Zu früh gefreut? Oder: Wann kommt das Ende der Geschichte?
Worum
es geht:Die Johannes-Apokalypse
verhieß vor dem Jüngsten Gericht ein Zwischenspiel, das Tausendjährige
Reich irdischen Wohlergehens. Diese Idee wurde von Augustinus
aus asketischer Gesinnung abgelehnt, doch war der Wunsch nach einer irdischen
Endzeit auch unter Christen nicht zu unterdrücken. Diese Hoffnung inspirierte
Joachim
von Floris um 1200 zu seiner Prophezeiung eines »Dritten Reiches«:
Nach der Zeit des Vaters und der des Sohnes komme die des Heiligen Geistes.Die
Hoffnung der Millennaristen aber zerschlug sich, wie so viele. Die Mission blieb
stecken, der Paraklet erschien nicht; und so verbreitete sich seit dem 15. Jahrhundert
die Auffassung, daß man die neue Zeit nicht abwarten, sondern herbeiführen
müsse. Bei den Hussiten und den Wiedertäufern finden wir das Bestreben,
den Übergang in die Endzeit gewaltsam zu beschleunigen, ähnlich wieder
bei den Puritanern in England. Die Hoffnung auf eine Zukunft im Himmel verwandelte
sich in die Bemühung, die irdischen Lebensbedingungen zu verbessern. Die
ersten Theoretiker des Fortschrittes, unter ihnen Lessing
und Herder,
stehen noch ganz im Banne der christlichen Denktradition. Sie vertrauten auf die
göttliche Lenkung der menschlichen Geschicke, erwarteten jedoch kein plötzlich
hereinbrechendes Himmelreich, sondern einen stetigen Fortschritt zur Vernunft
und zur Humanität auf Erden.Kant
stellte 1784 fest: »Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem
aufgeklärten Zeitalter?, so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem
Zeitalter der Aufklärung.« Ob dieses Zeitalter in einen Zustand der
Vernunft führen werde, ließ Kant offen, er war aber fest davon überzeugt,
daß der Progreß nicht unterbrochen werde. Sein Entwurf zum ewigen
Frieden von 1795 sah einen allgemeinen Bund der Völker vor, die republikanisch
verfaßt sein und sich in Humanität üben sollten. Insofern war
für ihn die Aufklärung das letzte Zeitalter der Geschichte.Weniger
Geduld mit der Endzeit hatte Hegel.
Er glaubte, die Aufklärung habe ihr Werk getan. Im preußisch-protestantischen
Staat seiner Zeit wähnte er die Freiheit - zumindest ihrem Prinzip nach -
realisiert und damit die Geschichte vollendet. So lesen wir in seiner Geschichtsphilosophie:
»Mit diesem formell absoluten Prinzip (der Freiheit) kommen wir an das letzte
Stadium der Geschichte, an unsere Welt, an unsere Tage.« Sein Bild von der
Eule der Minerva zeigt, daß der Tag vorüber ist, blendet freilich aus,
daß jetzt die Nacht zu erwarten wäre. Jedenfalls meinte er, zu tun
sei nun nichts Substantielles mehr, die Stunde des Philosophierens habe geschlagen.Der
Glaube an das nahe Zeitenende, wie er schon in der französischen Revolution
auftaucht, begegnet uns wieder bei den Frühsozialisten sowie bei Marx
und Engels.
Sie wähnten sich dreimal - 1848, 1852 und 1871 - vor der Weltrevolution,
die über die Diktatur des Proletariats in die klassenlose Gesellschaft hinüberführen
und das Glück des Urkommunismus auf höherer Stufe erneuern werde. Hier
haben wir das Modell der Heilsgeschichte, vom Kopf auf die Füße gestellt.
Dem Paradieseszustand entspricht die klassenlose Urgesellschaft. Sie endet mit
dem von Engels so genannten »Sündenfall« der Arbeitsteilung.
Die sich anschließende eigentliche Geschichte ist antagonistisch strukturiert,
bei Augustinus im Neben- und Gegeneinander von Civitas Diaboli und Civitas
Dei, bei Marx im Klassenkampf der Unterdrückten gegen die Ausbeuter.
Den Abschluß der Geschichte bildet für die Christen das Gottesreich,
für die Kommunisten die klassenlose Gesellschaft, voraus gehen dort das Tausendjährige
Reich und das Weltgericht, hier die Diktatur des Proletariats und die Weltrevolution.
Das Endparadies unterscheidet sich vom Urparadies in beiden Fällen darin,
daß es keinen zweiten Sündenfall geben wird.Anm.
HB: An dieser Stelle fehlt eine wichtige Person: Friedrich Nietzsche
!Unter den zahlreichen Verfechtern einer
Endzeit-Idee im 20. Jahrhundert ragt Oswald Spengler
mit seinem »Untergang des Abendlandes« ( )
hervor. Dieses 1917 zuerst erschienene Werk will zeigen, daß die Weltgeschichte
in acht ungefähr tausendjährige Hochkulturen zerfällt, deren letzte,
die »faustische«, nun übergehe in eine kultur- und geschichtslose
Endphase, die zwar noch lange dauern könne, ohne daß indessen die erschöpfte
Kulturseele noch neue Blüten bringe. ( ).
Spenglers englischer Nachfolger Toynbee
hat an dieser Kulturmorphologie zahlreiche Änderungen angebracht. Der Endzustand
unterscheidet sich grundlegend von dem bei Spengler. Toynbee glaubte an die Verwirklichung
des Reiches Gottes auf Erden. Die apokalyptischen Erwartungen in der zweiten Jahrhunderthälfte
zeigen zahlreiche Schattierungen.Endzeit-Idee
und Geschichtslosigkeit nach dem Jahr 2000 verknüpfte ... Ernst Jünger
1932. Seine letzte Prognose auf das 21. Jahrhundert gab er 1993. Er glaubte,
daß sich der bereits zu beobachtende Ausstieg des Menschen aus der Geschichte
nach der Jahrtausendwende fortsetzen werde. Seit 200 Jahren befänden wir
uns in einer Weltrevolution, die uns in gewisser Weise schon jetzt aus der Geschichte
verdrängt habe. Er sprach von apokalyptischen Visionen am Ende des Jahrtausends,
indem er den Untergang der »Titanic« 1912 als prophetisches Zeichen
wertete. Eine allgemeine »Fellachisierung« greife um sich: wenn auch
auf unterschiedlichem Niveau, so doch im Einvernehmen darüber, daß
ein historisches Bewußtsein entbehrlich wird: »Man lebt für den
Tag.« Jünger prophezeite den Weltstaat, nicht jedoch den Weltfrieden.
Er rechnete mit einer Zunahme des Terrorismus, dessen Bekämpfung keine geschichtliche
Dignität besitze.Fukuyama
konstatierte 1989, daß mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der letzte
Weltzustand erreicht sei. Zu allen Zeiten hätten sich mindestens zwei grundsätzliche
Positionen gegenübergestanden: Griechen gegen Perser, Römer gegen Barbaren,
Kaiser gegen Papst, Christen gegen Muslime, dynastische Legitimation gegen Volkssouveränität,
demokratische Kräfte gegen totalitäre Systeme. Mit dem Ende des Sozialismus
gebe es keine erfolgversprechende Alternative mehr zu einer liberalistisch-kapitalistischen
Demokratie. Was die Zukunft jetzt noch zu bieten habe, sei nichts anderes als
die Durchsetzung dieses Prinzips und verdiene daher nicht mehr die Bezeichnung
»Geschichte«. ( ).Ernst
Nolte hat 1998 in seinem
Alterswerk mit dem Titel »Historische Existenz« ( )
eine umfassende Geschichtsphilosophie vorgelegt, die durch sogenannte »historische
Existenzialien« gekennzeichnet ist: Religion, Staat, Adel, Krieg und Revolution,
Stadt und Land, Historie und Wissenschaft. Diese Existenzialien sieht Nolte einem
Transformationsprozeß ausgesetzt, der ihr Wesen verändert. Religion
zerfällt in Fundamentalismus und Folklore, der Staat verschwindet im Netzwerk
der Globalisierung, an die Stelle des Adels treten Funktionseliten, Krieg gibt
es nur noch in Form von Grenzkonflikten in Entwicklungsländern und Polizeieinsätzen
der Weltorganisationen (NEIN!
Krieg gibt es laut Nolte immer noch, v.a. in der »Dritten Welt« [vgl.
ebd., S. 674 ]!
Anm. HB.). Revolution wird in Form von Protestaktionen eine unvermeidliche,
aber unbedeutende Begleiterscheinung von Veränderungen der Produktion (oder
aber auch nicht, so Nolte [vgl. ebd., S. 682 ]!
Anm. HB.). Die Unterschiede zwischen Stadt und Land verschwinden (eher
nicht, denn laut Nolte ist die »Eine Menschenstadt« nicht tragbar
[vgl. ebd., S. 676 ]!
Anm. HB.). Die Wissenschaft produziert noch Bücher und Maschinen,
sie verliert hingegen ihre Bedeutung für die »Menschenbildung«.
Das Geschichtsbewußtsein beschränkt sich auf die Erinnerung an die
Greueltaten einer Zeit, mit der man nichts mehr zu tun haben will. (Aber
laut Nolte ist noch nicht ein einziges der [nur veränderten!] »historischen
Existenzialien« verschwunden, und diese Tatsache ist für Nolte ein
Indiz dafür, daß die »Nachgeschichte« noch nicht begonnen
hat [vgl. ebd., S. 682 ]!
Anm. HB.). Die Nähe zum kommenden Jahrtausend empfindet Nolte als
einen bevorzugten Auslug, mit dem neuen Millennium läßt er die 6000
Jahre der eigentlichen Geschichte enden (NEIN! Nolte läßt
die Geschichte nicht enden, sondern die Frage offen, ob sie [im engeren Sinne!]
zu Ende sei, denn er trennt die Geschichte im engeren Sinne von der Geschichte
im weiteren Sinne [»anthropologische Geschichte«] und kann gerade
deshalb darüber philosophieren, ob die Geschichte im engeren Sinne
zu Ende sein könnte oder nicht, weil die Geschichte im weiteren Sinne
auch die »Vorgeschichte« und die »Nachgeschichte« umfaßt
und darum zumindest im »anthropologischen« Sinne nicht zu Ende sein
kann [vgl. ebd., S. 683 ]!
Anm. HB.). Die von Spengler dem Abendland nach dem Untergang um das Jahr
2000 (nach 2200! »Geschichtsloses Erstarren
... nach 2200«, so Spenglers Vorhersage [vgl. Oswald Spengler, Der Untergang
des Abendlandes, 1917, S. 70 ]!
Anm. HB.) vorausgesagte geschichtslose Zivilisation weitet Nolte aus auf
die Zukunft der Menschheit insgesamt. Voll entfaltet sieht er das posthistorische
Zeitalter der »wissenschaftlich-technischen Konkurrenzökonomie«
im Jahre 2200 ( ).
Die Medizin ist der Krankheiten Herr geworden, das Durchschnittsalter der Menschen
auf 200 Jahre gestiegen ( ).
Nolte mißt den Problembereichen unserer Zeit keine geschichtsträchtige
Zukunft zu (er positioniert sich doch gar nicht so genau!
Anm HB.). Bevölkerungswachstum, Wohlstandsgefälle, Massenwanderung,
Fundamentalismus, Umweltbedrohung, Technikfolgen, all dies löst sich offenbar
globaldemokratisch ohne Geschichte, undramatisch. (Nolte
läßt es eher offen! Anm HB.). So gewiß wir das wünschen
müssen, so ungewiß ist die Annahme einer solchen Endzeit, denn dafür
brauchte man einen neuen Menschen, den perfekt sozialisierten Kosmopoliten, den
wohltemperierten Endzeit-Bürger. (Alexander Demandt).
- Alexander Demandt scheint die Historische Existenz von Ernst Nolte gar
nicht, zumindest aber nicht richtig gelesen zu haben.
Selten
hat ein Zeitschriftenaufsatz so großes Aufsehen erregt wie derjenige von
Francis Fukuyama,
der im Sommer 1989 in der Zeitschrift »The National Interest« erschien
und noch vor Ablauf des Jahres ins Deutsche und andere Sprachen übersetzt
wurde. Dieses Aufsehen war eigentlich nicht recht verständlich, denn von
der bevorstehenden »Nachgeschichte« war zumal in europäischen
Büchern und Zeitungen oft die Rede gewesen, und der Begriff schien geradezu
ein fester Bestandteil des der »Postmoderne« zu sein. ... Der Autor
begründete seine Auffasung durch einen Rückgriff auf Hegel
und den Hegelianer Alexandre Kojève. Mit starker Betonung verkündete
Fukuyama den »Triumph des Westens, des westlichen Denkens«, der vor
allem in der völligen Erschöpfung aller Alternativen zum westlichen
Liberalismus bestehe - das 20. Jahrhundert kehre an seinem Ende zu den Überzeugungen
sener Anfänge zurück: nicht eine Konvergenz von Kapitalismus und Sozialismus
sei das letzte Wort des Zeitalters, sondern »der klare Triumph des wirtschaftlichen
und politischen Liberalismus.« (Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte?,
in: Europäische Rundschau, 1989, S. 3-25, hier: S. 3f.). Sogar in der Sowjetunion
und in derVolksrepublik China setze sich die konsum-orientierte westliche Kultur«
mehr und mehr durch, und so gelangte Fukuyama gleich zuAnfang seines Aufsatzes
zu einer weitreichenden Schlußfolgerung: »Vielleicht sind wir nicht
zeugen der Beendigung des Kalten Krieges oder des Abschlusses einer bestimmten
Phase der Nachkriegsgeschichte, sondern des Endes der Geschichte schlechthin,
das heißt, des Endes der ideologischen Entwicklung der Menschheit sowie
der allgemeinen Einführung der westlichen liberalen Demokratie als finaler
Regierungsform.« (Ebd., 1989, S. 6). Offenbar war man auch im Sommer 1989
von der Macht und Dauerhaftigkeit der Sowjetunion trotz aller Nachrichten über
unerwartete Wirkungen von »glasnostj« und »perestroika«
noch sehr überzeugt und den Wechselfällen des Kalten Krieges so nahe,
daß man diese zuversichtliche Siegesmeldung eines Autors, der als der stellvertretende
Leiter des Planungsstabes des us-amerikanischen Außenministeriums vorgestellt
wurde, mit einer nur von leisen Zweifeln eingeschränkten Hoffnung zur Kenntnis
nahm, während die These vom baldigen Ende der Geschichte im allgemeinen nicht
akzeptiert wurde. Fremdartig und herausfordernd war ja auch die Bezugnahme auf
Kojève, für den schon Napoleon das Zeitalter des auf den Ideen der
französischen Revolution beruhenden homogenen Universalstaates heraufgeführt
hatte, ein Zeitalter, das nach Kojève seine Verwirklichung in den westeuropäischen
Nachkriegsstaaten fand, welche Fukuyama seinerseits als »jene festen wohlahebenden,
selbstzufriedenen, nur sich selber sehenden, willensschwachen Staaten« charakterisiert,
»deren größtes Vorhaben nichts Heroischeres was als die Schaffung
des Gemeinsamen Marktes.« (Ebd., 1989, S. 6). Nicht Despotismus ist also
nach Kojève und Fukuyama das Kennzeichende des homogenen Universalstaates,
sondern gerade das Aufgehen aller Individuen in dem Bemühen um ökonomisches
Wohlergehen, das für Aufschwünge, Ideen und Heroismus keinen Raum läßt.
Daher ist ein resignativer Ton nicht zu überhören, wenn Fukuyama schreibt:
»Wir können den Inhalt des homgenen Universalstaats definieren als
eine liberale Demokratie im politischen Bereich, verbunden mit der mühelosen
Beschaffung von Videorekordern und Stereoempfängern im wirtschaftlichen Bereich.«
(Ebd., 1989, S. 11). Eben dieser Zustand ist aber in großen Teilen derWelt
offensichtlich nicht gegeben. Fukuyama schränkt daher seine These vom »Ende
der Geschichte« ein: In der »Dritten Welt« geht die Geschichte
weiter und spielen sich noch für unabsehbare Zeit Kriege sowie Bürgerkriege
ab, getragen von der Opferbereitschaft oder dem Fanatismus zahlreicher lndividuen,
nur in der »westlichen Welt« d h. in Westeuropa und in Nordamerika,
ist die Geschichte an ihr Ende gekommen. Der Rest der Welt ist lediglich nicht
imstande, ideologische Ansprüche zu erheben und höhere Formen der menschlichen
Gesellschaft repräsentieren zu wollen .... So werden Terrorismus und nationale
Befreiungskriege nur noch in den Randbezirken der Welt einen Platz haben. Aber
das Ende des Aufsatzes ist auf einen ganz pessimistischenTon gestimmt, der erkennen
läßt, daß Fukuyama der Gesellschaftsordnung, deren definitiven
Sieg er verkündet, keineswegs in kritikloser Bewunderung gegenübersteht.
»Das Ende der Geschichte wird eine sehr traurige Zeit sein. Der Kampf um
Anerkennung, die Bereitschaft, sein Leben für ein völlig abstraktes
Ziel einzusetzen, der weltweite ideologische Kampf, der Wagemut, Tapferkeit und
Phantasie hervorbrachte, und der ldealismus werden ersetzt durch wirtschaftliche
Kalkulationen, endloses Lösen technischer und Umweltprobleme und die Befriedigung
ausgefallener Konsumentenwünsche. In der posthistorischen Periode wird es
weder Kunst noch Philosophie geben, sondern nur mehr bloß die ständige
Pflege des Museums der Menschheitsgeschichte.« (Ebd., 1989, S. 25). Er habe
äußerst ambivalente Empfindungen, »in bezug auf die Zivilisation,
die ... in Europa geschaffen wurde mitsamt ihren nordatlantischen und asiatischen
Ablegern«, und er schließt mit der eigenartigen Vermutung, daß
vielleicht gerade die Aussicht auf kommende Jahrhunderte der Langeweile die Geschichte
wieder in Gang setzen werde. Fukuyama schreibt also ... Europa ... eine sehr große
Bedeutung zu und zählt die USA zu seinen bloßen »Ablegern«.
Aber aus einzelnen Nebenbemerkungen, die in seinem späteren Buch weiter ausführte,
geht hervor, daß für ihn die japanisch-ostasiatische Kultur mehr Zükunft
hat als die europäisch-amerikanische, weil sie Tugenden aufrechterhalte,
die in Nordamerika und Europa vergessen seien oder sogar verächtlich gemacht
würden: Fleiß, Disziplin, Respekt vor dem Alter. (Ernst Nolte,
Der kausale Nexus - Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft,
2002, S. 257-259 ).Aus
all dem läßt sich ein ganz anderes Szenario der Weltentwicklung ableiten,
wenn man einige Akzente anders setzt. Europa und die USA erscheinen dann nicht
mehr als die siegreiche, aber dekadente Spitze der Weltentwicklung, sondern als
ein zwar hochentwickelter, aber bedrängter und in einer Verteidigungsposition
befindlicher Teil der Welt; denn andere Teile der Welt formieren sich auf der
Basis ihrer uralten Traditionen neu und treten in ein Konkurrenzverhältnis
zum »Westen«, insbesondere der Islam entwickelt einen Fundamentalismus,
der die alte Idee Mohammeds vom Gegensatz zwischen dem »Kriegsgebiet«
und dem islamischen Friedensgebiet wieder aufgreift, und die Welt stellt sich
also als ein Konfliktgebiet verschiedener »Kulturen« dar, die in neuzeitlichem
Gewande alte historische Kämpfe wiederaufnehmen. Der westlichen Welt kommt
zwar ein gewisser Vorrang zu, aber sie hat längst ihre temporäre Suprematie
verloren und kann nur durch Mühe und Entschlossenheit die großen Gefahren
überwinden, die sogar ihre bloße Selbstbehauptung keineswegs gesichert
sein lassen. Ein solches Szenario schlösse natürlich einen Aufruf zur
Kampfbereitschaft in sich, und man könnte behaupten, es wandle die Feindschaft
zwischen Ideologien, welche die Ära des Kalten Krieges bestimmte, in eine
Feindschaft zwischen Kulturen und altüberlieferten Lebensformen um, während
Fukuyamas Zukunftsbild gerade den Verlust des Feindes als den neuartigsten, aber
durchaus nicht rundum positiven Tatbestand erscheinen lasse. (Ernst Nolte,
Der kausale Nexus - Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft,
2002, S. 259-260 ).Vier
Jahre nach dem Erscheinen von Fukuyamas Artikel hat in der Tat ein anderer Zeitschriftenaufsatz
dieses entgegengesetzte Geschichtsbild entwickelt und dadurch mindestens ebensoviel
Aufsehen erregt, mit dem Unterschied freilich, daß dem Autor nicht bloß
viel Kritik, sondern auch ausgeprägte Feindseligkeit begegnete. Es handelt
sich um den us-amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington
und seinen Aufsatz »The Clash of Civilizations«, der im Sommer 1993
in den »Foreign Affairs« erschien und ebenfalls später zu einem
Buch ausgearbeitet wurde. Wie Oswald Spengler
und Arnold Toynbee
unterscheidet Huntington eine Reihe von »Kulturen«, aber er läßt
deren Entwicklung nicht wie Spengler auf einen jeweils gleichartigen Zustand,
nämlich die erstarrte und seelenlose »Zivilisation« hinauslaufen,
und er sieht sie nicht wie Toynbee auf dem Wege zu einer gemeinsamen und positiven
»Weltzivilisation«, sondern er hebt die Differenzen und die Konflikte
zwischen ihnen aufs nachdrücklichste hervor. Diese Kulturen sind: die westliche,
d.h. westeuropäisch-nordamerikanische, die christlich-orthodoxe Rußlands
und einiger Teile Osteuropas, die vom Konfuzianismus bestimmte »sinische«,
die davon verschiedene japanische, die hinduistische, die islamische, die afrikanische
und die lateinamerikanische. Einen Vorrang der westeuropäisch-nordamerikanischen
Kultur sieht er darin, daß sie es war, die erstmals die »Modernisierung«
in die Welt brachte, welcher sich heute keine der anderen Kulturen entziehen kann.
Aber diese Modernisierung zerstört nicht etwa die Eigenart der anderen Kulturen,
sondern bringt neuartige, zur Selbstbehauptung, ja zum Ausgreifen entschlossene
Formen dieser Kulturen hervor, die man Fundamentalismen nennt. Als einen anschaulichen
Beweis für den Vorrang der Kulturkonflikte führt Huntington das ehemalige
Jugoslawien an, wo ... die Grenzlinien zwischen dem westlich-christlichen Abendland,
der byzantinisch-orthodoxen Welt und dem Islam ihre geschichtsbestimmende Kraft
an den Tag legten. Seine Aufmerksamkeit wendet Huntington vornehmlich dem Islam
zu, der in seinen Augen eine besonders aggressive Form des Fundamentalismus entwickelt
hat und dem gegenüber die westliche Kultur in einer Verteidigungsposition
ist, nicht zuletzt deshalb, weil die islamischen Völker des Maghreb und des
Nahen Ostens »junge Völker« sind, die den alternden Völkern
des Westens an demographischer Vitalität weit überlegen sind. Für
die Zukunft schließt Huntington daher Kriege zwischen den Kulturen nicht
aus, anscheinend nicht so sehr Kriege zwischen dem Islam und dem Westen, die ja
in der Gegenwart schon seit Jahrzehnten stellvertretend ... geführt wurden
und werden, sondern einen Krieg zwischen China und den USA. Huntington teilt also
nicht die Meinung Fukuyamas, Kriege seien nur noch in der Dritten Welt möglich
und »große Kriege« seien ausgeschlossen, er sieht vielmehr ein
langes und durchaus »geschichtliches« Zeitalter der Kulturkonflikte
heraufziehen, welches das Zeitalter der nationalen und der ideologischen Konflikte,
das 20. Jahrhundert, ablöst und doch in gewisser Weise fortsetzt. (Ernst
Nolte,
Der kausale Nexus - Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft,
2002, S. 260-261 ).Die
Gedankengänge dieser beiden Denker zeichnen große Linien, aus denen
sich ein unterschiedliches, ja gegensätzliches Selbstverständnis gerade
der Europäer ergibt, die dieses Selbstverständnis nun nicht mehr, wie
während der langen Jahrzehnte des »kurzen 20. Jahrhunderts« zwischen
1914 bzw. 1917 und 1989 bzw. 1991 aus dem Gegensatz von Liberalen
System und Totalitarismus,
von Kommunismus und Faschismus, von Sozialismus und Kapitalismus herleiten können.
(Ernst Nolte,
Der kausale Nexus - Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft,
2002, S. 261-262 ).Wer
»Interessen« als individuelle oder kollektive Neigungen versteht,
wird niemals eine konsensuelle, nicht-strategische und eben dadurch ethische Übereinstimmung
auch nur zwischen einer größeren Zahl von Individuen, geschweige denn
zwischen »allen« erzeugen. Die einzige Möglichkeit wäre
dann gegeben, wenn alle diese Individuen so sehr gleich wären, daß
es zwischen ihnen keine Differenzen der Interessen, Neigungen sowie Überzeugungen
und damit keine Herausbildung alter oder neuer Erscheinungsformen von Macht und
Autorität gäbe. So muß vor dem Auge derjenigen, welche die Konzeption
der Diskursethik zu Ende zu denken versuchen, das Schreckbild einer klonierten
Menschheit auftauchen. ... Diskursethiker ... übersehen, daß nicht
nur die bisherige Geschichte voller Verkehrungen und Paradoxien war, sondern daß
aller Vermutung nach auch die mögliche Nachgeschichte, zu deren Vorkämpfern
sie sich machen, davon nicht frei sein wird. (Ernst Nolte,
Der kausale Nexus - Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft,
2002, S. 315-316 ).Es
wäre keine größere Ungerechtigkeit, kein schlimmeres Unglück
vorstellbar, als ... wenn überall die Weltzivilisation der »Nachgeschichte«
im Hochgefühl ihres Triumphes alles vorstieße, was sie für »antimodern«
oder »archaisch« erklärt. (Ernst Nolte,
Der kausale Nexus - Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft,
2002, S. 344 ).
Die
Meinung von Johannes F. Lehmann: Der Mensch, so könnte man Fukuyama
verstehen, ist das Tier, das vergleicht. Das, was er ist und kann, vergleicht
er mit der Anerkennung, die er dafür bekommt, und sich selbst vergleicht
er mit anderen, die er übertreffen will. Diese platonisch-hegelianische Begriffskonstruktion
Fukuyamas legt ... auch Sloterdijk
(in: Zorn und Zeit, 2006), in allerdings modifizierter Form, seiner gesamten
Theorie einer Psychopolitik als eine Grundenergie unter, die den Menschen von
»seinem Stolz, seinem Mut, seiner Beherztheit, seinem Geltungsdrang, seinem
Verlangen nach Gerechtigkeit, seinem Gefühl für Würde und Ehre,
seiner Indignation und seinen kämpferisch-rächerischen Energien«
(S. 27f. )
her denkt. Sloterdijks Buch ist im Kern eine (als solche auch deklarierte) mitunter
anspielungsreiche Amplifikation jener »gedankenreichen Abschnitte des ungelesenen
Bestsellers Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?« (S. 41
)
über den Thymos (vgl. ebd., S. 203-265). Während allerdings Fukuyama
den »thymotischen Teil der Seele« (ebd., S. 252) vor allem vom Pol
des Wertvergleichs, des Anerkennungsstrebens und seiner Übersteigerungen
(»megalothymia«) her denkt, das heißt als ein Verlangen, das
als Katalysator in politischen Konflikten immer mit wirksam ist, so stellt Sloterdijk
demgegenüber den Pol des Protests und des Widerstands, des Zorns und der
Rache ins Zentrum, das heißt einen Affekt, den er als verwertbaren und speicherbaren
»Rohstoff« des Politischen zur Geltung bringen will. Sloterdijk substantiviert
den »thymotischen Seelenteil« Fukuyamas zum »Thymotischen«.
... Und Sloterdijk greift zur Beschreibung des »Thymotischen« selbst
auf die biologische Metaphorik des Organismus und des von seiner Umwelt entkoppelten
»Warmblüters« zurück, der sein mentales »Gegenstück
in den thymotischen Regungen der Einzelnen wie der Gruppen« (S. 38 )
habe .... Dennoch und bei aller Kritik im einzelnen, die Wiederentdeckung des
»Thymotischen« neben dem Erotischen (bzw. Ökonomischen) ist der
wohl wichtigste Ertrag des Buches von Sloterdijk, da er eine echte Alternative
zum Begriff der Agression darstellt und ermöglicht, die (zumeist völlig
unverstandene) Modernität von Ehr- und Wutphänomenen jenseits von Narzißmustheorien
(und ihren Zwängen  )
und auch jenseits von Destruktionstrieben zu denken. Sloterdijk und insbesondere
Fukuyama ist vorbehaltlos darin zuzustimmen, daß politische Prozesse nicht
zureichend von einer Anthropologie des verlangens vesrtanden werden können.
Gerade die jüngste Zeit bietet eine erschlagene Fülle an Beispielen
für die Rolle, die Ehre, Anerkennung und Geringschätzung in politischen
Konflikten und als Faktor ihrer Eskalation spielen. .... »Die Zornmassen
durchlaufen die Metamorphose von der blinden Verausgabung im Hier und Jetzt bis
zum hellsichtig geplanten weltgeschichtlichen Projekt einer Revolution zugunsten
der Erniedrigten und Beleidigten.« (S. 96 ).
Und das setzt voraus, daß der Zornige seinen Zorn aufschiebt, daß
er eintritt in die, wie Sloterdijk in Anlehnung an Heidegger formuliert, »existenzielle
Zeit« (S. 97 ),
in der das Dasein hingespannt ist auf den Tag des Zorns. In diesem Sinne ist es
der Zorn, der als Projektform zur Rache und zur »Bankform der Revolution«
wird, der allererst das erzeuge, was wir Geschichte nennen, und was nach dem Zusammenbruch
des Kommunismus zu Ende gegangen sei. .... Die theologlsche Konstellation von
Zorn und Ewigkeit, die durch die Erfindung des Purgatoriums eine Verzeitlichung
erfuhr, wird, so Sloterdijk, in der Moderne als Konstellation von Zorn und Zeit
zum Inbegriff der Geschichte. Dies geschieht, indem Rache und Immanenz fusionieren:
An die Stelle des göttlichen dies irae tritt als das Ende der Geschichte
der Zahltag des von der Weltbank des Kommunismus gesammelten Zorns. Diese Geschichte
von der »thymotischen Revolution des dritten Kapitels (»Die
thymotische Revolution« )
und bildet ... den Schwer- und Zielpunkt, gewissermaßen die Achse der Argumentation.
Sloterdijks Hauptkapitel folgt damit der von Historikern ... immer wieder gestellten
Forderung, die Emotionen bei der politischen Geschichtsschreibung einzubeziehen.
Nach dem Tod Gottes ist die Position der Zornsammelstelle als eines Exekutors
des Weltgerichts vakant. In diese, so Sloterdijk, rückt nun der Kommunismus
ein, der einerseits als Weltbank den Zorn der Unterdrückten sammelt und andererseits
auf den Tag der Abrechnung, der Auszahlung, der »thymotischen Rendite«
(S. 222  )
und das »letzte Gefecht« (S. 198  )
hinarbeitet. Sloterdijk unterscheidet dabei drei Stile der »Zornbewirtschaftung«,
den anarchistischen, den sozialdemokratischen und den kommunistischen und konzediert
allein letzterem die Fähigkeit, »mit einem effektiven Weltbankanspruch
aufzutreten« (S. 226  ).
.... Während der Kommunismus so als die eigentliche Zornsammelstelle, als
Weltbank der Rache erscheint, die in der Lage sei, den Zorn der Massen aufzufangen
und politisch zu instrumentalisieren, deutet Sloterdijk im Rahmen seiner programmatischen
Holocaust-Dezentrierung die im Vergleich zur Kulakenvernichtung quantitativ
(viel!) geringere Rassenvernichtung der Nationalsozialisten
- ganz im Sinne der Thesen Ernst Noltes
( )
- als Reaktion und (weitgehend) als Nachahmung der, so Sloterdijk, mit Blick auf
die Dekrete zum »roten Terror«, initialen kommunistischen Herausforderung.
(Johannes F. Lehmann ).
Noltes Buch Historische Existenz hat viele Rezensionen hervorgerufen,
u.a. auch die von Peter D. Krause (in: Etappe, Nr. 16, Dezember
2001 / Januar 2002)- hier kommentiert von Peter Töpfer: Die Spannung
der Rezension ... von Peter D. Krause ... liegt darin, daß Krause die Noltesche
»Nachgeschichte« als den »Weltstaat« und die »Weltzivilisation«
interpretieren zu müssen scheint, gleichzeitig aber offen läßt,
ob für Nolte nicht doch ein anderer Ausgang, ein anderes Ende der Geschichte,
eine andere Art »Nachgeschichte« in Betracht kommt, nämlich die
Rückkehr zur »Vorgeschichte«, deren eine Etappe etwa ein Räte-Reich
im Huchschen Sinne sein könnte. Die »Möglichkeit eines geschichtslos-paradiesischen
Endzustandes«, die »seit alters ein spekulatives Faszinosum«
sei, läßt sich nämlich auch topisch denken, und nicht nur utopisch-globalistisch.
.... »Wird die Posthistorie die Wirklichkeit des uralten utopischen Traumes
sein oder am Ende dessen Gegenteil?«, fragt Krause. Genau so
gut kann sie aber auch eine Topisierung, Reloziierung, Dezentralisierung, anthropologische
Rückorientierung, eine »wirkliche Erneuerung« und eine Rückkehr
zum »Grundwillen des Volkes« (Ricarda Huch) sein bzw. eine »Balkanisierung
und Rückverdummung«, wie es die Pogo-Anarchisten sagen, die in ihrem
100-Tage-Programm ein »Deutschland in den Grenzen des Heiligen Römischen
Reiches von 1237« fordern. .... Nachgeschichte oder Ausstieg aus der Geschichte
heißt nicht ... Aufgabe der eigenen Interessen, sondern im Gegenteil radikalisierte
Wahrnehmung derselben. .... Wir als zivilisationsungläubige Zivilisationszwangsteilnehmer
verlassen zugunsten einer Kommunikation mit den Zivilisierten und Gebildeten unser
Hier & Jetzt und gehen als Paläo- und »Urkonservative« (Ernst
Jünger ;
vgl. auch: Karlheinz Weißmann, Anarchie von rechts, 1998, S. 39 )
in unserer Beschreibung von Anarchie sowohl zurück in die »Vorgeschichte«
als auch als Erzprogressive nach vorn in eine Welt, die sich immer weiter aufklärt
bzw. sich wieder- und rückaufklärt. Wir orientieren uns – geschichtlich
ausgedrückt – an beiden Extremen .... Warum nicht die Geschichte einfach
verlassen ...? Wir Anarchisten knüpfen direkt an die »Vorgeschichte«
an, ohne von ihr überhaupt etwas zu wissen. Wir sind ungeschichtlich und
lassen folglich auch irgendeine »Nachgeschichte« ausfallen. »So
ist zu hoffen, daß das alte Mantra: Erkenne Dich selbst hier
(im Wiederaufleben der Vorgeschichte) eine neue Werkstatt und Meisterschule finden
wird.« (Ernst Jünger, An der Zeitmauer, in: Gesammelte Werke,
S. 495 ).
Wobei dem »Erkennen« unbedingt eine transkognitive Bedeutung beigemessen
werden muß. Und Nolte weiß: »Eine extreme Form des Selbstbewußtseins
(kann) gerade den Ausstieg aus der Geschichte implizieren.« (Ernst Nolte,
Historische Existenz, 1998, S. 30 ).
Wir sind diese extreme Form und betreiben diesen Ausstieg. Die Geschichte ist
eine wirre und eklige Sekunde, ein kurzer sozialer Orkan in der ewigen Zeit, die
so schnell und so gründlich wie möglich vergessen sein soll. Ein bißchen
»Mut zur Übernahme einer nachgeschichtlichen Existenz«!,
wie Nolte Oswald Spengler ( )
wiedergibt, der Nolte zufolge »sehr mißverstanden« worden sei.
»Untergang bedeutete für Spengler eben keineswegs Niederlage
oder Zusammenbruch, sondern den Übergang in die Nachgeschichte .…«
(Ebd., 1998, S. 44 ).
(Peter Töpfer, Reich und Anarchie, in: Etappe, Nr. 16, Dezember 2001
/ Januar 2002; vgl. Nationalanarchismus).
Wenn ich Noltes Historische Existenz richtig verstanden und dabei
das für den Untertitel (Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?)
so wichtige Fragezeichen im Gedächtnis behalten habe, dann sucht er mit Hilfe
historischer Existenzialien eine Antwort auf die Frage, ob die Geschichte
zu Ende sein kann oder nicht, genauer: ob die Geschichte im engeren Sinne
(!!!)
zu Ende sein kann oder nicht. Denn Nolte unterscheidet zwischen Geschichte
im engeren Sinne und Geschichte im weiteren Sinne (d.h.: anthropologische
Geschichte). Er kann gerade deshalb darüber philosophieren, ob die Geschichte
im engeren Sinne zu Ende sein könnte oder nicht, weil die Geschichte
im weiteren Sinne auch die Vorgeschichte und die Nachgeschichte
umfaßt und darum zumindest im »anthropologischen« Sinne nicht
zu Ende sein kann (vgl. ebd., S. 683 ).
Die Frage nach dem Ende der Geschichte im engeren Sinne ist nicht eindeutig
zu beantworten und wird auch m.E. von Nolte nicht eindeutig beantwortet, schon
gar nicht die, ob bereits die Gegenwart Teil der Nachgeschichte sei.
Laut Nolte sind zwar einige der historischen Existenzialien bis heute
stark verändert worden, aber nicht einmal ein einziges von ihnen ist bis
heute verschwunden. Diese Tatsache ist für Nolte ein Indiz dafür, daß
die Nachgeschichte noch nicht begonnen hat (vgl. ebd., S. 682 )!Laut
Nolte ist es zulässig, einen engeren Begriff der Geschichte von
einem weitesten zu unterscheiden und ihm sowohl Vor- wie Nachgeschichte
entgegenzustellen, so daß es sinnvoll ist, in dieser Bedeutung nach der
historischen Existenz und deren Grundbestimmungen zu fragen. (Ernst Nolte,
Historische Existenz, 1998, S. 683 ).
Und im Umkreis der Jahrtausendwende, die ja noch
bevorstand, als Nolte seine Historische Existenz schrieb (1998), sei ein
besonders günstiger Standort gegeben. Von hier aus lassen sich im Rückblick
die großen Kämpfe des 20. Jahrhunderts besser und angemessener begreifen,
wenn sie als die letzten Kämpfe der Geschichte in dem engeren Sinne verstanden
werden, und zwar als Kämpfe um die Geschichte, die von den Protagonisten
im Bewußtsein des Ungeheuerlichen des Umbruchs gegen oder für »die
historische Existenz« geführt wurden, jedoch so, daß beide Seiten,
jeweils mit ihrem Gegenteil behaftet, am Ende scheiterten. (Ebd., S. 683
).
Doch jetzt das ABER! Im Vorblick aber ist keinerlei
Sicherheit zu gewinnen: Es mag sein, daß die Menschheit, in Verfolgung der
kurzfristigen Interessen der immer zahlreicheren Individuen, am Ende nach Analogie
von Naturvorgängen wie des Schicksals der Ziegen auf der Insel Fernando Póo
( )
schließlich den Hungertod (besser den Erstickungstod) erleiden muß;
es mag sein, daß sie ganz im Gegenteil in weniger als einem Jahrtausend
buchstäblich ausstirbt, weil alle Individuen, nicht nur diejenigen des Okzidents,
die »Selbstverwirklichung« der Erfüllung von Gattungsaufgaben
vorzuziehen gelernt haben; es mag sein, daß die pragmatische Vernunft sich
als stark genug erweist, einer begrenzten Anzahl von Individuen und kulturellen
Identitäten ein freundschaftliches, wenngleich schwerlich konfliktfreies
Neben- und Miteinander unter strikter Ausschließung aller Vernichtungsforderungen
zu ermöglichen ( );
es mag sein, daß jene unterschiedslose Weltstadt aus puren Individuen Wirklichkeit
wird, die in Gestalt einiger Angehöriger oder sogar als ganze eines Tages
die Erde für die Dauer verläßt; ein Wissen von dieser Zukunft
ist uns verwehrt. (Ebd., S. 683-684 ).
Wie gesagt: Auch Nolte findet keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem
Ende der Geschichte im engeren Sinne, und die Geschichte im weiteren
Sinne kann bekanntlich nicht zu Ende sein, denn: Der Mensch, so sagten
wir, ist das zur Welt hin geöffnete, das transzendentale Wesen. Als solches
kann und muß er Geschichte haben, und in dieser, der anthropologischen Geschichte,
bleibt er, solange er existiert. (Ebd., S. 683 ).
Fassen wir zusammen: Die Geschichte im weiteren Sinne kann nicht zu Ende
sein, solange der Mensch existiert, und die Geschichte im engeren Sinne
kann nicht zu Ende sein, solange alle bisherigen historischen Existenzialien
existieren. Bis heute ist noch nicht einmal ein historisches Existenzial
verschwunden. Schon allein deshalb kann auch die Geschichte im engeren Sinne
noch nicht zu Ende sein!Bisher hat es noch kein Mensch vermocht, das
Ende der Geschichte im engeren Sinne zu bestimmen. Für manche ist
dieses Ende erst der Beginn, für andere liegt es bereits hinter uns. Vielleicht
war ja die Geschichte im Sinne Hegels schon mit Hegel an ihr Ziel gekommen,
nämlich im Sinne eines Fortschritts im Bewußtsein der Freiheit
(in den 1930er Jahren hatte z.B. Kojéve das Ende der Geschichte
auf das Erscheinungsjahr von Hegels Phänomenologie des Geistes datiert:
1807 [ ]).
Für Oswald Spengler ist die Nachgeschichte, die
er »Zivilisation« nennt und allerdings auf einzelne Kulturen begrenzt,
mit negativem Akzent nicht minder ein Thema als mit positiver Betonung für
Arnold Toynbee und Karl Jaspers. (Ernst Nolte, Historische Existenz,
1998, S. 597 ).
In Spenglers Modell ist nicht vom Ende der Geschichte die Rede, sondern vom jeweiligen
Ende der Geschichte der 8 Kulturen ( ).
Laut Spengler endet die je spezifische Geschichte einer Kultur wegen zivilisatorischer
Vergreisung - das heißt z.B. für die abendländische Kultur: Geschichtsloses
Erstarren ... nach 2200. (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes,
1917, S. 70 ).
Glaubt man Fukuyama, dann könnte die Geschichte im Sinne Hegels bereits
1989 geendet haben ( ).
Peter Sloterdijk sieht in Fukuyamas Werk:die
Wiedergewinnung einer authentischen politischen Psychologie auf den Grundlagen
der wiederhergestellten Eros-Thymos-Polarität. Es liegt auf der Hand, daß
eben diese politische Psychologie (die wenig mit der sogenannten »Massenpsychologie«
und anderen Anwendungen der Psychonalyse auf politische Objekte zu tun hat) durch
den Gang der Dinge ins Zentrum des aktuellen Bedarfs an neuen theoretischen Orientierungen
gerückt wurde. .... Die zeitdiagnostische Lektion, die sich in The End
of History verbirgt, ist also nicht von dem Titelslogan abzulesen, der, wie
bemerkt, nur eine geistreiche Auslegung der Hegelschen Philosophie durch Alexandre
Kojève aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zitiert (welcher
seinerseits das »Ende der Geschichte« auf das Erscheinungsjahr von
Hegels Phänomenologie des Geistes 1807 datiert hatte). Sie besteht
in einer aufmerksamen Beobachtung der Prestige- und Eifersuchtskämpfe zwischen
Bürgern der »freien Welt«, die gerade dann in den Vordergrund
treten, wenn die Mobilisierung der zivilen Kräfte für Kämpfe an
äußeren Fronten aufgehört hat. Erfolgreiche liberale »Demokratien«,
erkennt der Autor, werden aufgrund ihrer besten Leistungen immer von Strömen
frei flottierender Unzufriedenheit durchzogen sein. Dies kann nicht anders sein,
weil Menschen zu thymotischer Unruhe verurteilt sind, und »letzte Menschen«
mehr als alle übrigen .... (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit - Politisch-psychologischer
Versuch, 2006, S. 65-67 ).
  
| Thymos ist für Fukuyama nichts
anderes als der psychologische Sitz des Hegelschen Strebens nach Anerkennung
(Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, 1992, S. 233); dieses ist der
eigentliche Motor der Menschheitsgeschichte (ebd., S. 229). Hegelsches
Geschichtsbild und platonisch-hegelianische Begriffskonstruktionen, vor allem
was eben das Thymotische angeht, sind also die Hauptmerkmale, an denen sich Fukuyama
orientiert und aus denen er seine Thesen ableitet, ebenso Sloterdijk in seinem
Werk Zorn und Zeit (Untertitel: Politisch-psychologischer Versuch;
2006), und beide, Sloterdijk und Fukuyama, sind auch von Nietzsche, Sloterdijk
zusätzlich von Heidegger beeinflußt. Wie Nolte!Mit
deutlicher Sympathie für die These Ernst Noltes betont Sloterdijk die Vorgängerfunktion
des Linksfaschismus gegenüber den faschistischen »Nationalbanken«
des Zorns, so Jens Bisky, der ebenfalls in Hegel den Grund dafür sieht,
daß sowohl Sloterdijk als auch Fukuyama in gut hegelianischer Wendung
meinen, Geschichte geschehe nur in der Form der Tragödie oder des Epos.
Die vielen Geschichten, und sei es die, wie mit »hämischer Mittellosigkeit«
das World Trade Center zerstört wurde, ergeben keine Geschichte als Weltgericht.
(Jens Bisky, in: Süddeutsche Zeitung, 04.10.2006 ). | Ob
das Historiker auch so sehen? Obwohl: Viele unserer heutigen Historiker
sind doch schon gar keine Historiker mehr, sondern nur noch Prediger - Prediger
einer Neu-Religion, die ebenfalls bereits seit 1789 immer mehr dabei
ist, sich durchzusetzen. Ob nun die seit 1789 unaufhörlich drohende Revolution
oder nur der Kommunismus (der ja eine rein westliche Erfindung und laut Sloterdijk
ein säkularisierter Katholizismus, ansonsten aber ganz sicher ein linker
Totalitarismus als Antithese [ ]
im Sinne Hegels ist) oder sogar die Geschichte im Sinne Hegels zu Ende gegangen
ist oder nicht bzw. aufgehoben ( )
im Sinne Hegels ist oder nicht, und ob heute Hegel selbst so voreilig wie manche
heutige Zeitgenossen das Ende der Geschichte als Tatsache behaupten würde,
darf ja auch bezweifelt werden. Vieles dabei hängt ja nur von der Definition
von Geschichte ab. 
Einer der phantastischsten Texte der Philosophiegeschichte hat
sich als der realistischste erwiesen: Also sprach Zarathustra. Schon die
Vorrede inszeniert die »Posthistorie«, also die Zeit nach dem Ende
der Geschichte und des Hegelschen
Menschen. Nietzsche
zeichnet dort den Letzten Menschen als Gegenteil des Übermenschen. »Was
ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?
- so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und
auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist
unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. Wir
haben das Glück erfunden - sagen die letzten Menschen und blinzeln.«
(Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, 1883-1885, S. 13). So steht
der Letzte Mensch zwar für das Ende des Menschen, doch dessen Verschwinden
in der Spur des toten Gottes hat für Nietzsche nichts Eschatologisches. »Posthistorie«
ist als Zeit des Endes der Geschichte kein endgeschichtlicher Begriff. Gerade
der Letzte Mensch wird am längsten leben. Seine Arbeit der Nivellierung zielt
auf den Insektentypus, den die großen Ameisenbauten der modernen Städte
fordern. Diese totale Uniformierung, die Abschleifung zum Sand der Menschheit,
hat Nietzsche dem Christentum und der Demokratie zur Last gelegt. Und so sieht
er die Menschen der drohenden Zukunft: Alle sehr gleich, sehr klein, sehr
rund, sehr verträglich, sehr langweilig. Ein kleines, schwaches, dämmerndes
Wohlgefühl über alle gleichmäßig verbreitet, ein verbessertes
und auf die Spitze getriebenes Chinesentum.« (Friedrich Nietzsche, Sämtliche
Werke , Band IX, S. 73). Warum betont Nietzsche, daß die Letzten Menschen
das Glück nicht gefunden, sondern erfunden haben? Das soll besagen, daß
es sich um die Narkose der kleinen Gifte und Rauschmittel handelt. Und diese Drogen
betrügen den Menschen um seine letzten Kräfte nämlich die Sehnsucht
und die Verachtung. So charakterisiert Nietzsche den Grundvorgang der Moderne
als geistige Versklavung durch die langsam fortschreitende Behaglichkeit des Wohlstands.
(Norbert Bolz, Das
Wissen der Religion, 2008, S. 53 ).Um
1900 verbreitete sich der Eindruck, daß die westliche Zivilisation in eine
Endphase der Kristallisation eingetreten ist. Ein bloß noch biologisches
Auf und Ab ersetzt die Geschichte, die Form erstarrt zur Formel und der Lebensstil
versteinert zum Typus. So hat Oswald Spengler den Faust des II. Teils als Herold
der traumlosen Erstarrung begrüßt und die Lehre von der Entropie als
säkularisierte Götterdämmerung verstanden. Ist die kristalline
Zivilisation erst einmal in ihrem Grundriß fertig, so gibt es keine Geschichte
mehr, sondern nur noch das Kaleidoskop der »Posthistorie« - eine Welt
fortwährender Veränderungen, in der nichts anders wird. (Norbert
Bolz, Das Wissen
der Religion, 2008, S. 53-54 ).Auch
Alexandre Kojève, der geniale Hegelianer, dem die Nachkriegsintelligenz
von Paris zu Füßen saß, hat als Fazit seines Hegelstudiums die
»Posthistorie« verkündet: Geschichte im emphatischen Sinn ist
zu Ende. Der große Philosoph Hegel hat gedacht, was zu denken war. Und der
große Staatsmann Napoleon hat die revolutionären Energien zum Bestand
der Welt universalisiert, mit dem nun zu rechnen ist. Von nun an entleert sich
das geschichtliche Geschehen bis zum reinen Als-ob. Alles geschieht nur noch,
als ob etwas geschehe. Die Fülle der Ereignisse gehorcht einem stabilen Pattern.
Jetzt ist der Prestigekampf um Anerkennung gewonnen, die Knechte sind seit der
französischen Revolution gleiche Bürger, von denen die Macht
ausgeht. Wir entfalten nun die Paradoxie der Demokratie als einer Herrschaft ohne
Herrscher und Beherrschte. Es gibt keinen Grund und Ansatzpunkt mehr für
»Negativität«. Nun beginnt die »Posthistorie« ; der
nachgeschichtliche Mensch betritt die Weltbühne. Hören wir Kojève
selbst: »Was verschwindet, ist der Mensch im eigentlichen Sinn. Das Ende
der menschlichen Zeit oder der Geschichte bedeutet ja ganz einfach das Aufhören
des Handelns im eigentlichen Sinn des Wortes. Das heißt praktisch: das Verschwinden
der Kriege und blutigen Revolutionen. Und auch das Verschwinden der Philosophie;
denn da der Mensch sich nicht mehr wesentlich selbst ändert, gibt es keinen
Grund mehr, die Grundsätze zu verändern, die die Basis der Welterkenntnis
und Selbsterkenntnis bilden. Aber alles übrige kann sich unbegrenzt erhalten:
die Kunst, die Liebe, das Spiel.« (Alexandre Kojève, a.a.O., S. 286f.).
So Alexandre Kojeve schon in den frühen 1950er Jahren. Er hat selbst radikale
Konsequenzen aus dieser Diagnose gezogen und seine wissenschaftliche Karriere
beendet. Denn wenn die Geschichte am Ende ist, endet auch die »große
Politik« - und damit ist auch die Philosophie am Ende. Kojève wurde
Beamter in der Europäischen Gemeinschaft. (Norbert Bolz,
Das Wissen der Religion, 2008, S. 54 ).In
der Grunddiagnose herrscht eine verblüffend große Einigkeit unter den
Denkern. Der berühmte Buchtitel Francis Fukuyamas
- Das Ende der Geschichte und der Letzte Mensch - faßt ja ganz einfach
die Positionen Hegels
und Nietzsches
zusammen. Diese Welt hat dann Max Weber als »Gehäuse der Hörigkeit«
definiert. »Verwaltete Welt« (Theodor W. Adorno), »technischer
Staat« (Helmut Schelsky) und das »Gestell« (Martin Heidegger)
sind nur verschiedene Namen für das Endprodukt eines spezifisch modernen
Prozesses, den Arnold Gehlen auf den Begriff der »kulturellen Kristallisation«
gebracht hat. (Norbert Bolz,
Das Wissen der Religion, 2008, S. 54-55 ).Es
gibt heute weder Herr und Knecht noch Freund und Feind. »Posthistorie«
ist das Weltalter der Langeweile - obwohl doch so unendlich viel geschieht! Ja,
es ist gerade die Stabilitätsbedingung dafür, daß wir ertragen,
daß sich alles ständig ändert. Und all die Spielereien der »Postmoderne«
haben die Theorie die »Posthistorie« seither bestätigt: sei es
die operative Magie liturgischer Formen, die Dekonstruktivisten betört, sei
es das »Raffinement des Aufregungs - und Betäubungsbedürfnisses«
der Vielen, von dem Nietzsche so hellsichtig gesprochen hat. (Vgl. Friedrich Nietzsche,
Sämtliche Werke , Band XII, S. 118). Diese Betäubungsbedürfnis
befriedigt gerade auch das Wohlfühlchristentum. Jeder kennt Marxens Formel
von der Religion als Opium des Volkes. Aber auch Nietzsche hat von einem »opiatischen
Christenthum« gesprochen. (Vgl. Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke
, Band XII, S. 138). Gemeint ist: Nicht Religion selbst ist Opium, sondern
die Letzten Menschen machen aus Religion ein Opiat. Sie benutzen das Christentum
als Droge, zur Beruhigung der Nerven. Jede Spur der christlichen Erschütterung
ist sorgfältig getilgt Man denke dagegen an Kierkegaard und seine Erfahrung
der Unmenschlichkeit Gottes: Gott quält die Menschen - für einen Griechen
muß es so aussehen, als würde sich Gott am Leiden der Menschen delektieren.
Christlich leben ist die Hölle auf Erden. Gottes Liebe macht den Geliebten
unglücklich. Das Subjekt der »Posthistorie« ist der Mensch als
Haustier des Menschen. Übersetzt in den politischen Alltag heißt das:
Die Letzten Menschen Nietzsches sind die Gutmenschen. Ihr Paradies ist Schweden.
Wohlgemerkt geht es hier nicht um das Land Schweden (von dem der Autor dieser
Zeilen keine Erfahrung hat), sondern um das sozialdemokratische Vorbild Schweden
(dessen Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit vielleicht nur Schweden beurteilen
können). Das ist »die Welt des fröhlichen Roboters»,
von dem Helmut Schelsky hat. (Vgl. Helmut Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit,
1979, S. 467). Daß es fröhliche Roboter und glückliche Sklaven
gibt, ist kein Huxley-Phantasma, sondern die schlichte Konsequenz eines Utilitarismus,
der keinen Sinn für Freiheit hat. Und heute scheint der Schlaf der wohlfahrtsstaatlichen
Vernunft das Ungeheuer einer Welt als Kinderkrippe und Altersheim zu gebären.
In dieser Welt herrscht das Rentnerideal freiwilliger Knechte, die Nietzsche mit
größter Präzision als »die autonome Heerde« beschrieben
hat. (Vgl. Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke , Band V, S. 125).
Dann gilt aber: Menschlich ist das, was der Mensch nicht mehr ist. (Norbert
Bolz, Das Wissen
der Religion, 2008, S. 55 ).Für
eine derartige Beschreibung der modernen Gesellschaft stand früher ein scharfer
diagnostischer Begriff bereit: Dekadenz. Man faßt ihn aus guten Gründen
heute nicht mehr gerne an. Denn sein Gegenbegriff lautet Wille zur Macht; so wie
der Gegenbegriff zum Letzten Menschen ja der Übermensch ist. Das Potential
des Schreckens, das beide Begriffe, Übermensch wie Wille zur Macht, in sich
bergen, ist Geschichte geworden. Deshalb kann man auch an ihre Gegenbegriffe schlecht
anschließen. Aber es gibt eine katechontische Fassung des Begriffs Dekadenz:
Niedergang ist der Preis, den wir für das Aufhalten des Untergangs zahlen
müssen. Diese Bereitschaft, den Niedergang zu akzeptieren, um den Untergang
hinauszuzögern, scheint heute weit verbreitet zu sein. Dekadenz wird nicht
als Not, sondern als lebenskluge Bequemlichkeit erfahren. Und man muß schon
Philosophen oder Psychoanalytiker bemühen, um hier überhaupt ein Bewußtsein
dafür zu wecken, daß dieses Leben nicht lebt. Die fröhlich konsumierenden
Roboter spüren nichts von dem, was Heidegger die »Not der Notlosigkeit«
nannte (vgl. Martin Heidegger, Gesamtausgabe, Band 65, S. 237) - ist es
das, was der Begriff Dekadenz einmal meinte? (Norbert Bolz,
Das Wissen der Religion, 2008, S. 55-56 ).
Oswald
Spengler ( )
stellte bekanntlich dem langsamen Erlöschen der geistigen und künstlerischen
Kräfte des Abendlandes und seiner Ableger die immer noch andauernden schöpferischen
Fähigkeiten der faustischen Abendländer im Bereich ihrer modernen Technik
entgegen. Hierin werde das Abendland, darin war Spengler überzeugt, noch
lange Zeit einen unaufholbaren Vorsprung besitzen. Aber eben nur dann, wenn die
Gefahr einer Überwältigung durch die weiße Weltrevolution
( ),
die farbige Weltrevolution ( ),
das Bündnis beider ( )
und einer allzu raschen Aneignung der modernen Technik durch die nichtabendländischen
Völker rasch erkannt und mit entschlossen durchgeführten Gegenmaßnahmen
bekämpft werde. (Gunnar Heinsohn sagte 2006 im Philosophischen Quartett,
Europa habe nur noch die Möglichkeit, sich als Festung zu verteidigen: und
ich weiß nicht, ob Europa das kann. ).
Spenglers Prophezeiung einer kommenden globalpolitischen
Konfrontation, die sich vor allem an der Linie der kulturellen Differenz abspielen
werde, ist eingetroffen. Wir wissen heute, daß sich - sogar nach dem
Ende der Ost-West-Spaltung und des Kalten Krieges - eben keine »einheitliche«
Welt, kein Weltstaat, kein »ewiger Frieden«, auch keine kulturell
nivellierte, »amerikanisierte« Einheitswelt herausgebildet hat, trotz
aller ökonomischen »Globalisierung«. Das »Ende der Geschichte«
( ),
die Auflösung historischer Existenz im Zuge eines universal agierenden Liberalismus,
ist bis heute tatsächlich ausgeblieben. Die von Nietzsche prophezeiten »letzten
Menschen«, die »in der Sonne blinzeln« und sagen »Wir
haben das Glück erfunden«, sind - obwohl dieser Typus sich in den 1990er
Jahren hier und da bereits anzukündigen schien - noch nicht auf der Bildfläche
der Gegenwart erschienen. Die fundamentalen kulturellen Differenzen zwischen den
verschiedenen Kulturkreisen bestehen weiterhin mit unverminderter Schärfe
fort, vor allem zwischen der europäisch geprägten und der islamischen
Welt. Und es sieht nicht so aus, als ob sich daran in absehbarer Zukunft etwas
ändern sollte. Das bedeutet aber: Der entscheidende Faktor der heutigen Weltpolitik
ist und bleibt vorerst die Tatsache der kulturellen Fragmentierung der Welt und
der sich daran anschließenden politischen Konflikte. Wie immer man die Ursachen
dieser Konflikte auch deuten mag: als Konfrontation eines religiös-kulturellen
»Fundamentalismus« mit der »aufgeklärten Welt« des
Westens oder doch wohl treffender (und zugleich neutraler) als »Zusammenstoß
der Kulturen« ( )
- es handelt sich um ein Faktum, das Spengler ... bereits präzise vorausgesehen
und wenigstens in seinen Umrissen beschrieben hat, freilich mit den Begriffen
seiner damaligen Gegenwart und unter Bezugnahme auf die seinerzeit unmittelbar
drängenden Zeitprobleme. Was man von Spengler auch heute noch lernen kann,
was also von seinem politisch-publizistischen Werk bleibt, das ist die Einsicht
in die Unhintergehbarkeit und auch in die Unüberwindbarkeit der Konflikthaltigkeit
der politischen Existenz des Menschen. Solange Menschen unterschiedlichen Kulturen
angehören und sich dessen auch bewußt sind, so lange wird es keine
Einheitswelt geben, so lange wird es Konkurrenzkämpfe und in der Regel auch
gewaltsame Konflikte zwischen den Angehörigen der verschiedenen, miteinander
konkurrierenden Kulturkreise geben. Denn auch das hat Spengler gelehrt: Zwei Kulturen
mögen sich noch so sehr annähern - eine letzte, unüberwindbare
Schranke bleibt immer bestehen. Das vermeintlich allen gemeinsame »Menschliche«
kommt nur dort zum Tragen, wo es um die »Natürlichkeit« des Menschen
geht. Kommt die »Kultur« ins Spiel, dann beginnt der Konflikt, weil
Kulturen jeweils zeitlich und räumlich gebunden, daher grundsätzlich
verschieden sind und letztlich fundamental voneinander differieren. Daraus folgt
nun keineswegs zwingend, daß es für alle Zukunft eine agonale, eine
»kriegerische« Welt geben muß, daß die Menschen, so lange
sie existieren werden, sich immer wieder gegenseitig zu vernichten trachten. Aber
daraus folgt, daß es Frieden und Eintracht, wenn überhaupt, nur in
der von allen gemeinsam erkannten und bewußt ausgehaltenen, bewußt
akzeptierten Differenz geben wird. Hierin liegen die Grenzen des Universalismus
und erst recht diejenigen der »Globalisierung«. Und darin liegt auch
die Unmöglichkeit des Verzichts auf »Politik«, auch des Verzichts
auf »Weltpolitik« in einem durchaus traditionell gemeinten Sinn. Noch
für unsere Gegenwart gilt unverändert - vielleicht mehr denn jemals
zuvor - die Warnung, die Spengler formulierte: »Der Verzicht auf Weltpolitik
schützt nicht vor ihren Folgen« ( ).
(Peter R. Hubert, Kulturtheorie und Kulturkonflikt, in: Sezession-Sonderheft,
Mai 2005, S. 18 ).Daß
eine Rezeption der Spenglerschen Thesen auch bei einem breiteren us-amerikanischen
Publikum existiert, wird schon anhand eines Blicks auf die us-amerikanische Presselandschaft
deutlich. Am Rand der großen Debatten treten dort bestimmte Verweise, Diskussionen
und direkte Bezüge auf Spengler sporadisch an die Oberfläche. Mit der
Leserbriefüberschrift Spengler was right reagierte im September
1996 ein Leser des Spectator auf eine gegen Spengler gerichtete Polemik
mit einer genauen Darlegung und Richtigstellung der von Spengler vorgelegten Zeittafeln
und ihrer Übereinstimmung mit der eingetretenen Entwicklung. In einem weiteren
Leserbrief wurde die Ignoranz gegenüber dem Werk Spenglers angeprangert,
der schon vor dem Ersten Weltkrieg die heutige Situation vorausgesagt habe. Spenglers
Prophezeiung von der Allianz der Unterklassenanarchie und dem Aufstand der farbigen
Völker sei eine exakte Vorwegnahme der gegenwärtigen Bewegung für
eine antirassistische und multikulturelle Gesellschaft. In einem langen Artikel
der Kansas City Post vom 4. Dezember 2004 wird die christliche Apokalypse
( ),
die im Ideengut der religiösen Rechten einen großen Stellenwert besitzt,
in ein Verhältnis gesetzt mit der Gestalt der von Spengler beschriebenen
Spätzivilisation. Der Autor sieht in der Gegenwart deutliche Zeichen für
die Erfüllung von Spenglers Prophezeiung. Der demographische Niedergang Europas
und das Anwachsen muslimischer Minderheiten in Europa werden, Spengler folgend,
in Analogie zur Entvölkerung und Neubesiedlung des römischen Territoriums
in der Spätantike interpretiert. Nach dem 11. September 2001 konstatierte
Oliver Bennett im New Statesman, der Pessimismus sei zur vorherrschenden
geistigen Grundhaltung aufgestiegen und hätte die Progressionstheorien der
Aufklärung endgültig abgelöst. Diese geistige Depression habe bereits
in den 1960er Jahren eingesetzt und seine wichtigsten Vordenker seien Oswald Spengler
und Sigmund Freud. Gerade in akademischen Kreisen blühe der intellektuelle
Pessimismus in Form der postmodernen Wertekritik, der sich zu einer der mächtigsten
Kräfte des herrschenden Zeitgeistes aufgeschwungen habe. Der intellektuelle
Optimismus sei in die Defensive geraten. Francis Fukuyama sei mit seiner These
vom Ende der Geschichte einer der letzten einflußreichen, gegen den Strom
der Degenerationstheoretiker schwimmenden Denker. ( ).
Fukuyama kann man mit Blick auf seine Werke der 1990er Jahre tatsächlich
als liberalen Gegenpol zur Spenglerschen Geschichtsbetrachtung ansehen, doch in
seinen Arbeiten seit Beginn des 21. Jahrhunderts (wohl nicht zufällig) zeigen
sich sogar Parallelen zu Spenglers zyklischer Geschichtsbetrachtung. Der Optimismus
von Fukuyama ergibt sich nicht wie unterstellt aus einem einseitig linear-progressiven
Geschichtsbild, sondern daraus, daß er von kürzeren Zyklen der kulturellen
Degeneration und sittlichen Erneuerung ausgeht. Der Prozeß, der bei Spengler
ein Millenium umfaßt, ist bei Fukuyama auf hundert bis hundertfünfzig
Jahre verkürzt. In seinem Buch Der Große Aufbruch (2000
)
beschreibt Fukuyama die Dekadenzerscheinungen der westlichen Gesellschaft, den
Rückgang der Geburtenraten, den Anstieg der Kriminalität, den Verfall
der Familie und den Verlust von Sozialkapital. Eine ähnliche Entwicklung
habe sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen, die dann durch
neue Formen der sozialen Disziplinierung in der Viktorianischen Ära überwunden
worden sei. In den 1950er Jahren habe der in den 1920er Jahren erst nur in der
Elite einsetzende moralische Bruch langsam die gesamte Gesellschaft erfaßt,
die Gegentendenzen seien jedoch schon klar erkennbar und würden in der ersten
Hälfte des 21. Jahrhunderts quasi zu einem neuen Viktorianischen Zeitalter
führen, womit erneut ein kulturhistorischer Zyklus seinen Anfang nehme. Ein
von Fukuyamas abweichendes Zyklenmodell legte der Historiker Paul Kennedy in seinem
Werk Aufstieg und Fall der großen Mächte dar. Kennedy sieht
die Weltgeschichte als ewigen Prozeß des Auf- und Abstiegs von Großmächten,
bedingt durch die Spannung zwischen der Begrenztheit ökonomischer Ressourcen
und die Anforderungen hegemonialer Expansion. Der Niedergang eines Reiches kann
durch geschickte Politik zwar hinausgezögert, jedoch langfristig nicht verhindert
werden. Kennedys Argumenten kam in der Abrüstungsdebatte und der Diskussion
über die Überforderung des US-Haushalts und der us-amerikanischen Wirtschaft
besonders in der Clinton-Ära eine gewisse Bedeutung zu. Neben Vorstellungen
von kultureller Degeneration und der Popularität zyklischer Geschichtsbilder
gewann noch ein drittes Element des Spenglerschen Denkens seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs an Bedeutung. Der Kulturdeterminismus, also die Vorstellung, daß
alle politischen, ökonomischen und ideologischen Entwicklungen durch einen
kulturellen Rahmen mehr oder weniger vorgegeben sind, korrespondiert dabei mit
dem Kulturrelativismus, der Idee nebeneinander existierender Wertesysteme, die
nur aus sich selbst heraus verstanden werden dürfen und einen universellen
Wertekonsens unmöglich machen.Die neuen Immunitätstechniken
(in ihrem institutionellen Zentrum: die Privatversicherungen und Pensionfonds,
an ihrer individuellen Peripherie: Diätetik und Biotechnik) empfehlen sich
als Existentialstrategien für »Gesellschaften« aus Einzelnen,
bei denen der lange Marsch in die Flexibilisierung, die Schwächung der »Objektbeziehungen«
und die generelle Lizensierung von untreuen oder reversiblen Verhältnissen
zwischen Menschen zum »Ziel« geführt haben - zu dem von Spengler
richtig prophezeiten Endstadium jeder Kultur: jenem Zustand, in dem es unmöglich
ist zu entscheiden, ob die Einzelnen tüchtig oder dekadent sind (aber tüchtig
in welcher Hinsicht und dekadent in bezug auf welche Höhe?). Es ist der Zustand,
in dem den Individuen die Fähigkeit zur exemplarischen Fähigkeit zur
Weltbildung abhanden gekommen ist. (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum
des Kapitals, 2005, S. 241-242).Der sich auch
immer wieder mit dem Ende der Geschichte beschäftigende und dabei
auf Hegel, Nietzsche, Spengler und Heidegger beziehende Sloterdijk scheint hin-
und hergerissen zu sein, was dieses Thema angeht, denn er befürwortet sie
und befürwortet sie nicht. Wenn er der Nicht-Befürwortung (vgl. den
Beispiel-Text )
die Befürwortung vorzieht, dann beispielsweise so: Was den Nutzen der
Geschichte für das Leben angeht, besteht er nach 1945 vorrangig darin, die
Akten für altfällige Schadenserhebungen zuzsammenzutragen. Die moralisierte
Historie nennt Adressen für die Rückkehr der Opfer zum Tatort - wo sie
hoffen, die ebenfalls zurückgekehrten Täter zu treffen, ohne zu bedenken,
daß die Täter sich nur im Märchen wieder an den Schauplatz des
Verbrechens einfinden. Sie bildet eine Welt-Gauck-Behöre, die Einblicke gewährt
in die Akten der Belästigung des Menschen durch den Menschen. Ansonsten ist
»Geschichte« genau das, was der Volksmund den Schnee von gestern nennt.
Wie schnell er schmilzt, davon geben die Entkolonialisierung nach 1945 und das
Militärpatt des Kalten Krieges eine Vorstellung. ... 1990 tritt mit dem Kollaps
der Sowjetunion die letzte alteuropäische Missionsmacht von der Bühne,
ihr Zerfall entläßt die letzten Tributstaaten der Erde in den Kapitalismus
oder ins Chaos. Hinsichtlich des Nationalkommunismus der Chinesen ist zu bemerken,
daß er kein Weltprojekt in sich trägt - bedeutsam bleibt er aber deswegen,
weil er die Trennbarkeit von Kapitalismus und Demokratie im großen Stil
unter Beweis stellt - ein Sachverhalt, der Law-and-Order-Politiker auf der ganzen
Welt ins Träumen bringt. Daher könnte er zum Paradigma werden für
eine sich heute schon abzeichnende Grundlinie des 21. Jahrhunderts: die Wende
des Weltsystems in den autoritären Kapitalismus. (Peter Sloterdijk,
Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 259-260).     Es
wäre naiv zu glauben, die hier vorgeschlagene Sicht der Dinge könne
sich bei den Historikern und in der Öffentlichkeit ohne weiteres durchsetzen.
Der Widerstand des Metiers wird dafür sorgen, daß die Illusion, noch
»in der Geschichte« zu leben, lange virulent bleibt. Man kann der
Einsicht in den nachgeschichtlichen Charakter des Weltsystems im Global Age
mühelos ausweichen, indem man weiterhin, wie in der Zunft üblich, jede
Sequenz von Ereignissen im Makro- und im Mikrobereich als Geschichte bezeichnet.
Dank dieser terminologischen Festsetzung läßt sich jeder Gegenstand
»historisch nehmen« .... (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum
des Kapitals, 2005, S. 260).     Der
europäische Historismus, den der junge Nietzsche aus anachronistischer
heroischer Gesinnung bekämpfte, ist für Sloterdijk nichts anderes
als eine Abendröte der terrestrischen Globalisierungsära,
die Dämmerung des abendländischen Weltnahme- und Weltstiftungszeitalters
! Unter denen, die sein Ende kommen sahen, ragt Oswald Spengler noch immer
hervor: Seine Studien zum »Untergang des Abendlandes« sind ein geschichtsmorphologischer
Abgesang auf die »faustische« Kultur als die einzige, die den Gedanken
der Geschichte zu denken vermochte und die als einzige »Geschichte«
im engeren Wortsinn hevorbrachte, erlebte und reflektierte (Peter Sloterdijk,
Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 262).     Was
das »Ende der Geschichte« angeht, so bin ich als Zeuge für Aspirationen
dieses Typs nur bedingt tauglich, weil ich mit Hegelianismen der bisherigen Machart
nichts im Sinn habe. Man sollte die Tatsache im Auge behalten, daß dieses
Theorem auf Alexandre Kojève zurückgeht, einen Emigranten aus dem
revolutionären Rußland, der vor seiner Naturalisierung in Frankreich
um 1930 Koschewnikov hieß, bei Jaspers studiert und über russische
Theosophie promoviert hatte und in einer undurchsichtigen Beziehung zum KGB stand.
Kojève nimmt an, daß in Hegels Phänomenologie des Geistes
(1807), wie in der späteren Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften
(1817), so etwas wie ein prinzipielles Ende der Geschichte erreicht worden sei
- was immer »prinzipiell« hier heißen mag. Als es zum virtuellen
»Blickkontakt« zwischen Hegel und Napoleon gekommen war, nach der
Schlacht von Jena (1806), war Kojève zufolge die Geschichte in ihrer
»Substanz« vollendet. Die französische Gegenwart hatte über
die preußische Vergangenheit gesiegt, auch im Denken des Philosophen. Die
letzten weltgeschichtlichen Individuen, Napoleon und Hegel, wirkten also auf gleicher
Höhe. Ihre Spiegelung hätte gegenseitig sein können, wäre
Napoleon auf die Idee gekommen, bei Hegel sein Porträt zu bestellen. Nach
diesen beiden Endgestalten der notwendigen Geschichte gibt es nur noch beliebige
Subjektivitäten ohne historisches Gewicht, mit einer einzigen Ausnahme, und
die meint Kojève entdeckt zu haben. Sie ist natürlich niemand anders
als Stalin. Am Verhältnis zwischen Napoleon und Hegel nimmt Kojève
Maß, um sein Verhältnis zum Führer der Sowjetunion zu bestimmen.
Das Theorem vom Ende der Geschichte ist also in einem sophistischen Stalinismus
zu Hause, erst später mutiert es zum Lob des siegreichen Liberalismus. Stalin
war in Kojèves Augen das letzte Individuum, das in einem weltgeschichtlichen
Skript agierte und darum einen ebenbürtigen Interpreten brauchte. Nach Stalins
Tod hat Kojève sein Theorem über die fInale universal-homogene Gesellschaftsordnung
von der Sowjetunion auf die USA und teilweise auf eine lateinisch dominierte europäische
Union verschoben. Fukuyama mußte keinen neuen Gedanken denken. (Peter
Sloterdijk, Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel, in: Peter Sloterdijk
/ Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 39-40).     Man
kann der Meinung sein, daß diese fabelhafte Konstruktion eine Anmaßung
ausdrückt, wie sie für Berufsmegalomanen typisch ist. Ich glaube trotzdem,
daß das Theorem vom Ende der Geschichte suggestive Seiten hat oder, um vorsichtiger
zu reden, daß es sich lohnt, es ernst zu nehmen, bis man ganz sicher ist,
Besseres zu wissen. (Peter Sloterdijk, Blickwechsel zwischen Napoleon
und Hegel, in: Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne
und der Tod, 2001, S. 40).     Der
Gedanke, der sich in Kojèves Hegeldeutung artikuliert, läßt
sich in einer sehr freien Umschreibung etwa so wiedergeben: Die modernen Gesellschaften
sind in ein Stadium eingetreten, in dem es keine grundlegenden Innovationen mehr
geben kann, sondern nur noch Steigerungen oder Variationen innerhalb von gut abgegrenzten
und ausgebauten Dimensionen. Die heutige Weltgesellschaft ist wie ein Feld von
Marathonläufern, die in der Mehrheit unter zwei Stunden dreißig laufen
können und Steigerungsspielraum von ein paar Minuten haben. Aber sie wissen
alle, daß in den nächsten Jahren und Jahrhunderten niemand unter zwei
Stunden laufen wird, es sei denn, genmanipulierte Läufer träten an den
Start, doch selbst wenn das geschähe, würde es hinsichtlich der Rahmenverhältnisse
nichts Grundlegendes ändern. Und weil alle wissen, daß die anderen
es auch wissen, traben sie mehr oder weniger ordentlich und mehr oder weniger
ehrgeizig in der Gruppe dahin. Die Wahrscheinlichkeit von Ausreißversuchen
ist nicht sehr groß, weil die Kosten zu hoch sind. Die Überanstrengung
ist von vorneherein evident. Dieses Sicheinschwingen der nachgeschichtlichen,
vom Gedanken der Versicherung beherrschten Gesellschaften in stabil gerahmte Grundsituationen
wird mit einem enormen Aufwand an Innovations- und Differenzrhetorik kompensiert.
In Zukunft darf alles revolutionär sein, weil Revolutionen alten Stils in
der dichten Welt unmöglich sind. Alles darf und soll sogar anders und unterschieden
sein, weil Unterschiede letztlich keinen Unterschied mehr machen. Das Extreme,
das Andere und ganz Andere, das sind von jetzt an nur noch ästhetische Kategorien.
Luhmann hat das Einrasten in Grundsituationen mit dem Ausdruck »Ausdifferenzierung
der Teilsysteme« belegt. Statt Grundsituationen und Subsysteme könnte
man auch Ordnung der Zuständigkeiten sagen. Wer Zahnweh hat, geht zum Dentisten,
wer Fußweh hat, geht zum Orthopäden, wer Weltschmerz hat, geht zu einem
Guru. Wer lernen will, geht auf eine Schule. Wer Geld braucht, geht zur Bank oder
zur Arbeit. Wem die ganze Richtung nicht paßt, wählt die Opposition
oder fahrt nach Ibiza. Es gibt kein Bedürfnis, für das die ausdifferenzierte
Gesellschaft keine zuständige Adresse hätte. Allenfalls die große
Liebe ist nicht mehr zustellbar. Durch die Ausdifferenzierung entsteht eine Lage,
in der immer mehr Leute begreifen, daß man kein Verhältnis zum Ganzen
haben kann. Das Ganze ist keine mögliche Adresse. (Peter Sloterdijk,
Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel, in: Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen
Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 40-41).     Dieses
Eintauchen in eine Weltlage, in der unendlich viel passiert, aber nichts mehr
Geschichte machen kann, wird von dem Konzept »Ende der Geschichte«
gar nicht so schlecht zusammengefaßt. Es steht für das Gefühl
der Heutigen, in der Nachsaison des Extremismus zu leben, der um jeden Preis den
Menschen Geschichte machen lassen wollte. Wir blicken auf diese Agonie des Subjektivismus
zurück, der hier als Rassenpolitik und dort als Klassenpolitik alles der
planenden Verfügung unterwerfen wollte. Die Frage ist nur, was aus dem denkenden
Menschen werden soll, der Einsicht in diese seine Situation gewonnen hat. Was
kann die Maxime: »Erkenne die Lage!« jetzt noch bedeuten? Ist
die Figur des Weisen in der gegenwärtigen Weltsituation möglich? Anders
gesagt: Haben die Ausdrücke Weisheit, Erleuchtung, absolutes Wissen weiter
einen möglichen existentiellen Sinn? Kann es noch Individuen geben, auf die
solche Titel zuträfen? Sind Menschen vorstellbar, die im Wissen am Ende sind
oder im Ende leben? (Peter Sloterdijk, Blickwechsel zwischen Napoleon
und Hegel, in: Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne
und der Tod, 2001, S. 42).     Die
Hegelsche Philosophie war attraktiv in dem Maß, wie sie entschlossen schien,
diese Fragen zu bejahen. Sie war nicht umsonst die letzte affirmative Metaphysik,
also Theorie der real existierenden absoluten Intelligenz. Es bleibt freilich
unbestimmt, was das für uns noch heißen kann und in welcher Weise eine
solche Intelligenz mit uns etwas zu tun hätte. Nur soviel ist klar, daß
menschliche Teilhabe an einer absoluten Intelligenz einzig als Theorie der fertigen
Welt möglich gewesen wäre. Eine solche Welt war die der klassischen
Metaphysik; in ihr galt unbeschränkt der Primat der Vergangenheit, in ihr
legt die Herkunft den Spielraum des Zukünftigen fest. Doch inzwischen haben
sich die Wege der Futuristen von denen der Passéisten getrennt. In welchem
Sinn dürfte man die modeme Welt fertig nennen, die sich wie keine zuvor durch
Einsicht in ihre Unfertigkeit charakterisiert und ganz auf den Vorrang der Zukunft
setzt? Immerhin, der Hegelsche Weise, als logisches Gewissen des etablierten finalen
Rechtsstaats und der Spätkultur, verkörperte das westliche Pendant dessen,
was der Osten als den Erleuchteten kennt, sei es in der hinduistischen Version
des jivanmukti, des zu Lebzeiten Erlösten, und des bhagawan,
des göttlichen Herrn, sei es in der buddhistischen Version des Vollerwachten,
des arhat oder bodhisattva. Und so wie der indische Erwachte sich
nach orthodoxer Lehre an die Serie seiner früheren Existenzen erinnert, so
bewahrt der Hegelsche Geist die Erinnerung an seinen eigenen Prozeß, der
Weltgeschichte heißt. In beiden Fällen würde der Mensch, der am
Ende ist, zum Lehrer - aber zum Lehrer einer seltsamen Art. Er könnte nämlich
gar nichts anderes mehr tun, als auf die anderen zu warten. Die Posthistorie wäre
das Warten der Erleuchteten auf die in der Geschichte Zurückgebliebenen.
Seltsam ist die Stellung dieser Lehrer deswegen, weil sie auf ihre Schüler
warten müssen, ohne wirklich etwas für sie tun zu können -so wie
die Toten auf die Lebenden warten oder die Entspannten auf die Verkrampften.
(Peter Sloterdijk, Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel, in: Peter
Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S.
42-43).     Kojève
hat übrigens zu verstehen gegeben, daß der Weise nach dem Ende der
Geschichte aufhören kann, von seiner Weisheit Aufhebens zu machen. Sobald
die weltgeschichtliche Antithese von Macht und Geist erloschen ist, entfällt
der Zwang, als Denker ein ernstes Gesicht zu ziehen. Der Weise kann Politiker
werden oder Künstler oder Unternehmer. Er kann auch seine Weisheit wegwerfen
und let it be sagen. Mit der historischen Antithese von Macht und Geist
lösen sich auch andere historische Gegensätze auf, etwa der von Tragödie
und Komödie und der von Männlich und Weiblich. Der Mann kann abrüsten
und sich androgyn entfalten, er kann ein glückliches Tier werden. Er kann
Ohrringe tragen und ins lauwarme Wasser steigen. Die Frau beginnt, mit den Attributen
der historischen Männlichkeit zu spielen, und erfindet für sich neue
Textbücher, Stellungen, Erscheinungsbilder. Darum ist die Posthistorie das
tausendjährige Reich der Geschlechterkonfusion und der erotischen Komik.
Das alles sind Beschreibungen, die Sinn machen im Hinblick auf das, was mit den
Frauen und Männern des letzten Jahrhunderts geschehen ist. (Peter Sloterdijk,
Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel, in: Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen
Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 43).     Es
steckt also in diesen Hegel-Kojèveschen Suggestionen eine Fülle von
Wahrheitsgehalten, die man nicht schnell abschütteln kann. Aber natürlich
ist mir wie den meisten Zeitgenossen klar, daß die Geschichte nicht in der
Weise zu Ende ist, wie ein idealistischer Vollendeter oder, was dasselbe ist,
ein Hegelscher Beamter, es suggerieren könnte. Ich halte es eher mit Heideggers
Einwendungen gegen Hegels Vollendungskonzept und denke wie er, daß die historische
Irre nicht nur nicht beendet ist, sondern in eine Epoche noch höherer Spannungen
und Gefährdungen übergeht. Man muß also zwischen Vollendung und
Ende unterscheiden. Selbst wenn das zurückliegende Weltalter, das metaphysische,
seine letzten Möglichkeiten erschöpft und insofern das Stadium der Vollendung
erreicht hat, ist der Prozeß des Denkens, des Handelns, des Wollens in keiner
Weise abgeschlossen. Auch die Frage nach dem Fortgang des Revolutionsgeschehens
läßt sich nicht klar beantworten, weder im affirmativen noch im ablehnenden
Sinn. Von einer Posthistorie könnte nur die Rede sein, wenn gewiß wäre,
daß der Schrecken, der zur Geschichte gehörte, hinter uns liegt. Nichts
ist weniger garantiert als das. Es ist nicht wahr, daß wir nach der Angst
leben, die Mehrheit der Menschheit lebt nicht einmal nach der Not. Von einer fertigen
Welt oder von einer abgeschlossenen Selbsterkenntnis des Menschen in ihr ist im
Blick auf unsere Verhältnisse beim besten Willen nicht zu reden. Im Gegenteil,
das Drama der Anthropologie hat eben erst begonnen. Was vor uns liegt, ist ein
Weltalter des Maschinenbaus und der vertieften Selbsterfahrung des Menschen angesichts
seiner wachsenden Fähigkeit, sich in höheren Maschinen zu spiegeln und
über den Unterschied zwischen sich selbst und diesen seinen Kreaturen nachzudenken.
(Peter Sloterdijk, Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel, in: Peter
Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S.
44).     Heidegger
hat einen zweiten Sokratismus gestiftet, in dem es darauf ankommt, genauer denn
je zu wissen, daß man nichts weiß und inwiefern man bei allem vom
Nichtwissen ausgehen muß. Das zweite Abstandnehmen von den Einbildungen
des Wissens unterscheidet sich vom ersten dadurch, daß es sich auf den Komplex
der neuzeitlichen Wissenschaften und Techniken bezieht. Das gibt der Sache des
Denkens einen Ernst, den die Alten so nicht kannten. Das »besinnliche«
Denken tritt jetzt auf als Sokratismus der Macht und der Technik, auch als Sokratismus
des Gehirns in der Welt und der Welt im Gehirn. Das geht über die antike
Situation hinaus. Man muß einfach feststellen: Das Wissen vom Nichtwissen
ist verbindlicher geworden. (Peter Sloterdijk, Blickwechsel zwischen
Napoleon und Hegel, in: Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die
Sonne und der Tod, 2001, S. 44-45).    
Das Abendland ist immer noch immens reich, aber es ist schwach.
Ihm fehlt die moralische Substanz zur dezidierten Selbstbehauptung. Kurzum, alle
Prämissen eines fatalen »Untergangs« sind gegeben. So unrecht
hatte Oswald Spengler wohl nicht ( ).
(Peter Scholl-Latour, Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?, 2002,
S. 48).Daß es einen Zusammenprall der
Kulturen geben wird, wußte schon Goethe
- er lebte rund zwei Jahrhunderte vor Huntington, dessen Buch Clash of Civilizations
1996 erschien ( ).
Erkennbar, jedenfalls für die Eingeweihten, war auch der
militante Aufbruch islamischer Religiosität schon vor Huntingtons Thesen
über den weltweiten Kampf der Kulturen. (Peter Scholl-Latour, Weltmacht
im Treibsand, 2004, S. 50).Laut Peter Scholl-Latour
war Fukuyamas These von Anfang an absurd. Die weltweite Ausbreitung der
parlamentarischen Demokratie us-amerikanischen Modells und einer ungehemmten Marktwirtschaft
würden der Menschheit einen endgültigen Zustand des Wohlergehens und
der Harmonie bescheren. Damit würde der Schlußstrich gezogen unter
die veralteten Antagonismen. So etwa läßt sich Fukuyamas Vorstellung
vom »End of History« resümieren. (Peter Scholl-Latour,
Koloß auf tönernen Füßen, 2005, S. 47). Außerdem
stellte Peter Scholl-Latour zu seiner Überraschung fest, daß Peter
Sloterdijk den Satz prägte: »Durch »Nation Building«
bekommt man bestenfalls demokratisch kaschierte Diktaturen mit Marktwirtschaft«.
Ich hätte hinzugefügt: im Dienste der Marktwirtschaft. (Ebd.,
2005, S. 50).
Fukuyamas
gewagte These vom Ende der Geschichte ewiger Kämpfe, da das westliche
Modell (also: die abendländische Kultur) global gesiegt habe, bietet jedenfalls
für Huntington ( )
keine gehaltvolle Analyse, so Hans-Ulrich Wehler. Vielmehr sieht
Huntington in den Zusammenstößen, Reibungen, Konflikten zwischen den
großen Kulturkreisen auf der Basis unterschiedlicher Religionen und divergierender
Weltbilder die Hauptrolle künftiger Auseinandersetzungen. (Hans-Ulrich
Wehler, Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, 2003, S. 61). Vgl. auch
Wehlers Hinweis auf die Friktionen ( )
von Carl Philipp Gottfried von Clausewitz (1780-1831): Vom Kriege (1816
).Hans-Ulrich
Wehler betont, Huntington habe mit seinem Buch über den »Clash
of Civilization«, den »Kampf der Kulturen«, die Prognose ausführlich
begründet, daß nach dem Verfall des Staatskommunismus außer in
China, Korea und Kuba die alte bipolare Welt des Kalten Krieges nicht mehr existiere,
aber auch die naive Vision Fukuyamas von einem »Ende der Geschichte«
ewiger Kämpfe, da das westliche Modell gesiegt habe, keine gehaltvolle Analyse
bietet. Vielmehr sieht Huntington in den Zusammenstößen, Reibungen,
Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen auf der Basis unterschiedlicher
Religionen und divergierender Weltbilder die Hauptrolle künftiger Auseinandersetzungen.
.... Warum? Der Islam ist die einzige noch auffällig rasch expandierende
Weltreligion. Sie erfaßt jetzt mehr als eine Milliarde Menschen und wird
in nächster Zeit die Anhänger des Christentums weit überholen ( ).
Aus Mohammeds synkretistischer Verschmelzung unterschiedlicher religiöser
Elemente - auch vielfach aus der israelitischen und christlichen Religion, in
deren Tradtion des Prophetentums er sich bewußt stellte - ist ein militanter,
expansionslustiger Monotheismus hervorgegangen, der seine Herkunft aus der Welt
kriegerischer arabischer Nomadenstämme nicht verleugnen kann ( ).
Das Weltbild des Islam stilisiert die diesseitige Welt als unablässigen Kampf
zwischen dem »Haus des Friedens«, der »Umma« des Islam,
und dem »Haus des Krieges«, dem Bereich der Ungläubigen. Wann
immer und wo immer möglich müssen die Ungläubigen unterworfen und
bekehrt werden, im Grenzfall durch den Dschihad, den Heiligen Krieg aller Muslims.
Das galt wortwörtlich seit dem 7. Jahrhundert, als der Islam in einem gewaltigen
Anlauf durch Nordafrika sogar bis nach Spanien expandierte, bis hin zur Vertreibung
der muslimischen Türkei vom Balkan im 19. Jahrhundert. Und es gilt noch immer,
etwa in Nigeria und im Sudan, auf den Philippinen und in Indonesien, inzwischen
dem größten muslimischen Staat der Erde ( ).
.... Die okzidentale Trennung von Papst und Kaiser, von Religion und weltlicher
Herrschaft, die in Europa im Mittelalter mühsam erkämpft worden ist
und den modernen, säkularisierten Staat erst auf seine eigene Bahn gesetzt
hat, wird vom Islam seit jeher negiert. Alle Dimensionen des Lebens unterliegen
seinem Anspruch nach dem religiösen Gesetz: der Scharia. Muslimische politische
Herrschaft ist gehalten, die Scharia zu befolgen, in der barbarische Bräuche
der arabischen Stämme, die Steinigung der Ehebrecherin z.B. und das Abhacken
der Diebeshand, bis heute weiterleben. ( ).
(Hans-Ulrich Wehler, Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, 2003, S.
61-62).
Laut
Huntington ( )
beruht die Annahme, daß das Ende der Geschichte ( )
erreicht sei und den weltweiten Sieg der liberalen Demokratie bedeute,
auf dem Trugschluß der einzigen Alternative ( ).
Er wurzelt in der Perspektive des Kalten Krieges, daß nämlich
die einzige Alternative zum Kommunismus die liberale Demokratie sei und das der
Untergang des ersteren die Universalität der letzteren herbeiführe.
.... Es ist reine Überheblichkeit zu glauben, daß der Westen ... die
Welt für alle Zeiten erobert hat und daß Muslime, Chinesen, Inder und
alle anderen nun nichts Eiligeres zu tun haben, als den westlichen Liberalismus
als einzige Alternative zu übernehmen. ... Die fundamentaleren Spaltungen
der Menschheit nach Ethnizität, Religionen und Kulturkreisen bleiben und
erzeugen neue Konflikte. ( ).
Zwar gibt es auch die Annahme, daß die zunehmende Interaktion zwischen
Menschen - Handel, Investitionen, Tourismus, Medien, die elektronische Kommunikation
generell - dabei ist, eine gemeinsame Weltkultur zu erzeugen. ( ).
Denn: In der Tat haben Verbesserungen der Transport- und Kommunikationstechnologie
es leichter und billiger gemacht, Geld, Waren, Menschen, Wissen, Ideen und Bilder
um die ganze Welt zu transportieren. An der Zunahme des diesbezüglichen internationalen
Austauschs besteht kein Zweifel. Große Zweifel hingegen bestehen hinsichtlich
des Einflusses dieses gesteigerten Verkehrs. Wird durch Handel die Wahrscheinlichkeit
eines Konflikts erhöht oder verringert? ( ).
Die Annahme, daß Handel die Wahrscheinlichkeit eines internationalen Krieges
verringert, ist zumindest nicht erwiesen, und es gibt viele Hinweise, die für
das Gegenteil sprechen. Der internationale Handel expandierte in den 1960er und
1970er Jahren kräftig. 1980 machte er 15 Prozent des Weltbruttosozialprodukts
aus. In dem anschließenden Jahrzehnt fand der Kalte Krieg ein Ende. Aber
1913 belief sich der internationale Handel auf 33 Prozent des Weltbruttosozialprodukts,
und in den folgenden paar Jahren schlachteten die Nationen einander in einem beispiellosen
Ausmaß ab. Wenn der internationale Handel selbst auf dieser Ebene den Krieg
nicht verhindern kann, wann dann? Die Geschichte stützt ganz einfach
nicht die liberal-internationalistische Annahme, daß Handel den Frieden
fördert. Analysen aus den 1990er Jahren rücken diese Annahme weiter
ins Zwielicht. Eine Studie kommt zu dem Schluß: »Handel auf steigendem
Niveau kann ein stark polarisierender Faktor ... in der internationalen Politik
sein«; »zunehmender Handel im internationalen System als solcher dürfte
weder internationale Spannungen mildern noch eine größere internationale
Stabilität fördern.« Eine andere Studie vertritt die These, daß
wirtschaftliche Interdependenz auf hohem Niveau »den Frieden oder
den Krieg befördern kann, je nachdem, welche Zukunftserwartungen an den Handel
gerichtet werden«. Wirtschaftliche Interdependenz dient dem Frieden nur
dann, »wenn Staaten erwarten, daß Handel auf hohem Niveau in absehbarer
Zukunft fortdauert (oder im Falle einer gegenwärtigen Unterbrechung wiederaufgenommen
wird).« Wenn Staaten nicht ein hohes Maß an Interdependenz erwarten,
ist Krieg die wahrscheinliche Folge. Das Unvermögen von Handel und Kommunikation,
Frieden oder Gemeinschaftsgefühl zu bewirken, wird von den Befunden der Sozialwissenschaften
bestätigt. In der Sozialpsychologie behauptet die Distintivitätstheorei,
daß Menschen sich über das definieren, was sie in einem bestimmten
Kontext von anderen unterscheidet. .... Die globale religiöse Erneuerung,
die »Wiederkehr des Sakralen«, ist eine Reaktion auf die Rezeption
der Welt als eines »einzigen Ortes«. (S. P. Huntington, Kampf
der Kulturen, 1996, S. 93-96 ).Also:
Huntington erteilt jedem erdenklichen Ende der Geschichte eine knallharte
Absage!Beispielsweise betrug im Jahr 2000 der Anteil
an der Weltbevölkerung für die abendländische Kultur (den
Westen, wie Huntington lieber sagt) ungefähr ein Fünftel ( );
wenn man Lateinamerika nicht mehr dazuzählt (wie Huntington es lieber tut),
dann können wir von der NATO ausgehen und damit von einem Achtel ( ).
Von diesem Achtel glauben rund 8 Prozent, d.h. bezogen auf die Weltbevölkerung
rund 1 Prozent (!) an eine universale Kultur, eine Zivilisation im
Singular (wie Huntington sich ausdrückt), also eine einzige Weltkultur.
Diese Leute treffen sich jedes Jahr in Davos. 1994 schätzte die Gesellschaft
»CNN International« die Zahl ihrer potentiellen Zuschauer ebenfalls
auf rund 1 Prozent der Weltbevölkerung, und das ist laut Huntington eine
auffallend ähnliche Zahl wie bei den Angehörigen der »Davos-Kultur«
und zweifellos weithin mit diesen identisch! ( ).
Für Huntington ist klar: Das Konzept einer »universalen Kultur«
ist ein typisches Produkt des westlichen Kulturkreises. ( ).
Das Universal-Kultur-Problem
ist ein typisches Produkt des Abendlandes!
Wir wissen (noch) nicht, ob es in Zukunft eine universale Kultur geben
wird. Die Menschen-Kultur ( )
ist singulär, aber sie entwickelte drei Modernen ( ):
die Menschen-Moderne als Historisierung (Neanthropinen-Kultur - Kultur
im Singular!), die Neanthropinen-Moderne als Historiographik (Historienkulturen
- Kultur im Plural!) und die Historienkulturen-Moderne als Historismus
(Kultur im Plural!). Jede Historienkultur, das heißt jede Einzelkultur,
wie z.B. die abendländische Kultur, entwickelt eine Moderne. Nicht
trotz, sondern wegen der Unterschiede zwischen Kulturen! Aber wenn auch jede Kultur
ihre wie auch immer geartete Moderne hatte, so gibt es wohl nur eine Kultur, die
nicht nur das Wort Moderne erfand, sondern ihre Moderne mit Recht die modernste
aller Modernen und sich selbst nicht ohne Stolz auch Moderne-Kultur
nennen darf. Gemeint ist die abendländische Kultur. An Dynamik, Größe
und Stärke ist die faustisch-abendländische Moderne einzigartig, nicht
aber, was die Moderne als Phänomen betrifft. Wenn die abendländische
Moderne, die besonders stark durch Technik und Ökonomie, vor allem durch
die Industrielle Revolution, geprägt worden ist, als eine Explosion
mit besonders radikalen Global-Konsequenzen bezeichnet werden kann, dann können
die Modernen aller anderen Kulturen nur noch als harmlose Lagerfeuer betrachtet
werden. Trotzdem kannten auch sie, und zwar je spezifisch, so etwas wie Moderne.
Recht hat Huntington, wenn er sagt, daß Moderne nicht westliche
Kultur und westliche Kultur nicht Moderne ist (vgl. Huntington,
ebd., S. 98 ),
aber: ohne den Westen ist die Moderne fast nichts. Der Westen, also: die abendländische
Kultur ist die einzige Kultur, deren Moderne sich auf die Industrielle Revolution
und nicht nur auf eine Bürgerliche Revolution stützt.
( ).
Eine sich nur auf eine Bürgerliche Revolution stützende
Weltrevolution ( )
haben auch, obwohl nur im begrenzteren und bescheideneren Ausmaß, die anderen
7 Kulturen erlebt. (Vgl. 8 Kulturen ).
Nicht das Phänomen Moderne, sondern das Phänomen abendländische
Moderne ist einzigartig. Was die Menschengeschichte in ihrer Singularität
angeht, so kann man sagen, daß nur die Menschen-Kultur (zu der wir ja immer
noch gehören, denn die Menschwerdung ist noch nicht vollendet!) und
ihre Moderne - die Neanthropinen-Kultur (Historisierung oder: Homo-sapiens-sapiens-Kultur)
- kultursingulär sind. ( ).
Alle weiteren menschlichen Kulturen sind von dieser 3. Moderne abgeleitete
Modernen ( )
! Also ist die abendländische Kultur eine Spätkultur, und als ein Teil
(der dritte Teil) der Neanthropinen-Moderne ist sie die Spätmoderne der Neanthropinen-Kultur
(Menschen-Moderne). Unsere Moderne ist also die Moderne einer Spätmoderne
der Menschen-Moderne (Neanthropinen-Kultur) innerhalb der Menschen-Kultur. Und
was wir heute Spätmoderne nennen, ist eine Spätmoderne einer
Spätmoderne der Menschen-Moderne innerhalb der Menschen-Kultur. Manche Leute
verstehen unsere Spätmoderne einer Spätmoderne der Menschen-Moderne
nur deshalb als Postmoderne, weil das Späte im Späten für sie so
schwer zu denken ist. ( ).
Und wenn Huntington fragt, ob Geschichte ihrem Wesen nach linear oder zyklisch
ist und (weil sie beides ist): wie kann man das Auf und Ab in der
Entwicklung der menschlichen Zivilisiertheit (Kulturgeschichte) schematisieren
? ( ),
antworte ich also nicht nur mit meinem linear-zyklischen Schema ( ),
der Konjunktu(h)r ( ),
der Kultu(h)r ( ),
sondern auch mit meinem Schema zur Modernen-Theorie: 5+X ( ).
  Weil
heute fast nur noch historische Kulturen existieren (Primitiv-Kulturen ausgenommen,
obwohl auch sie mindestens eine Historienkultur, die abendländische, erlebt
haben) und in ihren je spezifischen Historismen (Modernen) verhaftet sind, haben
sie nur die eine Möglichkeit zur Bewirkung etwas kulturell völlig Neuem:
sie müssen ihre je spezifischen Kulturtechniken so einsetzen, daß sie
auch befruchtend wirken, und weil nur noch eine Historienkultur -
die Abendland-Kultur - auch in den nächsten Jahrhunderten ihre Phase der
Befruchtung ( )
durchleben wird, wird sie bis zum Erreichen ihres Zivilisationshöhepunktes
versuchen, ihren Globalismus ( )
auch auf alle anderen Menschen zu übertragen. Ob aber die abendländische
Kulturtechnik alle nicht-abendländischen Menschen positiv oder negativ beeinflussen
wird, ist ebenso schwer vorherzusagen wie etwa die Antwort auf die Frage, ob z.B.
eine Universal-Kultur ( )
diese neue Kultur oder nur die alte, vorgeschichtliche und nun nachgeschichtlich
gewordenene Kultur namens Menschen-Kultur sein wird und darum die Historien-Kultur
(die ja alle Historienkulturen beinhaltet!) verschwunden sein wird ( ).
Und als ein logisches Indiz dafür, daß die Menschen-Kultur bleiben
wird und nur ihre Historien-Kultur mit allen ihren Historienkulturen
verschwunden sein wird, gibt es nur ein Fallbeispiel ( ).
Statistische Vorhersage | Ende
der Geschichte | Ende
der Menschheit | | Ja
(absolut) | 2
Fallbeispiele * | 1
Fallbeispiel * | | Ja,
aber nur für einen Kulturkreis | 1
Fallbeispiel * | - | | Vorübergehend
und nur für einen Kulturkreis | 1
Fallbeispiel * | - | | Vorübergehend
(nicht für einen Kulturkreis) | 2
Fallbeispiele * | 1
Fallbeispiel * | | Vorübergehend
(allgemein [Summe]) | 3
Fallbeispiele * | 1
Fallbeispiel * | | Nein
(absolut) | 4
Fallbeispiele * | 8
Fallbeispiele * | | Summe
der Fallbeispiele (mit grauem Hintergrund) | 10
Fallbeispiele | 10
Fallbeispiele |
Wenn Geschichte wirklich, d.h. endgültig
(!) endet, dann und nur dann enden alle (alle!) Historienkulturen, denn
es endet dann ja die menschliche Historien-Kultur (und wir erinnern uns: Historien-Kultur
beinhaltet alle Historienkulturen). Die Historien-Kultur bzw. alle
Historienkulturen könnten z.B. deswegen verschwinden, weil jede Art von Historiographie
- die Historien-Kultur (Historiographik) - nach ihrer Verwirklichung
zunächst zum Verlernen, dann zum Vergessen und schließlich zum Verschwinden
gebracht worden wären. Freuen würden sich dann natürlich die Vertreter
der Ende-der-Geschichte-These, die zumeist auch Vertreter der Universal-Kultur-These
( )
sind, denn beide glauben an die kulturelle Singularität ( )
- jedenfalls scheinbar: diese Singularisten träumen als Antihistoristen
vom Ende der Geschichte und als Universalkulturalisten von der Monokultur,
und zwar auf besonders paradoxe Weise, weil sie einerseits das Multikulturelle
mit großer Scheinheiligkeit predigen (Multi-Kulti), um es anderserseits
abschaffen zu können, weil sie ja die Monokultur namens Universal-Kultur
wollen. So loben und preisen sie eine Ambivalenz, die sie sehr unglaubwürdig
macht. Multikulturalität kann es nur dann geben, wenn gleichzeitig für
sich (für sich!) mehrere Kultureinheiten namens Historienkulturen (bis heute:
8 )
existieren. Wer sie abschaffen will und vielleicht auch wird, würde bald
enttäuscht werden und realisieren müssen, daß dieser Fall ( )
eben keine neue Kultur-Art und auch keine neue Menschen-Kultur-Unterart bedeutet,
sondern das Verschwinden einer alten und also auch bereits etablierten Menschen-Kultur-Unterart
namens Historien-Kultur (Historiographik), vertreten durch die Historienkulturen.
. Dieser Fall ( )
bedeutet also das Verschwinden der alten und also auch bereits etablierten Geschichtsschreibung
(Historiographie) - in der Abbildung symbolisiert durch die Bahn H
( ).
Dann und nur dann, wenn dieser Fall ( )
real sein würde, wäre die H-Frage zugunsten der Antihistoristen
gelöst: Ende der Geschichte. Aber Kultursingularität statt Kulturpluralität
bedeutet: Alles würde nur noch eine Monokultur, die Universal-Kultur also
nur die alte Menschen-Kultur sein! Auch die Möglichkeit,
daß die Menschen - also: die Menschen-Kultur inklusive Historien-Kultur
- endgültig verschwinden werden, kann niemand ernsthaft ausschließen,
aber niemand will gern auch die Bedeutung akzeptieren: Ende der Menschwerdung
bedeutet aber nun mal das Ende der Menschen-Kultur und darum auch aller Historienkulturen.
Alle Historienkulturen sind im Grunde Bestandteil einer Historien-Kultur (Historiographik)
und gehören natürlich zur Menschen-Kultur. Aber eine echte Einheit ist
die Menschen-Kultur nicht, auch die Historien-Kultur nicht. Wahrscheinlich sind
sie auch früher nie echte Einheiten gewesen, und wahrscheinlich werden sie
auch künftig keine echte Einheit werden. Nur die Historienkulturen existieren
wirklich als eine echte Einheit, jedenfalls viel einheitlicher als die Menschen-Kultur,
die deshalb häufig nur den Rhetorikern nützt, und als die Historien-Kultur,
die als Oberbegriff für alle Historienkulturen nur noch ein reines Abstraktum
bedeutet. Man kann davon ausgehen, daß jeder Versuch, eine einheitliche
Menschen-Kultur (wieder [?]) zu schaffen alle Menschen wirklich zu Brüdern
(Friedrich Schiller) zu machen, tatsächlich ein Projekt der Letzten
Menschen (Friedrich Nietzsche) nur sein kann, und dieses Projekt endet,
wenn es sein Ziel nach für menschliche Verhältnisse (!) sehr langer
Zeit erreicht hat: das Ende der Menschheit.
Statistische Vorhersage | Ende
der Menschheit | Ende
der Geschichte | | Ja
(absolut) | 1
Fallbeispiel * | 2
Fallbeispiele * | | Ja,
aber nur für einen Kulturkreis | - | 1
Fallbeispiel * | | Vorübergehend
und nur für einen Kulturkreis | - | 1
Fallbeispiel * | | Vorübergehend
(nicht für einen Kulturkreis) | 1
Fallbeispiel * | 2
Fallbeispiele * | | Vorübergehend
(allgemein [Summe]) | 1
Fallbeispiel * | 3
Fallbeispiele * | | Nein
(absolut) | 8
Fallbeispiele * | 4
Fallbeispiele * | | Summe
der Fallbeispiele (mit grauem Hintergrund) | 10
Fallbeispiele | 10
Fallbeispiele |
Schon allein die statische Vorhersage
(vgl. Tabelle )
läßt erkennen, daß irgendein Ende der Menschheit weniger
Fallbeispiele aufweist als irgendein Ende der Geschichte, ja sogar überhaupt,
daß irgendein Ende weniger Fallbeispiele aufweist als irgendein
Nicht-Ende. Man muß da schon genauer hinsehen ( ),
um zu erkennen, daß zwar ein endgültiges Ende der Geschichte
und ein endgültiges Ende der Menschheit weniger Fallbeispiele aufweisen
als ein nicht-endgültiges Ende der Geschichte und nicht-endgültiges
Ende der Menschheit, aber eben auch, daß irgendein Ende der Geschichte
mehr Fallbeispiele aufweist als irgendein Nicht-Ende der Geschichte. Und
das ist interessant. Aber was heißt das schon?Weil es auf dieser
Seite um ein Thema geht, daß sich nur sehr schwer berechnen läßt,
müssen wir uns dazu wohl noch etwas anderes einfallen lassen.
Ich
gehöre, was das Thema Ende der Geschichte angeht, zu den weichen
Zweiflern und zu den weichen Nicht-Zweiflern, denn: Ich bezweifle nicht
so sehr, daß die Geschichte enden wird, sondern viel mehr, daß sie
schon 1807 oder 1989 zu Ende gegangen sein soll, wie die Voreiligen
behaupten. Ich sage: Die Geschichte wird gar nicht oder frühestens im 22.
Jh. zu Ende gehen, weil die Zeit davor lediglich eine Vorbereitung auf das Ende
der Geschichte bedeutet, d.h.: weil wir noch Zeit dafür brauchen, weil die
Zeit zwar schon fast, aber noch nicht ganz reif dafür ist.
Doch ein Ende der Geschichte ist meiner Meinung
nach auf insgesamt 6 Weisen möglich, nämlich als: (1.)
vorübergehendes Ende der Geschichte nur für einen bestimmten Kulturkreis,
aber ohne Ende dieses Kulturkreises, (2.)
endgültiges Ende der Geschichte nur für einen bestimmten Kulturkreis
mit gleichzeitigem oder späterem Ende dieses Kulturkreises, (3.)
vorübergehendes Ende der Geschichte für alle Menschen, aber ohne Ende
der Menschheit, (4.)
endgültiges Ende der Geschichte für alle Menschen, aber ohne Ende der
Menschheit, (5.)
vorübergehendes Ende der Geschichte für alle Menschen mit gleichzeitigem
vorübergehenden Ende der Menschheit, (6.)
endgültiges Ende der Geschichte mit gleichzeitigem Ende der Menschheit. Nach
meiner Theorie kann also das Ende der Geschichte viermal vorübergehend (1.,
2., 3., 5.) und
zweimal endgültig (4., 6.)
sein ( ).
Der Nummerierung entsprechend sehe ich die Wahrscheinlichkeiten für das Ende
der Geschichte.Ich favorisiere daher folgende Vorhersage:Für
einen vergreisten Kulturkreis wird die Geschichte für eine relativ lange
Zeit enden, aber der Kulturkreis selbst wird (trotz seiner endgültigen
Zivilisation) nicht enden ( ),
oder es wird dabei auch der Kulturkreis selbst (wegen seiner endgültigen
Zivilisation), und zwar entweder gleichzeitig oder nach relativ langer Zeit, enden
( ):
genau das hat Spengler mit dem Untergang des Abendlandes ( )
gemeint. Denn ein solcher Kulturkreis wird (passives!) Objekt der (aktiven!) Subjekte
der Geschichte. Wer Geschichte nur noch passiv erlebt, hat selbst keine Geschichte
mehr - erleidet sie darum aber auch umso mehr. Spengler wollte darüber aufklären,
daß der nicht zu verhindernde Untergang des Abendlandes sich entweder so
( )
oder so ( )
ereignen würde. Eine dieser beiden Ende-Varianten ( )
werde sich ereignen, und die habe man zu akzeptieren. Man solle sie besser früher
als später akzeptieren, weil der Untergang nicht nur schicksalhaft, sondern
auch gestaltbar und folglich der Untergang des Abendlandes als einen Prozeß
mit einem offenen, d.h. nicht-tödlichen, also nicht-endgültigen Ende
( )
dem Untergang des Abendlandes als einem Prozeß mit einem nicht-offenen,
d.h. gleichzeitig oder später geschehenden tödlichen, also endgültigen
Ende ( )
vorzuziehen sei. Meiner Meinung nach kommt Spenglers Theorie auch und besonders
in dieser Hinsicht der vorhersagbaren Wahrheit oder zumindest der vorhersagbaren
Wirklichkeit am nächsten.Man kann die Entwicklung der Menschheit
in verschiedene zeitliche Abschnitte aufteilen, z.B. solche wie bei der Dreiteilung
in| (I)
Vorgeschichte | (II)
Geschichte | (III)
Nachgeschichte (vielleicht zukünftig) | oder
solche wie bei der Zweiteilung mit weiteren Unterteilungen in(1)
Menschen-Kultur(1.1)
vorgeschichtlich, d.h. ohne Geschichte (1.2) geschichtlich, d.h. mit
Geschichte (siehe:
2) (1.3) vielleicht
(zukünftig) nachgeschichtlich, d.h.
wieder ohne Geschichte (1.4) vielleicht
(zukünftig) neugeschichtlich, d.h.
wieder mit Geschichte | (2)
Historien-Kultur(2.1)
Historienkulturen(2.1.1)
Mesopotamien (2.2.2.) Ägypten (2.2.3) China (2.2.4) Indien (2.2.5)
Antike (2.2.6) Maya / Inka (2.2.7) Morgenland (2.2.8) Abendland | Die
Zweiteilung in Menschen-Kultur und ihre Historien-Kultur führt zu weiteren
Unterteilungen, weil ja die Menschen-Kultur eine Kultur ohne und mit Geschichte
ist und die Historien-Kultur eine der Menschen-Kultur untergeordnete Kultur
mit mehreren Historienkulturen ist. In meiner Theorie sind beide oben dargestellten
Modelle berücksichtigt, wobei ich den Hauptakzent auf das letztgenannte lege.
Zu berücksichtigen ist dazu noch, daß die
Menschen-Kultur auch die Geschichte im weiteren Sinne - die anthropolgische
Geschichte, so Nolte ( )
- und die menschliche Historien-Kultur auch die Geschichte im engeren Sinne
heißen dürfen.| Geschichte
i.e.S. | oder
(in meiner Terminologie): | Historien
Kultur (mit unterschiedlichen Historienkulturen) | | Geschichte | oder
(in meiner Terminologie): | Historien
Kultur, Menschen-Kultur seit Beginn ihrer Historien Kultur | | Geschichte
i.w.S. | oder
(in meiner Terminologie): | Menschen-Kultur
(anthropologische Geschichte / Evolution) | Die
Definition aber, das Geschichte nur in der Form der Tragödie oder des
Epos ( )
geschehe, scheint mir, obwohl sie eine sehr interessante und gut durchdachte ist,
etwas zu eng zu sein - oder gibt es auch sogar eine Geschichte im engsten Sinne
?Die Geschichte im weiteren Sinne ist eine anthropologische Geschichte
und kann deshalb so lange nicht zu Ende sein, wie der Mensch existiert; folglich
kann es bei der Frage, ob die Geschichte zu Ende sei oder nicht, nur um die Geschichte
im engeren Sinne gehen. ( ).
Es ist aber noch keines der historischen Existenzialien völlig
verschwunden, und deswegen kann auch die Geschichte im engeren Sinne noch
(noch!) nicht zu Ende sein. Zurück
zur  
Anmerkungen: Seelenbild
der Antike und Seelenbild des Abendlandes sind gegensätzlich: apollinisch
und faustisch; ihre Ursymbole ebenfalls: Einzelkörper und Unendlicher
Raum. Wie ein Dogma gegenüber aller Erfahrung, gelten auch Seelenbild
und Ursymbol allgemein als unbeweisbar, deshalb sei hier darauf hingewiesen, daß
der Unterschied zwischen Antike und Abendland sogar am Beispiel Parallelenaxiom
deutlich werden kann: Euklid
hat in seinen Elementen (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung
für das antike Beispiel gegeben und Gauß
ca. 2112 Jahre später (um 1800) die für das abendländische.
Sie stehen - wie unzählige andere Beispiele auch - für einen metaphysischen
Mittelpunkt, um den eine Kultur kreist, während sie von Seelenbild und Ursymbol
angetrieben und angezogen wird. (Vgl. Oswald Spengler,
Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 155, 227ff., 234, 390). Vgl.
dazu auch das Germanentum.Vorderasien
oder Morgenland: diese Begriffe sindnicht ganz zutreffend, weil zum magischen
Kulturkreis (Spengler nennt ihn arabisch) auch der ehemalige (griechische)
Osten der Antike gehört, wenn auch nur pseudomorph.
Mit Vorderasien bzw. Morgenland meine ich die Kultur der späteren Religionskulturformen,
z.B. des altiranisch-parsistischen (mazdaistischen) Persertums, des manichäischen
Babyloniens, des Judentums, des Arabertums, des Urchristentums u.a. magischer
Elemente. Das Seelenbild
der magischen Kultur ist ein dualistisches: Geist und Seele, ihr Ursymbol
die Welthöhle. Die Vertreter der magischen
Kultur berücksichtig(t)en stets den Consensus - die Übereinstimmung
der Gelehrten als Grundlage für die religiöse (= wahre)
Lehre. Das arabische Wort Idschma ist auch in diesem Sinne zu verstehen,
und es gilt immer noch als eines der vier Grundprinzipien der islamischen Rechtslehre.Historische
Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen eine fremde Kultur so mächtig
über dem Lande liegt, daß eine junge, die hier zu Hause ist, nicht
zu Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener Ausdrucksformen,
sondern nicht einmal zur vollen Entfaltung ihres Selbstbewußtseins gelangt.
(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922, S. 784). Auch
eine junge Kultur kann so mächtig sein, daß sie eine alte dort, wo
sie zu Hause ist, überlagert. Das Beispiel zwischen der (alten) apollinischen
Kultur, auch kurz Antike genannt, und der (jungen) magischen Kultur,
auch Persien/Arabien genannt, macht es deutlich: Solange die
Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die Pseudomorphose darin, daß
alle östlichen Kirchen zu Kulten westlichen Stils wurden. Dies ist eine wesentliche
Seite des Synkretismus. ... Mit dem Hinschwinden der apollinischen und dem Aufblühen
der magischen Seele seit dem zweiten Jahrhundert kehrt sich das Verhältnis
um. Das Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber es sind jetzt Kulte des
Westens, die zu einer neuen Kirche des Ostens werden. Aus der Summe von Einzelkulten
entwickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche an diese Gottheiten und Übungen
glauben, und nach dem Vorgange des Persertums und Judentums entsteht ein neues
Griechentum als magische Nation. (Oswald Spengler, Der Untergang des
Abendlandes, 1917-1922, S. 800-801).Quartal
meint eine Jahreszeit (= 3 Phasen)
oder ein Viertel der Uhrzeit (z. B. 0-6, 6-12, 12-18, 18-24 Uhr).Phase
ist für mich der Inbegriff einer wohltemperierten Abrundung durch geistig-politische
Tätigkeiten in einer bestimmten Zeitspanne, oft ausgedrückt durch
technische und künstlerische Richtungen, aber auch durch ökonomisch-politische
und geistig-metaphysische Richtungen. Sie kann nur 60-80 Jahre andauern, wie im
Falle des Rokoko, oder 200-300 Jahre, die etwa jeweils Karolingik, Romanik
und Gotik ausmachten. Eine Phase umfaßt im Mittel etwa 180 Jahre.
Ein Kulturquartal
umfaßt 3 Phasen und damit durchschnittlich 500-600 Jahre, manchmal auch
nur 300-350 Jahre, wie im Falle der abendländischen Jugend (Renaissance,
Barock und Rokoko). Ein Kulturquartal ist eine Jahreszeit in dem Sinne, daß
an ihr erkennbar wird, was sie ist, wenn sie gewissermaßen innehält.
Winter, Frühling, Sommer und Herbst sind wie unterirdisches Wachstum, zarte
Blüten, Hochblüte und Verfall, wie die pflanzliche Welt immer wieder
bezeugt, aber nicht nur sie: die 4 Jahreszeiten
sind wie uterines, kindliches, jugendliches und erwachsenes Leben, z.B.
auch vergleichbar mit dem der Säugetiere. Das erwachsene Leben kann mehrere
Quartale umfassen; in dem Falle teilen die Älteren (Elter[e]n)
ihr Leben mit den Kindern, Enkelkindern oder gar Urenkelkindern. In Kulturen
war und ist dies auch möglich: China, Indien und die magische Kultur existieren
als Zivilisationen (Erwachsene) schon länger als das Abendland.Auch
die Antike starb, aber sie wußte nichts davon. (Oswald Spengler,
Der Untergang des Abendlandes, 1917; S. 547). Bleibt
zu hoffen, daß das Abendland noch lange leben wird und als geschichtsbewußte
Kultur nicht einer antiabendländischen Rhetorik folgt, wenn es zynischerweise
heißt: aus Geschichte lernen. Es sollte seiner weiteren Entwicklung
mit Gelassenheit und auf eigenspezifische, d.h. typisch-abendländische Weise
begegnen, also von der Akzeptanz des Gewordenen ausgehen und auf eine optimistische
Perspektive setzen. Aus Geschichte lernen heißt nämlich, gewordene
Tatsachen in dem Maße zu respektieren, daß Gegenwart und Zukunft ebenfalls
eigene Geschichte werden können und daß diese eigene Geschichte weder
moralisch noch politisch-ökonomisch zum Zinskapital der gegnerischen
Geschichtsausbeuter werden darf. Wer nämlich derartige Zinsen und Zinseszinsen
nicht mehr als Ertrag, sonderm als Aufwand verbucht, weiß,
daß der Erfolg dadurch erheblich geschmälert werden kann.
Wer das eigene Geschichtsbild zu langfristigen Verbindlichkeiten oder
überhaupt zum Fremdkapital verkommen läßt, sollte
dringend eine kulturhistorische Bilanzanalyse vornehmen und nicht
auf den Bilanzstichtag warten. Wer sein Anlage- und Umlaufvermögen
nicht mehr unter Kontrolle hat, wer seine eigene Kulturgeschichte verkauft
oder sogar ihren Ausverkauf zuläßt, darf sich hinterher
nicht wundern, wenn sie als Fremdprodukt zurückkommt. Auf interkulturellen
Märkten ist die Sucht nach Gewinn genauso vorherrschend wie auf
allen anderen Märkten. Die Export-Import-Logik betrifft also auch die historische
Handelsbilanz. Geschichtsmärkte und Börsen für Geschichtsmeinungen?
Selbstverständlich gibt es die! ( ).
Natürlich gibt es auch einen Überlebenskampf der Kulturen!
Jeden Tag kann der geübte Beobachter diese Tatsachen feststellen.Samuel
Phillips Huntington
(*18.04.1927), Clash of Civilizations, in: Foreign Affairs (Zeitschrift),
1993; Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, 1996;
Kampf der Kulturen - Die Neugestaltung der Welt im 21. Jahrhundert, 1996.
Huntington könnte die Thesen aus Spenglers
Werken direkt abgeschrieben haben; sicher ist jedenfalls, daß er von Spengler
inspiriert wurde! ( ).
So gibt es eine Linie von Goethe und Schopenhauer über Nietzsche und Spengler
zu Huntington. ( ).
Die Welt fragt: Soll er der Oswald Spengler Amerikas sein?
( ).
Eine gute Frage; zutreffend ist folgende Antwort: Huntington ist einer der (us-)
amerikanischen Spenglerianer! 
Francis Fukuyama,
The End of History?, 1989; ders., Das Ende der Geschichte?,
1989; ders., The End of History and the Last Man, 1992; ders., Das
Ende der Geschichte, 1992. ( ).
Gemäß Hegels Dialektik ( )
deutet Fukuyama den extremen Liberalismus als These, den
Totalitarismus als Antithese, die liberale Demokratie
als Synthese. Also ist für Fukuyama die liberale Demokratie
das Endstadium.Im übrigen verdankt
man ... Francis Fukuyama
eine der besten Zusammenfassungen der antiken und neuren Diskurse über den
Thymos, und zwar in den gedankenreichsten Abschnitten des unglesenen Bestsellers
Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992 ( ).
... Der Leser muß wenig Scharfsinn aufwenden, um zu erkennen, daß
manche Themen und Motive des vorliegenden Versuchs aus einem imaginären Dialog
mit Francis Fukuyamas Buch The End of History and the Last Man aus dem
Jahr 1992 entspringen. Ich mache kein Geheimnis aus meiner Ansicht, diese Publikation
gehöre - trotz ihrer leicht zu entdeckenden kritikwürdigen Aspekte -
zu den wenigen Arbeiten der zeitgenössischen politischen Philosophie, die
an den Nerv der Epoche rühren. Sie hat bewiesen, daß akademisches Denken
und Geistesgegenwart sich nicht immer gegenseitig ausschließen. (Peter
Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 41, 62).    Durch
Stoffwechseltätigkeiten werden in einem vitalen System erhöhte Innenleistungen
stabilisiert, auf der physischen wie der psychischen Ebene. Das Phänomen
Warmblütigkeit ist hiervon die eindrucksvollste Verkörperung. Mit ihm
vollzog sich, etwa zur »Halbzeit der Evolution«, die Emanzipation
des Organismus von den U mgebungstemperaturen - der biologische Aufbruch in die
Freibeweglichkeit. Von ihr hängt alles ab, was später in den unterschiedlichsten
Sinnabschattungen Freiheit heißen wird. Biologisch betrachtet, bedeutet
Freiheit das Vermögen, das gesamte Potential spontaner Bewegungen zu aktualisieren,
die einem Organismus eigentümlich sind. Die Lossagung des warmblütigen
Organismus vom Primat des Milieus findet ihr mentales Gegenstück in den thymotischen
Regungen der Einzelnen wie der Gruppen. Als moralischer Warmblüter ist der
Mensch auf die Aufrechterhaltung eines gewissen internen Selbstachtungsniveaus
angewiesen - auch dies setzt eine Tendenz zur Loslösung des »Organismus«
vom Vorrang des Milieus in Gang. Wo sich die stolzen Regungen geltend machen,
entsteht auf der psychischen Ebene ein Innen-Außen-Gefälle, in dem
der Selbstpol naturgemäß den höheren Tonus aufweist. Wer die untechnischen
Ausdrucksweisen bevorzugt, kann dieselbe Vorstellung durch die These wiedergeben,
die Menschen besäßen einen angeborenen Sinn für Würde und
Gerechtigkeit. Dieser Intuition hat jede politische Organisation gemeinsamen Lebens
Rechnung zu tragen. Zum Betrieb moralisch anspruchsvoller Systeme, alias Kulturen,
gehört die Selbststimulierung der Akteure durch die Hebung thymotischer Ressourcen
wie Stolz, Ehrgeiz, Geltungswille, Indignationsbereitschaft und Rechtsempfinden.
Einheiten dieser Art bilden in ihrem Lebensvollzug lokalspezifische Eigenwerte
aus, die bis zum Gebrauch universalistischer Dialekte führen können.
Es läßt sich durch empirische Beobachtung schlüssig nachweisen,
wie erfolgreiche Ensembles durch einen höheren inneren Tonus in Form gehalten
werden - an dem im übrigen häufig der aggressive oder provozierende
Stil des Umweltbezugs auffällt. (Peter Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 38-39).Peter
Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 96.Peter Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 97. Hier heißt es u.a. : Das Dasein
kann sich ebensogut daran orientieren, daß es als Ganzes die Strecke von
der Kränkung bis zur Rache durchläuft. Aus solcher Hingespanntheit auf
den entscheidenden Augenblick entspringt die existentiale Zeit - und diese Stiftung
eines Seins-zum-Ziele ist mächtiger als jede vage heroische Meditation des
Endes. (Ebd., S. 97). Sloterdijks Sein-zum Ziele ist also eine
Ergänzung zu Heideggers Sein-zum Tode. In Heideggers 1927 erschienenen
Hauptwerk mit dem Titel Sein und Zeit, worauf Sloterdijks 2006 erschienenes
Werk mit dem Titel Zorn und Zeit ja anspielt, erfährt der Mensch seine
Eigentlichkeit, seine Befreiung von Fremdbestimmung,
als Sein zum Tode, in Hinblick auf seine eigene Endlichkeit. Sloterdijk
ergänzt, daß diese Eigentlichkeit auch im Durchlauf von der Kränkung
bis zum Augenblick der Rache erfahrbar werde. Der Zorn wird somit zum Existential
oder auch Existenzial (Schreibweise von Heidegger).Peter
Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 198.  Peter
Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 222.  Peter
Sloterdijk,
Zorn und Zeit, 2006, S. 226.  Peter
Sloterdijk,
Die Bevölkerungswaffe der Islamisten, in : Cicero, August 2006, auch
in : Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 338ff..Ohne
Zweifel ist das Kapitel über den Zorn Gottes (»Der zornige Gott: Der
Weg zur Erfindung der metaphysischen Rachebank« )
das Glanzstück der geistesgeschichtlichen Zorn-Erkundungen von Peter Sloterdijk.
Etwas Schärferes und Treffenderes und Erfrischenderes über die Paradoxien
des jüdisch-christlichen Gottes und seines Zorns hat man lange nicht gelesen.
Hier wird das Ressentiment Sloterdijks gegen das jüdisch-christliche Ressentiment,
das gewissermaßen die Vorform der Zornschatzbildung durch den Kommunismus
bildet, derart schöpferisch, daß man sich ob mancher gelungenen Formulierung
vor Lachen den Bauch halten muß. . ...Sloterdijks Essay enthält viele
gute und neue Gedanken, Und auch, wenn man, einem alten Witz folgend, sagen muß,
daß nicht alle guten Gedanken neu sind und nicht alle neuen Geschichten
gut, so kann man Sloterdijks Buch dennoch ohne Bedenken zu einer ebenso lehrreichen
wie unterhaltsamen Lektüre empfehlen. (Johannes F. Lehmann, Von
Achill zu Al-Qaida - Sloterdijks Essay zur politischen Ökonomie des Zorns
[Rezension], 2006).Jens Bisky, in: Süddeutsche
Zeitung, 04.10.2006. Weiter heißt es hier in der Renzension zu Sloterdijks
Buch Zorn und Zeit (2006): ... die ungelösten Probleme aber
liegen in der liberalen Welt selber: Sie kennt gegenwärtig keinen Weg, Zorn
in Stolz umzuwandeln, Stolz produktiv zu machen.
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