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Peter Mersch (*1949)
- Land ohne Kinder. Wege aus der demographischen Krise (2005) -
- Die Familienmanagerin. Kindererziehung und Bevölkerungspolitik in Wissensgesellschaften (2006) -
- Migräne. Heilung ist möglich (2006) -
- Irrweg Bürgergeld. Eine Kritik aus Sicht der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft  restlos ruinieren wird (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (in: Kulturelle Vererbung; 2010) -
Mersch-Zitate. Da ich Peter Mersch für einen der informativsten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm eine
separate Seite widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren: 

- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (1. Teil; 2008) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2. Teil; 2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -

Evolution, Zivilisation und Verschwendung. Über den Ursprung von Allem. (2008) **


„Seit den bahnbrechenden Arbeiten Charles Darwins wird allgemein angenommen, es sei das Prinzip der natürlichen Auslese, welches die Evolution des Lebens und die Vielfalt der Arten bewirke: Besser an ihren Lebensraum angepaßte Individuen hinterlassen durchschnittlich mehr Nachkommen als weniger gut angepaßte.
Peter Mersch weist dagegen nach, daß es sich bei der natürlichen Selektion um das Ergebnis der Wirkungen grundlegenderer, auf den Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen von Individuen beruhender Prinzipien handelt, die er unter dem Namen »Systemische Evolutionstheorie« zusammenfaßt. Damit kann er nicht nur die biologisch »Central Theoretical Problem of Human Sociobiology« lösen.
Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie können nur selbsterhaltende, selbstreproduktive Systeme eigendynamisch evolvieren. Daraus folgt aber, daß - anders als von Richard Dawkins vermutet - weder »egoistische« Gene noch Meme Gegenstand der Selektion sein können. Auch widerspricht die Theorie wesentlichen Grundannahmen der Luhmannschen Systemtheorie.
Mit der sexuellen Selektion gelang der Natur eine ganz entscheidende Innovation, nämlich die Einführung der marktmäßigen »Gefallen-wollen-Kommunikation«, die ihr die Möglichkeit gab, vielfältige, den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie genügende evolutive Infrastrukturen zu schaffen. Dieser Durchbruch dürfte maßgeblich verantwortlich gewesen sein für die Herausbildung unserer großen Gehirne und unserer Zivilisation, aber auch für eine ungeheure Verschwendung.
Das Zusammenspiel von Systemischer Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation kann erklären, wie aus der auf die Erde einströmenden Sonnenenergie und ersten Lebensformen zunächst Pflanzen, Dinosaurier und Löwen, dann Menschen, Autos, Mobiltelefone, Banken, Technologiekonzerne und schließlich eine enorme Umweltzerstörung entstehen konnten.“
(Ebd., Klappentext).

 –  Vorwort (S. i-x)
 1) Leben (S. 1-20)
 2) Selektionen (S. 21-32)
 3) Systeme (S. 33-73)
 4) Evolution (S. 75-296)
 5) Demographischer Wandel (S. 297-326)
 6) Zivilisation (S. 327-378)
 7) Verschwendung (S. 379-396)

2. TEIL **

 5) Demographischer Wandel (S. 297-326)
 6) Zivilisation (S. 327-378)
 7) Verschwendung (S. 379-396)

5) Demographischer Wandel (S. 297-326)

5.1)   Wie es dazu kam (S. 298-301)
5.2)   Fertilitätstheorien (S. 301-309)
5.3)   Problemfall Mehrkindfamilie (S. 309-311)
5.4)   Reproduktionsinteresse (S. 312)
5.5)   Familie (S. 313-320)
5.6)   Gründe für den demographischen Wandel (S. 320-324)
5.7)   Vereinbarkeit von Familie und Beruf (S. 324-326)

„Die fortgeschrittenen Industrienationen befinden sich auf dem Weg hin zu Wissensgesellschaften: Nicht mehr die Ressourcen Arbeit, Kapital und Rohstoffe spielen die entscheidende Rolle, sondern die geistigen Fähigkeiten und das theoretische Wissen ihrer Menschen. Gleichzeitig entwickeln diese Staaten ein demographisches Problem: Die Lebenserwartung steigt, während die Geburtenrate sinkt.“ (Ebd., S. 298).

„Dieses als demographischer Wandel bezeichnete Problem drückt sich allgemein in drei unabhängigen Teilaspekten aus:
Es werden zu wenige Kinder geboren, oder wissenschaftlich ausgedrückt: die gesellschaftliche Reproduktion ist insgesamt mengenmäßig nicht bestandserhaltend.
Analysen zeigen: Der Geburtenrückgang in Deutschland ist wie auch in den USA und in den übrigen europäischen Ländern einschließlich der Länder Nordeuropas in erster Line das Ergebnis des zunehmenden Verschwindens der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern (vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10) und weniger das Resultat einer zunehmenden Kinderlosigkeit.
Bliebe die deutsche Fertilitätsrate auch in der Zukunft konstant bei den heutigen Werten (ca. 1,4), würde die deutsche Bevölkerung nicht von 83 auf zum Beispie 150 Millionen schrumpfen, sondern langfristig auf Null. Bei einer angenommenen Generationendauer von 30 Jahren würden bei ausgeglichenen Zuwanderungen und Abwanderungen in Deutschland in 300 Jahren etwa nur noch ca. 1 Million Menschen leben. Ähnliches gilt für die meisten anderen modernen Länder. Zur Zeit weiß niemand, wie eine solche Entwicklung verhindert werden kann.
In sozial schwachen beziehungsweise bildungsfernen Schichten werden mehr Kinder geboren als in Schichten mit hohem sozioökonomischen Status beziehungsweise Bildungsniveau. Anders gesagt: Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau ( Johannes Kopp, Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 89). Dieser Zusammenhang besteht in analoger Weise auch länderübergreifend: In den entwickelten Industrienationen werden pro Frau meist viel weniger Kinder geboren als in den Entwicklungsländern. Man nennt dieses Phänomen das demographisch-ökonomische Paradoxon (vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 30 [**]). |**|**|
Auch diese Erscheinung könnte als fehlende Bestandserhaltung bezeichnet werden, diesmal aber nicht bezüglich der Zahl an Menschen, sondern den Kompetenzen und Qualifikationen.
Die allgemeine Lebenserwartung steigt (die Menschen werden immer älter). Dieser Aspekt wird im Rahmen des vorliegenden Buches jedoch als gegeben angenommen und nicht weiter thematisiert.
Insgesamt kann also von einer fehlenden quantitativen und qualitativen Bestandserhaltung der Bevölkerung gesprochen werden.“ (Ebd., S. 298).

Einige Länder, wie etwa die USA, sind nur vom zweiten und dritten Teilaspekt betroffen, die meisten entwickelten Länder allerdings von allen dreien.“ (Ebd., S. 298).

„Wir können zusammenfassen:
Es werden in Deutschland zu wenige Kinder geboren.
Der Hauptgrund dafür ist das zunehmende Verschwinden der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern.
Darüber hinaus werden in sozial schwachen und bildungsfernen Schichichen mehr Kinder geboren als in gebildeten Bevölkerungskreisen.
Sie werden jetzt vielleicht einwenden, der letzte Punkt sei doch egal, alle Menschen seien schließlich gleich. In Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) konnte jedoch gezeigt werden, daß es sich bei diesem Befund um das eigentliche Hauptproblem des demographischen Wandels handelt.“ (Ebd., S. 298).

5.1) Wie es dazu kam

„Bevor ich mit der Analyse beginne, möchte ich zunächst den demographischen Wandel, den die Fachliteratur manchmal auch als die fünfte Phase des demographischen Übergangs bezeichnet, in einen historischen Kontext stellen.“ (Ebd., S. 298).

„Während der gesamten Geschichte der Menschheit mußten Frauen eher durchschnittlich fünf bis acht Kinder in die Welt setzen, damit sich eine Population mengenmäßig erhalten konnte . Der Grund: Die Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit waren hoch, und auch noch im Erwachsenenalter konnten Krankheiten, Seuchen, Hunger, Kriege, Unfälle oder Verbrechen zu einem frühen Tod bei nur sehr wenigen Nachkommen fuhren.“ (Ebd., S. 298-299).

„Dies änderte sich schlagartig zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgrund einiger Errungenschaften der Medizin - insbesondere der Hygiene -, einer besseren Nahrungsversorgung der Bevölkerung und weiterer Modemisierungsprozesse. In der Folge ging die Sterblichkeit zurück und es entstand ein dramatischer Bevölkerungszuwachs: die zweite Phase des demographischen Übergangs.“ (Ebd., S. 299).

„Als demographischer Übergang wird in der Demographie allgemein der Transformationsprozeß von hohen Geburten- und Sterberaten zu niedrigen Geburten- und Sterberaten verstanden. .... Viele Experten ordnen auch den heutigen demographischen Wandel mit seinen extrem niedrigen Fertilitätsraten einer Spätphase (posttransformative Phase) des demographischen Übergangs zu. Dies wird im vorliegenden Buch jedoch nicht getan. Stattdessen wird der demographische Wandel als ein eigenständiges Phänomen mit ganz anderen Ursachen verstanden.“ (Ebd., S. 299).

„Der demographische Übergang gliedert sich in vier Phasen:
Phase 1Stark schwankende Geburten- und Sterberaten, die auf hohem Niveau dicht beieinander liegen. Es findet kein gravierender Bevölkerungszuwachs statt.
Phase 2Die Sterberate sinkt bei etwa gleichbleibender Geburtenrate. Es entsteht ein signifikanter Bevölkerungszuwachs.
Phase 3Die Geburtenrate sinkt, und zwar sehr bald schneller als die Sterberate. Beide Werte gleichen sich sukzessive an. Der Bevölkerungszuwachs nimmt laufend ab.
Phase 4Die Geburten- und Sterberaten liegen auf tiefem Niveau eng beieinander. Es findet kein nennenswerter Bevolkerungszuwachs statt.“ (Ebd., S. 299).

„Im Jahr 1816 lebten auf dem Gebiet in den Grenzen des späteren Deutschen Reichs 25 Millionen Menschen, am Vorabend des Ersten Weltkriegs dagegen bereits 68 Millionen (vgl. Josef Ehmer, Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800-2000 , 2004, S. 6f.). Weitere fünf Millionen waren - vor allem nach Übersee - ausgewandert (vgl. ebd, 2004, S. 9). Zwischen 1900 und 1910 erreichte die jährliche deutsche Bevölkerungszuwachsrate mit rund 1,5 Prozent ihren Höhepunkt. Die Bevölkerung nahm in dieser Periode schneller zu als jemals zuvor und jemals danach in der deutschen Geschichte (vgl. ebd., 2004, S. 7). Der Zuwachs war auch stärker als in den meisten anderen europäischen Ländern. (**).“ (Ebd., S. 300).

„Auch heute lassen sich in vielen Krisenherden der Welt zum Teil extreme Bevölkerungszuwachsraten nachweisen (Afghanistan, Somalia, Ruanda, Palästina, Irak, Pakistan u.va.). Gunnar Heinsohn sieht insbesondere einen sehr hohen Anteil junger Männer an der Gesamtbevölkerung als kritisch für eine mögliche Kriegsentwicklung an (vgl. Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht, 2003 [**]). Die Zusammenhänge lassen sich auch unmittelbar aus der Systemischen Evolutionstheorie ableiten. Wenn eine Bevölkerung aus lauter Individuen besteht, die sich alle selbsterhalten und fortpflanzen wollen, dann wird es bei hohen Bevölkerungszuwachsraten und einer dadurch bedingten deutlichen Zunahme der Bevölkerungsdichte zwangsläufig zu einer verstärkten Konkurrenz der Individuen um die knapper werdenden Ressourcen kommen. Charles Darwin nannte dies den Kampf ums Dasein, der sich in extremen Fällen natürlich auch in Kriegen, Rassismus, Völkermord und Völkerwanderung (Auswanderung) ausdrücken kaun. All dies unterstreicht, daß es der Menschheit endlich gelingen muß, die eigene Bevölkerungsentwicklung zu beherrschen. Ich persönlich halte dies - trotz aller Tabuisierungen des Themas - für das wichtigste globale Problem der Menschheit überhaupt.“ (Ebd., S. 300).

„Im 20. Jahrhundert paßten die europäischen Bevölkerungen ihre Geburtenraten sukzessive an die niedrigen Sterberaten an, so daß der starke Bevölkerungszuwachs ab etwa 1930 fast überall zum Erliegen kam.“ (Ebd., S. 300).

„Ab etwa 1970 traten sehr viele moderne Gesellschaften in den demographischen Wandel, mit dem sich das vorliegende Kapitel schwerpunktmäßig beschäftigt. Als vermutliche Hauptgründe können angeführt werden:
Zuverlässige Kontrazeptiva (die Pille).
Berufsorientierte weibliche Emanzipation.
Rentenversicherung.
Heute reichen durchschnittlich ca. 2,1 Kinder pro Frau aus, damit sich eine Bevölkerung mengenmäßig erhalten kann. Im 18. Jahrhundert lag diese Zahl noch deutlich über 4. Man kann deshalb durchaus behaupten: Der Rückgang der Sterblichkeit war die Voraussetzung für die Emanzipation der Frauen. So würde eine sich abgeschlossene Gesellschaft (das heißt, es existieren weder Zu- noch Abwanderungen) mit 83 Millionen Einwohnern einer Fertilitätsrate von 1,4, einer Generationendauer von 30 Jahren und einer Bestandserhaltungsrate von 2,1 (niedrige Sterblichkeit) binnen 100 Jahren auf ca. 20 Millionen Einwohner schrumpfen, bei einer Bestandserhaltungsrate von 4,2 (hohe Sterblichkeit) dagegen auf ca. 2 Millionen. Unter solchen Verhältnissen würde sich eine Gesellschaft bereits innerhalb der Lebenszeit von Menschen erkennbar zu Tode schrumpfen, was gesellschaftlich wohl kaum hingenommen würde.“ (Ebd., S. 300-301).

5.2) Fertiltitätstheorien

„Demographen, Ökonomen und Sozialwissenschaftler machen sich ... Gedanken darüber, wie das weltweit und auch historisch sehr unterschiedliche Fortpflanzungsverhalten der Menschheit zu erklären ist.“ (Ebd., S. 301).

„Die ökonomische Theorie der Fertilität (vgl. Paul B. Hill / Johannes Kopp, Familiensoziologie, 2002, S. 198ff.) von Harvey Leibenstein und Gary S. Becker gilt als eines der überzeugendsten theoretischen Modelle, um das global sehr unterschiedliche Fertilitätsverhlaten von Bevölkerungen zu erklären. Insbesondere die sehr niedrigen Fertilitätsraten in den entwickelten Staaten ließen sich mit älteren Theorien nicht in Einklang bringen.“ (Ebd., S. 302).

„Gemäß der ökonomischen Theorie lassen sich drei verschiedene Nutzenarten für Kinder unterscheiden (vgl. Thomas Klein, Sozialstrukturanalyse, 2005, S. 81):
Konsumnutzen
Einkommensnutzen
Sicherheitsnutzen
Diesen Nutzenarten stehen zwei Kostenarten gegenüber:
Opportunitätskosten
Dierekte Kosten
Wägt man die verschiedenen Nutzen- und Kostenarten gegeneinander ab, dann läßt sich feststellen:
 - Kinder haben einen Konsumnutzen (mehr als früher! Anm. HB) ....
 - Kinder haben nur einen vergleichsweise geringen Einkommensnutzen (geringer als früher! Anm. HB) ....
 - Kinder haben keinen Sicherheitsnutzen (sehr viel anders als früher [denn früher war er sehr hoch]! Anm. HB) ....
 - Kinder sind mit hohen Opportunitätskosten verbunden (höher als früher! Anm. HB) ....
 - Kinder kosten Geld (mehr als früher! Anm. HB) ....
Fazit: Einzig der Konsumnutzen kann heute Kinder noch ausreichend rechtfertigen. Dieser reicht aber bei den meisten Personen nicht aus, um große Familienstärken zu bewirken.“ (Ebd., S. 302-306).

„Bei der biographischen Fertilitätstheorie (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion, 1991) handelt es sich um die demographische Entsprechung der Individualisierungsthese (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986). Sie argumentiert ökonomisch, konzentriert sich aber kostenseitig auf die biographischen Opportunitätskosten der Familiengründung und klammert Nutzenaspekte und dierekte Kosten weitestgehend aus. ([**|**|**]).“  (Ebd., S. 307).

„Kernausassagen der Theorie sind (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion, 1991):
Die Größe des biographischen Universums nimmt durch den Wegfall sozialer, normativer und ökonomischer Beschränkungen permanent zu
Je größer das biographische Universum ist bzw. je vielfältiger die Optionen für eine Biographie sind, desto größer ist die Zahl der Alternativen, die mit einer biographischen Festlegung aus dem Möglichkeitsspielraum ausscheiden.
Bei einer Expansion des biographischen Möglichkeitsspielraums steigt das Risiko einer biographischen Festlegung.
In Gesellschaften mit Konkurrenzprinzip im Individualverhalten ist das Risiko biographischer Festlegungen in der Familienbiographie größer als das Risiko von Festlegungen in der Ausbildungs- und Erwerbsbiographie.
Das Risiko familialer Festlegungen läßt sich aufschieben oder vermeiden.
Schlußfolgerung: Die Wahrscheinlichkeit der demographisch relevanten biographischen Festlegungen nimmt ab.
Dies bedeutet: Durch die zunehmende Individualisierung (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986) steigt die Anzahl der Lebenslaufalternativen für eine konkrete person. Bei einer Familiengründung erfolgt aber eine sehr große biographische Festlegung für einen längeren zeitraum, und folglich scheiden sehr viele Lebenslaufalternativen aus dem sogenannten biographischen Universum aus. Dies macht es wahrscheinlicher, daß eine solche Festlegung zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erfolgt, zumal familiale Entscheidungen größere Risiken bergen können als Ausbildungs- und Karriereentscheidungen. Die Konsequenz ist, daß Entscheidung für eine Familiengründung immer später oder gegebenfalls gar nicht mehr getroffen wird.“ (Ebd., S. 307-308).

„Die biographische Fertilitätstheorie gilt allgemein als eine der schlüssigsten Thesen für die Erklärung der niedrigen Fertilitätsraten in entwickelten Gesellschaften. Denn immerhin konnten einzelne Folgerungen der Theorie empirisch bestätigt werden. (Vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 27-56 [**]).“  (Ebd., S. 308).

5.4) Reproduktionsinteresse

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie wurde gezeigt, daß sich das Prinzip der natürlichen Selektion aus einem grundsätzlicheren Prinzip, nämlich der »natürlichen Verteilung« der Reproduktionsinteressen unter den Individuen einer Population herleiten läßt. Die biologische Evolution dürfte also ganz entscheidend durch die den Individuen innewohnenden Reproduktionsinteressen vorangetrieben werden.“ (Ebd., S. 312).

„In menschlichen Populationen könnte das Reproduktionsinteresse in einer ersten Amläherung mit der gewünschten Zahl an Kindern (dem Kinderwunsch) gleichgesetzt werden. In der Regel wird es größer als die dann tatsächlich realisierte Zahl an Nachkommen sein.“ (Ebd., S. 312).

„Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) offenbarte, daß sich Frauen in Deutschland durchschnittlich nur noch 1,75 Kinder wünschen, Männer sogarnur 1,59 (vgl. Robert-Bosch-Stiftung, Bosch-Studie, 2006 [**]). Kinderlose ohne beruflichen Abschluß wünschen sich signifikant häufiger Kinder als Kinderlose mit beruflichem Ausbildungsabschluß beziehungsweise Hochschul-/Fachhochschulabschluß (vgl. D. Klein, Zum Kinderwunsch von Kinderlosen, a.a.O., 2006, S. 76).“ (Ebd., S. 312).

„Man könnte die Ergebnisse auch so zusammenfassen: Das natürliche Reproduktionsinteresse der Bürger der Bundesrepublik Deutschland ist beschädigt, und zwar bei Männern mehr als bei Frauen und bei Menschen mit hoher Bildung und beruflichem Ausbildungsabschluß mehr als bei Menschen ohne beruflichen Abschluß.“ (Ebd., S. 312).

„In den Entwicklungsländern scheint der Wunsch nach weniger Kindern eher bei Frauen ausgeprägt zu sein (vgl. Hans Joas [Hrsg.], Lehrbuch der Soziologie, 2001, S. 497), was normalerweise auch zu erwarten wäre, denn getrenntgeschlechtliche Populationen haben aus evolutiven Gründen nur dann wirklich Sinn, wenn das männliche Geschlecht ein durchschnittlich höheres Reproduktionsinteresse besitzt als das weibliche (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?). Daß dies in vielen modernen Industrienationen genau umgekehrt ist, ist nicht nur äußerst alarmierend, sondern weist vor allem darauf hin, daß eine sich vorwiegend an den Interessen und Anforderungen von Frauen orientierende Familienpolitik am Kernproblem vorbeigeht (und daß diese Politik genau jene Variante ist, die typisch ist für die Zivilisation abendländischer [westliche] Kultur; HB).“ (Ebd., S. 312).

5.5) Familie

5.5.1)   Kernfamilie (S. 313)
5.5.2)   Ganzes Haus (S. 313-314)
5.5.3)   Ernährermodell (S. 314-316)
5.5.4)   Familienmodell bei weiblicher Emanzipation (S. 316-320)

„Ich möchte nun auf die Institution Familie, die zentrale gesellschaftliche Reproduktionseinheit, zu sprechen kommen. Dabei werden die weiteren Ausfuhrungen zeigen, daß die Familie in ihrer bisherigen Form unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht mehr zu halten sein dürfte.“ (Ebd., S. 313).

5.5.1) Kernfamilie

„Im westlichen Kulturkreis wird heute unter Familie in der Regel die sogenannte Kernfamilie aus Vater, Mutter und deren Kindern verstanden.“ (Ebd., S. 313).

„In der Tat ist sie in modernen Gesellschaften die weiterhin häufigste Familienform. Alternative Modelle wie Alleinerziehung, Wohngemeinschaften, das Zusammenleben zweier Elternteile mit nichtgemeinsamen oder gar jeweils eigenen Kindern nehmen zwar anteilsmäßig zu, bleiben aber vorläufig noch in der Minderheit.“ (Ebd., S. 313).

„Allerdings werden die Begriffe Familie und Kernfamilie in der Soziologie nicht einheitlich verwendet. Für Rosemarie Nave-Herz ist beispielsweise die Generationendifferenzierung (zum Beispiel: Mutter mit Kindern) kennzeichnend für den Begriff der Familie, eine kinderlose Ehe ist für sie noch keine Familie (vgl. Rosemarie Nave-Herz, Familie heute, 2000, S. 15). Entsprechend dieser Auffassung ist eine Kernfamilie eine Familie mit einem oder beiden Elternteilen und Kindern, jedoch ohne dritte Generation (zum Beispiel Großmutter). Eine Wohngemeinschaft mit zehn jüngeren Menschen, die sich selbst »Familie« nennen, wäre in diesem Sinne dagegen noch keine Familie, wenn darin ein Kind aufwächst, dann allerdings schon.“ (Ebd., S. 313).

5.5.2) Ganzes Haus

„Als Ganzes Haus wird die seit dem Mittelalter vor allem in Westeuropa entstandene Familienform der Bauern und Stadtbürger bezeichnet, in der neben der Kernfamilie noch Verwandte (zum Beispiel Großeltern, Geschwister) und Gesinde wohnten. Einige Schätzungen gehen davon aus, daß im Mittelalter zeitweise funfzig Prozent aller seßhaften Menschen in solchen Gemeinschaften lebten.“ (Ebd., S. 313).

„Im Ganzen Haus vereinbarte sich Familienarbeit und berufliche Tätigkeit auf besonders einfache Weise, denn häufig wurden Kinder bereits frühzeitig in ihre spätere Aufgabe eingearbeitet und waren praktisch ständig unter der Aufsicht der Eltern, von Verwandten oder des Personals. Allerdings blieb dabei nicht selten eine ausreichende Bildung auf der Strecke, da dafür entweder die Kompetenzen fehlten oder sie als nicht notwendig erachtet wurde. Dies galt in besonderem Maße für Mädchen.“ (Ebd., S. 313-314).

„Auch heute noch können in ländlichen Gegenden, aber auch in manchen Berufen, ähnliche Konstellationen vorgefunden werden. Dies ist insbesondere bei freiberuflichen und selbstständigen Tätigkeiten der Fall, zum Beispiel bei einem Lebensmittelgeschäft mit angeschlossenem Wohnbereich. Beide Elternteile stehen in diesem Fall über weite Strecken des Tages als Ansprechpartner fur die Kinder zur Verfügung.“ (Ebd., S. 314).

„Einige Experten vermuten, in Wissensgesellschaften und aufgrund von Fortschritten in der Telekommunikation könnten wieder vermehrt Heimarbeitsplätze entstehen, so daß das Ganze Haus gleichfalls eine Renaissance erleben würde.“ (Ebd., S. 314).

5.5.3) Ernährermodell

„Die Industriegesellschaft mit ihrem hohen Kapitaleinsatz und ihrer starken Verlagerung der Produktion aus dem häuslichen Bereich heraus machte es erforderlich, daß ein Elternteil - üblicherweise der Mann - das Haus verließ, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Diese wurde mit Geld und/oder Waren vergütet, womit der Familienvater dann Frau und Kinder ernährte.“ (Ebd., S. 314).

„Als Familienform setzte sich deshalb sukzessive das patriarchalische Ernährermodell durch, bei dem der Vater als Ernährer der Familie fungierte, während sich die Mutter als Hausfrau um Haus und Kinder kümmerte.“ (Ebd., S. 314).

„Zwischen beiden Geschlechtem etablierte sich erneut die bereits biologisch vorgeprägte Arbeitsteilung, bei der der Mann primär fur die produktiven, die Frau dagegen für die reproduktiven Aufgaben verantwortlich war. Eine ähnliche Konstellation gab es bereits in der Altsteinzeit während der Menschwerdung, als die Männer zur Jagd aufbrachen und die Frauen die Kinder aufzogen und gegebenenfalls in der Umgebung Pflanzen sammelten.“ (Ebd., S. 314).

„Allerdings besteht zwischen den aktuellen und historischen Familienkonstellationen noch ein entscheidender Unterschied, der gern übersehen wird: In der Altsteinzeit gingen in der Regel die Männer gemeinsam zur Jagd, um dann später ihre Beute mit ihren Frauen zu teilen. Ganz im Gegensatz dazu ist die moderne Familie als ökonomisch autarke Einheit angelegt, das heißt, sie hat sich selbst zu versorgen. Übertragen auf die Altsteinzeit hieße das: Alle Männer gehen einzeln zur Jagd, haben alle für sich einen individuellen Jagderfolg, der dann ausschließlich ihren jeweiligen Familien zur Verfügung steht.“ (Ebd., S. 314-315).

„Im Rahmen einer Wertedebatte könnte deshalb auch durchaus angemerkt werden, daß das patriarchalische Ernährermodell vom Kern her individualistisch angelegt ist. Naturvölker würden möglicherweise sogar einen beträchtlichen Werteverlust reklamieren.“ (Ebd., S. 315).

„Beim Ernährermodell besteht eine Hierarchie an sozialen Funktionen: Der Mann ernährt und schützt die Frau, diese wiederum die Kinder.“ (Ebd., S. 315).

„Häufig wird das patriarchalische Familienmodell (Ernährermodell) wie folgt beschrieben:
Der Mann geht arbeiten, und die Frau zieht die Kinder auf.
Wie der Ausdruck Ernährermodell bereits sagt, ist diese Beschreibung jedoch unvollständig. Präziser müßte es heißen:
Der Mann geht arbeiten und verdient dafür Geld die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür kein Geld.
Das patriarchalische Ernährermodell erwies sich in der Praxis als äußerst erfolgreich, zumal es ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Produktion und Reproduktion etablierte, was es dem Staat erlaubte, sich weitestgehend aus der gesellschaftlichen Reproduktion herauszuhalten und diese als ausschließliche Angelegenheit seiner Individuen zu betrachten.“ (Ebd., S. 315).

„Allerdings hatte das Modell einen entscheidenden Nachteil: Die Frauen verblieben dabei in ökonomischer Abhängigkeit von ihren Männern, eine Tatsache, die mit modernen Gleichheitsgrundsätzen nicht mehr zu vereinbaren war. Auf der anderen Seite stellte es sich auch für die Männer nicht nur als vorteilhaft dar, denn deren Arbeitswelt war häufig gefährlich, schmutzig und erschöpfend, also alles andere als selbstbestimmt. Diese Anstrengungen wurden aber mit einem Einkommen entlohnt, was die Männer gleichzeitig - als Teil des Lohns - zum Oberhaupt der Familie machte.“ (Ebd., S. 315).

„Erst das verstärkte Aufkommen von angenehmeren Jobs, bei denen in erster Linie intellektuelle und von Frauen in gleicher Weise erbringbare Leistungen gefordert waren, ließ die klassische Rollenaufteilung als eher günstig für den männlichen Teil der Bevölkerung erscheinen.“ (Ebd., S. 316).

5.5.4) Familienmodell bei weiblicher Emazipation

„Die Frauenbewegung hat das patriarchalische Ernährermodell erfolgreich bekämpft und ein anderes Familienmodell (Vereinbarkeitsmodell) dagegen gestellt, welches in unserer Gesellschaft mittlerweile auf breiteste Akzeptanz stößt. Es basiert auf der Annahme einer grundsätzlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**).
Mann und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Außerdem teilen sie sich die Familienarbeit und verdienen dafür beide kein Geld.
Vielen Familien erscheint die prinzipielle Vereinbarkeit dieser völlig unterschiedlichen und zeitaufwendigen Aufgaben jedoch als Mythos; sie erleben beides als Addition (vgl. Iris Radisch, Die Schule der Frauen, 2007, S. 139ff.). Auch scheint die Reduzierung der Arbeitszeiten bei beiden Ehepartnern zwecks einer gerechteren Aufteilung der Familienarbeit aus ökonomischer Sicht für die betroffenen Familien häufig die schlechteste Lösung zu sein, da dann beide Ehepartner auf eine Karrieremöglichkeit und somit zusätzliche Verdienstmöglichkeiten verzichten müssen. Auch schließen zahlreiche Berufe - und hier insbesondere typische Männerberufe (Pilot, Lokführer, Matrose, Dachdecker, Fernfahrer etc.) - Vereinbarkeitsszenarien von vornherein weitestgehend aus (**).“ (Ebd., S. 316).

„Die bisherigen Ausführungen konnten deutlich machen: Der Geburtenrückgang in den entwickelten Ländern ist in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern zurückzuführen.“ (Ebd., S. 316).

„Bei einer größeren Familie mit vier oder fünf Kindern nimmt die Familienarbeit eine solche Größenordnung an, daß ein Elternteil (in der Regel die Mutter) über einen Zeitraum von zehn oder mehr Jahren keiner oder nur einer geringfügigen gleichzeitigen Erwerbsarbeit nachgehen kann und sollte (Ausnahmen bestätigen die Regel). Damit verfügt die Familie fast ausschließlich über das Einkommen des Ehemannes und damit über deutlich geringere Einkünfte bei gleichzeitig wesentlich höheren Kosten gegenüber berufstätigen Kleinfamilien beziehungsweise Kinderlosen.“ (Ebd., S. 316).

„Ferner sind solche Familien, die - wie gesagt - für die Bestandserhaltung der Bevölkerung unbedingt erforderlich sind, dazu gezwungen, für einen längeren Zeitraum zu einer modernen Abwandlung des patriarchalischen Ernährermodells zurückzukehren, was aber eigentlich nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Dieses Familienmodell trägt den Namen Phasenmodell.
Mann und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Die Frau unterbricht ihre berufliche Tätigkeitfür eine längere Familienphase und verdient in dieser Zeit kein Geld.
Konkret heißt das: Während der Familienphase kommt das patriarchalische Ernährermodell zur Anwendung. Die Frau verzichtet dann auf nennenswerte Rentenansprüche, vor allem aber auf ein eigenes nennenswertes Einkommen und damit auf eine Kernerrungenschaft der weiblichen Emanzipation, nämlich Berufstätigkeit und ökonomische Selbstständigkeit. Die Alternativen lauten jetzt: Ökonomische Abhängigkeit vom Ehemann oder von der Sozialhilfe. Daneben besitzt das Modell weitere Nachteile. Speziell für gut ausgebildete Frauen dürfte es wenig attraktiv sein.“ (Ebd., S. 317).

„Das klassische Ernährermodell inklusive seiner modernen Variante Phasenmodell hat in diesem Sinne also auch für größere Familien längst ausgedient. An die Stelle des Ehemanns als Ernährer der Familie tritt mehr und mehr der Staat (vgl. Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006; S. 35f. [**]).“ (Ebd., S. 317).

„Dieser Tatbestand gilt in der Bundesrepublik längst für einen nennenswerten Anteil kinderreicher Familien. Ca. 60 Prozent aller Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern gelten als arm. Bei Paaren öffnet sich die Schere ab drei Kindern (vgl. Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott, 2004, S. 71). Man könnte auch sagen: Basierte im Patriarchat die Familie noch auf Vereinbarungen zwischen Privatpersonen, so wird sie unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter mehr und mehr zu einer öffentlichen Angelegenheit, bei der der Staat zunehmend in die Rolle des vormals männlichen Ernährers schlüpft.“ (Ebd., S. 317).

„Dies ist auch aus anderen Gründen naheliegend: Individualisierungsprozesse - wie sie im Rahmen der weiblichen Emanzipation auf Seiten der Frauen stattgefunden haben - gehen üblicherweise mit einer Auslagerung von Kollektivaufgaben, die ja einen Teil der vormaligen gesellschaftlichen Rolle ausgemacht haben, an Dritte, häufig an den Wohlfahrtsstaat, einher (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 109f.; Stefan Lange / Dietmar Braun, Politische Steuerung zwischen System und Akteur, 2000, S. 20). Es ist also nur folgerichtig, wenn der Wohlfahrtsstaat nun die Finanzierung größerer Familien in seine Verantwortung übernimmt: Frauen und Männer als Individuen sind unter den heutigen Verhältnissen dazu offenkundig nicht mehr in der Lage. Das Prinzip der ökonomisch autarken Familie war eine Eigenart des Patriarchats, welches unter der Gleichberechtigung der Geschlechter in der bisherigen Form nicht mehr bestehen bleiben kann.“ (Ebd., S. 317-318).

„In meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) wurde deshalb eine alternative Familienfinanzierung vorgeschlagen: Jeder Bürger müßte für ein Kind Unterhalt zahlen. Allerdings könnte er sich von dieser Verpflichtung durch das Aufziehen eines eigenen Kindes befreien. Additiv oder alternativ zu den Unterhaltszahlungen könnte auch eine (Teil-)Finanzierung über die Renten- und Pensionsansprüche von Kinderlosen mit entsprechend hohen Leistungsbezügen erfolgen.“ (Ebd., S. 318).

„Der eingenommene Unterhalt könnte wie folgt verwendet werden: Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kommen insgesamt zu wenig Kinder auf die Welt. Die Differenz zu einer bestandserhaltenden Geburtenrate könnte dann von staatlich beschäftigten Familienmanagerinnen abgedeckt werden, die in aller Regel größere Familien mit drei oder mehr Kindern gründen. Da die Familienarbeit dabei zum Vollzeitjob generiert, würden solche Familienfrauen (oder auch -männer) vom Staat bezahlt. Allerdings benötigten sie entsprechende Qualifikationen, da sie einen Beruf mit sehr hoher Verantwortung ausüben. Auch müßten sie sich regelmäßig fortbilden (**).“ (Ebd., S. 318).


„Das Familienmanager-Konzept kann im vorliegenden Buch nur kurz angerissen werden. Die Grundidee ist: Kinderlose zahlen Unterhalt, mit dem dann staatlich beschäftigte Familienmanagerinnen ihre eigenen Kinder aufziehen (**|**). Alles andere ist dagegen diskutabel.“ (Ebd.).

„Dabei würde das folgende ergänzende Familienmodell zum Einsatz kommen:
Der Mann geht arbeiten und verdient Geld, die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld.
Dieses Familienmodell trägt den Namen Familienmanagermodell. Es dürfte das einzige Familienmodell sein, welches einen nennenswerten Anteil gut ausgebildeter Frauen unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter zur Gründung einer Mehrkindfamilie bewegen könnte.“ (Ebd., S. 318).

„Natürlich würde auch die umgekehrte Variante (Die Frau geht arbeiten und 1 verdient Geld, der Mann zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld) funktionieren, allerdings dürften solche Konstellationen eher selten sein. Ferner würde das Modell Alleinerziehung (Die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür Geld) - gegebenenfalls im Zusammenleben mit unterschiedlichen Partnern - unterstützen, was für moderne Gesellschaften unerläßlich zu sein scheint. Es umgeht die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**), indem es Familie zum Beruf macht.“ (Ebd., S. 318-319).

„Grundlage des Familienmanagermodells könnte die folgende »Norm« beziehungsweise modifizierte verantwortete Elternschaft sein, die die Nachwuchsarbeit als eine gesellschaftliche Kollektivaufgabe versteht, die prinzipiell von allen Bürgern anteilsmäßig in direkter oder indirekter Form zu erbringen ist:
Jedem steht es in unserer Gesellschaft frei, Kinder in die Welt zu setzen. Doch bitte beachten Sie: .... Ein unkontrollierter Bevölkerungszuwachs sollte ... unbedingt vermieden werden. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf maximal zwei Kinder pro Paar. Der Staat wird Maßnahmen ergreifen und fördern, die für eine möglichst optimale Vereinbarkeit einer kleineren Familie mit bis zu zwei Kindern mit einem Beruf und für einen relativ fairen Familienlastenausgleich sorgen werden.
Allerdings ist die Gesellschaft auf eine insgesamt bestandserhaltende Reproduktion angewiesen. Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kann eine solche nicht gewährleistet werden. Deshalb ist es in unserer Gesellschaft zusätzlich Ihre Aufgabe, als Paar zwei Kinder aufzuziehen, als Einzelperson ein Kind. Damit leisten Sie Ihren Beitrag zu einer bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion. Sie müssen das aber nicht selbst tun, sondern Sie können die Aufgabe zum Teil oder in Gänze anderen Fachleuten überlassen. Dafür müssen Sie dann aber regelmäßig einen bestimmten Betrag abführen, damit diese das auch in der entsprechenden Qualität für Sie tun können.
Wenn es laut Präferenzmodell Frauen jedes Qualifikationsniveaus gibt, die lieber eine größere Familie gründen würden aIs einer Erwerbsarbeit nachzugehen ((vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 27ff.; Catherine Hakim, , Work-Lifestyle in the 21st Century, 2005), dann ist die grundsätzliche Nichtkommerzialisierbarkeit dieser für unsere Gesellschaft so eminent wichtigen Familienarbeit nicht mit den Prinzipien der Geschlechtergleichberechtigung vereinbar, weil sonst solche Frauen in ihrer Lebensplanung massiv benachteiligt werden.“ (Ebd., S. 319).

„Im Abschnitt Systemflexibilität wurde darauf hingewiesen, daß moderne Organisationssysteme (**|**|**|**) ihre Systemstrukturen bereits aus ihrem Selbsterhaltungsinteresse heraus immer weiter flexibilisieren werden, denn hierdurch können sie ihre Anpassungsfähigkeit an die Markterfordernisse und damit ihre Überlebensfähigkeit signifikant erhöhen. Sie operieren in dieser Hinsicht aus einem Eigeninteresse heraus. Allerdings wirkt sich dieser Prozeß auch unmittelbar auf die Mitarbeiter der Unternehmen aus, denn nun müssen auch diese in ihrer Lebensplanung immer flexibler werden (vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch, 2006), was aber mit deren natürlichen Reproduktionsinteressen kollidiert, da beim Aufziehen von Nachwuchs nicht Flexibilität, sondern ganz im Gegenteil dazu vor allem Verläßlichkeit verlangt wird. Auch aus diesem Grund dürfte die zukünftige Erweiterung der vorhandenen Familienmodelle um ein Familienmanagermodell für Mehrkindfamilien geradezu unerläßlich sein.“ (Ebd., S. 320).

5.6) Gründe für den demographischen Wandel

5.5.1)   Geringes und ungleiches Reproduktionsinteresse (S. 320-322)
5.5.2)   Selbstfinanzierte Familie (S. 322-324)

„Die Ursachen des demographischen Wandels werden in meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) im Detail erörtert. Ich möchte an dieser Stelle zwei Gründe exemplarisch herausgreifen und damit dann auch die wichtigsten Ergebnisse des vorliegenden Kapitels noch einmal zusammenfassen.“ (Ebd., S. 320).

5.6.1) Geringes und ungleiches Reproduktionsinteresse

„Seit der allgemeinen Verfügbarkeit moderner Kontrazeptiva lassen sich Paarung und Fortpflanzung präzise voneinander trennen. In der Folge hat sich das menschliche Reproduktionsinteresse von einem machtvollen biologischen Trieb in eine ökonomisch abschätzbare Größe gewandelt.“ (Ebd., S. 320).

„Gleichzeitig wurde damit die berufsorientierte weibliche Emanzipation ermöglicht. In unserer Gesellschaft gilt nun die Norm, daß sowohl Frauen als auch Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich eventuelle Familienarbeiten dann paritätisch teilen.“ (Ebd., S. 320).

„Dies hat eine ganze Reihe bemerkenswerter Konsequenzen:
Kinder haben in modernen Gesellschaften fast ausschließlich nur noch einen Konsumnutzen. Dieser wächst aber mit zunehmender Kinderzahl nicht schnell genug, um oberhalb der gleichzeitig linear ansteigenden Familienkosten zu bleiben, weswegen sich moderne Familien in der Regel auf kleine Familiengrößen beschränken. Ihr Reproduktionsinteresse ist folglich gering, und zwar im Durchschnitt geringer, als es für eine bestandserhaltende gesellschaftliche Reproduktion erforderlich wäre.
Sind beide Elternteile berufstätig (was in unserer Gesellschaft allgemein angestrebt wird), ergeben sich für Kinder nennenswerte Opportunitätskosten, und zwar für beide Elternteile. Kinder werden dann potenziell umso teurer, je mehr die Eltern verdienen, beziehungsweise je qualifizierter und verantwortungsvoller ihre berufliche Tätigkeit ist.
Ferner gilt: Je höher die beruflichen Qualifikationen sind, desto größer ist meist auch der zeitliche Arbeitseinsatz, weswegen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dann selbst bei optimaler Vereinbarkeitsinfrastruktur besonders schwer zu realisieren ist (**).“ (Ebd., S. 320-321).


„Beruflich erfolgreiche und gutverdienende Paare sind auf keine öffentlichen Vereinbarkeitsinfrarstrukturen angewiesen, da sie sich entsprechende Betreuungsleistungen privat kaufen köjnnten (Studentinnen, Aupairmädchen, Kindermädchen, Haushälterin u.s.w.). Trotzdem haben gerade solche Paare sehr wenige Kinder. Dies allein demonstriert in aller Deutlichkeit, daß die Vereinbarkeitsthese (»Paare bekommen deshalb so wenige Kinder, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch nicht gegeben ist.«) nicht korrekt sein kann (**).“ (Ebd.).

„In der Folge sinkt das Reproduktionsinteresse mit steigenden Qualifikationen beziehungsweise mit dem sozialen Erfolg. Es bildet sich dann ein Dilemma heraus, welches der Kernaussage des »Central Theoretical Problems of Human Sociobiology« (siehe Abschnitt Central Theoretical Problem of Human Sociobiology) entspricht. Anders gesagt: Die gesellschaftliche Reproduktion verletzt das Prinzip Reproduktionsinteresse der Systemischen Evolutionstheorie. Es ist deshalb davon auszugehen, daß sich moderne Gesellschaften mit solchen Eigenschaften nicht weiterentwickeln können (**). (Ebd., S. 321).


„In der Tat ist in den meisten entwickelten Ländern seit Ende der 1990er Jahre ein Absinken des durchschnittlichen IQs der Bevölkerung feststellbar (vgl. Wissenschaft.de, 2005 [**]). Gleichzeitig steigt in Deutschland seit Jahren der Anteil der Studierenden mit mindestens einem akademischen Elternteil , kontinuierlich an, und zwar von 29 Prozent in 1985 auf 44 Prozent in 2000 (gl. E. Schnitzer / W. Isserstedt / E. Middendorff, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland, 2001, S. 119). Meist wird behauptet, dies sei ein deutliches Anzeichen dafür, daß es in der Bundesrepublik noch immer keine gleichen Bildungschancen für Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten gebe. Dies übersieht allerdings, daß sich dieser Effekt erst recht herausstellen würde, wenn absolute Chancengleichheit bei der Bildung bestehen würde, weil dann der hohe erbliche Anteil bei der Intelligenz zwangsläufig zum Ausdruck kommen müßte. Eltern mit hoher Intelligenz würden daun nämlich mit höjherer Wahrscheinlichkeit einen Hochschulabschluß erreichen und gleichfalls mit höherer Wahrscheinlichkeit Kinder mit hoher Intelligenz haben, die nun wiederum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit studieren werden.“ (Ebd.).

„Separat zu analysieren und zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang aber auch das männliche Reproduktionsinteresse, welches gemäß Untersuchungsergebnissen speziell in der Bundesrepublik Deutschland unterhalb der weiblichen liegt, was aus biologischen Gründen nicht sein dürfte (siehe Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?). Dies deutet darauf hin, daß insbesondere für Männer nun gesellschaftliche Verhältnisse in Kraft sind, die mit ihrem natürlichen Reproduktionsinteresse nicht mehr in Einklang zu bringen sind.“ (Ebd., S. 322).

„Ich möchte das Thema an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, lediglich auf zwei Punkte hinweisen:
Die öffentliche Debatte zur prekären Nachwuchssituation in den Industrienationen analysiert die Problematik vorwiegend aus weiblicher Sicht, dabei scheint die Situation bei den Männern noch verfahrener zu sein
Das in meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) vorgestellte Familienmanager-Konzept würde ganz wesentlich auch den natürlichen männlichen Interessen entgegenkommen, nämlich durchschnittlich weiterhin die deutlich geringeren Fortpflanzungsaufwände zu haben.“ (Ebd., S. 322).

5.6.2) Selbstfinanzierte Familie

„Familien sind in unserer Gesellschaft ökonomisch autarke Einheiten, die sich vom Grundsatz her selbst zu ernähren haben. Anders gesagt: Familien besitzen eine Wirtschaftsfunktion. Eine solche gesellschaftliche Vorgabe ist aber alles andere als selbstverständlich, denn viele Naturvölker kennen etwas Vergleichbares nicht.“ (Ebd., S. 322).

„Im Patriarchat galt unter dem Paradigma der familialen Wirtschaftsfunktion noch die einfache Regel: Familien, die mehr Ressourcen (Geld) erlangten, konnten sich mehr Kinder »leisten«, sofern sie nur wollten. Eine solche Regelung steht noch nicht im Widerspruch zu den Prinzipien der Darwinschen Lehre.“ (Ebd., S. 322).

„Im Rahmen der Gleichberechtigung der Geschlechter wurde die Wirtschaftsfunktion der Familie unbesehen beibehalten. Nun sollen also im Rahmen des gesellschaftlich präferierten Vereinbarkeitsmodells beide Elternteile gleichermaßen die erforderlichen Ressourcen beschaffen, während sie sich gleichzeitig die Familienarbeit paritätisch teilen.“ (Ebd., S. 322).

„Allerdings ist ein solches Modell - wenn überhaupt - nur für kleinere Familien sinnvoll. Denn spätestens ab dem dritten oder vierten Kind nimmt die Familienarbeit ein solches Ausmaß an, daß entweder ein Elternteil oder gar beide ihre Arbeitszeiten signifikant reduzieren müssen, und zwar selbst dann, wenn sie auf eine optimale Vereinbarkeitsinfrastruktur zurückgreifen können.“ (Ebd., S. 323).

„Mit jedem weiteren Kind dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Dies führt dann zu dem folgenden bemerkenswerten - in patriarchalischen Gesellschaften nicht bekannten - Dilemma:
Mit zunehmender Kinderzahl steigen die Ausgaben für die Familie, während gleichzeitig ihre Einkünfte sinken (**|**).
Ich möchte das an einem - allerdings stark vereinfachenden - Beispiel deutlich machen:
Ehepaar Müller ist beruflich qualifiziert und erfolgreich. Die beiden Ehepartner verdienen monatlich jeweils 3000 Euro nach Steuern. Mit jedem Kind würden ihnen 500 Euro an zusätzlichen Kosten entstehen, bei vier Kindern also 2000 Euro. Gleichzeitig entstünde dann soviel Familienarbeit, daß beide nur noch halbtags arbeiten gehen könnten. In der Folge reduzierten sich ihre Einkünfte aufjeweils 1500 Euro pro Monat, das heißt, auf insgesamt 3000 Euro. Verdienten sie also vorher zusammen 6000 Euro im Monat, die ihnen allein zur Verfügung standen, hätten sie mit ihren vier Kindern noch 3000 Euro, während ihre Kosten gleichzeitig um 2000 Euro angestiegen wären. Im Endeffekt würden sich ihre persönlichen Einkünfte durch die Familiengründung von 6000 Euro auf 1000 Euro pro Monat reduzieren.
Das gerade geschilderte Dilemma ist mit den bislang öffentlich diskutierten familienpolitischen Maßnahmen auch nicht einmal ansatzweise behebbar. In der Folge verschwinden die größeren Familien, oder sie werden systematisch in die Sozialhilfe abgedrängt, wo das Selbsternährerdogma nicht mehr gilt, denn dort versorgt ja der Staat.“ (Ebd., S. 323).


„Man könnte diese Aussage auch als die Brasilianisierungsformel bezeichnen, denn aus genau diesen Gründen wird in den entwickelten Ländern zunehmend Armut »produziert« (vgl. Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007).“ (Ebd.).

„Auf die Unternehmenswelt übertragen könnte das Dilemma wie folgt lauten: »Mit zunehmenden Investitionen in die Zukunft des Unternehmens sinken die Umsätze.« Unternehmen würden unter solchen Gegebenheiten ihre Investitionen in die Forschung einstellen. Offenbar handeln moderne Paare ganz entsprechend.“ (Ebd.).

„Dies wäre alles noch hinnehmbar, wenn die gesellschaftliche Reproduktion auch ohne größere Familien funktionieren könnte. Diverse Analysen konnten jedoch zeigen: Dies ist nicht möglich. Und so wies denn auch der 7. Familienbericht der Bundesregierung erneut darauf hin, daß der Geburtenrückgang in Deutschland, aber auch in vielen anderen entwickelten Ländern, in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie zurückzuführen ist (Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10).“ (Ebd., S. 323).

„Eine Konsequenz aus den obigen Ausführungen ist:
Die Familie, wie wir sie kennen, ist mit der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht kompatibel. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen muss das System F amilie neu überdacht werden.“ (Ebd., S. 324).

5.7) Vereinbarkeit von Familie und Beruf **

„Zum Abschluß des Kapitels möchte ich noch einmal ein Thema aufgreifen, welches im Laufe der bisherigen Ausführungen schon häufiger angesprochen wurde, da es in einem unmittelbaren Zusammenhang zur Systemischen Evolutionstheorie steht: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**).“ (Ebd., S. 324).

„Wie wir gesehen haben, sind die beiden zentralen Lebensaufgaben der eigene Selbsterhalt und die Fortpflanzung. In modernen menschlichen Gesellschaften erfolgt die Sicherung des Selbsterhalts im allgemeinen durch eine berufliche Tätigkeit, während die Fortpflanzung primär eine Sache der Familie ist. Man könnte deshalb auch sagen: Die zentralen menschlichen Lebensaufgaben sind Beruf und Familie.“ (Ebd., S. 324).

„Gemäß dem Prinzip der natürlichen Reproduktionsinteressen der Systemischen Evolutionstheorie sollten die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen innerhalb einer Population nicht negativ mit der relativen Fitneß der Individuen in Bezug auf den Lebensraum korrelieren (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie). In unserem konkreten Fall bedeutet das: Das Fortpflanzungsinteresse (der Kinderwunsch) sollte nicht systematisch und statistisch signifikant mit dem sozialen Erfolg (Karriere, Einkommen u.s.w.) der Bürger zurückgehen. Im Abschnitt Gültigkeit der Darwinschen Evolutionsprinzipien konnte gezeigt werden, daß sich dann auch das Prinzip der natürlichen Auslese einstellen würde.“ (Ebd., S. 324).

„Tatsächlich sind die Verhältnisse in modernen menschlichen Gesellschaften aber genau umgekehrt (siehe die einleitenden Bemerkungen zu diesem Kapitel [**]), denn dort besteht im allgemeinen ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau (vgl. Johannes Kopp, Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 89). Der Grund für dieses Dilemma ist das in modernen menschlichen Gesellschaften mit zunehmendem beruflichen Erfolg zurückgehende Reproduktionsinteresse, wie der Abschnitt Central Theoretical Problem of Human Sociobiology aufzeigen konnte. Empirische Untersuchungen bestätigen diesen Zusammenhang (siehe Abschnitt Reproduktionsinteresse).“ (Ebd., S. 324-325).

„In der öffentlichen Debatte zum demographischen Wandel und zur Familiensituation wird meist behauptet, die genannten Probleme resultierten aus der noch immer nicht gegebenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**). Allerdings verkennt eine solche Argumentation die enorme Wirkmacht der Opportunitätskosten.“ (Ebd., S. 325).

„Wenn sich in einem Restaurant die zeitlichen Aufwände für Kochen und Bedienen ungefähr die Waage halten, dann ist die Vereinbarkeit von Kochen und Bedienen (alle Mitarbeiter machen beide Arbeiten gleichermaßen) eine ineffiziente Lösung, eine Arbeitsteilung zwischen Kellnern und Köchen dagegen vergleichsweise effizient. Spätestens seit den Arbeiten von Adam Smith und David Ricardo (Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile) gehört dies zu den gesicherten Erkenntnissen der Wirtschaftswissenschaften. Ganz ähnlich sieht es beim Verhältnis von Familie und Beruf aus, und zwar insbesondere in Mehrkindfamilien, wo die Familienarbeit ein solches Ausmaß annimmt, daß sie zum Vollzeit-Job generiert.“ (Ebd., S. 325).

„Grundsätzlich handelt es sich bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) um einen Balanceakt zwischen zwei völlig unterschiedlichen, zeitaufwändigen Tätigkeiten. Man hat sich dann individuell zu entscheiden, wo die Trennlinie zwischen den beiden zentralen Lebensaufgaben gezogen werden soll: mehr auf der Seite des Berufs oder eher auf der Familienseite. Entscheidet sich beispielsweise ein Paar beiderseitig für eine berufliche Karriere, bleibt ihm zwangsläufig weniger Zeit für die Familie. Es hätte zwar dann die ökonomischen Mittel, eine größere Familie zu finanzieren, allerdings fehlte es ihm an Zeit. Mit der beruflichen Beanspruchung dürfte sein Fortpflanzungsinteresse somit zurückgehen. Daraus folgt aber unmittelbar: Als generelles Konzept zur Lösung der Familienproblematik steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Widerspruch zur Systemischen Evolutionstheorie. Eine menschliche Gesellschaft mit einem auf solchen Prinzipien basierenden Fortpflanzungsverhalten könnte sich nicht weiter an sich veränderode Rahmenbedingungen anpassen. Sie könnte also nicht weiter evolvieren.“ (Ebd., S. 325-326).

„Unsere komplexe Wirtschaftswelt hat eine ganze Reihe an Berufen hervorgebracht, bei denen man zum Teil ganze Tage oder sogar Wochen außer Haus verbringen muß. Ganz so neu ist die Situation eigentlich nicht, denn für die Seefahrt gilt das schon seit vielen tausend Jahren. Auch heute kann man nicht einerseits auf einem Fracht- oder Kreuzfahrtschiff anheuern und gleichzeitig noch einen angemessenen Beitrag zur Familienarbeit leisten. Familie und Beruf lassen sich in solchen Fällen nur arbeitsteilig vereinbaren. Eine gesellschaftsweite Vorgabe, die davon ausgeht, daß Frauen und Männer ähnliche Lebensentwürfe besitzen und folglich gleichermaßen einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich eventuelle Familienarbeiten dann paritätisch teilen, würde Menschen mit solchen Berufen aber regelrecht zur Kinderlosigkeit verdammen, da die jeweiligen Ehepartner dann die gesamte Familienarbeit - ähnlich Alleinerziehenden - zu leisten hätten, wodurch sich für sie eine gleichzeitige Berufstätigkeit und damit Verdienstmöglichkeit praktisch ausschließt. Selbst kleinere Familien wären unter solchen Verhält nissen kaum noch zu finanzieren.“ (Ebd., S. 326).

„Im Abschnitt Systemflexibilität wurde aufgezeigt, daß die moderne Wirtschaftsweise immer höhere Flexibilitätsanforderungen an die Beschäftigten stellt, die aber mit deren Reproduktionsinteressen kollidieren, da beim Aufziehen von Nachwuchs nicht Flexibilität, sondern in erster Linie Verläßlichkeit verlangt wird. Auch aus diesem Grunde dürfte eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) in der Praxis auf erhebliche systemimmanente Schwierigkeiten stoßen.“ (Ebd., S. 326).

„Und schließlich steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) als generelles gesellschaftliches Konzept im Widerspruch zur Individualisierungsthese (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986; Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007, S. 136ff. [**]; Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!,  2007, S. 74ff. [**]), die eine sich verstärkende Arbeitsteilung, keineswegs aber das Zusammenführen völlig unterschiedlicher und vorher bereits arbeitsteilig verrichteter Tätigkeiten prognostiziert (siehe dazu auch die Ausführungen im Kapitel Zivilisation).“ (Ebd., S. 326).

„Fazit: Das Konzept der grundsätzlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) steht in Verbindung mit der generellen Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter und dem Konzept der Familie als ökonomisch autarke Einheit (Wirtschaftsfunktion der Familie) sowohl im Widerspruch zur soziologischen Individualisierungsthese als auch zur Systemischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 326)

6) Zivilisation ** (S. 327-378)

6.1)   Soziologische Theorien (S. 327-352)
6.2)   Evolutionismus und Neoevolutionismus (S. 352-353)
6.3)   Zivilisierungsthese (S. 353-354)
6.4)   Tragik der Allmende (S. 354-356)
6.5)   Individualisierung (S. 356-358)
6.6)   Moderne (S. 358-370)
6.7)   Globalisierung (S. 371-376)
6.8)   Grundeinkommen (S. 376-378)

Peter Mersch definiert den Begriff „Zivilisation“ zum Teil anders als ich (HB)! **

6.2) Evolutionismus und Neoevolutionismus

„Während ältere Theorien (Evolutionismus) häufig noch davon ausgingen, daß sich menschliche Gesellschaften auf unterschiedlichen Stufen der sozialen Entwicklung befinden, die bei »primitiven« Urgesellschaften beginnt und sich dann immer mehr in Richtung »Zivilisation« bewegt, um dann etwa bei den westlichen Gesellschaften und ihrer Kultur zu kulminieren (die soziokulturtellen Evolutionstheorien von Auguste Comte, Herbert Spencer, Lewis Henry Morgan und gewissermaßen auch die von Karl Marx fallen in diese Kategorie), lehnen die meisten jüngeren Theorien (Neoevolutionismus) - ähnlich der Systemischen Evolutionstheorie - die Vorstellung einer zielgerichteten gesellschaftlichen Änderung oder gar eines sozialen Fortschritts ab.“ (Ebd., S. 352).

6.3) Zivilisierungsthese

„Beim Prozeß der Zivilisation handelt es sich um die sukzessive gesellschaftsweite Umstellung von dominanten Kommunikationsweisen (Zwangsselektionen) auf die Gefallen-wollen-Kommunikation (das heißt aber: der Beginn der Sexualität bzw. Gefallen-wollen-Kommunikation ist auch der Beginn der Zivilisation [??] ! HB), bei der die Selektionsinteressen der Kommunikationspartner wahr- und ernstgenommen werden.“ (Ebd., S. 354).

„Indirekt wird damit auch definiert, was im vorliegenden Kapitel unter Zivilisation verstanden werden soll: Eine Gesellschaft, in der die Selektionsinteressen aller Mitglieder üblicherweise respektiert werden - und zwar sowohl von Bürgern, sonstigen Akteuren und gesellschaftlichen Organen -, wäre in diesem Sinne zivilisierter als ein anderes Sozialsystem, in dem es für die menschen zu häufigen dominanten Übergriffen und belästigungen kommt. Dies würde ganz unbahängig davon gelten, ob man in der Gesellschaft nur von Jagd und Fischfang lebt, oder auch Atomkraftwerke, Internet und Autobahnen besitzt.“ (Ebd., S. 354).

6.4) Die Tragik der Allmende

„Unter der Tragik der Allmende versteht man in der Volkswirtschaftslehre die Beobachtung, daß Menschen unter bestimmten Bedingungen bei einer gemeinschaftlichen Tätigkeit, bei der der individuelle Ertrag den Personen nicht zurechenbar ist, weniger leisten. Dieses Problem tritt häufig bei Gemeinschaftseigentum, so genannten Allmenden, auf. Dies sei an einem Beispiel erläutert:
Angenommen, eine Gruppe von 80 Personen bewirtschaftet gemeinsam ein Feld. Alle Gruppenmitglieder haben bei voller Arbeitsleistung einen Aufwand von 50 Einheiten, ziehen jedoch dann einen Ertrag von 100 Einheiten aus der Ernte, die sie ja in gleichen Teilen erwirtschaften. Die Tragik der Allmende besteht nun darin, daß bei genügend großer Gruppengröße die Faulheit eines einzelnen Mitglieds die Ernte pro Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Aufwand fur das faule Gruppenmitglied aber stark abnimmt, wodurch sein Nutzen insgesamt steigt.
Wenn alle 80 Gruppenmitglieder voll arbeiten, dann erwirtschaften sie gemeinsam einen Ertrag von 80 • 100 = 8000 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht am Ende ein Ertragsanteil von 100 Einheiten zu. Zieht er davon seinen Aufwand von 50 Einheiten ab, dann hat er einen eigenen Nutzen von 50 Einheiten erwirtschaftet.
Angenommen, ein Mitglied arbeitet nur halb so viel wie die anderen Gruppenangehörigen. Dann hat es nur noch einen Aufwand von 25 Einheiten. Für die Gesamtgruppe ergibt sich nun ein Ertrag von 79 • 100 + 100 • 1/2 = 7950 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht unter diesen Umständen ein individueller Ertrag von 99,375 Einheiten zu. Für die voll arbeitenden Mitglieder ergibt dies einen Nutzen von 99,375 - 50 = 49,375 Einheiten.
Günstiger sieht der Ertrag für das etwas faulere Gruppenmitglied aus, denn dieses erwirtschaftet einen Nutzen von 99,375 - 25 = 74,375 Einheiten.
Obwohl ein Gruppenmitglied also nur die Hälfte geleistet hat, erzielt es mit 74,375 Einheiten einen deutlich größeren Nutzen als vorher (50 Einheiten) beziehungsweise als die anderen Gruppenmitglieder aktuell erzielen (49,375 Einheiten).
Es lohnt sich also in einer Allmende, faul zu sein, sofern eine gewisse Anzahl an Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß sich immer mehr Gruppenmitglieder faul verhalten werden und der Gruppenertrag noch weiter sinken wird. Die Tragik der Allmende schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen.“ (Ebd., S. 355-356).

„»Es geht - moralisch gesprochen - gar nicht um die Maximierung des eigenen Vorteils, sondern darum, nicht selbst in eine schlechte Position zu geraten (**).« (Frank Schirrmacher, Minimum- Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft, 2006, S. 67).“ (Ebd., S. 356).


„Es geht also primär um den eigenen Selbsterhalt und nicht um die Übervorteilung anderer. “ (Ebd.).


„Die Tragik der Allmende schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen.“ (Ebd., S. 356).

6.5) Individualisierung

„Die in der Soziologie sehr weit akzeptierte Individualisierungsthese besagt nun, daß sich der Einzelne in modernen Gesellschaften immer stärker aus übergeordneten Vorgaben bezüglich Geschlecht, Alter beziehungsweise sozialer oder regionaler Herkunft löst, so daß es zu einer drastischen Zunahme der individuellen Entscheidungsspielräume und einer Reduzierung des Grads der Außensteuerung kommt. Das individuum wird zentraler Bezugspunkt für sich selbst und die Gesellschaft. (Vgl. Matthias Junge, Individualisierung, 2002, S. 7).“ (Ebd., S. 356).

„Individualisierung bewirkt nicht nur eine stärkere Abhängigkeit des Einzelnen von Leistungen Dritter und dabei zum Teil auch von (wohlfahrts)staatlichen Funktionen (Bildungseinrichtungen, innere Sicherheit, Rechtsprechung, Altersversorgung u.s.w.; vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 109f.), sondern setzt diese geradezu voraus. Dies hat aber umgekehrt zur Konsequenz, daß der Wohlfahrtsstaat immer mehr Funktionen übernehmen und garantieren muß, die gemeinhin dem Kollektivverhalten zuzurechnen sind. (Vgl. Stefan Lange / Dietmar Braun, Politische Steuerung zwischen System und Akteur, 2000, S. 20).“  (Ebd., S. 357).

„Wird dem Individuum also zugestanden, sich zeitlich möglichst vollständig auf eine am Arbeitsmarkt angeforderte Leistung zu konzentrieren und seinen individuellen Lebenslauf frei zu wählen, dann müssen bei sich einstellenden Defiziten alle anderen Leistungen, die üblicherweise Teil seiner zu erbringenden Kollektivleistung sind (zum Beispiel Herstellen von Sicherheit, Weitergabe von Wissen, Aufziehen von Nachwuchs, Versorgung Älterer, Unterstützung von Notleidenden) von Dritten und damit unter Umständen vom Wohlfahrtsstaat übernommen werden. Dieser wird sich dabei häufig selbst des Arbeitsmarktes bedienen, beispielsweise um dort geeignete Lehrer für das Unterrichten von Kindern zu rekrutieren.“ (Ebd., S. 357).

„Zusammenfassend könnte man sagen:
In traditionellen Gesellschaften hatten die Menschen neben ihren individuellen Aufgaben auch kollektive Pflichten zu erfüllen. Zur Sicherstellung der Erfüllung der Gemeinschaftsaufgaben dienten gesellschaftliche Rollenvorgaben.
Im Rahmen der Individualisierung verselbständigt sich der Einzelne nun immer mehr gegenüber der Gemeinschaft. Dabei löst er sich von den traditionalen Rollenvorgaben. Als Handelnder sucht er seinen individuellen Erfolg zum Beispiel bei einer Erwerbsarbeit, wo er um so mehr Einkommen erzielen kann, je geringer seine Aufwände (inklusive Opportunitätskosten) bei den Gemeinschaftsaufgaben sind, denn er hat ja dann mehr Zeit für die Erwerbsarbeit. Für ihn lohnt es sich also ganz besonders, bei den »sozialistischen« Gemeinschaftsaufgaben »faul« zu sein, weswegen es dort zwangsläufig zur Tragik der Allmende kommen wird.
Die verbindliche Ausführung von notwendigen Gemeinschaftsaufgaben muß nun also auf andere Weise gewährleistet werden. Dazu dient die Institutionalisierung. Statt die Kollektivaufgaben weiterhin dem Einzelnen anteilsmäßig aufzubürden, werden sie an Dritte ausgelagert, und zwar ganz häufig an den Wohlfahrtsstaat. Dieser erwartet dann aber von seinen Bürgern einen Obolus, üblicherweise in Form von Steuern oder eines so genannten Parafiskus. Diese Steuern müssen wiederum verpflichtend erhoben werden, andernfalls dürfte es bei der Steuerzahlung selbst zur Tragik der Allmende kommen. Steuern stellen somit ein Äquivalent für die Summe aller Kollektivaufgaben des Individuums dar. Wenigstens dieser Punkt muß verpflichtend bleiben (**).
Der Wohlfahrtsstaat wird dann neue Institutionen schaffen, die die freigesetzten Gemeinschaftsaufgaben in seinem Sinne und Auftrag erfüllen.
Finanziert werden die Institutionen durch die Steuerzahlungen der Bürger. Die Mitarbeiter der neu erschaffenen Organe rekrutiert der Staat wie jedes andere Unternehmen über den Arbeitsmarkt, so daß auch diese von den Vorteilen der Individualisierung profitieren können.“ (Ebd., S. 358).


„Neuerdings versucht man mit dem bedingungslosen Grundeinkommen (**|**|**|**|**|**) auch diesen letzten Rest an verbindlichen Kollektivaufgaben in Frage zu stellen (vgl. Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007), was aber aus den bereits genannten Gründen nicht möglich sein dürfte (vgl. Peter Mersch, Irrweg Bürgergeld, 2007). Siehe dazu auch die Ausführungne im Abschnitt Grundeinkommen.“ (Ebd.).

6.6) Moderne **

6.6.1)   Affektkontrolle (S. 363-366)
6.6.2)   Schutz (S. 366-367)
6.6.3)   Demokratisierung (S. 367-369)
6.6.4)   Säkularisierung (S. 369-370)
6.6.5)   Zusammenfassung (S. 370)

Peter Mersch definiert den Begriff „Moderne“ zum Teil anders als ich (HB)! **

„Der Begriff der Moderne bezeichnet einen Umbruch in allen Bereichen des individuellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens gegenüber traditionellen Lebensformen, und zwar kulturell schon beginnend mit der Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert, ökonomisch mit der Industrialisierung ab Mitte des 18. Jahrhunderts und politisch mit der französischen Revolution.“ (Ebd., S. 358).

„Voraussetzung für die Entstehung der Moderne waren unter anderem einige entscheidende Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Leben und Energie). Zu nennen sind insbesondere:
Entdeckung und Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe.
Hierdurch verfugten die Menschen über Energie in einer bislang unbekannten Größenordnung. Viele Arbeiten konnten nun von Maschinen erledigt werden.
Erfindung des Buchdrucks.
Der Buchdruck war die Voraussetzung für die schnelle Verbreitung und Akkumulation des menschlichen Wissens und damit für viele spätere wissenschaftliche Entdeckungen.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse.
In zahlreichen Naturwissenschaften gelangen bahnbrechende neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Die wissenschaftliche Vorgehensweise setzte sich mehr und mehr als allgemeingültige Methode des Erkenntnisgewinns durch.
Geldverkehr, Märkte, Finanzwirtschaft.
Das Geld wurde allgemein anerkanntes Tauschäquivalent. Im gleichen Zuge entstanden Börsen (Finanzmärkte), Banken und Märkte aller Art.
Ein ganz entscheidendes Merkmal der Moderne dürfte aber das massenhafte Entstehen größerer Organisationen (Unternehmen) sein, bei denen es sich quasi um neuartige biologische Phänomene mit eigenen Identitäten und eigenständigen Selbsterhaltungsinteressen handelt. Anfanglich befanden sich diese noch überwiegend im Besitz von einigen wenigen Personen (»der Kapitalist«). Auch begrenzten sie ihr Tätigkeitsfeld aufgrund vorhandener Kommunikationslimitationen meist auf eingeschränkte lokale Regionen.“ (Ebd., S. 359).

„Organisationssysteme besitzen in aller Regel einen im Vergleich zu Menschen ungeheuren Energie- und Ressourcenbedarf (Kapitalbedarf). Beiden Anforderungen wurde die beginnende Moderne mit der Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe und dem Aufkommen leistungsfahiger Banken und Finanzmärkte gerecht. Erst damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um biologische Phänomene dieser Größenordnung entstehen zu lassen.“ (Ebd., S. 359-360).

„Mit zunehmender Größe können Unternehmen kostengünstiger produzieren (aufgrund der Nutzung von Skaleneffekten) und sich somit gegenüber Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Mit dem Wachstum differenzieren sie sich dann intern immer weiter aus, und zwar zur Komplexitätsreduzierung.“ (Ebd., S. 360).

„Ein ganz ähnlicher Effekt ist mit Beginn der Neuzeit auch gesellschaftsweit zu verzeichnen. Aufgrund des in diesem Zeitraum einsetzenden starken Bevölkerungswachstums und der dadurch bedingten höheren Bevölkerungsdichte kam es gemäß Émile Durkheim zunächst zu einer Verstärkung der Arbeitsteilung und dann auch zu einer zunehmenden funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft, und zwar auch hier zur Komplexitätsreduzierung.“ (Ebd., S. 360).

„Eine hohe Bevölkerungsdichte hat aber noch ganz andere Konsequenzen. Beispielsweise ist es dann viel schwieriger, individuell für den eigenen Schutz oder den der Familie zu sorgen, und zwar insbesondere dann, wenn Menschen im allgemeinen noch bewaffnet sind und sich auf unmittelbare körperliche Auseinandersetzungen eingestellt haben. Unter solchen Verhältnissen bietet es sich geradezu an, sich in Konfliktsituationen etwas zurückzunehmen, die Interessen anderer wahrzunehmen und zu wahren und vor allen Dingen auch jederzeit »cool« zu bleiben. Mit anderen Worten: Eine deutliche Erhöhung der Bevölkerungsdichte hat nicht nur veränderte Anforderungen bei den Schutzmaßnahmen zur Folge, sondern auf der anderen Seite auch eine verstärkte Affektkontrolle auf Seiten der Individuen. Auf diese beiden wichtigen Aspekte soll in den folgenden Abschnitten (**|**) noch einmal gesondert eingegangen werden.“ (Ebd., S. 360).

„Hohe Bevölkerungsdichten dürften auch in der Natur mit einem Rückgang ausgeprägter Dominanzhierarchien einhergehen, denn ansonsten würden durch die dann alsbald zu erwartenden permanenten Auseinandersetzungen um Rangpositionen viel zu viele Reibungsverluste entstehen. Beispielsweise wäre ein einzelnes Männchen unter solchen Gegebenheiten wohl kaum noch in der Lage, seinen Harem aus mehreren Weibchen gegen eine Übermacht aus partnerlosen Männchen zu verteidigen. In solchen Konstellationen scheint also die sexuelle Selektion mit der Auswahl geeigneter Männchen durch die Weibchen die bessere und friedlichere Strategie zu sein. Mit anderen Worten: Allein schon die Zunahme der Bevölkerungsdichte dürfte einen Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation zur Folge haben.“ (Ebd., S. 360).

„Eine verstärkte Arbeitsteilung und gesellschaftliche Ausdifferenzierung geht Hand in Hand mit einer zunehmenden beruflichen Spezialisierung. Im Rahmen der sich ausdifferenzierenden Arbeitswelt entstehen dann immer mehr Jobs mit ganz spezifischen Anforderungen, auch was die dafür erforderlichen Kompetenzen angeht. Die Menschen sind nun allgemein dazu gezwungen, sich mit ihren jeweiligen Kompetenzen auf den Arbeitsmärkten anzubieten, das heißt, mit ihren Fähigkeiten »gefallen« zu wollen. Auch hier wäre also ein genereller Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation festzustellen.“ (Ebd., S. 361).

„Umgekehrt erfolgt die gesellschaftliche Ausdifferenzierung aber nicht nur zur Komplexitätsreduzierung, sondern sie dürfte zum Teil eine direkte Konsequenz der zunehmenden Bedeutung der Gefallen-wollen-Kommunikation sein. Gefallen-wollen bedeutet nämlich auch, sich immer wieder - und ganz besonders nach Mißerfolgen - auf die Suche nach neuen Möglichkeiten, Nischen oder Geschäftsoptionen zu machen. Die hierdurch entstehende weitere Ausdifferenzierung schafft dann gegebenenfalls ganz neue Bedürfnisse und Erwartungen. Jeder Einzelne ist nun gefordert, seinen eigenen Weg zu finden und einzuschlagen, spezifische Fähigkeiten zu entwickeln und Qualifikationen zu erwerben und dann auch damit zu werben. Anders gesagt: Es kommt zu einem Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz und damit auch zu einer zunehmenden Individualisierung, bei der die Menschen aus ihren traditionalen Bindungen gerissen und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktsrisiko verwiesen werden (vgl. Rüdiegr Peuckert, Familienformen im sozialen Wandel, 2000, S. 363f.). Die durch gesellschaftliche Rollenvorgaben vermittelten Fremdzwänge werden im Rahmen dieser Entwicklung dann mehr und mehr durch Selbstzwänge ersetzt.“ (Ebd., S. 361).

„Gefallen-wollen-Kommunikation und gesellschaftliche Ausdifferenzierung bewirken sich folglich gegenseitig.“ (Ebd., S. 361).

„Es wurde bereits erwähnt, daß ein wesentliches Merkmal der Moderne das massenhafte Entstehen größerer Organisationssysteme ist. Karl Marx bezeichnete die Wirtschaftsform dieser Epoche sogar als Kapitalismus.“ (Ebd., S. 361).

„Nun bilden aber Organisationen ihre eigenen Organisationsstrukturen und Dominanzhierarchien aus, wobei sie die jeweiligen Rechte und Pflichten der einzelnen Ebenen untereinander meist präzise festlegen und beschreiben.“ (Ebd., S. 361).

„In modernen Marktwirtschaften halten sich die Staaten aus dem eigentlichen Marktgeschehen weitestgehend heraus. Der Grundgedanke dabei ist, den Wettbewerb unter den verschiedenen Marktteilnehmern anzuregen und so für mehr Leistung und Innovation im Vergleich zu staatlichen Monopolbetrieben zu sorgen. Die Unternehmen sind nun aber wiederum aus Wettbewerbsgründen vor allem an hohen menschlichen Kompetenzen interessiert. Solange Energie in ausreichender Menge und dabei auch noch preiswert zur Verfügung steht, werden Unternehmen es immer vorziehen, Maschinen statt Menschen für die Verichtung monotoner und körperlich schwerer Tätigkeiten einzusetzen. Die an qualifiziertem Humankapital interessierten Organisationen dürften deshalb eher Gesellschaftsstrukturen präferieren, in denen sich ihnen alle Bürger frei und gleich mit ihren Qualifikationen anbieten können, die Gesellschaft selbst also möglichst wenige Dominanzhierarchien und Klassen-, Rassen- beziehungsweise Geschlechterunterschiede aufweist (**).“ (Ebd., S. 361-362).


„Allerdings müssen sich die Gesellschaften vor einem solch universellen Zugriffsanspruch der Organisationen auf ihr Humankapital auch ausreichend schützen, weil sie dieses sonst nicht mehr angemessen reproduzieren können. Eine entsprechende Fehlentwicklung ist in den Industrienationen längst festzustellen.“ (Ebd.).

„In Gesellschaften, in denen fast alle wesentlichen produktiven Aufgaben von Organisationssystemen erledigt werden, haben gesellschaftliche Dominanzhierarchien (einschließlich denen zwischen den Geschlechtem) keinen wirklichen Sinn mehr. Es reicht, wenn die Organisationen selbst über solche verfügen. Das verstärkte Aufkommen größerer Organisationen mit Beginn der Neuzeit dürfte deshalb ebenfalls einen beschleunigenden Effekt auf die allgemeine gesellschaftliche Durchsetzung der Gefallen-wollen-Kommunikation gehabt haben.“ (Ebd., S. 362).

„Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung und der damit einhergehende Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz hat eine immer stärkere Konzentration des Einzelnen auf eng umrissene Aufgaben (Spezialisierung) zur Folge, die sich dann aber ganz häufig nicht mehr mit anderen Tätigkeiten vereinbaren lassen (**). Ferner besitzt die Spezialisierung gemäß Ricardos Theorem in der Regel zusätzliche komparative Kostenvorteile, aber eben auch nur dann, wenn es zu einer echten Spezialisierung kommt, und die Aufgaben nicht doch wieder mit irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu vereinbaren sind. All dies bewirkt letztlich, daß sich das Individuum immer stärker von gesellschaftlichen Rollenvorgaben inklusive den durch sie vermittelten Gemeinschaftsaufgaben löst. Es kommt dann zum Prozeß der Individualisierung und - sofern keine Gegenmaßnahmen erfolgen - bald darauf bei den davon betroffenen Gemeinschaftsaufgaben zur Tragik der Allmende. Dies wurde bereits in den Abschnitten Tragik der Allmende und Individualisierung näher erläutert.“ (Ebd., S. 362-363).


„Eine Vereinbarkeitsproblematik bezüglich Beruf und Gemeinschaftsaufgaben hat folglich während der gesamten Geschichte der Individualisierung bestanden. Interessanterweise wird im Rahmen der Individualisierung auf Seiten der Frauen (Emanzipation der Frauen) und der damit verbundenen Loslösung der Frauen von der ihnen per gesellschaftlicher Rollenvorgabe aufgebürdeten Gemeinschaftsaufgabe Nachwuchsarbeit nun so getan, als handele es sich hierbei um ein neues Phänomen, welches völlig neue Lösungsansätze erforderlich mache. (**).“ (Ebd.).

6.6.1) Affektkontrolle

„Eine starke Zunahme der Bevölkerungsdichte erzwingt zunächst einmal die weitestgehende Beherrschung von Affekten, denn jedes auffällige Verhalten (zum Beispiel lautes Schreien) könnte von einem Anwesenden als eine Warnung oder gar Attacke verstanden werden und dann eventuell sogar zu einem unnötigen Blutvergießen führen. Um die hierdurch entstehenden Gefahren zu minimieren und auch sonstige Gewaltverbrechen zu erschweren, wurde dem Staat dann schließlich das Gewaltmonopol übertragen. Auf diesen entscheidenden Schritt im Prozeß der Zivilisation soll ... näher eingegangen werden.“ (Ebd., S. 363).

„Wie wir bereits gesehen haben, gehen der Bevölkerungszuwachs und der damit in Zusammenhang stehende Trend zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, Individualisierung, Arbeitsteilung und Spezialisierung mit einer sukzessiven Umstellung von dominanten Kommunikationsweisen auf die Gefallen-wollen-Kommunikation einher. Denn nun kommt es ja vor allem darauf an, sich zu qualifizieren, sich mit seinen Kompetenzen anzubieten und andere von sich zu überzeugen, das heißt, zu gefallen.“ (Ebd., S. 363).

„Dies gilt im Grunde für alle gesellschaftlichen Interaktionen, denn schließlich könnte es sich ja bei jeder Begegnung um einen möglichen späteren Sexualpartner, Kunden oder Arbeitgeber handeln. Und wenn nicht, dann könnte man noch immer von einer solchen Person in der Kommunikation mit anderen beobachtet werden. Allein schon deshalb sollte man stets darum bemüht sein, einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ (Ebd., S. 363).

„Dies hat weitreichende Konsequenzen. Denn wie wir im Abschnitt Gefallen-wollen-Kommunikation gesehen haben, handelt es sich selbst bei der ungefragten Bekundung von Selektionsinteressen um eine Form der dominanten Kommunikation. Es wäre deshalb beispielsweise völlig undenkbar, wenn man einem Mann in einer Alltagssituation seine sexuelle Erregung ansehen könnte. Und umgekehrt hat es eine Frau dann natürlich auch tunlichst zu vermeiden, einen Mann in dieser Hinsicht zu provozieren. Die Körper sind folglich zu bedecken.“ (Ebd., S. 363-364).

„Generell gilt nun, daß Triebregungen und Gefühle zu kontrollieren und eventuell auch sehr weit zurückzustellen sind. Aber dies war ja ohnehin eine der Grundvoraussetzungen bei der Ernführung der sexuellen Selektion in der Natur: Ein an einem Weibchen interessiertes Männchen hatte sich zu beherrschen, mußte versuchen es zu überzeugen, und wenn dies nicht heute gelang, dann vielleicht ein anderes Mal. Es mußte lernen, sich so lange zu kontrollieren, bis es von der weiblichen Seite erhört wurde, ganz anders etwa als bei einem Haremsbesitzer, der auf die Interessen der Gegenseite nur wenig Rücksicht nehmen muß. Mit der sexuellen Selektion kam die Kultur in die Welt.“ (Ebd., S. 364).

„Von da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bis auch die Beherrschung , aller anderen Gefühle und Triebregungen gelingt. An vorderster Stelle steht hier sicherlich die Nahrungsaufnahme, die so lange zurückzustellen ist, bis die Tischzeit gekommen, oder man auch nur einfach an der Reihe ist. Und selbst dann sollte man sich vorzugsweise maßvoll verhalten und Speisen und Getränke nur jeweils in kleinen Portionen zu sich nehmen, schluckweise und durch Messer und Gabel entsprechend portioniert.“ (Ebd., S. 364).

„Auch sonst ist alles zurückzunehmen, was andere irritieren oder gar belästigen könnte, wie unvermittelte Laute, unangenehme Gerüche, Rülpsen u.s.w.. Die Speisen sind mit Messer und Gabel zu verzehren, um nicht die eigenen Finger zu beschmutzen, was sich in darauffolgenden Kornmunikationen als nachteilig erweisen könnte. (Allerdings könnten dabei auch hygienische Gründe eine Rolle spielen.) Die Kleidung hat attraktiv zu sein, man sollte gewaschen sein, einen angenehmen Körpergeruch haben, sich elegant bewegen und auch sonst ständig darum bemüht sein, einen positiven Eindruck zu hinterlassen und - im wahrsten Sinne des Wortes - bei niemandem ins Fettnäpfchen zu treten. Damit dies nicht zu häufig geschieht, ist man gut beraten, sich pennanent selbst zu kontrollieren: Selbststeuerung statt Fremdsteuerung also. (Ebd., S. 364).

„Generell sollten nun die Umgangsformen höflich sein, denn damit erweist man anderen seine Wertschätzung, die Grundregel Nummer eins bei der Gefallen-wollen-Kommunikation. So werden den Frauen die Türen aufgehalten oder ihnen in den Mantel geholfen, und zwar als generelles Zeichen der Wertschätzung, aber auch der Werbung um sie. (Ebd., S. 364).

„Wer all dies bis zur Perfektion beherrscht, demonstriert damit seine Kultiviertheit, aber auch, daß er bereits ganz in der Moderne angekommen ist. Denn in einer komplexen, arbeitsteiligen Welt müssen Arbeitsabläufe präzise kalkulierbar sein, und dies setzt die Verläßlichkeit der daran beteiligten Personen voraus, die folglich in der Lage sein müssen, ihre elementaren Gefühle und Triebregungen entsprechend den Anforderungen der Produktion zurückzustellen. Wer auf diese Weise verläßlich ist, der gefällt. “ (Ebd., S. 365).

„Eine weitere Facette der Moderne ist die Individualisierung, die mit einer Verbesserung der Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen und der zunehmenden Wahrnehmung von dessen Rechten - einschließlich des Rechts, nicht gestört zu werden - einhergeht. Im Grunde ist nun jedes Individuum (Ego) so zu behandeln, als wäre es ein König. Allein schon die deutlich zugenommene Bevölkerungsdichte macht so etwas zu einer Notwendigkeit. Der Grundgedanke dabei ist:
Ego hat das Recht, nicht gestört zu werden.
Wenn Ego Selektionsinteressen entgegennehmen möchte, betritt es den dazu passenden Kontext (ähnlich wie bei einer königlichen Audienz).
Aus Sicht des Systems Ego gehört Alter zu dessen Umwelt. Ein Selektionsinteresse seitens Alter könnte Ego stören (perturbieren). Also tritt Alter zunächst zurück und wartet so lange, bis Ego einen Kontext betritt, bei dem das Äußern von Selektionsinteressen zulässig ist.“ (Ebd., S. 365).

„Allerdings sind bei sehr dringenden und wichtigen Anliegen auch Ausnahmen erlaubt, die jedoch angemessen höflich vorzutragen sind: Entschuldigen Sie, kennen Sie sich hier aus? Die versteckte Botschaft dahinter lautet: Ich habe ein wichtiges Anliegen, nämlich Sie nach dem Weg zu fragen. Sind Sie dazu bereit? Würden Sie mich als Ihren Kommunikationspartner akzeptieren? Würden Sie mich selektieren?“ (Ebd., S. 365).

„Im Rahmen des Prozesses der Zivilisation hat die Gefallen-wollen-Kommunikation fast die gesamte gesellschaftliche Interaktion durchdrungen.“ (Ebd., S. 365).

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie wurde deutlich gemacht, daß die biologische und die kulturelle Evolution nicht gänzlich unabhängig voneinander betrachtet werden können, sondern daß zwischen beiden eine enge Wechselwirkung besteht.“ (Ebd., S. 365).

„In unserer Gesellschaft wird davon abweichend jedoch meist die Auffassung vertreten, die mit dem Prozeß der Zivilisation einhergehenden langfristigen psychogenen Veränderungen von Menschen hätten keinerlei biologische Grundlagen, sondern wären das ausschließliche Produkt des gesellschaftlichen Wandels und einer sich daran anpassenden Sozialisation. Dies dürfte wenig wahrscheinlich sein. Stattdessen ist davon auszugehen, daß der Veränderungsprozeß der Zivilisation alle Evolutionsebenen betrifft.“ (Ebd., S. 366).

6.6.2) Schutz

„Das Gefühl der Sicherheit gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation. Dieses stellt sich in vielen entwickelten Ländern selbst dann ein, wenn man abends noch ganz alleine einen Spaziergang macht: Kein Wolf greift an, und auch niemand sonst trachtet einem nach dem Leben, mißachtet das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder verlangt die Herausgabe der Brieftasche. Sicherheit bedeutet letztlich nichts anderes als: Gefährliche und belästigende dominante Kommunikationsweisen (insbesondere der Natur) sind sehr weit zurückgedrängt (**).“ (Ebd., S. 366).


„Im Sinne der Zivilisation ist es ein Unterschied, ob jemand bei einem Autounfall ums Leben kommt (Unfall), oder von einem streunenden Bär gerissen wird.“ (Ebd.).

„Damit all dies möglich wurde, mußte dem Staat das Gewaltmonopol übertragen werden. In der Tat ist sogar die Herausbildung der Territorialstaaten ganz wesentlich auf diesen Akt zurückzuführen. Interessanterweise gehören Schutzleistungen zu den ganz wenigen, wenn nicht sogar einzig verbliebenen Kollektivaufgaben, zu deren Zielerfüllung in den entwickelten Ländern selbst heute noch vereinzelt dominante Kommunikationsweisen angewendet werden. Beispielsweise besteht in der Bundesrepublik Deutschland für junge Männer nach wie vor die allgemeine Wehrpflicht. Ferner könnte der Staat in Verteidigungssituationen, aber auch bei schweren Katastrophen, mobil machen und Menschen zu bestimmten Aufgaben bindend verpflichten.“ (Ebd., S. 366).

„Die Übertragung des Gewaltmonopols an den Staat ging mit einer Erhöhung der Affektkontrolle bei den Individuen einher: Auseinandersetzungen werden seitdem nicht mehr spontan unter Streitenden geregelt, sondern neutralen staatlichen Instanzen überlassen. Dies hat maßgeblich zu einer Verbesserung des persönlichen Sicherheitsstatus geführt. Da nun die Menschen in der Regel keine Waffen mehr tragen und im großen und ganzen auch gar nicht mehr verteidigungsbereit beziehungsweise -willig sind, reduzierte sich gleichzeitig die Gefahr spontaner Überfälle. Was in den frühen Gesellschaften noch die Aufgabe jedes gesunden Mannes war, erledigen in modernen Gesellschaften Polizei und andere staatliche Organe.“ (Ebd., S. 366-367).

„Die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols stellte eine entscheidende Voraussetzung für den Übergang in die Industrialisierung und den Beginn der Moderne dar, denn sie machte das Leben kalkulierbar. Wer ständig kämpfen und sich, seine Angehörigen und sein Eigentum verteidigen muß, der kann nicht langfristig planen. Das staatliche Gewaltmonopol wird allgemein als so substanziell für den Prozeß der Zivilisation angesehen, daß es selbst dann nicht mehr in Frage gestellt wurde, als es zu einem späteren Zeitpunkt von despotischen Machthabern für ihre Interessen ausgenutzt wurde.“ (Ebd., S. 367).

6.6.3) Demokratisierung

„Individualisierung, Arbeitsteilung, gesellschaftliche Ausdifferenzierung und Gefallen-wollen-Kommunikation machen die prinzipielle Gleichstellung aller Menschen bei gleichzeitiger Respektierung ihrer sonstigen Verschiedenheiten erforderlich (**). Hierdurch kommt es zum Verschwinden von sozialen Dominanzhierarchien, Rassen- und Geschlechterdiskriminierungen und von Klassenunterschieden als dem entscheidenden Kriterium für die gesellschaftliche Rangordnung von Individuen, denn die soziale Interaktion basiert ja nun auf der Arbeitsteilung, das heißt, ... auf der Differenz und nicht mehr der Ähnlichkeit von Individuen.“ (Ebd., S. 367).


„Gemäß Theodor W. Adorno ist der Äquivalententausch der Bann, der nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Welt, das Denken, die Liebe, das Leben und die Theorien verhext - der also dafur verantwortlich ist, daß es »kein richtiges Leben im falschen gibt« (Jochen Hörisch, Es gibt [k]ein richtiges Leben im falschen, 2003, S. 46f.). Tatsächlich dürfte er aber wohl auch die unabdingbare Voraussetzung fur die Entstehung moderner Demokratien, die eine Gleichstellung von eigentlich Differentem verlangen, gewesen sein.“ (Ebd.).

„Zivilisierung und Individualisierung bewirken also einerseits einen Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz, allerdings damit gleichzeitig auch eine zunehmende Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, weil sich ja sonst Differenz als gesellschaftliches Prinzip kaum rechtfertigen ließe. Damit verschwinden dann sukzessive auch alle durch die Geburt oder die Zugehörigkeit zu einer Klasse, Rasse oder einem Geschlecht legitimierte Rechteunterschiede. Die Gleichheit aller Gesellschaftsmitglieder vor dem Gesetz dürfte dann irgendwann das zwangsläufige Resultat dieser Entwicklung sein.“ (Ebd., S. 367).

„Es liegt im unmittelbaren Interesse der Unternehmen, menschliche Leistungen tauschbar und gemäß den tatsächlich erbrachten Leistungen bewertbar zu machen. Sonstige menschliche Merkmale wie Klassenzugehörigkeiten beziehungsweise Rassen- oder Geschlechterunterschiede dürften solchen Äquivalenzbestrebungen eher im Wege stehen. Dominanzhierarchien sind daher eher eine Sache der Unternehmen selbst; und zwar auf Basis von Verantwortungen, Kompetenzen und Leistungen.“ (Ebd., S. 368).

„Weil Differenz, Arbeitsteilung, Spezialisierung und Individualität nun die gesellschaftlichen Prinzipien sind, muß Ähnlichkeit wieder künstlich hergestellt werden. Dies geschieht über Interessengruppen oder andere Organisationen (Gewerkschaften, Parteien u.s.w.), die Menschen mit vergleichbaren Interessen zu größeren Verbänden bündeln, und die deren und vielleicht auch ihre eigenen Anliegen mittels der Gefallen-wollen-Kommunikation - das heißt, auf demokratische Weise - einer breiteren Öffentlichkeit vortragen, beziehungsweise sich damit zur Wahl stellen.“ (Ebd., S. 368).

„Die Demokratie ist dann die sich fast zwangsläufig ergebende Staatsform. Basiert auch noch die Wirtschaft auf der Gefallen-wollen-Kommunikation, dann haben wir es mit einem marktwirtschaftlich organisierten demokratischen Rechtsstaat zu tun (**).“ (Ebd., S. 368).


„Wenn sich auf der Erde nun mehr oder weniger alles - selbst die jeweilige Staatsform - auf evolutive Weise entwickelt, könnte sich der Eindruck aufdrängen, ich legitimierte mit der hier vorgetragenen Theorie irgendwelche spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Tatsächlich stellt sich Evolution aber gerade eben dadurch ein, daß sich einzelne Menschen oder ganze Interessengruppen mit ihren persönlichen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen bemerkbar machen (und sei es in Form des vorliegenden Buches), um Einfluß zu nehmen und die weitere Entwicklung in die eine oder andere Richtung zu lenken. Dies können sie natürlich auf unterschiedliche Weise tun. In Demokratien sind die dafür zulässigen Wege aber relativ klar umrissen: Sie müssen mit ihren Anliegen einer ausreichenden Zahl an Menschen gefallen und nach Möglichkeit auf dominante Interaktionsweisen, die grundlegende Rechte anderer verletzten, verzichten. (Aber genau dieser Verzicht auf dominante Interaktionsweisen wird ja gerade in der Bundesrepublik kaum, jedenfalls immer seltener praktiziert! Dies zeigt - wie vieles andere auch -, daß die Bundesrepublik zu wenig demokratisch ist! HB).“ (Ebd.).

„Ein individualisiertes Gesellschaftsmitglied dürfte für sich allein betrachtet kaum lebensfähig sein. Es benötigt im Allgemeinen eine voll funktionierende Gesellschaft. Gleichzeitig hat die Individualisierung eine beträchtliche Zunahme individueller Lebensrisiken zur Folge, die sozialisiert werden müssen, will man dem Individuum nicht zu hohe und gegebenenfalls untragbare Lasten aufbürden. Der Wohlfahrtsstaat dürfte somit eine unmittelbare Konsequenz der bislang beschriebenen Prozesse der Moderne sein, womit wir schließlich insgesamt beim marktwirtschaftlich organisierten, demokratischen Wohlfahrtsstaat heutiger Ausprägung (soziale Marktwirtschaft) angekommen wären.“ (Ebd., S. 368).

„Ein bislang ungelöstes Problem solcher Staatsformen ist die angemessene Vertretung von Interessengruppen, die sich kaum oder überhaupt nicht selbst vertreten können. Individuen und sonstige Akteure besitzen zwar ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse, oft aber nur eine recht begrenzte Wahrnehmung für die Interessen anderer, beispielsweise die der nächsten Generation, die ja noch gar nicht geboren ist, und somit auch kein Stimmrecht besitzt. So verfügen die meisten modernen Länder zwar über hochentwickelte Alterssicherungssysteme, aber kaum über Mechanismen zur Sicherstellung des Prinzips der Generationengerechtigkeit. das heißt, einer angemessenen Vertretung der kommenden Generationen. Ein ähnliches Problem gilt für den Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion insgesamt.“ (Ebd., S. 369).

„Auch können in Demokratien ungünstige Selbstläuferprozesse entstehen. Beispielsweise ist denkbar, daß in einer alternden Gesellschaft aus wahltaktischen Gründen zunehmend Gesetze zum Nutzen des älteren Teils der Bevölkerung verabschiedet werden. Hierdurch könnte es zu einem weiteren Rückgang der Geburtenraten und damit zu einer Beschleunigung des gesellschaftlichen Alterungsprozesses kommen. In der Folge entstünde dann eine Gerontokratie, in der für notwendige gesellschaftliche Reformprozesse keine Mehrheiten mehr erzielbar wären. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei anderen sozialstaatlichen Maßnahmen vorstellbar.“ (Ebd., S. 369).

„Und schließlich haben Interessengruppen vor allem ihren eigenen Selbsterhalt und die durch sie vertretenen Interessen im Sinn. So möchte beispielsweise eine politische Partei zunächst einmal die nächste Wahl gewinnen. Sie wird folglich eher politische Maßnahmen präferieren, die für eine möglichst große Zahl aktueller Wähler von Vorteil sind, statt solchen, die der Gesellschaft langfristig von Nutzen sind. Der Selbsterhalt der politischen Parteien kann deshalb dem Selbsterhalt der Gesellschaft auch im Wege stehen.“ (Ebd., S. 369).

6.6.4) Säkularisierung

„Säkularisierung bedeutet die Abschaffung von Staatsreligionen. In der Regel ist sie mit einem erheblichen Machtverlust der religiösen Institutionen, vor allem der Kirchen, zugunsten des Staates verbunden.“ (Ebd., S. 369).

„Religionen vermitteln meist nicht nur den Glauben an Gott oder die Vision eines Lebens nach dem Tod, sondern auch Werte und Moralvorstellungen, auf denen das Zusammenleben und die Zusammenarbeit in ... nichtindividualistischen Gesellschaften beruhen. Ganz häufig wurden Werte und Moral über gesellschaftliche Rollenvorgaben vermittelt, die aus Sicht des Individuums aber einen dominanten Charakter besitzen, da sie ihm klare Vorgaben machen. In modernen, individualistischen Gesellschaften lösen sich diese Rollen nun aber sukzessive auf. (Diese sogenannten »individualistischen Gesellschaften« sind übrigens insgesamt eine ungefähr 20% umfassende Minderheit [= westliche + westlich-orientierte »Gesellschaft«], deren Anzahl ausgerechnet auch noch schrumpft! So gesehen ist es wahrscheinlicher, daß sich die »individualistischen Gesellschaften« mit ihren Rollen sukzessive auflösen! HB). Das einzelne Individuum konzentriert sich auf seinen individuellen Lebenslauf und sein jeweiliges Arbeitsmarktrisiko, während die vormaligen Gemeinschaftsaufgaben nun weitestgehend professionalisiert und institutionalisiert sind, und dann nicht selten unter der Regie des Wohlfahrtsstaates abgewickelt werden.“ (Ebd., S. 369-370).

„In einer individualistischen, ausdifferenzierten, arbeitsteiligen und auf der Gefallen-wollen-Kommunikation beruhenden Gesellschaft haben Staatsreligionen folglich keinen Sinn mehr. Die neuen Religionen heißen Arbeitsteilung und Individualismus (jedenfalls bis zu deren Untergang bzw. Ablösung durch Religionen nichtindividualistischer Gemeinschaften; HB [**|**]).“ (Ebd., S. 370).

6.6.6) Zusammenfassung

„Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß der Prozeß der Zivilisation unter anderem mit den folgenden gesellschaftlichen Veränderungen und Prozessen Hand in Hand geht:
Individualisierung;
Institutionalisierung und Professionalisierung von Kollektivaufgaben;
Ausdifferenzierung, zunehmende Arbeitsteilung, Spezialisierung;
Staatenbildung;
Staatliches Gewaltmonopol;
Demokratisierung;
Säkularisierung;
Wohlfahrtsstaatliche Entwicklungen;
Aufkommen von Märkten und Unternehmen;
Abbau gesellschaftlicher Dominanzhierarchien und Klassen;
Gleichberechtigung der Geschlechter;
Generelle Umstellung auf die Gefallen-wollen-Kommunikation;
Zurückdrängung aller gefährlichen/bedrohlichen/belästigenden dominanten Kommunikationsweisen;
Psychogene Veränderungen wie zunehmende Affektkontrolle, Anhebung der Peinlichkeitsstandards, Schamgefühle.“ (Ebd., S. 370).

6.7) Globalisierung **

Peter Mersch definiert den Begriff „Globalisierung“ zum Teil anders als ich (HB)! **

„Die sogenannte Globalisierung ist untrennbar mit einigen bahnbrechenden technologischen Neuerungen im Bereich der Informationstechnologie (Hardware- und Softwaretechnologie, Internet, Telekommunikation, Glasfaserkabel, geostationäre Satelliten u.s.w.), aber auch sonstigen physischen Kommunikationsverbesserungen (z.B. bezüglich Flugzeug, Schiffahrt, Containertechnologie) verbunden. Daneben waren die Verbindung der Finanzmärkte (der Handel in allen Zeitzonen), verschiedene internationale Standardisierungen, Handelserleichterungen, aber auch der Zusammenbruch des Kommunismus von entscheidender Bedeutung.“ (Ebd., S. 371).

„All das gab den Organisationssystemen nun die Möglichkeit, sich von nationalen Beschränkungen zu befreien und über die Grenzen ihrer vormaligen Heimatmärkte hinaus zu wachsen.“ (Ebd., S. 371).

„Aufgrund der riesigen Erdölfürderkapazitäten konnte jetzt auch ihr enormer Energiebedarf gedeckt werden. Gleichzeitig stand an den Finanzmärkten ausreichend Kapital zur Verfügung, um selbst die größten Vorhaben finanzieren zu können.“ (Ebd., S. 371).

„Man könnte sagen: Mit der Entdeckung des Erdöls öffnete der Mensch Pandoras Büchse: Der Handel mit Erdöl wird (noch! HB) hauptsächlich in US-Dollar - in diesem Zusammenhang Petrodollar genannt - abgerechnet. Das dabei von den Erdölförderländern eingenommene Geld fließt anschließend wieder zu erheblichen Anteilen in die Finanzmärkte zurück, wo es dazu beiträgt, Organisationssysteme (**|**|**|**) mit einem hohen Energiebedarf (meist auf Basis fossiler Brennstoffe) entstehen oder wachsen zu lassen. Den Organisationen stehen nun also effiziente Möglichkeiten zur Verfügung, sehr rasch große Mengen an Kapital und Energie aufzunehmen und zu wachsen. Anders gesagt: Jedes zusätzliche geförderte Barrel Erdöl trägt mit dazu bei, Systeme zu erzeugen, die es verbrauchen und anschließend noch mehr davon haben wollen.“ (Ebd., S. 371).

„Dies soll an einem einfachen Beispiel erläutert werden:
Nehmen wir an, Bauer Anton stößt auf seinem Grund und Boden bei der Anlegung eines neuen Brunnens auf einen riesigen Ölvorrat.
Nun könnte Bauer Bert für 10000 Euro Landwirtschaftsmaschinen erwerben, die pro Jahr 10000 Euro an Treibstoffen (Öl) verschlingen. Dabei könnte er mindestens 5 Landarbeiter einsparen, die zusammen 30000 Euro pro Jahr gekostet hätten. Für Bauer Bert stellt sich die Umstellung auf die Maschinen also als ein günstiges Geschäft dar.
Am Ende des Jahres hat Bauer Anton durch seine Ölquelle 10000 Euro verdient. Dieses Geld stellt er Bauer Christoph als Kredit zum Kauf von Landwirtschaftsmaschinen zur Verfügung. Anschließend kauft auch Bauer Christoph filr 10000 Euro Öl pro Jahr bei Bauer Anton.
Ein Jahr später erhalten die Bauern Dieter und Eberhard von Bauer Anton jeweils einen Kredit über 10000 Euro zum Erwerb von Landwirtschaftsmaschinen, die nun gleichfalls 10000 Euro an Treibstoff pro Jahr und Bauer verbrauchen.
Auf diese Weise schafft sich die Ölquelle ihre Abnehmer selbst.
Organisationen wollen wachsen, und zwar einerseits zwecks Erschließung neuer Märkte und Ressourcen, andererseits zur Realisierung von Skaleneffekten und den damit verbundenen Wettbewerbsvorteilen.“ (Ebd., S. 371-372).

„Im Rahmen der Globalisierung lassen die Organisationssysteme nun massenhaft ihre nationalen Beschränkungen hinter sich, wobei sie die jeweiligen Nationalstaaten regelrecht zu ihren Lieferanten für Humankapital, Ressourcen (Rohstoffe, Entsorgung, Endlagerung u.s.w.) und Infrastrukturen degradieren, während sie sich selbst zu eigenständigen, international operierenden Systemen von geradezu ungeheuerlicher Macht und Größe aufbauen, die nun durch praktisch niemanden mehr kontrollierbar sind.“ (Ebd., S. 372).

„Basierte der Wohlstand eines Landes bislang maßgeblich auf der Leistungsfähigkeit seiner Unternehmen (»der Wirtschaft«), so dürfte er in Zukunft eher auf dem Reichtum seiner Ressourcen (Rohstoffe wie Erdöl, Humankapital) und der Ausgereiftheit von Regelwerken und Infrastrukturen beruhen.“ (Ebd., S. 372).

„Bei Organisationssystemen (**|**|**|**) handelt es sich um neuartige biologische Phänomene einer bislang unbekannten Größenordnung und mit einem gigantischen Energie- und Kapitalbedarf. Einmal auf den Weg gebracht, verhalten sie sich wie Lebewesen (**) mit einer eigenen Identität und einem eigenständigen Selbsterhaltungsinteresse, wobei sie eine beträchtliche Eigendynamik entwickeln können (**). Ihre primäre selektive Umwelt sind vor allem die Märkte, auf denen sie bestehen wollen und müssen. Sie werden also weniger durch einzelne Menschen gesteuert, sondern in erster Linie durch Marktgeschehnisse und sonstige Wirtschaftsfaktoren (**).“ (Ebd., S. 372-373).


„Im übertragenen Sinne könnte man sagen: Die Früchte eines Apfelbaumes sind Äpfel, die von Nokia dagegen Mobiltelefone, die ganz ähnlich darauf warten, geerntet zu werden.“ (Ebd.).

„Auch bilden sie mit ihren Rechenzentren zum Teil gewaltige eigene Gehirne aus. Robert B. Laughlin weist daneben noch auf eine andere Entwicklung hin (vgl. Robert B. Laughlin, Das Verbrechen der Vernunft - Betrug an der Wissensgesellschaft, 2008): Unternehmen sammeln immer mehr proprietäres Wissen - das Teil ihres Wettbewerbvorteils ist - an, auf das Menschen nur dann Zugriff haben, wenn sie in diesem Unternehmen in den entsprechenden Positionen arbeiten. Die von den Mitarbeitern erbrachten neuen Erkenntnisse gehören ganz automatisch wieder dem Unternehmen. Auf diese Weise entsteht zunehmend unternehmerisches Geheimwissen, was der Menschheit nur indirekt (über die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens) zur Verfügung steht. Auch dieser Zusammenhang offenbart, daß die biologische Spezies Mensch (beziehungsweise menschliche Gesellschaften) und die durch Menschen gebildeten Organisationssysteme als voneinander unabhängig betrachtet werden müssen. Beide Seiten verfolgen zum Teil ganz unterschiedliche Interessen.“ (Ebd.).

„Die Entstehung von Mehrzellern (Organismen, autopoietischen Systemen zweiter Ordnung) war ein entscheidender Durchbruch in der Evolution des Lebens. Seitdem dominierten diese biologischen Phänomene das Leben auf der Erde. Mit der Herausbildung von Organisationssystemen scheint der Evolution ein weiterer Komplexitätssprung gelungen zu sein.“ (Ebd.).  –  Anmerkung zur Anmerkung: Man beachte die Vergangenheitsform („dominierten“) - ein weiterer Hinweis darauf, daß Peter Mersch tatsächlich davon ausgeht, daß nicht mehr die Mehrzeller (Organismen, autopoietische Systeme zweiter Ordnung) das Leben der Erde beherrschen, sondern die sie über Verträge an sich bindenden „Mehrorganismen“, d.h. Unternehmen (Organisationssysteme, autopoietische Systeme dritter Ordnung). HB

„Wie wir gesehen haben, sind Märkte evolutive Infrastrukturen: Kaum eingerichtet, findet auf ihnen bereits Evolution statt, denn die Marktteilnehmer wollen sich ja selbst erhalten und damit vor allem auch ihre Adaptionen in Relation zur Konkurrenz, weswegen sie ihre Produkte und Dienstleistungen permanent aktualisieren und verbessern müssen.“ (Ebd., S. 373).

„Eine Marktwirtschaft ist dann die Plattform, auf der solche evolutiven Infrastrukturen - und mit ihnen die Organisationssysteme - auf leichte Weise entstehen können, was sicherlich einerseits Innovation zur Folge hat, ohne weitere Gegenmaßnahmen aber auf der anderen Seite auch - dank Gefallen-wollen-Kommunikation - eine ungeheure Verschwendung und damit eine beschleunigte Entropie (siehe dazu das Kapitel Verschwendung). Mit der Globalisierung haben sich diese Plattformen nun internationalisiert.“ (Ebd., S. 373).

„Gemäß Maturana und Varela handelt es sich bei Organismen (Mehrzellern) um autopoietische Systeme zweiter Ordnung, in denen zum Teil mehrere Milliarden Zellen zur Erfüllung einer gemeinsamen Aufgabe kooperativ zusammengeschaltet sind. In solchen Strukturen kann sich die einzelne Zelle nicht mehr selbst ernähren. Stattdessen wird sie nun vom Organismus mitversorgt, der die erforderlichen Ressourcen - insbesondere Energie - für alle seine Elemente beschafft.“ (Ebd., S. 373).

„Bei Organisationssystemen, die ihre Zellen zwar nicht fest an sich schweißen, sondern nur vertraglich binden (siehe dazu den Abschnitt Systembindungen), sieht das letztlich nicht viel anders aus. So wird beispielsweise in vielen Arbeitsverträgen explizit festgelegt, daß ein Mitarbeiter seine Arbeitskraft ganz dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen hat und nicht gleichzeitig noch für andere Arbeitgeber tätig werden kann.“ (Ebd., S. 373-374).

„In der Folge hängt der Selbsterhalt des Arbeitnehmers - der einzelnen Zelle des Organisationssystems - entscheidend vom wirtschaftlichen Erfolg seines Arbeitgebers ab, weshalb er sich schon bald dessen Geschäftsziele und damit insbesondere dessen Selbsterhaltungsinteressen zu eigen machen wird, ein durchaus erwünschter Effekt, denn nun wird der Mitarbeiter ja ein unmittelbares eigenes Interesse daran haben, seine Kreativität im Dienste des Arbeitgebers zu entfalten. Bei Zulieferern und externen Mitarbeitern, die häufig recht ähnlich am Erfolg ihres Auftraggebers partizipieren, wird das nicht viel anders sein.“ (Ebd., S. 374).

„Verursacht ein Unternehmen beispielsweise gravierende ökologische Belastungen, weswegen ihm zusätzliche Auflagen erteilt werden sollen, die seinen wirtschaftlichen Erfolg ganz erheblich beeinträchtigen könnten, dann wird man gerade bei dessen Mitarbeitern mit Widerstand gegen die geplanten Maßnahmen zu rechnen haben, denn diese sind ja davon ebenfalls betroffen. Wenn ein Unternehmen mit 50000 Mitarbeitern Konkurs anmelden muß, dann verlieren gegebenenfalls alle 50000 Arbeitnehmer ihren Job. Entsprechend machtvoll sind die gebündelten Interessen, die das Unternehmen von innen heraus vorantreiben, ganz ähnlich wie dies Zellen bei einem Organismus tun.“ (Ebd., S. 374).

„Allerdings besteht zwischen einer Zelle und ihrem Organismus eine viel engere Bindung als zwischen einem Mitarbeiter und seinem Organisationssystem. Eine Zelle könnte sich nie von ihrem Organismus trennen, sie ist ihm auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Bei einem Unternehmen und seinen Mitarbeitern sieht das ganz anders aus, denn hier hat die gegenseitige Bindung ja nur vertraglichen Charakter.“ (Ebd., S. 374).

„Doch genau dieser Umstand wird nun im Rahmen der Globalisierung zunehmend als Problem oder gar als Bedrohung empfunden. War ein Unternehmen vor noch nicht allzu langer Zeit an einen bestimmten Standort und damit weitestgehend an das dort verfügbare Humankapital gebunden, so kann es heute seine Standorte dahin verlegen, wo es die günstigsten Bedingungen und die »besten Gehirne« (Franz Josef Radermacher, Die Brasilianisierung der Welt, 2006 [**|**]) zur Erfüllung seiner eigenen Selbsterhaltungsinteressen vorfindet. Dies führt automatisch zu einer Schwächung der Stellung von Arbeitnehmern und Nationalstaaten gegenüber den global operierenden Organisationssystemen. Mit einer hohen Sensibilität der Unternehmen gegenüber den reproduktiven Interessen von Arbeitnehmern darf unter solchen Umständen nicht gerechnet werden.“ (Ebd., S. 374-375).

„Im Abschnitt Leben und Fortpflanzung wurde gezeigt, daß es sich auch bei der biologischen Evolution ganz wesentlich um Entwicklungsprozesse bezüglich der Nutzung von Energie handelt. Ist irgendwo Energie in konnzentrierter Form vorhanden, dann dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ein geeigneter Nutzer dafür auftaucht (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Leben als dissipative Struktur [**]). Fressen und gefressen werden, lautet die Devise. Aus diesem Grunde ist auch davon auszugehen, daß die Organisationssysteme jegliche zur Verfügung stehende Energie - egal ob aus Kohle, Öl, Gas, Atom oder der Sonne - nutzen werden. Gleichzeitig werden sie immer mehr Energie für sich nutzbar machen. Ihre Selbsterhaltungsinteressen werden alle Energien ansaugen, die sie nur bekommen können. Franz Josef Radermacher interpretiert entsprechende, vom Entropiesatz geleitete Äußerungen Jacques Neiryncks in einem Geleitwort zu dessen Buch »Der göttliche Ingenieur« (2006) denn auch wie folgt:
»Dies gipfelt in der These, daß die Erfindung von biochemischen Strukturmechanismen bis hin zur Erfindung des Lebens beziehungsweise denkender Wesen, ein besonders effizienter Weg der Natur sein könnte, den Weg in die totale Unordnung immer noch mehr zu beschleunigen.«
Einige Autoren sehen in der Menschheit selbst etwas wie einen Superorganismus. Darwin faßte sogar Ameisen- und Bienenkolonien als solche auf. Im vorliegenden Buch wird eine davon abweichende Auffassung vertreten: Die Organisationssysteme sind Superorganismen (**). Die Menschheit selbst besitzt dagegen diesen Status zur Zeit noch nicht. Im Gegenteil: Die Menschheit als Ganzes ist noch weitestgehend unorganisiert.“ (Ebd., S. 375).


„Ein wesentliches Merkmal menschlicher Organisationssysteme wie etwa Unternehmen ist, daß sie sich von ihrer Humanbasis lösen können. Beispielsweise könnte Nokia seine Produktionsstätten in Bochum schließen und nach Rumänien verlegen. Dort würde es nun aber ganz andere Mitarbeiter haben. Eine Ameisenkolonie kann sich dagegen nicht selbstständig von einem Ort zu einem anderen bewegen, sie ist stets untrennbar mit ihren Mitgliedern verbunden. Gleiches gilt für menschliche Gesellschaften. Obwohl Organisationssysteme weniger autopoietisch sind als menschliche Gesellschaften (sie produzieren ihre autopoietischen Elemente nicht selbst), sind sie auf der anderen Seite doch auch deutlich autonomer als letztere. Der Begriff »Superorganismus« dürfte wohl deshalb auch in Zukunft eher den Organisationssystemen vorbehalten sein.“ (Ebd.). **

„Jacques Neirynck beschreibt in »Der göttliche Ingenieur« (2006) die Geschichte der Menschheit als eine Abfolge unterschiedlicher »technischer Systeme«, die nach einiger Zeit stets an ökologische Grenzen gestoßen sind. Nach Überwindung der jeweiligen Scheidelinien - durch technische oder organisatorische Innovationen - sei dann das nächste System gefolgt. Seiner Meinung nach wurde in Europa um das Jahr 1300 die äußerste Spitze dessen erreicht, was mit einem auf erneuerbaren Ressourcen beruhenden technischen System möglich ist.“ (Ebd., S. 376).

„Ich bin dagegen der Auffassung, daß es ab etwa der Moderne nicht mehr primär die menschlichen Gesellschaften und ihre jeweiligen technischen Systeme sind, die den Gang der Geschichte bestimmen, sondern die Organisationssysteme - Aggregationen von Menschen also - mit ihren spezifischen Anforderungen und Interessen.“ (Ebd., S. 376)

6.8) Grundeinkommen

„Zum Schluß dieses Kapitels möchte ich noch kurz ein Thema diskutieren, welches auf den ersten Blick kaum etwas mit den bisherigen Ausführungen zu tun hat, an dem man aber viele der bislang angesprochenen Punkte noch einmal verdeutlichen kann: Das bedingungslose Grundeinkommen (**|**|**|**|**|**) .“ (Ebd., S. 376).

„Soziale Solidarität entsteht durch die Anerkennung einer gemeinsamen Moral, die darin mündet, daß jeder auf jeden angewiesen ist und folglich umgekehrt auch die eigenen Fähigkeiten zur Förderung des Ganzen einzusetzen hat (vgl. Hermann Korte, Soziologie, 2004, S. 46). Man könnte dies als die Moral der Arbeitsteilung bezeichnen.“ (Ebd., S. 376).

„Wichtig hierbei sind vor allem zwei Punkte:
Jeder ist auf jeden angewiesen.
Jeder Einzelne muß sich mit seinen Kompetenzen zur Förderung des Ganzen einsetzen. Oder anders gesagt: Man muß arbeiten.
Im vorliegenden Buch wurde die These aufgestellt, daß der Prozeß der Zivilisation weitestgehend mit der sukzessiven Umstellung aller dominanten Kommunikationsweisen auf die Gefallen-wollen-Kommunikation gleichzusetzen ist. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist aber die Loslösung des Individuums von allen verpflichtenden Kollektivaufgaben, und zwar unabhängig davon, ob diese über direkten Zwang (zum Beispiel Wehrpflicht) oder gesellschaftliche Rollenvorgaben (zum Beispiel Hausfrau und Mutter) vermittelt werden.“ (Ebd., S. 376-377).

„Weil die Gemeinschaftsaufgaben nach einer solchen Loslösung nicht mehr zufriedenstellend erledigt werden (siehe dazu den Abschnitt Tragik der Allmende), ist die Maßnahme der Institutionalisierung erforderlich, wofür es fallweise recht unterschiedliche Ausprägungen gibt. Nicht selten wird die Aufgabe dann professionalisiert und unter der Verantwortung des Staates ausgeübt (Schulen, Polizei, Berufsheer u.s.w.).“ (Ebd., S. 377).

„Die einzige Verpflichtung (Dominanz), die dem Bürger nun noch gegenüber dem Ganzen bleibt, ist: Er muß arbeiten und Steuern zahlen, damit der Staat seine Institutionen auch finanzieren kann. Genau das steckt letztlich hinter Émile Durkheims Moral-These zur sozialen Solidarität.“ (Ebd., S. 377).

„Götz W. Werner zweifelt im Rahmen seiner Argumentation für das Bürgergeld selbst diese noch verbliebene letzte Verpflichtung innerhalb einer ansonsten individualistischen und arbeitsteiligen Gesellschaft an. Gemäß seiner Auffassung handelt es sich beim bedingungslosen Grundeinkommen um ein Grundrecht, welches sich angeblich sogar regelrecht aus der deutschen Verfassung ableiten läßt:
»Die Würde und das Lebensrecht des Menschen sind in jeder Beziehung ›unantastbar‹. Auf ihnen gründet alles übrige. Niemand darf in diese Rechte eingreifen.
Was aber bedeutet das in Hinblick auf den Zusammenhang von Arbeit und Einkommen? Im Grunde ist es ganz einfach. Wer leben, und zwar in menschlicher Würde und in Freiheit leben will, der braucht etwas zu essen, er muß sich kleiden, er benötigt ein Dach über den Kopf - und er muß in einem angemessenen Rahmen am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen können.
Nirgendwo in unserem Grundgesetz aber steht, daß der Mensch dafür arbeiten muß. ....
Dieses - unserer Verfassung völlig angemessene - Verständnis der Grundrechte hat eine simple Konsequenz: Wenn das Recht, in Würde und in Freiheit zu leben, bedingungslos ist, dann muß auch das Recht auf Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung und auf grundlegende gesellschaftliche Teilhabe bedingungslos sein.« (Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007, S. 59ff.).
Und weiter:
»Die Freiheit, nein zu sagen, hat aber nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist. Das allein wäre Grund genug für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.« (Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007, S. 62).
Götz W. Werner attackiert hier etwas, was aber gemäß Émile Durkheim die Grundlage für das Entstehen von sozialer Solidarität in einer insgesamt individualistischen und arbeitsteiligen Gesellschaft ist. Denn wem bereits der Staat ein ausreichendes bedingungsloses Grundeinkommen garantiert, der ist nicht länger dazu verpflichtet, seinen Beitrag zum Gemeinwohl beizutragen, der muß nicht einmal mehr »gefallen wollen«, geschweige denn zu anderen höflich sein.“ (Ebd., S. 377-378).

„Eine vollständig individualistische und arbeitsteilige Gesellschaft, in der es keinerlei gegenseitige Verpflichtungen mehr gäbe, weder eigene Kinder zu haben, noch Ältere zu versorgen, morgens aufzustehen, arbeiten zu gehen, Schutz zu leisten, Steuern zu zahlen oder sich an irgendwelchen sonstigen Gemeinschaftsaufgaben zu beteiligen (da letztlich alles freiwillig ist), wäre überhaupt kerne Gesellschaft mehr.“ (Ebd., S. 378).

„Nun könnte ich mich täuschen, und auch die These Durkheims muß nicht unbedingt stimmen, wenngleich sie mir recht plausibel erscheint. Ich möchte an dieser Stelle jedoch darauf hinweisen, daß es bei Vorschlägen dieser Art mehr zu bedenken gibt (**) als die Dinge, die in den einschlägigen Büchern zum Thema bislang diskutiert werden. Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger des Staates vorschlägt, sollte - im Vorfeld - plausibel erklären können, wie unter solchen Verhältnissen gesellschaftliche Solidarität entstehen kann.“ (Ebd., S. 378).


„Dazu gehören auch die zur Zeit nicht abschätzbaren Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens auf das generative Verhalten der Bevölkerung (vgl. Peter Mersch, Irrweg Bürgergeld, 2007).“ (Ebd.).

7) Verschwendung (S. 379-396)

7.1)   Verschwendung durch „Gefallen-wollen“ (S. 379-388)
7.2)   Evolution und Verschwendung (S. 388-390)
7.3)   „Klimakiller“ Internet (S. 390-391)
7.4)   Tragic of the Commons (S. 391-392)
7.5)   Schutz von Gemeinschaftsgütern (S. 392-395)
7.6)   Ökosoziale Marktwirtschaft (S. 395-396)

„Die Einführung der »Gefallen-wollen-Kommunikation« im Rahmen der sexuellen Selektion stellte einen entscheidenden Durchbruch für die Evolution des Lebens auf diesem Planeten dar, bewirkte sie doch unter anderem erheblich beschleunigte Evolutionsprozesse und in der Folge auch die menschliche Intelligenz. Aufgrund des durch sie ermöglichten fairen Wettbewerbs unter Gleichen wurde sie zum Modell für viele spätere menschliche kulturelle Entwicklungen. Sie ist die Basis heutiger Marktwirtschaften und wohl auch des Zivilisationsprozesses insgesamt. Auch war sie die Voraussetzung für das Entstehen moderner Organisationen wie etwa Unternehmen. Allerdings ist sie alles andere als nebenwirkungsfrei, denn sie führt unter anderem zu einer sehr weiten Ausnutzung der Ressourcen eines Lebensraums und vor allem zu einer beträchtlichen Verschwendung. Dieser letzte Punkt soll im vorliegenden Kapitel näher untersucht werden.“ (Ebd., S. 379).

7.1) Verschwendung durch „Gefallen-wollen“

7.1.1)   Werbung (S. 379-382)
7.1.2)   Wirtschaft (S. 382-385)
7.1.3)   Dominanter Zugriff auf die Natur (S. 385)
7.1.4)   Organisationen (S. 385-337)
7.1.5)   Ressourcenverknappung und Dominanz (S. 387-388)
7.1.1) Werbung

„Auf die Bedeutung der Verschwendung im Rahmen der Partnerwerbung wurde bereits im Abschnitt Fitneßindikatoren eingegangen. Ich möchte dazu Geoffrey F. Miller noch einmal etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen:

»Das Handicap-Prinzip betont, daß sexualspezifischer Schmuck und Werbungsverhalten aufwendig sein müssen, um zuverlässige Fitneßindikatoren zu sein. Ihre Kosten können fast jede Form annehmen. Vielleicht erhöhen sie das Risiko, von Raubfeinden entdeckt zu werden, indem sie das Tier durch leuchtende Farben auffälliger machen. Vielleicht erhöhen sie das Risiko einer Infektion, indem sie das Immunsystem des Tieres beeinflussen (wie viele Geschlechtshormone). Vielleicht verschlingen sie, wie der Vogelgesang, enorme Mengen an Zeit und Energie. Vielleicht verlangen sie, wie bei der Jagd in menschlichen Stammesgesellschaften, gewaltigen Aufwand für ein kleines Stückchen Fleisch.
Nach Veblens Prinzip des demonstrativen Konsums spielt die Form des Aufwands keine große Rolle. Allein die ungeheure Verschwendung zählt. Nur sie sorgt für die Aufrichtigkeit der Fitneßindikatoren und macht Partnerwerbung erst romantisch: das verschwenderische Tanzen, das verschwenderische Schenken, die verschwenderische Konversation, das verschwenderische Lachen, das verschwenderische Vorspiel, die verschwenderischen Abenteuer. Vom Standpunkt des ›Überlebens des am besten Angepaßten‹ aus erscheint dies verrückt und sinnlos und nicht zur Anpassung geeignet. Die menschliche Partnerwerbung scheint sogar vom Standpunkt der sexuellen Selektion auf nichtgenetische Vorteile verschwenderisch zu sein, weil, wie wir noch erfahren werden, die als besonders romantisch geltenden Liebestaten für den Gebenden oft am kostspieligsten sind, dem Empfänger aber die geringsten Vorteile bringen. Nach der Theorie der Fitneßindikatoren ist diese Verschwendung jedoch der effektivste und zuverlässigste Weg, etwas über jemandes Fitneß zu erfahren. Wenn man in der Natur offensichtliche Verschwendung beobachtet, ist die sexuelle Selektion am Werk.
Jeder sexualspezifische Schmuck bei jeder sich sexuell fortpflanzenden Art ließe sich als eine eigene Form der Verschwendung betrachten. Männliche Buckelwale verschwenden ihre Energie mit 30-minütigen, 100e von Dezibel lauten Gesängen, die sie während der Paarungssaison den ganzen Tag über wiederholen. Männliche Webervögel verschwenden ihre Zeit mit dem Bau kunstvoller Nester. Männliche Hirschkäfer verschwenden Materie und Energie aus ihrer Nahrung für gewaltige Mandibeln (Oberkiefer). Männliche Seelefanten verschwenden in jeder Paarungssaison 500 Kilogramm ihres Körperfettes auf den Kampf mit männlichen Artgenossen. Männliche Löwen verschwenden unzählige Kalorien darauf 30-mal am Tag mit Löwinnen zu kopulieren, bis die Weibchen endlich empfangen. Männliche Menschen verschwenden ihre Zeit und Energie darauf, akademische Titel zu erlangen, Bücher zu schreiben, Sport zu treiben, andere Männer zu bekämpfen, Bilder zu malen, Jazz zu spielen und religiöse Kulte zu begründen. Dies mögen keine bewußten sexuellen Strategien sein, aber die hinter ›Leistung‹ und ›Status‹ steckenden Motivationen - selbst deren Bevorzugung vor materiellen Quellen - wurden wahrscheinlich durch sexuelle Selektion geprägt. Allerdings wird das während der Partnerwerbung attraktiv erscheinende verschwenderische Gebaren möglicherweise nicht mehr gewürdigt, wenn die Nachkommen da sind - elterliche Pflichten und sichtbares Werbungsverhalten vertragen sich nicht.
Dem Handicap-Prinzip zufolge interessiert sich die sexuelle Selektion in jedem Falle mehr für die ungeheuren Ausmaße der Verschwendung als für ihre exakte Form. Haben die zur Entscheidung führenden Mechanismen der sexuellen Auswahl einem sexuellen Signal erst einmal die nötige hiformation über die Fitneß entnommen, ist alles andere an diesem Signal reine Geschmackssache. Dieses Zusammenspiel von Geschmack und Verschwendung läßt der Evolution viel Freiheit. Man könnte sogar jede Spezies mit sexualspezifischem Schmuck als eine Spielart sexuell selektierter Verschwendung betrachten. Ohne diese vielfältigen Formen sexueller Verschwendung wäre unser Planet nicht von so vielen Spezies bevölkert.« (Geoffrey F. Miller, Die sexuelle Evolution, 2001, S. 150ff.).
Ganz ähnlich sieht es in der Unternehmenswelt aus. Auf speziellen Messen präsentieren die jeweiligen Hersteller und Marken ihre Produkte, als handele es sich um einmalige Sehenswürdigkeiten. Im Einzelhandel oder eleganten Einkaufszentren liegt die Ware dann - lichtbestrahlt und mit einem auffälligen Design (produktspezifischem Schmuck) versehen - in einladenden Regalen aus. Gleichzeitig weisen aufwendige Werbekampagnen auf die angeblichen Vorzüge der Produkte hin, wobei nicht selten ein sexueller Bezug hergestellt wird (das heißt, es werden vorgeblich reproduktive Vorteile reklamiert). Die Hauptverwaltungen der Unternehmen selbst residieren in protzigen Bürogebauden, die Macht, Starke und Kompetenz signalisieren sollen:
»Pracht entsteht folgerichtig umso wahrscheinlicher, je drückender die Konkurrenz ist. Die größten und teuersten Bankenhochhäuser werden dort gebaut, wo schon die der Konkurrenz stehen.« (Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 133).
Im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation geht es zunächst um die Erlangung von Aufmerksamkeit. Dabei spielt der Preis oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: Je teurer ein Signal ist, desto zweifelsfreier belegt es die Qualität des Absenders. Auf dieses Bemühen, Aufmerksamkeit zu erlangen und gefallen zu wollen, das heißt, selektiert zu werden, dürfte auch ein Großteil der menschlichen Kulturleistung zurückzuführen sein:
»Die menschliche Kulturgeschichte ist nicht zuletzt eine grandiose Geschichte der Übertreibung durch teure Signale. Man besinne sich für einen Moment auf all das, was die Geschichte und die Leistungen der menschlichen Kultur symbolisiert, auf die materiellen, künstlerischen und philosophischen Hinterlassenschaften. Was erklärt eigentlich die Unesco zum Weltkulturerbe? Alles in allem kann man sich dem Schluß nicht entziehen, daß hier durchweg Dinge unter Schutz gestellt werden, deren hervorragendste Eigenschaft es war, zwar unpraktisch, aber unglaublich , teuer gewesen zu sein. .... Kulturgeschichte ist nicht zuletzt Ausfluß eines ewigen Wettstreits um Aufmerksamkeit.« (Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 133).“ (Ebd., S. 379-382).

7.1.2) Wirtschaft

„Stellen Sie sich vor, Sie seien Hausfrau und Mutter einer sechsköpfigen Familie und wollten für Ihre Lieben etwas zum Abendessen kochen. Sie entscheiden sich für Königsberger Klopse mit Kartoffeln. Doch Ihre Kinder machen Ihnen deutlich, daß sie lieber Hamburger essen würden und stellen Ihnen die Frage, warum es nicht auch McDonalds sein könne. Sie sind enttäuscht. Schließlich geht Ihr Ehemann dazwischen und spricht ein Machtwort: »Schluß jetzt Kinder. Es wird gegessen was auf den Tisch kommt! Und wehe ich sehe hier noch irgendwo ein langes Gesicht!«“  (Ebd., S. 382).

„Und nun stellen Sie sich vor, Ihre Familie würde an Ihrem Geburtstag abends zu einem guten Italiener (??  HB) gehen. Sie bestellen Dorade Royal, Ihr Mann ein Steak, Ihre Jüngste Spaghetti mit Tomatenketchup (auf Wunsch statt der sonst üblichen, aus frischen Tomaten hergestellten Sauce, Ihre beiden Söhne Scaloppine Milanese und Ihre Älteste ein fettarmes, vegetarisches Gericht.“ (Ebd., S. 382).

„Was unterscheidet die beiden Situationen? Möglicherweise werden Sie jetzt sagen: Einmal koche ich, ein anderes Mal lasse ich kochen. Dies ist einerseits richtig, aber es gibt noch einen viel wesentlicheren Unterschied: Im ersten Fall handelt es sich um eine dominante, im zweiten um eine Gefallen-wollen-Kommunikation. Denn wenn Sie kochen, bestimmen Sie, was auf den Tisch kommt, und vor allem auch, wieviel. Sie kennen ungefähr den Appetit Ihrer Familie und können dementsprechend einkaufen. Meist kochen Sie etwas mehr als notwendig wäre, aber im Grunde bleibt nie viel übrig. Beim Restaurant sieht das ganz anders aus. Zunächst wählen Sie als Gäste das Lokal. Vielleicht wird es das am Ende Ihrer Straße sein, vielleicht aber auch ein ganz anderes. Es soll ja nicht nur gut schmecken, sondern auch das Ambiente sollte stimmen.“ (Ebd., S. 382).

„Im Lokal legt man Ihnen zunächst eine Karte vor, aus der Sie wählen: die klassische Gefallen-wollen-Kommunikation.“ (Ebd., S. 383).

„Das Problem hierbei ist nun: Der Gastwirt weiß nie, wie viele Gäste am Abend kommen werden. Und er kennt natürlich auch nicht deren Präferenzen. Beispielsweise könnte er heute besonders viel frischen Fisch eingekauft haben, und wenn Sie dann die einzige Person sind, die sich am Abend für Fisch entscheidet, dann wird er möglicherweise sogar einen Großteil der Ware entsorgen müssen.“ (Ebd., S. 383).

„Dieses Problem kennt praktisch jeder Händler. Einerseits möchte er, daß die Kunden sofort kaufen und nicht seinen Laden aufgrund von Lieferzeiten gleich wieder verlassen, andererseits möchte er aber auch nicht unnötig lange auf seiner Ware sitzen bleiben.“ (Ebd., S. 383).

„Auch kann es eine ganze Menge Unwägbarkeiten geben. Wenn Sie beispielsweise auf einem Markt Äpfel und Birnen anbieten, jeweils ungefähr 50 Prozent Ihres Angebots, und am Morgen wird bekannt, daß irgendwo in der Umgebung ein Kind ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil es einen Apfel einer bestimmte Sorte gegessen hat - genau die, die Sie vorzugsweise anbieten -, dann kann es Ihnen passieren, daß Sie an dem Tag keinen einzigen Apfel verkaufen und an den Folgetagen ebensowenig, woraufhin Sie ihre gesamtes Apfelsortiment entsorgen müssen.“ (Ebd., S. 383).

„Eine präzise Kapazitätsplanung ist also bei der Gefallen-wollen-Kommunikation nicht immer möglich. Stattdessen führt sie häufig zu Überkapazitäten und damit zu Verschwendung (**).“ (Ebd., S. 383).


„In manchen Industriezweigen versucht man die Problematik durch eine sogenannte »Just-in-Time«-Produktion zu entschärfen. Dies gilt zunehmend auch filr das Verlagswesen. Beispielsweise wurde das vorliegende Buch »On Demand« hergestellt.“ (Ebd.).


„Ähnlich sieht es in der Natur bei der Dimensionierung männlicher Sexualorgane aus. Bei Arten mit Haremsbildung können die Männchen die Häufigkeit zukünftiger Kopulationen relativ präzise abschätzen. Auch kann es dann zu keiner Spermienkonkurrenz kommen, weswegen sie sich eher kleine, an den recht genau abschätzbaren Bedarf angepaßte Hoden leisten können. Verhalten sich die Weibchen dagegen promisk, sollte ein Männchen möglichst allzeit bereit sein, denn mit etwas Glück könnte es an einem Tag vielleicht sogar dreißig oder mehr Kopulationen mit verschiedenen Weibchen haben. In solchen Konstellationen ist die Leistungsfähigkeit der männlichen Hoden eher am maximalen Bedarf auszurichten. Auch ist dabei die nun stets mögliche Spermienkonkurrenz zu berücksichtigen.“ (Ebd., S. 383-384).

„Bei technischen Produkten gibt es weitere Formen der Verschwendung, zum Beispiel der Einbau möglichst vieler, manchmal kaum genutzter Funktionen. Im Prinzip ist die Situation mit der des Gastwirts vergleichbar: Da der Anbieter meist nicht weiß, welche Funktionen der Anwender nutzen möchte - und dieser ja vielleicht anfänglich selber nicht -, baut er lieber gleich möglichst viele ein.“ (Ebd., S. 384).

„Auch kann ein besonders cooles und aufwendiges Design (so etwas wie »Pfauenschweife« also) manchmal für höhere Marktanteile, aber eben auch für eine zusätzliche Verschwendung sorgen.“ (Ebd., S. 384).

„Und schließlich gibt es noch die Entwicklung unbenötigter Funktionen und Produkte, sogenannter Flops. Denn im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation ist Kreativität gefragt, das heißt, das ständige Suchen nach neuen Geschäftsoptionen und gegebenenfalls nicht besetzten Nischen. Und natürlich dürfte dann auch mancher Fehlgriff darunter sein.“ (Ebd., S. 384).

„Auf der anderen Seite werden auf diese Weise viele Bedürfnisse erst geschaffen: Die Märkte reagieren auf Erwartungen von Konsumenten, differenzieren sich durch neue Produkte und Dienstleistungen aus und schaffen hierdurch wiederum neue Erwartungen. So erfinden die Märkte - beziehungsweise die auf ihnen anbietenden Organisationssysteme - das moderne Leben mit all seinen Annehmlichkeiten und Verschwendungen ganz allein aus sich heraus.“ (Ebd., S. 384).

„Konrad Lorenz kommentiert diese Entwicklung wie folgt:
»Selbst wenn man die unberechtigt optimistische Annahme macht, daß die Überbevölkerung der Erde nicht in dem heute drohenden Maße weiter zunähme, muß man den wirtschaftlichen Wettlauf der Menschheit mit sich selbst für allein hinreichend betrachten, um sie völlig zugrunde zu richten. Jeder Kreisprozeß mit positiver Rückkopplung führt früher oder später zur Katastrophe, und der hier in Rede stehende Vorgang enthält deren mehrere. Außer der kommerziellen intraspezifischen Selektion auf ein ständig sich verschnellerndes Arbeitstempo, ist noch ein zweiter gefährlicher Kreisprozeß am Werke, auf den Vance Packard in mehreren seiner Bücher aufmerksam gemacht hat, und der eine progressive Steigerung der Bedürfnisse der Menschen im Gefolge hat. Aus naheliegenden Gründen sucht jeder Produzent das Bedürfnis der Konsumenten nach den von ihm erzeugten Waren nach Möglichkeit in die Höhe zu treiben. Viele ›wissenschaftliche‹ Forschungsinstitute beschäftigen sich ausschließlich mit der Untersuchung der Frage, welche Mittel zur Erreichung dieses durchaus verwerflichen Zieles am besten geeignet seien.« (Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973, S. 37).“ (Ebd., S. 384-385).

7.1.3) Dominanter Zugriff auf die Natur

„Wenn ein Pfau einen großen gefiederten Schweif hinter sich herträgt, muß er sich permanent mit ausreichender Energie versorgen können. Auch dürfte er dann dem anderen Geschlecht besonders gut gefallen, das heißt, er hat einen weiteren Bedarf an Energie, die ihm möglichst regeImäßig zur Verfügung stehen sollte.“ (Ebd., S. 385).

„Und wenn ein Händler auf einem Marktplatz einen Obststand betreibt, benötigt er zunächst einmal eine verläßliche Quelle für die unterschiedlichsten Sorten an wohlschmeckenden und appetitlich aussehenden Äpfeln, ansonsten dürfte er seine Kunden schon bald an seine Konkurrenten verlieren (**).


„Sofern diese liefern können, aber damit muss ein Händler im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation rechnen.“ (Ebd.).


„Aus diesem Grunde wird sich unser Händler auch nicht mit Lieferantenaussagen wie »Äpfel sind zurzeit nicht; die mir bekannten Apfelbäume wurden in der letzten Zeit von Ungeziefer befallen« zufrieden geben. In einer Welt der Märkte, des Gefallen-wollens, müssen die erforderlichen Waren zuverlässig lieferbar sein, und bei Lebensmitteln geht das nun einmal nur mit Ackerbau und Viehzucht.“ (Ebd., S. 385).

„Mit anderen Worten: Gefallen-wollen-Kommunikationen haben einen verstärkten dominanten Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt zur Folge.“ (Ebd., S. 385).

7.1.4) Organisationen

„Ein Charakteristikum der Moderne ist das massenhafte Entstehen und Auftreten sozialer Systeme wie etwa Unternehmen. Heute besitzen einige dieser Organisationen einen größeren Jahresumsatz als die Bruttosozialprodukte mancher Schwellenländer. Und einige große Unternehmen haben einen größeren Energiebedarf als viele Millionenstädte. Die Voraussetzungen für dieses Phänomen waren unter anderem die Entwicklung allgemeiner Tauschäquivalente (zum Beispiel Geld) und entsprechender Lebensräume, in denen die sozialen Systeme auf friedliche Weise miteinander konkurrieren können, nämlich die Märkte.“ (Ebd., S. 385-386).

„Organisationen (zum Beispiel Unternehmen) sind selbsterhaltende Systeme mit einer eigenen Identität und einem eigenständigen Selbsterhaltungsinteresse (**), die auf Märkten - ihren primären selektiven Umwelten - um den Zugang zu Ressourcen konkurrieren. Dabei bringen sie Produkte und Dienstleistungen hervor, nach denen vorher kaum jemand gefragt hat, ohne die man sich aber schon bald darauf kaum mehr ein lebenswertes Leben vorstellen kann.“ (Ebd., S. 386).


„Also fast so etwas wie ein neuer Typus von Leben, nur in einer ganz anderen Größenordnung. Jedenfalls entwickeln diese Gebilde eine Eigendynamik, ein Eigenleben sozusagen.“ (Ebd.).


„Unternehmen produzieren fortlaufend neue und bislang unbekannte Bedürfnisse, damit sie sich selbst erhalten können. Die Folge ist eine Verschwendung - und ein damit einhergehender Raubbau, an der Umwelt - in bislang unbekannter Größenordnung. Denn Unternehmen geht es ja vor allem um eins: Sie wollen und müssen gefallen, damit sie fortbestehen können. Und dazu müssen sie sich permanent erneuern und auch immer weiter wachsen, denn dann können sie von Skaleneffekten profitieren, die ihnen einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschaffen. Gegenüber heutigen internationalen Konzernen wirken Menschen wie kleine Ameisen, die man versehentlich auf dem Weg zur Arbeit überläuft (**).“ (Ebd., S. 386).


„Wie die Größenverhältnisse sind, könnte man an folgendem Beispiel verdeutlichen: Wören die etwa 1,5 Millionen Einwohner der Amazonas-Stadt Manaus in der Lage, den gesamten brasilianischen Regenwald abzuholzen? Wohl kaum. Könnte dies General Electric mit seinen ungefähr 130000 Mitarbeitern tun? Ich persönlich möchte das jedenfalls nicht ausschließen.“ (Ebd.).


„Die Gefallen-wollen-Kommunikation bewirkt eine beschleunigte Evolution, da sie zu immer neueren, ausgefalleneren und besseren Angeboten zwingt, zu etwas, was die Konkurrenz nicht oder nicht in ausreichender Menge beziehungsweise Qualität hat, was sozusagen sensationell oder noch nie dagewesen ist. Auf der Ressourcenseite hat das dann aber eine ungeheure Verschwendung und den rigorosen Zugriff auf die Natur zur Folge. Während die Welt des Marktes Dinge wie 300 Stundenkilometer schnelle Sportwagen, das Internet oder ultraflache Mobiltelefone hervorbringt, entsteht auf der Ressourcenseite (der Umwelt) eine verheerende Unordnung. Ähnlich wie sich die Sonne verbraucht, damit auf der Erde Leben entstehen kann, so verbrauchen sich die natürlichen Ressourcen der Erde, damit Automobilkonzerne wachsen können.“ (Ebd., S. 386).

„Erschwerend kommen heute die Wirkungen der Finanzmärkte hinzu. Denn moderne Technologie ist häufig so komplex und in der Entwicklung und Herstellung so kapitalintensiv, daß neue Geschäftsideen meist nur mit einem Gang an die Börse realisiert werden können. In diesem Fall gehört das Unternehmen aber - wie die meisten heutigen größeren Konzerne - nicht mehr sich selbst, sondern Investoren. Es wird dann auch nicht mehr ausschließlich durch die Entwicklungen auf den Produktmärkten vorangetrieben, sondern maßgeblich durch die Bewegungen auf den Finanzmärkten und die Interessen seiner Investoren. Und erfahrungsgemäß steht der ressourcenschonende Umgang mit der Umwelt nicht unbedingt an vorderster Stelle auf deren Prioritätenliste.“ (Ebd., S. 387).

„Die größten Organisationen operieren heute global und damit nationenüberspannend, so daß sie national auch kaum mehr zu kontrollieren sind. Die Deutsche Bank, Siemens oder Volkswagen sind längst keine nationalen Unternehmen mehr, auch wenn es vom Namen her noch den Anschein hat. Wie jedem anderen Lebewesen auch geht es ihnen in erster Linie um ihren Selbsterhalt und Eigennutz und nicht um irgendwelche nationalen Interessen. Und wenn dann etwa ein Konkurrent seine Gewinne auf den Cayman Islands versteuert, werden alle anderen folgen müssen, weil sie sonst im Nachteil wären. Hier greift die gleiche Trittbrettfahrerproblematik wie auch in vergleichbaren menschlichen Kontexten.“ (Ebd., S. 387).

„Mit ethisch-moralischen Argumenten wird man auf die beschriebenen Verhaltensweisen keinen Einfluß nehmen können, höchstens mit Maßnahmen, die dem gleichen System (Wirtschaft) zurechenbar sind, wie auch schon Niklas Luhmann (in seinem Buch Ökologische Kommunikation, 1986) anmerkte (**). Wirkungsvoll könnte möglicherweise die internationale Besteuerung globaler Finanztransaktionen sein (vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft, 2007, S. 176ff.).“ (Ebd., S. 387).


„Dies gilt im Grunde für alle Lebensbereiche: Selbsterhaltende Systeme wollen sich selbsterhalten, sie handeln also vom Kern her egoistisch. Wenn in einer Gemeinschaft aus lauter selbsterhaltenden Systemen Möglichkeiten bestehen, den Egoismus auf Kosten anderer auszuleben (weil man dann Vorteile hat und sich besser selbsterhalten kann), dann werden dies einzelne Individuen über kurz oder lang auch tun. Dagegen helfen keine Vorwürfe, sondern höchstens Maßnahmen, die solchen Verhaltensweisen die entscheidenden Vorteile nehmen.“ (Ebd.).


7.1.5) Reccourcenverknappung und Dominanz

„Wie wir gesehen haben, ist die Gefallen-wollen-Kommunikation viel verschwenderischer als die dominante Kommunikation. Gleichzeitig setzt sie einen zuverlässigen Zugang zu den natürlichen Ressourcen voraus. Kommt es irgendwann einmal zu einer Ressourcenverknappung, dann dürfte die elegante, herrschaftsfreie Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder zur Disposition stehen. Die Folgen könnten Krieg, Dommanzhierarchien (zum Beispiel Klassenstrukturen), Zwangsmaßnahmen beim Zugriff auf die Ressourcen und vieles andere mehr sein. Da die dominante Kommunikation insgesamt ressourcenschonender operiert, dürfte sie die Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder in weiten Teilen ersetzen.“ (Ebd., S. 387-388).

„Nehmen Sie beispielsweise an, sie verdienten ausreichend gut, um mit Ihrer Familie jeden Abend essen gehen zu können (Gefallen-wollen-Kommunikation). Insgesamt käme Sie das wesentlich teurer als wenn zu Hause gekocht würde, denn nun müssen Sie ja für die Anfahrt und die Speisen und Getränke, in deren Preis auch die Kosten für die Räumlichkeiten, das Personal, Trinkgeld, die Energie und möglicherweise auch nicht gewünschte und alsbald entsorgte Speisen enthalten sind, aufkommen. Wenn Sie ihren gutbezahlten Job verlieren, könnten Sie sich so etwas nicht mehr leisten. Es würde dann wieder zu Hause gegessen, zum Beispiel Königsberger Klopse für alle (dominante Kommunikation).“ (Ebd., S. 388).

„Es gehört deshalb auch nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich die Folgen einer kritischen globalen Ressourcenverknappung auszumalen: An vielen Stellen würden Kriege ausbrechen, und Demokratien, Marktwirtschaften und die Freiheit und Gleichheit der Menschen gäbe es dann wohl schon bald nicht mehr.“ (Ebd., S. 388).

7.2) Evolution und Verschwendung

„Im letzten Kapitel (**) und im Kapitel Leben wurde darauf hingewiesen, daß es sich bei der biologischen Evolution ganz wesentlich um Entwicklungsprozesse bezüglich der Nutzung von Energie handelt. Ich hatte daraus gefolgert: Ist irgendwo Energie in konzentrierter Form vorhanden, dann dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ein geeigneter Nutzer dafür auftaucht.“ (Ebd., S. 388).

„Eine Ursache dafür liegt tief im Inneren der Evolutionsprinzipien verborgen: Wie wir gesehen haben, dürfte sich bei einem kompetenzneutralen Reproduktionsinteresse im Regelfall dann auch das Prinzip der natürlichen Selektion einstellen. Für dieses gilt: Wer besser an den Lebensraum angepaßt ist und mehr Ressourcen erlangt, hinterläßt im Mittel auch mehr Nachkommen.“ (Ebd., S. 388).

„Übertragen aufunsere Verschwendungsproblematik bedeutet das: Wer in der Lage ist, mehr Energie zu verbrauchen und Unordnung zu schaffen, wird mehr Nachkommen als andere haben, und diese Nachkommen werden dann im Mittel ebenfalls mehr Energie verbrauchen und Unordnung schaffen als andere. Eine Population optimiert sich auf diese Weise gewissermaßen wie von selbst in Richtung eines möglichst hohen Energieverbrauchs beziehungsweise der Schaffung von größtmöglicher Unordnung.“ (Ebd., S. 389).

„Natürlich wird sie dabei immer wieder an Grenzen stoßen, etwa aufgrund des Widerstands anderer Lebewesen oder einer generellen Begrenztheit der Ressourcen. Eine Löwenpopulation kann beispielsweise nicht mehr Zebras fressen als in ihrem Lebensraum tatsächlich vorhanden sind.“ (Ebd., S. 389).

„Der Mensch jedenfalls hat historisch betrachtet alle neu entstandenen Ressourcenerschöpfungen irgendwann technologisch überwinden können (vgl. Jacques Neirynck, Der göttliche Ingeniuer, 1994). In einem originär endlichen Lebensraum (die Erde) dürfte dies jedoch nicht beliebig fortsetzbar sein: Früher oder später wird die Menschheit dann doch ihre Grenzen des Wachstums erreichen.“ (Ebd., S. 389).

„Franz Josef Radermacher äußert sich im Geleitwort von »Der göttliche Ingenieur« (von Jacques Neirynck, 1994) zu der dort vertretenen Sichtweise:
»Der Mensch ist in dieser Sicht ein Lebewesen, das immer effizienter dazu beiträgt, in einem globalen Sinne Ordnung zu zerstören und Energien zu verbrauchen, und zwar als Folge seines - in einer längerfristigen Perspektive hoffnungslosen - Bemühens, für sich lokal kurzfristig das zu ermöglichen, was wir jeweils als ein erfülltes menschliches Leben bezeichnen.«
Sozialer Erfolg ist in menschlichen Gesellschaften üblicherweise mit einem höheren Einkommen verbunden und damit mit höheren Verfügungsrechten über Ressourcen und auch Energie. Wer mehr verdient, kann sich beispielsweise all die neuen technologischen Errungenschaften leisten, die das modeme Leben für uns bereithält.“ (Ebd., S. 389).

„Genügt das Reprouktionsverhalten einer Gesellschaft also den Evolutionsprinzipien, dann wird hoherer Ressourcen- und Energieverbrauch mit einer höheren Zahl an (mehr Ressourcen verbrauchenden) Nachkommen belohnt, ganz so wie es in der Natur auch ist. Genügt das Reproduktionsverhalten aber nicht diesen Prinzipien, dann kann die Gesellschaft nicht weiter evolvieren. Aus ökologischer Sicht befinden wir uns folglich in einer Zwickmühle.“ (Ebd., S. 389).

„Es stellt sich somit die Frage, ob sich auch Belohnungssysteme vorstellen lassen, die für Menschen tatsächliche Anreize liefern, aber dennoch nicht zu einem stetig höheren Energie- und Ressourcenverbrauch führen. Letztlich ist dies ein noch ungelöstes Problem.“ (Ebd., S. 390).

„Im Abschnitt Wachstum wurde gezeigt, daß evolutionsfähige (selbsterhaltende und selbstreproduktive) Systeme generell zu Wachstun tendieren, und zwar sowohl bezüglich ihrer individuellen Größe als auch den Populationszahlen. Auch dies demonstriert die generelle Neigung evolutiver Prozesse, vorhandene Ressourcen zu nutzen und langfristig restlos zu verbrauchen.“ (Ebd., S. 390).

7.3) „Klimakiller“ Internet

„Bislang herrschte allgemein die Vorstellung vor, die Computertechnologie könnte in ein ressourcenschonendes Zeitalter führen, da die Menschen dann irgendwann nicht mehr täglich zu ihren Arbeitsplätzen fahren oder auf kostspielige Geschäftsreisen gehen müßten, sondern die meisten Tätigkeiten gleich von zu Hause aus abwickeln könnten, also ganz ähnlich so, wie man sich auch vorstellte, die elektronische Datenverarbeitung führe schlußendlich zum papierlosen Büro. Das genaue Gegenteil trat ein.“ (Ebd., S. 390).

„So wird dann auch längst behauptet, die durch das Internet verursachte Belastung entspräche bereits heute dem des gesamten weltweiten Flugverkehrs (vgl. Welt.de, 2007).“ (Ebd., S. 390).

„Andere Berechnungen ergaben, daß bereits im Jahr 2005 rechnerisch weltweit rund zwanzig Eintausend-Megawatt-Großkraftwerke ausschließlich zur Deckung des Strombedarfs des Internets und der zugehörigen Datenzentren benötigt wurden. Ferner habe sich der Stromverbrauch des World Wide Webs zwischen 2000 und 2005 verdoppelt. Dies dürfte kaum überraschen, denn aktuell verdoppelt sich die vom Internet transportierte Datenmenge etwa alle vier Monate. Allein das Video-Portal You Tube soll im Jahr 2007 so viel Datenverkehr produziert haben, wie das gesamte Internet zwei Jahre zuvor (vgl. Welt.de, 2007).“ (Ebd., S. 390).

„Ich möchte an dieser Stelle keine abschließende Antwort darauf geben, ob die Computertechnologie auf lange Sicht einen nennenswerten Beitrag zur Entschärfung der Energieproblematik des Menschen liefern kann oder diese umgekehrt verstärken wird, jedoch zu bedenken geben, daß das Gehirn des Menschen ebenfalls schon bis zu 25 Prozent seiner gesamten Ruheenergie verschlingt (**). Es ließe sich deshalb durchaus argumentieren, daß die geballten Datenverarbeitungskapazitäten von Unternehmen, Privatpersonen und der gemeinsam genutzten Infrastruktur (Internet, World Wide Web) auf Dauer gleichfalls einen erheblichen Anteil am gesamten weltweiten Energieverbrauch der Menschheit haben werden, und zwar Tag und Nacht, das heißt, auch »in Ruhe«.“ (Ebd., S. 390-391).


„Im Rahmen der Menschwerdung waren dafür die Umstellung auf eine energetisch hochkonzentrierte Nahrung und der rudimentäre Anschluß des Gehirns an den Fettstoffwechsel erforderlich (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 40ff.). Unter den Ernährungsverhältnissen ab dem Neolithikum haben diese Umstellungsmaßnahmen beim Menschen aber für einen insgesamt asymmetrischen Stoffwechsel gesorgt, der maßgeblich für die weltweite Adipositaswelle verantwortlich sein dürfte (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 55ff.).“ (Ebd.).


7.4) Tragic of the Commons

„Abschließend soll nun noch ein weiteres Problem beleuchtet werden: Die systematische Erschöpfung von Ressourcen durch den Menschen, sofern es sich um niemandem gehörende Gemeinschaftsgüter handelt.“ (Ebd., S. 391).

„Stellen Sie sich vor, Sie seien Dagobert Duck und badeten täglich im Geld. Wenn Sie dabei auf jeglichen Schutz verzichten, geben Sie anderen (zum Beispiel der Panzerknackerbande) die Gelegenheit, Ihr Eigentum als Gemeinschaftsgut zu deklarieren, um es Ihnen dann zu entwenden. Schon bald wären Sie arm, das heißt, man hätte Sie aller Ihrer Ressourcen beraubt. Ganz ähnlich sieht es mit natürlichen Ressourcen aus, sofern diese keinen ausreichenden Schutz genießen.“ (Ebd., S. 391).

„Die Tragic of the Commons ... entspricht - mit umgekehrten Vorzeichen - genau der Tragik der Allmende (siehe Abschnitt Tragik der Allmende), die sich allerdings mit Problemen bei der Bewältigung von Gemeinschaftsaufgaben statt der Allokation von Gemeinschaftsgütern auseinandersetzt:

Angenommen, eine Gruppe von 80 Schafhirten bestellt gemeinsam ein Feld, welches maximal 4000 Tieren Nahrung geben kann. Nehmen wir ferner an, alle Gruppenmitglieder haben jeweils 50 Schafe, insgesamt also 80 • 50 = 4000. Die maximale Auslastung des Feldes ist also bereits erreicht.
Für die Pachtung, Betreuung und Regeneration des Feldes fallen jährlich 160000 Euro an Kosten an, an denen sich die Gruppenmitglieder anteilsmäßig beteiligen. Jeder einzelne Schafhirte muß also 160000 : 80 = 2000 Euro an Kosten tragen.
Mit jedem satten Tier kann er einen Ertrag von 60 Euro erzielen, insgesamt also 50 • 60 = 3000 Euro. Zieht er seinen Aufwand vom Ertrag ab, dann hat er zum Jahresende einen Nutzen von 3000 - 2000 = 1000 Euro erwirtschaftet.
Die Tragic of the Commons besteht nun darin, daß bei genügend großer Gruppengröße der Egoismus eines einzelnen Mitglieds den Nutzen pro Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Nutzen des Egoisten aber deutlich steigt.
Angenommen, ein egoistisches Mitglied stellt noch 50 weitere Schafe auf die Weide. Dann ist aus jedem Schaf nur noch ein Ertrag von (4000 : 4050) • 60 = 59,259 Euro erzielbar, eine zunächst kaum spürbare Differenz pro Tier. Alle Gruppenmitglieder würden folglich zum Jahresende einen Nutzen von 50 • 59,259 - 2000 = 2963 - 2000 = 963 Euro erwirtschaften.
Günstiger sieht es für unseren Egoisten aus, denn er erwirtschaftet einen Nutzen von 100 • 59,259 - 2000 = 5926 - 2000 = 3926 Euro.
Im vorliegenden Fall lohnt es sich also, egoistisch zu sein, sofern eine hinreichend große Anzahl an Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß sich immer mehr Gruppenmitglieder egoistisch verhalten werden, und der Ertrag für die nichtegoistischen Gruppenmitglieder noch weiter sinken wird.
Die Tragic of the Commons schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen.

Am Ende wird das gesamte Feld so sehr mit Schafen voll stehen, daß es sich nicht mehr regenerieren kann. Die Schafe können sich dann nicht mehr ausreichend ernähren und die ökologische und wirtschaftliche Katastrophe nimmt ihren Lauf.“ (Ebd., S. 391-392).

7.5) Schutz von Gemeinschaftsgütern

7.5.1)   Steuern (S. 393-394)
7.5.2)   Zwangsmaßnahmen (S. 394)
7.5.3)   Institutionalisierung (S. 394-395)
7.5.4)   Grenzwerte (S. 395)
7.5.5)   Verursacherprinzip (S. 395)

„Der letzte Abschnitt (**) hat gezeigt: Stehen Gemeinschaftsgüter ungeschützt allen zur Verfügung, unterliegen sie der Gefahr, restlos ausgebeutet und erschöpft zu werden. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der verschwenderischen Gefallen-wollen-Kommunikation, die in modernen Marktwirtschaften die alles bestimmende Kommunikationsform ist.“ (Ebd., S. 392-393).

„Im folgenden sollen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einige naheliegende Schutzmaßnahmen kurz erläutert werden.“ (Ebd., S. 393).

7.5.1) Steuern

„Zu den mildesten Schutzmaßnahmen gehört die Erhebung von Steuern: Die freie Nutzung des Gemeinschaftsgutes ist zwar dann weiterhin möglich, allerdings wird sie nun umso teurer, je intensiver die Nutzung ist.“ (Ebd., S. 393).

„In vielen Staaten etwa stellen die Verkehrsstraßen ein Gemeinschaftsgut dar: Sie stehen jedem Verkehrsteilnehmer zur freien Nutzung zur Verfügung. Allerdings werden in diesem Falle Benzin und Diesel besteuert, um mit den erzielten Einnahmen die Verkehrsinfrastruktur zu warten beziehungsweise zu erweitern.“ (Ebd., S. 393).

„Steuern, die in erster Linie der gezielten Verhaltenslenkung von Bürgern oder Unternehmen und nicht der staatlichen Einnahmeverbesserung dienen, werden allgemein Pigou-Steuern genannt. Beispielsweise könnte der Staat für unerwünschte Emissionen eine Steuer in einer bestimmten Höhe pro Emissionseinheit erheben. Der potenzielle Verschmutzer hätte dann die Wahl, entweder die Emission und damit auch die Steuerzahlung zu vermeiden, oder zu emittieren und die Steuer zu entrichten.“ (Ebd., S. 393).

„Zu den steuerlichen Maßnahmen kann auch der Emissionsrechtehandel gezählt werden .... Bei dem Konzept handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Coase-Theorems, welches davon ausgeht, daß Märkte Probleme, die durch externe Effekte entstehen (zum Beispiel Umweltverschmutzungen), unter bestimmten Voraussetzungen selbst lösen können. Das Konzept des Emissionsrechtehandels sieht dagegen vor, einen Markt für Verschmutzungsrechte einzurichten, um unerwünschte Emissionen in die Umwelt zu begrenzen. Neu an der Idee war, daß die Politik auf diese Weise die Möglichkeit erhält, konkrete Obergrenzen der Gesamtemission als Umweltziel direkt vorzugeben.“ (Ebd., S. 393).

„Dazu muß sie zunächst Obergrenzen für bestimmte Emissionen (zum Beispiel CO2) innerhalb eines festgelegten Gebietes und Zeitraums festlegen. Anschließend werden - entsprechend den vorgegebenen Obergrenzen sogenannte Umweltzertifikate ausgegeben, die zur Emission einer bestimmten Menge Schadstoff berechtigen. Wird etwa für eine bestimmte Region eine Obergrenze von 100 Millionen Tonnen CO2 innerhalb eines Jahres festgelegt, so können Umweltzertifikate, die insgesamt zur Emission von 100 Millionen Tonnen CO2 in einem Jahr berechtigen, ausgegeben werden. Die Obergrenzen könnten in den Folgejahren aus umweltpolitischen Gründen schrittweise gesenkt werden. Da die Umweltzertifikate frei handelbar sind, wird ihr Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Emissionen, die ohne ein durch entsprechende Umweltzertifikate erkauftes Emissionsrecht erfolgen, würden mit einer Strafe belegt.“ (Ebd., S. 393-394).

7.5.2) Zwangsmaßnahmen

„In bestimmten Fällen muß aber der Zugang zu Gemeinschaftsgütern durch Zwangsmaßnahmen (zum Beispiel Verbote) regelrecht verhindert werden. Darauf wies auch schon Garrit Hardin in seinem Artikel über die Tragic of the Commons (1968) hin. Interessanterweise schloß er in seine Aussage auch das Recht auf eigenen Nachwuchs ein, indem er prognostizierte, daß man dafür schon in naher Zukunft eine staatliche Erlaubnis benötige.“ (Ebd., S. 394).

7.5.3) Institutionalisierung

„Wie wir gesehen haben, besteht zwischen der Tragik der Allmende (siehe Abschnitt Tragik der Allmende) und der Tragic of the Commons (siehe Abschnitt Tragic of the Commons) eine gewisse Symmetrie. Die Tragik der Allmende handelt von Problemen im Umgang mit Gemeinschaftsaufgaben und die Tragic of the Commons mit Gemeinschaftsgütern.“ (Ebd., S. 394).

„Eine Tragik der Allmende läßt sich in vielen Fällen durch Institutionalisierung vermeiden, wie dies auch meist im Rahmen von Individualisierungsprozessen geschieht (siehe Abschnitt Individualisierung). Entsprechend könnten auch die Strategien zur Verhinderung einer Tragic of the Commons aussehen.“ (Ebd., S. 394).

„In unserem Schafhirtenbeispiel (**) etwa könnte das zu bestellende Feld einer Institution übergeben werden, die den weiteren Zugang regelt. Ein egoistisches Gruppenmitglied wäre dann nicht länger in der Lage, ungefragt weitere 50 Schafe auf die Weide zu stellen. Es wäre die Aufgabe der Institution, darauf zu achten, daß das Feld nicht überwirtschaftet wird und sich auch regelmäßig regenerieren kann.“ (Ebd., S. 394-395).

„Ganz ähnlich ließen sich auch andere Umweltressourcen verwalten. Beispielsweise könnte man die Gesamtverantwortung für den Rhein oder auch den brasilianischen Regenwald staatlich oder international kontrollierten Institutionen übertragen, die deren wirtschaftliche Nutzung und Reproduktion verantworten.“ (Ebd., S. 395).

„Grundsätzlich sollte stets die folgende Regel eingehalten werden: Nicht erneuerbare Ressourcen sind - sofern möglich - zu schonen beziehungsweise durch erneuerbare Ressourcen zu ersetzen. Erneuerbare Ressourcen sollten nur so stark genutzt werden, wie es ihre Reproduktionskapazitäten erlauben, das heißt, sie sollten sich regelmäßig regenerieren können.“ (Ebd., S. 394).

7.5.4) Grenzwerte

„Bei technischen Geräten lassen sich häufig bereits erhebliche Wirkungen durch Vereinbarung verpflichtender Grenzwerte erzielen. Ein Gerät erhielte unter solchen Voraussetzungen folglich nur dann eine Betriebserlaubnis, wenn es bezüglich bestimmter kritischer Werte innerhalb der festgesetzten Grenzen liegt.“ (Ebd., S. 395).

7.5.5) Verursacherprinzip

„In anderen Fällen könnte sich ein Verursacherprinzip als nützlich erweisen. Beispielsweise könnten Unternehmen dazu verpflichtet werden, vom Kunden ausrangierte Geräte zurückzunehmen und gemäß dem aktuellen Stand der Technik zu entsorgen.“ (Ebd., S. 395).

7.6) Ökosoziale Marktwirtschaft

„Als Gegenreaktion auf die immer offener zu Tage tretenden globalen ökologischen und sozialen Probleme wurde eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft vorgeschlagen (vgl. Franz Josef Radermacher, 2002; Frans Josef Radermacher / Bert Beyers, 2007, S. l35ff). Dabei soll insbesondere eine Balance zwischen drei sehr unterschiedlichen Zielvorgaben angestrebt werden, nämlich (**):
einer wettbewerbsstarken, auf Innovation und technologischer Spitzenleistung beruhenden Wirtschaft;
einer Ökologie im Sinne des nachhaltigen Schutzes unseres Lebensraumes für die Menschheit heute und für alle künftigen Generationen;
einem Bemühen um soziale Fairneß im kleinen und im großen als Voraussetzung für Frieden und ein stabiles Gemeinwesen.
Einige Ergebnisse des vorliegenden Buches lassen ahnen, daß ein Ausbalancieren der drei genannten unterschiedlichen Ziele in der Praxis auf äußerste Schwierigkeiten stoßen dürfte.“ (Ebd., S. 395-396).


„Auffällig ist, daß in der Liste keine Ziele bezüglich der gesellschaftlichen Reproduktion aufgeführt sind.“ (Ebd.).


„Insbesondere die ersten beiden Ziele scheinen in einem unmittelbaren Widerspruch zueinander zu stehen. Eine Wirtschaft aus lauter innovativen Märkten - evolutiven Infrastrukturen auf Basis der Gefallen-wollen-Kommunikation also - dürfte ganz automatisch zu Verschwendung und einer Ausnutzung aller frei oder zumindest leicht zugänglichen erneuerbaren beziehungsweise nichterneuerbaren Ressourcen tendieren. Es bedarf deshalb unbedingt weiterer Konzeptionierungen, wie die angestrebte Balance - auch vor dem Hintergrund der immer mächtiger werdenden Organisationssysteme - dann tatsächlich dauerhaft erreicht werden kann.“ (Ebd., S. 396).

Zum 1. Teil =>

Zitate: Hubert Brune, 2008 (zuletzt aktualisiert: 2009).


Anmerkungen
Peter Mersch definiert die Begriffe „Kultur“, „Zivilisation“ und „Moderne“ zum Teil anders als ich (**). In meiner Theorie ist eine Kultur erst dann auch Zivilisation, wenn sie „erwachsen“ bzw. modern geworden ist. Kultur ist hier stets als Oberbegriff gemeint. Genauer: Kultur als Hyperonym (Superordination) umfaßt auch Zivilisation als Hyponym (Subordination), auch Moderne als Hyponym (Subordination). Ähnlich wie Peter Mersch „Organisationssysteme“ definiert, so definiere ich Kultur(en), wobei auch ich davon ausgehe, daß derartige Organisationsysteme als „Superorganismen“ seit der Moderne sogar dabei sind, auch biologisch einen ähnlich großen evolutionären Sprung („Komplexitätssprung“, so Peter Mersch, ebd., S. 373) zu vollziehen wie vor ihnen die erfolgreichen Organismen. Organisationssysteme beinhalten Organismen, die Zellen beinhalten. (Zellen [Einzeller] sind autopoietische Systeme erster Ordnung; Vielzeller [Organismen] sind autopoietische Systeme zweiter Ordnung; Organisationssysteme sind autopoietische Systeme dritter Ordnung.) Mersch begründet seine sympathische Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökonomischen und demographischen Argumenten, ich meine Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökologischen, ökonomischen, demographischen und kulturgeschichtlichen. Unsere Theorien treffen sich also argumentativ in nicht wenigen Bereichen. Mersch vernachlässigt, wie ich finde, die Kulturgeschichte zu sehr. Kultur ist gemäß meiner Theorie vor allem als eine  G e m e i n s c h a f t s f o r m  - in etwa so wie ein  K u l t u r k r e i s  - zu verstehen, und zwar bezogen auf zwei Erscheinungen:
(1.) „Menschen-Kultur“ (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) als ein bis heute doch ziemlich abstrakt gebliebener „Kulturkreis“, da die Kultur dieser einen Menschheit ja konkret kaum existiert.
(2.) „Historien-Kultur“ als die aus bislang acht unterschiedlichen „Historien-Kulturen“ bestehende „Historiographie-Kultur“, und das heißt: die „Moderne der Moderne der Menschen-Kultur“ bzw. die „Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur“ oder aber sogar die „Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur“.
Man kann die Entwicklung der Menschheit evolutiv und/oder histori(ographi)sch beschreiben, aber sie blieb so lange nur evolutiv, so lange ihr die Schrift fehlte - also ist sie erst seit Beginn der Schrift zusätzlich auch historiographisch. Gemäß meiner Theorie ist die Schriftlichkeit - zusätzlich zu der ihr vorausgegangenen Seßhaftigkeit, der „Neolithischen Revolution“, den ersten Städten u.ä. - der Grund für die Notwendigkeit der Aufteilung einer Erscheinung in zwei Erscheinungen: „Menschen-Kultur“ (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) und die in ihr enthaltene „Historiographie-Kultur“ („Historien-Kultur“) mit den unterschiedlichen „Historien-Kulturen“. Die Aufteilung in diese beiden menschlichen Kulturphänome ist auch aus folgendem Grund sehr sinnvoll: Die „Menschen-Kultur“ hat bis heute keine wirkliche Einheit bzw. kein wirkliches Organisationssystem werden können, ihre einzelnen „Historien-Kulturen“ dagegen sehr wohl. Die „Menschen-Kultur“ ist also bis heute sehr blaß und abstrakt geblieben - ganz im Gegenteil zu ihren „Historien-Kulturen“.
(1.) Die „Menschen-Kultur“ umfaßt die Evolution bzw. die Geschichte der Menschheit - das heißt: die „Prähominisierung“, „Hominisierung“, „Sapientisierung“, „Historisierung“. Mit ihrer „Moderne“ als ihrer „Historisierung“ beginnt auch ihre „Zivilisation“, obwohl „Moderne“ und „Zivilisation“ nicht genau dasselbe bedeuten.
Die Menschwerdung ist noch lange nicht beendet! Sie wird definitiv erst mit dem Tod des letzten Menschen beendet sein. Das letztmalige echte Gefühl der Zusammengehörigkeit der Menschen als eine Menschheit war vielleicht die „Mondlandung“ (1969). Aber Einrichtungen wie die UNO, die ein historienkulturelles - nämlich ein abendländisches (und innerhalb des Abendlandes ein angelsächsisches und also ein genuin sehr wikingerhaftes [Motto: „Nimm dir, was du haben willst“], zu „individuelles“ und deshalb unbrauchbares) - Konstrukt ist, oder die WTO dienen nur der Minderheit (4%) einer Minderheit (20%) aller Menschen (100%). UNO, WTO, Weltbank und IWF sind also eher Beispiele dafür, daß ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen eben gerade nicht entstehen soll und wird. Die echten Gefühle dafür müssen aus der kulturellen Seele selbst kommen.
(2.) Die „Historien-Kultur“ ist die aus den 8 Historienkulturen bestehende „Moderne der Menschen-Moderne“ - das heißt: „Moderne der Moderne der Menschen-Kultur“ bzw. „Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur“ oder eben sogar „Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur“.
„Historien-Kultur“ bedeutet somit einerseits die Moderne der Moderne der Menschen-Kultur und andererseits die eigenartigen und sich unterschiedlich beeinflussenden Historien-Kulturen (in der Fachliteratur oft „Hochkulturen“ oder auch einfach nur „Kulturen“ genannt), für die gilt: je näher, desto mehr Berührungen, gegenseitiger Einfluß und also Beziehungen, aber auch entschiedene Abgrenzung voneinander (vgl. folgende Abbildung):
In meiner Theorie sind Kulturen im allgemeinen und im besonderen als den Lebewesen sehr ähnlich aufzufassen. Außerdem sind alle Historienkulturen als Abweichungen (besonders in der künstlerischen Art bzw. Form) von der Menschenkultur zu verstehen, in die sie über ihre Modernen bzw. Zivilisationen allmählich wieder einmünden - allerdings auf jeweils andere, nämlich kulturspezifische Art und Weise. Insofern und auch aufgrund anderer Hypothesen, z.B. auch der über die „vorgeburtliche“ Existenz einer jeden Kultur, unterscheidet sich meine Kulturtheorie auch sehr von allen bisherigen mir bekannten Kulturtheorien.
Die abendländische Kultur ist übrigens die einzige Kultur, die es tatsächlich geschafft hat, den Globus zu erobern und also ihre Globalisierung - sie ist grundsätzlich Absicht, Ziel bzw. Finalität jeder Kultur (ähnlich dem Motto: „Ausdehnung ist alles“) - in eine Wirklichkeit umzusetzen. Um das zu können, muß man aber zunächst noch nicht so wirtschaften wie heute, sondern zuvor (!) eine kulturelle Gemeinschaft gebildet haben. Kulturelle Gemeinschaft - vor allem als Gefühl (!) - ist die Voraussetzung dafür, nicht ihre Wirtschaft, die lediglich eine Folge davon ist, wenn auch bald so stark, daß sie gerade das historienkulturelle Gemeinschaftsgefühl fast ganz in den Schatten zu stellen vermag und als ein „Motor“ für die oben erwähnte Einmündung der Historienkulturen in die Menschenkultur fungiert, obwohl diese Einmündung bisher noch nie so richtig geklappt hat, weil die Menschenkultur ein zu sehr abstraktes und also zu wenig konkretes Gebilde ist. Die abendländische Kultur hat also wegen ihrer tatsächlich realisierten Eroberung des Planeten Erde die Möglichkeit zum Beweis, ob ihr eine solche Einmündung gelingt (dafür müßte sie alle anderen Menschen und damit alle anderen noch existierenden Kulturen integrieren [ich persönlich glaube, daß sie gerade das nicht kann]). Die Wirtschaft hat sich im Abendland bereits viel zu sehr von der Kultur als der Gemeinschaft getrennt, und die Kulturgemeinschaft selbst ist offensichtlich nicht mehr fähig, die Wirtschaft zu zähmen. Die abendländische Wirtschaft hat sich von der abendländischen Kultur so sehr „emanzipiert“, daß sie neben anderen abendländischen Erscheinungen eine ziemlich große Gefahr für den Untergang des Abendlandes bedeutet.
Peter Mersch definiert auch den Begriff „Globalisierung“ zum Teil anders als ich (**). Gemäß meiner Theorie ist Globalisierung die Geschichte einer jeden Historienkultur, besonders die des Abendlandes. Die Kulturgeschichte des Abendlandes ist eine Geschichte der Globalisierung. Nachdem die drei für das Abendland unenbehrlichen Faktoren aufeinander getroffen waren - Germanentum, Römerreich, Christenheit -, wurde sie mittels einer zunächst noch wenig konkrete Formen annehmende „Mythomotorik“ des jungen Abendlandes möglich. Der Gedanke an ein Reich spielte also von Beginn an eine ganz besonders wichtige, weil „kulturgenetisch“ bedingte Rolle, nämlich reichshistorisch (römisch), reichsreligiös (christlich) und reichskybernetisch (germanisch), denn eine „Kultur“ kann nur dann Kultur werden, wenn sie auch sich selbst steuern kann. Ohne die Germanen gäbe es keine Abendland-Kultur, kein Europa. Ohne die Germanen hätte sich das Abendland nicht zu einer selbständigen Kultur entwickeln können. Die Germanen sind die Gründer Europas.
Wer von „Globalisierung“ spricht, kann dreierlei meinen: (a) Globalisierung als Kulturgeschichte, (b) Globalisierung als eine kulturgeschichtliche Phase (Globalismus, Cäsarismus, Zeusiokratie u.ä.), (c) Globalisierung als eine absolute Dominanz der globalen Wirtschaft (Weltwirtschaft, Globalwirtschaft, Globalkapitalismus u.ä.). Zwei (b und c) dieser drei Definitionen kann man zusammenfassen, weil das von der heutigen Öffentlichkeit „Globalisierung“ genannte Phänomen sowohl ein Ausdruck des Zeigeistes im Sinne der erwähnten abendländischen Kulturphase (vgl. b) ist als auch die Dominanz der ja vom Abendland hervorgebrachten und dominierten Globalwirtschaft (vgl. c) bezeichnet. Aber das, was „Globalisierung“ dem Ursprung nach bedeutet, ist den meisten Menschen gar nicht mehr bewußt.
Der Globalismus ist eine Kulturphase, nicht aber die Globalisierung, denn diese wird häufig lediglich als ein wirtschaftliches Phänomen begriffen, also im Sinne einer Welt- bzw. Globalwirtschaft, eines Globalkapitalismus.
Globalismus als Kulturphase bedeutet auch Befruchtung und, daß diese Phase allen Akteuren alle Möglichkeiten schenkt. Doch deren Auswirkungen können positiv, aber auch negativ sein. Diese Phase ist so offen wie keine andere Phase; in ihr sind alle Chancen gegeben; in ihr werden die Karten neu gemischt (und verteilt !); es wird gewürfelt, und wer kein Glück hat oder die Gelegenheiten verpaßt, ist erst einmal draußen - vielleicht auch für immer. Das Abendland steht erst am Anfang dieser Phase und sollte sich nicht von ihren Verlockungen des Allen-alles-Versprechens leiten lassen oder sich etwa darauf verlassen oder gar berufen, daß die anderen 7 Kulturen diese Phase glücklich erlebt oder überlebt haben. Keine der anderen 7 Kulturen war eine so extreme Globalisierungskultur wie das Abendland!Eine sehr interessante Frage, ob das für die Zukunft der abendändischen Menschen, ja sogar für die Zukunft aller Menschen (mehr) positive oder (mehr) negative Auswirkungen haben wird!
Es ist durchaus möglich, daß die von Peter Mersch beschriebenen „Organisationssysteme“ (**) der „Moderne“ einen bedeutenden, vielleicht sogar den bedeutendsten Beitrag (er ist seit Beginn der abendländischen Moderne exponentiell gestiegen), zur weiteren Entwicklung leisten, aber ob dieser positiv oder negativ zu bewerten ist, wird erst die Zukunft zeigen können, denn der Globalismus als Kulturphase (Befruchtung oder Cäsarismus) hat gerade erst begonnen, muß aber beendet sein, um sich darüber ein Urteil bilden zu können. Hier wäre eine Prognose angebracht. Ich verweise diesbezüglich auf die vielen um dieses Thema kreisenden Seiten meiner Webpräsenz (**).
Hubert Brune

WWW.HUBERT-BRUNE.DE
- Literaturverzeichnis -