Evolution, Zivilisation und Verschwendung. Über den Ursprung
von Allem. (2008) **
| Seit
den bahnbrechenden Arbeiten Charles Darwins wird allgemein angenommen, es sei
das Prinzip der natürlichen Auslese, welches die Evolution des Lebens und
die Vielfalt der Arten bewirke: Besser an ihren Lebensraum angepaßte Individuen
hinterlassen durchschnittlich mehr Nachkommen als weniger gut angepaßte.Peter
Mersch weist dagegen nach, daß es sich bei der natürlichen Selektion
um das Ergebnis der Wirkungen grundlegenderer, auf den Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen
von Individuen beruhender Prinzipien handelt, die er unter dem Namen »Systemische
Evolutionstheorie« zusammenfaßt. Damit kann er nicht nur die biologisch
»Central Theoretical Problem of Human Sociobiology« lösen.Gemäß
der Systemischen Evolutionstheorie können nur selbsterhaltende, selbstreproduktive
Systeme eigendynamisch evolvieren. Daraus folgt aber, daß - anders als von
Richard Dawkins vermutet - weder »egoistische« Gene noch Meme Gegenstand
der Selektion sein können. Auch widerspricht die Theorie wesentlichen Grundannahmen
der Luhmannschen Systemtheorie.Mit der
sexuellen Selektion gelang der Natur eine ganz entscheidende Innovation, nämlich
die Einführung der marktmäßigen »Gefallen-wollen-Kommunikation«,
die ihr die Möglichkeit gab, vielfältige, den Prinzipien der Systemischen
Evolutionstheorie genügende evolutive Infrastrukturen zu schaffen. Dieser
Durchbruch dürfte maßgeblich verantwortlich gewesen sein für die
Herausbildung unserer großen Gehirne und unserer Zivilisation, aber auch
für eine ungeheure Verschwendung.Das
Zusammenspiel von Systemischer
Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation
kann erklären, wie aus der auf die Erde einströmenden Sonnenenergie
und ersten Lebensformen zunächst Pflanzen, Dinosaurier und Löwen, dann
Menschen, Autos, Mobiltelefone, Banken, Technologiekonzerne und schließlich
eine enorme Umweltzerstörung entstehen konnten.(Ebd.,
Klappentext). |
2.
TEIL **
5) Demographischer Wandel (S. 297-326)
Die
fortgeschrittenen Industrienationen befinden sich auf dem Weg hin zu Wissensgesellschaften:
Nicht mehr die Ressourcen Arbeit, Kapital und Rohstoffe spielen die entscheidende
Rolle, sondern die geistigen Fähigkeiten und das theoretische Wissen ihrer
Menschen. Gleichzeitig entwickeln diese Staaten ein demographisches Problem: Die
Lebenserwartung steigt, während die Geburtenrate sinkt. (Ebd., S. 298).Dieses
als demographischer Wandel bezeichnete Problem drückt sich allgemein in drei
unabhängigen Teilaspekten aus:| | Es
werden zu wenige Kinder geboren, oder wissenschaftlich ausgedrückt: die
gesellschaftliche Reproduktion ist insgesamt mengenmäßig nicht bestandserhaltend.Analysen
zeigen: Der Geburtenrückgang in Deutschland ist wie auch in den USA und in
den übrigen europäischen Ländern einschließlich der Länder
Nordeuropas in erster Line das Ergebnis des zunehmenden Verschwindens der Mehrkindfamilie
mit drei oder mehr Kindern (vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige
Familienpolitik, 2005, S. 10) und weniger das Resultat einer zunehmenden Kinderlosigkeit.Bliebe
die deutsche Fertilitätsrate auch in der Zukunft konstant bei den heutigen
Werten (ca. 1,4), würde die deutsche Bevölkerung nicht von 83 auf zum
Beispie 150 Millionen schrumpfen, sondern langfristig auf Null. Bei einer angenommenen
Generationendauer von 30 Jahren würden bei ausgeglichenen Zuwanderungen und
Abwanderungen in Deutschland in 300 Jahren etwa nur noch ca. 1 Million Menschen
leben. Ähnliches gilt für die meisten anderen modernen Länder.
Zur Zeit weiß niemand, wie eine solche Entwicklung verhindert werden kann. | | | In
sozial schwachen beziehungsweise bildungsfernen Schichten werden mehr Kinder geboren
als in Schichten mit hohem sozioökonomischen Status beziehungsweise Bildungsniveau.
Anders gesagt: Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer
Position beziehungsweise Bildungsniveau ( Johannes Kopp, Geburtenentwicklung
und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 89). Dieser Zusammenhang besteht in
analoger Weise auch länderübergreifend: In den entwickelten Industrienationen
werden pro Frau meist viel weniger Kinder geboren als in den Entwicklungsländern.
Man nennt dieses Phänomen das demographisch-ökonomische
Paradoxon (vgl. Herwig Birg,
Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und
Europa [**],
in: Christian Leipert
[Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 30 [**]).
|**|**|Auch
diese Erscheinung könnte als fehlende Bestandserhaltung bezeichnet werden,
diesmal aber nicht bezüglich der Zahl an Menschen, sondern den Kompetenzen
und Qualifikationen. | | | Die
allgemeine Lebenserwartung steigt (die Menschen werden immer älter).
Dieser Aspekt wird im Rahmen des vorliegenden Buches jedoch als gegeben angenommen
und nicht weiter thematisiert. | Insgesamt kann also
von einer fehlenden quantitativen und qualitativen Bestandserhaltung
der Bevölkerung gesprochen werden. (Ebd., S. 298).Einige
Länder, wie etwa die USA, sind nur vom zweiten und dritten Teilaspekt betroffen,
die meisten entwickelten Länder allerdings von allen dreien.
(Ebd., S. 298).Wir können zusammenfassen:| | Es
werden in Deutschland zu wenige Kinder geboren. | | | Der
Hauptgrund dafür ist das zunehmende Verschwinden der Mehrkindfamilie mit
drei oder mehr Kindern. | | | Darüber
hinaus werden in sozial schwachen und bildungsfernen Schichichen mehr Kinder geboren
als in gebildeten Bevölkerungskreisen. | Sie werden
jetzt vielleicht einwenden, der letzte Punkt sei doch egal, alle Menschen seien
schließlich gleich. In Hurra,
wir werden Unterschicht! (2007) konnte jedoch gezeigt werden, daß
es sich bei diesem Befund um das eigentliche Hauptproblem des demographischen
Wandels handelt. (Ebd., S. 298).
5.1) Wie es dazu kam
Bevor ich mit der Analyse beginne, möchte
ich zunächst den demographischen Wandel, den die Fachliteratur manchmal auch
als die fünfte Phase des demographischen Übergangs bezeichnet, in einen
historischen Kontext stellen. (Ebd., S. 298).Während
der gesamten Geschichte der Menschheit mußten Frauen eher durchschnittlich
fünf bis acht Kinder in die Welt setzen, damit sich eine Population mengenmäßig
erhalten konnte . Der Grund: Die Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit
waren hoch, und auch noch im Erwachsenenalter konnten Krankheiten, Seuchen, Hunger,
Kriege, Unfälle oder Verbrechen zu einem frühen Tod bei nur sehr wenigen
Nachkommen fuhren. (Ebd., S. 298-299).Dies änderte sich
schlagartig zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgrund einiger Errungenschaften der
Medizin - insbesondere der Hygiene -, einer besseren Nahrungsversorgung der Bevölkerung
und weiterer Modemisierungsprozesse. In der Folge ging die Sterblichkeit zurück
und es entstand ein dramatischer Bevölkerungszuwachs: die zweite Phase des
demographischen Übergangs. (Ebd., S. 299).Als demographischer
Übergang wird in der Demographie allgemein der Transformationsprozeß
von hohen Geburten- und Sterberaten zu niedrigen Geburten- und Sterberaten verstanden.
.... Viele Experten ordnen auch den heutigen demographischen Wandel mit seinen
extrem niedrigen Fertilitätsraten einer Spätphase (posttransformative
Phase) des demographischen Übergangs zu. Dies wird im vorliegenden Buch jedoch
nicht getan. Stattdessen wird der demographische Wandel als ein eigenständiges
Phänomen mit ganz anderen Ursachen verstanden. (Ebd., S. 299).Der
demographische Übergang gliedert sich in vier Phasen:| Phase
1 | Stark schwankende
Geburten- und Sterberaten, die auf hohem Niveau dicht beieinander liegen. Es findet
kein gravierender Bevölkerungszuwachs statt. | | Phase
2 | Die Sterberate
sinkt bei etwa gleichbleibender Geburtenrate. Es entsteht ein signifikanter Bevölkerungszuwachs. | | Phase
3 | Die Geburtenrate
sinkt, und zwar sehr bald schneller als die Sterberate. Beide Werte gleichen sich
sukzessive an. Der Bevölkerungszuwachs nimmt laufend ab. | | Phase
4 | Die Geburten-
und Sterberaten liegen auf tiefem Niveau eng beieinander. Es findet kein nennenswerter
Bevolkerungszuwachs statt. (Ebd., S. 299). |
Im
Jahr 1816 lebten auf dem Gebiet in den Grenzen des späteren Deutschen Reichs
25 Millionen Menschen, am Vorabend des Ersten Weltkriegs dagegen bereits 68 Millionen
(vgl. Josef Ehmer, Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie
1800-2000 , 2004, S. 6f.). Weitere fünf Millionen waren - vor allem nach
Übersee - ausgewandert (vgl. ebd, 2004, S. 9). Zwischen 1900 und 1910 erreichte
die jährliche deutsche Bevölkerungszuwachsrate mit rund 1,5 Prozent
ihren Höhepunkt. Die Bevölkerung nahm in dieser Periode schneller zu
als jemals zuvor und jemals danach in der deutschen Geschichte (vgl. ebd., 2004,
S. 7). Der Zuwachs war auch stärker als in den meisten anderen europäischen
Ländern. (**).
(Ebd., S. 300).Auch heute lassen sich in vielen Krisenherden der
Welt zum Teil extreme Bevölkerungszuwachsraten nachweisen (Afghanistan, Somalia,
Ruanda, Palästina, Irak, Pakistan u.va.). Gunnar Heinsohn
sieht insbesondere einen sehr hohen Anteil junger Männer an der Gesamtbevölkerung
als kritisch für eine mögliche Kriegsentwicklung an (vgl. Gunnar Heinsohn,
Söhne und Weltmacht, 2003 [**]).
Die Zusammenhänge lassen sich auch unmittelbar aus der Systemischen
Evolutionstheorie ableiten. Wenn eine Bevölkerung aus lauter Individuen
besteht, die sich alle selbsterhalten und fortpflanzen wollen, dann wird es bei
hohen Bevölkerungszuwachsraten und einer dadurch bedingten deutlichen Zunahme
der Bevölkerungsdichte zwangsläufig zu einer verstärkten Konkurrenz
der Individuen um die knapper werdenden Ressourcen kommen. Charles Darwin nannte
dies den Kampf ums Dasein, der sich in extremen Fällen natürlich
auch in Kriegen, Rassismus, Völkermord und Völkerwanderung (Auswanderung)
ausdrücken kaun. All dies unterstreicht, daß es der Menschheit endlich
gelingen muß, die eigene Bevölkerungsentwicklung zu beherrschen. Ich
persönlich halte dies - trotz aller Tabuisierungen des Themas - für
das wichtigste globale Problem der Menschheit überhaupt. (Ebd.,
S. 300).Im 20. Jahrhundert paßten die europäischen Bevölkerungen
ihre Geburtenraten sukzessive an die niedrigen Sterberaten an, so daß der
starke Bevölkerungszuwachs ab etwa 1930 fast überall zum Erliegen kam.
(Ebd., S. 300).Ab etwa 1970 traten sehr viele moderne Gesellschaften
in den demographischen Wandel, mit dem sich das vorliegende Kapitel schwerpunktmäßig
beschäftigt. Als vermutliche Hauptgründe können angeführt
werden:| | Zuverlässige
Kontrazeptiva (die Pille). | | | Berufsorientierte
weibliche Emanzipation. | | | Rentenversicherung. | Heute
reichen durchschnittlich ca. 2,1 Kinder pro Frau aus, damit sich eine Bevölkerung
mengenmäßig erhalten kann. Im 18. Jahrhundert lag diese Zahl noch deutlich
über 4. Man kann deshalb durchaus behaupten: Der Rückgang der Sterblichkeit
war die Voraussetzung für die Emanzipation der Frauen. So würde eine
sich abgeschlossene Gesellschaft (das heißt, es existieren weder Zu- noch
Abwanderungen) mit 83 Millionen Einwohnern einer Fertilitätsrate von 1,4,
einer Generationendauer von 30 Jahren und einer Bestandserhaltungsrate von 2,1
(niedrige Sterblichkeit) binnen 100 Jahren auf ca. 20 Millionen Einwohner schrumpfen,
bei einer Bestandserhaltungsrate von 4,2 (hohe Sterblichkeit) dagegen auf ca.
2 Millionen. Unter solchen Verhältnissen würde sich eine Gesellschaft
bereits innerhalb der Lebenszeit von Menschen erkennbar zu Tode schrumpfen, was
gesellschaftlich wohl kaum hingenommen würde. (Ebd., S. 300-301).
5.2) Fertiltitätstheorien
Demographen, Ökonomen
und Sozialwissenschaftler machen sich ... Gedanken darüber, wie das weltweit
und auch historisch sehr unterschiedliche Fortpflanzungsverhalten der Menschheit
zu erklären ist. (Ebd., S. 301).Die
ökonomische Theorie der Fertilität (vgl. Paul B. Hill / Johannes Kopp,
Familiensoziologie, 2002, S. 198ff.) von Harvey Leibenstein und Gary S.
Becker
gilt als eines der überzeugendsten theoretischen Modelle, um das global sehr
unterschiedliche Fertilitätsverhlaten von Bevölkerungen zu erklären.
Insbesondere die sehr niedrigen Fertilitätsraten in den entwickelten Staaten
ließen sich mit älteren Theorien nicht in Einklang bringen. (Ebd.,
S. 302).Gemäß der ökonomischen
Theorie lassen sich drei verschiedene Nutzenarten für Kinder unterscheiden
(vgl. Thomas Klein, Sozialstrukturanalyse, 2005, S. 81):| | Konsumnutzen | | | Einkommensnutzen | | | Sicherheitsnutzen | Diesen
Nutzenarten stehen zwei Kostenarten gegenüber:| | Opportunitätskosten | | | Dierekte
Kosten | Wägt man die verschiedenen Nutzen-
und Kostenarten gegeneinander ab, dann läßt sich feststellen:| -
Kinder haben einen Konsumnutzen (mehr
als früher! Anm. HB)
.... - Kinder
haben nur einen vergleichsweise geringen Einkommensnutzen (geringer
als früher! Anm. HB)
.... - Kinder
haben keinen Sicherheitsnutzen (sehr
viel anders als früher [denn früher war er sehr hoch]! Anm. HB)
.... - Kinder
sind mit hohen Opportunitätskosten verbunden (höher
als früher! Anm. HB)
.... - Kinder
kosten Geld (mehr als früher! Anm. HB)
.... | Fazit: Einzig der Konsumnutzen kann heute
Kinder noch ausreichend rechtfertigen. Dieser reicht aber bei den meisten Personen
nicht aus, um große Familienstärken zu bewirken. (Ebd., S. 302-306).Bei
der biographischen Fertilitätstheorie (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen
Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion,
1991) handelt es sich um die demographische Entsprechung der Individualisierungsthese
(vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986). Sie argumentiert ökonomisch,
konzentriert sich aber kostenseitig auf die biographischen Opportunitätskosten
der Familiengründung und klammert Nutzenaspekte und dierekte Kosten weitestgehend
aus. ([**|**|**]).
(Ebd., S. 307).Kernausassagen der Theorie sind (vgl. Herwig,
Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie
der demographischen Reproduktion, 1991):| | Die
Größe des biographischen Universums nimmt durch den Wegfall sozialer,
normativer und ökonomischer Beschränkungen permanent zu | | | Je
größer das biographische Universum ist bzw. je vielfältiger die
Optionen für eine Biographie sind, desto größer ist die Zahl der
Alternativen, die mit einer biographischen Festlegung aus dem Möglichkeitsspielraum
ausscheiden. | | | Bei
einer Expansion des biographischen Möglichkeitsspielraums steigt das Risiko
einer biographischen Festlegung. | | | In
Gesellschaften mit Konkurrenzprinzip im Individualverhalten ist das Risiko biographischer
Festlegungen in der Familienbiographie größer als das Risiko von Festlegungen
in der Ausbildungs- und Erwerbsbiographie. | | | Das
Risiko familialer Festlegungen läßt sich aufschieben oder vermeiden. | | | Schlußfolgerung:
Die Wahrscheinlichkeit der demographisch relevanten biographischen Festlegungen
nimmt ab. | Dies bedeutet: Durch die zunehmende Individualisierung
(vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986) steigt die Anzahl der Lebenslaufalternativen
für eine konkrete person. Bei einer Familiengründung erfolgt aber eine
sehr große biographische Festlegung für einen längeren zeitraum,
und folglich scheiden sehr viele Lebenslaufalternativen aus dem sogenannten biographischen
Universum aus. Dies macht es wahrscheinlicher, daß eine solche Festlegung
zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erfolgt, zumal familiale Entscheidungen größere
Risiken bergen können als Ausbildungs- und Karriereentscheidungen. Die Konsequenz
ist, daß Entscheidung für eine Familiengründung immer später
oder gegebenfalls gar nicht mehr getroffen wird. (Ebd., S. 307-308).Die
biographische Fertilitätstheorie gilt allgemein als eine der schlüssigsten
Thesen für die Erklärung der niedrigen Fertilitätsraten in entwickelten
Gesellschaften. Denn immerhin konnten einzelne Folgerungen der Theorie empirisch
bestätigt werden. (Vgl. Herwig Birg,
Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und
Europa [**],
in: Christian Leipert
[Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 27-56 [**]).
(Ebd., S. 308).
5.4) Reproduktionsinteresse
Im Abschnitt Systemische
Evolutionstheorie wurde gezeigt, daß sich das Prinzip der natürlichen
Selektion aus einem grundsätzlicheren Prinzip, nämlich der »natürlichen
Verteilung« der Reproduktionsinteressen unter den Individuen einer Population
herleiten läßt. Die biologische Evolution dürfte also ganz entscheidend
durch die den Individuen innewohnenden Reproduktionsinteressen vorangetrieben
werden. (Ebd., S. 312).In menschlichen Populationen
könnte das Reproduktionsinteresse in einer ersten Amläherung mit der
gewünschten Zahl an Kindern (dem Kinderwunsch) gleichgesetzt werden. In der
Regel wird es größer als die dann tatsächlich realisierte Zahl
an Nachkommen sein. (Ebd., S. 312).Eine Studie der
Robert-Bosch-Stiftung und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung
(BiB) offenbarte, daß sich Frauen in Deutschland durchschnittlich nur noch
1,75 Kinder wünschen, Männer sogarnur 1,59 (vgl. Robert-Bosch-Stiftung,
Bosch-Studie, 2006 [**]).
Kinderlose ohne beruflichen Abschluß wünschen sich signifikant häufiger
Kinder als Kinderlose mit beruflichem Ausbildungsabschluß beziehungsweise
Hochschul-/Fachhochschulabschluß (vgl. D. Klein, Zum Kinderwunsch von
Kinderlosen, a.a.O., 2006, S. 76). (Ebd., S. 312).Man
könnte die Ergebnisse auch so zusammenfassen: Das natürliche Reproduktionsinteresse
der Bürger der Bundesrepublik Deutschland ist beschädigt, und zwar bei
Männern mehr als bei Frauen und bei Menschen mit hoher Bildung und beruflichem
Ausbildungsabschluß mehr als bei Menschen ohne beruflichen Abschluß.
(Ebd., S. 312).In den Entwicklungsländern scheint der
Wunsch nach weniger Kindern eher bei Frauen ausgeprägt zu sein (vgl. Hans
Joas [Hrsg.], Lehrbuch der Soziologie, 2001, S. 497), was normalerweise
auch zu erwarten wäre, denn getrenntgeschlechtliche Populationen haben aus
evolutiven Gründen nur dann wirklich Sinn, wenn das männliche Geschlecht
ein durchschnittlich höheres Reproduktionsinteresse besitzt als das weibliche
(siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Wozu
gibt es Sexualität?). Daß dies in vielen modernen Industrienationen
genau umgekehrt ist, ist nicht nur äußerst alarmierend, sondern weist
vor allem darauf hin, daß eine sich vorwiegend an den Interessen und Anforderungen
von Frauen orientierende Familienpolitik am Kernproblem vorbeigeht (und
daß diese Politik genau jene Variante ist, die typisch ist für die
Zivilisation abendländischer [westliche] Kultur; HB).
(Ebd., S. 312).
5.5) Familie
Ich
möchte nun auf die Institution Familie, die zentrale gesellschaftliche Reproduktionseinheit,
zu sprechen kommen. Dabei werden die weiteren Ausfuhrungen zeigen, daß die
Familie in ihrer bisherigen Form unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung
der Geschlechter nicht mehr zu halten sein dürfte. (Ebd., S. 313).
5.5.1) Kernfamilie
Im westlichen Kulturkreis
wird heute unter Familie in der Regel die sogenannte Kernfamilie aus Vater,
Mutter und deren Kindern verstanden. (Ebd., S. 313).In
der Tat ist sie in modernen Gesellschaften die weiterhin häufigste Familienform.
Alternative Modelle wie Alleinerziehung, Wohngemeinschaften, das Zusammenleben
zweier Elternteile mit nichtgemeinsamen oder gar jeweils eigenen Kindern nehmen
zwar anteilsmäßig zu, bleiben aber vorläufig noch in der Minderheit.
(Ebd., S. 313).Allerdings werden die Begriffe Familie und
Kernfamilie in der Soziologie nicht einheitlich verwendet. Für Rosemarie
Nave-Herz ist beispielsweise die Generationendifferenzierung (zum Beispiel: Mutter
mit Kindern) kennzeichnend für den Begriff der Familie, eine kinderlose Ehe
ist für sie noch keine Familie (vgl. Rosemarie Nave-Herz, Familie heute,
2000, S. 15). Entsprechend dieser Auffassung ist eine Kernfamilie eine Familie
mit einem oder beiden Elternteilen und Kindern, jedoch ohne dritte Generation
(zum Beispiel Großmutter). Eine Wohngemeinschaft mit zehn jüngeren
Menschen, die sich selbst »Familie« nennen, wäre in diesem Sinne
dagegen noch keine Familie, wenn darin ein Kind aufwächst, dann allerdings
schon. (Ebd., S. 313).
5.5.2) Ganzes Haus
Als Ganzes
Haus wird die seit dem Mittelalter vor allem in Westeuropa entstandene Familienform
der Bauern und Stadtbürger bezeichnet, in der neben der Kernfamilie noch
Verwandte (zum Beispiel Großeltern, Geschwister) und Gesinde wohnten. Einige
Schätzungen gehen davon aus, daß im Mittelalter zeitweise funfzig Prozent
aller seßhaften Menschen in solchen Gemeinschaften lebten. (Ebd.,
S. 313).Im Ganzen Haus vereinbarte sich Familienarbeit und
berufliche Tätigkeit auf besonders einfache Weise, denn häufig wurden
Kinder bereits frühzeitig in ihre spätere Aufgabe eingearbeitet und
waren praktisch ständig unter der Aufsicht der Eltern, von Verwandten oder
des Personals. Allerdings blieb dabei nicht selten eine ausreichende Bildung auf
der Strecke, da dafür entweder die Kompetenzen fehlten oder sie als nicht
notwendig erachtet wurde. Dies galt in besonderem Maße für Mädchen.
(Ebd., S. 313-314).Auch heute noch können in ländlichen
Gegenden, aber auch in manchen Berufen, ähnliche Konstellationen vorgefunden
werden. Dies ist insbesondere bei freiberuflichen und selbstständigen Tätigkeiten
der Fall, zum Beispiel bei einem Lebensmittelgeschäft mit angeschlossenem
Wohnbereich. Beide Elternteile stehen in diesem Fall über weite Strecken
des Tages als Ansprechpartner fur die Kinder zur Verfügung. (Ebd.,
S. 314).Einige Experten vermuten, in Wissensgesellschaften
und aufgrund von Fortschritten in der Telekommunikation könnten wieder vermehrt
Heimarbeitsplätze entstehen, so daß das Ganze Haus gleichfalls eine
Renaissance erleben würde. (Ebd., S. 314).
5.5.3) Ernährermodell
Die Industriegesellschaft
mit ihrem hohen Kapitaleinsatz und ihrer starken Verlagerung der Produktion aus
dem häuslichen Bereich heraus machte es erforderlich, daß ein Elternteil
- üblicherweise der Mann - das Haus verließ, um einer Erwerbsarbeit
nachzugehen. Diese wurde mit Geld und/oder Waren vergütet, womit der Familienvater
dann Frau und Kinder ernährte. (Ebd., S. 314).Als
Familienform setzte sich deshalb sukzessive das patriarchalische Ernährermodell
durch, bei dem der Vater als Ernährer der Familie fungierte, während
sich die Mutter als Hausfrau um Haus und Kinder kümmerte. (Ebd., S.
314).Zwischen beiden Geschlechtem etablierte sich erneut
die bereits biologisch vorgeprägte Arbeitsteilung, bei der der Mann primär
fur die produktiven, die Frau dagegen für die reproduktiven Aufgaben verantwortlich
war. Eine ähnliche Konstellation gab es bereits in der Altsteinzeit während
der Menschwerdung, als die Männer zur Jagd aufbrachen und die Frauen die
Kinder aufzogen und gegebenenfalls in der Umgebung Pflanzen sammelten. (Ebd.,
S. 314).Allerdings besteht zwischen den aktuellen und historischen
Familienkonstellationen noch ein entscheidender Unterschied, der gern übersehen
wird: In der Altsteinzeit gingen in der Regel die Männer gemeinsam zur Jagd,
um dann später ihre Beute mit ihren Frauen zu teilen. Ganz im Gegensatz dazu
ist die moderne Familie als ökonomisch autarke Einheit angelegt, das heißt,
sie hat sich selbst zu versorgen. Übertragen auf die Altsteinzeit hieße
das: Alle Männer gehen einzeln zur Jagd, haben alle für sich einen individuellen
Jagderfolg, der dann ausschließlich ihren jeweiligen Familien zur Verfügung
steht. (Ebd., S. 314-315).Im Rahmen einer Wertedebatte
könnte deshalb auch durchaus angemerkt werden, daß das patriarchalische
Ernährermodell vom Kern her individualistisch angelegt ist. Naturvölker
würden möglicherweise sogar einen beträchtlichen Werteverlust reklamieren.
(Ebd., S. 315).Beim Ernährermodell besteht eine Hierarchie
an sozialen Funktionen: Der Mann ernährt und schützt die Frau, diese
wiederum die Kinder. (Ebd., S. 315).Häufig wird
das patriarchalische Familienmodell (Ernährermodell) wie folgt beschrieben:| | Der
Mann geht arbeiten, und die Frau zieht die Kinder auf. | Wie
der Ausdruck Ernährermodell bereits sagt, ist diese Beschreibung jedoch unvollständig.
Präziser müßte es heißen:| | Der
Mann geht arbeiten und verdient dafür Geld die Frau zieht die Kinder auf
und verdient dafür kein Geld. | Das patriarchalische
Ernährermodell erwies sich in der Praxis als äußerst erfolgreich,
zumal es ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Produktion und Reproduktion etablierte,
was es dem Staat erlaubte, sich weitestgehend aus der gesellschaftlichen Reproduktion
herauszuhalten und diese als ausschließliche Angelegenheit seiner Individuen
zu betrachten. (Ebd., S. 315).Allerdings hatte das
Modell einen entscheidenden Nachteil: Die Frauen verblieben dabei in ökonomischer
Abhängigkeit von ihren Männern, eine Tatsache, die mit modernen Gleichheitsgrundsätzen
nicht mehr zu vereinbaren war. Auf der anderen Seite stellte es sich auch für
die Männer nicht nur als vorteilhaft dar, denn deren Arbeitswelt war häufig
gefährlich, schmutzig und erschöpfend, also alles andere als selbstbestimmt.
Diese Anstrengungen wurden aber mit einem Einkommen entlohnt, was die Männer
gleichzeitig - als Teil des Lohns - zum Oberhaupt der Familie machte. (Ebd.,
S. 315).Erst das verstärkte Aufkommen von angenehmeren
Jobs, bei denen in erster Linie intellektuelle und von Frauen in gleicher Weise
erbringbare Leistungen gefordert waren, ließ die klassische Rollenaufteilung
als eher günstig für den männlichen Teil der Bevölkerung erscheinen.
(Ebd., S. 316).
5.5.4) Familienmodell bei weiblicher Emazipation
Die
Frauenbewegung hat das patriarchalische Ernährermodell erfolgreich bekämpft
und ein anderes Familienmodell (Vereinbarkeitsmodell)
dagegen gestellt, welches in unserer Gesellschaft mittlerweile auf breiteste Akzeptanz
stößt. Es basiert auf der Annahme einer grundsätzlichen Vereinbarkeit
von Familie und Beruf (**).
| | Mann
und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Außerdem teilen
sie sich die Familienarbeit und verdienen dafür beide kein Geld. | Vielen
Familien erscheint die prinzipielle Vereinbarkeit dieser völlig unterschiedlichen
und zeitaufwendigen Aufgaben jedoch als Mythos; sie erleben beides als Addition
(vgl. Iris Radisch, Die Schule der Frauen, 2007, S. 139ff.). Auch scheint
die Reduzierung der Arbeitszeiten bei beiden Ehepartnern zwecks einer gerechteren
Aufteilung der Familienarbeit aus ökonomischer Sicht für die betroffenen
Familien häufig die schlechteste Lösung zu sein, da dann beide Ehepartner
auf eine Karrieremöglichkeit und somit zusätzliche Verdienstmöglichkeiten
verzichten müssen. Auch schließen zahlreiche Berufe - und hier insbesondere
typische Männerberufe (Pilot, Lokführer, Matrose, Dachdecker, Fernfahrer
etc.) - Vereinbarkeitsszenarien von vornherein weitestgehend aus (**).
(Ebd., S. 316).Die bisherigen Ausführungen konnten
deutlich machen: Der Geburtenrückgang in den entwickelten Ländern ist
in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern
zurückzuführen. (Ebd., S. 316).Bei einer
größeren Familie mit vier oder fünf Kindern nimmt die Familienarbeit
eine solche Größenordnung an, daß ein Elternteil (in der Regel
die Mutter) über einen Zeitraum von zehn oder mehr Jahren keiner oder nur
einer geringfügigen gleichzeitigen Erwerbsarbeit nachgehen kann und sollte
(Ausnahmen bestätigen die Regel). Damit verfügt die Familie fast ausschließlich
über das Einkommen des Ehemannes und damit über deutlich geringere Einkünfte
bei gleichzeitig wesentlich höheren Kosten gegenüber berufstätigen
Kleinfamilien beziehungsweise Kinderlosen. (Ebd., S. 316).Ferner
sind solche Familien, die - wie gesagt - für die Bestandserhaltung der Bevölkerung
unbedingt erforderlich sind, dazu gezwungen, für einen längeren Zeitraum
zu einer modernen Abwandlung des patriarchalischen Ernährermodells zurückzukehren,
was aber eigentlich nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Dieses Familienmodell
trägt den Namen Phasenmodell.| | Mann
und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Die Frau unterbricht
ihre berufliche Tätigkeitfür eine längere Familienphase und verdient
in dieser Zeit kein Geld. | Konkret heißt
das: Während der Familienphase kommt das patriarchalische Ernährermodell
zur Anwendung. Die Frau verzichtet dann auf nennenswerte Rentenansprüche,
vor allem aber auf ein eigenes nennenswertes Einkommen und damit auf eine Kernerrungenschaft
der weiblichen Emanzipation, nämlich Berufstätigkeit und ökonomische
Selbstständigkeit. Die Alternativen lauten jetzt: Ökonomische Abhängigkeit
vom Ehemann oder von der Sozialhilfe. Daneben besitzt das Modell weitere Nachteile.
Speziell für gut ausgebildete Frauen dürfte es wenig attraktiv sein.
(Ebd., S. 317).Das klassische Ernährermodell
inklusive seiner modernen Variante Phasenmodell hat in diesem Sinne also
auch für größere Familien längst ausgedient. An die Stelle
des Ehemanns als Ernährer der Familie tritt mehr und mehr der Staat (vgl.
Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006; S. 35f. [**]).
(Ebd., S. 317).Dieser Tatbestand gilt in der Bundesrepublik
längst für einen nennenswerten Anteil kinderreicher Familien. Ca. 60
Prozent aller Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern gelten als arm. Bei
Paaren öffnet sich die Schere ab drei Kindern (vgl. Frank Schirrmacher, Das
Methusalem-Komplott, 2004, S. 71). Man könnte auch sagen: Basierte im
Patriarchat die Familie noch auf Vereinbarungen zwischen Privatpersonen, so wird
sie unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter mehr und
mehr zu einer öffentlichen Angelegenheit, bei der der Staat zunehmend in
die Rolle des vormals männlichen Ernährers schlüpft. (Ebd.,
S. 317).Dies ist auch aus anderen Gründen naheliegend:
Individualisierungsprozesse - wie sie im Rahmen der weiblichen Emanzipation auf
Seiten der Frauen stattgefunden haben - gehen üblicherweise mit einer Auslagerung
von Kollektivaufgaben, die ja einen Teil der vormaligen gesellschaftlichen Rolle
ausgemacht haben, an Dritte, häufig an den Wohlfahrtsstaat, einher (vgl.
Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 109f.; Stefan Lange / Dietmar
Braun, Politische Steuerung zwischen System und Akteur, 2000, S. 20). Es
ist also nur folgerichtig, wenn der Wohlfahrtsstaat nun die Finanzierung größerer
Familien in seine Verantwortung übernimmt: Frauen und Männer als Individuen
sind unter den heutigen Verhältnissen dazu offenkundig nicht mehr in der
Lage. Das Prinzip der ökonomisch autarken Familie war eine Eigenart
des Patriarchats, welches unter der Gleichberechtigung der Geschlechter in der
bisherigen Form nicht mehr bestehen bleiben kann. (Ebd., S. 317-318).In
meinen Büchern »Land
ohne Kinder« (2006), »Die
Familienmanagerin« (2006), »Hurra,
wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie
als Beruf« (2008) wurde deshalb eine alternative Familienfinanzierung
vorgeschlagen: Jeder Bürger müßte für ein Kind Unterhalt
zahlen. Allerdings könnte er sich von dieser Verpflichtung durch das Aufziehen
eines eigenen Kindes befreien. Additiv oder alternativ zu den Unterhaltszahlungen
könnte auch eine (Teil-)Finanzierung über die Renten- und Pensionsansprüche
von Kinderlosen mit entsprechend hohen Leistungsbezügen erfolgen. (Ebd.,
S. 318).Der eingenommene Unterhalt könnte wie folgt
verwendet werden: Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kommen insgesamt zu wenig
Kinder auf die Welt. Die Differenz zu einer bestandserhaltenden Geburtenrate könnte
dann von staatlich beschäftigten Familienmanagerinnen abgedeckt werden, die
in aller Regel größere Familien mit drei oder mehr Kindern gründen.
Da die Familienarbeit dabei zum Vollzeitjob generiert, würden solche Familienfrauen
(oder auch -männer) vom Staat bezahlt. Allerdings benötigten sie entsprechende
Qualifikationen, da sie einen Beruf mit sehr hoher Verantwortung ausüben.
Auch müßten sie sich regelmäßig fortbilden (**).
(Ebd., S. 318).
| Das
Familienmanager-Konzept kann im vorliegenden Buch nur kurz angerissen werden.
Die Grundidee ist: Kinderlose zahlen Unterhalt, mit dem dann staatlich beschäftigte
Familienmanagerinnen ihre eigenen Kinder aufziehen (**|**).
Alles andere ist dagegen diskutabel. (Ebd.). |
Dabei
würde das folgende ergänzende Familienmodell zum Einsatz kommen:| | Der
Mann geht arbeiten und verdient Geld, die Frau zieht die Kinder auf und verdient
dafür ebenfalls Geld. | Dieses Familienmodell
trägt den Namen Familienmanagermodell. Es dürfte das einzige Familienmodell
sein, welches einen nennenswerten Anteil gut ausgebildeter Frauen unter der Rahmenbedingung
der Gleichberechtigung der Geschlechter zur Gründung einer Mehrkindfamilie
bewegen könnte. (Ebd., S. 318).Natürlich
würde auch die umgekehrte Variante (Die Frau geht arbeiten und 1 verdient
Geld, der Mann zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld)
funktionieren, allerdings dürften solche Konstellationen eher selten sein.
Ferner würde das Modell Alleinerziehung (Die Frau zieht die Kinder auf
und verdient dafür Geld) - gegebenenfalls im Zusammenleben mit unterschiedlichen
Partnern - unterstützen, was für moderne Gesellschaften unerläßlich
zu sein scheint. Es umgeht die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und
Beruf (**),
indem es Familie zum Beruf macht. (Ebd., S. 318-319).Grundlage
des Familienmanagermodells könnte die folgende »Norm« beziehungsweise
modifizierte verantwortete Elternschaft sein, die die Nachwuchsarbeit als eine
gesellschaftliche Kollektivaufgabe versteht, die prinzipiell von allen Bürgern
anteilsmäßig in direkter oder indirekter Form zu erbringen ist:| | Jedem
steht es in unserer Gesellschaft frei, Kinder in die Welt zu setzen. Doch bitte
beachten Sie: .... Ein unkontrollierter Bevölkerungszuwachs sollte ... unbedingt
vermieden werden. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf maximal
zwei Kinder pro Paar. Der Staat wird Maßnahmen ergreifen und fördern,
die für eine möglichst optimale Vereinbarkeit einer kleineren Familie
mit bis zu zwei Kindern mit einem Beruf und für einen relativ fairen Familienlastenausgleich
sorgen werden. | | | Allerdings
ist die Gesellschaft auf eine insgesamt bestandserhaltende Reproduktion angewiesen.
Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kann eine solche nicht gewährleistet
werden. Deshalb ist es in unserer Gesellschaft zusätzlich Ihre Aufgabe, als
Paar zwei Kinder aufzuziehen, als Einzelperson ein Kind. Damit leisten Sie Ihren
Beitrag zu einer bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion. Sie müssen
das aber nicht selbst tun, sondern Sie können die Aufgabe zum Teil oder in
Gänze anderen Fachleuten überlassen. Dafür müssen Sie dann
aber regelmäßig einen bestimmten Betrag abführen, damit diese
das auch in der entsprechenden Qualität für Sie tun können. | Wenn
es laut Präferenzmodell Frauen jedes Qualifikationsniveaus gibt, die lieber
eine größere Familie gründen würden aIs einer Erwerbsarbeit
nachzugehen ((vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige
Familienpolitik, 2005, S. 27ff.; Catherine Hakim, , Work-Lifestyle
in the 21st Century, 2005), dann ist die grundsätzliche Nichtkommerzialisierbarkeit
dieser für unsere Gesellschaft so eminent wichtigen Familienarbeit nicht
mit den Prinzipien der Geschlechtergleichberechtigung vereinbar, weil sonst solche
Frauen in ihrer Lebensplanung massiv benachteiligt werden. (Ebd., S. 319).Im
Abschnitt Systemflexibilität
wurde darauf hingewiesen, daß moderne Organisationssysteme
(**|**|**|**)
ihre Systemstrukturen bereits aus ihrem Selbsterhaltungsinteresse heraus immer
weiter flexibilisieren werden, denn hierdurch können sie ihre Anpassungsfähigkeit
an die Markterfordernisse und damit ihre Überlebensfähigkeit signifikant
erhöhen. Sie operieren in dieser Hinsicht aus einem Eigeninteresse heraus.
Allerdings wirkt sich dieser Prozeß auch unmittelbar auf die Mitarbeiter
der Unternehmen aus, denn nun müssen auch diese in ihrer Lebensplanung immer
flexibler werden (vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch, 2006), was
aber mit deren natürlichen Reproduktionsinteressen kollidiert, da beim Aufziehen
von Nachwuchs nicht Flexibilität, sondern ganz im Gegenteil dazu vor allem
Verläßlichkeit verlangt wird. Auch aus diesem Grund dürfte die
zukünftige Erweiterung der vorhandenen Familienmodelle um ein Familienmanagermodell
für Mehrkindfamilien geradezu unerläßlich sein. (Ebd., S.
320).
5.6) Gründe für den demographischen Wandel
Die
Ursachen des demographischen Wandels werden in meinen Büchern »Land
ohne Kinder« (2006), »Die
Familienmanagerin« (2006), »Hurra,
wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie
als Beruf« (2008) im Detail erörtert. Ich möchte an dieser
Stelle zwei Gründe exemplarisch herausgreifen und damit dann auch die wichtigsten
Ergebnisse des vorliegenden Kapitels noch einmal zusammenfassen. (Ebd.,
S. 320).
5.6.1) Geringes und ungleiches Reproduktionsinteresse
Seit
der allgemeinen Verfügbarkeit moderner Kontrazeptiva lassen sich Paarung
und Fortpflanzung präzise voneinander trennen. In der Folge hat sich das
menschliche Reproduktionsinteresse von einem machtvollen biologischen Trieb in
eine ökonomisch abschätzbare Größe gewandelt. (Ebd.,
S. 320).Gleichzeitig wurde damit die berufsorientierte weibliche
Emanzipation ermöglicht. In unserer Gesellschaft gilt nun die Norm, daß
sowohl Frauen als auch Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich eventuelle
Familienarbeiten dann paritätisch teilen. (Ebd., S. 320).Dies
hat eine ganze Reihe bemerkenswerter Konsequenzen:| | Kinder
haben in modernen Gesellschaften fast ausschließlich nur noch einen Konsumnutzen.
Dieser wächst aber mit zunehmender Kinderzahl nicht schnell genug, um oberhalb
der gleichzeitig linear ansteigenden Familienkosten zu bleiben, weswegen sich
moderne Familien in der Regel auf kleine Familiengrößen beschränken.
Ihr Reproduktionsinteresse ist folglich gering, und zwar im Durchschnitt geringer,
als es für eine bestandserhaltende gesellschaftliche Reproduktion erforderlich
wäre. | | | Sind
beide Elternteile berufstätig (was in unserer Gesellschaft allgemein angestrebt
wird), ergeben sich für Kinder nennenswerte Opportunitätskosten, und
zwar für beide Elternteile. Kinder werden dann potenziell umso teurer, je
mehr die Eltern verdienen, beziehungsweise je qualifizierter und verantwortungsvoller
ihre berufliche Tätigkeit ist. | Ferner
gilt: Je höher die beruflichen Qualifikationen sind, desto größer
ist meist auch der zeitliche Arbeitseinsatz, weswegen die Vereinbarkeit von Familie
und Beruf dann selbst bei optimaler Vereinbarkeitsinfrastruktur besonders schwer
zu realisieren ist (**).
(Ebd., S. 320-321).
| Beruflich
erfolgreiche und gutverdienende Paare sind auf keine öffentlichen Vereinbarkeitsinfrarstrukturen
angewiesen, da sie sich entsprechende Betreuungsleistungen privat kaufen köjnnten
(Studentinnen, Aupairmädchen, Kindermädchen, Haushälterin u.s.w.).
Trotzdem haben gerade solche Paare sehr wenige Kinder. Dies allein demonstriert
in aller Deutlichkeit, daß die Vereinbarkeitsthese
(»Paare bekommen deshalb so wenige Kinder, weil die Vereinbarkeit von Familie
und Beruf noch nicht gegeben ist.«) nicht korrekt sein kann (**).
(Ebd.). |
In der
Folge sinkt das Reproduktionsinteresse mit steigenden Qualifikationen beziehungsweise
mit dem sozialen Erfolg. Es bildet sich dann ein Dilemma heraus, welches der Kernaussage
des »Central Theoretical Problems of Human Sociobiology« (siehe Abschnitt
Central
Theoretical Problem of Human Sociobiology) entspricht. Anders gesagt:
Die gesellschaftliche Reproduktion verletzt das Prinzip Reproduktionsinteresse
der Systemischen Evolutionstheorie. Es ist deshalb davon auszugehen, daß
sich moderne Gesellschaften mit solchen Eigenschaften nicht weiterentwickeln können
(**). (Ebd., S. 321).
| In
der Tat ist in den meisten entwickelten Ländern seit Ende der 1990er Jahre
ein Absinken des durchschnittlichen IQs der Bevölkerung feststellbar (vgl.
Wissenschaft.de,
2005 [**]).
Gleichzeitig steigt in Deutschland seit Jahren der Anteil der Studierenden mit
mindestens einem akademischen Elternteil , kontinuierlich an, und zwar von 29
Prozent in 1985 auf 44 Prozent in 2000 (gl. E. Schnitzer / W. Isserstedt / E.
Middendorff, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik
Deutschland, 2001, S. 119). Meist wird behauptet, dies sei ein deutliches
Anzeichen dafür, daß es in der Bundesrepublik noch immer keine gleichen
Bildungschancen für Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten
gebe. Dies übersieht allerdings, daß sich dieser Effekt erst recht
herausstellen würde, wenn absolute Chancengleichheit bei der Bildung bestehen
würde, weil dann der hohe erbliche Anteil bei der Intelligenz zwangsläufig
zum Ausdruck kommen müßte. Eltern mit hoher Intelligenz würden
daun nämlich mit höjherer Wahrscheinlichkeit einen Hochschulabschluß
erreichen und gleichfalls mit höherer Wahrscheinlichkeit Kinder mit hoher
Intelligenz haben, die nun wiederum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit
studieren werden. (Ebd.). |
Separat
zu analysieren und zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang aber auch das männliche
Reproduktionsinteresse, welches gemäß Untersuchungsergebnissen speziell
in der Bundesrepublik Deutschland unterhalb der weiblichen liegt, was aus biologischen
Gründen nicht sein dürfte (siehe Abschnitt Wozu
gibt es Sexualität?). Dies deutet darauf hin, daß insbesondere
für Männer nun gesellschaftliche Verhältnisse in Kraft sind, die
mit ihrem natürlichen Reproduktionsinteresse nicht mehr in Einklang zu bringen
sind. (Ebd., S. 322).Ich möchte das Thema an
dieser Stelle nicht weiter vertiefen, lediglich auf zwei Punkte hinweisen:| | Die
öffentliche Debatte zur prekären Nachwuchssituation in den Industrienationen
analysiert die Problematik vorwiegend aus weiblicher Sicht, dabei scheint die
Situation bei den Männern noch verfahrener zu sein | | | Das
in meinen Büchern »Land
ohne Kinder« (2006), »Die
Familienmanagerin« (2006), »Hurra,
wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie
als Beruf« (2008) vorgestellte Familienmanager-Konzept würde ganz
wesentlich auch den natürlichen männlichen Interessen entgegenkommen,
nämlich durchschnittlich weiterhin die deutlich geringeren Fortpflanzungsaufwände
zu haben. (Ebd., S. 322). |
5.6.2) Selbstfinanzierte Familie
Familien sind in
unserer Gesellschaft ökonomisch autarke Einheiten, die sich vom Grundsatz
her selbst zu ernähren haben. Anders gesagt: Familien besitzen eine Wirtschaftsfunktion.
Eine solche gesellschaftliche Vorgabe ist aber alles andere als selbstverständlich,
denn viele Naturvölker kennen etwas Vergleichbares nicht. (Ebd., S.
322).Im Patriarchat galt unter dem Paradigma der familialen
Wirtschaftsfunktion noch die einfache Regel: Familien, die mehr Ressourcen (Geld)
erlangten, konnten sich mehr Kinder »leisten«, sofern sie nur wollten.
Eine solche Regelung steht noch nicht im Widerspruch zu den Prinzipien der Darwinschen
Lehre. (Ebd., S. 322).Im Rahmen der Gleichberechtigung
der Geschlechter wurde die Wirtschaftsfunktion der Familie unbesehen beibehalten.
Nun sollen also im Rahmen des gesellschaftlich präferierten Vereinbarkeitsmodells
beide Elternteile gleichermaßen die erforderlichen Ressourcen beschaffen,
während sie sich gleichzeitig die Familienarbeit paritätisch teilen.
(Ebd., S. 322).Allerdings ist ein solches Modell - wenn
überhaupt - nur für kleinere Familien sinnvoll. Denn spätestens
ab dem dritten oder vierten Kind nimmt die Familienarbeit ein solches Ausmaß
an, daß entweder ein Elternteil oder gar beide ihre Arbeitszeiten signifikant
reduzieren müssen, und zwar selbst dann, wenn sie auf eine optimale Vereinbarkeitsinfrastruktur
zurückgreifen können. (Ebd., S. 323).Mit
jedem weiteren Kind dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Dies
führt dann zu dem folgenden bemerkenswerten - in patriarchalischen Gesellschaften
nicht bekannten - Dilemma:| | Mit
zunehmender Kinderzahl steigen die Ausgaben für die Familie, während
gleichzeitig ihre Einkünfte sinken (**|**). | Ich
möchte das an einem - allerdings stark vereinfachenden - Beispiel deutlich
machen:| | Ehepaar
Müller ist beruflich qualifiziert und erfolgreich. Die beiden Ehepartner
verdienen monatlich jeweils 3000 Euro nach Steuern. Mit jedem Kind würden
ihnen 500 Euro an zusätzlichen Kosten entstehen, bei vier Kindern also 2000
Euro. Gleichzeitig entstünde dann soviel Familienarbeit, daß beide
nur noch halbtags arbeiten gehen könnten. In der Folge reduzierten sich ihre
Einkünfte aufjeweils 1500 Euro pro Monat, das heißt, auf insgesamt
3000 Euro. Verdienten sie also vorher zusammen 6000 Euro im Monat, die ihnen allein
zur Verfügung standen, hätten sie mit ihren vier Kindern noch 3000 Euro,
während ihre Kosten gleichzeitig um 2000 Euro angestiegen wären. Im
Endeffekt würden sich ihre persönlichen Einkünfte durch die Familiengründung
von 6000 Euro auf 1000 Euro pro Monat reduzieren. | Das
gerade geschilderte Dilemma ist mit den bislang öffentlich diskutierten familienpolitischen
Maßnahmen auch nicht einmal ansatzweise behebbar. In der Folge verschwinden
die größeren Familien, oder sie werden systematisch in die Sozialhilfe
abgedrängt, wo das Selbsternährerdogma nicht mehr gilt, denn dort versorgt
ja der Staat. (Ebd., S. 323).
| Auf
die Unternehmenswelt übertragen könnte das Dilemma wie folgt lauten:
»Mit zunehmenden Investitionen in die Zukunft des Unternehmens sinken die
Umsätze.« Unternehmen würden unter solchen Gegebenheiten ihre
Investitionen in die Forschung einstellen. Offenbar handeln moderne Paare ganz
entsprechend. (Ebd.). |
Dies
wäre alles noch hinnehmbar, wenn die gesellschaftliche Reproduktion auch
ohne größere Familien funktionieren könnte. Diverse Analysen konnten
jedoch zeigen: Dies ist nicht möglich. Und so wies denn auch der 7. Familienbericht
der Bundesregierung erneut darauf hin, daß der Geburtenrückgang in
Deutschland, aber auch in vielen anderen entwickelten Ländern, in erster
Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie zurückzuführen ist (Hans
Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005,
S. 10). (Ebd., S. 323).Eine Konsequenz aus den obigen
Ausführungen ist:| | Die
Familie, wie wir sie kennen, ist mit der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht
kompatibel. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen muss das System F amilie neu
überdacht werden. (Ebd., S. 324). |
5.7) Vereinbarkeit von Familie und Beruf **
Zum
Abschluß des Kapitels möchte ich noch einmal ein Thema aufgreifen,
welches im Laufe der bisherigen Ausführungen schon häufiger angesprochen
wurde, da es in einem unmittelbaren Zusammenhang zur Systemischen Evolutionstheorie
steht: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**).
(Ebd., S. 324).Wie wir gesehen haben, sind die beiden zentralen
Lebensaufgaben der eigene Selbsterhalt und die Fortpflanzung. In
modernen menschlichen Gesellschaften erfolgt die Sicherung des Selbsterhalts im
allgemeinen durch eine berufliche Tätigkeit, während die Fortpflanzung
primär eine Sache der Familie ist. Man könnte deshalb auch sagen: Die
zentralen menschlichen Lebensaufgaben sind Beruf und Familie. (Ebd.,
S. 324).Gemäß dem Prinzip der natürlichen
Reproduktionsinteressen der Systemischen Evolutionstheorie sollten die Selbsterhaltungs-
und Reproduktionsinteressen innerhalb einer Population nicht negativ mit der relativen
Fitneß der Individuen in Bezug auf den Lebensraum korrelieren (siehe Abschnitt
Systemische Evolutionstheorie). In unserem konkreten Fall bedeutet das:
Das Fortpflanzungsinteresse (der Kinderwunsch) sollte nicht systematisch und statistisch
signifikant mit dem sozialen Erfolg (Karriere, Einkommen u.s.w.) der Bürger
zurückgehen. Im Abschnitt Gültigkeit
der Darwinschen Evolutionsprinzipien konnte gezeigt werden, daß
sich dann auch das Prinzip der natürlichen Auslese einstellen würde.
(Ebd., S. 324).Tatsächlich sind die Verhältnisse
in modernen menschlichen Gesellschaften aber genau umgekehrt (siehe die einleitenden
Bemerkungen zu diesem Kapitel [**]),
denn dort besteht im allgemeinen ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl
und sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau (vgl. Johannes Kopp, Geburtenentwicklung
und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 89). Der Grund für dieses Dilemma
ist das in modernen menschlichen Gesellschaften mit zunehmendem beruflichen Erfolg
zurückgehende Reproduktionsinteresse, wie der Abschnitt Central
Theoretical Problem of Human Sociobiology aufzeigen konnte. Empirische
Untersuchungen bestätigen diesen Zusammenhang (siehe Abschnitt Reproduktionsinteresse).
(Ebd., S. 324-325).In der öffentlichen Debatte zum
demographischen Wandel und zur Familiensituation wird meist behauptet, die genannten
Probleme resultierten aus der noch immer nicht gegebenen Vereinbarkeit von
Familie und Beruf (**).
Allerdings verkennt eine solche Argumentation die enorme Wirkmacht der Opportunitätskosten.
(Ebd., S. 325).Wenn sich in einem Restaurant die zeitlichen
Aufwände für Kochen und Bedienen ungefähr die Waage halten, dann
ist die Vereinbarkeit von Kochen und Bedienen (alle Mitarbeiter machen beide Arbeiten
gleichermaßen) eine ineffiziente Lösung, eine Arbeitsteilung zwischen
Kellnern und Köchen dagegen vergleichsweise effizient. Spätestens seit
den Arbeiten von Adam Smith und David Ricardo (Ricardos Theorem der komparativen
Kostenvorteile) gehört dies zu den gesicherten Erkenntnissen der Wirtschaftswissenschaften.
Ganz ähnlich sieht es beim Verhältnis von Familie und Beruf aus, und
zwar insbesondere in Mehrkindfamilien, wo die Familienarbeit ein solches Ausmaß
annimmt, daß sie zum Vollzeit-Job generiert. (Ebd., S. 325).Grundsätzlich
handelt es sich bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**)
um einen Balanceakt zwischen zwei völlig unterschiedlichen, zeitaufwändigen
Tätigkeiten. Man hat sich dann individuell zu entscheiden, wo die Trennlinie
zwischen den beiden zentralen Lebensaufgaben gezogen werden soll: mehr auf der
Seite des Berufs oder eher auf der Familienseite. Entscheidet sich beispielsweise
ein Paar beiderseitig für eine berufliche Karriere, bleibt ihm zwangsläufig
weniger Zeit für die Familie. Es hätte zwar dann die ökonomischen
Mittel, eine größere Familie zu finanzieren, allerdings fehlte es ihm
an Zeit. Mit der beruflichen Beanspruchung dürfte sein Fortpflanzungsinteresse
somit zurückgehen. Daraus folgt aber unmittelbar: Als generelles Konzept
zur Lösung der Familienproblematik steht die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf im Widerspruch zur Systemischen Evolutionstheorie. Eine menschliche Gesellschaft
mit einem auf solchen Prinzipien basierenden Fortpflanzungsverhalten könnte
sich nicht weiter an sich veränderode Rahmenbedingungen anpassen. Sie könnte
also nicht weiter evolvieren. (Ebd., S. 325-326).Unsere
komplexe Wirtschaftswelt hat eine ganze Reihe an Berufen hervorgebracht, bei denen
man zum Teil ganze Tage oder sogar Wochen außer Haus verbringen muß.
Ganz so neu ist die Situation eigentlich nicht, denn für die Seefahrt gilt
das schon seit vielen tausend Jahren. Auch heute kann man nicht einerseits auf
einem Fracht- oder Kreuzfahrtschiff anheuern und gleichzeitig noch einen angemessenen
Beitrag zur Familienarbeit leisten. Familie und Beruf lassen sich in solchen Fällen
nur arbeitsteilig vereinbaren. Eine gesellschaftsweite Vorgabe, die davon ausgeht,
daß Frauen und Männer ähnliche Lebensentwürfe besitzen und
folglich gleichermaßen einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich eventuelle
Familienarbeiten dann paritätisch teilen, würde Menschen mit solchen
Berufen aber regelrecht zur Kinderlosigkeit verdammen, da die jeweiligen Ehepartner
dann die gesamte Familienarbeit - ähnlich Alleinerziehenden - zu leisten
hätten, wodurch sich für sie eine gleichzeitige Berufstätigkeit
und damit Verdienstmöglichkeit praktisch ausschließt. Selbst kleinere
Familien wären unter solchen Verhält nissen kaum noch zu finanzieren.
(Ebd., S. 326).Im Abschnitt Systemflexibilität
wurde aufgezeigt, daß die moderne Wirtschaftsweise immer höhere Flexibilitätsanforderungen
an die Beschäftigten stellt, die aber mit deren Reproduktionsinteressen kollidieren,
da beim Aufziehen von Nachwuchs nicht Flexibilität, sondern in erster Linie
Verläßlichkeit verlangt wird. Auch aus diesem Grunde dürfte eine
Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**)
in der Praxis auf erhebliche systemimmanente Schwierigkeiten stoßen.
(Ebd., S. 326).Und schließlich steht die Vereinbarkeit
von Familie und Beruf (**)
als generelles gesellschaftliches Konzept im Widerspruch zur Individualisierungsthese
(vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986; Peter Mersch, Hurra,
wir werden Unterschicht!, 2007, S. 136ff. [**];
Peter Mersch, Die
Emanzipation - ein Irrtum!, 2007, S. 74ff. [**]),
die eine sich verstärkende Arbeitsteilung, keineswegs aber das Zusammenführen
völlig unterschiedlicher und vorher bereits arbeitsteilig verrichteter Tätigkeiten
prognostiziert (siehe dazu auch die Ausführungen im Kapitel Zivilisation).
(Ebd., S. 326).Fazit: Das Konzept der grundsätzlichen
Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**)
steht in Verbindung mit der generellen Angleichung der Lebensentwürfe
beider Geschlechter und dem Konzept der Familie als ökonomisch autarke
Einheit (Wirtschaftsfunktion der Familie) sowohl im Widerspruch zur soziologischen
Individualisierungsthese als auch zur Systemischen Evolutionstheorie.
(Ebd., S. 326)
6) Zivilisation **
(S. 327-378)
| Peter
Mersch definiert den Begriff Zivilisation zum Teil anders als ich
(HB)! ** |
6.2) Evolutionismus und Neoevolutionismus
Während
ältere Theorien (Evolutionismus) häufig noch davon ausgingen,
daß sich menschliche Gesellschaften auf unterschiedlichen Stufen der sozialen
Entwicklung befinden, die bei »primitiven« Urgesellschaften beginnt
und sich dann immer mehr in Richtung »Zivilisation« bewegt, um dann
etwa bei den westlichen Gesellschaften und ihrer Kultur zu kulminieren (die soziokulturtellen
Evolutionstheorien von Auguste Comte, Herbert Spencer, Lewis Henry Morgan und
gewissermaßen auch die von Karl Marx fallen in diese Kategorie), lehnen
die meisten jüngeren Theorien (Neoevolutionismus) - ähnlich der
Systemischen Evolutionstheorie - die Vorstellung einer zielgerichteten gesellschaftlichen
Änderung oder gar eines sozialen Fortschritts ab. (Ebd., S. 352).
6.3) Zivilisierungsthese
Beim Prozeß der Zivilisation
handelt es sich um die sukzessive gesellschaftsweite Umstellung von dominanten
Kommunikationsweisen (Zwangsselektionen) auf die Gefallen-wollen-Kommunikation
(das heißt aber: der Beginn der Sexualität bzw.
Gefallen-wollen-Kommunikation ist auch der Beginn der Zivilisation [??]
! HB), bei
der die Selektionsinteressen der Kommunikationspartner wahr- und ernstgenommen
werden. (Ebd., S. 354).Indirekt wird damit auch definiert,
was im vorliegenden Kapitel unter Zivilisation verstanden werden soll:
Eine Gesellschaft, in der die Selektionsinteressen aller Mitglieder üblicherweise
respektiert werden - und zwar sowohl von Bürgern, sonstigen Akteuren und
gesellschaftlichen Organen -, wäre in diesem Sinne zivilisierter als ein
anderes Sozialsystem, in dem es für die menschen zu häufigen dominanten
Übergriffen und belästigungen kommt. Dies würde ganz unbahängig
davon gelten, ob man in der Gesellschaft nur von Jagd und Fischfang lebt, oder
auch Atomkraftwerke, Internet und Autobahnen besitzt. (Ebd., S. 354).
6.4) Die Tragik der Allmende
Unter der Tragik der
Allmende versteht man in der Volkswirtschaftslehre die Beobachtung, daß
Menschen unter bestimmten Bedingungen bei einer gemeinschaftlichen Tätigkeit,
bei der der individuelle Ertrag den Personen nicht zurechenbar ist, weniger leisten.
Dieses Problem tritt häufig bei Gemeinschaftseigentum, so genannten Allmenden,
auf. Dies sei an einem Beispiel erläutert:Angenommen,
eine Gruppe von 80 Personen bewirtschaftet gemeinsam ein Feld. Alle Gruppenmitglieder
haben bei voller Arbeitsleistung einen Aufwand von 50 Einheiten, ziehen jedoch
dann einen Ertrag von 100 Einheiten aus der Ernte, die sie ja in gleichen Teilen
erwirtschaften. Die Tragik der Allmende besteht nun darin, daß bei genügend
großer Gruppengröße die Faulheit eines einzelnen Mitglieds die
Ernte pro Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Aufwand fur das faule
Gruppenmitglied aber stark abnimmt, wodurch sein Nutzen insgesamt steigt. Wenn
alle 80 Gruppenmitglieder voll arbeiten, dann erwirtschaften sie gemeinsam einen
Ertrag von 80 100 = 8000 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht am Ende
ein Ertragsanteil von 100 Einheiten zu. Zieht er davon seinen Aufwand von 50 Einheiten
ab, dann hat er einen eigenen Nutzen von 50 Einheiten erwirtschaftet. Angenommen,
ein Mitglied arbeitet nur halb so viel wie die anderen Gruppenangehörigen.
Dann hat es nur noch einen Aufwand von 25 Einheiten. Für die Gesamtgruppe
ergibt sich nun ein Ertrag von 79 100 + 100 1/2 = 7950 Einheiten.
Jedem Gruppenmitglied steht unter diesen Umständen ein individueller Ertrag
von 99,375 Einheiten zu. Für die voll arbeitenden Mitglieder ergibt dies
einen Nutzen von 99,375 - 50 = 49,375 Einheiten. Günstiger sieht der
Ertrag für das etwas faulere Gruppenmitglied aus, denn dieses erwirtschaftet
einen Nutzen von 99,375 - 25 = 74,375 Einheiten. Obwohl ein Gruppenmitglied
also nur die Hälfte geleistet hat, erzielt es mit 74,375 Einheiten einen
deutlich größeren Nutzen als vorher (50 Einheiten) beziehungsweise
als die anderen Gruppenmitglieder aktuell erzielen (49,375 Einheiten). | Es
lohnt sich also in einer Allmende, faul zu sein, sofern eine gewisse Anzahl an
Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß sich immer mehr
Gruppenmitglieder faul verhalten werden und der Gruppenertrag noch weiter sinken
wird. Die Tragik der Allmende schaukelt sich dann weiter hoch, und die
gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher
Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander
stehen. (Ebd., S. 355-356).»Es geht - moralisch
gesprochen - gar nicht um die Maximierung des eigenen Vorteils, sondern darum,
nicht selbst in eine schlechte Position zu geraten (**).«
(Frank Schirrmacher, Minimum- Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft,
2006, S. 67). (Ebd., S. 356).
Es
geht also primär um den eigenen Selbsterhalt und nicht um die Übervorteilung
anderer. (Ebd.). |
Die
Tragik der Allmende schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe
gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität
und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen. (Ebd., S.
356).
6.5) Individualisierung
Die in der Soziologie
sehr weit akzeptierte Individualisierungsthese besagt nun, daß sich der
Einzelne in modernen Gesellschaften immer stärker aus übergeordneten
Vorgaben bezüglich Geschlecht, Alter beziehungsweise sozialer oder regionaler
Herkunft löst, so daß es zu einer drastischen Zunahme der individuellen
Entscheidungsspielräume und einer Reduzierung des Grads der Außensteuerung
kommt. Das individuum wird zentraler Bezugspunkt für sich selbst und die
Gesellschaft. (Vgl. Matthias Junge, Individualisierung, 2002, S. 7).
(Ebd., S. 356).Individualisierung bewirkt nicht nur eine
stärkere Abhängigkeit des Einzelnen von Leistungen Dritter und dabei
zum Teil auch von (wohlfahrts)staatlichen Funktionen (Bildungseinrichtungen, innere
Sicherheit, Rechtsprechung, Altersversorgung u.s.w.; vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft,
1986, S. 109f.), sondern setzt diese geradezu voraus. Dies hat aber umgekehrt
zur Konsequenz, daß der Wohlfahrtsstaat immer mehr Funktionen übernehmen
und garantieren muß, die gemeinhin dem Kollektivverhalten zuzurechnen sind.
(Vgl. Stefan Lange / Dietmar Braun, Politische Steuerung zwischen System und
Akteur, 2000, S. 20). (Ebd., S. 357).Wird
dem Individuum also zugestanden, sich zeitlich möglichst vollständig
auf eine am Arbeitsmarkt angeforderte Leistung zu konzentrieren und seinen individuellen
Lebenslauf frei zu wählen, dann müssen bei sich einstellenden Defiziten
alle anderen Leistungen, die üblicherweise Teil seiner zu erbringenden Kollektivleistung
sind (zum Beispiel Herstellen von Sicherheit, Weitergabe von Wissen, Aufziehen
von Nachwuchs, Versorgung Älterer, Unterstützung von Notleidenden) von
Dritten und damit unter Umständen vom Wohlfahrtsstaat übernommen werden.
Dieser wird sich dabei häufig selbst des Arbeitsmarktes bedienen, beispielsweise
um dort geeignete Lehrer für das Unterrichten von Kindern zu rekrutieren.
(Ebd., S. 357).Zusammenfassend könnte man sagen:| | In
traditionellen Gesellschaften hatten die Menschen neben ihren individuellen Aufgaben
auch kollektive Pflichten zu erfüllen. Zur Sicherstellung der Erfüllung
der Gemeinschaftsaufgaben dienten gesellschaftliche Rollenvorgaben. | | | Im
Rahmen der Individualisierung verselbständigt sich der Einzelne nun
immer mehr gegenüber der Gemeinschaft. Dabei löst er sich von den traditionalen
Rollenvorgaben. Als Handelnder sucht er seinen individuellen Erfolg zum Beispiel
bei einer Erwerbsarbeit, wo er um so mehr Einkommen erzielen kann, je geringer
seine Aufwände (inklusive Opportunitätskosten) bei den Gemeinschaftsaufgaben
sind, denn er hat ja dann mehr Zeit für die Erwerbsarbeit. Für ihn lohnt
es sich also ganz besonders, bei den »sozialistischen« Gemeinschaftsaufgaben
»faul« zu sein, weswegen es dort zwangsläufig zur Tragik der
Allmende kommen wird. | | | Die
verbindliche Ausführung von notwendigen Gemeinschaftsaufgaben muß nun
also auf andere Weise gewährleistet werden. Dazu dient die Institutionalisierung.
Statt die Kollektivaufgaben weiterhin dem Einzelnen anteilsmäßig aufzubürden,
werden sie an Dritte ausgelagert, und zwar ganz häufig an den Wohlfahrtsstaat.
Dieser erwartet dann aber von seinen Bürgern einen Obolus, üblicherweise
in Form von Steuern oder eines so genannten Parafiskus. Diese Steuern müssen
wiederum verpflichtend erhoben werden, andernfalls dürfte es bei der Steuerzahlung
selbst zur Tragik der Allmende kommen. Steuern stellen somit ein Äquivalent
für die Summe aller Kollektivaufgaben des Individuums dar. Wenigstens dieser
Punkt muß verpflichtend bleiben (**). | | | Der
Wohlfahrtsstaat wird dann neue Institutionen schaffen, die die freigesetzten Gemeinschaftsaufgaben
in seinem Sinne und Auftrag erfüllen. | | | Finanziert
werden die Institutionen durch die Steuerzahlungen der Bürger. Die Mitarbeiter
der neu erschaffenen Organe rekrutiert der Staat wie jedes andere Unternehmen
über den Arbeitsmarkt, so daß auch diese von den Vorteilen der Individualisierung
profitieren können. (Ebd., S. 358). |
| Neuerdings
versucht man mit dem bedingungslosen Grundeinkommen (**|**|**|**|**|**)
auch diesen letzten Rest an verbindlichen Kollektivaufgaben in Frage zu stellen
(vgl. Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007), was aber aus
den bereits genannten Gründen nicht möglich sein dürfte (vgl. Peter
Mersch, Irrweg
Bürgergeld, 2007). Siehe dazu auch die Ausführungne im Abschnitt
Grundeinkommen.
(Ebd.). |
6.6) Moderne **
| Peter
Mersch definiert den Begriff Moderne zum Teil anders als ich (HB)!
** |
Der
Begriff der Moderne bezeichnet einen Umbruch in allen Bereichen des individuellen,
gesellschaftlichen und politischen Lebens gegenüber traditionellen Lebensformen,
und zwar kulturell schon beginnend mit der Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert,
ökonomisch mit der Industrialisierung ab Mitte des 18. Jahrhunderts
und politisch mit der französischen Revolution. (Ebd., S. 358).Voraussetzung
für die Entstehung der Moderne waren unter anderem einige entscheidende Entdeckungen,
Erfindungen und Innovationen (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt
Leben
und Energie). Zu nennen sind insbesondere:| | Entdeckung
und Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe.Hierdurch
verfugten die Menschen über Energie in einer bislang unbekannten Größenordnung.
Viele Arbeiten konnten nun von Maschinen erledigt werden. | | | Erfindung
des Buchdrucks.Der
Buchdruck war die Voraussetzung für die schnelle Verbreitung und Akkumulation
des menschlichen Wissens und damit für viele spätere wissenschaftliche
Entdeckungen. | | | Neue
wissenschaftliche Erkenntnisse.In
zahlreichen Naturwissenschaften gelangen bahnbrechende neue wissenschaftliche
Erkenntnisse. Die wissenschaftliche Vorgehensweise setzte sich mehr und mehr als
allgemeingültige Methode des Erkenntnisgewinns durch. | | | Geldverkehr,
Märkte, Finanzwirtschaft.Das
Geld wurde allgemein anerkanntes Tauschäquivalent. Im gleichen Zuge entstanden
Börsen (Finanzmärkte), Banken und Märkte aller Art. | Ein
ganz entscheidendes Merkmal der Moderne dürfte aber das massenhafte Entstehen
größerer Organisationen (Unternehmen) sein, bei denen es sich quasi
um neuartige biologische Phänomene mit eigenen Identitäten und eigenständigen
Selbsterhaltungsinteressen handelt. Anfanglich befanden sich diese noch überwiegend
im Besitz von einigen wenigen Personen (»der Kapitalist«). Auch begrenzten
sie ihr Tätigkeitsfeld aufgrund vorhandener Kommunikationslimitationen meist
auf eingeschränkte lokale Regionen. (Ebd., S. 359).Organisationssysteme
besitzen in aller Regel einen im Vergleich zu Menschen ungeheuren Energie- und
Ressourcenbedarf (Kapitalbedarf). Beiden Anforderungen wurde die beginnende Moderne
mit der Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe und dem Aufkommen leistungsfahiger
Banken und Finanzmärkte gerecht. Erst damit waren die Voraussetzungen geschaffen,
um biologische Phänomene dieser Größenordnung entstehen zu lassen.
(Ebd., S. 359-360). Mit zunehmender Größe können
Unternehmen kostengünstiger produzieren (aufgrund der Nutzung von Skaleneffekten)
und sich somit gegenüber Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Mit dem Wachstum differenzieren sie sich dann intern immer weiter aus, und zwar
zur Komplexitätsreduzierung. (Ebd., S. 360).Ein
ganz ähnlicher Effekt ist mit Beginn der Neuzeit auch gesellschaftsweit zu
verzeichnen. Aufgrund des in diesem Zeitraum einsetzenden starken Bevölkerungswachstums
und der dadurch bedingten höheren Bevölkerungsdichte kam es gemäß
Émile Durkheim zunächst zu einer Verstärkung der Arbeitsteilung
und dann auch zu einer zunehmenden funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft,
und zwar auch hier zur Komplexitätsreduzierung. (Ebd., S. 360).Eine
hohe Bevölkerungsdichte hat aber noch ganz andere Konsequenzen. Beispielsweise
ist es dann viel schwieriger, individuell für den eigenen Schutz oder den
der Familie zu sorgen, und zwar insbesondere dann, wenn Menschen im allgemeinen
noch bewaffnet sind und sich auf unmittelbare körperliche Auseinandersetzungen
eingestellt haben. Unter solchen Verhältnissen bietet es sich geradezu an,
sich in Konfliktsituationen etwas zurückzunehmen, die Interessen anderer
wahrzunehmen und zu wahren und vor allen Dingen auch jederzeit »cool«
zu bleiben. Mit anderen Worten: Eine deutliche Erhöhung der Bevölkerungsdichte
hat nicht nur veränderte Anforderungen bei den Schutzmaßnahmen zur
Folge, sondern auf der anderen Seite auch eine verstärkte Affektkontrolle
auf Seiten der Individuen. Auf diese beiden wichtigen Aspekte soll in den folgenden
Abschnitten (**|**)
noch einmal gesondert eingegangen werden. (Ebd., S. 360).Hohe
Bevölkerungsdichten dürften auch in der Natur mit einem Rückgang
ausgeprägter Dominanzhierarchien einhergehen, denn ansonsten würden
durch die dann alsbald zu erwartenden permanenten Auseinandersetzungen um Rangpositionen
viel zu viele Reibungsverluste entstehen. Beispielsweise wäre ein einzelnes
Männchen unter solchen Gegebenheiten wohl kaum noch in der Lage, seinen Harem
aus mehreren Weibchen gegen eine Übermacht aus partnerlosen Männchen
zu verteidigen. In solchen Konstellationen scheint also die sexuelle Selektion
mit der Auswahl geeigneter Männchen durch die Weibchen die bessere und friedlichere
Strategie zu sein. Mit anderen Worten: Allein schon die Zunahme der Bevölkerungsdichte
dürfte einen Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation
zur Folge haben. (Ebd., S. 360).Eine verstärkte
Arbeitsteilung und gesellschaftliche Ausdifferenzierung geht Hand in Hand mit
einer zunehmenden beruflichen Spezialisierung. Im Rahmen der sich ausdifferenzierenden
Arbeitswelt entstehen dann immer mehr Jobs mit ganz spezifischen Anforderungen,
auch was die dafür erforderlichen Kompetenzen angeht. Die Menschen sind nun
allgemein dazu gezwungen, sich mit ihren jeweiligen Kompetenzen auf den Arbeitsmärkten
anzubieten, das heißt, mit ihren Fähigkeiten »gefallen«
zu wollen. Auch hier wäre also ein genereller Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation
festzustellen. (Ebd., S. 361).Umgekehrt erfolgt die
gesellschaftliche Ausdifferenzierung aber nicht nur zur Komplexitätsreduzierung,
sondern sie dürfte zum Teil eine direkte Konsequenz der zunehmenden Bedeutung
der Gefallen-wollen-Kommunikation sein. Gefallen-wollen bedeutet nämlich
auch, sich immer wieder - und ganz besonders nach Mißerfolgen - auf die
Suche nach neuen Möglichkeiten, Nischen oder Geschäftsoptionen zu machen.
Die hierdurch entstehende weitere Ausdifferenzierung schafft dann gegebenenfalls
ganz neue Bedürfnisse und Erwartungen. Jeder Einzelne ist nun gefordert,
seinen eigenen Weg zu finden und einzuschlagen, spezifische Fähigkeiten zu
entwickeln und Qualifikationen zu erwerben und dann auch damit zu werben. Anders
gesagt: Es kommt zu einem Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz und damit
auch zu einer zunehmenden Individualisierung, bei der die Menschen aus ihren traditionalen
Bindungen gerissen und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktsrisiko
verwiesen werden (vgl. Rüdiegr Peuckert, Familienformen im sozialen Wandel,
2000, S. 363f.). Die durch gesellschaftliche Rollenvorgaben vermittelten Fremdzwänge
werden im Rahmen dieser Entwicklung dann mehr und mehr durch Selbstzwänge
ersetzt. (Ebd., S. 361).Gefallen-wollen-Kommunikation
und gesellschaftliche Ausdifferenzierung bewirken sich folglich gegenseitig.
(Ebd., S. 361).Es wurde bereits erwähnt, daß
ein wesentliches Merkmal der Moderne das massenhafte Entstehen größerer
Organisationssysteme ist. Karl Marx bezeichnete die Wirtschaftsform dieser Epoche
sogar als Kapitalismus. (Ebd., S. 361).Nun bilden
aber Organisationen ihre eigenen Organisationsstrukturen und Dominanzhierarchien
aus, wobei sie die jeweiligen Rechte und Pflichten der einzelnen Ebenen untereinander
meist präzise festlegen und beschreiben. (Ebd., S. 361).In
modernen Marktwirtschaften halten sich die Staaten aus dem eigentlichen Marktgeschehen
weitestgehend heraus. Der Grundgedanke dabei ist, den Wettbewerb unter den verschiedenen
Marktteilnehmern anzuregen und so für mehr Leistung und Innovation im Vergleich
zu staatlichen Monopolbetrieben zu sorgen. Die Unternehmen sind nun aber wiederum
aus Wettbewerbsgründen vor allem an hohen menschlichen Kompetenzen interessiert.
Solange Energie in ausreichender Menge und dabei auch noch preiswert zur Verfügung
steht, werden Unternehmen es immer vorziehen, Maschinen statt Menschen für
die Verichtung monotoner und körperlich schwerer Tätigkeiten einzusetzen.
Die an qualifiziertem Humankapital interessierten Organisationen dürften
deshalb eher Gesellschaftsstrukturen präferieren, in denen sich ihnen alle
Bürger frei und gleich mit ihren Qualifikationen anbieten können, die
Gesellschaft selbst also möglichst wenige Dominanzhierarchien und Klassen-,
Rassen- beziehungsweise Geschlechterunterschiede aufweist (**).
(Ebd., S. 361-362).
| Allerdings
müssen sich die Gesellschaften vor einem solch universellen Zugriffsanspruch
der Organisationen auf ihr Humankapital auch ausreichend schützen, weil sie
dieses sonst nicht mehr angemessen reproduzieren können. Eine entsprechende
Fehlentwicklung ist in den Industrienationen längst festzustellen.
(Ebd.). |
In Gesellschaften,
in denen fast alle wesentlichen produktiven Aufgaben von Organisationssystemen
erledigt werden, haben gesellschaftliche Dominanzhierarchien (einschließlich
denen zwischen den Geschlechtem) keinen wirklichen Sinn mehr. Es reicht, wenn
die Organisationen selbst über solche verfügen. Das verstärkte
Aufkommen größerer Organisationen mit Beginn der Neuzeit dürfte
deshalb ebenfalls einen beschleunigenden Effekt auf die allgemeine gesellschaftliche
Durchsetzung der Gefallen-wollen-Kommunikation gehabt haben. (Ebd., S. 362).Die
gesellschaftliche Ausdifferenzierung und der damit einhergehende Wandel von der
Ähnlichkeit zur Differenz hat eine immer stärkere Konzentration des
Einzelnen auf eng umrissene Aufgaben (Spezialisierung) zur Folge, die sich dann
aber ganz häufig nicht mehr mit anderen Tätigkeiten vereinbaren lassen
(**). Ferner besitzt die Spezialisierung
gemäß Ricardos Theorem in der Regel zusätzliche komparative Kostenvorteile,
aber eben auch nur dann, wenn es zu einer echten Spezialisierung kommt, und die
Aufgaben nicht doch wieder mit irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu vereinbaren
sind. All dies bewirkt letztlich, daß sich das Individuum immer stärker
von gesellschaftlichen Rollenvorgaben inklusive den durch sie vermittelten Gemeinschaftsaufgaben
löst. Es kommt dann zum Prozeß der Individualisierung und - sofern
keine Gegenmaßnahmen erfolgen - bald darauf bei den davon betroffenen Gemeinschaftsaufgaben
zur Tragik der Allmende. Dies wurde bereits in den Abschnitten Tragik
der Allmende und Individualisierung
näher erläutert. (Ebd., S. 362-363).
| Eine
Vereinbarkeitsproblematik bezüglich Beruf und Gemeinschaftsaufgaben hat folglich
während der gesamten Geschichte der Individualisierung bestanden. Interessanterweise
wird im Rahmen der Individualisierung auf Seiten der Frauen (Emanzipation der
Frauen) und der damit verbundenen Loslösung der Frauen von der ihnen per
gesellschaftlicher Rollenvorgabe aufgebürdeten Gemeinschaftsaufgabe Nachwuchsarbeit
nun so getan, als handele es sich hierbei um ein neues Phänomen, welches
völlig neue Lösungsansätze erforderlich mache. (**).
(Ebd.). |
6.6.1) Affektkontrolle
Eine starke Zunahme der Bevölkerungsdichte
erzwingt zunächst einmal die weitestgehende Beherrschung von Affekten, denn
jedes auffällige Verhalten (zum Beispiel lautes Schreien) könnte von
einem Anwesenden als eine Warnung oder gar Attacke verstanden werden und dann
eventuell sogar zu einem unnötigen Blutvergießen führen. Um die
hierdurch entstehenden Gefahren zu minimieren und auch sonstige Gewaltverbrechen
zu erschweren, wurde dem Staat dann schließlich das Gewaltmonopol übertragen.
Auf diesen entscheidenden Schritt im Prozeß der Zivilisation soll ... näher
eingegangen werden. (Ebd., S. 363).Wie wir bereits
gesehen haben, gehen der Bevölkerungszuwachs und der damit in Zusammenhang
stehende Trend zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, Individualisierung,
Arbeitsteilung und Spezialisierung mit einer sukzessiven Umstellung von dominanten
Kommunikationsweisen auf die Gefallen-wollen-Kommunikation einher. Denn nun kommt
es ja vor allem darauf an, sich zu qualifizieren, sich mit seinen Kompetenzen
anzubieten und andere von sich zu überzeugen, das heißt, zu gefallen.
(Ebd., S. 363).Dies gilt im Grunde für alle gesellschaftlichen
Interaktionen, denn schließlich könnte es sich ja bei jeder Begegnung
um einen möglichen späteren Sexualpartner, Kunden oder Arbeitgeber handeln.
Und wenn nicht, dann könnte man noch immer von einer solchen Person in der
Kommunikation mit anderen beobachtet werden. Allein schon deshalb sollte man stets
darum bemüht sein, einen guten Eindruck zu hinterlassen. (Ebd., S.
363).Dies hat weitreichende Konsequenzen. Denn wie wir im
Abschnitt Gefallen-wollen-Kommunikation
gesehen haben, handelt es sich selbst bei der ungefragten Bekundung von Selektionsinteressen
um eine Form der dominanten Kommunikation. Es wäre deshalb beispielsweise
völlig undenkbar, wenn man einem Mann in einer Alltagssituation seine sexuelle
Erregung ansehen könnte. Und umgekehrt hat es eine Frau dann natürlich
auch tunlichst zu vermeiden, einen Mann in dieser Hinsicht zu provozieren. Die
Körper sind folglich zu bedecken. (Ebd., S. 363-364).Generell
gilt nun, daß Triebregungen und Gefühle zu kontrollieren und eventuell
auch sehr weit zurückzustellen sind. Aber dies war ja ohnehin eine der Grundvoraussetzungen
bei der Ernführung der sexuellen Selektion in der Natur: Ein an einem Weibchen
interessiertes Männchen hatte sich zu beherrschen, mußte versuchen
es zu überzeugen, und wenn dies nicht heute gelang, dann vielleicht ein anderes
Mal. Es mußte lernen, sich so lange zu kontrollieren, bis es von der weiblichen
Seite erhört wurde, ganz anders etwa als bei einem Haremsbesitzer, der auf
die Interessen der Gegenseite nur wenig Rücksicht nehmen muß. Mit der
sexuellen Selektion kam die Kultur in die Welt. (Ebd., S. 364).Von
da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bis auch die Beherrschung , aller
anderen Gefühle und Triebregungen gelingt. An vorderster Stelle steht hier
sicherlich die Nahrungsaufnahme, die so lange zurückzustellen ist, bis die
Tischzeit gekommen, oder man auch nur einfach an der Reihe ist. Und selbst dann
sollte man sich vorzugsweise maßvoll verhalten und Speisen und Getränke
nur jeweils in kleinen Portionen zu sich nehmen, schluckweise und durch Messer
und Gabel entsprechend portioniert. (Ebd., S. 364).Auch
sonst ist alles zurückzunehmen, was andere irritieren oder gar belästigen
könnte, wie unvermittelte Laute, unangenehme Gerüche, Rülpsen u.s.w..
Die Speisen sind mit Messer und Gabel zu verzehren, um nicht die eigenen Finger
zu beschmutzen, was sich in darauffolgenden Kornmunikationen als nachteilig erweisen
könnte. (Allerdings könnten dabei auch hygienische Gründe eine
Rolle spielen.) Die Kleidung hat attraktiv zu sein, man sollte gewaschen sein,
einen angenehmen Körpergeruch haben, sich elegant bewegen und auch sonst
ständig darum bemüht sein, einen positiven Eindruck zu hinterlassen
und - im wahrsten Sinne des Wortes - bei niemandem ins Fettnäpfchen zu treten.
Damit dies nicht zu häufig geschieht, ist man gut beraten, sich pennanent
selbst zu kontrollieren: Selbststeuerung statt Fremdsteuerung also. (Ebd., S.
364).Generell sollten nun die Umgangsformen höflich
sein, denn damit erweist man anderen seine Wertschätzung, die Grundregel
Nummer eins bei der Gefallen-wollen-Kommunikation. So werden den Frauen die Türen
aufgehalten oder ihnen in den Mantel geholfen, und zwar als generelles Zeichen
der Wertschätzung, aber auch der Werbung um sie. (Ebd., S. 364).Wer
all dies bis zur Perfektion beherrscht, demonstriert damit seine Kultiviertheit,
aber auch, daß er bereits ganz in der Moderne angekommen ist. Denn in einer
komplexen, arbeitsteiligen Welt müssen Arbeitsabläufe präzise kalkulierbar
sein, und dies setzt die Verläßlichkeit der daran beteiligten Personen
voraus, die folglich in der Lage sein müssen, ihre elementaren Gefühle
und Triebregungen entsprechend den Anforderungen der Produktion zurückzustellen.
Wer auf diese Weise verläßlich ist, der gefällt. (Ebd.,
S. 365).Eine weitere Facette der Moderne ist die Individualisierung,
die mit einer Verbesserung der Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen und
der zunehmenden Wahrnehmung von dessen Rechten - einschließlich des Rechts,
nicht gestört zu werden - einhergeht. Im Grunde ist nun jedes Individuum
(Ego) so zu behandeln, als wäre es ein König. Allein schon die deutlich
zugenommene Bevölkerungsdichte macht so etwas zu einer Notwendigkeit. Der
Grundgedanke dabei ist:| | Ego
hat das Recht, nicht gestört zu werden. | | | Wenn
Ego Selektionsinteressen entgegennehmen möchte, betritt es den dazu
passenden Kontext (ähnlich wie bei einer königlichen Audienz). | Aus
Sicht des Systems Ego gehört Alter zu dessen Umwelt. Ein Selektionsinteresse
seitens Alter könnte Ego stören (perturbieren). Also tritt
Alter zunächst zurück und wartet so lange, bis Ego einen
Kontext betritt, bei dem das Äußern von Selektionsinteressen zulässig
ist. (Ebd., S. 365).Allerdings sind bei sehr dringenden
und wichtigen Anliegen auch Ausnahmen erlaubt, die jedoch angemessen höflich
vorzutragen sind: Entschuldigen Sie, kennen Sie sich hier aus? Die versteckte
Botschaft dahinter lautet: Ich habe ein wichtiges Anliegen, nämlich Sie nach
dem Weg zu fragen. Sind Sie dazu bereit? Würden Sie mich als Ihren Kommunikationspartner
akzeptieren? Würden Sie mich selektieren? (Ebd., S. 365).Im
Rahmen des Prozesses der Zivilisation hat die Gefallen-wollen-Kommunikation fast
die gesamte gesellschaftliche Interaktion durchdrungen. (Ebd., S. 365).Im
Abschnitt
Systemische Evolutionstheorie wurde deutlich gemacht, daß die biologische
und die kulturelle Evolution nicht gänzlich unabhängig voneinander betrachtet
werden können, sondern daß zwischen beiden eine enge Wechselwirkung
besteht. (Ebd., S. 365).In unserer Gesellschaft wird
davon abweichend jedoch meist die Auffassung vertreten, die mit dem Prozeß
der Zivilisation einhergehenden langfristigen psychogenen Veränderungen von
Menschen hätten keinerlei biologische Grundlagen, sondern wären das
ausschließliche Produkt des gesellschaftlichen Wandels und einer sich daran
anpassenden Sozialisation. Dies dürfte wenig wahrscheinlich sein. Stattdessen
ist davon auszugehen, daß der Veränderungsprozeß der Zivilisation
alle Evolutionsebenen betrifft. (Ebd., S. 366).
6.6.2) Schutz
Das Gefühl der Sicherheit gehört
zu den wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation. Dieses stellt sich in vielen
entwickelten Ländern selbst dann ein, wenn man abends noch ganz alleine einen
Spaziergang macht: Kein Wolf greift an, und auch niemand sonst trachtet einem
nach dem Leben, mißachtet das Recht auf körperliche Unversehrtheit
oder verlangt die Herausgabe der Brieftasche. Sicherheit bedeutet letztlich nichts
anderes als: Gefährliche und belästigende dominante Kommunikationsweisen
(insbesondere der Natur) sind sehr weit zurückgedrängt (**).
(Ebd., S. 366).
| Im
Sinne der Zivilisation ist es ein Unterschied, ob jemand bei einem Autounfall
ums Leben kommt (Unfall), oder von einem streunenden Bär gerissen wird.
(Ebd.). |
Damit
all dies möglich wurde, mußte dem Staat das Gewaltmonopol übertragen
werden. In der Tat ist sogar die Herausbildung der Territorialstaaten ganz wesentlich
auf diesen Akt zurückzuführen. Interessanterweise gehören Schutzleistungen
zu den ganz wenigen, wenn nicht sogar einzig verbliebenen Kollektivaufgaben, zu
deren Zielerfüllung in den entwickelten Ländern selbst heute noch vereinzelt
dominante Kommunikationsweisen angewendet werden. Beispielsweise besteht in der
Bundesrepublik Deutschland für junge Männer nach wie vor die allgemeine
Wehrpflicht. Ferner könnte der Staat in Verteidigungssituationen, aber auch
bei schweren Katastrophen, mobil machen und Menschen zu bestimmten Aufgaben bindend
verpflichten. (Ebd., S. 366).Die Übertragung
des Gewaltmonopols an den Staat ging mit einer Erhöhung der Affektkontrolle
bei den Individuen einher: Auseinandersetzungen werden seitdem nicht mehr spontan
unter Streitenden geregelt, sondern neutralen staatlichen Instanzen überlassen.
Dies hat maßgeblich zu einer Verbesserung des persönlichen Sicherheitsstatus
geführt. Da nun die Menschen in der Regel keine Waffen mehr tragen und im
großen und ganzen auch gar nicht mehr verteidigungsbereit beziehungsweise
-willig sind, reduzierte sich gleichzeitig die Gefahr spontaner Überfälle.
Was in den frühen Gesellschaften noch die Aufgabe jedes gesunden Mannes war,
erledigen in modernen Gesellschaften Polizei und andere staatliche Organe.
(Ebd., S. 366-367).Die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols
stellte eine entscheidende Voraussetzung für den Übergang in die Industrialisierung
und den Beginn der Moderne dar, denn sie machte das Leben kalkulierbar. Wer ständig
kämpfen und sich, seine Angehörigen und sein Eigentum verteidigen muß,
der kann nicht langfristig planen. Das staatliche Gewaltmonopol wird allgemein
als so substanziell für den Prozeß der Zivilisation angesehen, daß
es selbst dann nicht mehr in Frage gestellt wurde, als es zu einem späteren
Zeitpunkt von despotischen Machthabern für ihre Interessen ausgenutzt wurde.
(Ebd., S. 367).
6.6.3) Demokratisierung
Individualisierung, Arbeitsteilung,
gesellschaftliche Ausdifferenzierung und Gefallen-wollen-Kommunikation machen
die prinzipielle Gleichstellung aller Menschen bei gleichzeitiger Respektierung
ihrer sonstigen Verschiedenheiten erforderlich (**).
Hierdurch kommt es zum Verschwinden von sozialen Dominanzhierarchien, Rassen-
und Geschlechterdiskriminierungen und von Klassenunterschieden als dem entscheidenden
Kriterium für die gesellschaftliche Rangordnung von Individuen, denn die
soziale Interaktion basiert ja nun auf der Arbeitsteilung, das heißt, ...
auf der Differenz und nicht mehr der Ähnlichkeit von Individuen. (Ebd.,
S. 367).
| Gemäß
Theodor W. Adorno ist der Äquivalententausch der Bann, der nicht nur die
Gesellschaft, sondern auch die Welt, das Denken, die Liebe, das Leben und die
Theorien verhext - der also dafur verantwortlich ist, daß es »kein
richtiges Leben im falschen gibt« (Jochen Hörisch, Es gibt [k]ein
richtiges Leben im falschen, 2003, S. 46f.). Tatsächlich dürfte
er aber wohl auch die unabdingbare Voraussetzung fur die Entstehung moderner Demokratien,
die eine Gleichstellung von eigentlich Differentem verlangen, gewesen sein.
(Ebd.). |
Zivilisierung
und Individualisierung bewirken also einerseits einen Wandel von der Ähnlichkeit
zur Differenz, allerdings damit gleichzeitig auch eine zunehmende Gleichheit der
Menschen vor dem Gesetz, weil sich ja sonst Differenz als gesellschaftliches Prinzip
kaum rechtfertigen ließe. Damit verschwinden dann sukzessive auch alle durch
die Geburt oder die Zugehörigkeit zu einer Klasse, Rasse oder einem Geschlecht
legitimierte Rechteunterschiede. Die Gleichheit aller Gesellschaftsmitglieder
vor dem Gesetz dürfte dann irgendwann das zwangsläufige Resultat dieser
Entwicklung sein. (Ebd., S. 367).Es liegt im unmittelbaren
Interesse der Unternehmen, menschliche Leistungen tauschbar und gemäß
den tatsächlich erbrachten Leistungen bewertbar zu machen. Sonstige menschliche
Merkmale wie Klassenzugehörigkeiten beziehungsweise Rassen- oder Geschlechterunterschiede
dürften solchen Äquivalenzbestrebungen eher im Wege stehen. Dominanzhierarchien
sind daher eher eine Sache der Unternehmen selbst; und zwar auf Basis von Verantwortungen,
Kompetenzen und Leistungen. (Ebd., S. 368).Weil Differenz,
Arbeitsteilung, Spezialisierung und Individualität nun die gesellschaftlichen
Prinzipien sind, muß Ähnlichkeit wieder künstlich hergestellt
werden. Dies geschieht über Interessengruppen oder andere Organisationen
(Gewerkschaften, Parteien u.s.w.), die Menschen mit vergleichbaren Interessen
zu größeren Verbänden bündeln, und die deren und vielleicht
auch ihre eigenen Anliegen mittels der Gefallen-wollen-Kommunikation - das heißt,
auf demokratische Weise - einer breiteren Öffentlichkeit vortragen, beziehungsweise
sich damit zur Wahl stellen. (Ebd., S. 368).Die Demokratie
ist dann die sich fast zwangsläufig ergebende Staatsform. Basiert auch noch
die Wirtschaft auf der Gefallen-wollen-Kommunikation, dann haben wir es mit einem
marktwirtschaftlich organisierten demokratischen Rechtsstaat zu tun (**).
(Ebd., S. 368).
| Wenn
sich auf der Erde nun mehr oder weniger alles - selbst die jeweilige Staatsform
- auf evolutive Weise entwickelt, könnte sich der Eindruck aufdrängen,
ich legitimierte mit der hier vorgetragenen Theorie irgendwelche spezifischen
gesellschaftlichen Verhältnisse. Tatsächlich stellt sich Evolution aber
gerade eben dadurch ein, daß sich einzelne Menschen oder ganze Interessengruppen
mit ihren persönlichen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen bemerkbar
machen (und sei es in Form des vorliegenden Buches), um Einfluß zu nehmen
und die weitere Entwicklung in die eine oder andere Richtung zu lenken. Dies können
sie natürlich auf unterschiedliche Weise tun. In Demokratien sind die dafür
zulässigen Wege aber relativ klar umrissen: Sie müssen mit ihren Anliegen
einer ausreichenden Zahl an Menschen gefallen und nach Möglichkeit auf dominante
Interaktionsweisen, die grundlegende Rechte anderer verletzten, verzichten. (Aber
genau dieser Verzicht auf dominante Interaktionsweisen wird ja gerade in der Bundesrepublik
kaum, jedenfalls immer seltener praktiziert! Dies zeigt - wie vieles andere auch
-, daß die Bundesrepublik zu wenig demokratisch ist! HB).
(Ebd.). |
Ein individualisiertes
Gesellschaftsmitglied dürfte für sich allein betrachtet kaum lebensfähig
sein. Es benötigt im Allgemeinen eine voll funktionierende Gesellschaft.
Gleichzeitig hat die Individualisierung eine beträchtliche Zunahme individueller
Lebensrisiken zur Folge, die sozialisiert werden müssen, will man dem Individuum
nicht zu hohe und gegebenenfalls untragbare Lasten aufbürden. Der Wohlfahrtsstaat
dürfte somit eine unmittelbare Konsequenz der bislang beschriebenen Prozesse
der Moderne sein, womit wir schließlich insgesamt beim marktwirtschaftlich
organisierten, demokratischen Wohlfahrtsstaat heutiger Ausprägung (soziale
Marktwirtschaft) angekommen wären. (Ebd., S. 368).Ein
bislang ungelöstes Problem solcher Staatsformen ist die angemessene Vertretung
von Interessengruppen, die sich kaum oder überhaupt nicht selbst vertreten
können. Individuen und sonstige Akteure besitzen zwar ein eigenständiges
Selbsterhaltungsinteresse, oft aber nur eine recht begrenzte Wahrnehmung für
die Interessen anderer, beispielsweise die der nächsten Generation, die ja
noch gar nicht geboren ist, und somit auch kein Stimmrecht besitzt. So verfügen
die meisten modernen Länder zwar über hochentwickelte Alterssicherungssysteme,
aber kaum über Mechanismen zur Sicherstellung des Prinzips der Generationengerechtigkeit.
das heißt, einer angemessenen Vertretung der kommenden Generationen. Ein
ähnliches Problem gilt für den Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion
insgesamt. (Ebd., S. 369).Auch können in Demokratien
ungünstige Selbstläuferprozesse entstehen. Beispielsweise ist denkbar,
daß in einer alternden Gesellschaft aus wahltaktischen Gründen zunehmend
Gesetze zum Nutzen des älteren Teils der Bevölkerung verabschiedet werden.
Hierdurch könnte es zu einem weiteren Rückgang der Geburtenraten und
damit zu einer Beschleunigung des gesellschaftlichen Alterungsprozesses kommen.
In der Folge entstünde dann eine Gerontokratie, in der für notwendige
gesellschaftliche Reformprozesse keine Mehrheiten mehr erzielbar wären. Ähnliche
Entwicklungen sind auch bei anderen sozialstaatlichen Maßnahmen vorstellbar.
(Ebd., S. 369).Und schließlich haben Interessengruppen
vor allem ihren eigenen Selbsterhalt und die durch sie vertretenen Interessen
im Sinn. So möchte beispielsweise eine politische Partei zunächst einmal
die nächste Wahl gewinnen. Sie wird folglich eher politische Maßnahmen
präferieren, die für eine möglichst große Zahl aktueller
Wähler von Vorteil sind, statt solchen, die der Gesellschaft langfristig
von Nutzen sind. Der Selbsterhalt der politischen Parteien kann deshalb dem Selbsterhalt
der Gesellschaft auch im Wege stehen. (Ebd., S. 369).
6.6.4) Säkularisierung
Säkularisierung bedeutet
die Abschaffung von Staatsreligionen. In der Regel ist sie mit einem erheblichen
Machtverlust der religiösen Institutionen, vor allem der Kirchen, zugunsten
des Staates verbunden. (Ebd., S. 369).Religionen vermitteln
meist nicht nur den Glauben an Gott oder die Vision eines Lebens nach dem Tod,
sondern auch Werte und Moralvorstellungen, auf denen das Zusammenleben und die
Zusammenarbeit in ... nichtindividualistischen Gesellschaften beruhen. Ganz häufig
wurden Werte und Moral über gesellschaftliche Rollenvorgaben vermittelt,
die aus Sicht des Individuums aber einen dominanten Charakter besitzen, da sie
ihm klare Vorgaben machen. In modernen, individualistischen Gesellschaften lösen
sich diese Rollen nun aber sukzessive auf. (Diese sogenannten
»individualistischen Gesellschaften« sind übrigens insgesamt
eine ungefähr 20% umfassende Minderheit [= westliche + westlich-orientierte
»Gesellschaft«], deren Anzahl ausgerechnet auch noch schrumpft!
So gesehen ist es wahrscheinlicher, daß sich die »individualistischen
Gesellschaften« mit ihren Rollen sukzessive auflösen! HB).
Das einzelne Individuum konzentriert sich auf seinen individuellen Lebenslauf
und sein jeweiliges Arbeitsmarktrisiko, während die vormaligen Gemeinschaftsaufgaben
nun weitestgehend professionalisiert und institutionalisiert sind, und dann nicht
selten unter der Regie des Wohlfahrtsstaates abgewickelt werden. (Ebd.,
S. 369-370).In einer individualistischen, ausdifferenzierten,
arbeitsteiligen und auf der Gefallen-wollen-Kommunikation beruhenden Gesellschaft
haben Staatsreligionen folglich keinen Sinn mehr. Die neuen Religionen heißen
Arbeitsteilung und Individualismus (jedenfalls bis
zu deren Untergang bzw. Ablösung durch Religionen nichtindividualistischer
Gemeinschaften; HB
[**|**]).
(Ebd., S. 370).
6.6.6) Zusammenfassung
Zusammenfassend kann festgestellt
werden, daß der Prozeß der Zivilisation unter anderem mit den folgenden
gesellschaftlichen Veränderungen und Prozessen Hand in Hand geht:| | Individualisierung; | | | Institutionalisierung
und Professionalisierung von Kollektivaufgaben; | | | Ausdifferenzierung,
zunehmende Arbeitsteilung, Spezialisierung; | | | Staatenbildung; | | | Staatliches
Gewaltmonopol; | | | Demokratisierung; | | | Säkularisierung; | | | Wohlfahrtsstaatliche
Entwicklungen; | | | Aufkommen
von Märkten und Unternehmen; | | | Abbau
gesellschaftlicher Dominanzhierarchien und Klassen; | | | Gleichberechtigung
der Geschlechter; | | | Generelle
Umstellung auf die Gefallen-wollen-Kommunikation; | | | Zurückdrängung
aller gefährlichen/bedrohlichen/belästigenden dominanten Kommunikationsweisen; | | | Psychogene
Veränderungen wie zunehmende Affektkontrolle, Anhebung der Peinlichkeitsstandards,
Schamgefühle. (Ebd., S. 370). |
6.7) Globalisierung **
| Peter
Mersch definiert den Begriff Globalisierung zum Teil anders als ich
(HB)! ** |
Die
sogenannte Globalisierung ist untrennbar mit einigen bahnbrechenden technologischen
Neuerungen im Bereich der Informationstechnologie (Hardware- und Softwaretechnologie,
Internet, Telekommunikation, Glasfaserkabel, geostationäre Satelliten u.s.w.),
aber auch sonstigen physischen Kommunikationsverbesserungen (z.B. bezüglich
Flugzeug, Schiffahrt, Containertechnologie) verbunden. Daneben waren die Verbindung
der Finanzmärkte (der Handel in allen Zeitzonen), verschiedene internationale
Standardisierungen, Handelserleichterungen, aber auch der Zusammenbruch des Kommunismus
von entscheidender Bedeutung. (Ebd., S. 371).All das
gab den Organisationssystemen nun die Möglichkeit, sich von nationalen Beschränkungen
zu befreien und über die Grenzen ihrer vormaligen Heimatmärkte hinaus
zu wachsen. (Ebd., S. 371).Aufgrund der riesigen Erdölfürderkapazitäten
konnte jetzt auch ihr enormer Energiebedarf gedeckt werden. Gleichzeitig stand
an den Finanzmärkten ausreichend Kapital zur Verfügung, um selbst die
größten Vorhaben finanzieren zu können. (Ebd., S. 371).Man
könnte sagen: Mit der Entdeckung des Erdöls öffnete der Mensch
Pandoras Büchse: Der Handel mit Erdöl wird (noch!
HB) hauptsächlich
in US-Dollar - in diesem Zusammenhang Petrodollar genannt - abgerechnet. Das dabei
von den Erdölförderländern eingenommene Geld fließt anschließend
wieder zu erheblichen Anteilen in die Finanzmärkte zurück, wo es dazu
beiträgt, Organisationssysteme
(**|**|**|**)
mit einem hohen Energiebedarf (meist auf Basis fossiler Brennstoffe) entstehen
oder wachsen zu lassen. Den Organisationen stehen nun also effiziente Möglichkeiten
zur Verfügung, sehr rasch große Mengen an Kapital und Energie aufzunehmen
und zu wachsen. Anders gesagt: Jedes zusätzliche geförderte Barrel Erdöl
trägt mit dazu bei, Systeme zu erzeugen, die es verbrauchen und anschließend
noch mehr davon haben wollen. (Ebd., S. 371).Dies
soll an einem einfachen Beispiel erläutert werden:| Nehmen
wir an, Bauer Anton stößt auf seinem Grund und Boden bei der Anlegung
eines neuen Brunnens auf einen riesigen Ölvorrat.Nun
könnte Bauer Bert für 10000 Euro Landwirtschaftsmaschinen erwerben,
die pro Jahr 10000 Euro an Treibstoffen (Öl) verschlingen. Dabei könnte
er mindestens 5 Landarbeiter einsparen, die zusammen 30000 Euro pro Jahr gekostet
hätten. Für Bauer Bert stellt sich die Umstellung auf die Maschinen
also als ein günstiges Geschäft dar.Am
Ende des Jahres hat Bauer Anton durch seine Ölquelle 10000 Euro verdient.
Dieses Geld stellt er Bauer Christoph als Kredit zum Kauf von Landwirtschaftsmaschinen
zur Verfügung. Anschließend kauft auch Bauer Christoph filr 10000 Euro
Öl pro Jahr bei Bauer Anton.Ein
Jahr später erhalten die Bauern Dieter und Eberhard von Bauer Anton jeweils
einen Kredit über 10000 Euro zum Erwerb von Landwirtschaftsmaschinen, die
nun gleichfalls 10000 Euro an Treibstoff pro Jahr und Bauer verbrauchen.Auf
diese Weise schafft sich die Ölquelle ihre Abnehmer selbst. | Organisationen
wollen wachsen, und zwar einerseits zwecks Erschließung neuer Märkte
und Ressourcen, andererseits zur Realisierung von Skaleneffekten und den damit
verbundenen Wettbewerbsvorteilen. (Ebd., S. 371-372).Im
Rahmen der Globalisierung lassen die Organisationssysteme nun massenhaft ihre
nationalen Beschränkungen hinter sich, wobei sie die jeweiligen Nationalstaaten
regelrecht zu ihren Lieferanten für Humankapital, Ressourcen (Rohstoffe,
Entsorgung, Endlagerung u.s.w.) und Infrastrukturen degradieren, während
sie sich selbst zu eigenständigen, international operierenden Systemen von
geradezu ungeheuerlicher Macht und Größe aufbauen, die nun durch praktisch
niemanden mehr kontrollierbar sind. (Ebd., S. 372).Basierte
der Wohlstand eines Landes bislang maßgeblich auf der Leistungsfähigkeit
seiner Unternehmen (»der Wirtschaft«), so dürfte er in Zukunft
eher auf dem Reichtum seiner Ressourcen (Rohstoffe wie Erdöl, Humankapital)
und der Ausgereiftheit von Regelwerken und Infrastrukturen beruhen. (Ebd.,
S. 372).Bei Organisationssystemen
(**|**|**|**)
handelt es sich um neuartige biologische Phänomene einer bislang unbekannten
Größenordnung und mit einem gigantischen Energie- und Kapitalbedarf.
Einmal auf den Weg gebracht, verhalten sie sich wie Lebewesen (**)
mit einer eigenen Identität und einem eigenständigen Selbsterhaltungsinteresse,
wobei sie eine beträchtliche Eigendynamik entwickeln können (**).
Ihre primäre selektive Umwelt sind vor allem die Märkte, auf denen sie
bestehen wollen und müssen. Sie werden also weniger durch einzelne Menschen
gesteuert, sondern in erster Linie durch Marktgeschehnisse und sonstige Wirtschaftsfaktoren
(**). (Ebd., S. 372-373).
| Im
übertragenen Sinne könnte man sagen: Die Früchte eines Apfelbaumes
sind Äpfel, die von Nokia dagegen Mobiltelefone, die ganz ähnlich darauf
warten, geerntet zu werden. (Ebd.). |
| Auch
bilden sie mit ihren Rechenzentren zum Teil gewaltige eigene Gehirne aus. Robert
B. Laughlin weist daneben noch auf eine andere Entwicklung hin (vgl. Robert B.
Laughlin, Das Verbrechen der Vernunft - Betrug an der Wissensgesellschaft,
2008): Unternehmen sammeln immer mehr proprietäres Wissen - das Teil ihres
Wettbewerbvorteils ist - an, auf das Menschen nur dann Zugriff haben, wenn sie
in diesem Unternehmen in den entsprechenden Positionen arbeiten. Die von den Mitarbeitern
erbrachten neuen Erkenntnisse gehören ganz automatisch wieder dem Unternehmen.
Auf diese Weise entsteht zunehmend unternehmerisches Geheimwissen, was der Menschheit
nur indirekt (über die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens) zur
Verfügung steht. Auch dieser Zusammenhang offenbart, daß die biologische
Spezies Mensch (beziehungsweise menschliche Gesellschaften) und die durch Menschen
gebildeten Organisationssysteme
als voneinander unabhängig betrachtet werden müssen. Beide Seiten verfolgen
zum Teil ganz unterschiedliche Interessen. (Ebd.). |
| Die
Entstehung von Mehrzellern (Organismen, autopoietischen Systemen zweiter Ordnung)
war ein entscheidender Durchbruch in der Evolution des Lebens. Seitdem dominierten
diese biologischen Phänomene das Leben auf der Erde. Mit
der Herausbildung von Organisationssystemen
scheint der Evolution ein weiterer Komplexitätssprung gelungen zu sein.
(Ebd.). Anmerkung zur Anmerkung: Man
beachte die Vergangenheitsform (dominierten) - ein weiterer
Hinweis darauf, daß Peter Mersch tatsächlich davon ausgeht, daß
nicht mehr die Mehrzeller (Organismen, autopoietische Systeme zweiter Ordnung)
das Leben der Erde beherrschen, sondern die sie über Verträge an sich
bindenden Mehrorganismen, d.h. Unternehmen (Organisationssysteme,
autopoietische Systeme dritter Ordnung). HB |
Wie
wir gesehen haben, sind Märkte evolutive Infrastrukturen: Kaum eingerichtet,
findet auf ihnen bereits Evolution statt, denn die Marktteilnehmer wollen sich
ja selbst erhalten und damit vor allem auch ihre Adaptionen in Relation zur Konkurrenz,
weswegen sie ihre Produkte und Dienstleistungen permanent aktualisieren und verbessern
müssen. (Ebd., S. 373). Eine Marktwirtschaft
ist dann die Plattform, auf der solche evolutiven Infrastrukturen - und mit ihnen
die Organisationssysteme - auf leichte Weise entstehen können, was sicherlich
einerseits Innovation zur Folge hat, ohne weitere Gegenmaßnahmen aber auf
der anderen Seite auch - dank Gefallen-wollen-Kommunikation - eine ungeheure Verschwendung
und damit eine beschleunigte Entropie (siehe dazu das Kapitel Verschwendung).
Mit der Globalisierung haben sich diese Plattformen nun internationalisiert.
(Ebd., S. 373).Gemäß Maturana und Varela handelt
es sich bei Organismen (Mehrzellern) um autopoietische Systeme zweiter Ordnung,
in denen zum Teil mehrere Milliarden Zellen zur Erfüllung einer gemeinsamen
Aufgabe kooperativ zusammengeschaltet sind. In solchen Strukturen kann sich die
einzelne Zelle nicht mehr selbst ernähren. Stattdessen wird sie nun vom Organismus
mitversorgt, der die erforderlichen Ressourcen - insbesondere Energie - für
alle seine Elemente beschafft. (Ebd., S. 373).Bei
Organisationssystemen, die ihre Zellen zwar nicht fest an sich schweißen,
sondern nur vertraglich binden (siehe dazu den Abschnitt Systembindungen),
sieht das letztlich nicht viel anders aus. So wird beispielsweise in vielen Arbeitsverträgen
explizit festgelegt, daß ein Mitarbeiter seine Arbeitskraft ganz dem Unternehmen
zur Verfügung zu stellen hat und nicht gleichzeitig noch für andere
Arbeitgeber tätig werden kann. (Ebd., S. 373-374).In
der Folge hängt der Selbsterhalt des Arbeitnehmers - der einzelnen Zelle
des Organisationssystems - entscheidend vom wirtschaftlichen Erfolg seines Arbeitgebers
ab, weshalb er sich schon bald dessen Geschäftsziele und damit insbesondere
dessen Selbsterhaltungsinteressen zu eigen machen wird, ein durchaus erwünschter
Effekt, denn nun wird der Mitarbeiter ja ein unmittelbares eigenes Interesse daran
haben, seine Kreativität im Dienste des Arbeitgebers zu entfalten. Bei Zulieferern
und externen Mitarbeitern, die häufig recht ähnlich am Erfolg ihres
Auftraggebers partizipieren, wird das nicht viel anders sein. (Ebd., S.
374).Verursacht ein Unternehmen beispielsweise gravierende
ökologische Belastungen, weswegen ihm zusätzliche Auflagen erteilt werden
sollen, die seinen wirtschaftlichen Erfolg ganz erheblich beeinträchtigen
könnten, dann wird man gerade bei dessen Mitarbeitern mit Widerstand gegen
die geplanten Maßnahmen zu rechnen haben, denn diese sind ja davon ebenfalls
betroffen. Wenn ein Unternehmen mit 50000 Mitarbeitern Konkurs anmelden muß,
dann verlieren gegebenenfalls alle 50000 Arbeitnehmer ihren Job. Entsprechend
machtvoll sind die gebündelten Interessen, die das Unternehmen von innen
heraus vorantreiben, ganz ähnlich wie dies Zellen bei einem Organismus tun.
(Ebd., S. 374).Allerdings besteht zwischen einer Zelle und
ihrem Organismus eine viel engere Bindung als zwischen einem Mitarbeiter und seinem
Organisationssystem. Eine Zelle könnte sich nie von ihrem Organismus trennen,
sie ist ihm auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Bei einem Unternehmen und seinen
Mitarbeitern sieht das ganz anders aus, denn hier hat die gegenseitige Bindung
ja nur vertraglichen Charakter. (Ebd., S. 374).Doch
genau dieser Umstand wird nun im Rahmen der Globalisierung zunehmend als Problem
oder gar als Bedrohung empfunden. War ein Unternehmen vor noch nicht allzu langer
Zeit an einen bestimmten Standort und damit weitestgehend an das dort verfügbare
Humankapital gebunden, so kann es heute seine Standorte dahin verlegen, wo es
die günstigsten Bedingungen und die »besten Gehirne« (Franz Josef
Radermacher, Die Brasilianisierung der Welt, 2006 [**|**])
zur Erfüllung seiner eigenen Selbsterhaltungsinteressen vorfindet. Dies führt
automatisch zu einer Schwächung der Stellung von Arbeitnehmern und Nationalstaaten
gegenüber den global operierenden Organisationssystemen. Mit einer hohen
Sensibilität der Unternehmen gegenüber den reproduktiven Interessen
von Arbeitnehmern darf unter solchen Umständen nicht gerechnet werden.
(Ebd., S. 374-375).Im Abschnitt Leben
und Fortpflanzung wurde gezeigt, daß es sich auch bei der biologischen
Evolution ganz wesentlich um Entwicklungsprozesse bezüglich der Nutzung von
Energie handelt. Ist irgendwo Energie in konnzentrierter Form vorhanden, dann
dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ein geeigneter Nutzer
dafür auftaucht (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Leben
als dissipative Struktur [**]).
Fressen und gefressen werden, lautet die Devise. Aus diesem Grunde ist auch davon
auszugehen, daß die Organisationssysteme jegliche zur Verfügung stehende
Energie - egal ob aus Kohle, Öl, Gas, Atom oder der Sonne - nutzen werden.
Gleichzeitig werden sie immer mehr Energie für sich nutzbar machen. Ihre
Selbsterhaltungsinteressen werden alle Energien ansaugen, die sie nur bekommen
können. Franz Josef Radermacher interpretiert entsprechende, vom Entropiesatz
geleitete Äußerungen Jacques Neiryncks in einem Geleitwort zu dessen
Buch »Der göttliche Ingenieur« (2006) denn auch wie folgt:| »Dies
gipfelt in der These, daß die Erfindung von biochemischen Strukturmechanismen
bis hin zur Erfindung des Lebens beziehungsweise denkender Wesen, ein besonders
effizienter Weg der Natur sein könnte, den Weg in die totale Unordnung immer
noch mehr zu beschleunigen.« | Einige Autoren
sehen in der Menschheit selbst etwas wie einen Superorganismus. Darwin faßte
sogar Ameisen- und Bienenkolonien als solche auf. Im vorliegenden Buch wird eine
davon abweichende Auffassung vertreten: Die Organisationssysteme
sind Superorganismen (**). Die
Menschheit selbst besitzt dagegen diesen Status zur Zeit noch nicht. Im Gegenteil:
Die Menschheit als Ganzes ist noch weitestgehend unorganisiert. (Ebd., S.
375).
| Ein
wesentliches Merkmal menschlicher Organisationssysteme wie etwa Unternehmen ist,
daß sie sich von ihrer Humanbasis lösen können. Beispielsweise
könnte Nokia seine Produktionsstätten in Bochum schließen und
nach Rumänien verlegen. Dort würde es nun aber ganz andere Mitarbeiter
haben. Eine Ameisenkolonie kann sich dagegen nicht selbstständig von einem
Ort zu einem anderen bewegen, sie ist stets untrennbar mit ihren Mitgliedern verbunden.
Gleiches gilt für menschliche Gesellschaften. Obwohl Organisationssysteme
weniger autopoietisch sind als menschliche Gesellschaften (sie produzieren ihre
autopoietischen Elemente nicht selbst), sind sie auf der anderen Seite doch auch
deutlich autonomer als letztere. Der Begriff »Superorganismus« dürfte
wohl deshalb auch in Zukunft eher den Organisationssystemen vorbehalten sein.
(Ebd.). ** |
Jacques
Neirynck beschreibt in »Der göttliche Ingenieur« (2006) die Geschichte
der Menschheit als eine Abfolge unterschiedlicher »technischer Systeme«,
die nach einiger Zeit stets an ökologische Grenzen gestoßen sind. Nach
Überwindung der jeweiligen Scheidelinien - durch technische oder organisatorische
Innovationen - sei dann das nächste System gefolgt. Seiner Meinung nach wurde
in Europa um das Jahr 1300 die äußerste Spitze dessen erreicht, was
mit einem auf erneuerbaren Ressourcen beruhenden technischen System möglich
ist. (Ebd., S. 376).Ich bin dagegen der Auffassung,
daß es ab etwa der Moderne nicht mehr primär die menschlichen Gesellschaften
und ihre jeweiligen technischen Systeme sind, die den Gang der Geschichte bestimmen,
sondern die Organisationssysteme - Aggregationen von Menschen also - mit ihren
spezifischen Anforderungen und Interessen. (Ebd., S. 376)
6.8) Grundeinkommen
Zum Schluß dieses Kapitels
möchte ich noch kurz ein Thema diskutieren, welches auf den ersten Blick
kaum etwas mit den bisherigen Ausführungen zu tun hat, an dem man aber viele
der bislang angesprochenen Punkte noch einmal verdeutlichen kann: Das bedingungslose
Grundeinkommen (**|**|**|**|**|**)
. (Ebd., S. 376).Soziale Solidarität entsteht
durch die Anerkennung einer gemeinsamen Moral, die darin mündet, daß
jeder auf jeden angewiesen ist und folglich umgekehrt auch die eigenen Fähigkeiten
zur Förderung des Ganzen einzusetzen hat (vgl. Hermann Korte, Soziologie,
2004, S. 46). Man könnte dies als die Moral der Arbeitsteilung bezeichnen.
(Ebd., S. 376).Wichtig hierbei sind vor allem zwei Punkte:| | Jeder
ist auf jeden angewiesen. | | | Jeder
Einzelne muß sich mit seinen Kompetenzen zur Förderung des Ganzen einsetzen.
Oder anders gesagt: Man muß arbeiten. | Im
vorliegenden Buch wurde die These aufgestellt, daß der Prozeß der
Zivilisation weitestgehend mit der sukzessiven Umstellung aller dominanten Kommunikationsweisen
auf die Gefallen-wollen-Kommunikation gleichzusetzen ist. Eine wesentliche Voraussetzung
dafür ist aber die Loslösung des Individuums von allen verpflichtenden
Kollektivaufgaben, und zwar unabhängig davon, ob diese über direkten
Zwang (zum Beispiel Wehrpflicht) oder gesellschaftliche Rollenvorgaben (zum Beispiel
Hausfrau und Mutter) vermittelt werden. (Ebd., S. 376-377).Weil
die Gemeinschaftsaufgaben nach einer solchen Loslösung nicht mehr zufriedenstellend
erledigt werden (siehe dazu den Abschnitt Tragik
der Allmende), ist die Maßnahme der Institutionalisierung erforderlich,
wofür es fallweise recht unterschiedliche Ausprägungen gibt. Nicht selten
wird die Aufgabe dann professionalisiert und unter der Verantwortung des Staates
ausgeübt (Schulen, Polizei, Berufsheer u.s.w.). (Ebd., S. 377).Die
einzige Verpflichtung (Dominanz), die dem Bürger nun noch gegenüber
dem Ganzen bleibt, ist: Er muß arbeiten und Steuern zahlen, damit der Staat
seine Institutionen auch finanzieren kann. Genau das steckt letztlich hinter Émile
Durkheims Moral-These zur sozialen Solidarität. (Ebd., S. 377).Götz
W. Werner zweifelt im Rahmen seiner Argumentation für das Bürgergeld
selbst diese noch verbliebene letzte Verpflichtung innerhalb einer ansonsten individualistischen
und arbeitsteiligen Gesellschaft an. Gemäß seiner Auffassung handelt
es sich beim bedingungslosen Grundeinkommen um ein Grundrecht, welches sich angeblich
sogar regelrecht aus der deutschen Verfassung ableiten läßt:| »Die
Würde und das Lebensrecht des Menschen sind in jeder Beziehung unantastbar.
Auf ihnen gründet alles übrige. Niemand darf in diese Rechte eingreifen.Was
aber bedeutet das in Hinblick auf den Zusammenhang von Arbeit und Einkommen? Im
Grunde ist es ganz einfach. Wer leben, und zwar in menschlicher Würde und
in Freiheit leben will, der braucht etwas zu essen, er muß sich kleiden,
er benötigt ein Dach über den Kopf - und er muß in einem angemessenen
Rahmen am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen können.Nirgendwo
in unserem Grundgesetz aber steht, daß der Mensch dafür arbeiten muß.
.... Dieses - unserer
Verfassung völlig angemessene - Verständnis der Grundrechte hat eine
simple Konsequenz: Wenn das Recht, in Würde und in Freiheit zu leben, bedingungslos
ist, dann muß auch das Recht auf Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung und auf
grundlegende gesellschaftliche Teilhabe bedingungslos sein.« (Götz
W. Werner, Einkommen für alle, 2007, S. 59ff.). | Und
weiter:| »Die
Freiheit, nein zu sagen, hat aber nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist.
Das allein wäre Grund genug für die Einführung eines bedingungslosen
Grundeinkommens.« (Götz W. Werner, Einkommen für alle,
2007, S. 62). | Götz W. Werner attackiert hier
etwas, was aber gemäß Émile Durkheim die Grundlage für
das Entstehen von sozialer Solidarität in einer insgesamt individualistischen
und arbeitsteiligen Gesellschaft ist. Denn wem bereits der Staat ein ausreichendes
bedingungsloses Grundeinkommen garantiert, der ist nicht länger dazu verpflichtet,
seinen Beitrag zum Gemeinwohl beizutragen, der muß nicht einmal mehr »gefallen
wollen«, geschweige denn zu anderen höflich sein. (Ebd., S. 377-378).Eine
vollständig individualistische und arbeitsteilige Gesellschaft, in der es
keinerlei gegenseitige Verpflichtungen mehr gäbe, weder eigene Kinder zu
haben, noch Ältere zu versorgen, morgens aufzustehen, arbeiten zu gehen,
Schutz zu leisten, Steuern zu zahlen oder sich an irgendwelchen sonstigen Gemeinschaftsaufgaben
zu beteiligen (da letztlich alles freiwillig ist), wäre überhaupt kerne
Gesellschaft mehr. (Ebd., S. 378).Nun könnte
ich mich täuschen, und auch die These Durkheims muß nicht unbedingt
stimmen, wenngleich sie mir recht plausibel erscheint. Ich möchte an dieser
Stelle jedoch darauf hinweisen, daß es bei Vorschlägen dieser Art mehr
zu bedenken gibt (**) als die Dinge,
die in den einschlägigen Büchern zum Thema bislang diskutiert werden.
Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger des Staates vorschlägt,
sollte - im Vorfeld - plausibel erklären können, wie unter solchen Verhältnissen
gesellschaftliche Solidarität entstehen kann. (Ebd., S. 378).
| Dazu
gehören auch die zur Zeit nicht abschätzbaren Auswirkungen eines bedingungslosen
Grundeinkommens auf das generative Verhalten der Bevölkerung (vgl. Peter
Mersch, Irrweg
Bürgergeld, 2007). (Ebd.). |
7) Verschwendung (S. 379-396)
Die
Einführung der »Gefallen-wollen-Kommunikation« im Rahmen der
sexuellen Selektion stellte einen entscheidenden Durchbruch für die Evolution
des Lebens auf diesem Planeten dar, bewirkte sie doch unter anderem erheblich
beschleunigte Evolutionsprozesse und in der Folge auch die menschliche Intelligenz.
Aufgrund des durch sie ermöglichten fairen Wettbewerbs unter Gleichen wurde
sie zum Modell für viele spätere menschliche kulturelle Entwicklungen.
Sie ist die Basis heutiger Marktwirtschaften und wohl auch des Zivilisationsprozesses
insgesamt. Auch war sie die Voraussetzung für das Entstehen moderner Organisationen
wie etwa Unternehmen. Allerdings ist sie alles andere als nebenwirkungsfrei, denn
sie führt unter anderem zu einer sehr weiten Ausnutzung der Ressourcen eines
Lebensraums und vor allem zu einer beträchtlichen Verschwendung. Dieser letzte
Punkt soll im vorliegenden Kapitel näher untersucht werden. (Ebd.,
S. 379).
7.1) Verschwendung durch Gefallen-wollen
7.1.1) Werbung
Auf die Bedeutung der Verschwendung
im Rahmen der Partnerwerbung wurde bereits im Abschnitt Fitneßindikatoren
eingegangen. Ich möchte dazu Geoffrey F. Miller noch einmal etwas ausführlicher
zu Wort kommen lassen:| »Das
Handicap-Prinzip betont, daß sexualspezifischer Schmuck und Werbungsverhalten
aufwendig sein müssen, um zuverlässige Fitneßindikatoren zu sein.
Ihre Kosten können fast jede Form annehmen. Vielleicht erhöhen sie das
Risiko, von Raubfeinden entdeckt zu werden, indem sie das Tier durch leuchtende
Farben auffälliger machen. Vielleicht erhöhen sie das Risiko einer Infektion,
indem sie das Immunsystem des Tieres beeinflussen (wie viele Geschlechtshormone).
Vielleicht verschlingen sie, wie der Vogelgesang, enorme Mengen an Zeit und Energie.
Vielleicht verlangen sie, wie bei der Jagd in menschlichen Stammesgesellschaften,
gewaltigen Aufwand für ein kleines Stückchen Fleisch.Nach
Veblens Prinzip des demonstrativen Konsums spielt die Form des Aufwands keine
große Rolle. Allein die ungeheure Verschwendung zählt. Nur sie sorgt
für die Aufrichtigkeit der Fitneßindikatoren und macht Partnerwerbung
erst romantisch: das verschwenderische Tanzen, das verschwenderische Schenken,
die verschwenderische Konversation, das verschwenderische Lachen, das verschwenderische
Vorspiel, die verschwenderischen Abenteuer. Vom Standpunkt des Überlebens
des am besten Angepaßten aus erscheint dies verrückt und sinnlos
und nicht zur Anpassung geeignet. Die menschliche Partnerwerbung scheint sogar
vom Standpunkt der sexuellen Selektion auf nichtgenetische Vorteile verschwenderisch
zu sein, weil, wie wir noch erfahren werden, die als besonders romantisch geltenden
Liebestaten für den Gebenden oft am kostspieligsten sind, dem Empfänger
aber die geringsten Vorteile bringen. Nach der Theorie der Fitneßindikatoren
ist diese Verschwendung jedoch der effektivste und zuverlässigste Weg, etwas
über jemandes Fitneß zu erfahren. Wenn man in der Natur offensichtliche
Verschwendung beobachtet, ist die sexuelle Selektion am Werk.Jeder
sexualspezifische Schmuck bei jeder sich sexuell fortpflanzenden Art ließe
sich als eine eigene Form der Verschwendung betrachten. Männliche Buckelwale
verschwenden ihre Energie mit 30-minütigen, 100e von Dezibel lauten Gesängen,
die sie während der Paarungssaison den ganzen Tag über wiederholen.
Männliche Webervögel verschwenden ihre Zeit mit dem Bau kunstvoller
Nester. Männliche Hirschkäfer verschwenden Materie und Energie aus ihrer
Nahrung für gewaltige Mandibeln (Oberkiefer). Männliche Seelefanten
verschwenden in jeder Paarungssaison 500 Kilogramm ihres Körperfettes auf
den Kampf mit männlichen Artgenossen. Männliche Löwen verschwenden
unzählige Kalorien darauf 30-mal am Tag mit Löwinnen zu kopulieren,
bis die Weibchen endlich empfangen. Männliche Menschen verschwenden ihre
Zeit und Energie darauf, akademische Titel zu erlangen, Bücher zu schreiben,
Sport zu treiben, andere Männer zu bekämpfen, Bilder zu malen, Jazz
zu spielen und religiöse Kulte zu begründen. Dies mögen keine bewußten
sexuellen Strategien sein, aber die hinter Leistung und Status
steckenden Motivationen - selbst deren Bevorzugung vor materiellen Quellen - wurden
wahrscheinlich durch sexuelle Selektion geprägt. Allerdings wird das während
der Partnerwerbung attraktiv erscheinende verschwenderische Gebaren möglicherweise
nicht mehr gewürdigt, wenn die Nachkommen da sind - elterliche Pflichten
und sichtbares Werbungsverhalten vertragen sich nicht.Dem
Handicap-Prinzip zufolge interessiert sich die sexuelle Selektion in jedem Falle
mehr für die ungeheuren Ausmaße der Verschwendung als für ihre
exakte Form. Haben die zur Entscheidung führenden Mechanismen der sexuellen
Auswahl einem sexuellen Signal erst einmal die nötige hiformation über
die Fitneß entnommen, ist alles andere an diesem Signal reine Geschmackssache.
Dieses Zusammenspiel von Geschmack und Verschwendung läßt der Evolution
viel Freiheit. Man könnte sogar jede Spezies mit sexualspezifischem Schmuck
als eine Spielart sexuell selektierter Verschwendung betrachten. Ohne diese vielfältigen
Formen sexueller Verschwendung wäre unser Planet nicht von so vielen Spezies
bevölkert.« (Geoffrey F. Miller, Die sexuelle Evolution, 2001,
S. 150ff.). | Ganz ähnlich sieht es in der Unternehmenswelt
aus. Auf speziellen Messen präsentieren die jeweiligen Hersteller und Marken
ihre Produkte, als handele es sich um einmalige Sehenswürdigkeiten. Im Einzelhandel
oder eleganten Einkaufszentren liegt die Ware dann - lichtbestrahlt und mit einem
auffälligen Design (produktspezifischem Schmuck) versehen - in einladenden
Regalen aus. Gleichzeitig weisen aufwendige Werbekampagnen auf die angeblichen
Vorzüge der Produkte hin, wobei nicht selten ein sexueller Bezug hergestellt
wird (das heißt, es werden vorgeblich reproduktive Vorteile reklamiert).
Die Hauptverwaltungen der Unternehmen selbst residieren in protzigen Bürogebauden,
die Macht, Starke und Kompetenz signalisieren sollen:| »Pracht
entsteht folgerichtig umso wahrscheinlicher, je drückender die Konkurrenz
ist. Die größten und teuersten Bankenhochhäuser werden dort gebaut,
wo schon die der Konkurrenz stehen.« (Eckart Voland, Die Natur des Menschen,
2007, S. 133). | Im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation
geht es zunächst um die Erlangung von Aufmerksamkeit. Dabei spielt der Preis
oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: Je teurer ein Signal ist,
desto zweifelsfreier belegt es die Qualität des Absenders. Auf dieses Bemühen,
Aufmerksamkeit zu erlangen und gefallen zu wollen, das heißt, selektiert
zu werden, dürfte auch ein Großteil der menschlichen Kulturleistung
zurückzuführen sein:| »Die
menschliche Kulturgeschichte ist nicht zuletzt eine grandiose Geschichte der Übertreibung
durch teure Signale. Man besinne sich für einen Moment auf all das, was die
Geschichte und die Leistungen der menschlichen Kultur symbolisiert, auf die materiellen,
künstlerischen und philosophischen Hinterlassenschaften. Was erklärt
eigentlich die Unesco zum Weltkulturerbe? Alles in allem kann man sich
dem Schluß nicht entziehen, daß hier durchweg Dinge unter Schutz gestellt
werden, deren hervorragendste Eigenschaft es war, zwar unpraktisch, aber unglaublich
, teuer gewesen zu sein. .... Kulturgeschichte ist nicht zuletzt Ausfluß
eines ewigen Wettstreits um Aufmerksamkeit.« (Eckart Voland, Die Natur
des Menschen, 2007, S. 133). (Ebd., S. 379-382). |
7.1.2) Wirtschaft
Stellen Sie sich vor, Sie seien
Hausfrau und Mutter einer sechsköpfigen Familie und wollten für Ihre
Lieben etwas zum Abendessen kochen. Sie entscheiden sich für Königsberger
Klopse mit Kartoffeln. Doch Ihre Kinder machen Ihnen deutlich, daß sie lieber
Hamburger essen würden und stellen Ihnen die Frage, warum es nicht auch McDonalds
sein könne. Sie sind enttäuscht. Schließlich geht Ihr Ehemann
dazwischen und spricht ein Machtwort: »Schluß jetzt Kinder. Es wird
gegessen was auf den Tisch kommt! Und wehe ich sehe hier noch irgendwo ein langes
Gesicht!« (Ebd., S. 382).Und nun stellen
Sie sich vor, Ihre Familie würde an Ihrem Geburtstag abends zu einem guten
Italiener (?? HB)
gehen. Sie bestellen Dorade Royal, Ihr Mann ein Steak, Ihre Jüngste Spaghetti
mit Tomatenketchup (auf Wunsch statt der sonst üblichen, aus frischen Tomaten
hergestellten Sauce, Ihre beiden Söhne Scaloppine Milanese und Ihre Älteste
ein fettarmes, vegetarisches Gericht. (Ebd., S. 382).Was
unterscheidet die beiden Situationen? Möglicherweise werden Sie jetzt sagen:
Einmal koche ich, ein anderes Mal lasse ich kochen. Dies ist einerseits richtig,
aber es gibt noch einen viel wesentlicheren Unterschied: Im ersten Fall handelt
es sich um eine dominante, im zweiten um eine Gefallen-wollen-Kommunikation. Denn
wenn Sie kochen, bestimmen Sie, was auf den Tisch kommt, und vor allem auch, wieviel.
Sie kennen ungefähr den Appetit Ihrer Familie und können dementsprechend
einkaufen. Meist kochen Sie etwas mehr als notwendig wäre, aber im Grunde
bleibt nie viel übrig. Beim Restaurant sieht das ganz anders aus. Zunächst
wählen Sie als Gäste das Lokal. Vielleicht wird es das am Ende Ihrer
Straße sein, vielleicht aber auch ein ganz anderes. Es soll ja nicht nur
gut schmecken, sondern auch das Ambiente sollte stimmen. (Ebd., S. 382).Im
Lokal legt man Ihnen zunächst eine Karte vor, aus der Sie wählen: die
klassische Gefallen-wollen-Kommunikation. (Ebd., S. 383).Das
Problem hierbei ist nun: Der Gastwirt weiß nie, wie viele Gäste am
Abend kommen werden. Und er kennt natürlich auch nicht deren Präferenzen.
Beispielsweise könnte er heute besonders viel frischen Fisch eingekauft haben,
und wenn Sie dann die einzige Person sind, die sich am Abend für Fisch entscheidet,
dann wird er möglicherweise sogar einen Großteil der Ware entsorgen
müssen. (Ebd., S. 383).Dieses Problem kennt praktisch
jeder Händler. Einerseits möchte er, daß die Kunden sofort kaufen
und nicht seinen Laden aufgrund von Lieferzeiten gleich wieder verlassen, andererseits
möchte er aber auch nicht unnötig lange auf seiner Ware sitzen bleiben.
(Ebd., S. 383).Auch kann es eine ganze Menge Unwägbarkeiten
geben. Wenn Sie beispielsweise auf einem Markt Äpfel und Birnen anbieten,
jeweils ungefähr 50 Prozent Ihres Angebots, und am Morgen wird bekannt, daß
irgendwo in der Umgebung ein Kind ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil es
einen Apfel einer bestimmte Sorte gegessen hat - genau die, die Sie vorzugsweise
anbieten -, dann kann es Ihnen passieren, daß Sie an dem Tag keinen einzigen
Apfel verkaufen und an den Folgetagen ebensowenig, woraufhin Sie ihre gesamtes
Apfelsortiment entsorgen müssen. (Ebd., S. 383).Eine
präzise Kapazitätsplanung ist also bei der Gefallen-wollen-Kommunikation
nicht immer möglich. Stattdessen führt sie häufig zu Überkapazitäten
und damit zu Verschwendung (**).
(Ebd., S. 383).
In
manchen Industriezweigen versucht man die Problematik durch eine sogenannte »Just-in-Time«-Produktion
zu entschärfen. Dies gilt zunehmend auch filr das Verlagswesen. Beispielsweise
wurde das vorliegende Buch »On Demand« hergestellt. (Ebd.). |
Ähnlich
sieht es in der Natur bei der Dimensionierung männlicher Sexualorgane aus.
Bei Arten mit Haremsbildung können die Männchen die Häufigkeit
zukünftiger Kopulationen relativ präzise abschätzen. Auch kann
es dann zu keiner Spermienkonkurrenz kommen, weswegen sie sich eher kleine, an
den recht genau abschätzbaren Bedarf angepaßte Hoden leisten können.
Verhalten sich die Weibchen dagegen promisk, sollte ein Männchen möglichst
allzeit bereit sein, denn mit etwas Glück könnte es an einem Tag vielleicht
sogar dreißig oder mehr Kopulationen mit verschiedenen Weibchen haben. In
solchen Konstellationen ist die Leistungsfähigkeit der männlichen Hoden
eher am maximalen Bedarf auszurichten. Auch ist dabei die nun stets mögliche
Spermienkonkurrenz zu berücksichtigen. (Ebd., S. 383-384).Bei
technischen Produkten gibt es weitere Formen der Verschwendung, zum Beispiel der
Einbau möglichst vieler, manchmal kaum genutzter Funktionen. Im Prinzip ist
die Situation mit der des Gastwirts vergleichbar: Da der Anbieter meist nicht
weiß, welche Funktionen der Anwender nutzen möchte - und dieser ja
vielleicht anfänglich selber nicht -, baut er lieber gleich möglichst
viele ein. (Ebd., S. 384).Auch kann ein besonders
cooles und aufwendiges Design (so etwas wie »Pfauenschweife« also)
manchmal für höhere Marktanteile, aber eben auch für eine zusätzliche
Verschwendung sorgen. (Ebd., S. 384).Und schließlich
gibt es noch die Entwicklung unbenötigter Funktionen und Produkte, sogenannter
Flops. Denn im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation ist Kreativität gefragt,
das heißt, das ständige Suchen nach neuen Geschäftsoptionen und
gegebenenfalls nicht besetzten Nischen. Und natürlich dürfte dann auch
mancher Fehlgriff darunter sein. (Ebd., S. 384).Auf
der anderen Seite werden auf diese Weise viele Bedürfnisse erst geschaffen:
Die Märkte reagieren auf Erwartungen von Konsumenten, differenzieren sich
durch neue Produkte und Dienstleistungen aus und schaffen hierdurch wiederum neue
Erwartungen. So erfinden die Märkte - beziehungsweise die auf ihnen anbietenden
Organisationssysteme - das moderne Leben mit all seinen Annehmlichkeiten und Verschwendungen
ganz allein aus sich heraus. (Ebd., S. 384).Konrad
Lorenz kommentiert diese Entwicklung wie folgt:| »Selbst
wenn man die unberechtigt optimistische Annahme macht, daß die Überbevölkerung
der Erde nicht in dem heute drohenden Maße weiter zunähme, muß
man den wirtschaftlichen Wettlauf der Menschheit mit sich selbst für allein
hinreichend betrachten, um sie völlig zugrunde zu richten. Jeder Kreisprozeß
mit positiver Rückkopplung führt früher oder später zur Katastrophe,
und der hier in Rede stehende Vorgang enthält deren mehrere. Außer
der kommerziellen intraspezifischen Selektion auf ein ständig sich verschnellerndes
Arbeitstempo, ist noch ein zweiter gefährlicher Kreisprozeß am Werke,
auf den Vance Packard in mehreren seiner Bücher aufmerksam gemacht hat, und
der eine progressive Steigerung der Bedürfnisse der Menschen im Gefolge hat.
Aus naheliegenden Gründen sucht jeder Produzent das Bedürfnis der Konsumenten
nach den von ihm erzeugten Waren nach Möglichkeit in die Höhe zu treiben.
Viele wissenschaftliche Forschungsinstitute beschäftigen sich
ausschließlich mit der Untersuchung der Frage, welche Mittel zur Erreichung
dieses durchaus verwerflichen Zieles am besten geeignet seien.« (Konrad
Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973, S.
37). (Ebd., S. 384-385). |
7.1.3) Dominanter Zugriff auf die Natur
Wenn ein Pfau
einen großen gefiederten Schweif hinter sich herträgt, muß er
sich permanent mit ausreichender Energie versorgen können. Auch dürfte
er dann dem anderen Geschlecht besonders gut gefallen, das heißt, er hat
einen weiteren Bedarf an Energie, die ihm möglichst regeImäßig
zur Verfügung stehen sollte. (Ebd., S. 385).Und
wenn ein Händler auf einem Marktplatz einen Obststand betreibt, benötigt
er zunächst einmal eine verläßliche Quelle für die unterschiedlichsten
Sorten an wohlschmeckenden und appetitlich aussehenden Äpfeln, ansonsten
dürfte er seine Kunden schon bald an seine Konkurrenten verlieren (**).
Sofern
diese liefern können, aber damit muss ein Händler im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation
rechnen. (Ebd.). |
Aus
diesem Grunde wird sich unser Händler auch nicht mit Lieferantenaussagen
wie »Äpfel sind zurzeit nicht; die mir bekannten Apfelbäume wurden
in der letzten Zeit von Ungeziefer befallen« zufrieden geben. In einer Welt
der Märkte, des Gefallen-wollens, müssen die erforderlichen Waren zuverlässig
lieferbar sein, und bei Lebensmitteln geht das nun einmal nur mit Ackerbau und
Viehzucht. (Ebd., S. 385).Mit anderen Worten: Gefallen-wollen-Kommunikationen
haben einen verstärkten dominanten Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt
zur Folge. (Ebd., S. 385).
7.1.4) Organisationen
Ein Charakteristikum der Moderne
ist das massenhafte Entstehen und Auftreten sozialer Systeme wie etwa Unternehmen.
Heute besitzen einige dieser Organisationen einen größeren Jahresumsatz
als die Bruttosozialprodukte mancher Schwellenländer. Und einige große
Unternehmen haben einen größeren Energiebedarf als viele Millionenstädte.
Die Voraussetzungen für dieses Phänomen waren unter anderem die Entwicklung
allgemeiner Tauschäquivalente (zum Beispiel Geld) und entsprechender Lebensräume,
in denen die sozialen Systeme auf friedliche Weise miteinander konkurrieren können,
nämlich die Märkte. (Ebd., S. 385-386).Organisationen
(zum Beispiel Unternehmen) sind selbsterhaltende Systeme mit einer eigenen Identität
und einem eigenständigen Selbsterhaltungsinteresse (**),
die auf Märkten - ihren primären selektiven Umwelten - um den Zugang
zu Ressourcen konkurrieren. Dabei bringen sie Produkte und Dienstleistungen hervor,
nach denen vorher kaum jemand gefragt hat, ohne die man sich aber schon bald darauf
kaum mehr ein lebenswertes Leben vorstellen kann. (Ebd., S. 386).
Also
fast so etwas wie ein neuer Typus von Leben, nur in einer ganz anderen Größenordnung.
Jedenfalls entwickeln diese Gebilde eine Eigendynamik, ein Eigenleben sozusagen.
(Ebd.). |
Unternehmen
produzieren fortlaufend neue und bislang unbekannte Bedürfnisse, damit sie
sich selbst erhalten können. Die Folge ist eine Verschwendung - und ein damit
einhergehender Raubbau, an der Umwelt - in bislang unbekannter Größenordnung.
Denn Unternehmen geht es ja vor allem um eins: Sie wollen und müssen gefallen,
damit sie fortbestehen können. Und dazu müssen sie sich permanent erneuern
und auch immer weiter wachsen, denn dann können sie von Skaleneffekten profitieren,
die ihnen einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschaffen. Gegenüber
heutigen internationalen Konzernen wirken Menschen wie kleine Ameisen, die man
versehentlich auf dem Weg zur Arbeit überläuft (**).
(Ebd., S. 386).
Wie
die Größenverhältnisse sind, könnte man an folgendem Beispiel
verdeutlichen: Wören die etwa 1,5 Millionen Einwohner der Amazonas-Stadt
Manaus in der Lage, den gesamten brasilianischen Regenwald abzuholzen? Wohl kaum.
Könnte dies General Electric mit seinen ungefähr 130000 Mitarbeitern
tun? Ich persönlich möchte das jedenfalls nicht ausschließen.
(Ebd.). |
Die
Gefallen-wollen-Kommunikation bewirkt eine beschleunigte Evolution, da sie zu
immer neueren, ausgefalleneren und besseren Angeboten zwingt, zu etwas, was die
Konkurrenz nicht oder nicht in ausreichender Menge beziehungsweise Qualität
hat, was sozusagen sensationell oder noch nie dagewesen ist. Auf der Ressourcenseite
hat das dann aber eine ungeheure Verschwendung und den rigorosen Zugriff auf die
Natur zur Folge. Während die Welt des Marktes Dinge wie 300 Stundenkilometer
schnelle Sportwagen, das Internet oder ultraflache Mobiltelefone hervorbringt,
entsteht auf der Ressourcenseite (der Umwelt) eine verheerende Unordnung. Ähnlich
wie sich die Sonne verbraucht, damit auf der Erde Leben entstehen kann, so verbrauchen
sich die natürlichen Ressourcen der Erde, damit Automobilkonzerne wachsen
können. (Ebd., S. 386).Erschwerend kommen heute
die Wirkungen der Finanzmärkte hinzu. Denn moderne Technologie ist häufig
so komplex und in der Entwicklung und Herstellung so kapitalintensiv, daß
neue Geschäftsideen meist nur mit einem Gang an die Börse realisiert
werden können. In diesem Fall gehört das Unternehmen aber - wie die
meisten heutigen größeren Konzerne - nicht mehr sich selbst, sondern
Investoren. Es wird dann auch nicht mehr ausschließlich durch die Entwicklungen
auf den Produktmärkten vorangetrieben, sondern maßgeblich durch die
Bewegungen auf den Finanzmärkten und die Interessen seiner Investoren. Und
erfahrungsgemäß steht der ressourcenschonende Umgang mit der Umwelt
nicht unbedingt an vorderster Stelle auf deren Prioritätenliste. (Ebd.,
S. 387).Die größten Organisationen operieren
heute global und damit nationenüberspannend, so daß sie national auch
kaum mehr zu kontrollieren sind. Die Deutsche Bank, Siemens oder Volkswagen sind
längst keine nationalen Unternehmen mehr, auch wenn es vom Namen her noch
den Anschein hat. Wie jedem anderen Lebewesen auch geht es ihnen in erster Linie
um ihren Selbsterhalt und Eigennutz und nicht um irgendwelche nationalen Interessen.
Und wenn dann etwa ein Konkurrent seine Gewinne auf den Cayman Islands versteuert,
werden alle anderen folgen müssen, weil sie sonst im Nachteil wären.
Hier greift die gleiche Trittbrettfahrerproblematik wie auch in vergleichbaren
menschlichen Kontexten. (Ebd., S. 387).Mit ethisch-moralischen
Argumenten wird man auf die beschriebenen Verhaltensweisen keinen Einfluß
nehmen können, höchstens mit Maßnahmen, die dem gleichen System
(Wirtschaft) zurechenbar sind, wie auch schon Niklas Luhmann (in seinem Buch Ökologische
Kommunikation, 1986) anmerkte (**).
Wirkungsvoll könnte möglicherweise die internationale Besteuerung globaler
Finanztransaktionen sein (vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt
mit Zukunft, 2007, S. 176ff.). (Ebd., S. 387).
Dies
gilt im Grunde für alle Lebensbereiche: Selbsterhaltende Systeme wollen sich
selbsterhalten, sie handeln also vom Kern her egoistisch. Wenn in einer Gemeinschaft
aus lauter selbsterhaltenden Systemen Möglichkeiten bestehen, den Egoismus
auf Kosten anderer auszuleben (weil man dann Vorteile hat und sich besser selbsterhalten
kann), dann werden dies einzelne Individuen über kurz oder lang auch tun.
Dagegen helfen keine Vorwürfe, sondern höchstens Maßnahmen, die
solchen Verhaltensweisen die entscheidenden Vorteile nehmen. (Ebd.). |
7.1.5) Reccourcenverknappung und Dominanz
Wie wir
gesehen haben, ist die Gefallen-wollen-Kommunikation viel verschwenderischer als
die dominante Kommunikation. Gleichzeitig setzt sie einen zuverlässigen Zugang
zu den natürlichen Ressourcen voraus. Kommt es irgendwann einmal zu einer
Ressourcenverknappung, dann dürfte die elegante, herrschaftsfreie Gefallen-wollen-Kommunikation
schon bald wieder zur Disposition stehen. Die Folgen könnten Krieg, Dommanzhierarchien
(zum Beispiel Klassenstrukturen), Zwangsmaßnahmen beim Zugriff auf die Ressourcen
und vieles andere mehr sein. Da die dominante Kommunikation insgesamt ressourcenschonender
operiert, dürfte sie die Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder
in weiten Teilen ersetzen. (Ebd., S. 387-388).Nehmen
Sie beispielsweise an, sie verdienten ausreichend gut, um mit Ihrer Familie jeden
Abend essen gehen zu können (Gefallen-wollen-Kommunikation). Insgesamt käme
Sie das wesentlich teurer als wenn zu Hause gekocht würde, denn nun müssen
Sie ja für die Anfahrt und die Speisen und Getränke, in deren Preis
auch die Kosten für die Räumlichkeiten, das Personal, Trinkgeld, die
Energie und möglicherweise auch nicht gewünschte und alsbald entsorgte
Speisen enthalten sind, aufkommen. Wenn Sie ihren gutbezahlten Job verlieren,
könnten Sie sich so etwas nicht mehr leisten. Es würde dann wieder zu
Hause gegessen, zum Beispiel Königsberger Klopse für alle (dominante
Kommunikation). (Ebd., S. 388).Es gehört deshalb
auch nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich die Folgen einer kritischen globalen
Ressourcenverknappung auszumalen: An vielen Stellen würden Kriege ausbrechen,
und Demokratien, Marktwirtschaften und die Freiheit und Gleichheit der Menschen
gäbe es dann wohl schon bald nicht mehr. (Ebd., S. 388).
7.2) Evolution und Verschwendung
Im letzten Kapitel
(**) und im Kapitel Leben
wurde darauf hingewiesen, daß es sich bei der biologischen Evolution ganz
wesentlich um Entwicklungsprozesse bezüglich der Nutzung von Energie handelt.
Ich hatte daraus gefolgert: Ist irgendwo Energie in konzentrierter Form vorhanden,
dann dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ein geeigneter
Nutzer dafür auftaucht. (Ebd., S. 388).Eine Ursache
dafür liegt tief im Inneren der Evolutionsprinzipien verborgen: Wie wir gesehen
haben, dürfte sich bei einem kompetenzneutralen Reproduktionsinteresse im
Regelfall dann auch das Prinzip der natürlichen Selektion einstellen. Für
dieses gilt: Wer besser an den Lebensraum angepaßt ist und mehr Ressourcen
erlangt, hinterläßt im Mittel auch mehr Nachkommen. (Ebd., S.
388).Übertragen aufunsere Verschwendungsproblematik
bedeutet das: Wer in der Lage ist, mehr Energie zu verbrauchen und Unordnung zu
schaffen, wird mehr Nachkommen als andere haben, und diese Nachkommen werden dann
im Mittel ebenfalls mehr Energie verbrauchen und Unordnung schaffen als andere.
Eine Population optimiert sich auf diese Weise gewissermaßen wie von selbst
in Richtung eines möglichst hohen Energieverbrauchs beziehungsweise der Schaffung
von größtmöglicher Unordnung. (Ebd., S. 389).Natürlich
wird sie dabei immer wieder an Grenzen stoßen, etwa aufgrund des Widerstands
anderer Lebewesen oder einer generellen Begrenztheit der Ressourcen. Eine Löwenpopulation
kann beispielsweise nicht mehr Zebras fressen als in ihrem Lebensraum tatsächlich
vorhanden sind. (Ebd., S. 389).Der Mensch jedenfalls
hat historisch betrachtet alle neu entstandenen Ressourcenerschöpfungen irgendwann
technologisch überwinden können (vgl. Jacques Neirynck, Der göttliche
Ingeniuer, 1994). In einem originär endlichen Lebensraum (die Erde) dürfte
dies jedoch nicht beliebig fortsetzbar sein: Früher oder später wird
die Menschheit dann doch ihre Grenzen des Wachstums erreichen. (Ebd., S.
389).Franz Josef Radermacher äußert sich im Geleitwort
von »Der göttliche Ingenieur« (von Jacques Neirynck, 1994) zu
der dort vertretenen Sichtweise:| »Der
Mensch ist in dieser Sicht ein Lebewesen, das immer effizienter dazu beiträgt,
in einem globalen Sinne Ordnung zu zerstören und Energien zu verbrauchen,
und zwar als Folge seines - in einer längerfristigen Perspektive hoffnungslosen
- Bemühens, für sich lokal kurzfristig das zu ermöglichen, was
wir jeweils als ein erfülltes menschliches Leben bezeichnen.« | Sozialer
Erfolg ist in menschlichen Gesellschaften üblicherweise mit einem höheren
Einkommen verbunden und damit mit höheren Verfügungsrechten über
Ressourcen und auch Energie. Wer mehr verdient, kann sich beispielsweise all die
neuen technologischen Errungenschaften leisten, die das modeme Leben für
uns bereithält. (Ebd., S. 389).Genügt das
Reprouktionsverhalten einer Gesellschaft also den Evolutionsprinzipien, dann wird
hoherer Ressourcen- und Energieverbrauch mit einer höheren Zahl an (mehr
Ressourcen verbrauchenden) Nachkommen belohnt, ganz so wie es in der Natur auch
ist. Genügt das Reproduktionsverhalten aber nicht diesen Prinzipien, dann
kann die Gesellschaft nicht weiter evolvieren. Aus ökologischer Sicht befinden
wir uns folglich in einer Zwickmühle. (Ebd., S. 389).Es
stellt sich somit die Frage, ob sich auch Belohnungssysteme vorstellen lassen,
die für Menschen tatsächliche Anreize liefern, aber dennoch nicht zu
einem stetig höheren Energie- und Ressourcenverbrauch führen. Letztlich
ist dies ein noch ungelöstes Problem. (Ebd., S. 390).Im
Abschnitt Wachstum
wurde gezeigt, daß evolutionsfähige (selbsterhaltende und selbstreproduktive)
Systeme generell zu Wachstun tendieren, und zwar sowohl bezüglich ihrer individuellen
Größe als auch den Populationszahlen. Auch dies demonstriert die generelle
Neigung evolutiver Prozesse, vorhandene Ressourcen zu nutzen und langfristig restlos
zu verbrauchen. (Ebd., S. 390).
7.3) Klimakiller Internet
Bislang herrschte
allgemein die Vorstellung vor, die Computertechnologie könnte in ein ressourcenschonendes
Zeitalter führen, da die Menschen dann irgendwann nicht mehr täglich
zu ihren Arbeitsplätzen fahren oder auf kostspielige Geschäftsreisen
gehen müßten, sondern die meisten Tätigkeiten gleich von zu Hause
aus abwickeln könnten, also ganz ähnlich so, wie man sich auch vorstellte,
die elektronische Datenverarbeitung führe schlußendlich zum papierlosen
Büro. Das genaue Gegenteil trat ein. (Ebd., S. 390).So
wird dann auch längst behauptet, die durch das Internet verursachte Belastung
entspräche bereits heute dem des gesamten weltweiten Flugverkehrs (vgl. Welt.de,
2007). (Ebd., S. 390).Andere Berechnungen ergaben,
daß bereits im Jahr 2005 rechnerisch weltweit rund zwanzig Eintausend-Megawatt-Großkraftwerke
ausschließlich zur Deckung des Strombedarfs des Internets und der zugehörigen
Datenzentren benötigt wurden. Ferner habe sich der Stromverbrauch des World
Wide Webs zwischen 2000 und 2005 verdoppelt. Dies dürfte kaum überraschen,
denn aktuell verdoppelt sich die vom Internet transportierte Datenmenge etwa alle
vier Monate. Allein das Video-Portal You Tube soll im Jahr 2007 so viel Datenverkehr
produziert haben, wie das gesamte Internet zwei Jahre zuvor (vgl. Welt.de,
2007). (Ebd., S. 390).Ich möchte an dieser Stelle
keine abschließende Antwort darauf geben, ob die Computertechnologie auf
lange Sicht einen nennenswerten Beitrag zur Entschärfung der Energieproblematik
des Menschen liefern kann oder diese umgekehrt verstärken wird, jedoch zu
bedenken geben, daß das Gehirn des Menschen ebenfalls schon bis zu 25 Prozent
seiner gesamten Ruheenergie verschlingt (**).
Es ließe sich deshalb durchaus argumentieren, daß die geballten Datenverarbeitungskapazitäten
von Unternehmen, Privatpersonen und der gemeinsam genutzten Infrastruktur (Internet,
World Wide Web) auf Dauer gleichfalls einen erheblichen Anteil am gesamten weltweiten
Energieverbrauch der Menschheit haben werden, und zwar Tag und Nacht, das heißt,
auch »in Ruhe«. (Ebd., S. 390-391).
Im
Rahmen der Menschwerdung waren dafür die Umstellung auf eine energetisch
hochkonzentrierte Nahrung und der rudimentäre Anschluß des Gehirns
an den Fettstoffwechsel erforderlich (vgl. Peter Mersch, Migräne,
2006, S. 40ff.). Unter den Ernährungsverhältnissen ab dem Neolithikum
haben diese Umstellungsmaßnahmen beim Menschen aber für einen insgesamt
asymmetrischen Stoffwechsel gesorgt, der maßgeblich für die weltweite
Adipositaswelle verantwortlich sein dürfte (vgl. Peter Mersch, Migräne,
2006, S. 55ff.). (Ebd.). |
7.4) Tragic of the Commons
Abschließend soll
nun noch ein weiteres Problem beleuchtet werden: Die systematische Erschöpfung
von Ressourcen durch den Menschen, sofern es sich um niemandem gehörende
Gemeinschaftsgüter handelt. (Ebd., S. 391).Stellen
Sie sich vor, Sie seien Dagobert Duck und badeten täglich im Geld. Wenn Sie
dabei auf jeglichen Schutz verzichten, geben Sie anderen (zum Beispiel der Panzerknackerbande)
die Gelegenheit, Ihr Eigentum als Gemeinschaftsgut zu deklarieren, um es Ihnen
dann zu entwenden. Schon bald wären Sie arm, das heißt, man hätte
Sie aller Ihrer Ressourcen beraubt. Ganz ähnlich sieht es mit natürlichen
Ressourcen aus, sofern diese keinen ausreichenden Schutz genießen.
(Ebd., S. 391).Die Tragic of the Commons ... entspricht
- mit umgekehrten Vorzeichen - genau der Tragik der Allmende (siehe Abschnitt
Tragik
der Allmende), die sich allerdings mit Problemen bei der Bewältigung
von Gemeinschaftsaufgaben statt der Allokation von Gemeinschaftsgütern auseinandersetzt:Angenommen,
eine Gruppe von 80 Schafhirten bestellt gemeinsam ein Feld, welches maximal 4000
Tieren Nahrung geben kann. Nehmen wir ferner an, alle Gruppenmitglieder haben
jeweils 50 Schafe, insgesamt also 80 50 = 4000. Die maximale Auslastung
des Feldes ist also bereits erreicht.Für
die Pachtung, Betreuung und Regeneration des Feldes fallen jährlich 160000
Euro an Kosten an, an denen sich die Gruppenmitglieder anteilsmäßig
beteiligen. Jeder einzelne Schafhirte muß also 160000 : 80 = 2000 Euro an
Kosten tragen.Mit jedem satten Tier kann
er einen Ertrag von 60 Euro erzielen, insgesamt also 50 60 = 3000 Euro.
Zieht er seinen Aufwand vom Ertrag ab, dann hat er zum Jahresende einen Nutzen
von 3000 - 2000 = 1000 Euro erwirtschaftet.Die
Tragic of the Commons besteht nun darin, daß bei genügend großer
Gruppengröße der Egoismus eines einzelnen Mitglieds den Nutzen pro
Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Nutzen des Egoisten aber deutlich
steigt.Angenommen, ein egoistisches Mitglied
stellt noch 50 weitere Schafe auf die Weide. Dann ist aus jedem Schaf nur noch
ein Ertrag von (4000 : 4050) 60 = 59,259 Euro erzielbar, eine zunächst
kaum spürbare Differenz pro Tier. Alle Gruppenmitglieder würden folglich
zum Jahresende einen Nutzen von 50 59,259 - 2000 = 2963 - 2000 = 963 Euro
erwirtschaften.Günstiger sieht es
für unseren Egoisten aus, denn er erwirtschaftet einen Nutzen von 100
59,259 - 2000 = 5926 - 2000 = 3926 Euro.Im
vorliegenden Fall lohnt es sich also, egoistisch zu sein, sofern eine hinreichend
große Anzahl an Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß
sich immer mehr Gruppenmitglieder egoistisch verhalten werden, und der Ertrag
für die nichtegoistischen Gruppenmitglieder noch weiter sinken wird.Die
Tragic of the Commons schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte
Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität
und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen. | Am
Ende wird das gesamte Feld so sehr mit Schafen voll stehen, daß es sich
nicht mehr regenerieren kann. Die Schafe können sich dann nicht mehr ausreichend
ernähren und die ökologische und wirtschaftliche Katastrophe nimmt ihren
Lauf. (Ebd., S. 391-392).
7.5) Schutz von Gemeinschaftsgütern
Der
letzte Abschnitt (**)
hat gezeigt: Stehen Gemeinschaftsgüter ungeschützt allen zur Verfügung,
unterliegen sie der Gefahr, restlos ausgebeutet und erschöpft zu werden.
Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der verschwenderischen Gefallen-wollen-Kommunikation,
die in modernen Marktwirtschaften die alles bestimmende Kommunikationsform ist.
(Ebd., S. 392-393). Im folgenden sollen - ohne Anspruch
auf Vollständigkeit - einige naheliegende Schutzmaßnahmen kurz erläutert
werden. (Ebd., S. 393).
7.5.1) Steuern
Zu den mildesten Schutzmaßnahmen
gehört die Erhebung von Steuern: Die freie Nutzung des Gemeinschaftsgutes
ist zwar dann weiterhin möglich, allerdings wird sie nun umso teurer, je
intensiver die Nutzung ist. (Ebd., S. 393). In vielen
Staaten etwa stellen die Verkehrsstraßen ein Gemeinschaftsgut dar: Sie stehen
jedem Verkehrsteilnehmer zur freien Nutzung zur Verfügung. Allerdings werden
in diesem Falle Benzin und Diesel besteuert, um mit den erzielten Einnahmen die
Verkehrsinfrastruktur zu warten beziehungsweise zu erweitern. (Ebd., S.
393). Steuern, die in erster Linie der gezielten Verhaltenslenkung
von Bürgern oder Unternehmen und nicht der staatlichen Einnahmeverbesserung
dienen, werden allgemein Pigou-Steuern genannt. Beispielsweise könnte
der Staat für unerwünschte Emissionen eine Steuer in einer bestimmten
Höhe pro Emissionseinheit erheben. Der potenzielle Verschmutzer hätte
dann die Wahl, entweder die Emission und damit auch die Steuerzahlung zu vermeiden,
oder zu emittieren und die Steuer zu entrichten. (Ebd., S. 393). Zu
den steuerlichen Maßnahmen kann auch der Emissionsrechtehandel gezählt
werden .... Bei dem Konzept handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Coase-Theorems,
welches davon ausgeht, daß Märkte Probleme, die durch externe Effekte
entstehen (zum Beispiel Umweltverschmutzungen), unter bestimmten Voraussetzungen
selbst lösen können. Das Konzept des Emissionsrechtehandels sieht dagegen
vor, einen Markt für Verschmutzungsrechte einzurichten, um unerwünschte
Emissionen in die Umwelt zu begrenzen. Neu an der Idee war, daß die Politik
auf diese Weise die Möglichkeit erhält, konkrete Obergrenzen
der Gesamtemission als Umweltziel direkt vorzugeben. (Ebd., S. 393). Dazu
muß sie zunächst Obergrenzen für bestimmte Emissionen (zum Beispiel
CO2) innerhalb eines festgelegten Gebietes und Zeitraums festlegen.
Anschließend werden - entsprechend den vorgegebenen Obergrenzen sogenannte
Umweltzertifikate ausgegeben, die zur Emission einer bestimmten Menge Schadstoff
berechtigen. Wird etwa für eine bestimmte Region eine Obergrenze von 100
Millionen Tonnen CO2 innerhalb eines Jahres festgelegt, so können
Umweltzertifikate, die insgesamt zur Emission von 100 Millionen Tonnen CO2
in einem Jahr berechtigen, ausgegeben werden. Die Obergrenzen könnten in
den Folgejahren aus umweltpolitischen Gründen schrittweise gesenkt werden.
Da die Umweltzertifikate frei handelbar sind, wird ihr Preis durch Angebot und
Nachfrage bestimmt. Emissionen, die ohne ein durch entsprechende Umweltzertifikate
erkauftes Emissionsrecht erfolgen, würden mit einer Strafe belegt.
(Ebd., S. 393-394).
7.5.2) Zwangsmaßnahmen
In bestimmten Fällen
muß aber der Zugang zu Gemeinschaftsgütern durch Zwangsmaßnahmen
(zum Beispiel Verbote) regelrecht verhindert werden. Darauf wies auch schon Garrit
Hardin in seinem Artikel über die Tragic of the Commons (1968) hin.
Interessanterweise schloß er in seine Aussage auch das Recht auf eigenen
Nachwuchs ein, indem er prognostizierte, daß man dafür schon in naher
Zukunft eine staatliche Erlaubnis benötige. (Ebd., S. 394).
7.5.3) Institutionalisierung
Wie wir gesehen haben,
besteht zwischen der Tragik der Allmende (siehe Abschnitt Tragik
der Allmende) und der Tragic of the Commons (siehe Abschnitt Tragic
of the Commons) eine gewisse Symmetrie. Die Tragik der Allmende
handelt von Problemen im Umgang mit Gemeinschaftsaufgaben und die Tragic of
the Commons mit Gemeinschaftsgütern. (Ebd., S. 394).
Eine Tragik der Allmende läßt sich in vielen Fällen durch
Institutionalisierung vermeiden, wie dies auch meist im Rahmen von Individualisierungsprozessen
geschieht (siehe Abschnitt Individualisierung).
Entsprechend könnten auch die Strategien zur Verhinderung einer Tragic of
the Commons aussehen. (Ebd., S. 394). In unserem Schafhirtenbeispiel
(**) etwa könnte das zu bestellende
Feld einer Institution übergeben werden, die den weiteren Zugang regelt.
Ein egoistisches Gruppenmitglied wäre dann nicht länger in der Lage,
ungefragt weitere 50 Schafe auf die Weide zu stellen. Es wäre die Aufgabe
der Institution, darauf zu achten, daß das Feld nicht überwirtschaftet
wird und sich auch regelmäßig regenerieren kann. (Ebd., S. 394-395).
Ganz ähnlich ließen sich auch andere Umweltressourcen verwalten.
Beispielsweise könnte man die Gesamtverantwortung für den Rhein oder
auch den brasilianischen Regenwald staatlich oder international kontrollierten
Institutionen übertragen, die deren wirtschaftliche Nutzung und Reproduktion
verantworten. (Ebd., S. 395). Grundsätzlich sollte
stets die folgende Regel eingehalten werden: Nicht erneuerbare Ressourcen sind
- sofern möglich - zu schonen beziehungsweise durch erneuerbare Ressourcen
zu ersetzen. Erneuerbare Ressourcen sollten nur so stark genutzt werden, wie es
ihre Reproduktionskapazitäten erlauben, das heißt, sie sollten sich
regelmäßig regenerieren können. (Ebd., S. 394).
7.5.4) Grenzwerte
Bei technischen Geräten lassen
sich häufig bereits erhebliche Wirkungen durch Vereinbarung verpflichtender
Grenzwerte erzielen. Ein Gerät erhielte unter solchen Voraussetzungen folglich
nur dann eine Betriebserlaubnis, wenn es bezüglich bestimmter kritischer
Werte innerhalb der festgesetzten Grenzen liegt. (Ebd., S. 395).
7.5.5) Verursacherprinzip
In anderen Fällen könnte
sich ein Verursacherprinzip als nützlich erweisen. Beispielsweise könnten
Unternehmen dazu verpflichtet werden, vom Kunden ausrangierte Geräte zurückzunehmen
und gemäß dem aktuellen Stand der Technik zu entsorgen. (Ebd.,
S. 395).
7.6) Ökosoziale Marktwirtschaft
Als Gegenreaktion
auf die immer offener zu Tage tretenden globalen ökologischen und sozialen
Probleme wurde eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft vorgeschlagen (vgl.
Franz Josef Radermacher, 2002; Frans Josef Radermacher / Bert Beyers, 2007, S.
l35ff). Dabei soll insbesondere eine Balance zwischen drei sehr unterschiedlichen
Zielvorgaben angestrebt werden, nämlich (**):| | einer
wettbewerbsstarken, auf Innovation und technologischer Spitzenleistung beruhenden
Wirtschaft; | | | einer
Ökologie im Sinne des nachhaltigen Schutzes unseres Lebensraumes für
die Menschheit heute und für alle künftigen Generationen; | | | einem
Bemühen um soziale Fairneß im kleinen und im großen als Voraussetzung
für Frieden und ein stabiles Gemeinwesen. | Einige
Ergebnisse des vorliegenden Buches lassen ahnen, daß ein Ausbalancieren
der drei genannten unterschiedlichen Ziele in der Praxis auf äußerste
Schwierigkeiten stoßen dürfte. (Ebd., S. 395-396).
Auffällig
ist, daß in der Liste keine Ziele bezüglich der gesellschaftlichen
Reproduktion aufgeführt sind. (Ebd.). |
Insbesondere die ersten beiden Ziele scheinen in einem unmittelbaren
Widerspruch zueinander zu stehen. Eine Wirtschaft aus lauter innovativen Märkten
- evolutiven Infrastrukturen auf Basis der Gefallen-wollen-Kommunikation also
- dürfte ganz automatisch zu Verschwendung und einer Ausnutzung aller frei
oder zumindest leicht zugänglichen erneuerbaren beziehungsweise nichterneuerbaren
Ressourcen tendieren. Es bedarf deshalb unbedingt weiterer Konzeptionierungen,
wie die angestrebte Balance - auch vor dem Hintergrund der immer mächtiger
werdenden Organisationssysteme - dann tatsächlich dauerhaft erreicht werden
kann. (Ebd., S. 396).Zitate:
Hubert Brune, 2008 (zuletzt aktualisiert: 2009). Anmerkungen
Peter
Mersch definiert die Begriffe Kultur, Zivilisation und
Moderne zum Teil anders als ich (**).
In meiner Theorie ist eine Kultur erst dann auch Zivilisation, wenn
sie erwachsen bzw. modern geworden ist. Kultur ist hier
stets als Oberbegriff gemeint. Genauer: Kultur als Hyperonym (Superordination)
umfaßt auch Zivilisation als Hyponym (Subordination), auch Moderne
als Hyponym (Subordination). Ähnlich wie Peter Mersch Organisationssysteme
definiert, so definiere ich Kultur(en), wobei auch ich davon ausgehe, daß
derartige Organisationsysteme als Superorganismen
seit der Moderne sogar dabei sind, auch biologisch einen ähnlich großen
evolutionären Sprung (Komplexitätssprung,
so Peter Mersch, ebd., S. 373) zu vollziehen wie vor ihnen die erfolgreichen
Organismen. Organisationssysteme beinhalten Organismen, die Zellen beinhalten.
(Zellen [Einzeller] sind autopoietische Systeme erster Ordnung; Vielzeller
[Organismen] sind autopoietische Systeme zweiter Ordnung; Organisationssysteme
sind autopoietische Systeme dritter Ordnung.) Mersch begründet
seine sympathische Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökonomischen
und demographischen Argumenten, ich meine Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen,
ökologischen, ökonomischen, demographischen und kulturgeschichtlichen.
Unsere Theorien treffen sich also argumentativ in nicht wenigen Bereichen.
Mersch vernachlässigt, wie ich finde, die Kulturgeschichte zu sehr. Kultur
ist gemäß meiner Theorie vor allem als eine G e m e i n s c h a f t s f o r m
- in etwa so wie ein K u l t u r k r e i s
- zu verstehen, und zwar bezogen auf zwei Erscheinungen:| (1.)
Menschen-Kultur (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) als ein
bis heute doch ziemlich abstrakt gebliebener Kulturkreis, da die Kultur
dieser einen Menschheit ja konkret kaum existiert. |
|
| (2.)
Historien-Kultur als die aus bislang acht unterschiedlichen Historien-Kulturen
bestehende Historiographie-Kultur, und das heißt: die Moderne
der Moderne der Menschen-Kultur bzw. die Historiographie-Kultur der
Historisierung der Menschen-Kultur oder aber sogar die Zivilisation
der Zivilisation der Menschen-Kultur. |
| Man
kann die Entwicklung der Menschheit evolutiv und/oder histori(ographi)sch beschreiben,
aber sie blieb so lange nur evolutiv, so lange ihr die Schrift fehlte - also ist
sie erst seit Beginn der Schrift zusätzlich auch historiographisch. Gemäß
meiner Theorie ist die Schriftlichkeit - zusätzlich zu der ihr vorausgegangenen
Seßhaftigkeit, der Neolithischen Revolution, den ersten Städten
u.ä. - der Grund für die Notwendigkeit der Aufteilung einer Erscheinung
in zwei Erscheinungen: Menschen-Kultur (Evolution bzw. Geschichte
der Menschheit) und die in ihr enthaltene Historiographie-Kultur (Historien-Kultur)
mit den unterschiedlichen Historien-Kulturen. Die Aufteilung in diese
beiden menschlichen Kulturphänome ist auch aus folgendem Grund sehr sinnvoll:
Die Menschen-Kultur hat bis heute keine wirkliche Einheit bzw. kein
wirkliches Organisationssystem werden können, ihre einzelnen Historien-Kulturen
dagegen sehr wohl. Die Menschen-Kultur ist also bis heute sehr blaß
und abstrakt geblieben - ganz im Gegenteil zu ihren Historien-Kulturen.(1.)
Die Menschen-Kultur umfaßt die Evolution bzw. die Geschichte
der Menschheit - das heißt: die Prähominisierung, Hominisierung,
Sapientisierung, Historisierung. Mit ihrer Moderne
als ihrer Historisierung beginnt auch ihre Zivilisation,
obwohl Moderne und Zivilisation nicht genau dasselbe bedeuten.Die
Menschwerdung ist noch lange nicht beendet! Sie wird definitiv erst mit dem Tod
des letzten Menschen beendet sein. Das letztmalige echte Gefühl der
Zusammengehörigkeit der Menschen als eine Menschheit war vielleicht
die Mondlandung (1969). Aber Einrichtungen wie die UNO, die ein historienkulturelles
- nämlich ein abendländisches (und innerhalb des Abendlandes ein angelsächsisches
und also ein genuin sehr wikingerhaftes [Motto: Nimm dir, was du haben willst],
zu individuelles und deshalb unbrauchbares) - Konstrukt ist,
oder die WTO dienen nur der Minderheit (4%) einer Minderheit (20%) aller Menschen
(100%). UNO, WTO, Weltbank und IWF sind also eher Beispiele dafür, daß
ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen eben gerade nicht entstehen
soll und wird. Die echten Gefühle dafür müssen aus der kulturellen
Seele selbst kommen.(2.)
Die Historien-Kultur ist die aus den 8 Historienkulturen bestehende
Moderne der Menschen-Moderne - das heißt: Moderne
der Moderne der Menschen-Kultur bzw. Historiographie-Kultur
der Historisierung der Menschen-Kultur oder eben sogar Zivilisation
der Zivilisation der Menschen-Kultur.Historien-Kultur
bedeutet somit einerseits die Moderne der Moderne der Menschen-Kultur
und andererseits die eigenartigen und sich unterschiedlich beeinflussenden Historien-Kulturen
(in der Fachliteratur oft Hochkulturen oder auch einfach nur Kulturen
genannt), für die gilt: je näher, desto mehr Berührungen, gegenseitiger
Einfluß und also Beziehungen, aber auch entschiedene Abgrenzung voneinander
(vgl. folgende Abbildung):In
meiner Theorie sind Kulturen im allgemeinen und im besonderen als den Lebewesen
sehr ähnlich aufzufassen. Außerdem sind alle Historienkulturen
als Abweichungen (besonders in der künstlerischen Art bzw. Form) von der
Menschenkultur zu verstehen, in die sie über ihre Modernen bzw. Zivilisationen
allmählich wieder einmünden - allerdings auf jeweils andere, nämlich
kulturspezifische Art und Weise. Insofern und auch aufgrund anderer Hypothesen,
z.B. auch der über die vorgeburtliche Existenz einer jeden Kultur,
unterscheidet sich meine Kulturtheorie auch sehr von allen bisherigen mir bekannten
Kulturtheorien.Die abendländische Kultur
ist übrigens die einzige Kultur, die es tatsächlich geschafft hat, den
Globus zu erobern und also ihre Globalisierung - sie ist grundsätzlich Absicht,
Ziel bzw. Finalität jeder Kultur (ähnlich dem Motto: Ausdehnung
ist alles) - in eine Wirklichkeit umzusetzen. Um das zu können, muß
man aber zunächst noch nicht so wirtschaften wie heute, sondern zuvor (!)
eine kulturelle Gemeinschaft gebildet haben. Kulturelle Gemeinschaft -
vor allem als Gefühl (!) - ist die Voraussetzung dafür, nicht ihre Wirtschaft,
die lediglich eine Folge davon ist, wenn auch bald so stark, daß sie gerade
das historienkulturelle Gemeinschaftsgefühl fast ganz in den Schatten zu
stellen vermag und als ein Motor für die oben erwähnte Einmündung
der Historienkulturen in die Menschenkultur fungiert, obwohl diese Einmündung
bisher noch nie so richtig geklappt hat, weil die Menschenkultur ein zu sehr abstraktes
und also zu wenig konkretes Gebilde ist. Die abendländische Kultur hat also
wegen ihrer tatsächlich realisierten Eroberung des Planeten Erde die Möglichkeit
zum Beweis, ob ihr eine solche Einmündung gelingt (dafür müßte
sie alle anderen Menschen und damit alle anderen noch existierenden Kulturen integrieren
[ich persönlich glaube, daß sie gerade das nicht kann]). Die
Wirtschaft hat sich im Abendland bereits viel zu sehr von der Kultur als der Gemeinschaft
getrennt, und die Kulturgemeinschaft selbst ist offensichtlich nicht mehr fähig,
die Wirtschaft zu zähmen. Die abendländische Wirtschaft hat sich von
der abendländischen Kultur so sehr emanzipiert, daß sie
neben anderen abendländischen Erscheinungen eine ziemlich große Gefahr
für den Untergang des Abendlandes bedeutet.Peter
Mersch definiert auch den Begriff Globalisierung zum Teil anders als
ich (**).
Gemäß meiner Theorie ist Globalisierung die Geschichte einer jeden
Historienkultur, besonders die des Abendlandes. Die Kulturgeschichte des Abendlandes
ist eine Geschichte der Globalisierung. Nachdem die drei für das Abendland
unenbehrlichen Faktoren aufeinander getroffen waren - Germanentum, Römerreich,
Christenheit -, wurde sie mittels einer zunächst noch wenig konkrete Formen
annehmende Mythomotorik des jungen Abendlandes möglich. Der Gedanke
an ein Reich spielte also von Beginn an eine ganz besonders wichtige, weil kulturgenetisch
bedingte Rolle, nämlich reichshistorisch
(römisch), reichsreligiös (christlich)
und reichskybernetisch (germanisch), denn
eine Kultur kann nur dann Kultur werden, wenn sie auch sich selbst
steuern kann. Ohne die Germanen gäbe es keine Abendland-Kultur, kein Europa.
Ohne die Germanen hätte sich das Abendland nicht zu einer selbständigen
Kultur entwickeln können. Die Germanen sind die Gründer Europas.Wer
von Globalisierung spricht, kann dreierlei meinen: (a) Globalisierung
als Kulturgeschichte, (b) Globalisierung als eine kulturgeschichtliche Phase (Globalismus,
Cäsarismus, Zeusiokratie u.ä.), (c) Globalisierung als eine absolute
Dominanz der globalen Wirtschaft (Weltwirtschaft, Globalwirtschaft, Globalkapitalismus
u.ä.). Zwei (b und c) dieser drei Definitionen kann man zusammenfassen, weil
das von der heutigen Öffentlichkeit Globalisierung genannte Phänomen
sowohl ein Ausdruck des Zeigeistes im Sinne der erwähnten abendländischen
Kulturphase (vgl. b) ist als auch die Dominanz der ja vom Abendland hervorgebrachten
und dominierten Globalwirtschaft (vgl. c) bezeichnet. Aber das, was Globalisierung
dem Ursprung nach bedeutet, ist den meisten Menschen gar nicht mehr bewußt.Der
Globalismus ist eine Kulturphase, nicht aber die Globalisierung, denn diese wird
häufig lediglich als ein wirtschaftliches Phänomen begriffen, also im
Sinne einer Welt- bzw. Globalwirtschaft, eines Globalkapitalismus.Globalismus
als Kulturphase bedeutet auch Befruchtung und, daß diese Phase allen Akteuren
alle Möglichkeiten schenkt. Doch deren Auswirkungen können positiv,
aber auch negativ sein. Diese Phase ist so offen wie keine andere Phase; in ihr
sind alle Chancen gegeben; in ihr werden die Karten neu gemischt (und verteilt
!); es wird gewürfelt, und wer kein Glück hat oder die Gelegenheiten
verpaßt, ist erst einmal draußen - vielleicht auch für immer.
Das Abendland steht erst am Anfang dieser Phase und sollte sich nicht von ihren
Verlockungen des Allen-alles-Versprechens leiten lassen oder sich etwa
darauf verlassen oder gar berufen, daß die anderen 7 Kulturen diese Phase
glücklich erlebt oder überlebt haben. Keine der anderen 7 Kulturen war
eine so extreme Globalisierungskultur wie das Abendland!Eine sehr interessante
Frage, ob das für die Zukunft der abendändischen Menschen, ja sogar
für die Zukunft aller Menschen (mehr) positive oder (mehr) negative Auswirkungen
haben wird!Es ist durchaus möglich, daß
die von Peter Mersch beschriebenen Organisationssysteme (**)
der Moderne einen bedeutenden, vielleicht sogar den bedeutendsten
Beitrag (er ist seit Beginn der abendländischen Moderne exponentiell gestiegen),
zur weiteren Entwicklung leisten, aber ob dieser positiv oder negativ zu bewerten
ist, wird erst die Zukunft zeigen können, denn der Globalismus als Kulturphase
(Befruchtung oder Cäsarismus) hat gerade erst begonnen, muß
aber beendet sein, um sich darüber ein Urteil bilden zu können. Hier
wäre eine Prognose angebracht. Ich verweise diesbezüglich auf die vielen
um dieses Thema kreisenden Seiten meiner Webpräsenz (**).Hubert
Brune |
|