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„Elf Berliner Thesen zu den Universitäten in Deutschland“
(Christoph Markschies)
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Ente will nach oben 1.) Der Humboldt-Mythos ist tot. Es lebe Humboldt!

„Bei allen größeren Debatten über die deutsche Universität wird wie eine Monstranz vorangetragen, was man von Wilhelm von Humboldt zu wissen meint: Da fallen dann Schlagworte wie »Einheit von Lehre und Forschung« oder »Universitas litterarum«, in Wahrheit eher Pseudo-Humboldt-Formeln. Humboldt intendierte aber niemals »Einheit von Lehre und Forschung« in dem Sinne, dass jeder Professor ungeachtet seiner jeweiligen Talente je zur Hälfte forschen und lehren sollte – dem preußischen Kultuspolitiker ging es vielmehr um das Individuum und seine spezifische Begabung. Mit dem alten Stichwort »Universitas litterarum« konnte Humboldt nicht sehr viel anfangen: Er wollte nicht die streng in Fakultäten getrennte Universität der Barockzeit und intendierte sicherlich auch nicht das in Disziplinen segmentierte und Kleinstfächer wie Spezialstudien zerrissene Fächersammelsurium der heutigen Universität. Er wünschte sich vielmehr eine gemeinsame Bemühung von Lehrenden und Studierenden um das Ganze, selbst wenn das in der Wissenschaft noch nicht aufgefunden ist und auch nie aufzufinden ist (vgl. dazu auch These 4). Im Jubiläumsjahr der Humboldt’schen Universität sollten endlich die Pseudo-Humboldt-Formeln außer Gebrauch kommen! Die originalen Gedanken Wilhelm von Humboldts (und seines Bruders Alexander) sind viel zu spannend, als daß man sich mit schlechten Referaten aus Sekundär- und Tertiärliteratur begnügen könnte!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 78).

NACH OBEN 2.) Wir brauchen ein Studium fundamentale

„Die deutsche Reformuniversität wurde nicht von Humboldt erfunden; er hat lediglich (aber was heißt da schon: lediglich!)  maßgeblich dabei geholfen, sie in Preußen politisch durchzusetzen. Die deutsche Reformuniversität ist vielmehr geprägt von den Traditionen der Aufklärung und dem letztlich dort grundgelegten Versuch, berufsbezogene und berufsfreie Bildung an einer Institution zusammenzuhalten – also eine qualifizierte Bildung zum Beruf des Mediziners, Juristen, Lehrers und Theologen zusammenzubinden mit der berufsfreien Bildung für alle Studierenden. Die berühmte Bologna-Reform ist also dann und nur dann nicht gescheitert, wenn sie neben der neuen Aufmerksamkeit für die berufsbezogene Bildung im Studium nicht die berufsfreien Bildungsanteile, ein auf grundlegende, europaweit verbindliche Werte und Bildungsgüter bezogenes Studium fundamentale und die Freiheit der Wahl von Veranstaltungen aus dem Blick verliert. Wirkliche Universitäten im klassischen Sinne des Wortes brauchen ein für alle verpflichtendes, auf Europa orientierendes Studium fundamentale, aber auch Freiraum für individuelle Akzente im Studium!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 78).

NACH OBEN 3.) Universitas litterarum heißt nicht: viele kleine Spezialschulen in einem Gebäude

„Viele große deutsche Universitätsreformer in zweihundert Jahren waren große Gelehrte mit einer Vision für den Fächerkanon, die entsprechenden Curricula universitärer Ausbildung und die dazu notwendigen Agenden herausragender Spitzenforschung. An die Stelle einer lebendigen, wissenschaftsgeleiteten und am Ganzen orientierten Weiterentwicklung, die diesem Modell entspricht, ist an vielen Universitäten die Betonierung von fein gegliederten Disziplinenstrukturen der Vergangenheit in Form von sakrosankten Strukturplänen getreten. Wichtige Gründe für diese Erstarrung sind einerseits der Auszug der (insbesondere natur-)wissenschaftlichen Großforschung aus den Universitäten vor zweihundert Jahren und andererseits die Übernahme des Projekts der Universitätsreform zunächst durch den akademischen Mittelbau (in den späten 1960er Jahren) sowie dann durch mehr oder weniger erfolgreiche, aber der Wissenschaft weitgehend entfremdete Manager (seit den späten 1980er Jahren). Erfolgreiche Einheiten müssen sich unter solchen Umständen fast zwangsläufig aus dem Gesamt der Universität lösen und ihr Heil als Spezialschulen suchen, erfolgreiche Wissenschaftler fliehen die Universität, und die Universitas litterarum verkommt zur Holding sowie zum Tummelplatz für wissenschaftsferne Interessenvertreter. Eine Universität, die nicht weit über die eigenen Mauern hinaus ihre Disziplinen- und Fächerstruktur, die Curricula ihrer Lehre und die Agenden ihrer Forschung diskutiert, verdient ihren Namen nicht!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 78).

NACH OBEN 4.) Universitas litterarum im Sinne des Berliner Projektes von 1810 war: Bemühung um das Ganze. Das bedeutet heute: Festgefahrene Duale überwinden

„Die Berliner Reformer von 1810 waren alle miteinander geprägt von der romantischen Idee der Totalität, in der alle Gegensätze aufgehoben sind: der Gegensatz von Lehrenden und Studierenden, von Natur- und Geisteswissenschaften, von Text und Bild und so fort. Man wünschte sich die Universität als gemeinsame Bemühung von Lehrenden und Studierenden, von Natur- und Geisteswissenschaftlern um das Ganze, als höhere Einheit aus Bildungs- und Forschungseinrichtung mit einem angeschlossenen Museum, als totale Aufhebung künstlicher Grenzen im Reich des Wissens und Verstehens. Wir sind mit Recht gegenüber solchen Totalitätssehnsüchten skeptisch geworden, insbesondere nach ihrer Verkehrung ins Totalitäre im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert sowie ihrer Transformation ins Banale im späten zwanzigsten Jahrhundert – das beständige Schwätzen von Inter- oder gar Transdisziplinarität war nicht das, was man vor zweihundert Jahren meinte. Heute wissen wir zugleich aber zunehmend, daß die schwierigen Probleme einer globalisierten Welt und große Rätsel wie beispielsweise das Funktionieren des menschlichen Gehirns ohne eine sehr enge Kooperation weit entfernter Wissenschaftsbereiche nicht gelöst werden können. An die Stelle der romantischen Totalitätsidee, die sich nicht mehr wiederbeleben läßt, und des inhaltsleeren Redens von Inter- und Transdisziplinarität muß die gezielte und zugleich zielorientierte Überwindung wenigstens einiger großer Duale in konkreten Projekten treten: Philosophie und Neurologie forschen beispielsweise gemeinsam über Entscheidungsfindung, Studierende der Naturwissenschaften lernen, auch ihre Bilder der Wirklichkeit kritisch zu interpretieren!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 78).

NACH OBEN5.) Wir müssen wissenschaftsgeleiteter reformieren

„Im zwanzigsten Jahrhundert hat die deutsche Universität unter immer neuen, radikalen Reformversuchen gelitten, die das Steuer des Schiffs jeweils bis zum Anschlag herumzureißen versuchten. Auf den Versuch, die Universität nach dem Modell des Führerprinzips zu reformieren, folgte die Konservierung der klassischen Ordinarienuniversität mit neuen ... eingestellten Scharen von dienstbaren Geistern. Ende der 1960er Jahre erstickte die Universität in Massen von Studierenden und endlosen Gremiensitzungen. Die jüngsten Reformen seit den späten 1980er Jahren verdanken sich meist oberflächlichen Kenntnissen der Leitungs- und Studienstrukturen großer us-amerikanischer Universitäten. Der deutschen Universität ist nur geholfen, wenn sensibler, weniger radikal und zugleich wissenschaftsgeleiteter reformiert wird. Es braucht endlich an deutschen Universitäten eine auf den Beruf der Hochschulleitung und der Hochschulreform bezogene Bildung in Form von entsprechenden (Weiterbildungs-)Studiengängen ...!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 78).

NACH OBEN6.) Laßt uns die »Gremienuniversität« außer Dienst stellen

„Das aus verständlichem Überdruß an der Ordinarienuniversität, zugleich aber unverständlichem ideologischen Überschuß entstandene und immer noch lebendige Modell der deutschen Gremienuniversität zeigt, daß die Universitäten hierzulande in besonderer Weise die Last der ... »Demokratisierung« ... zu tragen haben. Daher hat man insbesondere auch nach den schrecklichen Erfahrungen mit der Führeruniversität nach 1968 die deutschen Universitäten in einem sehr schlichten Sinne nach dem Modell der Verfassungsordnung des Landes »demokratisiert«: Es gibt Parlamente (= Akademische Senate), Fraktionen und eine Regierung (= Universitätsleitung). An vielen Universitäten stellt sich das, was als »Demokratisierung« verkauft wurde, als Rückfall in den Ständestaat dar: Die Langzeitassistenten in den Gremien vertreten ausschließlich die Interessen der Langzeitassistenten und so fort. Einzelne Bundesländer sehen das Heil in der Wiederannäherung an die autoritäre Universität oder in der Übernahme von Unternehmensstrukturen. Eine Universität ist aber seit alters her durch eine korporative Leitungsstruktur gekennzeichnet, in der ausschließlich die Exzellenz in Lehre und Forschung entscheidet. Konkreter: Unabdingbare Voraussetzung einer wirklichen Universitätsreform ist, daß wieder mehr herausragende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in die akademischen Senate und Fakultätsräte eintreten und gemeinsam Verantwortung in ihren jeweiligen Universitäten übernehmen. Die deutsche Universität muß aus den unsinnigen Alternativen einer Parlaments- (d. i. Stände-) und Präsidialdemokratie ausbrechen und zu wissenschaftsgeleiteten korporativen Leitungsstrukturen zurückfinden!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 78-80).

NACH OBEN 7.) Unsere Universitäten müssen Stiftungsuniversitäten werden

„Bis auf den heutigen Tag krankt die deutsche Universität an ihrer Erfolgsgeschichte im neunzehnten (und auch noch im zwanzigsten [etwa bis 1960]) Jahrhundert: Während Humboldt eine von staatlichem Einfluß freie Stiftungsuniversität intendierte, übernahm der preußische Staat die Berliner Gründung in seine Verantwortung, finanzierte sie und baute sie zur Weltgeltung aus. Die bürgerlichen Stiftungsuniversitäten des zwanzigsten Jahrhunderts (Hamburg und Frankfurt) wurden nach dem Zusammenbruch der sie tragenden Stiftungen ebenfalls »normale«, staatlich mehr oder weniger auskömmlich alimentierte Universitäten. Da der Staat heute nicht mehr in der Lage ist, die Universitäten auskömmlich zu finanzieren, muß Humboldts zweihundert Jahre alte Idee endlich in die Tat umgesetzt werden: Die führenden deutschen Universitäten müssen in Stiftungsuniversitäten umgewandelt werden, damit zu der knappen staatlichen Förderung größeres und kleineres zivilgesellschaftliches Engagement treten kann. Rund fünf deutsche Spitzenuniversitäten müssen durch gemeinsames bürgerschaftliches und Bundesengagement aus der Knechtschaft ihrer jeweiligen Bundesländer und deren Partikularinteressen freigekauft werden und zu Stiftungsuniversitäten umgewandelt werden!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 80).

NACH OBEN8.) Die »Landesuniversität« ist überholt

„Die meisten deutschen Universitäten sind im föderalen System zuerst Universitäten für die »Landeskinder«, das heißt sie sollen weitgehend ohne Rücksicht auf ihre finanzielle Ausstattung möglichst viele Landeskinder aufnehmen können und werden zum Teil vom Gesetzgeber dazu sogar rechtlich gezwungen. Wahrscheinlich muß es in einem förderalen System solche Landesuniversitäten geben, aber gleichzeitig braucht Deutschland einige starke wirklich konsequent überregional gedachte Universitäten. Diese Spitzenuniversitäten müssen in der Auswahl ihrer Studierenden vollkommen frei sein, dem Bund (und nicht einzelnen Ländern) zugeordnet sein und dürfen insbesondere bei der Festlegung der Betreuungsrelationen von Professor zu Student nicht mehr gegängelt werden. Wenn die in den vergangenen Jahren eingeleiteten, erfolgversprechenden Ansätze – wie der Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder – nicht verpuffen sollen ..., dann muß die Freisetzung einiger deutscher Universitäten von der staatlichen Reglementierung ihrer Zugangszahlen baldigst durchgeführt werden.“ (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 80).

NACH OBEN9.) Laßt uns die Universitäten endlich internationalisieren

„Deutsche Universitäten sind im internationalen Vergleich unendlich deutsch. Während anderswo der traditionsreiche Lehrstuhl für englische Literatur längst von einer klugen Italienerin besetzt wird, modelliert man hierzulande den Professor immer noch als Spezies der Gattung Landesbeamter. Mangelnder Service und mangelnde rechtliche wie geistige Offenheit verhindern, daß qualifizierte Ausländer bei vielen Bewerbungsverfahren eine wirkliche Chance haben oder im Status eines Professors oder Studierenden eine Chance sehen. Während über zweihundert Jahre die Ansicht galt, am deutschen Wesen könne die Universitätswelt genesen (und so geschah es ja auch!Anm. HB), ist nun selbstkritisch festzustellen, daß nur eine deutliche Internationalisierung der deutschen Universität den Schub gibt, den sie im zweihundertsten Jubiläumsjahr der Gründung einer großen deutschen Reformuniversität nicht nur in Berlin braucht.“ (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 80).

NACH OBEN 10.) Wenn es um Fragen von Forschung und Lehre geht, brauchen wir mehr Mut zum Risiko

„Forschungsgelder werden in Deutschland überwiegend auf der Basis von langen Anträgen vergeben und Studienordnungen werden seit neuestem durch zweifelhafte Akkreditierungsagenturen in aufwendigen Prozeduren evaluiert. Glücklicherweise haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft und verschiedene große Stiftungen in den vergangenen Jahren erkannt, daß man das Risiko eingehen muß und soll, kluge Forscher auch ohne lange Anträge zu fördern. Ebenso wird wieder deutlicher, daß eine Universität in aller Regel bereits akkreditiert ist (im Mittelalter durch den Papst, heute durch den Staat) und daher Kompetenz genug haben sollte, die Professionalität ihrer Studiengänge selbst sicherzustellen und zu dokumentieren. Wir brauchen angesichts von immer länger dauernden Förderverfahren mehr Mut zum Risiko und ein höheres Engagement bei der Förderung von Individuen. Und angesichts immer ausführlicherer Kontrollen ist wegen des insgesamt sehr hohen Qualitätsbewußtseins der deutschen Wissenschaft vonseiten der kontrollierenden Instanzen mehr Gelassenheit und Geduld nötig!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 80).

NACH OBEN 11.) Die deutsche Universität ist weder »im Kern gesund« noch »im Kern verrottet«; sie muß erhebliche Probleme lösen, hat aber auch herausragende Wissenschaftler und engagierte Studierende, die auf Problemlösungen hoffen lassen

„Es gehört zu den absonderlichen Eigenheiten des Bildungsdiskurses, in gewissen Abständen den Untergang des Abendlandes anzukündigen oder das Anbrechen des Paradieses für die nähere Zukunft zu prognostizieren. Mit Auml;ußerungen im Geiste radikaler Depression oder Pseudotröstungen im Sinne von schlechter Predigt ist niemandem geholfen. Einige große Wissenschaftspreise für deutsche Forscher in den vergangenen Jahren, der Exzellenzwettbewerb und die verschiedenen Programme zur Gewinnung herausragender ausländischer Forscher haben gezeigt, wie attraktiv deutsche Universitäten trotz aller Probleme nach wie vor sind. Ihre Studierenden haben keine Probleme, auf der ganzen Welt Studien- und Arbeitsplätze zu finden. Dieses Potential gilt es zu nutzen und endlich aus den verstaubten, ideologischen Debatten aufzuwachen und die politischen Zwangsmaßnahmen zu verabschieden. Die deutsche Universität hat alle Potentiale, aber es gilt, sie zu nutzen!“  (Ebd.,  in: Cicero, November 2009, S. 80).

 

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Anmerkungen:

Christoph Markschies, Elf Berliner Thesen zuden Universotäten in Deutschland, in: Cicero, November 2009, S. 78-80.

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