Die Frage nach der historischen Existenz. Zwischen Universalgeschichte und
Geschichtsphilosophie? (2001)Zusammenfassung:
Um eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage möglich zu machen, müssen
die Grundlinien des Werkes über »Historische
Existenz« herausgestellt werden. Das geschieht zunächst durch den
Rückgriff auf den »Faschismus
in seiner Epoche« von 1963, als dessen eigentlicher Gegenstand nicht
so sehr das zeitgeschichtliche Phänomen des »Faschismus« gelten
kann, sondern die viel umfassendere Thematik von »Transzendenz«, »Liberales
System« und »Nachgeschichte«. Alle drei Begriffe haben eine
positive Bedeutung, aber jedem werden auch »Kehrseiten« zugeschrieben.
35 Jahre später stehen in der »Historischen
Existenz« dieselben Hauptthemen im Zentrum, aber in einem weitaus umfassenderen
Zusammenhang. Bei aller Aufrechterhaltung der prinzipiellen Position werden die
»Kehrseiten« meist stärker akzentuiert als in dem früheren
Buch. Zum Schluß ist es leicht einsehbar geworden, iwiefern sich die Kategorialanalyse
der »Historischen
Existenz« sowohl von der Universalgeschichte wie von der Geschichtsphilosophie
unterscheidet.((1)) Die Frage, ob mein Buch über die »Historische
Existenz« zwischen Universalgeschichte und Geschichtsphilosophie einzuordnen
ist, läßt sich natürlich nicht adäquat beantworten, ohne
daß die Grundlinien des Werkes herausgestellt werden, Aber es ist auch unumgänglich,
zunächst um beinahe vier Jahrzehnte zurückzugreifen, da eine andere
Frage sich aufdrängt, nämlich die folgende: Was veranlaßte einen
Zeitgeschichtler, der nach dem Erscheinen des »Faschismus
in seiner Epoche« im Jahre 1963 lange Zeit als »Faschismusexperte«
galt, sich dem allgemeinsten oder abstraktesten Fundamentalcharakter der Weltgeschichte
im ganzen zuzuwenden und die »historische Existenz« zum Thema zu machen?
Wollte er etwa überall in der Geschichte Faschismus oder Vorformen des Faschismus
entdecken und dadurch seine Thematik universalisieren?((2)) Aber handelte
es sich überhaupt um eine »zeitgeschichtliche Untersuchung«?
Wo sonst wären so viele nicht-zeitgeschichtliche Personen und Gegenstände
in die Darstellung einbezogen gewesen: dc Maistre, Comte, der »enthusiastische
Liberalismus« Rousseaus und sogar Parmenides? Daß die Philosophie
der Ausgangspunkt war, ließ sich schwerlich übersehen, und der fünfte
Teil mit dem befremdenden Titel »Der Faschismus als transpolitisches Phänomen«,
in welchem Kant, Marx, Nietzsche und Max Weber die Gegenstände waren, stellte
offenbar den eigentlichen Ausgangspunkt dar. Und unmittelbar vorher war von der
Geschichte im ganzen und dem gegenwärtigen Übergang zu einer andersartigen
Gesellschaft die Rede, vom »Todeskampf' der partikularen Gesellschaft, die
auf Souveränität, Einstellung auf den Vollzug des Krieges und inneren
Antagonismus gerichtet war. Man könnte daher behaupten, es habe sich um eine
am Marxismus orientierte, den Marxismus jedoch seines ideologischen Impulses entkleidende
Geschichtsphilosophie gehandelt, in welche das neuartigste Phänomen der Epoche,
nämlich der Faschismus in seinen Erscheinungsformen als Früh-, Normal-
und Radikalfaschismus lediglich hineinkomponiert worden sei, wenngleich so, daß
dieses jüngste historische Phänomen einen zuvor noch nicht möglichen
Blick auf das Ganze der Geschichte und einen Vorblick auf eine künftige »Nachgeschichte«
gestatte oder sogar erzwinge. Wie anders hätte die Gestalt Hitlers als »Abschluß
eines Weltalters« charakterisiert werden können? (S. 507-512)((3))
Die zeitliche und fundierende Reihenfolge der »großen Themen«
des Buches ließe sich folgendermaßen umreißen: Transzendenz
- Das Liberale
System (tendenziell die Linke oder die Revolution) - Geschichte (tendenziell
die Nachgeschichte) - der Marxismus - der Faschismus.((4)) Unter »Transzendenz«
ist das Sich-selbst-Überschreiten des Menschen zu verstehen, das in seinem
Weltbezug, seiner »Weltoffenheit«, gegründet und schon in den
primitivsten Religionen urzeitlicher Sippen faßbar ist. Sie ermöglicht
schließlich jene »Weltbemächtigung«, welche seit dem Anfang
der Neuzeit zunächst im Okzident aufkommt und später als »Industrialisierung«
bzw. heute als »Globalisierung« bezeichnet wird. Daher ist die »praktische
Transzendenz« von der »theoretischen Transzendenz« zu unterscheiden.((5))
Der Durchbruch der praktischen Transzendenz erfolgt in der »bürgerlichen
Gesellschaft«, von der gesagt wird, sie solle besser die »Liberale
Gesellschaft« genannt werden (S. 542). Deren Hauptmerkmal ist das Mit- und
Gegeneinander unterschiedlicher historischer Kräfte: in der mittelalterlichen
Vorform dasjenige von Kirche und Staaten, Monarchie, Adel und Bürgertum und
seit der Reformation von Konfessionen, aus deren Kämpfen die Aufklärung
und eine unabhängige Wissenschaft resultieren. Die Singularität dieser
Gesellschaftsform wird nicht zuletzt darin gesehen, daß in ihr »der
Schrei des Gequälten nicht erstickt wird, daß sogar der radikale Gegner
zu Wort kommt, daß selbst die gesellschaftsfeindliche Utopie als Vehikel
eines unvergleichlichen Fortschritts sich erweist« (S. 182). Mit anderen
Worten heißt das: Nur in der Gesellschaft des Liberalen
Systems findet (zunächst bloß tendenziell) jenes Aufbegehren einen
dauerhaften und organisierten Platz, den Platz der radikalen Linken, das ansatzweise
und als stets unterdrücktes in allen geschichtlichen Gesellschaften zu verzeichnen
ist. Als die bedeutendste der Erscheinungsformen der radikalen Linken wird der
Marxismus angesehen, und vom Marxismus her wird die erste, für alle Versionen
gültige Definition des Faschismus gewonnen: »Faschismus ist Antimarxismus,
der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten
Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten
Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler
Selbstbehauptung und Autonomie« (S. 51 **).Dem
Marxismus wird jedoch in Gestalt des Werkes von Marx kein geringeres Verdienst
zugeschrieben als »die philosophische Entdeckung und Kritik der bürgerlichen
Gesellschaft« (S. 521-529), und durch die Ausweitung der Fragestellung auf
Nietzsche und Max Weber wird die auf den ersten Blick triviale Kennzeichnung des
»Liberalen
Systems« erheblich ausgeweitet und vertieft. Eine außerordentliche
Paradoxie ist darin zu erkennen, daß der Marxismus, der im Werk von Marx
in den Spuren Hegels eine tiefsinnige Deutung der »bürgerlichen Gesellschaft«
gibt, als politisches Phänomen gegen ein Grundgesetz dieser Gesellschaft
verstößt, indem er »Vernichtung« proklamiert, während
die spezifische Möglichkeit die »europäische Synthese« (S.
418) ist, die nur »Zurückdrängung« und »Überwindung«
kennt, aber Vernichtung ausschließt. Insofern erwächst unter bestimmten
Umständen das Aufkommen einer (faschistischen) Gegenvernichtungspartei mit
Notwendigkeit aus dem System selbst, nicht jedoch deren Sieg.((6)) Es
kann indessen kein Zweifel sein, daß dem Marxismus eine höhere Art
von »historischem Recht« zugeschrieben wird als dem Faschismus; denn
dieser macht sich betontermaßen zum Verteidiger und Vorkämpfer der
»souveränen, kriegerischen, in sich antagonistischen Gruppe«,
welche in allem Wechsel der Gestalten für die ganze »bisherige«
Geschichte bestimmend war. Die weltweite Gesellschaft, von der sie abgelöst
wird, ist vom Marxismus als die klassen- und staatlose Gesellschaft charakterisiert
worden, und man kann sie die Gesellschaft der »Nachgeschichte« nennen,
auch wenn man sie, im Gegensatz zum Marxismus, nicht durch die Aufhebung der Arbeitsteilung
und durch ein Verschwinden der Differenzen, sondern gerade durch deren Intensivierung
bestimmt sieht.((7)) Der Vorrang, der dem Marxismus zugeschrieben wird,
erstreckt sich auch auf den Bolschewismus, der als ein »notwendiger«
Totalitarismus und im letzten Kapitel »Umriß einer transzendentalen
Soziologie dieser Zeit« sogar als »die bisher entschiedenste Selbstbejahung
der materiellen Produktion und mit ihr der praktischen Transzendenz« bezeichnet
wird; daher sei »die Differenz gegenüber dem Faschismus trotz aller
strukturellen Ähnlichkeiten fundamental« (S. 470 f., 543 f.). Der Radikalfaschismus
Hitlers war dagegen »praktischer und gewalttätiger Widerstand gegen
die Transzendenz« (S. 507), und dieser Widerstand hat in der »Endlösung
der Judenfrage« seinen radikalsten Ausdruck gefunden, mittels deren Hitler
die Fortexistenz der »kriegerischen«, der »geschichtlichen«
Gesellschaft durch die Vernichtung ihres angeblich machtvollsten Feindes hatte
sichern wollen. Der Nationalsozialismus wird also nicht nur moralisch, sondern
auch historisch mit aller Entschiedenheit verurteilt, und die Singularität
der »Endlösung« wird mit einer Klarheit herausgestellt, die in
der wissenschaftlichen Literatur der frühen sechziger Jahre ohne Beispiel
war.((8)) So steht es außer Zweifel, daß dieses Buch von
1963 sowohl die Transzendenz wie das Liberale
System unzweideutig bejaht und von hier aus zu einer ebenso eindeutigen Verurteilung
des Faschismus und zumal des radikalfaschistischen Nationalsozialismus gelangt.
Wenn man will, mag man sagen (wie es in einzelnen der ganz überwiegend positiven
Rezensionen hieß), es habe sich um einen »bürgerlichen«
oder entmythologisierten, auf seinen »rationalen Kern« reduzierten
Marxismus gehandelt. Wenn ihm daher der Vorwurf des »Utopismus« nicht
gemacht werden konnte, so blieb der Einwand des »Spekulativen« bestehen,
der gegen jede Art von übergreifender, nicht »fachhistorischer«
Geschichtsinterpretation vorgebracht werden kann.((9)) Aber es ließen
sich auch ganz andere Einwände erheben; denn so unzweideutig der positive
Akzent war, der auf den Begriffen »Transzendenz«, »Liberales
System«, »Linke« bzw. »Revolution« und auch
»Marxismus« lag, so handelte es sich nicht um Glorifizierung, und
den, »Kehrseiten« wurde nicht wenig an Aufmerksamkeit geschenkt. Von
der Transzendenz wird auf der letzten Seite des Buches gesagt, sie sei »unendlich
weit entfernt von der Harmlosigkeit eines gesicherten 'Kulturfortschritts'«,
denn sie sei »nicht das Ruhebett des endlichen Menschen, sondern in rätselvoller
Einheit sein Thronsessel und sein Marterholz« (S. 545). Nach jener positiven
Kennzeichnung des Liberalen
Systems lauten die nächsten Sätze folgendermaßen: »Dieses
Unvergleichbare ist nicht gut und nicht schön: es ist über die Maßen
hässlich, indem es das überlieferte Schöne verdrängt, auslaugt
und zerstört.« Aber eben dieses Negative gehört als die »Kehrseite«
zum Ganzen des Singulären, welches das Liberale
System ist. (S. l82) Wenn »die Linke« den Übergang zur »Nachgeschichte«
weit mehr vorweggenommen hat als irgendeine Form der »Rechten«, so
hatte ihr Recht sehr viel mit dem Unrecht der Orientierung an den einfachen und
durchsichtigen Zuständen der Vor- und Frühgeschichte zu tun. Mutatis
mutandis gilt dasselbe für den Marxismus.((10)) Wenn jene »Untat«
der Judenvernichtung durch den Radikalfaschismus sogar von dem »Terror Stalins
gegen das eigene Volk und die eigene Partei« schroff abgesetzt wird, so
wird sie doch nicht in einem »absoluten Bösen« begründet
gesehen, sondern in »nur allzu menschlichen Sorgen und Ängsten«
(S. 35). Bei Adolf Hitler wird wie bei Charles Maurras »die Angst«
als Grundemotion herausgestellt, ja es wird sogar von einer »Sympathie«
- freilich von einer besonderen, nicht-emotionalen und nicht-zustimmenden »Sympathie«
gesprochen, welche die unabdingbare Voraussetzung allen Bemühens um historische
Objektivität sei (ebda). Nirgendwo, wo von der »bisherigen« Geschichte
die Rede ist, wird ein empörter Angriff gegen »Herrschaft« oder
»Schichtung« geführt; dem jungen Mussolini der ersten Nachkriegszeit
wird gegenüber seinen früheren Genossen sogar ausdrücklich Recht
gegeben, weil er das marxistische Dogma vom bevorstehenden »Ende des Kapitalismus«
kritisiert habe. Andererseits wird der Marxismus des jungen Mussolini deshalb
ausführlich dargestellt, weil er als Ursache des bürgerlichen Schreckens
die wichtigste Voraussetzung des Faschismus war.« (S. 199). Und wenn die
Bedeutung des Bolschewismus für Hitler anscheinend weit hinter diejenige
der Rassenlehre Gobineaus und Houston Stewart Chamberlains zurückgestellt
wird, so heißt es doch, es müsse zweifelhaft sein, ob Hitler ohne die
Erfahrung der bolschewistischen Revolution, die ihm insbesondere durch Dietrich
Eckart vermittelt worden sei, zu demjenigen hätte werden können, der
er war (S. 490). Und was »Deutschland« angeht, so war die Kennzeichnung
der Deutschen als »des letzten Volkes des Mars in Europa« (S.370)
zwar weitaus umfassender und »spekulativer« als die üblichen
Attacken gegen die »reaktionären führenden Schichten«, aber
sie läßt das negative Urteil mit jenem Respekt verbunden sein, der
durch die Berufung auf Proudhon unterstrichen wird (S. 511).((11)) So
ist das Buch zwar aus der Vorgeschichte der »Renaissance des Marxismus«
in der »1968er Bewegung« nicht wegzudenken, da es einen der für
sie wichtigsten Begriffe wieder in die Öffentlichkeit brachte, nämlich
den des »Faschismus«, aber zu den eigentlichen »Kindern des
Hauses« gehörte es schon deshalb nicht, weil es einen bereits nahezu
vergessenen Kampfbegriff für die Wissenschaft gewinnen und nicht den umgekehrten
Weg einschlagen wollte. Sein Defizit bestand jedoch darin, daß es von der
Action française, dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus
ausführlich genug gehandelt hatte, um als »zeitgeschichtliche Untersuchung«
anerkannt zu werden, daß es aber das Liberale
System, den Marxismus und den Bolschewismus nur in einigen allgemeinen Zügen,
d.h. auf bloß philosophische Weise und nicht im historischen Detail, zum
Thema gemacht hatte.((12)) Die Beseitigung dieses Defizits nahm mehr
als drei Jahrzehnte in Anspruch. 1968 erhielt das erste Unterkapitel der »Krise
des liberalen Systems und die faschistischen Bewegungen« die Überschrift
»Der Mutterboden: das liberale System«, 1974 griff »Deutschland
und der Kalte Krieg« auf die zweite Phase der großen ideologischen
Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts voraus und mochte den Eindruck unphilosophischer
Geschichtsschreibung erwecken; 1983 wurde der Marxismus in »Marxismus
und Industrielle Revolution« in eine ungewohnte Perspektive gestellt,
in diejenige der fast 100 Jahre, die ihm an politischen und intellektuellen Kämpfen
um die Industrielle Revolution vorhergegangen waren. Die in einem Zeitungsartikel
vom Juni 1986 enthaltene und thesenhafte Vorwegnahme des »Europäischen
Bürgerkriegs 1917-1945« von 1987 löste den sogenannten Historikerstreit
aus, weil hier vom Bolschewismus ein viel ausführlicheres, das Neuartige
und Umfassende seiner Vernichtungsmaßnahmen quellenmäßig darstellendes
Bild gezeichnet wurde, das bei vielen Lesern den Eindruck hervorrief, ich sähe
im Nationalsozialismus und sogar in »Auschwitz« nun »weiter
nichts« als eine verständliche Reaktion auf den Bolschewismus und dessen
»Gulag«. Die »Streitpunkte« von 1993 suchten diesen Eindruck
zu korrigieren, wurden aber von vielen Historikern und Publizisten nur als ein
weiterer »Tabubruch« betrachtet.((13)) Da ich nun in der
deutschen Öffentlichkeit definitiv zur »Unperson« geworden war,
konnte ich mit der Arbeit an dem Buch beginnen, das den Abschluß meines
Lebenswerkes bilden sollte, eben mit der »Historischen
Existenz«, die 1998, wie einst der »Faschismus
in seiner Epoche«, im Piper-Verlag erschien.Die Kontinuität
zu den früheren Büchern wird nicht auf den ersten Blick sichtbar, denn
erst nach mehr als 500 Seiten ist wieder vom Marxismus und vom Faschismus die
Rede und vom Liberalen
System nicht viel früher. Um eine erzählende Weltgeschichte handelt
es sich jedoch offenkundig nicht, sondern um eine Analyse grundlegender Kategorien
oder »Existenzialien«
historischen Daseins, die von einer geringen Zahl erzählender Darstellungen
ihren Ausgang nimmt. Ich will kein Geheimnis daraus machen, daß mein Verfahren
ein ganz einfaches war.Ich nahm mir nämlich die Zeit, die ich in
dreißig Jahren akademischer Tätigkeit nie gefunden hatte, um in aller
Ruhe die vielen Bände der fachhistorischen Darstellungen, von der Propyläen-Weltgeschichte
bis zur »Historia Mundi«, ja bis zu »Kindlers Enzyklopädie
'Der Mensch'«, zu lesen, und zwar unter dem Hauptgesichtspunkt, welche Tatbestände
immer wieder Erwähnung fanden und daher vermutlich von kategorialer Natur
waren. Natürlich waren mir diese Kategorien seit langem bekannt, aber es
resultierten doch Verstärkungen oder Abschwächungen des jeweiligen Gewichts.
Zwar wurde mir nicht erst dadurch deutlich, wie fragmentarisch meine Kenntnis
der Weltgeschichte war. Aber selbst die phänomenale Gelehrsamkeit eines Arnold
Toynbee erzeugt nicht selten Zweifel und Kritik, wenn Sinologen, Sumerologen,
Judaisten u.s.w. sich den entsprechenden Kapiteln seiner »Study of History«
zuwenden. Und eine übergroße Fülle von Detailkenntnissen behindert
das Denken eher, als daß sie es fördert. Kein Mensch kann eine Universalgeschichte
oder eine Geschichtsphilosophie oder auch eine Studie über »historische
Existenz« schreiben, ohne sich eine Menge von »Handbuchwissen«
präsent gemacht zu haben. Daß er dieses Wissen an keiner Stelle als
Selbstzweck reproduzieren darf, versteht sich ja von selbst.((14)) So
tauchen in der »Historischen
Existenz« von Urukagina bis zu Edward Clarendon und zu Erwin Chargaff
zahlreiche Namen und Tatbestände auf, von denen in den früheren Büchern
nicht die Rede war, aber ich wüßte nur eine einzige Lektüre anzuführen,
die meine Kenntnisse nicht bloß erweitert hat, sondern die - wie einst das
Studium von Solschenizyn, Kopelew und entlegenen Quellen wie Melgunov und Grigorij
Sinovjew im Hinblick auf den Bolschewismus - eine bedeutende Veränderung
früherer Auffassungen herbeiführte, wenngleich nicht deren Umsturz.
Es handelt sich um die Bibel, welche ich, wie ich gestehen muß, im Alter
von über siebzig Jahren erstmals vollständig, sorgfältig und unter
Heranziehung der Wissenschaft des Alten Testaments gelesen habe. Wenn sich mir
dadurch die Frage aufzwang, ob es sich nicht um eine »unheilige Schrift«
handle, so konnte diese Lektüre mich doch in der Überzeugung von dem
Rang und der Bedeutung dieses Teils der jüdisch-christlichen und also auch
okzidentalen Tradition nicht wankend machen, und sie verstärkte nur das Nachdenken
über »Kehrseiten« oder »andere Seiten« der Phänomene,
von denen manche der »unbeleuchteten Seite des Mondes« ähneln
mochten.((15)) Trotz aller Erweiterungen und Veränderungen ist der
Zusammenhang zwischen dem »Faschismus
in seiner Epoche« und der »Historischen
Existenz« nicht schwer zu erkennen. Die scheinbar bloß zeitgeschichtlichen
Themen: Bolschewismus, Faschismus und Kalter Krieg sind auf drei von insgesamt
61 Kapiteln reduziert, doch sie sind gleichwohl weiterhin zentral, so gewiß
es sich nur um Kurzfassungen handelt, in die insbesondere der »Europäische
Bürgerkrieg« einbezogen ist. Aber die übergreifenden Themen
sind dieselben wie 1963, wenngleich zum Teil erheblich erweitert: Transzendenz
- Liberales
System (Linke) - Geschichte (Nachgeschichte). Ich skizziere die Thematik und
den Gedankengang des Buches zunächst unter dem Gesichtspunkt der Frage, ob
sich in dem Urteil über Geschichte und Nachgeschichte wesentliche Veränderungen
vollzogen haben.((16)) Den Anfang des Ersten Teils, der nach methodologischen
Vorüberlegungen und einem »kosmologisch-zoologischen« Abschnitt
einsetzt, welcher kein Eigengewicht hat und lediglich der Abgrenzung von »Naturgeschehen«
und »Geschichte« dient (S. 55-85), bildet der Bibelbericht, in dem
die irdische oder historische Existenz der Menschen als Folge der Sünde und
der Vertreibung aus dem Paradiese erscheint, und wenn hier die Unterscheidung
von zwei grundsätzlich verschiedenen Zuständen des menschlichen Daseins
noch keinen Ausblick auf einen dritten eröffnet, so richtet sich der Blick
der israelischen Propheten, zumal des Jesaja, schon bald auf einen künftigen
Zustand des wiedergewonnenen Paradieses. Die Vorstellung von einem ursprünglichen
Zustand der Harmonie, der durch eine lange Phase von Entfremdung und Zerrissenheit
abgelöst wird, aber dann auf höherer Stufe in einer dritten und endgültigen
Phase wiederhergestellt wird, ist ein Fundamentalkonzept des Deutschen Idealismus
von Kant über Schiller und Hegel bis hin zu Marx. Arnold Toynbee und Karl
Jaspers entwickeln im 20. Jahrhundert von der positiv vorgestellten Nachgeschichte
her die Kategorien der Geschichte, während Oswald Spengler die Idee der Geschichte
als Niedergang und Dekadenz, die schon bei Hesiod zu finden ist, auf eigentümliche
Weise aufgreift und abwandelt. Wenn Roderick Seidenberg 1950 in einem der frühesten
Bücher, die den Begriff »nachgeschichtlich« schon im Titel tragen,
»Wissenschaft, Gesetze, Zivilisation, Organisation« als Merkmale des
nachgeschichtlichen Daseins denjenigen der Geschichte, nämlich »Instinkt,
Religion, Sitten, Kultur«, entgegensetzt, dann stellt er Kategorien nebeneinander,
die indessen nicht einer eindringenden Analyse unterzogen werden. Die meisten
dieser Denker würden es als negative Aussage betrachtet haben, wenn festgestellt
wird: »Der Wille zur historischen Existenz schloß immer Distanz, ja
Feindschaft zu anderen Staaten und Völkern in sich.« (S.25)((17))
Anders als in den früheren Büchern wird die Frage nicht ausgeschlossen,
ob Transzendenz im Sinne von »Weltoffenheit« in bestimmten Bereichen
des Naturgeschehens angelegt sein könnte, z.B. in der »Vorkultur«
des Kartoffelwaschens bei bestimmten Japan-Makaken, das eine zufällige »Entdeckung«
voraussetzt und nicht aus genetischer Zwangsläufigkeit hervorgeht. Aber diese
erste »Triebentbundenheit« ist doch noch weit vom Menschlichen entfernt.Auch
in der »Historischen
Existenz« wird der anthropologische Anfang mit »Transzendenz«
gemacht, deren Zusammenhang mit Todesbewußtsein, Religion und Sprache betont
wird; im weiteren Verlauf werden »Aspekte« der Transzendenz herausgestellt,
und abermals wird zwischen theoretischer und praktischer Transzendenz unterschieden.
(S.93 f., 183 ff.).Die frühen Hochkulturen werden nur in geringer
Zahl und nicht um ihrer selbst willen zum Thema - an Ägypten interessiert
z.B. in erster Linie der Umstand, daß hier die Hinfälligkeit und insofern
auch die Geschichte verneint wird. Verneinung der Geschichte und Hinblick auf
ein Anderes, »Jenseitiges«, gehört hier also wie bei Jesaja zur
Geschichte selbst, und von der Möglichkeit einer »nachhistorischen
Existenzweise« ist schon in dem Kapitel über die Handelsstadt Ugarit
und die dort greifbar werdenden kanaanäischen Mythen die Rede. (S.140)Erhellender
als Erzählungen von frühen Hochkulturen sind im Rahmen des Buches die
»großen Zeugnisse«, von denen das Gilgamesch-Epos, die Ilias
und das Alte Testament relativ ausführlich interpretiert werden. Das Gilgamesch-Epos
wird als der »Mythos von der historischen Existenz des Menschen« ausgelegt
(S. 149 f.), und die Ilias wird als die erste »konzentrierende Abbildung«
des historisch Existierenden und nur indirekt der historischen Existenz verstanden.
(S. 151) Nichts kennzeichnet sie so sehr wie die Tatsache, daß die Kämpfe
der Menschen zugleich Kämpfe der Götter sind, daß aber nicht etwa
»gute Götter« gegen »böse Götter« in die
Arena treten.Hier liegt der entscheidende Unterschied gegenüber
dem Alten Testament und dessen Monotheismus. Der Anspruch des Volkes Israel auf
das Auserwähltsein durch einen Gott, der vor allem »sein« Gott,
aber tendenziell der Weltgott ist, führt zu den entsetzlichen Vernichtungskriegen
Josuas, die aber letzten Endes - ob sie nun real oder imaginiert waren - nicht
der bloßen Eroberung von Land dienen sollten, sondern der Sicherung einer
gerechten und gottgefälligen Lebensweise des Volkes in ihrem schroffen Gegensatz
zu den orgiastischen Naturkulten der Kanaanäer. So darf Israel als das »Paradigma
der historischen Existenz« gelten (S. 177), weil kaum irgendwo sonst die
Zusammengehörigkeit von Vernichtungsfurcht und Vernichtung so deutlich wird,
aber nirgendwo finden sich zugleich so viele Vorblicke auf eine ganz andere Lebensweise,
in der jede einzelne Familie zufrieden »unter ihrem Weinstock und ihrem
Feigenbaum« sitzt und die Völker der Welt zum »heiligen Berg
Zion« kommen, um zusammen mit Israel den Gott des Himmels und der Erde zu
verehren.((18)) Im »Schema der historischen
Existenz« werden die Kategorien des geschichtlichen Lebens - oder die »historischen
Existenzialien« - im Ausgang von der kursorischen und selektiven Darstellung
einiger Hochkulturen und von der Interpretation der«,großen Zeugnisse«,
aber im weiten Hinausgreifen darüber, als einzelne analysiert: Religion Herrschaft,
Schichtung, Staat - Adel, Sublimierung, Kunst, Krieg und Frieden - das Aufbegehren
und die Anfänge einer 'Linken' - Geschichtsschreibung und Superioritätsbewußtsein
- Stadt und Land - Schulbildung und Wissenschaft - die Ordnungen des Alltags (Ökonomie
und Sexualität) - Dynamik, Fortschritte und Emanzipation. Das Kapitel über
den Polytheismus konstatiert vor allem das Fehlen des Missionarischen, und dasjenige
über den Monotheismus knüpft an die Ausführungen über das
Alte Testament an, aber es läßt die »messianische« Idee
der Einigung der Welt nicht mehr auf Israel beschränkt sein, sondern hebt
auch die Gestalt Echnatons hervor. Im Kapitel über »Herrschaft - Schichtung
- Staat« wird die Überlagerungstheorie von Alexander Rüstow und
Franz Oppenheimer, für welche »Herrschaft« einen universalgeschichtlichen,
durch kriegerische Nomadenvölker verursachten »Sündenfall«
darstellt, zwar nicht akzeptiert, aber am Ende wird doch ausdrücklich die
Möglichkeit eingeräumt, daß »auch Herrschaft, Schichtung
und Staat an eine bloße Phase der menschlichen Existenz, an die historische
Phase, gebunden sind.« (S. 207)((19)) Im Kapitel über die
»Linke«, d.h. über deren Vorformen als das sporadische und nicht
dauerhaft organisierte »Aufbegehren« von Armen und Benachteiligten,
wird erneut auf das Alte Testament und insbesondere die prophetisch-rechabitische
Bewegung, aber auch auf Beispiele aus Ägypten und Griechenland zurückgegriffen,
und wenn mit kritischem Akzent deren Orientierung an einer fernen und einfachen
Vergangenheit unterstrichen wird, so ist doch ein affirmativer Ton vernehmbar,
wenn gesagt wird, die Utopie, die Sehnsucht nach Geschichtslosigkeit, sei vermutlich
als Impuls in aller Geschichte mächtig. (S.234) Dem entspricht es, wenn im
Kapitel über die Geschichtsschreibung zu lesen ist, nirgendwo sei die geschichtsfeindliche
Utopie in so großartiger Form entwickelt worden wie in dem extrem geschichtlichen
Israel. (S.240)Ein unverkennbar skeptischer Ton klingt indessen an, wenn
im Hinblick auf die gesellschaftliche Rolle der Sexualität als ferne Alternative
jenseits der »naturmoralischen Gesellschaft« mit ihrem Ineinander
von Verbot und Übertretung jene im Kapitel über die »Stufen der
'Geschichtsfähigkeit' bei den Tieren?« erwähnte »Realutopie«
der in streitschlichtender Promiskuität dahinlebenden Bonobos (Zwergschimpansen)
wieder auftaucht, zu der es in den orgiastischen Naturkulten immerhin Ansätze
gab. (S.84, 260)Im mythologischen Nachdenken waren jedoch schon in den
frühen Hochkulturen hier und dort Vorstellungen zu finden, die zwar kein
»Fortschrittsbewußtsein« implizierten, wohl aber eine Befreiung
des Menschen vom Schicksal seiner Endlichkeit, ja ein »Sein wie Gott«
in sich schlossen; doch sowohl im Gilgamesch-Epos wie im Alten Testament werden
sie entsetzt und nachdrücklich zurückgewiesen. (S. 275)((20))
Der »Zweite Teil« des Buches ist ganz ähnlich aufgebaut wie der
erste, aber an die Stelle des darstellenden Abschnitts A tritt eine relativ ausführliche
Schilderung der Weltreligionen, deren Dasein das Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber
den frühen Hochkulturen bildet und die mithin ein Bestandteil des »Schemas
der historischen Existenz« sein müßten, wenn nicht bloß
eine weitgehende, sondern eine exakte Parallelität angestrebt würde.
Auch hier ist die Vorstellung der »Nachgeschichte« ständig präsent,
wenngleich teilweise eher in Andeutungen.Im Buddhismus Indiens wird besonders
klar, inwiefern religiöses, weltumfassendes Denken eine konfliktfreie und
daher bessere »Nachgeschichte« zur Bedeutungslosigkeit herabsetzen
kann: auch ein völlig harmonischer Zustand auf Erden würde noch durch
Leid, Tod und den »Schleier der Maja« bestimmt sein, während
erst der Eingang in das individualitätslose »Nirwana« Erlösung
verheißt. Im konfuzianischen und bilderschriftlichen China dagegen sah schon
Leibniz den Umriß einer globalen Kommunikationsgesellschaft, d.h. der Nachgeschichte.Im
klassischen Griechenland zeichnete sich erstmals das Aufkommen einer »Weltreligion
der Wissenschaft« ab, die imstande sein würde, die Erde zum Vorteil
der Menschen so einzurichten, daß Religion und Metaphysik überflüssig
geworden sein würden.Das Christentum ist ganz von dem Hinblick auf
ein künftiges Ende der Geschichte bestimmt, das aber in seiner Einheit mit
dem Jüngsten Gericht das Ende des »Diesseits« überhaupt
in sich schließt. Als Mysterienreligion vom Gottmenschen Christus enthält
das Christentum indessen die Möglichkeit einer »Säkularisierung«,
die im Judentum und im Islam mit ihrer unmittelbaren Prägung des alltäglichen
Lebens durch die Gesetze der Religion unmöglich wäre.Das nachexilische
Judentum ist die erste größere Menschengruppe, die nach der Zerstörung
ihres Staates eine Führungsschicht von »Intellektuellen« besaß
und als »Volk des Buches« in der Erwartung des Messias eine nachgeschichtliche
Existenzweise insoweit schon praktisch vorwegnahm, als Nachgeschichte wesentlich
durch »Intellektualisierung« charakterisiert ist.Mehr als
jede andere Religion hat der Islam die Einheit der Menschheit trotz aller inneren
Konflikte als »islamische Nation« jenseits aller Einzelkulturen und
Staaten realisiert: im gegenwärtigen Zustand des »Friedensgebietes«
(dar al' Islam) und als künftiger Weltstaat nach der Eroberung des »Kampfgebietes«
(dar al'harb) ist er das Reich Gottes und damit »aus der historischen Existenz
herausgetreten«. (S. 366)((21)) Es ist nun nicht mehr im einzelnen
zu verfolgen, wo und wie in den Analysen des »Schemas der historischen Existenz«
auf die »Nachgeschichte« Bezug genommen wird, aber so viel sticht
bereits ins Auge: eine grundsätzlich negative Stellungnahme zu Nachgeschichte
oder »Weltzivilisation« kann nicht vorliegen, wenn die Vorstellung
von der Nachgeschichte so tief in der Geschichte selbst verwurzelt ist und ohne
scharfe Kritik oder gar Verzweiflung konstatiert wird. Es kann sich schon deshalb
keinesfalls um Gegnerschaft handeln, da das Wesen des Menschen, wie im »Faschismus
in seiner Epoche«, weiterhin als »Transzendenz« verstanden
wird. Ein durch Transzendenz gekennzeichnetes Wesen muß fähig, ja vielleicht
gezwungen sein, einen Zustand, die Geschichte, hinter sich zu lassen, der sich
erst vor wenig mehr als 5000 Jahren aus der »Vorgeschichte« herausgebildet
hat. So viel Raum die Geschichte und vermutlich auch die Nachgeschichte für
Kontingenzen und Zufälle läßt, so scheint doch hier eine schicksalhafte
Notwendigkeit vorzuliegen, und der Autor müßte sich, so sollte man
meinen, denjenigen anschließen, die auf politische oder intellektuelle Weise
für die Durchsetzung dieser Notwendigkeit eintreten, d.h. er müßte
sich als »Progressivist« bekennen.((22)) Aber gerade im Kapitel
über »die Linke« wird ein abstandnehmender, kritischer Ton vernehmbar,
der dem Verdacht Nahrung geben kann, das Buch sei aus »reaktionärem
Geist« heraus geschrieben. Keine Sympathie wird spürbar, wenn von der
Forderung des Wiedertäufers Jan Mathys berichtet wird, »alle Papisten,
Lutheraner, Sakramentarier und überhaupt alle Nicht-Täufer zu töten«
(S. 419), und am Beispiel des Dom Deschamps wird der radikalen Linken Kulturfeindlichkeit
und Primitivismus attestiert.Und im Rückblick läßt sich
leicht zeigen, daß der Geschichte keineswegs mit der harten Kritik begegnet
wird, die Voltaire in ihr einen »ramas de crimes, de folies et de malheurs«
sehen ließ (S. 446) und die heute für die zahllosen Attacken gegen
»Herrschaft« und »Staatlichkeit« kennzeichnend ist. Mit
tiefer Teilnahme wird der Abschied des Kriegshelden Hektor von seiner Frau Andromache
nacherzählt, und es wird sogar als möglich hingestellt, »daß
mit der Erfahrung des Krieges auch die Erfahrung des Friedens hinfällig wird.«
(S. 223) Bedeutet es nicht den Eintritt in die Spur Arnold Gehlens, wenn gefragt
wird: »Was wäre Europa ohne die Dome und Kirchen seiner Bischofsstädte,
ohne die Schlösser seiner Könige, die Burgen seines Adels und die Stadtpaläste
seiner PatriZitate? Es wäre bestenfalls ein älteres Nordamerika, und
alle seine Einwohner hätten seit Generationen am Sonntag ein Huhn im Topf
verspeisen können.« (S. 393)? Muß es nicht sogar Empörung
auslösen, wenn an einer späteren Stelle behauptet wird, im Vergleich
zum besten Typus des Adligen der Vergangenheit stellten die besten unter den demokratischen
Politikern der Gegenwart »sehr dürftige Figuren« dar? (S. 675)
Bloß noch konstatierend kann das negative Urteil wohl sein, wenn das völlig
von der Religion bestimmte Dasein der Menschen in den orthodoxen Neubauvierteln
Jerusalems in seiner ganzen Nichtmodernität mit ausgesprochener Sympathie
beschrieben wird. (S.677)Die anteilnehmende Beschreibung bedeutet indessen
keine Selbstidentifizierung und keine Zustimmung zu dem Kampfwillen, von dem die
Bewohner der orthodoxen Stadtviertel erfüllt sind. Diese liebenswerte, unaufgeregte,
nicht-hektische Welt wird als etwas unwiderruflich Dahinschwindendes betrachtet,
und Trauer, nicht aktive Sympathie ist das bestimmende Empfinden.((23))
Es sollte nun evident sein, was in dem Kapitel über die Linke an Stellungnahme
zum Vorschein kommt: im Liberalen
System, dessen Struktur sich schon in der Reformationszeit deutlich abzeichnet,
hat die Linke nicht nur einen legitimen, sondern einen besonders wichtigen Platz,
weil sie enger mit »Transzendenz« verbunden ist als die Rechte, welche
als organisierte Gruppierung erst in den Jahrzehnten vor der französischen
Revolution erkennbar wird und deren abwehrende Rolle zuvor immer vom »Staat«,
d.h. den herrschenden Aristokratien ausgefüllt wurde. Aber die Linke verstößt
gegen den Grundcharakter dieses Systems, dem sie ihre freie Existenz verdankt,
wenn sie sich von »Egalitätsideologen« führen läßt,
die einen Feind vernichten und nicht bloß einen Gegner zurückdrängen
wollen, indem sie nicht nur die jeweils existierende soziale Ungleichheit bekämpfen,
sondern den durch die Geschichte hindurchgehenden Differenzierungsprozeß
als widergöttlich oder widermenschlich beseitigen wollen. Diese Protagonisten
sind in ihrer zeitüberlegenen Ähnlichkeit tragische Figuren; denn sie
streiten grundsätzlich gegen »die Verhältnisse«, d.h. gegen
Verhältnishaftigkeit als solche, aber sie haben von den Wiedertäufern
an immer nur Gegenbewegungen hervorgerufen und im besten Falle zur Schaffung neuer
Zustände beigetragen, die mehr Gleichheit und Freiheit der Individuen in
sich schließen mochten, jedoch von der erstrebten Entfremdungslosigkeit
und Durchsichtigkeit der Anarchie noch weiter entfernt waren als die eben überwundenen
Verhältnisse.Von den Gegenständen der früheren Bücher
werden Marxismus und Bolschewismus am meisten in eine neue Perspektive gerückt,
weil sie mit der mehrtausendjährigen Geschichte der Linken bzw. des »Aufbegehrens«
verknüpft werden. Sie werden jedoch deshalb nicht ihrer Individualität
beraubt: durch die Einbeziehung »bürgerlicher« Konzeptionen wie
derjenigen der Klassischen Nationalökonomie machte der Marxismus den Sozialismus
»weltgeschichtsfähig« (S. 531), und am Bolschewismus wird die
durchaus unmarxistische, gegen eine Mehrheit der Bevölkerung gerichtete Vernichtungsintention
hervorgehoben. Daß sowohl Marxismus wie Bolschewismus »der Linken«
zuzuzählen sind, wird indessen als selbstverständlich angesehen.((24))
Der radikalfaschistische Nationalsozialismus Hitlers wird, wie im »Faschismus
in seiner Epoche«, als Erscheinungsform der »Gegenrevolution«
betrachtet. Aber es werden ihm keine so tiefreichenden historischen Wurzeln zuerkannt
wie dem Marxismus und dem Bolschewismus. Zwar mag man in Sulla den Führer
einer Gegenbewegung gegen eine Linke erblicken, aber alle Gegenbewegungen dieser
Art waren so eng an die jeweiligen sozialen Zustände gebunden, daß
von einer Ähnlichkeit der führenden Figuren nach dem Muster der Egalitätsideologen
keine Rede sein kann. Der italienische Faschismus war die erste abwehrende, »antikommunistische«
Volksbewegung, die ihren Führer in das höchste Staatsamt brachte, und
eben deshalb wies er, nicht anders als der Nationalsozialismus, auch »linke
Züge« auf. Aber trotz der stärkeren Herausstellung des antibolschewistischen
Impulses wird das negative Urteil über die historische Rolle nicht zurückgenommen:
sie besteht im Widerstand gegen Transzendenz, d.h. den Übergang in die Nachgeschichte.
Deutlicher als in den früheren Werken wird der Zweite Weltkrieg als Kampf
um die »Nachgeschichte« zwischen zwei historischen Kräften gekennzeichnet,
die zugleich das Gegenteil ihrer selbst an sich tragen, denn der radikale Partikularismus
des nationalsozialistischen Staates mußte in seiner Tendenz zum »Rassenstaat«
so viele universalistische Züge in sich aufnehmen, daß er seine ursprüngliche
Sache, die deutsche Nation, sogar im Falle eines Sieges zerstört hätte,
und der Universalismus des Bolschewismus war so sehr durch die russische Partikularität
geprägt, daß er kein glaubwürdiges Gesicht der planetarischen
Einheit darzubieten vermochte. Ähnliches läßt sich vermutlich
auch über die Auseinandersetzungen des Kalten Krieges sagen, und die Frage,
ob die nach 1991 als »einzige Weltmacht« geltenden USA nicht eher
»imperialistisch« als universalistisch sind, kann noch nicht als beantwortet
gelten. Für den Nationalsozialismus bedeutet das, daß er mit seinem
Versuch der »Verteidigung der Geschichte« vollständig scheiterte,
da er sich letzten Endes ebenfalls von einem »archaischen« Ideal leiten
ließ, nämlich der Vorstellung einer ganz und gar gesunden, durch keine
»Ideologie« geschwächten Kriegergesellschaft, aber daß
auf ihn wie auf den Bolschewismus bei aller grundsätzlichen Feindschaft der
Begriff der »Tragödie« Anwendung finden darf: das nicht grundlos
Großgewollte entfaltet sich rasch zum Schrecklichen und scheitert nicht
bloß an den Feinden, sondern auch an sich selbst.((25)) Das scheinbare
Schwanken des Autors zwischen grundsätzlicher Bejahung der »Linken«
sowie des »Fortschritts« und der Sympathie für das »Reaktionäre«
und das Hinschwindende - ein Schwanken, das sogar dem Urteil über den Bolschewismus
und den Nationalsozialismus die Eindeutigkeit nimmt - hat seine Ursache darin,
daß die »Kehrseiten« noch nachdrücklicher als im »Faschismus
in seiner Epoche« in die Betrachtung einbezogen werden. Zwar ist es
eine unumstrittene, ja triviale Forderung, daß der Historiker die »Komplexitäten«
der Dinge und Verhältnisse herauszuarbeiten und sich einer »multikausalen«
oder »multifaktoriellen« Betrachtungsweise zu befleißigen hat,
aber gerade bei den fundamentalen Gegebenheiten wird oft genug das Vorliegen einfacher
Kehrseiten nicht akzeptiert. Der »fortschrittlich Gesinnte« muß,
so scheint es, den Übergang in die Nachgeschichte oder die Weltzivilisation
rückhaltlos bejahen und fördern; der »Liebhaber der Geschichte«
darf dagegen aus seiner Ablehnung keinen Hehl machen. Ich habe in diesem Buch
einen anderen Weg eingeschlagen, den man als Zurückweisung der Verführung
durch die wohltuenden Konzeptionen der »Kehrseitenlosigkeit« bezeichnen
mag, als Widerstand gegen die Glorifizierung, aber auch gegen die schlichte Verdammung
geschichtlicher oder nachgeschichtlicher Realitäten. Man mag ebenso von der
Hochhaltung des Prinzips des geschichtswissenschaftlichen »Verstehens«
sprechen, und wie wenig selbstverständlich dieses Prinzip ist, zeigt ja schon
die verbreitete Empörung, die sich gegen den Versuch der Anwendung auf den
Nationalsozialismus und gegen die Verneinung der These richtet, in diesem habe
das »absolute Böse« Gestalt gewonnen, obwohl doch jeder Historiker
weiß oder wissen sollte, daß die Nationalsozialisten ebenfalls ein
»absolutes Böses« entdeckt zu haben glaubten.((26))
Und jener Teil »D« über die Gegenwart, der die aktuelle Diskussion
zu den im »Schema der historischen Existenz« entwickelten Existenzialien
verfolgt (S. 597-668), macht ja überaus deutlich, wie sehr die ehemals so
klaren Linien zu verschwimmen beginnen, d.h. mit welcher Entschiedenheit radikale
Linke sich gegen »den Fortschritt« stellen und wie sehr ausgesprochene
»Rechte« oder »Konservative« das Konzept der ökonomischen
Globalisierung und der technokratischen Effizienz sich zu eigen machen. Es ist
daher von vornherein wahrscheinlich, daß man aus den weitreichenden Übersichten
über die gegenwärtigen Auseinandersetzungen zu Problemen der Nachgeschichte
- zur »wissenschaftlich-technischen Konkurrenzökonomie«, zur
Ökologie, zu Bevölkerungsexplosion und Bevölkerungsschwund, zur
Vielfalt der Linken, zum Machtverlust der Staaten und zur Schwächung oder
Bewahrung des Geschichtsbewußtseins - beliebige Stücke für Auffassungen
des Autors erklären und mit großer Entschiedenheit ablehnen kann. So
mag es als »Antifeminismus« gelten, wenn im Kapitel über die
Linke die »Vernichtung der Männer« für ein tendenzielles
Ziel des radikalen Feminismus erklärt wird, aber die Bemerkung will nur die
extremste Erscheinungsform der Vernichtungsintention der Linken überhaupt
kenntlich machen, während das auch heute noch utopisch scheinende Streben
nach einem Frauenanteil von 50% an allen führenden Positionen als grundsätzlich
legitim und im Rahmen des Liberalen
Systems erreichbar verstanden wird. (S. 630 ff.)((27)) Die Berücksichtigung
der »Kehrseiten« wurde, wie gezeigt worden ist, auch im »Faschismus
in seiner Epoche« schon verlangt und praktiziert, aber ich kann nicht
leugnen, daß sich eine gewisse Akzentverschiebung wahrnehmen läßt
und daß hier und da die Kehrseiten des grundsätzlich Bejahten stärker
hervortreten als in dem früheren Buch. Dazu gehört nicht nur der Terminus
»Liberismus«
zwecks Kennzeichnung der durch Individualismus und Hedonismus charakterisierten
Gegenwart des »Liberalen
Systems«, sondern vor allem die freilich hypothetische Bildung des Begriffs
»Transzendenz zum Untergang« (S. 621 **),
der vierzig Jahre zuvor allenfalls in der Metapher des »Marterholzes«
angedeutet war (s. oben ((9))), der aber doch heute in den Reden über die
»Selbstabschaffung des Menschen« mittels der Entwicklung intelligenter
Computer beinahe schon populär und modisch geworden ist.((28)) Die
eigentliche Problematik der Hervorhebung der »Kehrseiten« und damit
auch der Verkehrungen und Paradoxien im bisherigen Geschichtsverlauf wird jedoch
erst angesichts desjenigen Themas offenbar, dessen Umfang den klarsten Unterschied
zu den früheren Büchern ausmacht, nämlich des Themas »Israel
und das Judentum«. Die Berührung dieser Thematik, welche sich nicht
auf die üblichen Klagen und Anklagen beschränkt, gilt zumal in Deutschland
als der Tabubruch schlechthin, und dafür gibt es in dem Tatbestand des »Holocaust«
oder der »Shoah« nur allzu gute und einleuchtende Gründe. Das
Nachdenken beginnt indessen erst mit den folgenden Überlegungen:Wenn
der Nationalsozialismus der Hauptgegenstand ist, können und müssen die
Juden vor allem als »Opfer« erscheinen - allerdings könnte schon
hier die Frage gestellt werden, ob bloße, passive Opfer mit Recht als »Stellvertreter
bei dem verzweifeltsten Angriff, der je gegen das menschliche Wesen und die Transzendenz
in ihm geführt wurde« (**) bezeichnet
werden dürften. Wenn aber »die Nachgeschichte« im Vordergrund
steht, dann müssen die Juden als Vorkämpfer und Engagierte einen großen
Raum einnehmen. Zwar ist es nicht richtig, daß nur die Juden von altersher
durch ihren »Messianismus« geprägt gewesen seien, aber aus unterschiedlichen
Gründen dürfen Perser, Chaldäer, Russen und Polen mit ihnen nicht
auf eine Stufe gestellt werden. Man darf die Juden das »Volk der Nachgeschichte«
nennen; denn kein Volk hat je so lange und so hartnäckig einem »ganz
anderen«, aber diesseitigen Zustand entgegengeharrt. Es bedeutet eine unfaßbare
Mißachtung und Geringschätzung der Juden, wenn angenommen wird, sie
hätten in einer Epoche, in der es um ihre eigenste Sache ging, keinen Anteil
an den Kämpfen genommen und in völliger Harmlosigkeit und Angepaßtheit
dahingelebt. Zwar trifft eine solche Kennzeichnung auf einen Großteil der
deutschen und der europäischen Juden zu, ohne daß damit eine individuelle
Herabsetzung verknüpft sein könnte, aber die Wortführer und Protagonisten
lebten aus der uralten Tradition heraus, und Chaim Weizmann stellte in seiner
Autobiographie mit Nachdruck fest, im Kampf gegen das »Nazi-Monster«
sei niemand fanatischer bestrebt gewesen, einen Beitrag zu der gemeinsamen Sache
zu leisten, als »die Juden« '. Und einer der geistreichsten Juden
der Gegenwart, nämlich George Steiner; nannte den Marxismus »diesen
ganz und gar jüdischen ((Judaic)) säkularen Messianismus«.Aus
diesem Ansatz heraus läßt sich im Hinblick auf die »Epoche des
Faschismus« nur eine einzige wirklich konsequente Folgerung ableiten: »Die
Juden kämpften als das Volk der Nachgeschichte in engstem Bündnis mit
den nachgeschichtlichen Mächten, der bolschewistischen Sowjetunion und den
USA, mit allen Mitteln gegen das 'Monster', das sie als das 'absolute Böse'
auffassen mußten. Sie waren an allen Fronten das eigentliche 'Feindvolk'
des Nationalsozialismus.« ((29)) So zwingend sich diese Konsequenz
gerade aus den Aussagen führender Juden ergibt, so sehr wird sie in Deutschland
von dem mächtigsten aller Tabus getroffen; denn daraus scheint sich die untragbarste
aller Folgerungen zu ergeben: daß Hitlers Antisemitismus kein bloßer
Wahn war und daß man sehr wohl, ähnlich wie von dem »jüdischen
Marxismus«, von dem »jüdischen Bolschewismus« sprechen
darf, wenngleich keineswegs ganz zu recht. Die immerhin mögliche Auffassung
jedoch, daß der Kampf so vieler Juden auf seiten des Bolschewismus »das
absolute Gute« gewesen sei, vertritt niemand, und sie wird nicht einmal
in Erwägung gezogen; denn allzuviel spricht dagegen. Schon im September 1918
schrieb der berühmte jüdische Historiker Simon Dubnov nach den Attentaten
von Fannija Kaplan und Leonid Kannegiesser gegen Lenin und Uritzki folgendes:
»Es ist gut, daß gerade Juden diese Tat vollbracht haben. So haben
sie die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch die Beteiligung
am Bolschewismus beladen haben.«Wenn ein Satz wie dieser in Deutschland
auch nur zitiert wird, ist gleich der Verdacht übermächtig, der Zitierende
wolle Hitler und den Holocaust rechtfertigen. Aber Dubnov, der im Kriege selbst
ein Opfer des Holocaust wurde, schreibt »Juden« und nicht »die
Juden«, und in dem Gebrauch des bestimmten Artikels, in der »kollektivistischen
Schuldzuschreibung«, liegt Hitlers eigentliches Unrecht, nicht in konkreten
Behauptungen, die falsch oder richtig sein mochten. Doch selbst wenn er mit seiner
extremsten These Recht gehabt hätte und wenn tatsächlich »die
Juden« ebenso für das Unheil der Gegenwart verantwortlich gewesen wären,
wie nach der komplementären - und ursprünglicheren - Auffassung der
Marxisten der Kapitalismus und die Kapitalisten, wäre eine Massentötung
von Wehrlosen moralisch auf das schärfste zu verurteilen und ginge die Rede
von der »Rechtfertigung« ins Leere. Das heute greifbarste Unrecht
ist auf der Seite derjenigen zu finden, welche eine ernsthafte Einbeziehung des
Nationalsozialismus in den Zusammenhang der Epoche nicht zulassen wollen, einfache
Einsichten mit dem Stigma des Verbotenen belegen und sich weigern, einleuchtende
Unterscheidungen wie etwa diejenige von »sozialer« und »biologischer«
Vernichtung vorzunehmen, welche mithin das wichtigste aller Postulate der Geschichtswissenschaft,
nämlich das Verstehenwollen, das die Voraussetzung auch ganz negativer Urteile
sein sollte, in bezug auf Hitler und den Nationalsozialismus in einer eigenartigen
Mischung von Moralismus und Opportunismus ablehnen. So wollen sie nicht wahrhaben,
daß jene angebliche Rechtfertigung Hitlers in Wahrheit zu der These führt,
im Zeitalter der Weltkriege habe die »jüdische Idee«, nämlich
der uralte Menschheitstraum von einem ganz anderen, nicht mehr »geschichtlichen«
Zustand, den Sieg errungen.((30)) Es läßt sich indessen nicht
leugnen, daß die Dinge sehr viel komplizierter werden, wenn die »kehrseitenlose
Glorifizierung« auch im Hinblick auf die Nachgeschichte verneint wird, da
ihr von vielen Seiten so viel an verständlicher Kritik gilt, und das muß
sich auch auf das Urteil über den »Sieg der jüdischen Idee«
auswirken. Tatsächlich ist der »Antisemitismus« in der Gegenwart
ja keineswegs auf einen winzigen »lunatic fringe« zurückgedrängt,
sondern er ist in der »post-modernen« Kritik am okzidentalen Logozentrismus
und in der feministischen Anklage gegen den fanatischen Patriarchalismus der Priester
und Propheten des Alten Testaments höchst lebendig, obwohl immer sorgfältige
Kautelen vorgebracht werden, die gegen den verheerendsten aller Vorwürfe
schützen sollen, so offen man sich in der Regel zum »Antiamerikanismus«
und zum »Antigermanismus« bekennt. Ich bin mir darüber im klaren,
daß die These vom »Sieg der jüdischen Idee« mit einem negativen
Akzent versehen werden und möglicherweise eines Tages zu politischen Zwecken
instrumentalisiert werden kann. Aber das ist nicht Grund genug, Einsichten zu
verleugnen, die in einem langen Denkprozeß errungen wurden, und ich bin
einigermaßen zuversichtlich, daß meine Auseinandersetzung mit der
Rede, die der israelische Präsident Escher Weizman 1996 im Deutschen Bundestag
gehalten hat (S. 658 ff.), eines Tages einen historischen Punkt markieren wird,
nämlich den Punkt, wo zwischen Deutschen und Juden das Nachdenken an die
Stelle des bloßen Ausdrucks von verständlichen, ja gerechtfertigten
Emotionen getreten ist.((31)) Ich habe allerdings wenig Hoffnung, daß
deutsche Rezensenten in absehbarer Zeit anerkennen könnten, ein wissenschaftliches
Motiv, nämlich der Wunsch nach der Herstellung einer mehrseitigen Betrachtungsweise
auch in bezug auf »heikle« Themen, sei für die Niederschrift
eines Buches wie der »Historischen
Existenz« maßgebend gewesen. (**).
Deshalb brauche ich jedoch nicht in Abrede zu stellen, daß eine Bezugnahme
auf aktuelle Probleme nicht ganz selten leicht zu erkennen ist. Wenn vermerkt
wird, daß Polybios die größere Kraft Roms im Kampf gegen Karthago
gerade dadurch erklärt, daß Rom noch nicht so »fortgeschritten«
war wie Karthago (S. 389), so könnte darin ein affirmativer Hinweis auf das
Deutschland Bismarcks (das mit weitem Abstand fortschrittlichste
Land der Welt! Anm. HB **)
enthalten sein, und wenn der Terminus »kumulative Radikalisierung«
verwendet wird, um die Entstehung eines zunächst von niemandem gewollten
Resultats während der ersten Jahre der französischen Revolution zu erklären
(S. 506), so ist darin sicherlich eine Kritik an einem innerhalb der gegenwärtigen
»Sozialgeschichte« zwecks Herleitung des »Holocausts«
vielgebrauchten Begriff enthalten. Aber solcher »Demaskierungen« bedarf
es gar nicht; denn schon im ersten Teil des Buches wird gesagt, wer sich mit ägyptischen
Pyramiden oder kanaanäischen Mythen beschäftige, der weiche nicht notwendigerweise
vor der Gegenwart aus, sondern deren Fragen träten ihm nur in neuer Form
gegenüber. (S. l40)((32)) Nun dürfte deutlich geworden sein,
daß die erste Frage am Anfang dieser Abhandlung unrichtig gestellt war:
nicht ein »Zeithistoriker« wandte sich in einem späten Zeitpunkt
der »Weltgeschichte« zu, sondern ein Philosoph, der mit Platon und
dem Denken des »Deutschen Idealismus« weit vertrauter war als mit
irgendeinem Gebiet der Geschichtswissenschaft, erarbeitete sich auf der Grundlage
von weit zurückreichenden Motiven ein nahezu unerschlossenes zeitgeschichtliches
Thema, nämlich dasjenige des »Faschismus
in seiner Epoche«, aber er gab deshalb die philosophische Fragestellung
nicht auf, und das wurde von seiten fast aller zeitgenössischer Verfasser
von Rezensionen oder Artikeln wahrgenommen und nahezu durchweg gebilligt.((33))
Die eigentliche Ausgangsfrage aber, wo das letzte Resultat dieses Ansatzes, nämlich
das Buch über die »Historische
Existenz«, zwischen Universalgeschichte und Geschichtsphilosophie einzuordnen
sei, kann jetzt in wenigen Sätzen beantwortet werden: Es gibt keinen klar
abgegrenzten Bedeutungsgehalt von »Universalgeschichte«, und sogar
die Grenze zur »Weltgeschichte« ist undeutlich oder gar nicht vorhanden.
Schon Bossuet verwendet den Begriff in dem Titel seines Werkes von 1681, aber
bei ihm handelt es sich um eine Geschichtstheologie. Man kann National-, ja Regionalgeschichten
unter universalgeschichtlichen Perspektiven schreiben, etwa denjenigen von zunehmender
»Rationalisierung« oder,Individualisierung«. Man darf jedoch
auch von Universalgeschichten sprechen, wenn man die vielen Bände der »Cambridge
(New) History« oder der »Peuples et Civilisations« im Auge hat.
Aber in welcher konkreten Bedeutung auch immer von »Universalgeschichte«
die Rede sein mag, so ist sie weitaus reicher an Details und zusammenhängender
Erzählung als die »Historische
Existenz«. In jeder Universalgeschichte muß sich die unermeßliche
Fülle der geschichtlichen Ereignisse, wie »konstruiert« oder
gar »erfunden« der Zusammenhang sein mag, in etwa spiegeln, wenngleich,
wie sich versteht, nur höchst approximativ.Aber auch eine Geschichtsphilosophie,
die notwendigerweise einen unvergleichlich selektiveren Charakter hat, ist von
ganz anderer Art als die »Historische
Existenz«. Die Geschichtsphilosophen verfolgen nach dem großen
Muster Hegels einschließlich Spenglers und Toynbees in der Geschichte einen
»roten Faden«, wie etwa den »Fortschritt im Bewußtsein
der Freiheit« oder den unaufhaltsamen Übergang der Kultur in bloße
Zivilisation oder die allmähliche Herausbildung des »Weltstaats«,
mit großer Bestimmtheit und Zuversicht; ernste Zweifel und das Offenhalten
von Alternativen spielen keine nennenswerte Rolle. Das Resultat des Nachdenkens
in der »Historischen
Existenz« könnte man dagegen folgendermaßen formulieren:
die Geschichte geht notwendigerweise in die »Nachgeschichte« über,
aber es könnte weit mehr an »Geschichte« in der Nachgeschichte
erhalten bleiben, als die Lobredner einer harmonischen und konfliktfreien »Weltzivilisation«
sich vorstellen, und eben diese Weitzivilisation könnte den Menschen noch
viel weiter über sich selbst hinausführen, als die kühnste Vorstellungskraft
noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts annahm. (**).
Ein hoher Grad von Zufälligkeit und Kontingenz wird auch in der Nachgeschichte
vorhanden sein, und diese Unsicherheit muß in dem Nachdenken ihre Entsprechung
haben, welches »das Ganze« in den Blick nimmt und eben diesem Ganzen
nie auch nur annähernd adäquat sein kann. Daher ist die Reflexion über
die »historische Existenz« weder als Universalgeschichte noch als
Geschichtsphilosophie zu bezeichnen, sondern als Geschichtsdenken, das die überwältigende
Masse der historischen Details weit stärker als die Universalgeschichte unter
leitende Gesichtspunkte bringen muß und doch nicht zum Diener einer geschichtsphilosophischen
Fundamentalkonzeption werden darf. (**).
(Zitat-Ende).
Zitate:
Hubert Brune, 2001 (zuletzt aktualisiert: 2009). 
Anmerkungen:
Das Liberale System ist laut Ernst
Nolte u.a. dadurch charakterisiert, daß zu ihm wie selbstverständlich
auch der Links-Sozialismus (z.B. Kommunismus, Marximus u.ä.) und der Rechts-Sozialismus
(z.B. Faschismus, Nationalsozialismus [Radikalfaschismus, so Nolte]
u.ä.) gehören. Erst viel später wurde mir der Begriff
des »Liberalen Systems« geläufíg, welches in seinem Ursprung
das »europäische System« des Neben- und Miteinanders geschichtlicher
Kräfte ist, die zunächst den Gegner vernichten wollen und sich doch
damit begnügen müssen, ihn zu schwächen und zurückzudrängen,
um dann an seiner Seite einen Platz einzunehmen, der den eigenen Erwartungen nicht
entsprach, der aber das Ganze reicher und vielfältiger sein läßt,
als der Teil es mit seinem Abolutheitsanspruch je hätte sein können.
So erging es dem Protestantismus, der Aufklärung, dem Positivismus und der
Lebensphilosophie, und schon in der Einheit des »mittelalterlichen«
Katholizismus gab es eine Spaltung oder - besser - eine Differenzierung zwischen
Staat und Kirche, zwischen Monarchie und Adel, zwischen Bürgerstädten
und Landbevölkerung. Bis in die jüngste Zeit ist keiner dieser Faktoren
völlig untergegangen .... (Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002,
S. 340-341 **).
Vgl. auch die im Liberalen System enthaltenen Liberalismus
und Liberismus.Der
Begriff Liberismus sucht ein bestimmtes Entwicklungsstadium
dessen zu fassen, was ich das »Liberale
System« genannte habe. »Liberismus« ist ein Entwicklungsmoment
dieser vielpoligen Gesellschaft, mit dem der Liberalismus in gewisser Weise totalitär
wird. Aber der totalitäre Liberalismus weist grundsätzlich andere Merkmale
auf als andere Totalitarismen: er ist hedonistischer Individualismus und damit
die Verneinung des Begriffs der Pflicht. Insofern ist der liberale Totalitarismus
von präzendenzloser Art. (Ernst Nolte, in: JF,
03.07.1998 **).
Der Liberalismus ist ja schon von seinem Anfang an
verknüpft mit dem Glauben an den Individualismus und tendiert zum Anarchismus;
darum verwundert es nicht, daß er, indem er immer totalitärer wird
- als Liberismus, so Nolte -, den endgültigen Untergang der Gemeinschaft
bedeutet. Darüber hinaus ist der Liberalismus der Grund für sein eigenes
Verschwinden, denn er muß ja gemäß seines Selbstverständnisses
auch tolerant gegenüber denjenigen sein, die ihn abschaffen. Eine
gewisse Kehrseite wird auch im »Faschismus
in seiner Epoche« herausgestellt und zwar in der Anmerkung zum Zionismus
auf S.607 f., wo es heißt, kein Phänomen sei besser geeignet als der
Zionismus, Licht auf die Natur des Nationalsozialismus zu werfen. Man werde dem
Nationalsozialismus Denkweisen und Begriffe nicht von vornherein negativ anrechnen
dürfen, die auch im Judentum so weite Verbreitung gefunden hätten (etwa
Rasse, Entartung, Volksverrat, Kolonisierung, Irrlicht der allgemeinen Völkerverbrüderung
u.ä.). Aber dann heißt es, für das Judentum sei dasjenige eine
Realität gewesen, was im Nationalsozialismus eine pathologische Angst sich
bloß vorgeträumt habe, nämlich der drohende Untergang des Volkes.
Eben dadurch erweise sich der Widersinn der zentralen These des Nationalsozialismus,
nämlich daß die Juden, die doch so sehr unter den Folgen der Emanzipation
litten, deren Ursache seien. (Ebd.).Bislang
sind meines Wissens der »Historischen
Existenz« nur ein gutes Dutzend Rezensionen in Tageszeitungen zuteil
geworden. Sie sind fast durchweg dadurch gekennzeichnet, daß sie die Kritik
an der »Kehrseitenlosigkeit« nicht ernst nehmen und so gut wie ausschließlich
die in den Augen der Rezensenten »anstößigen« Wendungen
hervorheben. (Ebd.).Mit einer volkstümlichen
Wendung ließe sich das so ausdrücken: die Geschichte war das Sich-Herauskämpfen
der Menschheit aus der Enge, aber in der reinen Weite der Nachgeschichte könnte
es für den Menschen kälter werden als je zuvor. (Ebd.).In
Parallele dazu kann hinsichtlich der konkreten Gesellschaften, Nationen und Kulturen
gesagt werden, daß sie in der Vorbereitung auf die Nachgeschichte jeweils
eine neue Zusammengehörigkeit von Selbstkritik und Selbstbehauptung sich
erarbeiten müssen, welche auf je verschiedenartige Weise zwischen den Polen
von Selbstglorifizierung und Selbstverdammung zu lokalisieren wäre. In bezug
auf den Okzident wird die Maxime ausdrücklich artikuliert: »Wenn ein
in die Defensive geratener Okzident - und Israel und Deutschland gehören
ebensosehr dazu wie die USA - nicht bloß materiell, sondern auch mental
oder spirituell überleben will, dürfen diese Extreme nicht zustande
kommen oder erhalten bleiben.« (S. 660 **).
Das ist nicht eine politische Aussage, sondern sie geht aus dem Ansatz des »Geschichtsdenkens«
mit großer Konsequenz hervor. (Ebd.). Der
Historikerstreitwurde ausgelöst durch einen von Ernst Nolte (*1923)
für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 06.06.1986 geschriebenen
Artikel. Dem Text lagen Gedanken zu Grunde, die er bereits am 24. Juli 1980 in
einem Artikel der FAZ geäußert hatte. Wer die Hitlersche Judenvernichtung
nicht in einem bestimmten Zusammenhang sehe, so schrieb Nolte, verfälscht
die Geschichte, denn Auschwitz resultiert nicht in erster Linie aus
dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein bloßer »Völkermord«,
sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die
Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution. Außerdem meinte
Nolte: Es wird sich kaum leugnen lassen, daß Hitler gute Gründe
hatte, von dem Vernichtungswillen seiner Gegner sehr viel früher überzeugt
zu sein als zu dem Zeitpunkt, wo die ersten Nachrichten über die Vorgänge
in Auschwitz zur Kenntnis der Welt gelangt waren. Denn
bereits vor dem 1. September 1939 - also: vor Kriegsausbruch - hat Chaim
Weizmann als Präsident des jüdischen Weltkongresses und der Jewish Agency
for Palestine offiziell geäußert, daß: die Juden in aller
Welt in diesem Krieg auf der Seite Englands kämpfen würden. Dies
begründe nach Noltes Meinung die These, daß Hitler die Juden
als Kriegsgefangene
behandeln und internieren durfte. (Rudolf Augstein
u.a.: Historikerstreit, 1987, S. 24). Einen weiteren Anstoß der Debatte
bedeutete für die Kritiker das Buch Zweierlei Untergang des Historikers
Andreas Hillgruber (1925-1989). In dem Buch parallelisierte Hillgruber den Holocaust
mit dem Zusammenbruch der Ostfront und der danach erfolgten Flucht und Vertreibung.
Der Historikerstreit wurde also zweimal, d.h. durch zwei Artikel von Nolte
in der FAZ (24.07.1980, 06.06.1986) ausgelöst, obwohl ihm ja Gedanken aus
dem Artikel vom 06.06.1986 zugrunde liegen. Der Wissenschaftler behauptet darin,
der Archipel Gulag habe das logische und faktische Prius vor Auschwitz,
das heißt, der Rassenmord der Nationalsozialisten sei nur aus
Furcht vor dem älteren Klassenmord der Bolschewisten entstanden.
Der Mord an den Juden, der schon in seinen älteren Thesen nicht zum Wesenskern
des Faschismus gerechnet wurde, sei nur eine überschießende Reaktion
auf die Gräuel der Oktoberrevolution und habe damit einen rationalen
Kern. Diese These erweiterte er zur Behauptung eines europäischen
Bürgerkriegs von 1917 bis 1945. Nolte rückt hier Kommunismus,
Faschismus und Nationalsozialismus recht eng aneinander, weshalb seine Thesen
nach Meinung der Kritiker auf eine nivellierende Variante der Totalitarismusthese
oder gar Geschichtsrevisionismus hinauslaufen. Auch stilisiert er den von jüdischer
Seite als Reaktion auf antisemitische Ausschreitungen gestarteten Boykott deutscher
Waren im Ausland und die Bekanntgabe einer Kriegserklärung für
einen Finanz- und Wirtschaftskrieg im Daily Express vom 24.03.1933 sowie die Loyalitätsbekundung
Chaim Weizmanns von 1939 für England zur Kriegserklärung der Juden an
das Deutsche Reich und erklärt so die mit Kriegsbeginn eskalierende Judenverfolgung
des NS-Regimes als eine Gegenmaßnahme. - Gerade diejenigen,
die am meisten und mit dem negativsten Akzent von »Interessen« sprechen,
lassen die Frage nicht zu, ob bei jenem Nichtvergehen der Vergangenheit auch Interessen
im Spiel waren oder sind. Etwa die Interessen der Verfolgten und ihrer Nachfahren
an einem permanenten Status des Herausgehoben- und Privilegiertseins. Die Rede
von der »Schuld der Deutschen« übersieht allzu geflissen die
Ähnlichkeit mit der Rede von der »Schuld der Juden«, die ein
Hauptargument der Nationalsozialisten war. Alle Schuldvorwürfe gegen »die
Deutschen«, die von Deutschen kommen, sind unaufrichtig, da die Ankläger
sich selbst oder die Gruppe, die sie vertreten, nicht einbeziehen und im Grunde
bloß den alten Gegnern einen entscheidenden Schlag versetzen wollen.
(Ernst Nolte, Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: F.A.Z., 06.06.1986
**). |