Zitate aus dem Vortrag in Düsseldorf (09.11.1926):
Es
hat sich nicht nur die Wirtschaft selbst in ihrer inneren Form grundlegend geändert,
nicht nur die Weltpolitik an sich, ihren Zielen, Formen und Machtmitteln nach,
sondern vor allem auch das verhältnis zwischen beiden, und zwar ist einer
der der ersten Gründe für die katastrophen seit 1914 der gewesen, daß
dieses Verhältnis sich umgekehrt hat .... (Oswald Spengler, Das
heutige Verhältnis zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926, in:
Politische Schriften, S. 315 ).Weltwirtschaft
ist (eine Summe dessen, ...) ... ein sehr lockeres Gefüge von vielen Wirtschaftseinheiten,
und es wird in Zukunft wie von jeher zu den schwersten wirtschaftspsychologischen
Mißgriffen führen, wenn jemand glauben sollte, man könne die Weltwirtschaft
als ein Individuum behandeln, das ein einheitliches Innen- und Außenleben
führt. Wir sind nicht nur sehr weit davon entfernt, sondern wir werden niemals
dahin kommen. Die Weltwirtschaft bestand immer und wird immer aus einer Anzahl
von Nationalwirtschaften bestehen. (Oswald Spengler, Das heutige Verhältnis
zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926, in: Politische Schriften,
S. 316 ).
Der Ausgangspunkt dieser erstaunlichen Entwicklung ist, wie gesagt, die
Ansammlung nicht herangewachsener, sondern zusammengeströmter, unorganischer
Massen auf der Kohle; das Endprodukt ist die Zerklüftung der betreffenden
Nationen in zwei große Mengen, die aus einem inneren Widerspruch der Lebenshaltung
und -auffassung ein- ander schwer verstehen können. Es kommt noch etwas anderes
dazu: Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt man die Einschätzung
eines Landes als Großmacht, als fortgeschritten oder zurückgeblieben,
als reich oder arm, sogar als kultiviert oder unkultiviert, mehr und mehr davon
abhängig zu machen, ob sich in seinen Grenzen derartige Industriegebiete
befinden oder nicht. Auch das ist uns heute kaum zum Bewußtsein gekommen
und wurde doch entscheidend für die geschichtliche Entwicklung der folgenden
Zeit. Wenn man 1800 vom Reichtum eines Volkes sprach, so meinte man damit etwas
wesentlich anderes als 1900. Der »Nationalreichtum« eines Landes nach
heutiger Vorstellung würde nicht vorhanden sein, wenn wir einmal die Industrie
ausscheiden wollten. »Kapital« ist etwas, das eine andere Größenordnung
einnimmt und eine andere Größe darstellt als fünfzig Jahre vorher,
weil die ganze Struktur der Wirtschaftsproduktion mit anderen Wertarten und Wertmaßen
rechnet. Ebenso aber wie reiche und arme Völker einen neuen Unterschied darstellen,
zerfallen allmählich die Weltvölker immer entschiedener in Produktions-
und Verbrauchervölker, und zwar im Hinblick auf die Industrie. Und da mit
der Produktion im engeren Sinne, wie ich sie hier meine, der »künstlichen«,
auch jedesmal die stärkere Kapitalkraft und damit auch die stärkere
politische Kraft verbunden ist, so ist in der Welt etwa seit Bismarck die Verbrauchernation
zugleich die politisch schwächere Nation geworden, also im Getriebe der internationalen
Verwicklungen, der Verträge und Kriege die Nation, die aus Mangel an finanzieller
und militärischer Widerstandskraft zum Nachgeben verurteilt ist. Es gibt
kaum eine Reihe von Handelsverträgen, in der nicht diese Tatsache ganz deutlich
hervortritt, das Vorhandensein industrieller und also politischer Überlegenheit
auf der einen, der Mangel daran auf der andern Seite. Ich wiederhole noch einmal:
Wenn alle farbigen und die meisten weißen Länder von einstiger Bedeutung
als Großmächte im Laufe des 19. Jahrhunderts ausscheiden, wenn die
Vereinigten Staaten, im Gegensatz zu dem einst viel wichtigeren Lateinamerika,
in steigendem Grade in den Kreis eingetreten sind, wenn Deutschland den mächtigen
Aufstieg genommen hat, der auf allen Seiten Bestürzung erregte und zu Abwehrstimmungen
trieb, dann beruht das immer und immer wieder darauf, daß diese Art von
Produktionswirtschaft mit Massenabsatz in der Ferne nur in wenigen Ländern
die notwendige Unterlage, nämlich das Vorkommen von Kohle, fand. Das ist
die eine, die positive Seite dieser Entwicklung. Das Gefahrvolle daran ist ursprünglich
nicht in dem Maße gefühlt worden, auch heute noch nicht, wie es notwendig
gewesen wäre. Denn eine grundlegende Tatsache der Produktionsart, die ich
vorhin die künstliche nannte, beruht in der Umkehrung von Angebot und Nachfrage.
Es beginnt damit, daß aus theoretischem Interesse eine große technische
Erfindung gemacht wird, die bis dahin niemand entbehren konnte, weil sie niemand
ahnte; daß diese Erfindung zur Unterlage eines gewinnbringenden praktischen
Verfahrens gemacht wird; daß nun erst für das Produkt ein Abnehmerkreis
gesucht wird; daß die Herstellung in Menge selbst wieder eine Vermehrung
der Menschenzahl im Herstellungsgebiet bedingt, daß daraufhin aber die Notwendigkeit,
den Absatz zu sichern, um diese Menschen zu ernähren, zu einer immer weitergehenden
Verfeinerung des Verfahrens, zu überlegenen Methoden, zur Überwindung
der Konkurrenz durch größere Leistungen führt, und damit ist der
Anfang wieder erreicht: die neue technische Erfindung, die nun wieder den alten
Weg geht über die Häufung der Menschenzahl, das Suchen nach Absatz und
das Erzwingen des Absatzes: Es hat sich infolgedessen im Laufe des 19. Jahrhunderts
eine Art von Fieberkreislauf in allen großwirtschaftlich organisierten Nationen
entwickelt, dessen Tempo und Spannung von einem Jahrzehnt zum andern zugenommen
hat. Dieser Zustand griff allmählich von den unmittelbar industriellen Kreisen
über auf die ganze Bevölkerung. Ich erinnere Sie an die Mittel der Reklame,
an die großen Ausstellungen, an das geradezu sportliche Interesse der gesamten
öffentlichen Meinung in Zeitungen und Vorführungen an jeder neuen Erfindung,
die gemacht worden ist, an die Begeisterung und den nationalen Stolz, den jeder
neue Höhen- und Geschwindigkeitsrekord entfesselte: etwas, was das 18. Jahrhundert
in dem Grade niemals gekannt hat. Es ist eine ernste geschichtliche Tatsache,
daß der Begriff »Fortschritt der Menschheit« ein Schlagwort
geworden war, unter dem man schließlich nur noch eine Summe technischer
Errungenschaften verstand, über deren Verwertbarkeit kein Zweifel bestand,
weil sie eben alle und unter allen Umständen verwertet werden sollten und
mußten. Es entstand neben diesem Fieber der Rekorde, neben dem Rausch der
Statistik die Genugtuung, mit der in jedem Lande jede Zahl irgendwelcher Art begrüßt
wurde, die von andern Ländern noch nicht erreicht war, die Zahl der Großstädte,
Hochöfen, Flugzeuge, die Länge der Eisenbahnen und Telegraphendrähte,
die Menge der geförderten Kohle und Erze. Dieser Erscheinung entspricht auf
der anderen Seite eine psychologische Reizung zum Verbrauch, die unumgänglich
war und die ebenfalls allmählich zu einer Überspannung der wirtschaftlichen
Weltlage geführt hat. Es ist eine Auswirkung dieser Überreizung des
Bedarfes, des zum großen Teil eingebildeten Bedarfs, der Hervorbringung
eines nicht durch seelische Verfeinerung entwickelten, sondern aufgeredeten, äußerlichen
Luxus der Kulturvölker und gerade ihrer unteren städtischen Schichten,
daß zuletzt eine durchschnittliche Lebenshaltung als selbstverständlich
angenommen worden ist, die auf die Dauer, auch ohne den Krieg, nicht zu tragen
gewesen wäre. (Oswald Spengler, Das heutige Verhältnis zwischen
Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926, in: Politische Schriften, S.
325-327 ).
Es war weiter eine Folge der Notwendigkeit, unter allen Umständen für
das geschaffene Produkt einen Absatz außerhalb der Industriegebiete zu suchen,
daß man nun an die außereuropäischen Völkermassen mit der
immer dringenderen Forderung herantrat, die Produktion aufzunehmen. Man ging von
der bloßen Werbung, vom Angebot, von der Reklame zum politischen Druck,
zur Niederhaltung der farbigen Konkur- renz, unter Umständen zum Krieg über.
Das ist bis zu Verbrechen getrieben worden. In Indien ist es vorgekommen, daß,
um die Selbstversorgung der Inder mit eigenen Webwaren zu verhindern, den Männern
ganzer Dörfer der Daumen abgeschnitten wurde. In derselben Richtung liegt
die »Erschließung« Chinas und die Aufteilung von Afrika mit
ihren zahlreichen kriegerischen Expeditionen. Die farbige Welt konnte Jahrzehnte
hindurch diesen verstärkten Strom des Angebots aufnehmen. Aber auch da mußte
einmal der Punkt eintreten, wo die Sättigung erreicht war. Und nun tritt
das Gefährliche dieser künstlichen Produktion hervor: Jedes Land, das
wesentlich in den Formen natürlicher Produktion geblieben ist, etwa Skandinavien
oder Italien, wird in der Lage sein, eine Absatzkrise dadurch zu ertragen, daß
im Grunde genommen sich jeder Einzelne trotz ihrer ernähren kann. Die Menschenmassen
aber, die sich auf dem Rücken der Kohle angesammelt haben, hängen auf
Tod und Leben von der Möglichkeit ab, für fast das gesamte Produkt ihrer
Hände einen Gegenwert aus der Ferne zu bekommen, von dem sie sich ernähren
können. So wie der Absatz im Laufe der Jahrzehnte allmählich ein Fernabsatz
wurde, so wurde die Nahrungsbeschaffung allmählich eine Fernernährung,
und so entwickelte sich die Bahnung eines dichten Verkehrs auf der einen Seite
für den Absatz, auf der andern für die Zufuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln
zu einer conditio sine qua non, um diese Millionenmassen in vollgestopften Gebieten
am Leben zu erhalten. Aus den natürlichen Völkern waren künstliche
geworden. Das ist die wirtschaftliche Seite dieser Entwicklung. Es konnte nicht
ausbleiben, daß dieser Kreislauf von Tatsachen einen wachsenden Druck auf
Stil, Wege und Absichten der großen Politik ausübte. Das ist im Lauf
der Jahrzehnte auch geschehen. Aber es ist erstaunlich, wie langsam das kam und
in wie geringem Maße die Staatsmänner der führenden Völker
die letzten Resultate dieser Entwicklung vorausgesehen haben. Das erste ist die
Tatsache, daß die Politik anfangen mußte, die übrigen Erdteile
als etwas außerordentlich Wichtiges zu behandeln. Noch zur Zeit Napoleons
ist das kaum geschehen. Da war Afrika ein höchst gleichgültiger Erdteil
und China ein Vorbild für Kostümfeste. Jetzt aber setzt ein Wettlauf
der Industriestaaten um die politische Macht über Gebiete ein, die man als
Rohstofflieferanten und Abnehmer von Industrieerzeugnissen nicht mehr entbehren
konnte. Der rein politische Staatsgedanke der Mitte des 19. Jahrhunderts ist zunächst
nur unterstützt worden durch die Tatsache, daß in einem Lande die Großindustrie
den Reichtum, die Volkszahl und damit auch die Möglichkeit der Aufbringung
militärischer und finanzieller Machtmittel gefördert hat. Die Kohle
dient den Kanonen, die Kanonen der geschichtlichen Tradition. Die Millionenzahl
der Heere, die gegenüber den Hunderttausenden von 1815 erscheint, ist nur
möglich durch die neue Größenordnung alles dessen, was man Nationalreichtum,
Wehrkraft und Rüstungsbedarf nannte. Aber auch hier ist die Umkehrung eingetreten
wie im Verhältnis von Angebot und Nachfrage: Gegen Ende des Jahrhunderts
verliert im Verhältnis von Wirtschaft und Politik die Politik die Führung.
Ursprünglich war es die Kohle, die Industrie und ihr Produkt, die den Heeren
und damit der Politik der großen Staaten die Machtmittel gaben. Jetzt, wo
das dunkle Gefühl sich geltend macht, daß diese Unterlagen nicht unter
allen Umständen unerschütterlich sind, fängt die Politik ganz langsam
und unmerklich an, von der Wirtschaftsgebarung gemeistert zu werden. Die Kanonen
dienen nun der Kohle. Die vollkommene Abhängigkeit von wirtschaftlichen Notwendigkeiten
ist um 1910 vorhanden. Bemerkt worden ist sie in ihrer ganzen Tragweite erst im
Verlauf des Weltkrieges. Der wirtschaftliche und erst in seinem Dienst der politische
Imperialismus - das ist das Wort für diese neue Art von Politik - hat die
Aufgabe, die Existenz eines Massenvolkes nach außen hin sicherzustellen,
eines Volkes, das sich innerhalb seiner eigenen Grenzen nicht ernähren kann,
nachdem seine Zahl infolge der Industrialisierung weit über diese Möglichkeiten
hinaus angeschwollen ist. Dem dient die Politik der Kolonien, Protektorate und
Einßußsphären, die Erschließung Chinas, die Durchdringung
des tropischen Amerika, der berühmte »Platz an der Sonne«, die
Aufteilung Afrikas in Ausbeutungsgebiete, die Führung einer ganzen Reihe
von Kriegen, gegen die Buren, in Ägypten und Marokko, in China, Birma und
Madagaskar, an den Grenzen von Indien und Turkestan, um wirtschaftliche Möglichkeiten
für eine einzelne Macht allein zu reservieren. Das Ergebnis dieser Frühzeit
des Imperialismus ist es gewesen, daß einzelne Großmächte, »
Weltmächte«, sich aus der Zahl mittlerer Mächte herauskristallisierten,
weil sie in irgendeiner Form imperialistische Politik treiben mußten, weil
der Verzicht darauf den wirtschaftlichen Untergang von Millionen der eigenen Staatsangehörigen
bedeutet hätte. Der Imperialismus, der in einer wachsenden Kriegsrüstung
und Kriegsbereitschaft der Weltmächte bestand, um in der Reihe dieser Nationen
ersten Ranges bleiben und bei allen, auch rein wirtschaftlichen Verhandlungen
einen Druck auf die militärisch Schwächeren ausüben zu können,
ist endlich zu der Katastrophe vorgetrieben worden, welche der Ausbruch des Weltkrieges
darstellt. Die Hochspannung war längst erreicht. Sieht man die Dinge vom
wirtschaftlichen Standpunkt an, so ist der Punkt, in welchem die Sättigung
des gesamten Weltmarktes mit Produkten in bedrohliche Nähe gerückt war,
zwischen 1900 und 1910 erreicht worden. Es haben sich schon damals warnende Stimmen
erhoben, die dazu rieten, rechtzeitig Verhandlungen über Kontingentierung
und gemeinsame Hemmung der Produktionssteigerung einzuleiten. Es versteht sich
bei geschichtlichen Tatsachen, die stärker sind als die Menschen, ganz von
selbst, daß derartige Erwägungen erfolglos bleiben mußten; niemand
in einer verantwortlichen Stellung wird in der Lage sein, auf eine seinem Lande
verliehene Macht und den damit verbundenen Vorteil freiwillig zu verzichten, um
einem anderen Lande einen Vorteil einzuräumen. Jedenfalls ist die Konkurrenznot
der führenden Länder, die durchweg Industrie- und also auch Kolonial-
und imperialistische Länder gewesen sind, schon zur Zeit des russisch-japanischen
Krieges dicht vor einer Entladung gewesen. Wenn sie damals noch vermieden wurde,
und wenn die Übersättigung des Marktes mit Produktionsmitteln noch nicht
so grell in die Erscheinung trat, so verdanken wir das ausschließlich dem
Umstande, daß seit dem Ausgang dieses Krieges bis zum Ausbruch des Weltkrieges
ein derartiges Rüsten für die letzte Entscheidung erfolgte, daß
allein die Bereitstellung des Kriegsbedarfs für Heere von einem ungeahnten
Ausmaß genügte, um noch für ein volles Jahrzehnt die Industrie
vor Absatzsorgen im wesentlichen zu bewahren und - leider - sie für die Tatsachen
blind zu machen. Es ist das selbstverständlich eine Steigerung des künstlichen
Charakters der Produktion bis an die äußerste Grenze. Nun kommt der
große Krieg oder, vorsichtiger gesagt, der erste der großen Entscheidungskriege.
Hier ist der Grad der politischen Weitsicht der einzelnen Regierungen für
wirtschaftliche Dinge sehr verschieden gewesen. Das einzige Land, das von vornherein
wußte, daß dieser Krieg auch die weltwirtschaftlichen Fragen bis zu
einer gewissen Lösung treiben mußte, ist England gewesen. (Oswald
Spengler, Das heutige Verhältnis zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik,
1926, in: Politische Schriften, S. 328-331 ).
Auch die sich beständig verändernden Methoden und Ziele des Krieges
sprechen für die erst langsam wachsende Einsicht in den Sinn der Ereignisse.
Wenn ein Historiker in später Zukunft einmal die Untersuchung vornimmt, warum
sich im Lauf dieses Krieges die unmittelbaren und mittelbaren Kriegsziele geändert
haben, so wird er mit Erstaunen feststellen, daß von einem Jahr zum andern
das Problem der gewaltsamen Produktionseinschränkungen des militärisch
Schwächeren immer klarer wurde. Von der bloßen Schädigung des
Feindes, um ihn politisch und militärisch schwächer zu machen, geht
es immer bewußter auf das Ziel hinaus, die unterliegende Nation wirtschaftlich,
und zwar auf so lange Zeit als möglich, konkurrenzunfähig zu machen,
sie nach Möglichkeit industriell zu vernichten, und nichts andres erstrebt
der »Friede« von Versailles, die Abtretung von Industriegebieten,
die Reparationen, die Auslieferung der Handelsflotte, die Entwaffnung. Erst im
Verlaufe des Weltkrieges ist das große Problem nicht dieser Jahre, sondern
das von zwei Jahrhunderten in aller Schroffheit zum Vorschein gekommen: die Tatsache,
daß es zuviel weiße Menschen auf der Welt gibt, daß diese Menschen
in Europa viel zu stark angehäuft sind, daß die Produktion, die diese
Menschenmassen ernähren muß, nicht unbedingt auf Absatz rechnen kann,
und daß infolgedessen eines Tages eine Entscheidung getroffen werden muß,
entweder über gewaltsame Herabsetzung der Bevölkerungszahl durch Verpflanzung
oder über die Regelung der Weltproduktion oder, als ultima ratio, über
Herabsetzung der Produktion dessen, der sich im politischen Wettstreit als der
Schwächere erwiesen und sich mit dieser Tatsache abgefunden hat. Es hat keinen
Zweck, vor dieser Tatsache die Augen schließen zu wollen. Kein guter Wille
zur Verständigung schafft sie aus der Welt. Das große Problem der nächsten
Jahrzehnte ist dieses, daß tatsächlich, nachdem die Produktionserweiterung
in ungehemmtem Maßstabe das Ideal aller Länder gewesen ist, die große
nüchterne und ernste Frage einer gewissen Mäßigung oder Regelung
oder wie man es sonst nennen will, an der Tagesordnung ist. Wenn augenblicklich
die Frage nicht so dringend zu sein scheint, dann muß man sich doch darüber
klar sein, daß in dem Europa, in dem augenblicklich sechs Millionen Arbeitslose
vorhanden sind, nur von einem Intermezzo der Erholung gesprochen werden darf.
Es ist noch so viel nachzuholen an Dingen, die Jahre hindurch nicht oder schlecht
hergestellt, die zerstört worden sind, daß im Augenblick wenigstens
eine Täuschung über die Härte dieser Krise möglich ist; eine
Täuschung; auf die Länge wird das nicht der Fall sein. Zunächst
ist schon vor dem Kriege das Monopol der weißen Völker auf diesem Gebiet
gebrochen worden. Das erste nichteuropäische Volk, das in allergrößtem
Maßstab, gedeckt durch eine starke militärische Rüstung, als selbständiger
Konkurrent auf dem Weltmarkte erschien, statt ein Abnehmervolk zu bleiben, ist
Japan gewesen. Ich sehe von den Vereinigten Staaten ab, weil sie eine Sonderstellung
einnehmen, obwohl ihr Übergang von vorwiegendem Verbrauch europäischer
zu vorwiegendem Export eigener Industrieware die Lage wesentlich verschärft
hat. Es stellt sich aber weiter heraus, daß während des Krieges und
auch schon vor ihm die unerwartet großen Kohlevorkommen in der ganzen Welt
in steigendem Grade benützt worden sind, um Industrien anzulegen, die dem
Abnehmer näher sind als die europäischen. Wir haben heute Industriegebiete
in Indien, in Ägypten, in Turkestan, in Südafrika, in Kanada, in Australien.
Es ist gar nicht abzusehen, wie lange es noch dauern wird, bis Südamerika,
China und Persien in die Reihe der Großindustrieländer getreten sind.
Wie überall haben auch hier die neuerschlossenen vor halb erschöpften
Lagen einen Vorsprung. Es ist weiter die Frage, ob angesichts dieses Überflusses
das bloße Kohlevorkommen ausreicht, um einem Staat die Ernährungsmöglichkeiten
seiner Bewohnerschaft zu sichern. Wir gehen einer energischen Ausnützung
der Kohle auf dem Wege der Aufschließung, der Verflüssigung u.s.w.
entgegen, die mit der Steigerung des Nutzeffekts auch einen verminderten Bedarf
an Material bedeutet. Es kommt hinzu, daß Öl und Wasserkraft ebenfalls
als selbständige Wettbewerber auf dem Markt der natürlichen Kräfte
erschienen sind. (Oswald Spengler, Das heutige Verhältnis zwischen
Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926, in: Politische Schriften, S.
331-334 ).
Vor
allen Dingen aber tritt die Tatsache ganz entscheidend hervor, daß Europa
militärisch nicht mehr das einstige Monopol besitzt, um die übrigen
Erdteile zu zwingen, in der Lage des Abnehmers zu verbleiben und auf die Rolle
des Produzenten zu verzichten. Darin sehe ich die geschichtlich wichtigste Umwälzung,
die der russisch-japanische Krieg eingeleitet und der Weltkrieg auf die Höhe
gebracht hat: Im Gegensatz zum vorigen Jahrhundert sind die Großmächte
Europas bei ihren Entscheidungen nicht mehr unter sich. Die farbige Welt ist selbst
eine Großmacht geworden, in Afrika, in Ostasien, im Islam, in Mittelamerika.
Das entspricht der Wendung in der römischen Geschichte, als die Provinzen
wichtiger werden als Rom. (Oswald Spengler, Das heutige Verhältnis
zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926, in: Politische Schriften,
S. 334 ).
Das sind Erscheinungen, die ein halbes Jahrhundert vorher undenkbar gewesen
wären. Also auf der einen Seite die Tatsache, daß die Wirtschaftsverfassung
und damit die Erhaltung der nun einmal zur heutigen Höhe angeschwollenen
weißen Völker in Gefahr ist, auf der anderen die zweite, nicht minder
schwere, daß bei der wirtschaftspolitischen Regelung der Frage Völker
außerhalb Europas mitzureden haben. Es kommt noch ein Drittes hinzu; in
wenigen Worten muß es angedeutet werden: auch die geschäftsführenden
Regierungen der gefährdeten Nationen sind ihrer Form nach im Lauf der letzten
J ahrzehnte anders geworden. Feste Hoheitsregierungen in dem Sinne, wie es diejenige
Bismarcks, anfangs auch diejenige Napoleons III. und auch die englische noch zur
Zeit Gladstones waren, sind heute nicht mehr vorhanden, wenn man von einigen Diktaturen
absieht, und in allen Ländern ist die Möglichkeit, das ganze Gewicht
an politischem Einfluß, an Kapital und zuletzt an Waffen in die Wagschale
zu werfen, um die Existenz der Nation in ihrer schlechthin vorhandenen Zahl und
Lage zu sichern oder zu verbessern, ganz wesentlich abhängig davon, ob die
jeweilige Regierung von innen heraus eine Stützung oder Hinderung erfährt.
So grotesk das einem künftigen Betrachter erscheinen wird: das erste ist
nichts weniger als selbstverständlich. Ich brauche hier nicht auf Einzelheiten
einzugehen. Es wird durchaus natürlich erscheinen, daß das englische
Volk auf Grund seiner Erziehung zu weltpolitischem Tatsachendenken, obwohl es,
wie ich angedeutet hatte, ebenfalls in eine Doppelnation zerfallen ist: eine industrielle
Bevölkerungsmasse und den Rest, doch in allen national entscheidenden Fragen
einheitlich dastehen würde. Was wir heute national nennen, ist im Grunde
genommen nur der praktische Egoismus eines Gebiets, das durch seine ganze wirtschaftlich-politische
Entwicklung dazu verurteilt ist, als Ganzes zu stehen oder zu fallen und das deshalb
auf jeden Einzelnen und jede Klasse rechnen muß. Wenn man statt Nationalismus
gesunder Wirtschaftsegoismus sagen wollte, dann würde der Unterschied nicht
sehr groß sein. Und zu dieser Art von Egoismus hätte sicherlich der
mit seinem Dasein an die Kohle gebundene Teil eines Volkes zuerst Veranlassung,
weil ihn zuerst die Folgen des verlornen oder verscherzten Schutzes durch die
Machtmittel eines Großstaates treffen. Wie dem auch sei, wenn wir die führenden
Länder der Welt daraufhin mustern, bis zu welchem Grade jedes einzelne im
Falle einer Auseinandersetzung über diese Lebensfrage auf eine Stützung
von den Beteiligten rechnen könnte, würde die Rechnung für mehr
als eines sehr traurig ausfallen. Solange es sich um Nationen im Gewand gewachsener,
durch die Macht der Tradition geheiligter Formen handelte, um Staaten, wie sie
aus der Zeit Napoleons hervorgingen und zur Zeit Bismarcks noch unerschüttert
aufrecht standen, ist die Macht eines einzelnen Menschen von noch so unbestrittener
Größe begrenzt durch die gewaltige Macht der ihm entgegenstehenden
überlieferten Formen. Das gilt auch, wie die englische Industrie beweist,
von den traditionellen Bräuchen und Methoden in der Wirtschaft. Infolgedessen
konnte ein Führer, sei er nun Wirtschaftsführer, Volksführer, Diplomat
oder Finanzmann, doch nur innerhalb gewisser Grenzen seine persönliche Überlegenheit
zur Geltung bringen. Der alte Staat, die alte Wirtschaft, die alte Firma waren
eine Macht für sich. Was in der großen Auseinandersetzung, die uns
in Zukunft bevorsteht, neu und für Deutschland fast allein hoffnungsvoll
sein wird, sind die eigentlich unbegrenzten schöpferischen Möglichkeiten
für Menschen, die über das Maß der übrigen hinausgewachsen
sind. Es ist in Zukunft auf dem ganzen Gebiete der Wirtschaft, der Technik, der
Finanzen genau so wie auf dem der Politik, der Diplomatie wie des Krieges wahrscheinlich,
daß immer wieder ein Einzelner durch die Macht seiner Persönlichkeit
und also durch die Größe seiner Stellung alles aufwiegt, was an ungünstigen
Faktoren eben von mir hier aufgeführt worden ist. (Oswald Spengler,
Das heutige Verhältnis zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926,
in: Politische Schriften, S. 334-336 ).
Ich sehe im Laufe des 20. Jahrhunderts eine geschichtliche Epoche, und zwar
eine wirtschafts- geschichtliche und politisch-geschichtliche, voraus, in der
es sich weniger um Staaten und Verfassungen, noch weniger um Diktate und Verträge,
sondern mehr und mehr und immer entschiedener um große Namen handeln wird,
deren Klang Mächte aufrichtet und geistige Schlachten gewinnt. Das Volk,
das die stärksten Individuen zu stellen hat, das unverbrauchteste, an aufrechtstehende
Traditionen am wenigsten gebundene, wird endlich und letzten Endes der Sieger
sein. (Oswald Spengler, Das heutige Verhältnis zwischen Weltwirtschaft
und Weltpolitik, 1926, in: Politische Schriften, S. 336 ).
Die Situation selbst ist, wie gesagt, die, daß der unbedingte Vorrang
Europas verlorengegangen ist, daß damit Nationen von der Form und Kopfzahl,
wie sie im Laufe der Industrialisierung sich in Europa entwickelt haben, in eine
neue Form ihres Daseins inmitten der übrigen Welt überführt werden
müssen, um fortleben zu können, daß also eine neue Art von Verbindung
zwischen einem europäischen Lande als Schwerpunkt und irgendwelchen Beziehungen
zu andern Erdteilen als Unterlage erreicht werden muß, die heute im englischen
Empire oder in dem Versuche Rußlands, sich in Asien einem Kreis von Staaten
anzugliedern, noch kaum angedeutet ist. Wenn es einem Lande nicht gelingt, auf
dieser Grundlage ein verzweigtes System seiner Wirtschaftshaltung, und zwar -
darüber wollen wir uns nicht im unklaren sein - gegen andere, die dasselbe
wollen, relativ günstig auszubilden, wird nur das übrig bleiben, was
in England kürzlich in vollem Ernste vorgeschlagen worden ist, nämlich
die Massenübersiedelung dauernd Erwerbsloser in andere Erdteile, in diesem
Falle nach den Dominions, die sich das sofort verbeten haben. Das würde selbstverständlich
ein Mittel sein, dessen Erfolg nicht etwa eine Entlastung des Landes, eine Lösung
des Problems ist, sondern eine Verschärfung, denn - ich glaube das gezeigt
zu haben - wie die Dinge sich seit einem Jahrhundert entwickelt haben, bedeutet
eine Million arbeitsfähiger und wehrfähiger Menschen nicht nur Produktionskraft,
sondern auch Nationalreichtum, wirtschaftliche Macht, politische und militärische
Macht und damit letzten Endes doch wieder etwas, was in die Wagschale geworfen
werden kann, wenn es sich darum handelt, wirtschaftliche Abmachungen auf vorteilhafter
Grundlage zu schließen und ihre Einhaltung durch den Gegner zu erzwingen.
Denn heute wie immer ist bei Verträgen, auch wirtschaftlichen, nur der politisch
Stärkere gesichert. (Oswald Spengler, Das heutige Verhältnis
zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik, 1926, in: Politische Schriften,
S. 336-337 ).
Ich
komme zum Schluß. Mag die große Politik durch die Entwicklung des
vorigen Jahrhunderts zuletzt noch so sehr unter den Druck der Wirtschaftsführung
geraten, von ihr abhängig geworden und von ihren Zielen beherrscht worden
sein, so ist doch heute ein wirtschaftlicher Erfolg großen Ausmaßes,
das heißt die wirtschaftliche Sicherstellung des Daseins eines großen
Volkes nur möglich, wenn auch politische Macht in die Wagschale gelegt werden
kann gegenüber der, die auf der andern Seite vorhanden ist: Macht, die nicht
in Masse, sondern Überlegenheit besteht. Der Weg der Verfeinerung beschränkt
sich nicht auf technische Verfahren und Methoden. Die gesamte Kultur geht ihn.
Ich wiederhole deshalb zum Schluß: Politische Macht, ohne die es wirtschaftliche
Erfolge auf weite Sicht nicht gibt, besteht heute nicht mehr nur in Geld, in Kanonen
und Verträgen, sondern in wachsendem Maße in dem Vorhandensein von
Persönlichkeiten, die durch ihre Überlegenheit reale Macht darstellen
und die anonyme Macht großer Quantitäten ersetzen können. Meine
Hoffnung für Deutschland beruht darauf, daß wir dasjenige Volk sind,
das die stärksten Individualitäten der Technik, Wissenschaft und Organisation
in Wirtschaft, Heer und Verwaltung seit einem Jahrhundert hervorgebracht und offenbar
diese Kraft der Produktion bei weitem noch nicht erschöpft hat. (Oswald
Spengler, Das heutige Verhältnis zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik,
1926, in: Politische Schriften, S. 338 ). |