so Kant in seine Kritik der reinen Vernuft (1781), und (b) Erkenntnismetaphysik, die das Wesen der Erkenntnis erforscht und dabei meist von den im Sein des Erkennenden und im Sein des Erkannten beschlossenen Möglichkeiten des Erkennens ausgeht.

Mitunter, so bei Nicolai Hartmann, wurde die Erkenntnislehre in die Metaphysik einbezogen. Hartmann wählte den Titel „Metaphysik der Erkenntnis“ (1921) ganz gezielt, um auszudrücken, daß die Grundannahme über die Relation von Erkenntnissubjekt und –objekt rational nicht zu erklären ist. Das unlösbare Rätsel der Beziehung von Erkenntnis und Sein führt nach Hartmann notwendig in Aporien. Gegen Kant war Hartmann der Auffassung, daß man keine voraussetzungsfreie Erkenntnistheorie aufstellen kann. Jede Erkenntnistheorie hat metaphysische Voraussetzungen. Erkenntnis bedeutete für Hartmann ein Erkennen von etwas schon Vorhandenem. Dieses beschrieb Hartmann als einen Vorgang in drei Phasen. Am Anfang steht eine (a) Phänomenologie der Erkenntnis. Hierzu gehören Vorgänge der Wahrnehmung ebenso wie Vorgänge des Bewußtseins, wie die Bildung von Repräsentationen, und der Erkenntnisfortschritt. In der phänomenologischen Betrachtung versucht man ein „Maximum an Gegebenheit“ zu erreichen. (Vgl. Nicolai Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1921, S. 43). Allerdings zeigt sich, daß es Grenzen der Erkenntnis gibt. Der Mensch kann das Wesen der Wirklichkeit, von dem er und seine Erkenntnisleistung selbst lediglich ein Teil sind, nie vollständig erfassen. Bestenfalls kann er die Grenzen verschieben und seinen Erkenntnishorizont erweitern. Im zweiten Schritt erfolgt eine (b) Analyse der gegebenen Phänomene. Diese Analyse zeigt eine Grundaporie, die Grundlage für alle weiteren Probleme der Erkenntnis ist. Einerseits ist das Subjekt in den Grenzen seines Bewußtseins gefangen, andererseits bezieht es sich auf ein Seiendes außer sich selbst. Die Erkenntnis ist abhängig von der Beziehung auf einen Gegenstand außerhalb ihrer selbst. Hartmann suchte für diesen Widerspruch keine Lösung, sondern betrachtete ihn als gegeben. Die Auffassung von der Existenz ist Ergebnis der phänomenologischen Betrachtung. Hartmann versuchte im dritten Schritt, diese (c) Auffassung zu rechtfertigen. Sein wesentliches Argument ist, daß von der Annahme des Realismus, der sowohl die natürliche als auch die wissenschaftliche Weltsicht widerspiegelt, nur aus guten Gründen abgewichen werden darf. „In Wirklichkeit fällt also die Beweislast gerade dem Idealismus zu, eben weil er es ist, der sich vom natürlichen Gegenstandsbewußtsein und von der Sachlage des Erkenntnisphänomens entfernt und eine Behauptung aufstellt, die von vorn herein den Stempel der Widernatürlichkeit trägt.“ (Ebd., 1921, S. 229)

Martin Heidegger versuchte mit seiner Existenzphilosophie die Subjekt-Objekt-Beziehung durch das In-der-Welt-Sein des Menschen zu ersetzen. Heideggers Existenz(ial)ontologie (Fundamentalontologie) und Hartmanns „Neue Ontologie“ entwickleten sich zum Teil aus denselben Wurzeln. „Die alte Seinslehre hing an der These, das Allgemeine, in der essentia zur Formalsubstanz verdichtet und im Begriff faßbar, sei das bestimmende und gestaltgebende Innere der Dinge. Neben die Welt der Dinge, in der auch der Mensch eingeschlossen ist, tritt die Welt der Wesenheiten, die zeitlos und materielos ein Reich der Vollendung des höheren Seins bildet.“ (Nicolai Hartmann, Systematische Philosophie, 1942, S. 240). Im Gegenbsatz zu Heidegger klammerte Hartmann jedoch die Frage nach dem „Sein an Sich“, nach der speziellen Metaphysik, aus und beschränkte seine Ontologie auf die Untersuchung des Seienden als Seienden, auf die Welt der Wirklichkeit. Die Kategorien dieser neuen Ontologie werden „Zug um Zug den Realitätsverhältnissen abgelauscht“ (ebd., 1942, S. 209) Aufgrund der Grenzen der Erkenntnisfähigkeit des Menschen faßte Hartmann seine gesamte Ontologie als Hypothese, als weiterzuentwickelndes Konzept auf. Bei der phänomenologischen Untersuchung der Kategorien des Seienden unterschied Hartmann die „intentio recta“ als Untersuchung der natürlichen und wissenschaftlichen Einstellungen zu einem Gegenstand. Mit diesem Vorgehen können – anders als bei Kant oder im Neukantianismus – keine Ergebnisse a priori gewonnen werden. Den Gegenpol bildet die „intentia obliqua“, die sich apriorisch-deduktiv und reflektorisch mit dem Akt der Erkenntnis in Logik, Psychologie oder Erkenntnistheorie befaßt. Gemäß Hartmann ist die Wirklichkeit in allem Seienden. „Das Sein des Seienden ist eines, wie mannigfaltig dies auch sein mag. Alle weiteren Differenzierungen des Seins sind aber nur Besonderungen der Seinsweise.“ (Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 38) „Sein ist ein Letztes, nach dem sich fragen läßt. Ein Letztes ist niemals definierbar. Definieren kann man nur aufgrund eines anderen, das hinter dem Gesuchten steht.“ (Ebd., 1935, S. 43). Diese Undefinierbarkeit bedeutete für Hartmann, daß man vom Begriff des Seins kein Gegenteil bilden kann. Daher lehnte er auch eine dialektische Gegenüberstellung von „Sein“ und „Nichts“ (gegen Hegel und Heidegger) ab. Für ähnlich verfehlt hielt er auch Heideggers Frage nach dem „Sinn von Sein“. Die Untersuchung des Seienden als Seindem gehe auf die Wirklichkeit und nicht auf Begriffe, so Hartmann (vgl. ebd., 1935, S. 42). Seiendes sei nicht mit Gegenständen gleichzusetzen, denn ein Gegenstand bestimme sich durch seine Beziehung zu einem Subjekt, während Seiendes subjektunabhängig sei.

Die phänomenologische Analyse führte Hartmann zu verschiedenen Unterscheidungen:
Seinsmomente sind Dasein und Sosein Mehr
Seinsweisen sind Realität und Idealität Mehr
Seinsmodi sind Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit Mehr
Jedes Seiendes hat sowohl Dasein als auch Sosein. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden (vgl. Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 86). Dasein und Sosein haben sowohl reale als auch ideale Entitäten wie mathematische Gegenstände. Jedes Dasein hat ein Sosein. Und jedes Sosein ist stets ein Sosein eines Daseienden. Realität und Idealität schließen sich hingegen aus. Ein Daseiendes ist entweder real oder ideal. Ideales ist nicht etwas nur Gedachtes, sondern nicht-gegenständliches Seiendes. Hierzu zählte Hartmann Mathematisches, Wesenheiten, Logisches und Werte. Ideales Seiendes ist zeitlos, allgemein und unveränderlich. Reales Seiendes ist dagegen zeitlich, konkret und vergänglich. Realität ist aufdringlich. Man erfährt sie in einem Widerstandserlebnis. Ideales ist in Realem als Struktur oder Gesetzmäßigkeit enthalten. So ist eine geometrische Kugel ein ideales Gebilde, das die Struktur einer materiellen Kugel beschreibt. Empirische Urteile beziehen sich stets auf reale Entitäten, mathematische Urteile auf ideales Seiendes. Beide Arten von Urteilen sind ein Erfassen von etwas An sich-Seiendem.


Zwar konnte auch die im 1. Drittel des 20. Jahrhunderts entstandene (sogenannte!) „wissenschaftstheoretische Wende“ die Erkenntnistheorie ein bißchen bereichern, doch das Verhältnis der Wissenschaftstheorie zur Wissenschaft blieb ambivalent. Jede Wende (Beispiele: „Linguistische Wende“, scheinbar neue „anlytische Philosophie“, „kritischer Rationalismus“ u.s.w.) konnten dieses Verhältnis nur leicht verbessern. Da vor allem die Entwicklung der formalen Logik (bzw. Logistik) und der Sprachphilosophie sowie die im Rahmen der damaligen Denkgewohnheiten nicht erfaßbaren Vorstellungen der Quantentheorie (Max Planck) und Relativitätstheorie (Albert Einstein) zur Entstehung einer neueren Wissenschaftstheorie geführt hatten, blieb sie zunächst auch wesentlich bestimmt vom Neopositivismus und logischen Empirismus; dagegen begründete z.B. Karl Popper die zweite Grundrichtung dieser neueren Wissenschaftstheorie, den sogenannten kritischen Rationalismus, nach dem sich Wissenschaftstheorie auf die Untersuchungen der Bedingungen für eine Falsifikation der als Hypothesen aufgefaßten wissenschaftlichen Theorien beschränken muß. (Anti-Test). Der begründungstheoretische Ansatz wird, gefördert z.B. durch die analytische Philosophie, zum einen von der analytischen Wissenschaftstheorie, zum anderen in der operationalistisch orientierten und von Paul Lorenzen begründeten konstruktiven Wissenschaftstheorie fortgeführt. Aber trotzdem: das Verhältnis der Wissenschaftstheorie zur Wissenschaft ist ambivalent. Faktische wissenschaftliche Forschung steht eben oft unter anderen Bedingungen als ihre in der Wissenschaftstheorie analysierten Strukturen und Normen. Die Frage nach den Grenzen der Erkenntnis wird wissenschaftstheoretisch immer noch als Abgrenzungsproblem zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Aussagen oder - wie bei Kant - als Kritik der „reinen Vernunft“ behandelt. Als theoretische Fundamentaldisziplin hat die Erkenntnistheorie damit die Stelle der Metaphysik, d.h. ihren ersten Platz übernommen, denn in der transzendentalen Erkenntnistheorie Kants erfuhr die Erkenntnistheorie ihre (wirklich) entscheidende Wende. (Kant als „Vater der ModerneVater der ModerneKant, Vater der Moderne). Das scheinbar ewige Subjekt-Objekt-Problem führte, indem unter Erkenntnistheorie nicht mehr nur primär Methodologie naturwissenschaftlichen Wissens verstanden wurde, zu der auch heute noch fundamentalen Unterscheidung zwischen Realismus und Idealismus. (Übrigens konnte auch Heideggers „In-der-Welt-Sein“ trotz enormen Willens und grandioser Versuche das Subjekt-Objekt-Problem nicht tilgen ). Zugleich wurde die Erkenntnistheorie aus der Einsicht in die historische Bedingtheit des Erkennens (vgl. Historismus) durch die Hermeneutik ergänzt, d.h. wissenschaftstheoretisch um die Unterscheidung von Verstehen und Erklärung. Die erkannte Bedeutung der Sprachphilosophie gilt angesichts der sprachlichen Verfaßtheit aller Erkenntnis auch für die Begründung des sogenannten exakten Wissens (Mathematik, Naturwissenschaft).


Erkenntnislehre (Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie) Herrschaftsformen in der Erkenntnistheorie - müssen die sein?

In der Erkenntnistheorie darf es keine Herrschaftsformen geben. Die jeweils herrschende bzw. vorherrschende Erkenntnis ergibt sich sowieso schon aus der Natur der Macht. Also muß da nicht auch noch mit Formen der Herrschaft „nachgeholfen“ werden. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt jedoch seit dem Ende des 2. Weltkriegs und verstärkt seit dem Ende des sogenannten „Kalten Krieges“, daß die je nach Bedarf gewählten Herrschaftsformen sich immer mehr durchgesetzt haben.

Zum Verständnis dessen, was ich meine, sei aus meinem E-Brief vom 04.01.2012 (E-Brief) zitiert:

„Eine Theorie muß falsifizierbar sein. Aber wir können ja nicht abstreiten, daß die Theorien solcher Wissenschaftler schwer zu widerlegen oder, um es wissenschaftlicher bzw. erkenntnistheoretischer auszudrücken, schwer zu falsifizieren sind. Solange sie gelten, gelten sie auch als nicht widerlegt, nicht falsifiziert.  –  Poppers Aussagen betreffen ja die wissenschaftliche Erkenntnis, genauer: die Erkenntnistheorie als Teil der Erkenntnislehre. .... Wir müssen uns darüber natürlich im klaren sein, daß Popper mit seiner Falsifikationsthese die Naturwissenschaft einerseits nicht sicherer, sonderen unsicherer, aber andererseits nicht unsicherer, sondern sicherer gemacht hat. Für wen jeweils? Darauf kommt es an! Denn (nicht nur, aber) auch dank Popper können sich zwar alle diejenigen Naturwissenschaftler, deren Theorien als nicht falsifiziert gelten, sicher sein, daß sie es ziemlich lange bleiben werden, während alle anderen Naturwissenschaftler unsicher bleiben müssen darüber, ob ihre vielleicht bessere bzw. erkenntnistheoretisch wertvollere Theorie jemals akzeptiert werden wird (denken Sie nur daran, wie lange Alfred Wegener ausgelacht worden ist - gerade auch in dem englischsprachigen Teil der Erde -, obwohl auch damals schon die vorherrschenden Theorien in der Geologie falsifiziert werden konnten, aber eben nicht wurden [warum wohl?]). Die anderen Wissenschaftler sind gegenüber den etablierten Wissenschaftlern aber immer eine riesige Mehrheit und könnten sich unter anderen Bedingungen als den geltenden viel leichter durchsetzen. Es ist ähnlich wie in der Evolution bzw. Geschichte. Manchmal setzt sich die Minderheit aufgrund ihrer Qualität (Intelligenz, Leistung u.s.w.) durch und manchmal die Mehrheit aufgrund ihrer Quantität (Masse, Anzahl). Wenn es nur die Qualität wäre, dann gäbe es - übrigens - auch keinen Untergang des Abendlandes; denn leider ist es die Quantität, z.B. die Zahl der Migranten aus fremden Kulturen (weil sie schlicht mehr Nachkommen haben!), die zuletzt dem Abendland den Todesstoß versetzen wird. Wenn es in der (Natur-)Wissenschaft auch noch exakt so wäre - seit Poppers These Doktrin ist, ist das aber immer seltener so -, dann wären Theorien, dann wäre z.B. Einsteins Relativitätsheorie mehr Druck seitens der Konkurrenz ausgesetzt, als es tatsächlich der Fall ist. (Übrigens: Ich bin nicht gegen Einstein oder dessen Relativitätstheorie!).“ E-Brief

Hallig Südfall
H a l l i g   S ü d f a l l

Dadurch, daß politisch „nachgeholfen“ wird, können sich Theorien und Erkenntnisse nicht oder zumindest nicht mehr so durchsetzen, wie es in der Wissenschaft eigentlich üblich ist, wie es gemäß des freien Spiels in der Wissenschaft möglich zu sein hat. Statt dessen wird also politisch selektiert, d.h. nach Machtverhältnissen selektiert, was durchaus nicht der Evolutionstheorie (Evolutionstheorie) widerspricht, aber es wird dadurch die Wissenschaft zerstört, denn die Wissenschaft ist eine „Insel im Meer der Evolution“ und war ursprünglich auch so erdacht, weil sie anders auch nicht existieren kann. Schon Lebewesen und ganz besonders die Menschen sind solche „Inseln“ bzw. suchen sie auf, um sich gegen die Regeln der Natur zu wehren - und sei es auf so gefährliche Weise, wie es die Bewohner auf den Halligen in der Nordsee oder den Malediven im Indischen Ozean tun.  –  „Nun wird aber, wenn ich nur die Falsifikation im Sinne Poppers gelten lasse, natürlich versucht, die Falsifikation zu verhindern. Das heißt: Das ganze Wissenschaftliche erhält eine politische Komponente, und daß dies heute längst immer mehr der Fall ist, läßt sich schon seit dem Ende des 2. Weltkrieges sagen.“ (E-Brief). Daß also auch z.B. so Leute wie Popper erst seit dem Ende des 2. Weltkrieges vermehrt im Sinne der Mächtigen „argumentieren“ und dadurch die Wissenschaft zur Nicht-Wissenschaft machen, ist kein Zufall, sondern gewollt.

Es gibt mittlerweile so viele sogenannte „Theorien“ von sogenannten „Experten“, die in Wirklichkeit alles andere als das sind, so daß ohne Gehirn sein muß, wer immer noch nicht weiß, worauf das alles hinauslaufen soll. Die angeblich „naturwissenschaftliche“ „Urknalltheorie“ geht konform mit dem Kreationismus bzw. der angeblichen „Schöpfungsgeschichte“ aus dem angeblich „Alten Testament“ des angeblich „auserwählten Volkes“. („Urknall“). Die angeblich „physikalischen“, die angeblich „chemischen“ die angeblich „biologischen“, die angeblich „ökonomischen“, die angeblich „soziologischen“, die angeblich „psychologischen“, die angeblich „semiotischen“, die angeblich „linguistischen“, die angeblich „philosophischen“ und die angeblich „mathematischen“ uns diktierten „Theorien“ sollen wir ihren, uns ebenfalls diktierten „Experten“ überlassen, und - zur Krönung - sollen wir auch noch das eventuelle Falsifizieren dieser „Theorien“ ihren „Experten“ überlassen. Was hier geschieht, ist die Dekonstruktion, der rücksichslose Abbau bzw. Rückbau, die bewußte Zerstörung bzw. Vernichtung unserer Tradition, wozu u.a. eben auch unsere in Jahrhunderten aufgebaute Wissenschaft gehört. Dabei ist das Ziel, aus Freiheit wieder Sklaverei zu machen - über den Weg von einer Neu-Theologie zu einer Neu-Religion. (Mehr). Wenn erst die Globalisten diese Neu-Religion etabliert haben werden, werden sie keine Ausnahme mehr zulassen - die ersten Ansätze dazu erkennt man jetzt bereits (vgl. Klimahysterie u.v.a.) -, aber daß ihre bereits seit dem Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert etablierte Neu-Theologie, deren Idealismen bzw. Nihilismen anfangs wenigstens noch mehr Gut- als Bösartiges in sich hatten, seit ungefähr der Mitte des 20. Jahrhunderts, als deren Idealismen und Nihilsimen erstmals mehr Bös- als Gutartiges in sich hatten, stärker als zuvor danach streben muß und auch wirklich immer mehr - weil immer bösartiger werdend - danach strebt, zur Neu-Religion zu werden, scheinen viele noch gar nicht begriffen zu haben. Diese Neu-Religion muß wegen seines Anspruches auf Gültigkeit in der gesamten Welt Elemente aus den größten bzw. bedeutendsten Religionen integrieren, also synkretistisch (SynkretistismusSynkretistismus) sein - dabei helfen ihr eben auch diejenigen Elemente aus allen Wissenschaftsdisziplinen, die sich für den Synkretsimus eignen, und da, wo sie fehlen, müssen sie kreiert werden. Also, Leute, zieht euch lieber jetzt schon warm an, denn die Globalisten haben längst alles, was sie für ihre für die Ewigkeit geplante Macht brauchen, „aus dem Nichts“ geschöpft. MehrMehrMehrMehrMehrMehrMehrMehrMehrMehr

Die Wissenschaft braucht keine Gesetze, Vorschriften, Regularien, Regeln darüber, wie lange eine Theorie Theorie bleiben darf. Wenn dies aber in der Wissenschaft der Fall ist, dann ist sie im Fall. Sie geht dann unter. Wenn bestimmt wird, wie lange eine Theorie „überleben“ darf, dann wird auch bestimmt, was als Theorie überhaupt gelten darf. Was die Wissenschaft - also: die abendländische Wissenschaft, denn sie ist die einzige, die diesen Namen wirklich verdient hat - für ihre jeweilige Theorie und Praxis braucht, sind Logik und Empirie. Für sie dürfen, ja müssen Regeln aufgestellt werden - das ist klar -, aber doch nicht dafür, was wie lange Theorie und Praxis, was wie lange Logik und Empirie sein darf und was nicht. Alle Wissenschaftler sollen, ja müssen streiten dürfen darüber, was in der Wissenschaft gelten soll und was nicht, aber kein Wissenschaftler soll bestimmen dürfen darüber, was in der Wissenschaft gelten soll und was nicht. Da, wo diktiert wird, ist keine Freiheit, keine Wissenschaft möglich. Die z.B. auch von Lerner angesprochene wissenschaftliche Methode „besagt: »Prüfe die Theorie anhand intensiver Beobachtungen.« Wenn die Beobachtung der Theorie widerspricht, verwirf die Theorie. Auf dieser Basis hätte die Urknalltheorie schon vor Jahrzehnten verworfen werden müssen. Diese Abwendung von der wissenschaftlichen Methode und die Wiedereinführung der Vorstellung, daß man sich in Sachen Wissen auf die Experten verläßt, ist sehr verhängnisvoll.“ (Lerner). Wer diktiert, wie lange wer oder was in der Wissenschaft „überleben“ darf, wird auch bald diktieren, wer oder was in der Welt „überleben“ darf, wird also wie ein „Evolutionsgott“ selektieren und dadurch Gott herausfordern. Das nannte man früher Sünde!


Erkenntnislehre (Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie) Evolutionäre Erkenntnistheorie

„Die Evolutionäre Erkenntnistheorie betrachtet das menschliche Erkenntnisvermögen als eine Fähigkeit, die wir im Laufe der Evolution erworben haben. Auch mit diesem Vermögen haben wir uns an unsere Umwelt angepaßt. Den Ausschnitt der realen Welt, an den wir kognitiv angepaßt sind, nennen wir Mesokosmos. Er ist - in Analogie zur ökologischen Nische - die kognitive Nische des Menschen. Er ist räumlich dreidimensional; bei Entfernungen reicht er von Millimetern (»Haaresbreite«) zu Kilometern (Tagesmarsch), zeitlich vom subjektiven Zeitquant (etwa 1/20 Sekunde) zum eigenen Lebensalter, von Gramm zu Tonnen, von Stillstand zur Geschwindigkeit eines geworfenen Steins, von gleichförmiger Bewegung (Beschleunigung Null) zur Sprinter- oder Erdbeschleunigung, vom Gefrier- bis zum Siedepunkt des Wassers, von Komplexität Null (unzusammenhängender Staub) bis zu linearen Systemen und damit auch zu linearer Kausalität. Dagegen gehören elektrische und magnetische Felder nicht zum Mesokosmos: Sie sind zwar, wie das Erdmagnetfeld zeigt, makroskopisch; wir haben jedoch kein Sinnesorgan für sie und können sie deshalb nicht »unmittelbar« wahrnehmen.“ (Gerhard Vollmer, Die Evolution entläßt ihre Kinder - geht das überhaupt? , in: Kulturelle Vererbung, Hrsg: Klaus Gilgenmann, Peter Mersch, Alfred K. Treml, 2010, S. 35 **).

„Die Evolutionäre Erkenntnistheorie (vgl. Gerhard Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie, 1994) geht in ihrer realistischen Variante davon aus, daß es eine reale Welt gibt, deren Objekte zunächst auf die Sinnesorgane projiziert werden. Im Erkenntnisprozeß wird dann versucht, die Objekte aus ihren Projektionen zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion bleibt jedoch stets hypothetisch. Mit anderen Worten: Alles Tatsachenwissen ist hypothetisch. Daß dennoch eine gute Passung der Erkenntnisstrukturen zur Realität besteht, ist gemäß der Evolutionären Erkenntnistheorie eine Folge von Evolution: »Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der biologischen Evolution. Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte. Sie sind individuell angeboren und somit ontogenetisch a priori, aber stammesgeschichtlich erworben, also phylogenetisch a posteriori. .... Die Evolutionäre Erkenntnistheorie deutet die Passung unserer kognitiven Strukturen als Ergebnis eines Selektionsprozesses, einer evolutiven Anpassung. Nicht nur Sinnesorgane, Zentralnervensystem und Gehirn sind Evolutionsprodukte, sondern ebenso ihre Funktionen: Sehen, Wahrnehmen, Urteilen, Erkennen, Schließen.« (Gerhard Vollmer, Biophilosophie, 1995, S. 120 f.).“ (Peter Mersch, Systemische Evolutionstheorie, 2012, S. 89 **).

Das mag so sein, obwohl hier rasch der Gedanke an einen Zirkelschluß (Circulus Vitiosus) aufkommt, weil ja behauptet wird: „Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese Welt herausgebildet haben.“ (**). Das ist ähnlich wie: „Wir sind Gottes Geschöpfe, weil Gott uns geschöpft hat.“ Eine Seinsform („die subjektiven Erkenntnisstrukturen“ **) wird mit einer Werdensform (die Herausbildung „im Laufe der Evolution in Anpassung an diese Welt“ **), also das Sein mit dem Werden erklärt. Zwar ist hier mehr das „Ergebnis gemeint und das ist nicht neu. So lautete Friedrich W. Nietzsches metaphysische These: Alles, was ist, auch das menschliche Erkennen, ist Erscheinungsform des Willens zur Macht; es gibt kein absolutes Sein, sondern Sein ist Werden, aber kein endloses Neuwerden, sondern „ewige Wiederkehr“ dessen, was schon unendlich oft dagewesen ist - „die ewige Sanduhr wird immer wieder umgedreht“ (**) -; das identische Ich ist eine Fiktion ebenso wie das wahre Sein. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie sollte also - bitte - nicht mit einem Zirkelschluß „argumentieren“ und „um den heißen Brei herumreden“, sondern so wie zuvor z.B. Nietzsche trotz der Abneigung gegenüber der Metaphysik eine metaphysische These aufstellen: Sein ist Werden. Auch Heraklit hätte sich darüber gefreut!

„Der Ansatz der Systemischen Evolutionstheorie (**) unterscheidet sich in der genannten Fragestellung nur unwesentlich von der Evolutionären Erkenntnistheorie. Beispielsweise ist für sie der menschliche Erkenntnisapparat ein Ergebnis der biologischen und der soziokulturellen Evolution. Ferner entstanden in ihrer Auffassung die Erkenntnisstrukturen nicht nur durch Anpassungen an die reale Welt und im Rahmen eines Selektionsprozesses, sondern vor allem in Übereinstimmung mit den Reproduktionsinteressen .... Anders gesagt: Erkenntnis ist immer auch interessengeleitet.“ (Peter Mersch, Systemische Evolutionstheorie, 2012, S. 90 **).

„Wahrheit hat ganz massiv etwas mit Interessen zu tun. Wissenschaftliche Ergebnisse kommen nicht durch den
Wahrheitswillen der Wissenschaftler, sondern durch ihr Kompetenzerhaltungsinteresse zustande (dies wiederum
ist eine Kernaussage der Systemischen Evolutionstheorie zum Erkenntnisgewinn). Anders wäre es nicht erklärbar,
daß Mediziner fundamental falsche Aussagen verbreiten und als allerneuesten Forscherstand verkaufen,
von denen jederzeit leicht nachprüfbar ist, daß sie falsch sind, wie es falscher nicht geht.“
(Don Quijote (Pseudonym), 24.08.2012, 11:37 [
**|**]).

Ob man die Systemische Evolutionstheorie sogar in jedem Fall als eine der Evolutionären Erkenntnistheorie untergeordnete Theorie verstehen kann, ist nicht sicher, aber der Einfachheit halber unterstelle ich das einmal.

Halten wir also bezüglich der Evolutionären Erkenntnistheorie und auch der ihr ähnlichen und erkenntnistheoretisch ihr untergeordneten Systemischen Evolutionstheorie fest: Sein ist Werden - sowohl natürlich als auch kulturell und in Übereinstimmung mit den Reproduktionsinteressen -, und das gilt auch für die Erkenntnis. In diesem Sinne ist also die Erkenntnis stets ein interessengeleiteter Erkenntnisprozeß.


Erkenntnislehre (Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie) Digitale Erkenntnistheorie - werden wir die bald nötig haben?

Byung-Chul Han

Der aus Korea stammende Byung-Chul Han glaubt, daß wir „eine neue, ja eine digitale Anthropologie, eine digitale Erkenntnis- und Wahrnehmungstheorie“ (Han) brauchen. „Wir brauchen eine digitale Sozialphilosophie und Kulturphilosophie“ (Han). Um genauer zu verstehen, wie er das begründet, ist es ratsam, den dazugehörigen Text - ein Gespräch mit dem Titel: „Der Eros besiegt die Depression“, in: Philosophie-Magazin, Juli/August 2012, S. 61-65 - zu lesen. Folgend ist er in nur etwas verkürzter Form dargestellt (lassen Sie sich von der ostasiatischen Mentalität nicht irritieren!):

P.-M.: „Was ist denn überhaupt das Problem an der neoliberalen Leistungsethik?

Das Problem ist, daß sie so listig ist und dadurch so verheerend effizient. Ich will Ihnen erzählen, worin diese List besteht. Karl Marx hat eine Gesellschaft kritisiert, die durch eine Fremdherrschaft regiert wurde. Im Kapitalismus wird der Arbeiter ausgebeutet, und diese Fremdausbeutung stößt ab einem bestimmten Produktionsniveau an ihre Grenzen. Ganz anders die Selbstausbeutung, der wir uns heute freiwillig (bedingt freiwillig [**]; HB) unterwerfen. Die Selbstausbeutung ist grenzenlos! Wir beuten uns freiwillig aus, bis wir zusammenbrechen. Wenn ich scheitere, mache ich mich selbst für dieses Scheitern verantwortlich. Wenn ich leide, wenn ich pleitegehe, dann bin nur ich selbst schuld. Selbstausbeutung ist eine Ausbeutung ohne Herrschaft, denn sie geschieht völlig freiwillig. Und weil sie unter dem Zeichen der Freiheit steht, ist sie so effektiv. Niemals bildet sich ein Kollektiv, ein »Wir«, das sich gegen das System erheben könnte.

Sie diagnostizieren unsere Gesellschaft mit Hilfe des ungewöhnlichen Begriffspaars von Positivität und Negativität. Und stellen dabei die verschwindende Negativität fest. Wozu soll Negativität gut sein? Und was verstehen Sie überhaupt unter Negativität?

Die Negativität ist etwas, das eine immunologische Abwehrreaktion hervorruft. So ist der Andere das Negative, das in das Eigene eindringt und dies zu negieren, zu zerstören sucht. Ich habe behauptet, daß wir heute in einem postimmunologischen Zeitalter leben. Die psychischen Erkrankungen von heute wie Depression, ADHS oder Burnout sind keine Infektionen, die durch eine virale oder bakterielle Negativität verursacht werden, sondern Infarkte, für die das Übermaß an Positivität verantwortlich ist. Die Gewalt geht nicht nur von der Negativität, sondern auch von der Positivität aus, nicht nur vom Anderen, sondern auch vom Gleichen. Die Gewalt der Positivität oder des Gleichen ist eine postimmunologische Gewalt. Krank macht die Fettleibigkeit des Systems. Es gibt bekanntlich keine Immunreaktion auf das Fett.

Inwiefern hat die Depression mit der verschwindenden Negativität zu tun?

Die Depression ist ein Ausdruck des krankhaft gesteigerten narzißtischen Selbstbezugs. Der Depressive versinkt und ertrinkt in sich. Ihm ist der Andere abhandengekommen. Haben Sie Lars von Triers Film »Melancholia« gesehen? An der Protagonistin Justine zeigt sich, was ich meine: Sie ist depressiv, weil sie total erschöpft, zermürbt ist von sich selbst. Ihre ganze Libido richtet sie auf ihre eigene Subjektivität, daher ist sie unfähig zur Liebe. Und dann, ja dann: Ein Planet erscheint, der Planet Melancholia. In der Hölle des Gleichen kann die Ankunft des ganz Anderen eine apokalyptische Form annehmen. Der todbringende Planet offenbart sich Justine als der ganz Andere, der sie aus dem narzißtischen Sumpf herausreißt. Sie blüht angesichts des todbringenden Planeten förmlich auf. Sie entdeckt auch die Anderen. So wendet sie sich fürsorglich Claire und ihrem Sohn zu. Der Planet entfacht ein erotisches Begehren. Eros als Beziehung zum ganz Anderen beseitigt Depression. Das Desaster bringt ein Heil mit sich. Das Desaster geht im übrigen auf das lateinische Wort »desdesatrum« zurück, das »Unstern« bedeutet. »Melancholia« ist ein Unstern.

Sie meinen, nur ein Desaster kann uns noch retten (in Anlehnung an einen Satz von Martin Heidegger: „Nur noch ein Gott kann uns retten“ [Heidegger und Augstein (1966)]; Anm. HB) ?

Wir leben in einer Gesellschaft, die ganz auf Produktion, ganz auf Positivität gerichtet ist. Sie schafft die Negativität des Anderen oder des Fremden ab, um die Kreisläufe der Produktion und des Konsums zu beschleunigen. Zulässig sind nur konsumierbare Differenzen. Den Anderen, dem die Andersheit genommen worden ist, kann man nicht lieben, sondern nur konsumieren. Vielleicht deshalb wächst heute wieder das Interesse für die Apokalypse. Man spürt eine Hölle des Gleichen, der man entkommen möchte.

Können Sie uns keine griffigere Definition des Anderen anbieten?

Der Andere, das ist auch der Gegenstand, ja der Anstand. Wir haben die Fähigkeit, die Anständigkeit verloren, den Anderen in seiner Andersheit zu sehen, weil wir alles mit unserer Intimität überfluten. Der Andere ist etwas, das mich in Frage stellt, das mich aus meiner narzißtischen Innerlichkeit herausreißt.

Aber formiert sich nicht gerade im Moment, etwa in Gestalt der jungen Protestbewegungen wie Occupy, ein widerständiges Wir, das im System, hier vertreten durch die Börse und den Markt, ein anderes erkennt und dagegen angehen will?

Das geht nicht weit genug. Ein Börsencrash ist noch keine Apokalypse. Er ist ein innersystemisches Problem, das schnell beseitigt werden soll. Und was bringen schon die 300 oder 500 Leute, die sich schnell von Polizisten wegtragen lassen? Das ist noch lange nicht das Wir, das wir brauchen. Die Apokalypse ist ein atopisches Ereignis. Sie kommt von ganz woanders her.

Wo fände sich dann ein Ausweg?

Eine Gesellschaft ohne den Anderen ist eine Gesellschaft ohne Eros. Auch die Literatur, die Kunst und die Dichtung leben vom Begehren des ganz Anderen. Die Krise der Kunst von heute ist vielleicht auch eine Krise der Liebe. Bald, da bin ich mir sicher, werden wir die Gedichte von Paul Celan nicht mehr verstehen, denn sie sind an den ganz Anderen adressiert. Auch mit den neuen Kommunikationsmedien schaffen wir den Anderen ab. In einem Gedicht von Celan heißt es: »Du bist so nah, als weiltest du nicht hier.« Darum geht es! Die Abwesenheit, das ist der Grundzug des Anderen, das ist Negativität. Weil er nicht hier weilt, kann ich sprechen. Nur deshalb ist Poesie möglich. Der Eros richtet sich auf den ganz Anderen.

Dann wäre die Liebe eine utopische, eine uneinlösbare Option.

Das Begehren wird vom Unmöglichen genährt. Wenn es aber, etwa in der Werbung, ständig heißt: »du kannst« und »alles ist möglich«, dann ist das das Ende des erotischen Begehrens. Es gibt keine Liebe mehr, weil wir uns zu frei wähnen, weil wir zwischen zu vielen Optionen wählen. Der Andere ist natürlich dein Feind. Aber der Andere ist auch der Geliebte. Es ist wie mit der mittelalterlichen Minne, von der Jacques Lacan gesagt hat, sie sei ein Schwarzes Loch (Schwarzes Loch), um das herum sich das Begehren verdichtet. Wir kennen dieses Loch nicht mehr.

Haben wir nicht den Glauben an Transzendenz durch den Glauben an Transparenz ersetzt?

Vor allem in der Politik geht es doch kaum noch um etwas anderes. Ja, das Geheimnis ist eine Negativität. Der Entzug zeichnet es aus. Die Transzendenz ist auch eine Negativität, während die Immanenz eine Positivität darstellt. So äußert sich das Übermaß an Positivität als ein Terror der Immanenz. Die Transparenzgesellschaft ist eine Positivgesellschaft.

Worauf führen Sie den Kult der Transparenz zurück?

Zunächst muß man das digitale Paradigma verstehen. Ich halte die digitale Technologie für einen ähnlich dramatischen historischen Einschnitt wie etwa die Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks (Buchdruck). Das Digitale selbst drängt zur Transparenz. Wenn ich eine Taste auf dem Computer drücke, habe ich sofort ein Ergebnis. Die Temporalität der Transparenzgesellschaft ist die Unmittelbarkeit, die Echtzeit. Der Stau, der Informationsstau wird nicht mehr geduldet. Alles muß sich in der Gegenwart der unmittelbaren Sichtbarkeit zeigen.

Die Piratenpartei ist der Ansicht, daß die Politik von dieser Unmittelbarkeit nur profitieren kann.

»Liquid feedback« heißt da wohl das Zauberwort. Es scheint, als bringe die repräsentative Demokratie einen unerträglichen Zeitstau mit sich. Aber diese Ansicht führt zu massiven Problemen: Es gibt nämlich Dinge, die sich nicht der Unmittelbarkeit fügen. Dinge, die erst reifen müssen. Und Politik sollte eben ein Experiment sein, auch ein Experiment mit offenem Ausgang. Solange aber experimentiert wird, kann das Ergebnis noch nicht bekannt sein. Solange eine Vision realisiert werden soll, braucht es den Zeitstau geradezu. Die Politik, die die Piratenpartei anstrebt, ist daher notwendigerweise eine Politik ohne Vision. Und das gilt auch auf der Ebene der Unternehmen. Ständig findet irgendeine Evaluation statt. Jeden Tag muß ein optimales Ergebnis präsentiert werden. Es ist kein langfristiges Projekt mehr möglich. Der digitale Habitus bedeutet auch, daß wir ständig unsere Standpunkte wechseln. Daher wird es keine PolitIker mehr geben. Politiker ist jemand, der auf einem Standpunkt beharrt.

Und all das verstehen Sie als Resultat einer neuen Technologie?

Was heißt denn »digital«? Digital kommt von »digitus«, dem lateinischen Wort für »Finger«. Im Digitalen wird das menschliche Tun auf die Fingerkuppen reduziert. Lange Zeit war ja die menschliche Tätigkeit mit der Hand verbunden. Daher die Begriffe Handlung, Handwerk. Aber wir fingern heute nur noch. Das ist die digitale Leichtigkeit des Seins. Eine Handlung im emphatischen Sinne ist aber immer eine Art Drama. Heideggers Fetischisierung der Hand protestiert bereits gegen das Digitale.

Die Frage, ob man überhaupt noch handeln und experimentieren kann, spiegelt sich auch darin wider, daß es in dieser neuen digitalen Logik keine Führungspersonen gibt, daß es eine Politik ist ohne Anführer.

Das ist bereits in der Piratenpartei der Fall. Führung ist eine andere Tätigkeit. Wenn man führen will, muß man die Zukunft im Blick behalten. Ein Führer sieht in die Zukunft hinein. Und wenn ich ein politisches Experiment mache, dann muß ich auch ein Risiko eingehen können, weil das Ergebnis nicht sofort vorliegt, weil ich mich in einen unberechenbaren Raum begebe. Ein Führer im Sinne von Vorhut begibt sich ins Unberechenbare. Die Transparenz, die hingegen mit dem Digitalen verbunden ist, strebt eine totale Berechenbarkeit an. Alles muß berechenbar sein. Es gibt aber keine Handlung, die berechenbar ist. Sie wäre dann ein Rechnen, ja eine Rechnung. Die Handlung reicht immer in das Unberechenbare, in die Zukunft, hinein. Das heißt, die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft ohne Zukunft. Zukunft ist die temporale Dimension des ganz Anderen. Zukunft ist heute nichts anderes als optimierte Gegenwart.

Hat nicht die Feier der Urunittelbarkeit auch etwas mit Infantilisierung zu tun? Auch Dreijährige können es nicht ertragen, wenn ihnen ihre Eltern nicht sofort geben, was sie wollen.

Natürlich. Das Digitale infantilisiert uns, weil wir nicht mehr warten können. Denken Sie etwa daran, wie die Zeitlichkeit der Liebe verlorengeht. Der Satz »Ich liebe dich« ist ja ein Versprechen in die Zukunft hinein. Menschliche Handlungen, die emphatisch zukünftig sind, wie Verantwortung oder Versprechen, verkümmern heute. Auch Wissen, Erkenntnis oder Erfahrung besitzen einen Zeithorizont der Zukunft. Die Zeitlichkeit der Information oder des Erlebnisses ist dagegen die Gegenwart. Es gibt eine neue Krankheit der Informationsgesellschaft. Sie heißt »Information Fatigue Syndrom« (IFS). Eines ihrer Symptome ist die Lähmung der analytischen Fähigkeit. Mitten in der Informationsflut ist man offenbar nicht mehr in der Lage, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Ein weiteres Symptom ist interessanterweise die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Sie nennen die Transparenzgesellschaft auch »Pornogesellschaft». Warum ?

Die Transparenzgesellschaft ist insofern eine pornographische Gesellschaft, als die Sichtbarkeit totalisiert und verabsolutiert wird und das Geheimnis darüber ganz verschwindet. Der Kapitalismus verschärft die Pornographisierung der Gesellschaft, indem er alles als Ware ausstellt und der Sichtbarkeit ausliefert. Angestrebt wird die Maximierung des Ausstellungswerts. Der Kapitalismus kennt keinen anderen Gebrauch der Sexualität. Die erotische Spannung entspringt nicht der permanenten Ausstellung der Nacktheit, sondern der Inszenierung eines Auf- und Abblendens. Es ist die Negativität der Unterbrechung, die der Nacktheit einen erotischen Glanz verleiht.

Das Pornographische zerstört also das Erotische.

Ja. Denken Sie an diesen wunderbaren Moment in Flauberts »Madame Bovary«: Die Kutschfahrt mit Leon und Emma - eine sinnlose Kutschfahrt durch die ganze Stadt, und der Leser erfährt nichts, aber auch gar nichts vom Geschehen in der Kutsche selbst. Flaubert zählt statt dessen Plätze und Straßen auf. Und am Ende streckt Emma ihre Hand aus dem Fenster und läßt Papierschnipsel wie Schmetterlinge auf ein Kleefeld segeln. Ihre Hand ist das einzig Nackte in dieser Szene - das ist der denkbar erotischste Moment. Weil man nichts sieht. In der Hypervisibilität, die uns umgibt, ist so etwas nicht mehr vorstellbar.

Welche Rolle spielt die Philosophie angesichts der Hölle des Gleichen?

Die Philosophie ist für mich der Versuch, eine ganz andere Lebensform zu entwerfen, andere Lebensentwürfe zumindest in Gedanken zu erproben. Aristoteles hat es uns vorgemacht. Er hat die Vita contemplativa erfunden. Heute ist die Philosophie weit davon entfernt. Sie ist ein Teil der Hölle des Gleichen geworden. Heidegger vergleicht in einem Brief das Denken mit dem Eros. Er spricht vom Flügelschlag des Eros, von dem sein Denken ins Unbegangene getragen wird. Die Philosophie ist vielleicht die Liebkosung, die Formen und Sprachmuster dem sprachlos Anderen in die Haut einzeichnet.

Mittlerweile haben Sie eine Professur, aber Ihr Verhältnis zur akademischen Philosophie war nicht immer spannungsfrei, oder?

Wie Sie wissen, bin ich Philosophieprofessor an einer Kunsthochschule. Ich bin wahrscheinlich zu lebendig für das philosophische Seminar einer Universität. Die akademische Philosophie ist leider total erstarrt und leblos. Sie läßt sich nicht auf die Gegenwart, auf gesellschaftliche Probleme der Gegenwart ein.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für das Denken?

Heute gibt es so viele Dinge und Ereignisse, die einer philosophischen Erörterung bedürften. Depression, Transparenz oder auch Piratenpartei sind für mich ein philosophisches Problem. Vor allem die Digitalisierung und die digitale Vemetzung stellen heute für die Philosophie eine besondere Aufgabe und Herausforderung dar. Wir brauchen eine neue, ja eine digitale Anthropologie, eine digitale Erkenntnis- und Wahrnehmungstheorie. Wir brauchen eine digitale Sozialphilosophie und Kulturphilosophie. Heideggers »Sein und Zeit« hätte man längst digital updaten müssen.

Wie meinen Sie das?

Heidegger hat das Subjekt durch das »Dasein« ersetzt. Wir müssen nun das Subjekt durch das Projekt ersetzen. Wir sind nicht mehr »geworfen«. Wir haben kein »Schicksal«. Wir sind entwerfende Projekte. Die Digitalisierung bringt Heideggers »Ding« endgültig zum Verschwinden. Sie erzeugt ein neues Sein und eine neue Zeit. Wir müssen mehr Theorie wagen. Dafür ist die akademische Philosophie zu ängstlich. Ich wünsche ihr mehr Mut und Wagnis.»Geist« bedeutet ursprünglich Unruhe oder Ergriffenheit. Die akademische Philosophie ist, so gesehen, ohne Geist.“ (Ebd., S. 61-65).

Die Aussagen von Byung-Chul Han sind sehr interessant, wie ich finde.

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