Jenseits von Gut und Böse (Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft), 1886 
Leben
selbst ist Wille zur Macht -: die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten
und häufigsten Folgen davon. (Ebd., 1886, 13, in: Werke III,
S. 24 bzw. 578).
Es dämmert jetzt vielleicht in fünf,
sechs Köpfen, daß Physik auch nur eine Welt-Auslegung und Zurechtlegung
und nicht eine Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf den Glauben
an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muß auf lange hinaus noch als
mehr, nämlich als Erklärung gelten. (Ebd., 1886, 13, in: Werke
III, S. 24 bzw. 578).Philosophen .... Ihr Denken ist in der Tat
viel weniger ein Entdecken als ein Wiedererkennenm eine Rück- und Heimkerh
in einen fernen uralten Gesamt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
herausgewachsen sind Philosophieren ist insofern eine Art von Atavismus
höchsten Ranges. (Ebd., 1886, 20, in: Werke III, S. 29-30 bzw. 583-584).Die
wunderliche Familien-Ähnlichkeit alles indischen, griechischen, deutschen
Philosophierens erklärt sich einfach genug. Gerade, wo Sprach-Verwandtschaft
vorliegt, ist es gar nicht zu vermeiden, daß, dank der gemeinsamen Philosophie
der Grammatik ich meine dank der unbewußten Herrschaft und Führung
durch gleiche grammatische Funktionen von vornherein alles für eine
gleichartige Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet
liegt: ebenso wie zu gewissen andern Möglichkeiten der Welt-Ausdeutung der
Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-altaischen Sprachbereichs (in
dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten entwickelt ist) werden mit großer
Wahrscheinlichkeit anders »in die Welt« blicken und auf andern Pfaden
zu finden sein als Indogermanen oder Muselmänner: der Bann bestimmter grammatischer
Funktionen ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werturteile und Rasse-Bedingungen.
So viel zur Zurückweisung von Lockes Oberflächlichkeit in bezug
auf die Herkunft der Ideen. (Ebd., 1886, 20, in: Werke III, S. 30 bzw. 584).Man
vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht lassen kann,
auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu legen: aber jene »Gesetzmäßigkeit
der Natur«, von der ihr Physiker so stolz redet, wie als ob
besteht nur dank eurer Ausdeutung und schlechten »Philologie«
sie ist kein Tatbestand, kein »Text«, vielmehr nur eine naiv-humanitäre
Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr den demokratischen Instinkten der
modernen Seele sattsam entgegenkommt! (Ebd., 1886, 22, in: Werke III, S.
32 bzw. 586).Gesetzt, daß nichts anderes
als real »gegeben« ist als unsre Welt der Begierden und Leidenschaften,
daß wir zu keiner andern »Realität« hinab oder hinauf können
als gerade zur Realität unsrer Triebe denn Denken ist nur ein Verhalten
dieser Triebe zueinander : ist es nicht erlaubt, den Versuch zu machen und
die Frage zu fragen, ob dies Gegeben nicht ausreicht, um aus seinesgleichen
auch die sogenannte mechanistische (oder »materielle«) Welt zu verstehn?
Ich meine nicht als eine Täuschung, einen »Schein«, eine »Vorstellung«
(im Berkeleyschen und Schopenhauerschen Sinne) sondern als vom gleichen Realitäts-Range,
welchen unser Affekt selbst hat als eine primitivere Form der Welt der
Affekte, in der noch alles in mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich
dann im organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzärtelt
und abschwächt ), als eine Art von Triebleben, in dem noch sämtliche
organische Funktionen, mit Selbst-Regulierung, Assimilation, Ernährung, Ausscheidung,
Stoffwechsel, synthetisch gebunden ineinander sind als eine Vorform
des Lebens? Zuletzt ist es nicht nur erlaubt, diesen Versuch zu machen:
es ist, vom Gewissen der Methode aus, geboten. Nicht mehrere Arten von
Kausalität annehmen, solange nicht der Versuch, mit einer einzigen auszureichen,
bis an seine äußerste Grenze getrieben ist ( bis zum Unsinn,
mit Verlaub zu sagen): das ist eine Moral der Methode, der man sich heute nicht
entziehen darf es folgt »aus ihrer Definition«, wie ein Mathematiker
sagen würde.Die Frage ist zuletzt, ob wir
den Willen wirklich als wirkend anerkennen, ob wir an die Kausalität
des Willens glauben: tun wir das und im Grunde ist der Glaube daran eben
unser Glaube an Kausalität selbst , so müssen wir den Versuch
machen, die Willens-Kausalität hypothetisch als die einzige zu setzen. »Wille«
kann natürlich nur auf »Wille« wirken und nicht auf »Stoffe«
(nicht auf »Nerven« zum Beispiel ): genug, man muß die
Hypothese wagen, ob nicht überall, wo »Wirkungen« anerkannt werden,
Wille auf Wille wirkt und ob nicht alles mechanische Geschehen, insofern
eine Kraft darin tätig wird, eben Willenskraft, Willens- Wirkung ist.
Gesetzt endlich, daß es gelänge, unser gesamtes Triebleben als die
Ausgestaltung und Verzweigung einer Grundform des Willens zu erklären
nämlich des Willens zur Macht, wie es mein Satz ist ; gesetzt, daß
man alle organischen Funktionen auf diesen Willen zur Macht zurückführen
könnte und in ihm auch die Lösung des Problems der Zeugung und Ernährung
es ist ein Problem fände, so hätte man damit sich das
Recht verschafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur
Macht. Die Welt von innen gesehen, die Welt auf ihren »intelligiblen
Charakter« hin bestimmt und bezeichnet sie wäre eben Wille
zur Macht und nichts außerdem. (Ebd., 1886, 36, in: Werke III,
S. 46-47 bzw. 600-601).Wer, gleich mir, mit irgendeiner rätselhaften
Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken
und aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen,
mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt
der Schopenhauerschen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem asiatischen und
überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller möglichen Denkweisen
hinein- und hinuntergeblickt hat jenseits von Gut und Böse, und nicht
mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und Wahne der Moral , der hat
vielleicht ebendamit, ohne daß er es eigentlich wollte, sich die Augen für
das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermütigsten,
lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war
und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, so wie es war und
ist, wiederhaben will, in alle Ewigkeit hinaus, unersättlich da capo
rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele, und
nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu dem, der gerade dies Schauspiel
nötig hat und nötig macht: weil er immer wieder sich nötig
hat und nötig macht Wie? Und dies wäre nicht
circulus vitiosus deus? (Ebd., 1886, 78, in: Werke III, S. 63 bzw. 617).Wer
sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.
(Ebd., 1886, 78, in: Werke III, S. 73 bzw. 627).Eine Seele, die
sich gelebt weiß, aber selbst niocht lebt, verrät ihren Bodensatz
ihr Unterstes kommt herauf. (Ebd., 1886, 79, in: Werke III, S. 73 bzw. 627). |