1.) Der Humboldt-Mythos ist tot. Es lebe Humboldt!
Bei
allen größeren Debatten über die deutsche Universität wird wie eine Monstranz
vorangetragen, was man von Wilhelm von Humboldt zu wissen meint: Da fallen dann
Schlagworte wie »Einheit von Lehre und Forschung« oder »Universitas
litterarum«, in Wahrheit eher Pseudo-Humboldt-Formeln. Humboldt intendierte
aber niemals »Einheit von Lehre und Forschung« in dem Sinne, dass
jeder Professor ungeachtet seiner jeweiligen Talente je zur Hälfte forschen und
lehren sollte – dem preußischen Kultuspolitiker ging es vielmehr um das Individuum
und seine spezifische Begabung. Mit dem alten Stichwort »Universitas litterarum«
konnte Humboldt nicht sehr viel anfangen: Er wollte nicht die streng in Fakultäten
getrennte Universität der Barockzeit und intendierte sicherlich auch nicht das
in Disziplinen segmentierte und Kleinstfächer wie Spezialstudien zerrissene Fächersammelsurium
der heutigen Universität. Er wünschte sich vielmehr eine gemeinsame Bemühung von
Lehrenden und Studierenden um das Ganze, selbst wenn das in der Wissenschaft noch
nicht aufgefunden ist und auch nie aufzufinden ist (vgl. dazu auch These
4). Im Jubiläumsjahr der Humboldt’schen Universität sollten endlich die
Pseudo-Humboldt-Formeln außer Gebrauch kommen! Die originalen Gedanken
Wilhelm von Humboldts (und seines Bruders Alexander) sind viel zu spannend, als
daß man sich mit schlechten Referaten aus Sekundär- und Tertiärliteratur
begnügen könnte! (Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 78).
2.) Wir brauchen ein Studium fundamentale
Die
deutsche Reformuniversität wurde nicht von Humboldt erfunden; er hat lediglich
(aber was heißt da schon: lediglich!) maßgeblich dabei geholfen, sie
in Preußen politisch durchzusetzen. Die deutsche Reformuniversität ist vielmehr
geprägt von den Traditionen der Aufklärung und dem letztlich dort grundgelegten
Versuch, berufsbezogene und berufsfreie Bildung an einer Institution zusammenzuhalten
– also eine qualifizierte Bildung zum Beruf des Mediziners, Juristen, Lehrers
und Theologen zusammenzubinden mit der berufsfreien Bildung für alle Studierenden.
Die berühmte Bologna-Reform ist also dann und nur dann nicht gescheitert, wenn
sie neben der neuen Aufmerksamkeit für die berufsbezogene Bildung im Studium nicht
die berufsfreien Bildungsanteile, ein auf grundlegende, europaweit verbindliche
Werte und Bildungsgüter bezogenes Studium fundamentale und die Freiheit der Wahl
von Veranstaltungen aus dem Blick verliert. Wirkliche Universitäten im klassischen
Sinne des Wortes brauchen ein für alle verpflichtendes, auf Europa orientierendes
Studium fundamentale, aber auch Freiraum für individuelle Akzente im Studium!
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 78).
3.) Universitas litterarum heißt nicht: viele kleine
Spezialschulen in einem Gebäude
Viele große deutsche Universitätsreformer
in zweihundert Jahren waren große Gelehrte mit einer Vision für den Fächerkanon,
die entsprechenden Curricula universitärer Ausbildung und die dazu notwendigen
Agenden herausragender Spitzenforschung. An die Stelle einer lebendigen, wissenschaftsgeleiteten
und am Ganzen orientierten Weiterentwicklung, die diesem Modell entspricht, ist
an vielen Universitäten die Betonierung von fein gegliederten Disziplinenstrukturen
der Vergangenheit in Form von sakrosankten Strukturplänen getreten. Wichtige Gründe
für diese Erstarrung sind einerseits der Auszug der (insbesondere natur-)wissenschaftlichen
Großforschung aus den Universitäten vor zweihundert Jahren und andererseits die
Übernahme des Projekts der Universitätsreform zunächst durch den akademischen
Mittelbau (in den späten 1960er Jahren) sowie dann durch mehr oder weniger erfolgreiche,
aber der Wissenschaft weitgehend entfremdete Manager (seit den späten 1980er Jahren).
Erfolgreiche Einheiten müssen sich unter solchen Umständen fast zwangsläufig aus
dem Gesamt der Universität lösen und ihr Heil als Spezialschulen suchen, erfolgreiche
Wissenschaftler fliehen die Universität, und die Universitas litterarum verkommt
zur Holding sowie zum Tummelplatz für wissenschaftsferne Interessenvertreter.
Eine Universität, die nicht weit über die eigenen Mauern hinaus ihre Disziplinen-
und Fächerstruktur, die Curricula ihrer Lehre und die Agenden ihrer Forschung
diskutiert, verdient ihren Namen nicht! (Ebd.,
in: Cicero,
November 2009, S. 78).
4.) Universitas litterarum im Sinne des Berliner Projektes
von 1810 war: Bemühung um das Ganze. Das bedeutet heute: Festgefahrene Duale überwinden
Die
Berliner Reformer von 1810 waren alle miteinander geprägt von der romantischen
Idee der Totalität, in der alle Gegensätze aufgehoben sind: der Gegensatz von
Lehrenden und Studierenden, von Natur- und Geisteswissenschaften, von Text und
Bild und so fort. Man wünschte sich die Universität als gemeinsame Bemühung von
Lehrenden und Studierenden, von Natur- und Geisteswissenschaftlern um das Ganze,
als höhere Einheit aus Bildungs- und Forschungseinrichtung mit einem angeschlossenen
Museum, als totale Aufhebung künstlicher Grenzen im Reich des Wissens und Verstehens.
Wir sind mit Recht gegenüber solchen Totalitätssehnsüchten skeptisch geworden,
insbesondere nach ihrer Verkehrung ins Totalitäre im neunzehnten und frühen zwanzigsten
Jahrhundert sowie ihrer Transformation ins Banale im späten zwanzigsten Jahrhundert
– das beständige Schwätzen von Inter- oder gar Transdisziplinarität war nicht
das, was man vor zweihundert Jahren meinte. Heute wissen wir zugleich aber zunehmend,
daß die schwierigen Probleme einer globalisierten Welt und große Rätsel
wie beispielsweise das Funktionieren des menschlichen Gehirns ohne eine sehr enge
Kooperation weit entfernter Wissenschaftsbereiche nicht gelöst werden können.
An die Stelle der romantischen Totalitätsidee, die sich nicht mehr wiederbeleben
läßt, und des inhaltsleeren Redens von Inter- und Transdisziplinarität
muß die gezielte und zugleich zielorientierte Überwindung wenigstens einiger
großer Duale in konkreten Projekten treten: Philosophie und Neurologie forschen
beispielsweise gemeinsam über Entscheidungsfindung, Studierende der Naturwissenschaften
lernen, auch ihre Bilder der Wirklichkeit kritisch zu interpretieren!
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 78). 5.)
Wir müssen wissenschaftsgeleiteter reformieren
Im zwanzigsten
Jahrhundert hat die deutsche Universität unter immer neuen, radikalen Reformversuchen
gelitten, die das Steuer des Schiffs jeweils bis zum Anschlag herumzureißen versuchten.
Auf den Versuch, die Universität nach dem Modell des Führerprinzips zu reformieren,
folgte die Konservierung der klassischen Ordinarienuniversität mit neuen ... eingestellten
Scharen von dienstbaren Geistern. Ende der 1960er Jahre erstickte die Universität
in Massen von Studierenden und endlosen Gremiensitzungen. Die jüngsten Reformen
seit den späten 1980er Jahren verdanken sich meist oberflächlichen Kenntnissen
der Leitungs- und Studienstrukturen großer us-amerikanischer Universitäten. Der
deutschen Universität ist nur geholfen, wenn sensibler, weniger radikal und zugleich
wissenschaftsgeleiteter reformiert wird. Es braucht endlich an deutschen Universitäten
eine auf den Beruf der Hochschulleitung und der Hochschulreform bezogene Bildung
in Form von entsprechenden (Weiterbildungs-)Studiengängen ...!
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 78). 6.)
Laßt uns die »Gremienuniversität« außer Dienst stellen
Das
aus verständlichem Überdruß an der Ordinarienuniversität, zugleich aber
unverständlichem ideologischen Überschuß entstandene und immer noch lebendige
Modell der deutschen Gremienuniversität zeigt, daß die Universitäten hierzulande
in besonderer Weise die Last der ... »Demokratisierung« ... zu tragen
haben. Daher hat man insbesondere auch nach den schrecklichen Erfahrungen mit
der Führeruniversität nach 1968 die deutschen Universitäten in einem sehr schlichten
Sinne nach dem Modell der Verfassungsordnung des Landes »demokratisiert«:
Es gibt Parlamente (= Akademische Senate), Fraktionen und eine Regierung (= Universitätsleitung).
An vielen Universitäten stellt sich das, was als »Demokratisierung«
verkauft wurde, als Rückfall in den Ständestaat dar: Die Langzeitassistenten in
den Gremien vertreten ausschließlich die Interessen der Langzeitassistenten und
so fort. Einzelne Bundesländer sehen das Heil in der Wiederannäherung an die autoritäre
Universität oder in der Übernahme von Unternehmensstrukturen. Eine Universität
ist aber seit alters her durch eine korporative Leitungsstruktur gekennzeichnet,
in der ausschließlich die Exzellenz in Lehre und Forschung entscheidet. Konkreter:
Unabdingbare Voraussetzung einer wirklichen Universitätsreform ist, daß
wieder mehr herausragende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in die akademischen
Senate und Fakultätsräte eintreten und gemeinsam Verantwortung in ihren jeweiligen
Universitäten übernehmen. Die deutsche Universität muß aus den unsinnigen
Alternativen einer Parlaments- (d. i. Stände-) und Präsidialdemokratie ausbrechen
und zu wissenschaftsgeleiteten korporativen Leitungsstrukturen zurückfinden!
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 78-80).
7.) Unsere Universitäten müssen Stiftungsuniversitäten
werden
Bis auf den heutigen Tag krankt die deutsche Universität
an ihrer Erfolgsgeschichte im neunzehnten (und auch noch
im zwanzigsten [etwa bis 1960]) Jahrhundert: Während Humboldt eine von
staatlichem Einfluß freie Stiftungsuniversität intendierte, übernahm der
preußische Staat die Berliner Gründung in seine Verantwortung, finanzierte sie
und baute sie zur Weltgeltung aus. Die bürgerlichen Stiftungsuniversitäten des
zwanzigsten Jahrhunderts (Hamburg und Frankfurt) wurden nach dem Zusammenbruch
der sie tragenden Stiftungen ebenfalls »normale«, staatlich mehr oder
weniger auskömmlich alimentierte Universitäten. Da der Staat heute nicht mehr
in der Lage ist, die Universitäten auskömmlich zu finanzieren, muß Humboldts
zweihundert Jahre alte Idee endlich in die Tat umgesetzt werden: Die führenden
deutschen Universitäten müssen in Stiftungsuniversitäten umgewandelt werden, damit
zu der knappen staatlichen Förderung größeres und kleineres zivilgesellschaftliches
Engagement treten kann. Rund fünf deutsche Spitzenuniversitäten müssen durch
gemeinsames bürgerschaftliches und Bundesengagement aus der Knechtschaft ihrer
jeweiligen Bundesländer und deren Partikularinteressen freigekauft werden und
zu Stiftungsuniversitäten umgewandelt werden! (Ebd.,
in: Cicero,
November 2009, S. 80). 8.)
Die »Landesuniversität« ist überholt
Die meisten
deutschen Universitäten sind im föderalen System zuerst Universitäten für die
»Landeskinder«, das heißt sie sollen weitgehend ohne Rücksicht auf
ihre finanzielle Ausstattung möglichst viele Landeskinder aufnehmen können und
werden zum Teil vom Gesetzgeber dazu sogar rechtlich gezwungen. Wahrscheinlich
muß es in einem förderalen System solche Landesuniversitäten geben, aber
gleichzeitig braucht Deutschland einige starke wirklich konsequent überregional
gedachte Universitäten. Diese Spitzenuniversitäten müssen in der Auswahl ihrer
Studierenden vollkommen frei sein, dem Bund (und nicht einzelnen Ländern) zugeordnet
sein und dürfen insbesondere bei der Festlegung der Betreuungsrelationen von Professor
zu Student nicht mehr gegängelt werden. Wenn die in den vergangenen Jahren
eingeleiteten, erfolgversprechenden Ansätze – wie der Exzellenzwettbewerb des
Bundes und der Länder – nicht verpuffen sollen ..., dann muß die Freisetzung
einiger deutscher Universitäten von der staatlichen Reglementierung ihrer Zugangszahlen
baldigst durchgeführt werden. (Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 80). 9.)
Laßt uns die Universitäten endlich internationalisieren
Deutsche
Universitäten sind im internationalen Vergleich unendlich deutsch. Während anderswo
der traditionsreiche Lehrstuhl für englische Literatur längst von einer klugen
Italienerin besetzt wird, modelliert man hierzulande den Professor immer noch
als Spezies der Gattung Landesbeamter. Mangelnder Service und mangelnde rechtliche
wie geistige Offenheit verhindern, daß qualifizierte Ausländer bei vielen
Bewerbungsverfahren eine wirkliche Chance haben oder im Status eines Professors
oder Studierenden eine Chance sehen. Während über zweihundert Jahre die Ansicht
galt, am deutschen Wesen könne die Universitätswelt genesen (und
so geschah es ja auch!Anm. HB), ist nun selbstkritisch
festzustellen, daß nur eine deutliche Internationalisierung der deutschen
Universität den Schub gibt, den sie im zweihundertsten Jubiläumsjahr der Gründung
einer großen deutschen Reformuniversität nicht nur in Berlin braucht.
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 80).
10.) Wenn es um Fragen von Forschung und Lehre geht,
brauchen wir mehr Mut zum Risiko
Forschungsgelder werden in
Deutschland überwiegend auf der Basis von langen Anträgen vergeben und Studienordnungen
werden seit neuestem durch zweifelhafte Akkreditierungsagenturen in aufwendigen
Prozeduren evaluiert. Glücklicherweise haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft
und verschiedene große Stiftungen in den vergangenen Jahren erkannt, daß
man das Risiko eingehen muß und soll, kluge Forscher auch ohne lange Anträge
zu fördern. Ebenso wird wieder deutlicher, daß eine Universität in aller
Regel bereits akkreditiert ist (im Mittelalter durch den Papst, heute durch den
Staat) und daher Kompetenz genug haben sollte, die Professionalität ihrer Studiengänge
selbst sicherzustellen und zu dokumentieren. Wir brauchen angesichts von immer
länger dauernden Förderverfahren mehr Mut zum Risiko und ein höheres Engagement
bei der Förderung von Individuen. Und angesichts immer ausführlicherer Kontrollen
ist wegen des insgesamt sehr hohen Qualitätsbewußtseins der deutschen Wissenschaft
vonseiten der kontrollierenden Instanzen mehr Gelassenheit und Geduld nötig!
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 80).
11.) Die deutsche Universität ist weder »im Kern
gesund« noch »im Kern verrottet«; sie muß erhebliche Probleme
lösen, hat aber auch herausragende Wissenschaftler und engagierte Studierende,
die auf Problemlösungen hoffen lassen
Es gehört zu den absonderlichen
Eigenheiten des Bildungsdiskurses, in gewissen Abständen den Untergang des Abendlandes
anzukündigen oder das Anbrechen des Paradieses für die nähere Zukunft zu prognostizieren.
Mit Auml;ußerungen im Geiste radikaler Depression oder Pseudotröstungen im Sinne von
schlechter Predigt ist niemandem geholfen. Einige große Wissenschaftspreise für
deutsche Forscher in den vergangenen Jahren, der Exzellenzwettbewerb und die verschiedenen
Programme zur Gewinnung herausragender ausländischer Forscher haben gezeigt, wie
attraktiv deutsche Universitäten trotz aller Probleme nach wie vor sind. Ihre
Studierenden haben keine Probleme, auf der ganzen Welt Studien- und Arbeitsplätze
zu finden. Dieses Potential gilt es zu nutzen und endlich aus den verstaubten,
ideologischen Debatten aufzuwachen und die politischen Zwangsmaßnahmen zu verabschieden.
Die deutsche Universität hat alle Potentiale, aber es gilt, sie zu nutzen!
(Ebd., in: Cicero,
November 2009, S. 80). |