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„Spenglers zentrale Denkerfahrung liegt in der Beobachtung, daß Formen ein Eigenleben haben - sein ganzes Genie steckt in diesem Motiv. .... Spenglers Formbegriff gehört zu einem lebensphilosophischen () Sprachspiel. .... Spengler nennt Kulturen Lebewesen höchsten Ranges.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 177)
„Was die Weitergabegewalten zuletzt immer über den Geist der Freisprüche siegen läßt, ist die Positivierung der Versprechen und die Nationalisierung der Universalien. Eben dies ist das Prinzip der magischen Nationen (Magische Kultur), die Oswald Spengler entdeckt und benannt hat - und die man auch Taufnationen oder Religionsnationen nennen könnte.“ (Peter Sloterdijk, Zur Welt kommen, zur Sprache kommen, 1988, S. 172f.).  -  „Die neuen Immunitätstechniken empfehlen sich als Existentialstrategien für Gesellschaften aus Einzelnen, bei denen der Lange Marsch ... zum Ziel geführt hat - zur Grundlinie des von Spengler richtig prophezeiten Endes jeder Kultur: jenem Zustand, in dem es unmöglich ist, zu entscheiden, ob die Einzelnen außergewöhnlich fit oder außergewöhnlich dekadent sind. Jenseits dieser Linie verlöre die letzte metaphysische Differenz, die von Nietzsche verteidigte Unterscheidung von Vornehmheit und Gemeinheit, ihre Kontur, und was am Projekt Mensch hoffnungsvoll und groß erschien, verschwände wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ (Peter Sloterdijk, Sphären - II -, 1999, S. 1004f.). - „Man sollte Spengler progressiv fruchtbar machen und ihn als einen Experten in Primärraumfragen hören.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 228). Spengler Untergang der Antike Dank Sloterdijk und Spengler


NACH OBEN „Gibt es eine Logik der Geschichte?  Gibt es jenseits von allen Zufällen und Unberechenbaren der Einzelereignisse eine sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die von den weithin sichtbaren, populären geistig-politischen Gebilden der Oberfläche wesentlich unabhängig ist?“  - Spengler stellte diese beiden Fragen ganz bewußt an den Anfang seines Buches. Um diesen Brennpunkt herum wurde mit seinem Buch erstmalig „der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 3 Spengler). Spenglers Behauptung, Geschichte wiederhole sich „dem Typus nach“ (Spengler), ist nicht identisch mit der Behauptung, daß Geschichte sich generell oder in jeder Einzelheit wiederholt. Das glauben nur seine Kritiker (kritik). Nicht mit den Naturgesetzen der Naturwissenschaft wollte Spengler Geschichte verstanden wissen, sondern mit einem „Regelwerk“, das mit wissenschaftlichen Mitteln nicht bewiesen und auch mit den genialsten Mathematiken nicht symbolisiert werden kann. Das wußte der Naturwissenschaftler und Mathematiker Spengler, besonders in seiner Eigenschaft als Kulturphilosoph, als Geschichtsphilosoph, als Lebensphilosoph (). Auch deshalb die Vorausbestimmung der Geschichte als Versuch:

„Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.“ (Spengler, 1917, ebd., S. 3 Spengler). Der Untergang einer Kultur ist ihr Zivilisierungsprozeß im Erwachsen-geworden-sein (Erwachsen-geworden-sein), ihre Moderne (Moderne). Aber eine Zivilisation ist ja auch ganz angenehm. Schließlich ist sie die Fortsetzung der Kultur mit zivilen Mitteln: eine zivile Kultur!

„Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Untergangs der Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das in seiner ganzen Schwere begriffen alle großen Fragen des Seins in sich schließt.“ (Spengler, 1917, ebd., S. 4 Spengler). Das abendländische Erwachsen-geworden-sein (Erwachsen-geworden-sein), also unsere Moderne (Moderne) begann philosophisch mit der Vollendung des Kritizismus durch Kant (Kant) - Ende des 18. Jahrhunderts („Nachkritische Stufe“Nachkritische Stufe).

Der „moderne Weg“, der zu Spengler führte, begann methodisch bei Goethe (Goethe), schulphilosophisch bei Schopenhauer (Schopenhauer) und verlief über dessen Schüler Nietzsche (Nietzsche), dem Spengler die Fragestellungen verdankte. Dank

Als Philosoph - genauer als Geschichtsphilosoph und noch genauer als Kulturphilosoph - dachte Spengler also „gewissermaßen in Biographien. Gleich auf den ersten Seiten des UdA (UdA) fragt er, ob nicht »allem Historischen biographische Urformen« (Spengler) zugrunde lägen. „Weltgeschichte“, sagt er, sei „Lebensläufe großer Kulturen und die Beziehung zwischen ihnen.“ (Spengler). ... Und in den Urfragen heißt es: „Biographie ist die einzige Form, Miterlebenden das Geheimnis eines Lebens nahezubringen.“ (Ebd., S. 125Spengler). Wenden wir uns den Hauptgedanken von Der Untergang des Abendlandes zu. Der Mathematiker Spengler sucht nach einer „Logik der Geschichte“ (Spengler). Er unterscheidet zwischen einer Logik des Raumes, die nach kausalen Gesetzen verläuft, und einer der Zeit, die organisch aufzufassen ist. Kulturen, der Logik der Zeit folgend, seien Organismes, die wie alle Lebewesen Phasen des Wachstums, der Reife und es Alters durchliefen und am Ende stürben. Zyklisch wiederhole sich dieser Prozeß an jeder Kultur. Deshalb stünden alle diese „Lebensläufe“ gleichberechtigt nebeneinander, gewissermaßen unmittelbar vor der Geschichte. Spengler zweifelt nicht nur Inhalt und Bedeutung des Begriffs „Europa“ (Spengler) an, sondern löst sich auch aus dem alten Schema zur Epochenbegrenzung von Altertum-Mittelalter-Neuzeit (Spengler), und „bricht rückhaltlos mit dem seine Zeitgenossen noch völlig beherrschenden europazentrischen Weltbild“ (Gert Müller), welches das Denken so verzerrt habe. „Warum soll, morphologisch betrachtet, das 18. Jahrhundert wichtiger sein als eins der sechzig voraufgehenden?“ (Spengler). Kultur und Geschichte sei nichts anderes als „die Verwirklichung einer Seele“ (Spengler), sei „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (Spengler), wie Goethe sich ausdrückte. Und „eine Kultur stirbt, wenn diese Seele die volle Summe ihrer Möglichkeiten in der Gestalt von Völkern, Sprachen, Glaubenslehren, Künsten, Staaten, Wissenschaften verwirklicht hat und damit wieder ins Urseelentum zurückkehrt.“ (Spengler). ... Spengler wendet sich gegen den Allgemeingültigkeitsanspruch abendländischer Erkenntnisse und Lebensformen und vermißt unter den Denkern des Westens „das Wissen um die notwendigen Grenzen ihrer Gültigkeit, die Überzeugung, daß seine ›unumstößlichen Wahrheiten‹ und ›ewigen Einsichten‹ eben nur für ihn wahr und in seinem Weltaspekt ewig sind und daß es Pflicht ist, darüber hinaus nach denen zu suchen, die der Mensch anderer Kulturen mit derselben Gewißheit aus sich selbst heraus entwickelt hat.“ (Spengler). Die meisten europäischen Philosophen haben nur für das Abendland Bedeutung. ... Sein physiognomischer Blick für Formen und Zusammenhänge geschichtlichen Werdens lenkt seine Aufmerksamkiet auf neue Mächte, die er bald „in die aktive Politik“ eintreten sieht, wie etwa den Islam oder Japan.“ (Frank Lisson, Oswald Spengler - Philosoph des Schicksals, 2005, S. 47-48 Lisson). Ja überhaupt: Asien und Afrika (Afrika v.a. auch, weil es immer mehr vom Islam bekehrt werden würde), und heute wissen wir: Oswald Spengler hat es richtig vorausgesagt!

NACH OBEN Der Untergang des Abendlandes war ja von Spengler 1911 als Kritik an der deutschen Außenpolitik der spät-wilhelminischen Ära konzipiert worden. Er erweiterte sein Werk jedoch zu einer Geschichts- und Kulturphilosophie (oder einer Philosophie der Zukunft, insofern es Vorausbestimmungen der Zukunft erlaubte) und einer Morphologie der Weltgeschichte, für die er sich besonders auf Goethe und Nietzsche berief. (Spengler). Spengler prophezeite einen Niedergang der kulturellen Produktivität des Abendlandes und das Heraufkommen eines neuen Zeitalters des Cäsarentums, charakterisiert durch rücksichtslose Machtpolitik, zunehmende Technisierung sowie gleichzeitig fortschreitende Primitivierung der politischen Formen. Das Abendland, und vor allem Deutschland, habe keine andere Wahl als „fest zu stehen oder unterzugehen“, einen dritten Weg gebe es nicht. Schon seit Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar verstanden als Beginn des 19. Jahrhunderts, das ein Jahrhundert des Materialismus, der Formlosigkeit, beständiger Kriege und der Massendemokratie gewesen sei, habe der Untergang des Abendlandes begonnen. Allerdings ließe sich dem weiteren Abstieg einer zerfallenden Massenzivilisation durch eine Rückkehr zu preußischen Traditionen der Staatsführung und der Organisation der Gesellschaft Einhalt gebieten. Als Spengler 1933 sein Werk „Jahre der Entscheidung“ (Spengler) veröffentlichte, begrüßte er zunächst die „nationale Revolution“ als Freisetzung „der tiefsten Instinkte in unserem Blut“. Obwohl also Spengler (wie Heidegger ) im Nationalsozialismus anfangs ein „mächtiges Phänomen“ erblickte, hatte er bald jede Illusion verloren, was Hitler und seine Partei mit ihrer Rassenlehre anging, die Spengler als kindischen Unsinn betrachtete. Spengler verwarf offen den heftigen, gewalttätigen Antisemitismus der Nationalsozialisten und blieb einer der wenigen konservativ-revolutionären Denker, die für eine Assimilierung der Juden eintraten. Die NSDAP kritisierte Spenglers pessimistischen Determinismus, sein konservativ-elitäres Denken und seine offenkundige Geringschätzung des Volkes. Mehr und mehr sah Spengler sich also isoliert in dem neuen Deutschen Reich, das er selbst prophezeit hatte (z.B. in seinem Werk „Neubau des Deutschen Reiches“, 1924 Spengler) - einem Reich, dessen politische Führung andere Ziele hatte als er und deren Absichten nicht die seinen sein konnten.

 

Der „Untergang des Abendlandes“
ist nicht als Katastrophe zu verstehen;
sondern muß als Vollendung begriffen werden!

 

Spengler verwahrte sich mehrfach gegen das Mißverständis, seine Geschichtstheorie sei „pessimistisch“. Er wollte sie nicht als Aufforderung zur Resignation, sondern als Appell zum Ausharren in der gegebenen Lage und zum Verfolgen von „greifbaren Zielen“ verstanden wissen. Diese Aufgabe der eigenen Zeit hat Spengler in seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“, und zwar ausdrücklicher besonders im zweiten Band, thematisiert. Schon bei der ersten Lektüre wird jedem aufmerksamen Leser klar, was hier z.B. mit dem Wort „Untergang“ gemeint ist: „Untergang nicht im Sinne eines Schiffsunterganges, sondern im Sinne der Vollendung“. Untergang: „Der Begriff einer Katastrophe ist in dem Worte nicht enthalten. Sagt man statt Untergang Vollendung, ein Ausdruck, der im Denken Goethes mit einem ganz bestimmten Sinn verbunden ist, so ist die »pessimistische« Seite einstweilen ausgeschaltet, ohne daß der eigentliche Sinn des Begriffs verändert worden wäre.“ Ein Beispiel für das Mißverständnis ist der Fall jener älteren Dame, die gestand, Spenglers Buch zwar nicht gelesen zu haben, Spengler aber um Rat bat, wo und wie sie ihre Wertpapiere jetzt anlegen solle (Spengler). Doch: „Der Untergang des Abendlandes“ bedeutet nicht Katastrophe, sondern Vollendung des Abendlandes.

Die Menschheit bewegt sich auf mindestens zwei Bahnen (2 Bahnen): „In der bisherigen Menschheitsgeschichte war das Reflexivwerden von falschen und bösen Bewußtseinslagen immer ein kulturpathologisches Symptom - Ausdruck dessen, daß herrschende Schichten in ein morbides, zur Verwilderung und Enthemmung geneigtes Stadium eingetreten waren. Hierüber hat ... Oswald Spengler ... Aussagen von verblüffender physiognomischer Präzision gemacht. Um Spätzeiten handelt es sich, wenn ursprüngliche Kräfte, wertstabile Naivitäten und primitive Willensspannungen in einer kulturbeherrschenden Schicht sich durch strategische Lernprozesse aufgezehrt haben. .... Das Phänomen der reflexiven Ideologie ist doch nicht ganz mit Verfall identisch. Wenn die Naivitäten sinken und die Nüchternheit steigt, so muß das nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten.“ (Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, 1983, S. 699-700). Darum noch einmal: „Untergang des Abendlandes“ bedeutet nicht Katastrophe, sondern Vollendung des Abendlandes.

In meinen Augen stehen die Skeptizisten (Übersicht), die oft zu Unrecht Pessimisten genannt werden, besser da als die Nicht-Skeptizisten, die oft zu Unrecht Optimisten genannt werden. Wer z.B. die Natur des Menschen pessimistischer und damit realistischer einschätzt, kann letztendlich auch mehr Optimismus verbreiten; wer jedoch die Natur des Menschen optimistischer und damit idealistischer einschätzt, muß schon ein Genie sein - und Genies gibt es ja durchaus (selten) -, um den Optimismus noch zu steigern oder wenigstens zu bewahren. Die Geschichte hat gezeigt, daß es nur wenigen Opimisten, aber um so mehr Pessimisten gelang, die Natur des Menschen realistisch einzuschätzen. Ein Idealist, der gegen das Schwere ankämpft, hat es schwerer als ein Realist, der gegen das Leichte ankämpft. Der Realist symbolisiert eher das Schwere, also das Bodenhafte, Verwurzelte, Erdige (bei mehr Dynamik: Wässrige), dagegen der Idealist eher das Leichte, also das Himmlische, Schwebende, Luftige (bei mehr Dynamik: Feurige). Scheinbar unversöhnlich stehen sich das Erschwerende (bzw. das Tragende) und das Erleichternde (bzw. das Verwöhnende) gegenüber. Niedergedrückte und Abgehobene sind aber tatsächlich nur scheinbar inkompatibel, wie man weiß, doch meistens muß erst die Pathologie deren Kompatibilität, z.B. als Manie, unter Beweis stellen - und wie uns die Geologie z.B. durch Vulkane am Meeresboden immer mehr deutlich macht, daß auch Feuer und Wasser gar nicht so unverträglich sind, so kann man ja wohl erst recht davon ausgehen, daß auch Erde und Luft gar nicht so unverträglich sind. Die „männlichen“ Elemente (Feuer und Luft) und die „weiblichen“ Elemente (Erde und Wasser) sind also doch, jedenfalls unter bestimmten Bedingungen, kompatibel, und vor allem das „heterogene Primär-Paar“ beweist, daß das auch so sein soll, denn die beiden primären Elemente (Feuer und Erde) ermöglichen als Energie-Masse-Paar die beiden sekundären Elemente (Luft und Wasser); auf politische Weltanschauungen übertragen: das Zerstörerische und Lebenspendende ist als das Verwöhnende (Feuer) zusammen mit dem Erschwerenden und Heimatspendenden als dem Gravitativen (Erde) das Primärpaar, und erst nachdem dies sich geöffnet hat, kann auch das Sekundärpaar zum Erfolg beitragen, indem es - sozusagen - auf einer zweiten Paar-Ebene die erste Paar-Ebene bestätigt. Wenn man davon ausgeht, daß ein Paar immer schon deshalb gebildet wird, weil es eine Äquivalenzregel gibt, dann hat man nur die Ausnahmen dieser Regel zu untersuchen. Wenn also die Äquivalenzregel auch für Leichtes und Schweres gilt, dann ist es sinnlos, sie strikt voneinander trennen zu wollen, doch genau das passiert z.B. in den extremen Weltanschuungen. Betrachtet man z.B. zwei verschiedene Positionen, die als Ausnahmen die Regel bestätigen, dann gibt es immer eine (wichtigere) „erste Liste“ und eine (alternative) „zweite Liste“. Also gilt z.B. für Gruppen (bzw. „Gesellschaften“) wie für Völker (bzw. „Nationen“) genau das, was auch für Kulturen (bzw. „Zivilisationen“) gilt: Die aspektweise Öffnung der ersten Liste auf die zweite Liste bezeichnet den Elan und die Garantie für das Gelingen einer Kultur (bzw. Zivilisation), „die sich erhält, indem sie sich erweitert, steigert, differenziert - allein die aufmerksame Rückbindung der zweiten an die erste verhindert aber die Gespensterherrschaft.“  (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 414Sloterdijk). Das gilt es zu beachten und nicht, wo wer wie die Rechte und wo wer wie die Linke sehen möchte. Denn auch und gerade die „Lebensform »demokratische Nation« überlebt nur, wenn die Semantik des Eigeninteresses und der Selbstpräferenz mit der Semantik der Freiheit für anderes und des Etwas-zu-geben-Habens zum Ausgleich kommt. Somit taucht aus dem entfalteten Begriff des Lokalen eine Gruppe von Merkmalen auf, die den Abstrakt-Progressiven die Röte ins Gesicht treibt. Was unter dem Druck des konfusen Universalismus durch Gegendruck geklärt in Sicht kommt ist das Ausgedehnte des erfolgreich geführten Lebens, das nicht wird, wie es werden kann, ohne immun, selbstpräferentiell, exklusiv, selektiv, asymmetrisch, protektionistisch, unkomprimierbar und irreversibel zu sein. Dieser Katalog klingt wie die Zusammenfassung eines rechtsradikalen Parteiprogramms; in Wahrheit bietet er die erste Liste der Charakteristika, die der Infrastruktur des Werdens in realen Humansphären inhärieren. Sie gehören zu den Merkmalen des endlichen, konkreten, eingebetteten und überlieferungsfähigen Daseins. Um noch einmal die Redeweise der Ontologie zu bemühen: Das Ausgedehntsein am eigenen Ort ist die gute Gewohnheit zu sein. Solange die Linke vorhat, eine irdische Linke zu bleiben oder es zu werden, wird sie sich bei aller Liebe zur Symmetrie mit diesen Bestimmungen ins Benehmen setzen, es sei denn, sie zieht die Affaire mit dem Unendlichen vor - was man durchaus verstehen kann, weil irdische Sozialdemokratie philosophisch langweilt und ästhetisch nicht befriedigt. Von den Werten der alternativen Liste, genauer von den Forderungen nach einem Metaleben, dessen Weltbezug immunitätsvergessen, fremdpräferentiell, inklusiv, unselktiv, symmetrisch, zollfrei sowie beliebig kompressibel und reversibel wäre, lassen sich hin und wieder einige Aspekte im Realen verwirklichen, jedoch nur diejenigen, die von der ersten Liste mitgetragen werden.“ (Ebd., 2005, S. 412-413Sloterdijk). Sloterdijk gelang es besonders mit seinem als Trilogie erschienen „Sphären-Projekt“ (Trilogie), „das Erzählerische und das Philosophische auf eine teils neo-skeptische, teils neo-morphologische Weise miteinander zu konfigurieren. .... Die Philosophie kann und will kunstmäßig betrieben werden als eine Quasi-Wissenschaft von den Totalisierungen und ihrer Metaphern, als erzählende Theorie der Genesis des Allgemeinen und schließlich als Meditation des Seins-in-Situationen - alias In-der-Welt-Seins (In-der-Welt-Sein); ich nenne das »Theorie der Immersion« oder allgemeine Theorie des Zusammenseins und begründe von dort her die Verwandtschaft der jüngeren Philosophie mit der Kunst der Installation.“ (Ebd., 2005, S. 16Sloterdijk). Deshalb verfolgen wir nun Skeptizismus und Morphologie mit der von Spengler begründeten „Neo“-Form und suchen dabei nach unterschiedlichen Spengler-Anhängern:


NACH OBEN Kulturmorphologie und Spenglerianer Spengler

Die Kulturmorphologie zeichnet sich unter anderem auch dadurch aus, daß sie vom Zyklus der Geschichte ausgeht, vom zyklischen Geschichtsmodell also. Die zyklische Geschichtsdeutung ist übrigens viel älter als die lineare. Das zyklische Geschichtsmodell wurde zu der Zeit vom linearen Geschichtsmodell verdrängt, als das Christentum begann, genauer: als das Christentum allmählich mächtiger wurde (2. und 3. Jh.) und sich im Römischen Reich auch tatsächlich durchsetzte (4. Jh.). Das lineare Geschichtsmodell geht darauf zurück, daß nach christlicher Auffassung alles menschliche Geschehen in den Heilsplan Gottes eingebettet ist. Im Abendland hat es kanonische Bedeutung, was auch an unserem Kalender deutlich wird. Gemäß dieses christlichen Kanons hat alle Menschengeschichte einen Anfang, nämlich den Schöpfungsakt Gottes, und ein Ziel, nämlich das Jüngste Gericht und das Ewige Leben der als gerecht Befundenen im Paradies. Nicht nur die wesentlichen heilsgeschichtlichen Vorgänge - der Sündenfall, die Menschwerdung Gottes, der Erlösungstod und die erwartete Wiederkehr Christi -, sondern alles Geschehen überhaupt läßt sich damit im linearen Sinn deuten. Richtung und Ziel sind also eindeutig definiert. Zu dieser Richtschnur gab es in der abendländischen Geschichte zwar immer auch einige wenige Abtrünnige, die zurück zum zyklischen Geschichtsmodell wollten und als Ausnahmen doch immer nur die Regel bestätigten: Abweichlern drohte die Exkommunikation! Stärker wurden die Ausnahmen jedoch seit der „Bürgerlichen Revolution“, also seit Ende des 18. Jahrhunderts - Beispiele hierfür gibt es jedenfalls genug (Zyklische Geschichtstheoretiker). Trotzdem ist das zyklische Geschichtsmodell die Ausnahme der Regel geblieben, ist das lineare Geschichtsmodell ganz klar und deutlich vorherrschend geblieben. Es ist ein Verdienst von Karl Löwith (1897-1973Löwith), deutlich gemacht zu haben, daß die gesamte abendländische Geschichtsphilosophie auf diesem Dogma beruht. In seinem Buch Weltgeschichte und Heilsgeschehen (1948Löwith) hat er eindrucksvoll nachgewiesen, daß sich alle bis zum Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert entwickelten abendländischen geschichtsphilosophischen Systeme von den heilsbringenden Grundmuster herleiten und daß das auch danach noch überwiegend galt und gilt. Besonders deutlich werde dies gerade beim Marxismus, denn genau wie das Christentum kennt ja auch der Marxismus ein ursprüngliches Paradies, einen Sündenfall (Übergang zum Privateigentum!), eine Menschheitserlösung (Weltrevolution der Arbeiterklasse!) und ein freilich irdisches Paradies - außerdem die vergleichbaren äußeren Formen, in denen sich dieser Glaube darstellt: Helden- und Märtyrerverehrung, „Exkommunikation“ von Abweichlern, „heilige Texte“, Prozessionen von Massenaufmärschen.

Von den erwähnten wenigen Ausnahmen abgesehen (Zyklische Geschichtstheoretiker), ist also auch die Geschichtsphilosophie seit der „Bürgerlichen Revolution“ - das heißt: seit Ende des 18. Jahrhunderts - eine säkularisierte Variante des christlichen Heilsmodells und demzufolge eine Geschichtsphilosophie mit linearem Geschichtsmodell. Dies gilt auch z.B für die Geschichtsphilosophien von Herder (1744-1803) oder Hegel (1770-1831) - obwohl gerade bei diesen beiden auch (auch!) Zyklentheorien thematisiert werden - und fast alle Philosophen nach ihnen, bis auf die eben erwähnten Ausnahmen - d.h.: Moderne (Zivilisation, Nihilismus) oder Historismus ist nicht gleichbedeutend mit der Abkehr vom linearen Geschichtsmodell, aber doch mit der Zunahme der Ausnahmen, die das zyklische Geschichtsmodell bevorzugen. Und: der Wunsch, zum alten zyklischen Geschichtsmodell zurückzukehren, wächst. Wie alt die zyklische Geschichtsvorstellung ist, ist nicht genau bekannt, wohl aber, daß durch die Seßhaftwerdung, die „Neolithische Revolution“, eben die produzierende Wirtschaftsweise (Neolithikum) der Vegetationszyklus „Säen, Reifen, Ernten“ seinen Niederschlag in religiösen Vorstellungen fand und mit dem Lebenszyklus: „Geburt, Werden, Tod“ verglichen wurde, daß also die zyklische Geschichtsvorstellung kulturell sinnvoll war, weil es zwischen dem Glauben und der Produktion, zwischen der Religion (bzw. Theologie) und der Wirtschaft (bzw. Ökonomie) eine Rückkoppelung gab, die Kultur stiftet und damals zusammen mit Technik und Kunst Neues bewirkte: „Historienkulturen“ (). Das zyklische Geschichtsmodell blieb vorherrschend bis zum Christentum, wie bereits erwähnt, und das Christentum ist praktisch eine Synonym für die Vorherrschaft des linearen Geschichtsmodells. Das Christentum hatte eine durchaus realistische Vorstellung von der naturgegebenen Schwäche des Menschen, seiner „Sündhaftigkeit“; und die sogenannte Moderne ändert daran im Grunde nichts - auch dann nicht, wenn in ihr die Vorstellung vorherrscht, daß der Mensch von Natur aus gut sei. In beiden Fällen - ob realistisch-pessimistisch oder idealistisch-optimistisch - geht es um die permanente Aufwärtsentwicklung, mal mehr innerlich und geistig, mal mehr äußerlich und materiell. Andere als diese kleinen Unterschiede gibt es nicht. Es geht in beiden Fällen um eine „Himmelfahrt“! Der Fortschritt im Dieseits entspricht genau dem Zustreben auf das Paradies im Jenseits, doch nicht das aufstrebende Traditionschristentum, sondern das aufstrebende Bürgertum begeht den Fehler im Fortschrittsglauben, weil es die Fortschrittsidee auch auf den geistig-moralischen und den politischen Bereich überträgt, obwohl der Fortschritt nur in der Technik - in Wissenschaft, Medizin, Kommunikation u.s.w. - nicht zu leugnen ist, weil er ja ein technischer Fortschritt ist, sogar ein enormer und immer stärker sich beschleunigender (der übrigens deshalb auch nicht mehr als linear, sondern als stark exponentiell zu bezeichnen ist). Aber eben nur hier! Statt dies zu berücksichtigen, steht für die Modernen das Ziel der säkularen Heilserwartung außer Frage: die Menschheit wird immer mehr zu den Höhen des Paradieses emporsteigen. Kein Wort von Kultur, von Wirtschaft, von Kunst - nur von Menschheit, verstanden als ein Individuum auf der „Himmelfahrt“! Wie eine Bombe mußte hier Spenglers These einschlagen, daß es eine Menschheit in diesem Sinne gar nicht gibt, daß sich vielmehr jeweils untereinander nicht oder kaum verbundene Kulturkreise entwickeln, und zwar nach der Art organischer Wesen. Es war Goethe, dem Spengler ausdrücklich dankte (Dank), auch für die Analogie aus der Botanik, die „Spiraltendenz“, die die „Wiederkehr des ewig Gleichen“ anschaulich verdeutlicht. Goethe

Spirale
Das absolut untragbar gewordene progressiv-lineare Geschichtsmodell wird wohl erst in Zukunft durch das zyklisch-spiralförmige Geschichtsmodell ersetzt werden. Es ist in der Geschichte nahezu immer so gewesen, daß Modelle sich nicht dann durchgesetzt haben, wenn mit ihnen theoretische Triumphe einhergingen, sondern dann, wenn mit ihnen ebenso praktische Triumphe einhergingen. Kopernikanische Wenden soll es angeblich schon viele gegeben haben, und die echte war auch zunächst nur für Theoretiker interessant, sichtbar geworden ist sie erst durch die Praktiker.
NACH OBEN
Leo Frobenius (1873-1938Frobenius), Begründer des Forschungsinstituts für Kulturmorphologie, entwickelte den Begriff „Kulturkreis“, wonach die Kulturformen für bestimmte Lebensräume charakteristisch und auf ihn beschränkt sind und jede Kultur mit ihrer Wirkkraft („Paideuma“;Frobenius) ein Organismus, eine selbständige Wesenheit mit denselben Lebensstufen ist, wie sie Pflanze, Tier und Mensch durchlaufen (Kulturkreislehre, Kulturmorphologie). Frobenius war auch Direktor des Völkerkundemuseums in Frankfurt (Main) und unternahm 12 Expeditionen nach Afrika. Er betrachtete die einzelnen Kulturen als lebende Organismen und lehnte die rein statistische Arbeitseise ab. Der „Innensinn der Dinge“ ist laut Frobenius das räunliche Innen: der Innenraum als Intimität. Sind dann Übertragungen in die Weite und in das Weitere, besonders wenn sie ohne Selbstverlustangst geschehen können, typisch für Kulturen mit einem „Weitegefühl“?  War Spengler von Frobenius' Unterscheidung zwischen „Kulturen des Höhlenfefühls“ und „Kulturen des Weitegefühls“ etwa inspiriert?  Sloterdijk meint ja; in einem mit Hans-Jürgen Heinrichs (Heinrichs) um das Jahr 2000 geführten Gespräch behauptete er, daß die von Frobenius eingeführte Unterscheidung zwischen den weiteliebenden und den weitefürchtenden Völkern Spengler dazu angeregt habe, die Kulturen nach dem Modus ihrer Raumbildung zu bestimmen. Spengler sei dabei etwas in den Blick gekommen, „was man gewissermaßen als Impfung einer Kulturseele mit einer spezifischen Herausforderung, mit einem initialen Schock bezeichnen könnte. Spengler redet in solchen Zusammenhängen ganz nietzscheanisch, wobei man wissen muß, daß Nietzsche (Nietzsche) in seinen besten Augenblicken als Immunologe spricht, wie ein Kulturarzt, der weiß, daß Kulturen und ihre Träger, die Menschen, Wesen sind, die mit dem Ungeheuren geimpft werden und eigensinnige Immunreaktionen entwickeln, aus denen verschiedene kulturelle Temperamente hervorgehen. In diesem Sinne muß man Spenglers These auffassen, daß es nur acht Hochkulturen (* vgl. 8 Kulturen 8 Kulturen) im eigentlichen Wortsinn gegeben habe. Nur in dieser kleinen Zahl von Fällen haben sich die hochkulturschöpferischen Immunreaktionen vollzogen, von denen jede einzelne einen unverwechselbaren Charakter besaß. Die acht hohen Kulturen wären demnach die Abwicklung lokaler Immunreaktionen. .... Man darf sich von Spenglers botanischen Metaphern nicht in die Irre führen lassen. Seine Kulturen sind nicht so sehr Pflanzen höchster Ordnung, wie er vorgibt, sondern Generationsprozesse über dem Input einer schöpferischen Immunantwort, die sich immer mehr formalisiert, bis zur Erstarrung. .... Spengler gibt sein Bestes, darüber sind sich auch seine skeptischen Leser einig, wenn er über die faustische und die arabische Kultur spricht.“ (Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 226).

„Alle primären kulturellen Einheiten lassen sich nur als sich selbst erzeugende morphogenetische Prozesse verstehen. Das unmittelbare Projekt jeder Gemeinschaft ist die fortgesetzte Selbstbergung der Gruppe in ihrer morphologischen Hülle: Alle konkreten »Gesellschaften«, die primitiven wie die komplexen, sind sphäro-poietische Projekte. Die Feststellung ist trivial, daß die weitaus größte Zahl der Sphärenbildungen in der Geschichte der menschlichen Gattung kleine clanartige und stammeskulturelle Ensembles geblieben sind, von denen nur wenigen die Fortbildung zu ethnischen Gebilden mittleren Formats gelingt - tatsächlich ist schon ein Volk ein morphologischer Effekt, der, von den Hordenanfängen her gedacht, ans Unmögliche grenzt, denn er setzt die kulturelle und meist auch politische Synthesis von Tausenden von Horden (nunmehr: Familien oder Geschlechtern) voraus. Nur in den seltensten Fällen sind diese Gebilde, über Volkseinheiten hinausgehend, zu Makrosphären höchster Ordnung herangewachsen - daß heißt zu Stadtstaaten und multi-ethnischen Imperien, im Sinne von Spengler ... sogar zu »Kulturen«, die sich politisch und ontologisch die Form von Welten zu geben vermochten. Der Ausdruck Welt bezeichnet dann nicht »alles, was der Fall ist«, sondern alles, was von einer Form oder einer gewußten Grenze enthalten werden kann.“ (Peter Sloterdijk, Sphären II - Globen, 1999, S. 200-201).

„Nach dem bekannten scholastischen Lehrsatz hat das Endliche mit dem Unendlichen kein gemeinsames Maß. Operationen mit dem Wert unendlich sind seither als eine ständige Selbstgefährdung der menschlichen Intelligenz hintergründig präsent. Im Grunde geht es hier nicht mehr um das Unvorstellbare als das Unsagbare, weil eben das Unendliche per definitionem das ist, was das Vorstellen übersteigt. Zugleich ist unsere Intelligenz so organisiert, daß wir dennoch versuchen, das Unvorstellbare vorzustellen. Ein gewisses Maß an Unendlichkeitsstreß gehört zum modus operandi der europäischen Intelligenz. Über Fragen dieser Art hat Spengler aufschlußreiche Bemerkungen zu Papier gebracht, als er die Kulturen im Hinblick auf ihre mathematischen Stile unterschied. Er hat etwa gezeigt, daß für die Antike die Quadratur des Kreises ein charakteristisches Problem war, also der Versuch, den Abgrund zwischen zwei endlichen geometrischen Figuren zu überbrücken. Hingegen hat sich der Geist der abendländischen Kultur in der Infinitesimalrechnung des Leibnizschen oder des Newtonschen Typs manifestiert, also in Rechnungen mit dem Wert Unendlich. Leibniz hat vormachen können, wie man den Unendlichkeitsdämon mathematisch zähmt, indem man einen diskreten Sprung ins unendlich Große oder unendlich Kleine vollzieht und trotzdem so tut, als sei man in einem rechnerisch kontrollierten Kontinuum geblieben.“ (Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 91).

Spengler ist Sloterdijks „Ideentrainer“, besonders dann, wenn es um raumphilosophische Motive geht. Spengler hat „zusammen mit Frobenius die Unterscheidung eingeführt, die ein »Kulturarzt« machen muß, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt ....“ (Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 228).

„Spenglers zentrale Denkerfahrung liegt in der Beobachtung, daß Formen ein Eigenleben haben - sein ganzes Genie steckt in diesem Motiv. .... Die Form, die Spengler vor allem interessiert, ist das, was er eine Kultur nennt. Nun ist Spenglers Formbegriff, der über Goethes Idee der Urpflanze bis auf die aristotelische Zoologie zurückgeht, durch und durch organologisch geprägt, er gehört zu einem lebensphilosophischen Sprachspiel, in dem das Leben als Substanz betrachtet wird und die Individuen als Akzidentien. (). Nur darum konnte Spengler die von ihm so genannten Kulturen als »Lebewesen höchsten Ranges« bezeichnen. Er meint damit, daß es ein Gestaltgesetz gibt, ein strukturelles Muß, welches bewirkt, daß in einer Kultur an dieser oder jener Stelle ihres Gestaltbogens nur Ereignisse, Akteure und Institutionen von einer gewissen formal vorherbestimmten Qualität auftreten müssen und keine anderen. Man kann dieser Idee eine gewisse logische Mächtigkeit nicht absprechen.“ (Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 177). So versteht man Spenglers Frage: „Gibt es eine Logik der Geschichte?  Gibt es jenseits von allen Zufällen und Unberechenbaren der Einzelereignisse eine sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die von den weithin sichtbaren, populären geistig-politischen Gebilden der Oberfläche wesentlich unabhängig ist?“ (Spengler). „Von Goethe habe ich die Methode, von Nietzsche die Fragestellungen ....“ (Spengler), so Spenglers Danksagung.

Sloterdijk rät: „Man sollte Spengler progressiv fruchtbar machen und ihn als einen Experten in Primärraumfragen hören.“ (Peter Sloterdijk / Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 228). Vor allem würdigt Sloterdijk Spengler als einen der bedeutendsten Theoretiker des Raums. Raum
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Auffällig eng angelehnt an Spenglers Hauptwerk ist das Werk von Arnold Joseph Toynbee (1889-1975Toynbee), eine Studie zur Weltgeschichte (im Original: A Study of History, 1934-1961Toynbee): Der Gang der Weltgeschichte - Aufstieg und Verfall der Kulturen. Es kann nicht sein, daß Toynbee Spenglers Werke, die doch schon seit dem 1. Weltkrieg fast überall in der Welt kursierten, jahrzehntelang nicht bekannt waren; und 1949 schrieb er zu Spenglers Untergang des Abendlandes: „Als ich jene Seiten las, aus denen gleichsam ein Feuerwerk überraschender geschichtlicher Einsichten in Fülle aufleuchtete, hatte ich zunächst den Eindruck, daß Spengler meine ganze Untersuchung bereits vorweg genommen hatte ....“ (Arnold J. Toynbee, Die Kultur am Scheideweg, 1949, S. 15).

Auch für Toynbee verläuft die Geschichte nicht linear, sondern zyklisch, wobei die Entstehung einer Kultur stets nach dem Prinzip von „Herausforderungen“ („challenges“) und „Antworten“ („responses“) geschieht: für eine große Menschengruppe ergibt sich eine besondere Herausforderung äußerer Natur, der man in schöpferischer Weise begegnet, wodurch die Kräfte geweckt werden, die dann in der Folgezeit den Gang der betreffenden Kultur bestimmen. Das klingt fast nach einem behaviouristischen Stimulus-Response-Modell für Kulturen. So besteht die Herausforderung („challenge“), die z.B. zur Entstehung der ägyptischen Kultur führte, in der jährlichen Nilschwemme, die nicht nur eine leistungfähige ägyptische Landwirtschaft und einen entsprechenden ägyptischen Handel hervorbrachte, sondern im Zusammenhang mit der Bewältigung der sich jährlich stellenden Aufgaben auch z.B. die Entwicklung der ägyptischen Schrift, der ägyptischen Wissenschaft (v.a. Geometrie, Astronomie) und nicht zuletzt der ägyptischen Staatsorganisation (v.a. Verwaltung, Administration) vorantreibt. Die einzelnen Kulturen entwickeln sich bei Toynbee nicht ganz so isoliert voneinander wie bei Spengler, sondern haben mannigfache Beziehungen, und es gibt auch Mutter- und Tochterkulturen. Genau wie Spengler geht Toynbee von der „Parallelität“ bestimmter innerlich verwandter Entwicklungsformen und Entwicklungsphasen aus. So fällt jeweils in die Epoche des Niedergangs eine „Zeit der Wirren“, und das „Zeitalter der Großstaaten“ ist die Zeit vor dem endgüligen Zerfall bzw. mit ihm identisch. Auch für Toynbee enden Kulturen, die er „Gesellschaftskörper“ nennt, in Sterilität, obwohl nicht ganz so extrem wie für sein Vorbild Spengler.

Toynbees Gang der Weltgeschichte knüpft eindeutig an Spenglers Untergang des Abendlandes an, vertritt aber nicht dessen deterministische Sicht, nach der alle Kulturen eine voneinander unabhängige Entwicklung von Aufstieg, Blüte und Verfall durchlaufen. Vielmehr propagiert Toynbee eine evolutionäre, also prinzipiell ergebnisoffene Sichtweise. Demgemäß entwickeln sich alle Kulturen jeweils unterschiedlich und je nach ihrer Fähigkeit, „Antworten“ („responses“) auf „Herausforderungen“ („challenges“) zu finden. Toynbee vertritt die Auffassung: Je höher der Anreiz zur Entwicklung einer Kultur, desto höher deren spätere Entwicklungsstufe. Die Herausforderung könne aber auch zu stark sein und zu einer Überdehnung der Kräfte führen. In den Fällen entwickelten sich Kulturen, die vor zu einfache oder zu schwere Herausforderungen gestellt werden, überhaupt nicht oder fallen in Stagnation. Letzteres sei beispielsweise bei den Polynesiern und den Eskimos der Fall, die sich der extremen Herausforderung gestellt hätten, die Wasserwüsten des Pazifik bzw. die Eiswüsten der Arktis zu besiedeln. Insbesondere der Aspekt der Fähigkeit von Kulturen, „Antworten“ auf „Herausforderungen“ zu finden, macht den Unterschied zwischen der Theorie Toynbees und der seines Lehrers Spengler deutlich.

„Wenn man ... von den eigentlichen Differenzen zwischen den beiden Denkern ... zunächst absieht und den morphologischen Gesichtspunkt als das eigentlich Neuartige in den Vordergrundstellz, dann ist Toynbee keineswegs ohne Vorgänger, zumal Spengler selbst der größte unter ihnen ist. Denn als der eigentliche Begründer einer kulturmorphologischen Betrachtungsweise der weltgeschichtlichen Auffassung gilt tatsächlich Spengler selbst, dessen Theorie universal amgelegt ist und jedem national oder umgreifend politisch bedingten Vorurteil fernbleibt. Es ist der erste abendländische Entwurf einer umfassenden Kulturzyklenlehre, nachdem solche Geundgedanken nur dem antiken Denken bekannt waren und vielleicht nur vereinzelt im 17. (und 18.) Jahrhundert einmal neu aufgegriffen worden sind. Hauptträger der Weltgeschichte ist weder die »einheitliche Menschheit«, deren Existenz auf Erden in den nacheinanderfolgenden Perioden von »Altertum, Mittelalter und Neuzeit« eingeteilt wird, noch sind es einzelne auserwähle Völker, die sich unter Umständen ewig behaupten könnten. Träger der geschichtlichen Menschheit sind die einzelnen, sich völlig autonom antfaltenden »Kultureinheiten« oder »Kulturorganisationen«. Der herkömmlichen Lehre vom kontinuierlicehn Fortschritt der gesamten Menschheit stellt Spengler die These vom pflanzenhaften Aufkeimen, Wachsen, Blühen und Verwelken der Kulturorganismen entgegen, die meist zu verschiedenen geschichtlichen Zeiten »dasselbe Lebensalter« durchlebt haben.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 62-63).

„Was der Auffassung Spenglers fehlte, war die innere Dynamik unerschöpflicher Kräfte, die neben aller empirischer Determination nur aus der metaphysischen Offenheit der Fundamente menschlicher Existenz richtig verstanden werden kann. Daß neugestellte Aufgaben und herausfordernde Situationen solche Kräfte in einer nicht nur biologisch verstehbaren Weise intensivieren konnten, zummal gerade derartige Kräfte irn Hintergrund als etwa metaphysisch gespeist gedeutet werden müßten, zu einem solchen Irrationalismus scheint Spengler keinen Zugang gefunden zu haben. Die Dialektik von Mensch und Welt, von Begegnung und Reflexion oder schließlich von Herausforderung und Antwort, wobei letztere mehr ist als eine empirisch bedingte Reaktion, -gerade diese Dialektik des inneren Aufschwunges fehlt im Denken Spenglers; oder sie dürfte zumindest mit seiner morphologischen Betrachtungsweise unvereinbar sein. Das Fehlen einer solchen Dynamik im gesamthistorischen Prozeß ist freilich nicht auf die von Spengler eingeführten »Geschichtseinheiten«, die er als Kulturorganismen versteht, zurückzuführen, sondern lediglich auf deren starre, nach außen abgeschlossene Gesetzmäßigkeit. Das Bedürfnis nach einer Auflockerung sowohl des Begriffes von »Geschichtseinheit« wie auch von deren gesetzmäßigen Entfaltung leitete dann zu dem neuen Ansatz, auf den Toynbee sein System aufgebaut hat.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 66).

„Die Kategorien »Herausforderung« und »Antwort« als Wesensmomente im weltgeschichtlichen Prozeß erkannt zu haben, ist das große Verdienst von Arnold J. Toynbee .... Auch für Toynbee hat jede wirklich sinnvolle Geschichtsforschung ihren Gegenstand in den Kulturen, die er allerdings als »Zivilisationen« (Brune) oder »Gesellschaften« bezeichnet. Schon in dieser terminologischen Abweichung ist ein ganz anderer Begriff von Kultur enthalten, als dies in Spenglers »Kulturorganismen« der Fall war. Es geht Toynbee nicht um parallele, gesetzmäßige Abläufe gleichartiger Zivilisationen, sondern um die geschichtliche Dynamik, die solche Zivilisationen überhaupt entstehen und dann wachsen oder vergehen läßt. »Die Wandlung des Untermenschen zum Menschen ... wurde unter der Obhut primitiver Gesellschaften durchgeführt und stellt einen größeren Schritt, einen größeren Wachstumsvorgang dar, als irgendein anderer Vorgang, den der Mensch unter der Zivilisation je vollbracht hat.« (Arnold J. Toynbee, Studie zur Weltgeschichte, 1934-1961, S. 64). Auf die Geburt einer Kultur muß nicht unbedingt ihr Wachstum und Blühen folgen. Es gibt »steckengebliebene« Zivilisationen, wie die der Eskimo, Nomaden und Polynesier. Der Wachstumsprozeß einer Zivilisation geht nicht aus günstigen Lebensbedingungen hervor, sondern aus Schwierigkeiten und bedrohlichen Umständen, die als eine »Herausforderung« empfunden werden.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 66-67).

„Toynbee betont in jeder von ihm konkret geschilderten Situation, daß Herausforderung allein zu nichts führt. Herausfordernd sind z.B. die durch Naturkatastrophen plötzlich veränderten klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, wie etwa bei der tropischen Austrocknung Afrikas und Vorderasiens nach der Eiszeit. Aber nicht alle dort lebenden Völker haben Kraft und Geschick aufgebracht, um diese Herausforderung zu beantworten. Die es taten und auswanderten, gründeten neue Kulturen, die anderen kamen um. Die darauf gegebene »Antwort«, die Handlungen, Ideen und Kräfte, die daraufhin mobilisiert werden, sind entscheidend; dies gilt in gleicher Weise auch für die »Antwort«, die auf einen plötzlich ins Land hereinbrechenden Feind gegeben wird. Sofern die Herausforderung ein Mindestmaß nicht überschreitet, also der Abwehrkraft und Intelligenzstufe angemessen, gilt es für Toynbee als sicher, daß die Antwort darauf nicht ausbleiben wird. Die Festigung einer Kultureinheit (ZivilisationBrune) beginnt aber damit, daß es nicht bei einer einmaligen »siegreichen Antwort« bleibt, sondern zu einer Kette von solchen, »einer sich selbst erneuernden Kette von Aufgaben« (Arnold J. Toynbee, Studie zur Weltgeschichte, 1934-1961, S. 201), kommt, indem die Antwort jeweils »weiter geht als die Aufgabe selbst und somit zu neuen Aufgaben führt, die abermals zu neuen Antworten und Aufgaben führen« (ebd., S. 254).“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 67-68).

„Unter Wachstum einer Kultur versteht Toynbee nicht ihre äußere, gebietsmäßige Ausweitung, sondern hauptsächlich ihre geistige Entfaltung und Innewerdung, welche die Mitglieder der Gesellschaft freilich nicht in gleicher Weise ergreift. Deshalb gilt auch, daß die Antworten nicht durch die Gesamtheit aller in der Kultur gegeben werden, sondern von schöpferischen Einzelnen oder schöpferischen Minderheiten, deren Handlungen und Ideen so überzeugend sind, daß sie spontan Gefolgschaft finden. Diese Spontaneität aller beim Zusammengehen auf die von Bahnbrechern gewiesenen Wege bewirkt das Wachstum. Das ungehinderte Auftreten oft unbekannter schöpferischer Einzelner setzt stillschweigend eine freie gesellschaftliche Ordnung voraus, was etwa die Folgerung zuläßt, daß in unfreien Staatsordnungen wie Diktaturen und totalitären Systemen die Chancen zum Aufkommen völlig neuer schöpferischer Antworten auf plötzlich eintretende Herausforderungen von vornherein begrenzt sind. Das Handeln der schöpferischen Einzelnen sowie der schöpferischen Minderheit ist meist durch die beiden Stadien der »Einkehr«, also der Zurückhaltung, Besinnung und Kräftesammlung, und der »Rückkehr« zur Aktion bestimmt. Echtes Schöpfertum ist freilich selten und es bleibt von der ihm folgenden Menge stets abgehoben. Es ist auch nicht sicher, daß sich auf jede Herausforderung schöpferische Kräfte und Antworten finden, was noch von vielen äußeren Umständen abhängt. Deshalb gehört es zum Schicksal jeder Zivilisation, daß sie einmal »versagt«, daß ihr Wachstum durch ihren Stillstand oder Zerfall abgelöst wird, und dies geschieht eben nicht auf Grund einer naturgesetzlichen »Vergreisung« des Kulturorganismus.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 68).

Brune Toynbees 19 „Zivilisationen“ Brune
Kulturen

„Es bleibt in Toynbees Theorie freilich nicht bei der Herausarbeitung von Grundbegriffen und der Prinzipienlehre einer Dynamik des welthistorischen Geschehens. .... Toynbee zählt zunächst folgende neunzehn Zivilisationen (BruneKulturen) auf: die westliche, die orthodoxe, die arabische, die Zivilisationen der Hindus, des Fernen Ostens, der Hellenen, der Syrier, der Inder, der Chinesen, die Kultur von Minos, die der sumerischen, hethitischen, babylonischen und ägyptischen Gesellschaften, ... die der Anden, Mexikos, Yukatans und der Maya (vgl. Arnold J. Toynbee, Studie zur Weltgeschichte, 1934-1961, S. 49). Heute existieren nur fünf davon: die westliche, die christlich-orthodoxe (diese gelegentlich in eine byzantisch-orthodoxe und russisch-orthodoxe aufgeteilt), die mohammedanische, die Hindu-Gesellschaft und die des Fernen Ostens, in der wiederum eine chinesische und japanisch-koreanische Welt unterschieden wird. Während diese Herausarbeitung der einzelnen selbständigen Zivilisationen vom ersten Blick willkürlich aussehen könnte, ist die empirische Beweisführung in dem großen Werk meist völlig überzeugend. Da die Kleinarbeit Sache des Historikers ist, genügt dem geschichtsphilosophisch Interessierten die Orientierung über die Prinzipienlehre an Hand der von D. C. Sommerwell besorgten zusammenfassenden Darstellung in einem einzigen Band ....“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 68-69).

„Toynbees Dynamik von Herausforderung und Antwort erscheint ... deshalb besonders bestechend, was ihm auch zur noch größeren Popularität verholfen hatte, weil damit nicht nur welthistorische Geschehnisse, sondern auch die konkret politischen Abläufe einer Zeit näher beleuchtet werden können.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 69).

„Eingriffe in die Spannungsverhältnisse zu einem brauchbaren Instrument der modernen politischen Wissenschaft entwickeln ließe. Toynbee ist mit seiner realistischen Betrachtungsweise weit entfernt von jedem Geschichtspessimismus, weshalb seine Ergebnisse der Untergangsprophetie Spenglers gerade entgegengesetzt laufen. Nicht eine naturgesetzliche Vergreisung, sondern die mobilisierbaren schöpferischen Kräfte einer Kultur bestimmen es, ob sie, an einem »Endpunkt« angelangt, eine »schicksalhafte« Krise bestehen wird oder nicht. Toynbee bedient sich gelegentlich Bergsons Begriff »elan vital« (Bergson) und meint, daß es intuitive, vital bedingte Kräfte sind, die eine gegebene Sit,uation aus der totalen Indetermi1riertheit der inneren Natur des Menschen bewältigen. So betrachtet stehen jeder Kultur Wege zur Erneuerung offen. - Diese Überlegung dürfte dazu geeignet sein, mit Toynbees Methode der Prophetie Spenglers vom Untergang des Abendlandes entgegenzutreten (obwohl offensichtlich doch Spenglers Prophetie durch die Entwicklung bestätigt wurde und wird; Anm. HB): Läßt man nämlich gelten, daß eine geschichtsphilosophische Erkenntnis, die Deutung einer kritischen Situation (auch die der »Vergreisung«) ein Stück schöpferische Antwort auf herausfordernd bewußt auftretende Geschichtsfaktoren darstellt, so dürfte sich unsere abendländische Kultur, im Gegensatz zu allen anderen, an ihrem »Ende« insofern in einer besonders ausgezeichneten Stellung befinden, als sie eben ihren Oswald Spengler nicht nur als den Pessimisten, sondern auch als den großen Herausforderer zu ihrem geistigen Bestand zählt. Man wird es kaum behaupten können, daß auch alle anderen Kulturen in ihren ... »Vergreisungs-Perioden« ebenfalls eine so herausfordernde (nicht fatalistische) Geschichtsschreibung und Philosophie oder gar ihren Spengler und ihren Toynbee gehabt hätten!“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 72).

„Es sei schließlich auf zwei weitere Vergleichsmomente hingewiesen, welche die Vorteile und Nachteile jedes der beiden Systeme klar erkennen lassen. Will man den morphologischen Charakter in den Vordergrund stellen und in dessen Rahmen von Gesetzmäßigkeit im weltgeschichtlichen Prozeß sprechen, so ist der Nachweis einer solchen Gesetzmäßigkeit Spengler insofern weitaus treffender gelungen, als er völlig gleichförmige Kulturorganismen beschreibt, die sich zeitlich und kulturlandschaftlich voneinander genau abgrenzen lassen. Eine solche morphologische Einheitlichkeit und genaue Abgrenzung können von Toynbees »Zivilisationen« (Brune) nicht behauptet werden, was man z.B. daran erkennt, daß er sich oft gezwungen sieht, manche ihm zu komplex erscheinenden Einzelzivilisationen zu unterteilen. Andererseits kann man Toynbee nicht immer folgen, wenn er manche benachbarten Zivilisationen voneinander isoliert betrachtet, während man unter anderen Gesichtspunkten dazu neigen könnte, sie als eine Einheit aufzufassen. Dieses Verhältnis von Vorteil und Nachteil der beiden Systeme verschiebt sich gleich zugunsten von Toynbee, wenn man die Offenheit seiner Zivilisationsprozesse in Betracht zieht. Die sehr geringe Zahl von »Kulturorganismen« und das »unumgängliche« Aussterben der abendländischen Kultur, die sich bereits im technischen Zivilisationsstadium befinden, lassen den Pessimismus als sehr begründet erscheinen - selbst wenn damit die Entstehung einer Nachfolgekultur für möglich gehalten wird -, weil das Absterben »der einzigen, noch bestehenden Kultur« ja nicht notwendigerweise die Bedingungen zur Entstehung eines neuen Kulturorganismus hinterläßt. Bei Toynbee ist eine solche Gefahr des endgültigen Aussterbens jedes Kulturgeschehens auf Erden gerade durch die große Anzahl der von ihm beschriebenen Zivilisationen, von denen mehrere heute gleichzeitig leben und wachsen, als so gut wie ausgeschlossen zu betrachten. Denn sie sind keinem Gesetz des notwendigen Unterganges unterworfen, und ihre Kräfte sowie ihre Fortsetzung in weiteren Zivilisationen sind von der oben beschriebenen inneren Dynamik des schöpferischen Zivilisationsgeschehens gewährleistet.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 72-73).

„Das eigentliche Gesetz, das Spengler eine Handhabe zum Verstehen der Zukunft gab, liegt in den Analogien der »gleichzeitigen« Stadien in den verschiedenen Kulturen bzw. in dem feststehenden Ablauf der einzelnen Altersstufen.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 73).

„Toynbees Geschichtsschreibung ist ... zwar nicht auf Zukunftsdeutung angelegt. Aber sie läßt eben alle möglichen Antworten auf die jeweils auftretenden Situationen unvoreingenommen in Betracht ziehen, wozu noch festgestellt werden muß, daß allein die Erkenntnis der Möglichkeit neuer schöpferischer Antworten herausfordernd wirkt und ungeahnte Kräfte mobilisiert.“ (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 74).

„Die Einmaligkeit unserer Epoche besteht unverkennbar darin, daß wir uns dabei befinden, die Synthese einer nunmehr innerlich verflochtenen »Menschheit« als das kulturell und politisch zusammenwachsende Ganze zu vollziehen (MenschheitMenschheit). Als Historiker der früheren Jahrhunderte noch von dieser »Menschheit« und ihrer »einheitlichen« Geschichte sprachen, beruhte solche Begriffsbildung nur auf Fiktionen (gegenwärtig ist das nicht viel anders, und zukünftig wird das wahrscheinlich auch nicht viel anders sein; Anm. HB). Die wirtschaftliche und politische Expansion des Abendlandes mit ihrer Naturwissenschaft und Technik brachte jedenfalls einen sicheren Nivellierungsprozeß mit sich für alle bisher noch so eigenständigen Kulturen. Was früher von einzelenen »Kulturorganismen« ausgetragen wurde, was auf Herausforderungen stets als spezifisch eigene »Antworten« aufbrachte, ist heute im Begriffe, in die (eigentlich innerlich zersetzende) Synthese einer »Welktkultur auf Erden« einbezogen zu werden (aber nur dann, wenn sie keine Fiktion bleiben wird).“  (Georgi Schischkoff, Oswald Spengler und Arnold Joseph Toynbee, in: Spengler-Studien, Hrsg.: Anton Koktanek, 1965, S. 74-75).

Spengler war kein Pessimist, und Toynbee war kein Optimist! Wenn ein Meteorologe „schlechtes Wetter“ vorhersagt, gilt er doch auch nicht als „Pessimist“. Seine Prognosen sind, falls sie sich später als zutreffend herausstellen, lediglich richtig. Und Spenglers Prognosen sind richtig. Also ist Spengler nicht als „Pessimist“ zu bezeichnen. Mit solchen Titulierungen sollte man eh stets vorsichtig umgehen. An einem Beispiel läßt sich sehr gut erkennen, daß nicht nur Wettergeschehnisse, sondern auch Geschichtsereignisse richtig vorhergesagt werden können:
Das, was wir den „Individualismus“ oder den „krankhaften Egoismus“ („Egozentrismus“) nennen, ist Ausdruck einer Dekadenz, die man z.B. an der immer geringer werdenden Zahl an Kindern (Demographie) sehr gut erkennen kann. Im Abendland begann der Kinderschwund zuerst beim Adel - während der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert -, setzte sich über das Großbürgertum bis zum Kleinbürgertum fort, das er zu der Zeit, als Spenglers Hauptwerk entstand (Schicht) bereits erreicht hatte, und die Tatsache, daß heute nur noch die unterste Unterschicht (SchichtSchichtSchicht), das sogenannte „Prekariat“ (das „Proletariat“ gibt es ja nicht mehr - zuerst wurde es in Deutschland in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten in das Kleinbürgertum integriert), zu dem obendrein hauptsächlich Migranten gehören, eine ausreichende oder sogar zu hohe Zahl an Kindern aufweist, zeigt doch sehr deutlich, daß der bereits seit „1789“ erkennbare Untergang des Abendlandes heute, wo er schon die ersten beängstigenden Dimensionen erkennen läßt, nicht mehr zu leugnen ist.
Spenglers Vorhersage ist also richtig - nicht „pessimistisch“. Sie ist richtig, weil sie zutreffend ist. Sie ist zutreffend, weil sie objektiv wahr, weil sie Wirklichkeit geworden ist, sich als eine Tatsache herausgestellt hat. Es ist einfach nicht statthaft, auch dann von „Pessimismus“ zu sprechen, wenn eine Vorhersage sich als richtig erwiesen hat. Man nennt ja einen Meteorologen auch nicht einen „Pessimisten“, wenn er „schlechtes Wetter“ vorhersagt, und einen „Optimisten“, wenn er „gutes Wetter“ vorhersagt. Spengler war ein guter „Meteorologe der weltgeschichtlichen Kulturmorphologie“. Er war der Erfinder der Kulturmorphologie der Weltgeschichte. Toynbee

Da Spengler der Erfinder der Kulturmorphologie der Weltgeschichte ist und Erfindungen oftmals verfeinert werden, kann Toynbee immer nur als Nachahmer und Ergänzer zu Spengler verstanden werden - um so mehr, als Toynbee das kulturmorphologische und organische Geschichtsdenken von Spengler bewunderte (ToynbeeToynbee), ausdrücklich: „Als ich jene Seiten las, aus denen gleichsam ein Feuerwerk überraschender geschichtlicher Einsichten in Fülle aufleuchtete, hatte ich zunächst den Eindruck, daß Spengler meine ganze Untersuchung bereits vorweg genommen hatte ....“ (Arnold J. Toynbee, Die Kultur am Scheideweg, 1949, S. 15). Toynbee verschwieg hier natürlich, daß er Spenglers Hauptwerk noch vor der Entstehung seines eigenen Hauptwerkes gelesen hatte.

Toynbee hat Spengler sowohl nachgeahmt als auch ergänzt. Bei Nachahmern ist es fast immer so, daß sie über ihre Eigenschaft als Nachahmer hinaus Ergänzer (so auch Toynbee) oder kritischer Gegner (nicht so Toynbee) oder sogar beides (nicht so Toynbee) sind, denn sie suchen ja den Erfolg über ihre „Vaterfigur“.

Auch obwohl bzw. weil Toynbee im Gegensatz zu Spengler keine deterministische, sondern eine evolutionäre, also prinzipiell ergebnisoffene Sichtweise vertritt, ist er als Spenglers Nachahmer, als ein Spenglerianer, der bekannteste Nachfolger Spenglers sogar, anzusehen. Man könnte es auch so sagen: So wie Karl Marx ein Hegelianer war, wenn auch nur Linkshegelianer (Junghegelianer), so war Arnold J. Toynbee ein Spenglerianer.
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Vom Sozialisten zum Spenglerianer - der Sozialdemokrat August Winnig (1878-1956Winnig) aus Blankenburg (Harz) war früh zum Sozialismus gekommen, hatte aber „die Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus als dem Arbeiterwesen fremd empfunden“: „Ich mußte mir Gewalt antun, um diesen Erklärungen folgen zu können.“ Aber erst nach seiner Trennung von der SPD stellte sich ihm die Frage nach einem adäquaten metaphysischen Ersatz. Bereits in Riga, wo er im Herbst 1918 „Generalbevollmächtigter des Deutschen Reiches für die Baltischen Lande“ war, hatte er Spenglers Untergang des Abendlandes gelesen; er erklärte, er „wüßte wohl kein Buch zu nennen, das mich in meinen reiferen Jahren mehr beschäftigt und stärker beeinflußt hat als Oswald Spenglers Hauptwerk .... Von dieser Zeit an fühlte ich mich Oswald Spengler verpflichtet und verbunden.“ Im Herbst 1920 stellte sich durch Paul Lensch - ebenfalls ein Sozialdemokrat, der eine ähnliche weltanschauliche Entwicklung wie Winnig genommen hatte - der persönliche Kontakt zu Spengler her, dessen philosophische Grundposition, so hatte er ihm am 27. August geschrieben, er „so zu beherrschen“ strebte, daß er sie „zu einem lückenlosen politischen System ausbauen könnte. Zunächst habe ich den Willen dazu.“ Winnigs Buch Frührot (1920Winnig) war dem „großen Heimatgenossen“ (auch Spengler stammte aus Blankenburg) gewidmet, und in seiner Schrift Der Glaube an das Proletariat (1926Winnig) preist Winnig Spengler als den Überwinder des Materialismus. Von 1922 bis 1924 hatte der Autodidakt Winnig in Berlin Geschichte, Volkswirtschaft und öffentliches Recht studiert und so „Gesichtspunkte aufgenommen und durchgearbeitet, die mir bis dahin fremd waren und die auch innerhalb der sozialistischen Literatur unbekannt sind. Ich muß gestehen, daß ich hierdurch zu einer Auffassung gekommen bin, in welcher der Sozialismus (in seiner heutigen Form) eine ganz andere Bedeutung hat, als ich ihm bis dahin beimaß.“ In diesen Jahren widmete Winnig sich der mühevollen Lektüre aller bis dahin veröffentlichten Schriften Spenglers, die er, der „Geschichte nur vom Standpunkt des Arbeiters denken“ konnte, mit seiner proletarischen Identität in Einklang zu bringen suchte. Im Juli 1924 sandte Winnig dem Sozialdemokraten und preußischen Innenminister Wolfgang Heine (1861-1944) Spenglers Neubau des Deutschen Reiches zu, wovon sich Heine allerdings enttäuscht zeigte. „Wie kann man Marx lediglich nach dem Kommunistischen Manifest beurteilen! Spengler kennt von Marx anscheinend weiter nichts. Die Einseitigkeiten des Marxismus, das konstruierte und abstrakte in seinem Begriff der Klasse, des Volkes und der Abhängigkeit des Geistigen vom Ökonomischen sind mir sehr klar, und ich habe mich schon vor 25 Jahren darüber ausgesprochen, aber es sind in Marx Wahrheiten oder Anläufe zu Wahrheiten, die nicht einfach weggeschüttet werden dürfen, weil kurzsichtige Professoren diese Juwelen nicht erkennen.“ Dagegen sah Winnig wie Spengler in Marx das Verhängnis des Sozialismus. Als bürgerlicher Außenseiter hätte Marx die Arbeiterbewegung unter die Herrschaft bürgerlicher Muster gezwungen und von „ihrer eigenen Lebenslinie abgedrängt“: „Es vollzog sich, was die Naturwissenschaft eine Pseudomorphose nennt: ein neues Leben mußte sich im Wachsen einer alten Hülle anpassen“ (Spenglers Begriff der Pseudomorphose scheint damals ähnlich ansteckend gewirkt zu haben wie Freuds Begriff des Unbewußten; HB). Aus dem Materialismus sei der Klassenkampf, aus dem Rationalismus die Gottlosigkeit, aus dem Weltbürgertum eine vaterlandslose Internationalität geboren; und so gehe Spengler in seiner Kapitalismuskritik doch weit über Marx hinaus, indem er das Ende des bürgerlichen Zeitalters prophezeie und dem Arbeiter seine geschichtliche Mission zuweise. Wie das westliche Christentum (der Klerus) seine große Aufgabe in der religiösen Organisation der Abendländer zur geschichtlichen Kultur, wie „der Adel seine große Aufgabe in der Organisation des Volks zur geschichtlichen Nation“, wie „das Bürgertum seine große Aufgabe in der Schaffung der großen Wirtschaft“ wahrgenommen und umgesetzt hätten, so sei auch das „Arbeitertum“ berufen, „das nationale Leben durch ein großes Werk zu erhöhen. Wäre es nicht berufen, so wäre seine ganze Bewegung eine subversive Emeute, so wäre sie ohne geschichtliches Recht. (Nicht schlecht; HB). Dann wäre es ein Fluch, Arbeiter zu sein. Ich müßte aufhören, politisch zu denken, zu streben, wenn ich nicht die Gewißheit dieses großen Berufenseins der Arbeiter hätte.“ Diese historische Mission leitete Winnig von Spengler her, dessen Geschichtsmodell er sich mittlerweile umfassend „zu eigen gemacht“ hatte, und für die er die Arbeiter, „Gefäß eines neuen geschichtlichen Formwillens, eines noch jungen und unverbrauchten Blutes“, zu rüsten strebte. So also lebte Winnig „in dem Gedanken an die Arbeiterbewegung der Zukunft. Dabei habe ich die Hoffnung aufgegeben, daß diese Bewegung aus der Sozialdemokratie hervorgehen könnte. Auf diesem Boden kann nichts mehr gedeihen. .... Ich denke mir die Arbeiterbewegung, deren Losung nicht Friede, Freiheit Brot!, sondern Kampf, Gehorsam, Entbehrung! lautet. Eine Arbeiterbewegung also, die nicht ihr Recht zur Führung fordert, sondern die sich dies Recht nimmt, indem sie es sich verdient. Wäre eine solche Bewegung vorhanden und wäre ich ihr Führer, so würde ich in ihrem Namen die Arbeitszeit der Vorkriegsjahre dekretieren. Ich würde das Parlament zwingen, durch Gesetz ein Arbeitspflichtjahr einzuführen. Ich würde diese Bewegung siegreich machen durch die moralischen Eroberungen, durch das Vorbild, das sie der Nation durch ihren Gehorsam, durch Pflichtgeist und Hingabe an das Ganze gibt. Eine solche Bewegung brauchte nicht mehr um die Führung zu kämpfen, sie hätte sie kraft ihres Geistes und ihrer Taten.“ Winnigs politisches Programm war, wie er behauptete: „Spenglerisch“. Im Frühjahr 1926 erschienen seine zwei programmatischen Schriften (Befreiung und Der Glaube an das ProletariatWinnig), die er als „das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung mit Spenglers Gedanken“ bezeichnete und in denen er die nationale Erhebung gegen Demokratie und Kapital sowie den militärischen Kampf gegen die Versailler Friedensmächte proklamierte. (Versailler Diktat). August Winnigs Weg vom Sozialdemokraten zum jungkonservativen Publizisten und Programmatiker, der ohne Spengler nicht zu verstehen wäre, hatte sich damit erfüllt. Der „nationale Sozialismus“ war von einem Projekt der Linken zu einem Projekt der Rechten geworden. Im Sommer 1927 wurde August Winnig durch Ernst Niekisch, auch er ein sozialistischer Renegat, für die Altsozialistische Partei (ASP) gewonnen, eine Rechtsabspaltung der sächsischen SPD, deren national-republikanisches Programm auch Wolfgang Heine begrüßte. Anders als Niekisch bemühte sich Winnig aber um die Anbindung der ASP an die nationalen Kampfbünde, an Jungdeutschen Orden und „Stahlhelm“. Damit war ein Weg beschritten, der Winnig, nach dem späteren Bruch mit Niekisch, sehr weit führte: über die Volkskonservativen zu den Nationalsozialisten zurück in den Schoß des evangelischen Christentums und auf die Seite des konservativen Widerstands. Immer fühlte er sich dabei Oswald Spengler verpflichtet. Für die deutsche Linke war Winnig verloren, aber, so schrieb Wolfgang Heine an einen Freund: „es ist schade um Winnig“. Winnigs Geschichte, diese Anekdote, ist interessant, auch amüsant und rührselig, aber sie klingt auch ein wenig traurig.

Zu den entschlossenen Verfechtern des „Spenglerschen“ Wegs gehörte auch Albrecht Erich Günther (Albrecht Erich Günther). Günther hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg und der Teilnahme an den Freikorpskämpfen zuerst einem radikalen Nationalkommunismus zugewandt, dann aber eine Korrektur vollzogen. 1926 war er neben Wilhelm Stapel in die Schriftleitung des Deutschen Volkstums eingetreten. Anders als der in vielem noch den Vorkriegstraditionen verhaftete Stapel neigte Günther zum Bruch mit Überlieferungen und war skeptisch gegenüber den üblichen konservativen Affekten. So veröffentlichte er einen stark diskutierten Aufsatz unter der bezeichnenden Überschrift „Zivilisation“. Er plädierte hier unter ausdrücklichem Bezug auf Spenglers Preußentum und Sozialismus (Ernst Jünger) für einen organisatorischen - wie er sagte: „kategorischen“ - Sozialismus. Vor allem aber ging es ihm um den Abschied von aller „Kultursentimentalität“: „Wie die Jahrtausende alte Einsicht in unsere individuelle Sterblichkeit die Tatkraft des Menschen nicht gemindert, sondern ihre verantwortliche Anspannung begründet hat, so bewirkt die Überzeugung von der Endlichkeit der geschichtlichen Gestaltungskraft eines Volkes eine harte, männliche Entschlossenheit, die gesetzte Frist rühmlich zu nutzen.“ Inhalt und Duktus der Argumentation Günthers erinnern nicht zufällig an Ernst Jünger (1895-1998Ernst Jünger). Beide waren eng befreundet, und es wäre reizvoll zu untersuchen, ob Günther Jünger beeinflußte, und wenn ja, wie stark. Jedenfalls entwickelten beide bis zum Beginn der 1930er Jahre eine Position, die durch Bejahung der Modernität und vor allem der Technik gekennzeichnet war. Diesen Weg haben viele Anhänger Jüngers nicht nachvollziehen können, was hinreichend ihre verstörten Reaktionen bei Erscheinen des Arbeiters, 1932 (Ernst Jünger), erklärt. Die Wirkung von Jüngers Arbeiter war in vielem ähnlich derjenigen von Spenglers Untergang des Abendlandes. Im einen wie im anderen Fall erlebten gerade die „konservativen Menschen ... eine außerordentliche Erschütterung“, weil ihnen die Einsicht abverlangt wurde, daß der „Nomos der Ahnen erlischt“ (Albrecht Erich Günther). Diese Gemeinsamkeit war insofern kein Zufall, als die Spenglersche Geschichtsphilosophie große Bedeutung für Jüngers Denken besaß. Man könnte sicher die Ähnlichkeit zwischen dem von Spengler geforderten Ethos und dem „heroischen Realismus“ nachweisen, und Jüngers Forderung nach „organischer Konstruktion“ erschien auch als Konsequenz der Einsicht, daß sich die „Kultur“ nicht wiederbeleben ließ und jetzt die Gestaltung der „Zivilisation“ gefordert war. Spengler hat diese Nähe allerdings nicht gesehen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß er sich mit der 1931 erschienenen Schrift Der Mensch und die Technik (Spengler) auf Distanz zum futuristischen Elan seiner früheren Jahre gegangen war. Letztlich war es aber Desinteresse an einer anderen, selbständigen Deutung. Nachdem Jünger ihm den Arbeiter mit einer respektvollen Widmung zugesandt hatte, antwortete Spengler sehr höflich, aber doch auch mit Unverständnis: „Wenn man dem angeblichen sterbenden Bauerntum »den Arbeiter«, das heißt den Fabrikarbeiter, als neuen Typus gegenüberstellt, entfernt man sich von der Wirklichkeit und damit von jedem Einfluß auf die Zukunft, die ganz andre Wege gehen wird.“ (Oswald Spengler an Ernst Jünger).

„Spenglers Verdienst liegt darin, daß er den großen Gedanken der Entwicklung, wie Herder und Goethe sie verstanden, auf sein Geschichtsbild anwendet, und das zu einem Zeitpunkt, an dem dieser Gedanke durch Mißverständnis und Verflachung der Hegelschen Geschichtsphilosophie nicht nur im historischen Selbstbewußtsein der Gebildeten, sondern bis in die politische Praxis hinein zu einer Art von optimistischem Religionsersatz vereinfacht worden war. Demgegenüber ist Spenglers Geschichtsbild, vor allem hinsichtlich der Kulturprognose, mit Recht pessimistisch. Es führt von der Vorstellung der linearen und eo ipso aufsteigenden Entwicklung zu zyklischen Konfigurationen zurück. Dadurch übt es großen und wachsenden Einfluß aus.“
(Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 454Ernst JüngerErnst Jünger).

Unter den Spenglerianern ist für mich einer besonders hervorzuheben: Fritz Schachermeyr (1895-1987Schachermeyr); er war wie Spengler der Meinung, daß nicht die Rasse, sondern die Kultur selbst der entscheidende Faktor sei und daß es sich - ganz im Sinne Spenglers - bei Kulturen um „organische“ Größen handele, deren Lebenszeit allein von immanenten Faktoren abhänge. Schachermeyr hat seine Position unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Krise, die in den 1960er Jahren einsetzte, noch einmal zusammengefaßt und 1981 ein umfangreiches Werk veröffentlicht: Die Tragik der Voll-Endung. Aus diesem Buch stammen die folgenden Überlegungen:

„Folgendes haben wir zu unterscheiden: Ein Verenden entweder durch brutale Gewalt oder aber durch eigenes Altern. Ein Verenden könnte aber auch durch eine Krankheit erfolgen, sofern es gegen eine solche kein Remedium gibt. Verenden kann dabei sowohl von einer Regeneration gefolgt sein, würde sich also nur auf den bisherigen Entwicklungsablauf beziehen, oder aber mit der Vernichtung der Entwicklungsträger einen endgültigen Abschluß bedeuten. Im folgenden wollen wir die einzelnen hier in Frage kommenden Möglichkeiten aufzählen:
1. Ein absolutes Ende ohne Regeneration kann erfolgen bei einer totalen Vernichtung durch einen brutalen äußeren Feind. Die Vernichtung der Azteken ... und Inka ... durch die Spanier bietet dafür ein Beispiel ....
2. Ein absolutes Ende ohne Regeneration würde sich auch ergeben aus einer globalen Vernichtung des Menschengeschlechtes durch die Segnungen unserer technisierten Naturwissenschaften.
3. Die Beendigung einer Entwicklung, verbunden mit einer Erhaltung seiner Träger und mit der großen Wahrscheinlichkeit zu einer echten Regeneration wird uns dagegen durch die ... Wende ... von der Antike zum Abendland verbürgt. ... Voraussetzungen wären ... zuerst enmal das Eintreten gewisser Negativerlebnisse: So etwa die Reduktion eines allzu lastenden Kulturerbes durch barbarische Zerstörung, wodurch das bisherige kulturelle Establishment so weit zerbrach, daß die bisherigen Zentralwerte verloren gingen und damit auch das bisherige Kultursystem. Was sich freilich erhalten mußte, das waren ... die Träger ..., dann aber auch die einzelnen Kulturelemente. Diese waren nach dem Zusammenbruch der bisherigen Zentralwerte ja ohne feste Bindung und Steuerung, sie waren gleichsam „frei“ und ihres bisherigen traditionellen Strukturzwanges ledig. So fanden diese Elemente die Möglichkeit, sich irgendwelchen neugebildeten Zentralwerten oder Zentralwertkomplexen anzuschließen, wodurch dann eine neue Wertstruktur entstand, aus der eine neue Kulturentwicklung mit einer neuen, bis dahin noch nie verfolgten, daher völlig unverbrauchten „Richtung“ eingeschlagen werden konnte. Dabei sind diese Wendungen nicht aus dem Intellekt inauguriert worden, sondern aus dem Unbewußten aufgewachsen. Wir lernen daraus, daß solche Regenerationen gar nicht gewollt und gemacht werden können, sondern einen elementaren Prozeß darstellen, von dem man zuerst gar nichts merkt und der gerade dadurch vom Intellekt nicht verpfuscht werden kann. (Daher erfolgten bei einer solchen Regeneration zuerst Jahrhunderte eines statischen „Winters“, bis man sich allmählich der Möglichkeiten zu einer dynamischen Aufwärtsentwicklung mit Hilfe von Phantasieleistungen bewußt wurde; HB). Für eine solche Regeneration wäre eine weitere Voraussetzung, daß sie von außen durch Fremdeinflüsse nicht so sehr gestört wird, daß sie darüber ihre bisherige menschliche und kulturelle Substanz verliert. Vor allem bedarf eine solche Regeneration ja der Erhaltung der durch die Zertrümmerung des bisherigen Systems freigewordenen Kulturelemente, damit sie neue Zentralwerte und dann eine neue Wertstruktur hervorbringen können. (Vgl. Germanen; HBGermanen).
4. Eine ganz andere Möglichkeit, den Niedergang und das Ende wenigstens aufzuhalten, läge darin, daß er noch vor seiner Endkatastrophe von einem lebenstüchtigeren Seitenzweig (Satelliten) der gleichen oder einer verwandten Entwicklung aufgefangen würde. Dieser kräftigere Seitenzweig übernimmt nun die Führung und eine Art von Protektorat. Er sorgt für ein statisches Weiterbestehen der Niedergangskultur im Rahmen seiner eigenen Gesittung. So ... nahm Rom den Hellenismus in sein Imperium mit auf. Wenn wir diesen Seitenzweigen höhere Lebenskraft zuschrieben, so meinten wir damit, daß ihnen in der von ihnen eingeschlagenen Richtung noch ein höheres Maß von unerfüllten Aufgaben und Phantasiemöglichkeiten zur Verfügung standen und damit zugleich auch noch eine härtere konformistischere „Haltung“. Dabei müssen wir bedenken, daß extreme pluralistische Systeme wie das des Hellenismus gegenüber konformistischen Gesittungen (zum Beispiel Rom) ohnehin niemals eine Chance haben. Extremer Pluralismus ist zu sehr gespalten und durch die Luftblasen des Egoismus aufgeplustert. Bei gleichem Stand der Technik wird der extreme Pluralismus gegenüber einem konformistischen Gegner immer den Kürzeren ziehen.
5. Eine letzte und zugleich allergünstigste Art der Regeneration würde sich schließlich einstellen, wenn man im Rahmen der bisherigen Entwicklung (also ganz ohne Mithilfe eines Seitenzweiges) aus eigener Kraft einen neuen, noch unverbrauchten Zentralwert (etwa Europa!Europa) zu gewinnen vermöchte. Daraus würden sich dann ohnehin so viele Anreize für neuere Phantasieleistungen ergeben, daß sich die bisher eingeschlagene Entwicklung wie von selbst in durchaus gesunder Weise um eine neue Phase weiter fortsetzen würde.“
(Fritz Schachermeyr, Die Tragik der Voll-Endung, 1981Schachermeyr).
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Jeder Einwohner der westlichen Welt werde im geistigen Sinne zukünftig (US-) Amerikaner sein, soll Oswald Spengler dem abgedankten Kaiser Wilhelm II. geschrieben haben - andererseits wuchs in den USA auch die Anzahl der Spenglerianer.

In den USA fanden die deutsche Philosophie und vor allem der deutsche Kulturbegriff breiten Einzug in den intellektuellen Diskurs, besonders stark seit Franz Boas (1858-1942) einer der Vermittler war. „Es gibt so viele Moralen, als es Kulturen gibt, nicht mehr und nicht weniger“ - dieses Diktum von Oswald Spengler interessierte den Ethnologen und Anthropologen Franz Boas besonders. Nach dem 2. Weltkrieg trat der Kulturrelativismus, verbreitet durch Boas' Schüler, seinen Siegeszug durch die Universitäten der USA an. Boas' Schülerin Ruth Benedict (1887-1948) z.B. legte ihrem ethnologischen Klassiker Patterns of Culture (Urformen der KulturRuth Benedict) Spenglers Unterscheidung zwischen faustischer Kultur und apollinischer Kultur zugrunde. Das Buch wurde ein Riesenerfolg.

Zu den Spenglerianern der USA zählt auch der prominente Henry Kissinger (*1923Henry Kissinger). In seiner Stellung als nationaler Sicherheitsberater Richard Nixons und als Außenminister (während der „Watergate-Affäre“ De-facto-Präsident) war er geradezu die Verkörperung des Spenglerschen Tatsachenmenschen. Kissinger widmete Spengler in seiner voluminösen Abschlußarbeit - Die Bedeutung der Geschichte - ein eigenes Kapitel unter der Überschrift: Geschichte als Intuition. (Henry Kissinger). Kissingers Betrachtung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Geschichtstheorie Spenglers und dem Freiheitsbegriff von Immanuel Kant (Kant). Seine jugendliche Begeisterung für Kants politische Schriften hätten Kissinger eigentlich eher zu Woodrow Wilsons Ansichten über Mission und Interessen der USA führen müssen, statt dessen aber führten sie ihn zu den beiden größten Praktikern der Machtpolitik: Metternich (Metternich) und Bismarck (Bismarck). Daß Kissinger sich nicht zum Verfechter der idealistischen Position entwickelt hat, verdankt sich ganz sicher nicht zuletzt einer skeptizistischen (böse Zungen behaupten: „pessimistischen“Mehr) Anthropologie. Professor Stanley Hoffmann, ein Bekannter aus der Studentenzeit, erinnert sich noch genau: „Henry schien stets mit dem Geist von Spengler an seiner Seite herumzulaufen“.

Auch andere einflußreiche politische Praktiker in den USA waren und sind von Oswald Spengler fasziniert. George F. Kennan lernte Spenglers Schriften 1926 bei seinem Deutschlandbesuch in Berlin und Heidelberg kennen. Paul Nitze (er stand von 1963 bis 1967 an der Spitze des Marineministeriums, diente 8 Präsidenten in verschiedenen Funktionen, zuletzt Ronald ReaganPräsidenten der USA) gab Ende der 1930er Jahre seine Tätigkeit an der Wall Street auf und beschäftigte sich in Harvard intensiv mit dem Untergang des Abendlandes. Spengler machte großen Eindruck vor allem bei politischen Realisten und traditionellen Konservativen, die sich schon im Grundsätzlichen vom Optimismus und Moralismus der Neokonservativen unterscheiden. In einer kritischen Buchbesprechung des vom neokonservativen Vordenker Robert Kagan verfaßten Titels Paradise and Power im American Conservative empfahl der Rezensent dem Präsidenten Bush (Bush), er solle nach dem Irak-Krieg statt den essayistischen Schriften seiner neokonservativen Berater zu folgen, lieber zu den Schriften von Oswald Spengler greifen. Von Spengler könne der Präsident lernen, daß Imperialismus eine Folgeerscheinung der kulturellen Dekadenz sei und in seiner Konsequenz in die Barbarei führe. Der mutige Rezensent verschweigt allerdings, daß man von Spengler auch lernen kann, was der „Cäsarismus“ darstellt: das zwangsläufige - also unabwendbare - Endstadium, die Vollendungsphase, das Ergebnis einer jeden Kultur - den Höhepunkt einer jeden Zivilisation aber eben auch. „Was die moderne Presse betrifft, um Spengler frei zu zitieren, so mag der Schwärmer zufrieden sein, wenn sie verfassungsmäßig »frei« ist; der Kenner fragt nur danach, wem sie zur Verfügung steht.“ Spengler hatte bereits ganz klar den Einfluß vorausgesehen, dem der Einzelne durch die sanfte Manipulation der Massenmedien ausgesetzt sein wird. „Eine furchtbarere Satire auf die Gedankenfreiheit gibt es nicht. Einst durfte man wagen, frei zu denken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr. Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit .... Es ist jedem erlaubt, zu sagen, was er will; aber es steht der Presse frei, davon Kenntnis zu nehmen oder nicht“. Spengler hat hier prophezeit, was ich die „Zeusiokratie“ (Zeusiokratie) nenne, das zentrale Merkmal der Phase, die ich „Befruchtung oder Cäsarismus“ () nenne.

Vielleicht ist der Begriff „Cäsarismus“ etwas unglücklich gewählt, wie schon Julius Evola (1898-1974Evola) meinte, der trotzdem stark von Spengler beeinflußt war und viele Schriften Konservativer deutscher Autoren und auch Spenglers Untergang des Abendlandes ins Italienische übersetzte. Laut Spengler werden die Cäsristen von ihren Vorgängern ungewollt hervorgebracht, es entzündet sich der Kampf zwischen Politik und Wirtschaft um die Vorherrschaft, und schließlich siegen die Cäsaristen über die Tyrannei des Geldes. Mit dem cäsaristischen Typus oder gar dem cäsaristischen Individuum geht also ein neues Prinzip einher, das ganz wesentlich gekennzeichnet ist durch die absolute Politik, die Konzentration aller Macht und Gesetze, das heißt: die cäsaristischen Individuen herrschen tatsächlich alleine und sorgen für ein Goldenes Zeitalter. Die von Spengler bereits um 1911 formulierte Prophezeiung für den Westen, so Evola, lautet, daß die cäsaristischen Individuen in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo (und von wo aus) sie herrschen werden, werden die Wirtschaft dem reinen politischen Prinzip gefügig machen. Schließlich werden zwischen den verschiedenen neuen Cäsaren rivalisierende Kriege um die Weltherrschaft ausbrechen. „Die Kriege im Zeitalter des Weltfriedens sind Privatkriege, furchtbarer als alle Staatenkriege, weil sie formlos sind. Denn der Weltfriede - der oft schon dagewesen ist - enthält den privaten Verzicht der ungeheuren Mehrzahl auf den Krieg, damit aber auch die uneingestandene Bereitschaft, die Beute der andern zu werden, die nicht verzichten.“ (Oswald Spengler, a.a.O., S. 1106Spengler). Evola, der Spenglers Werk als Meisterwerk ansah, hatte lediglich am Begriff des Cäsarismus etwas auszusetzen und glaubte, bei Spengler eine seltsame und widersprüchliche Interferenz der Motive gefunden zu haben. Im Cäsarismus sollen tatsächlich, so Evola, die Werte der Aristokratie oder gar der Tradition erneut aufblühen, dazu gehört auch der Wert der Rasse, aber Spengler meinte eine „Rasse, die man hat, nicht eine Rasse, zu der man gehört. Das eine ist Ethos, das andere - Zoologie“ (Oswald Spengler, a.a.O., S. 161Spengler). Wie aber sollten solche Werte die Zerstörungen überlebt haben, die den Prämissen zufolge dieser letzten Phase als Wegbereiter vorausgingen?  fragt man sich, mögliche Antworten bietet z.B. das Werk Tragik der Voll-Endung von Schachermeyr (Schachermeyr). Doch für Evola blieb unbegreiflich, wie in diesen neuen „großen Individuen“ (Cäsaristen), die ganz Willen sind, ein Bewußtsein für Ehre, für Verantwortung, für die eigennützige Sorge um alles, was sie mit ihrer absoluten Macht der Tyrannei des Geldes entzogen haben, hervorbrechen soll. Evola wollte einfach nur den Begriff des Cäsarismus durch den des Totalitarismus ersetzen, denn Evola stand dem Nationalsozialismus nahe. Merken wir an, daß man ihn nur aus der damaligen Zeit heraus verstehen kann. Trotzdem hielt Evola es für möglich, daß Spenglers Prognosen zutreffen, daß der Westen also in seinem Untergang das Erscheinen (falscher) Cäsaren erleben wird und den Kampf der von ihnen aufgestellten Kräfte um die Weltherrschaft.

Ich nenne diese Phase „Cäsarismus oder Befruchtung“ oder auch die „Globalismus-Phase“ (); und ein solches Globales Zeitalter ist durchaus auch ein Goldenes Zeitalter. „Die psychopolitische Herausforderung des Globalen Zeitalters, das wir ... als ... Resultatsstufe ... verstehen, besteht darin, daß die Schwächung der Container-Immunitäten nicht einfach als Formverlust und Dekadenz, das heißt als ambivalente oder zynische Beihilfe zur Selbstzerstörung, verarbeitet werden darf. Was auf dem Spiel steht, sind erfolgreiche neue Designs von lebbaren Immunverhältnissen ....“ (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 239Sloterdijk). Für Sloterdijk „stellen sich alle Fragen der sozialen und personalen Identität unter morphologischen und immunologischen Aspekten dar, also unter dem Gesichtspunkt, wie in geschichtlich bewegten Großwelten so etwas wie lebbare Formen des »Wohnens« oder des Bei-sich-und-den-Seinen-Seins eingerichtet werden können.“ (Ebd., 2005, S. 234Sloterdijk). Sloterdijk folgt der These, daß der „europäische (abendländische) Historismus, den der junge Nietzsche (Nietzsche) aus anachronistischer heroischer Gesinnung bekämpfte“, nichts anderes sei als „eine Abendröte der terrestrischen Globalisierungsära“, die Dämmerung des abendländischen „Weltnahme- und Weltstiftungszeitalters“ ! „Unter denen, die sein Ende kommen sahen, ragt Oswald Spengler noch immer hervor: Seine Studien zum »Untergang des Abendlandes« sind ein geschichtsmorphologischer Abgesang auf die »faustische« Kultur als die einzige, die den Gedanken der Geschichte zu denken vermochte und die als einzige »Geschichte« im engeren Wortsinn hevorbrachte, erlebte und reflektierte“ - so Sloterdijk (ebd., 2005, S. 262Sloterdijk). „Die neuen Immunitätstechniken (in ihrem institutionellen Zentrum: die Privatversicherungen und Pensionfonds, an ihrer individuellen Peripherie: Diätetik und Biotechnik) empfehlen sich als Existentialstrategien für »Gesellschaften« aus Einzelnen, bei denen der lange Marsch in die Flexibilisierung, die Schwächung der »Objektbeziehungen« und die generelle Lizensierung von untreuen oder reversiblen Verhältnissen zwischen Menschen zum »Ziel« geführt haben - zu dem von Spengler richtig prophezeiten Endstadium jeder Kultur: jenem Zustand, in dem es unmöglich ist zu entscheiden, ob die Einzelnen tüchtig oder dekadent sind (aber tüchtig in welcher Hinsicht und dekadent in bezug auf welche Höhe?). Es ist der Zustand, in dem den Individuen die Fähigkeit zur exemplarischen Fähigkeit zur Weltbildung abhanden gekommen ist.“ (Ebd., 2005, S. 241-242Sloterdijk). Oben
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Als Spenglerianer gilt auch der mehrfache US-Präsidentschaftskandidat Patrick Buchanan (*1938); sein Buch: The Death of the West (2001Buchanan) ist schon im Titel angelehnt an Decline of the West - die englische Übersetzung von Spenglers Untergang des Abendlandes. Auch Buchanans Abgesang auf den Westen besagt, er richte sich durch Geburtenschwund und Masseneinwanderung selbst zugrunde, aber anders als Spengler kennt Buchanan einen Schuldigen, nämlich die Frankfurter Schule und die aus ihr hervorgegangene Neue Linke, deren Protagonisten somit zu Akteuren von welthistorischem Format aufgeblasen werden.

Besonders intensiv wurde Spengler im Lager der politisch kaum relevanten Rechtsextremen der USA studiert. Für diesen Rezeptionsstrang steht wie kein zweiter der Name des Juristen Francis Parker Yockey (1917-1960), der sich selbst als legitimen Nachfolger Spenglers ansah. Sein kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfaßtes Hauptwerk Imperium - The Philosophy of History and Politics -, das er Adolf Hitler widmete, folgt Spenglers Theorie mitunter bis ins Detail und fordert folgerichtig ein großes europäisches Imperium als krönenden Abschluß der abendländischen Kulturentwicklung. Mit der „europäischen Revolution“ von 1933 sei ein erster Schritt in diese Richtung erfolgt. Ein mächtiges Hindernis auf diesem sehr spezifischen Weg zur europäischen Einheit sah der Antisemit Yockey vor allem im „Semitismus“ kleiner „kulturentstellender“ Gruppen. Und ohne diese „Kulturverderber“ könnten auch die USA dem abendländischen Imperium beitreten.

Daß eine Rezeption der Spenglerschen Thesen auch bei einem breiteren us-amerikanischen Publikum existiert, wird schon anhand eines Blicks auf die us-amerikanische Presselandschaft deutlich. Am Rand der großen Debatten treten dort bestimmte Verweise, Diskussionen und direkte Bezüge auf Spengler sporadisch an die Oberfläche. Mit der Leserbriefüberschrift „Spengler was right“ reagierte im September 1996 ein Leser des Spectator auf eine gegen Spengler gerichtete Polemik mit einer genauen Darlegung und Richtigstellung der von Spengler vorgelegten Zeittafeln und ihrer Übereinstimmung mit der eingetretenen Entwicklung. In einem weiteren Leserbrief wurde die Ignoranz gegenüber dem Werk Spenglers angeprangert, der schon vor dem Ersten Weltkrieg die heutige Situation vorausgesagt habe. Spenglers Prophezeiung von der Allianz der Unterklassenanarchie und dem Aufstand der farbigen Völker sei eine exakte Vorwegnahme der gegenwärtigen Bewegung für eine antirassistische und multikulturelle Gesellschaft. In einem langen Artikel der Kansas City Post vom 4. Dezember 2004 wird die christliche Apokalypse (Apokalyptik), die im Ideengut der religiösen Rechten einen großen Stellenwert besitzt, in ein Verhältnis gesetzt mit der Gestalt der von Spengler beschriebenen Spätzivilisation. Der Autor sieht in der Gegenwart deutliche Zeichen für die Erfüllung von Spenglers Prophezeiung. Der demographische Niedergang Europas und das Anwachsen muslimischer Minderheiten in Europa werden, Spengler folgend, in Analogie zur Entvölkerung und Neubesiedlung des römischen Territoriums in der Spätantike interpretiert. Nach dem 11. September 2001 konstatierte Oliver Bennett im New Statesman, der Pessimismus sei zur vorherrschenden geistigen Grundhaltung aufgestiegen und hätte die Progressionstheorien der Aufklärung endgültig abgelöst. Diese geistige Depression habe bereits in den 1960er Jahren eingesetzt und seine wichtigsten Vordenker seien Oswald Spengler und Sigmund Freud. Gerade in akademischen Kreisen blühe der intellektuelle Pessimismus in Form der postmodernen Wertekritik, der sich zu einer der mächtigsten Kräfte des herrschenden Zeitgeistes aufgeschwungen habe. Der intellektuelle Optimismus sei in die Defensive geraten. Francis Fukuyama sei mit seiner These vom Ende der Geschichte einer der letzten einflußreichen, gegen den Strom der Degenerationstheoretiker schwimmenden Denker. (Fukuyama). Fukuyama kann man mit Blick auf seine Werke der 1990er Jahre tatsächlich als liberalen Gegenpol zur Spenglerschen Geschichtsbetrachtung ansehen, doch in seinen Arbeiten seit Beginn des 21. Jahrhunderts (wohl nicht zufällig) zeigen sich sogar Parallelen zu Spenglers zyklischer Geschichtsbetrachtung. Der Optimismus von Fukuyama ergibt sich nicht wie unterstellt aus einem einseitig linear-progressiven Geschichtsbild, sondern daraus, daß er von kürzeren Zyklen der kulturellen Degeneration und sittlichen Erneuerung ausgeht. Der Prozeß, der bei Spengler ein Millenium umfaßt, ist bei Fukuyama auf hundert bis hundertfünfzig Jahre verkürzt. In seinem Buch Der Große Aufbruch (2000Fukuyama) beschreibt Fukuyama die Dekadenzerscheinungen der westlichen Gesellschaft, den Rückgang der Geburtenraten, den Anstieg der Kriminalität, den Verfall der Familie und den Verlust von Sozialkapital. Eine ähnliche Entwicklung habe sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen, die dann durch neue Formen der sozialen Disziplinierung in der Viktorianischen Ära überwunden worden sei. In den 1950er Jahren habe der in den 1920er Jahren erst nur in der Elite einsetzende moralische Bruch langsam die gesamte Gesellschaft erfaßt, die Gegentendenzen seien jedoch schon klar erkennbar und würden in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts quasi zu einem neuen Viktorianischen Zeitalter führen, womit erneut ein kulturhistorischer Zyklus seinen Anfang nehme. Ein von Fukuyamas abweichendes Zyklenmodell legte der Historiker Paul Kennedy in seinem Werk Aufstieg und Fall der großen Mächte dar. Kennedy sieht die Weltgeschichte als ewigen Prozeß des Auf- und Abstiegs von Großmächten, bedingt durch die Spannung zwischen der Begrenztheit ökonomischer Ressourcen und die Anforderungen hegemonialer Expansion. Der Niedergang eines Reiches kann durch geschickte Politik zwar hinausgezögert, jedoch langfristig nicht verhindert werden. Kennedys Argumenten kam in der Abrüstungsdebatte und der Diskussion über die Überforderung des US-Haushalts und der us-amerikanischen Wirtschaft besonders in der Clinton-Ära eine gewisse Bedeutung zu. Neben Vorstellungen von kultureller Degeneration und der Popularität zyklischer Geschichtsbilder gewann noch ein drittes Element des Spenglerschen Denkens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs an Bedeutung. Der Kulturdeterminismus, also die Vorstellung, daß alle politischen, ökonomischen und ideologischen Entwicklungen durch einen kulturellen Rahmen mehr oder weniger vorgegeben sind, korrespondiert dabei mit dem Kulturrelativismus, der Idee nebeneinander existierender Wertesysteme, die nur aus sich selbst heraus verstanden werden dürfen und einen universellen Wertekonsens unmöglich machen.
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In den USA erschien 1993 der politische Bestseller Kampf der Kulturen von Samuel Huntington (Huntington), der dem Lager der politischen Realisten um die Zeitschrift Foreign Affairs zuzurechnen ist. Bei Huntington ist die Spengler-Rezeption explizit und klar formuliert. Wie bei Spengler bilden Kulturkreise bei Huntington die primären Größen der Identitätsbildung, woraus folgt, daß auch die globalen Konfliktgrenzen vor allem kulturell bestimmt sind. Folgende Frage beantworten wir also mit einem Ja:

Ist auch Huntington ein Spenglerianer (Huntington) -  „der Oswald Spengler Amerikas“?  (Die Welt Die Welt)

Den Kampf der Kulturen prophezeite schon Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832Goethe). Nach ihm rissen die Beschäftigungen mit diesem Thema nicht mehr ab, auch wenn es im Schatten anderer Leitthemen stand. Vollends ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt wurde dieses Thema 1917, als Oswald Spengler im „Untergang des Abendlandes“ (Spengler), den er bekanntlich mittels der vergleichenden Methode auch mit dem „Untergang der Antike“ (LERNEN) konfrontierte, für das Abendland die schon Ende des 18. Jahrhunderts (Industrialisierung, Bürgerliche Revolution u.s.w.) begonnene kulturelle Vollendung - den Zivilisationsprozeß - und den damit verbundenen (zunächst aber noch schleichenden) Synkretismus diagnostizierte und dessen Bekämpfung durch das Abendland in der Phase des Cäsarismus prognostizierte. (Synkretismus). Daß es einen „Zusammenprall der Kulturen“ geben wird, war also schon seit Goethe klar - lange vor Huntingtons Buch „Clash of Civilizations“ (1996Huntington). Erkennbar, jedenfalls „für die Eingeweihten“, war auch „der militante Aufbruch islamischer Religiosität“ schon vor Huntingtons „Thesen über den weltweiten Kampf der Kulturen.“ (Peter Scholl-Latour, Weltmacht im Treibsand, 2004, S. 50). „Das Abendland ist immer noch immens reich, aber es ist schwach. Ihm fehlt die moralische Substanz zur dezidierten Selbstbehauptung. Kurzum, alle Prämissen eines fatalen »Untergangs« sind gegeben. So unrecht hatte Oswald Spengler wohl nicht.“ (Peter Scholl-Latour, Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?,  2002, S. 48). Huntington hat wohl die „Friktionen“ (Friktionen) des Generals von Clausewitz (1780-1831Clausewitz) beachtet - er sieht „in den Zusammenstößen, Reibungen, Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen auf der Basis unterschiedlicher Religionen und divergierender Weltbilder die Hauptrolle künftiger Auseinandersetzungen.“ (Hans-Ulrich Wehler, Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, 2003, S. 61). „Daß die Herrschaft des Volkes nicht in den Kosmopolitismus, sondern in den Provinzialismus führt, hat auch Huntington als das demokratische Paradoxon bezeichnet.“  (Norbert Bolz, Das konsumistische Manifest, 2002, S. 30). Ob, was, wie und wieviel Huntington aus Spenglers Werken abgeschrieben haben könnte, ist weniger entscheidend, mehr entscheidend ist, daß er von Spengler inspiriert wurde!Lange vor Huntington hatte auch Toynbee (ToynbeeToynbee) an Spengler angeknüpft, und weil Spengler von Nietzsche und Goethe inspiriert worden war (Dank), gibt es eine kulturphilosophische Linie von Goethe und Schopenhauer über Nietzsche und Spengler zu Toynbee und Huntington. Auch zu Sloterdijk:

Feuer   Heraklitisches Element Heraklit (544-483)

Erkenntnistheorie ohne apriorische erkenntnisleitende Kategorien gibt es nicht! Dies erkannt zu haben, ist nicht nur ein Verdienst der Philosophie allein. Aber insbesondere die abendländischen Lebensphilosophen, weil sie Skeptizisten sind (Skeptizismus), sind sich darüber einig, daß diese Einsicht gar nicht oft und stark genug betont werden kann. Wir bleiben beim Beispiel Spengler und Sloterdijk: die Naturauffassung des Heraklit (544-483Feuer (Heraklit)) behandelte Spengler in seiner Dissertation, denn 1904 promovierte er an der Universität Halle mit der Schrift: „Der metaphysische Grundgedanke der Heraklitischen Philosophie.“ (Spenglers DissertationSenglerHeraklit (544-483)).   –   Der „Hochdenker“ Heraklit wirkte weit über seine Zeit hinaus und war in etwa das für die Antike, was Descartes (1596-1650Descartes) für das Abendland war: ein von der Souveränität der Vernunft Überzeugter, und für Heraklit zählte nur ein Urgrund: das Feuer als die Weltvernunft schlechthin. (). Das Feuer war für ihn der Urstoff, der Logos als das Urfeuer, das sogar über den Göttern thront. Spengler betonte ebenfalls die Souveränität des Feuers: „Tätigkeit gibt es mit dem Dasein der Tiere, Taten erst mit dem Dasein des Menschen. Nichts ist so bezeichnend für den Unterschied als das Anzünden des Feuers. Man sieht - Ursache und Wirkung - wie Feuer entsteht. Auch viele Tiere sehen es. Aber der Mensch allein denkt - Zweck und Mittel - ein Verfahren aus, um es herzustellen. Keine zweite Tat macht so den Eindruck des Schöpferischen. Es ist die Tat des Prometheus. Eine der unheimlichsten, gewaltigsten, rätselhaftesten Erscheinungen der Natur - der Blitz, der Waldbrand, ein Vulkan - wird vom Menschen selbst ins Leben gerufen, gegen die Natur. Wie mag das auf die Seele gewirkt haben, der erste Blick in die selbst entzündete Flamme!“ (Feuer). (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 32f. Spengler). Und: „Künstlich, widernatürlich ist jedes Werk vom Anzünden des Feuers bis zu den Leistungen, die wir in hohen Kulturen als eigentlich künstlerische bezeichnen. Der Natur wird das Vorrecht des Schöpfertums entrissen. Der »freie Wille« schon ist ein Akt der Empörung, nicht anderes. Der schöpferische Mensch ist aus dem Verbande der Natur herausgetreten, und mit jeder neuen Schöpfung entfernt er sich weiter und feindseliger von ihr. Das ist seine »Weltgschichte«, die Geschichte einer unaufhaltsam fortschreitenden, verhängnisvollen Entzweiung zwischen Menschenwelt und Weltall, die Geschichte eines Empörers, der dem Schoße seiner Mutter entwachsen die Hand gegen sie erhebt. Die Tragödie des Menschen beginnt, denn die Natur ist stärker. Der Mensch bleibt abhängig von ihr, die trotz allem auch ihn selbst, ihr Geschöpf, umfaßt. Alle großen Kulturen sind ebenso viele Niederlagen. Ganze Rassen bleiben, innerlich zerstört, gebrochen, der Unfruchtbarkeit und geistigen Zerrüttung verfallen, als Opfer auf dem Platze. Der Kampf gegen die Natur ist hoffnungslos, und trotzdem wird er bis zum Ende geführt werden.“ (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 35-36 Spengler). „Die faustische Naturwissenschaft und diese allein ist Dynamik, gegenüber der Statik der Griechen und der Alchymie der Araber. Nicht auf Stoffe, sondern auf Kräfte kommt es an. Die Masse selbst ist eine Funktion der Energie.“ (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 67 Spengler). Richtig! Am Anfang war das Feuer - das ewig regierende Feuer! Für Sloterdijk ist das Feuer in seiner Mächtigkeit, natürlich auch als Nischen- und Sphärenbildner und damit als Emanzipationsmittel für Menschengruppen, nie zu überschätzen. Auch für Menschen gilt, daß das Feuer bis zuletzt die Basistechnik bleibt. (Feuer). Feuer

Für Sloterdijk gibt es keine Erkenntnistheorie ohne apriorische erkenntnisleitende Kategorien. Besonders unzureichend sind für ihn jedoch die Theorien wie z.B. die Handlungstheorie von Apel und Habermas; außerdem fehlen ihm die wichtigsten subjektivätsphilosophischen Komponenten, wie es etwa „Eros“ und „Polemos“ sein könnten. Erst Zu- und Abneigung können nämlich eine erkenntnisleitende Annährung des Subjekts an die von ihm zu erkennenden Objekte bewirken. Alles Interesse ist geprägt von den Kategorien des Polemischen oder Erotischen. Es gibt eben nach Sloterdijk keine unschuldige Alternative. Und welche Art von Objektivität man auch wählt, der Rahmen, der unsere Beobachtungen bestimmt, wird dennoch geschaffen. Entschließe ich mich zum Beispiel zu den „Verdachtstheoretikern“ zu gehören, die aus der Mondfahrt der Amerikaner nur eine geniale Medieninszenierung der NASA und CIA machen wollen und im Übrigen den Wahrheitsgehalt der Ereignisse abstreiten, dann habe ich schon eine Vorentscheidung über meine Wahrnehmungsinterpretation getroffen und der kognitive Gehalt meiner Datenauswahl und Bewertungen bekommt ein anderes Kolorit. Diese nicht zu ändernde Relativität aller Erkenntnisse ist zur herrschenden Bewußtseinslage aller Wissenschaften geworden, außer bei einigen unbelehrbaren fundamentalistischen und marxistischen oder sonstigen religiösen Wissenschaften. Relativität

Die Bewußtseinslage der Moderne ist eben die, daß alles von Interpretation und Konstruktion geprägt und bestimmt ist. Zu „Wahrheit“ und „Objektivität“ oder einer zu erkennenden „Natur der Sache“ führt kein Weg der VIA MODERNA mehr und das haben alle Wissenschaften mehr oder minder resignativ zur Kenntnis genommen. Selbst die erkenntnisabstinenteste aller Wissenschaften, die Rechtswissenschaft, hat neuerdings durch einen bemerkenswerten Aufsatz in der theoriefreundlichsten aller Zeitungen, der F.A.Z., zu dem Ergebnis geführt, daß der Jurisprudenz die Standhaftigkeit eines festen Menschenbildes abhanden gekommen ist. Die lange Theoriearbeit von Männern wie Feyerabend, Watzlawick, Luhmann (Luhmann), um nur einige zu nennen, hat zu einer nicht mehr aufhebbaren Verflüssigung aller Gewissheit geführt. Auch Sloterdijk reiht sich in die Reihe derer ein, die die Sicherheit verloren haben, jemals einen archimedischen Punkt finden zu können, der Wahrheit und Objektivität garantiert.

Sloterdijk findet daher, daß die Wissenschaft weniger ein Mittel zur neutralen Aufhellung der Wirklichkeit geworden ist, sondern vielmehr ein Wettrüsten in Interpretationen darstellt. Insgesamt bilden sie weniger einen intellektuellen Schatz oder eine Enzyklopädie allen Wissens, sondern eher ein Waffenlager oder Arsenal intelligenter Geschosse. Sloterdijk spricht daher von den Erkenntnistheorien, als hätten sie zwei verschiedene Kulturen entworfen. Die erste glaubt an den Vorrang von Methode, Prozedur und Forschungsverfahren, die zweite an den Vorrang der Subjektivität, einem „Primat des Subjektes“.

 

„In dieselben Flüsse steigen wir hinab und nicht hinab,
wir sind es und sind es nicht, denn in denselben Strom
vermag man nicht zweimal zu steigen.“ (Heraklit).

 

Die Vorstellung, daß alle Wissenschaft am Ende nur noch eine Theorie für alles besitzen könnte, wie sie von der Physik geträumt wird, bedeutet nach Sloterdijk, daß die Forschungsgemeinschaft eines Tages nur noch zu einer homogenen Armee von Subjekten zusammenwachsen würde, die alle eine gemeinsame Vor- oder besser Verstellung der Objekte besäßen. Daher muß, solange der Primat des Subjektes gilt, gemäß Sloterdijk eine agonale Theorie entstehen. Eine zweite oder neue Kultur, wenn sie denn kommen sollte (!), kann sich nur entwickeln, wenn der Eros des Künstlers die Objekte „wahrnimmt“ und „erkennt“, daß diese nicht von ihm festzustellen seien, sondern sich im Fluß der Ereignisse befinden und ständig ändern. Der Künstler nähert sich ihnen daher nicht als Forscher, sondern als Nachbar und Freund. Diesen Werde- und Entwicklungsgang von der Objektivität zur Intimität faßt Sloterdijk zusammen unter dem Begriff „Heraklitische Meditationen“. Heraklitische Meditationen

All dies sind Erkenntnisse, die sich laut Sloterdijk zunehmend in der „Postmoderne“ (Postmoderne) durchzusetzen beginnen. Doch auch schon in der Weimarer Republik samt ihrer „konservativen Revolution“ (Konservative Revolution) gab es eine neue Sicht auf die Moderne, weshalb sie Sloterdijk als das „Weimarer Symptom“ bezeichnet und in ihm alle Bewußtseinsmodelle der Moderne paradigmatisch angelegt sieht.

 

„Der Seele Wissen kannst Du nicht ausfinden,
auch wenn du jeglichen Weg abschrittest,
so tief ist ihr Wesen.“ (Heraklit).

  „Ein 'exaktes Wissen' von der
ewig geheimnisvollen Seele erhalten
zu wollen, ist sinnlos.“ (Oswald Spengler).

 

Spenglers Dissertation - Der metaphysische Grundgedanke der heraklitischen Philosophie (veröffentlicht unter dem Titel: Heraklit - Eine Studie über den energetischen Grundgedanken seiner PhilosophieWerke von SpenglerSpengler) -, mit der er 1904 bei dem Neukantianer Alois Riehl (1844-1924RiehlRiehl) promovierte, „ist sehr aufschlußreich, denn sie enthält im Wesentlichen bereits den Kern des Spenglerschen Denkens. Auch Stil und Methode der späteren Schriften sind hier schon vorweggenommen. Da über Leben und Person Heraklits nur sehr wenig bekannt ist, nutzt Spengler diese Lücke für Spekulationen, indem er seine persönliche Haltung und Weltanschauung zu der des Philosophen aus Ephesos macht. Es ist Spenglers erste literarische Gelegenheit, sein eigenes Denken darzustellen, wenn auch noch durch die Maske eines anderen. Und so beginnt er von sich selbst zu sprechen, indem er über Heraklit, den Dunklen, berichtet: »Es wäre für das Verständnis dieser Lehre ein Hindernis, wenn uns die Kenntnis der großen und tragischen Persönlichkeit ... verlorengegangen wäre. .... Seine Lehre ist selbst für diese Zeit ... in ungewöhnlichem Grade persönlich, ohne daß von ihm selbst viel die Rede wäre. Wir sehen einen Menschen, dessen ganzes Fühlen und Denken unter der Herrschaft einer ungezügelten aristokratischen Neigung stand. .... Hier ist der letzte Grund für jeden Zug seines Lebens und jeder Besonderheit seiner Gedanken zu suchen. .... Ohne Wut, ohne Ausfälle beurteilt er das Volk von oben herab, kalt, boshaft, mit Verachtung und Ekel, zuweilen durch eine sarkastische Bemerkung den aufsteigenden Groll verbergend.« Mit Unterstützung Heraklits versucht Spengler in der seienden Welt eine permanent werdende, also notwendig sich verändernde, vergehende Welt zu erkennen -alles fließt. Auch Heraklit sei ein exklusiver, aristokratischer Geist gewesen, ein Schauender, der, genau wie Spengler, nicht nach einer »wissenschaftlichen Philosophie« trachte, sondern danach, »ein Weltbild zu schaffen, das ihm seine Stellung im All zu übersehen erlaubte, und als eine Gelegenheit, seine Freude am Formen zu betätigen. .... Heraklit ist der bedeutendste Künstler unter den Vorsokratikern. Davon zeugt nicht nur das satte und farbenreiche Pathos seines Stils, sondern vor allem die geniale Plastik seiner Darstellung. .... Heraklit darf als Realist bezeichnet werden, trotzdem er leicht für das Gegenteil zu nehmen ist. .... Der Stil des Denkens und die Lehre selbst sind verwandt. .... Sein Denken hat einen wahrea Imperatorenstil .... Nur die großen, grundlegenden Ideen sind ihm des Nachdenkens wert, bei einer ausgesprochenen Abneigung gegen eigentlich wissenschaftliche Detailforschung. .... Das Sammeln von Tatsachen, ohne Überblick und Verständnis, ist ihm verhaßt.« Und am Schluß faßt Spengler zusammen: »Heraklits Gedankenwelt, als Ganzes angesehen, erscheint als eine großgedachte Dichtung, eine Tragödie des Kosmos, den Tragödien des Äschylos in ihrer kraftvollen Erhabenheit ebenbürtig. Unter den griechischen Philosophen, Plato vielleicht ausgenommen, ist er der bedeutendste Dichter. Der Gedanke eines seit Ewigkeiten währenden und nie aufhörenden Kampfes, der den Inhalt des Lebens im Kosmos bildet, in dem ein gebieterisches Gesetz waltet und eine harmonische Ebenmäßigkeit aufrechterhält, ist eine hohe Schöpfung der griechischen Kunst, der dieser Denker weit nähergestanden hat als der eigentlichen Naturforschung.« (Spengler).“ (Frank Lisson, Oswald Spengler - Philosoph des Schicksals, 2005, S. 17-18Lisson).

„Neben Nietzsche kann Goethe für Spengler als wichtigster Vermittler Heraklits gelten. »Goethes ... Ansichten über die Natur« sind für Spengler »von einem ähnlichen Geist getragen« (RuA, S. 4Spengler) wie diejenigen des Vorsokratikers. .... Spengler strebt in seiner Dissertation wie später auch Benjamin (Benjamin) keine philologische Prägnanz an, sondern bemüht sich um die Formulierung eines eigenen philosophischen Standpunkts. »Der Heraklit ist ein Selbstzeugnis ..., viel eher Schlüssel zur Erfahrungsweise Spenglers, als zu Heraklits Erfahren, Denken.« (Jürgen Naeher, Oswald Spengler, 1994, S. 38). Heraklits Texte fungieren nicht als Gegenstand, sondern als Anlaß der Spenglerschen Reflexionen. Die Überlieferungsprobleme der nur in wenigen, ungesicherten Fragmenten erhaltenen Texte Heraklits erlauben ihm „ein freies Spiel der philosophischen Spekulation, das sich nicht selten den Vorsokratiker nach eigenen Vorstellungen zurechtmachte.« (Detlef Felken, Oswald Spengler, 1988, S. 20). Dennoch führt Spenglers »freies Spiel der philosophischen Spekulation« zu interessanten Ergebnissen, die seinen gesamten weiteren Denkweg vorzeichnen. In der Dissertation liegen keimhaft einige Hauptgedanken des »Untergangs des Abendlandes« beschlossen. Eine Eröffnung der Diskussion Spenglers mit einem Blick in sein Heraklit-Buch bietet sich daher an. Die Ausgangsthese der Dissertation lautet: »Der Gedanke, in dem Heraklit eine neue Auffassung des kosmischen Daseins gab, ist ein energetischer: der eines reinen (stofflosen), gesetzmäßigen Geschehens. Die Entfernung dieser Idee von der Anschauung anderer, und zwar gleichmäßig der Jonier, Eleaten und Atomisten, ist eine außerordentliche. Heraklit ist mit ihr unter den Griechen völlig einsam geblieben; es gibt keine zweite Konzeption dieser Art. Alle andern Systeme enthalten den Begriff der substantiellen Grundlage (archae, apeiron, to pleon, hylae, to plaeres ...).« (RuA, S. 2Spengler). Für Spengler verkörpert Heraklit innerhalb des vorsokratischen Denkens eine Wende des Naturverständnisses, die dem 1910 von Ernst Cassirer nachgezeichneten Übergang vom Substanz- zum Funktionsbegriff in den Naturwissenschaften und der Philosophie des späten 19. Jahrhunderts strukturell entspricht. Spengler stellt die »nichtsubstantielle Vorstellungsweise Heraklits« (RuA, S. 19Spengler) in die Nähe der Theorien Wilhelm Ostwalds, Begründer der physikalischen Chemie und Wegbereiter der Thermodynamik, und des subjektkritischen Positivisten Ernst Mach. Beide Autoren definieren im ausgehenden 19. Jahrhundert »die Natur als eine Summe von Energien« (RuA, S. 15Spengler) und können auf die Begriffe »Substanz« und »Materie« bei der Beschreibung der Natur weitgehend verzichten. Sie stehen damit - bewußt oder unbewußt - in einer romantischen Tradition. Der Goethe und Novalis nahestehende, romantische Naturforscher Johann Wilhelm Ritter (Ritter), entwirft auf der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert ein energetisches Naturmodell, in dessen Rahmen er jeden Substanzbegriff als »Grab der Identität« (Ritter) disqualifiziert. In Ritters Natur wird »Identität« und »Harmonie« durch »Differenz« und »Störung« ersetzt. »Alles stört sich«, schreibt er programmatisch und führt weiter aus: »Ein rein dynamisches System wird gar nicht nach Stoffen ... fragen dürfen, alle Chemie und Physik wird bloß Bewegungsgrößen zu messen haben. Denn was sind chemische Zerlegungen und dergleichen anders, als Bewegungen?« ... Aus der Sicht Spenglers entsubstantialisiert Heraklit den Begriff eines selbstidentischen Seins und überführt ihn in die Idee eines ursprungs- und ziellosen Werdens: »Es soll hier lediglich eine Entwicklung des Prinzips versucht werden, das dieser Denker zur Grundlage seines Weltsystems machte und das mit wenigen Worten in eine Formel zu bringen ist: panta rhei, die Idee eines reinen gesetzmäßigen Werdens.« (RuA, S. 5Spengler). Für Heraklit ist es wie für Ostwald und Mach »möglich, den Begriff eines Substrats überhaupt, sei es als das im Wechsel der Erscheinungen Beharrende ..., sei es als eigentliche Materie, fallen zu lassen, wodurch der Begriff der Veränderung (des Werdens, Fließens) einen neuen und reichern Inhalt erhält.« (RuA, S. 14Spengler). Spengler selbst verabschiedet im Anschluß an die Naturwissenschaft seiner Zeit jede substantialistische Ontologie. Die Absicht seiner Dissertation besteht darin, »die Seinslehre in eine Werdenslehre zu verwandeln, die Weltbilder zu dynamisieren.«450 Durch eine Dynamisierung des Weltbilds, durch eine Überführung allen Seins in ein Werden, »erfolgt eine Auflösung aller älteren Probleme ins Genetische«, heißt es in der ersten Auflage des »Untergangs des Abendlandes«  (S. 446Spengler). Spengler schließt sich der geistesgeschichtlichen Wende, die Cassirer als Wende vom Substanz- zum Funktionsbegriff bezeichnet, an. Im Gegensatz zu Cassirer sieht Spengler in der beschriebenen Wende aber kein einmaliges ideengeschichtliches Ereignis, sondern den Ausdruck überhistorischer Entwicklungsgesetze von Kulturen. Seine Dissertation handelt in gleichem Maße von der Naturphilosophie um die Jahrhundertwende wie von Heraklit. Sie stellt sich in die durch (anfangs: Schopenhauer) Nietzsche und Bergson vorbereitete Tradition einer Lebensphilosophie (Lebensphilosophie), die Leben nicht substantialistisch denkt, sondern als ein nie mit sich selbst identisches Werden, als unentwegten Vollzug.“ (Andreas Hetzel, Ästhetische Welterschließung bei Oswald Spengler und Walter Benjamin, 1993-1995, S. 103-106Benjamin). Was der nach meinem Dafürhalten Spengler richtig zuordnende Hetzel hier als „die durch Nietzsche und Bergson vorbereitete Tradition einer Lebensphilosophie“ nennt, das heißt in meiner Terminologie die von Nietzsche begründete Mittlere Schule der Lebensphilosophie (Mittlere Schule der Lebensphilosophie), denn sie folgte ja doch auf die von Schopenhauer begründete Alte Schule der Lebensphilosophie (Alte Schule der Lebensphilosophie). Meine Terminologie ist nicht zwingend, aber sinnvoll!


„Diese Weltordnung, dieselbe für alle, schuf weder einer der Götter noch einer der Menschen,
sondern sie war immer und ist und wird sein ein ewig lebendiges Feuer,
aufflammend nach Maßen und verlöschend nach Maßen.“ (Heraklit, Fr. 30).


„Das Leben ist wie eine Flamme, die genährt wird und lodert. .... Alles Leben ist Kampf, weil es Feuer ist. .... Leben ist eine Flamme, die Flamme ist ein Kampf. Sie muß kämpfen, um zu sein. .... Für uns gilt die Sonne als Wärmespender, daneben als Lichtquelle. .... Also die Wärme aus dem Weltraum entscheidet. Für das Lebewesen »vom Himmel herab«.“ (Oswald Spengler, Urfragen, S. 4, 5, 7, 8Spengler).


Von vielen wird auch Meinhard Miegel (*1939Miegel) als Spenglerianer angesehen. Neulich las ich im Internet: „Meinhard Miegel hat in Deutschland die Nachfolge von Oswald Spengler angetreten. Seine These läuft auf den Untergang des Abendlandes hinaus. Sein Ansatz ist der Kampf der Kulturen, wobei er zwischen individualistischen und gemeinschaftsorientierten Kulturen unterscheidet.“ In diesem Text wird behauptet, daß laut Miegel allein diese Kulturunterschiede auch die Fruchtbarkeitsunterschiede in den verschiedenen Staaten erklären. Miegel wird z.B. so zitiert: „Bedingt durch den logisch zwingenden Gegensatz zwischen Individualismus und Kinderreichtum sinkt in individualistischen Kulturen die menschliche Fruchtbarkeit. Dies ist der eigentliche und zugleich einzige Grund für die Geburtenarmut in Ländern der individualistischen Kulturen. Weiterer Begründungen bedarf es nicht.“ (Meinhard Miegel, Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 1993, S. 64Miegel). Der Textschreiber scheint aber Spenglers Theorie gar nicht zu kennen, denn sonst wüßte er, daß laut Spengler alle Kulturen gegen Ende ihres „wachen“ Daseins immer unfruchtbarer werden, daß also nur von relativer Bedeutung ist, ob eine Kultur mehr oder weniger individualistisch ist, daß aber von allen Kulturen individualistische Kulturen die geringsten Aussichten auf ein „langes Leben“ haben. Unfruchtbarkeit betrifft zu einer ganz bestimmten Zeit jede Kultur. Für die Gesundheit einer Kultur ist sie größtenteils selbst verantwortlich. Miegel hat also, so wie vor ihm schon Spengler und viele andere, mit Recht darauf hingewiesen, daß für die abendländische Kultur (die übrigens ja längst nicht mehr als jung zu bezeichnen ist) die Gefahr, sich selbst zu zerstören oder den Untergang zu beschleunigen, besonders groß ist, weil sie besonders individualistisch ist.

Miegel warnt in seinen Büchern (MiegelMiegel) vor Vergeudung unserer kulturellen und zivilisatorischen Reserven. Dieses Problem, das im Grunde vermeidbar ist, und jenes Problem, das schon unvermeidbar geworden ist - unsere Überalterung - sind für Miegel die zwei Seiten einer unvermeidlichen Herausforderung. Der Zerfall äußert sich also sowohl in der Unfruchtbarkeit der Abendländer als auch in der Vergeudung der kulturellen und zivilisatorischen Reserven des Abendlandes: „In der Tat pflegen viele heute einen Lebensstil, der dazu angetan ist, die Grundlagen einer Gesellschaft zu beschädigen, wenn nicht gar zu zerstören.“ (Meinhard Miegel im Interview mit Moritz Schwarz und Jörg Fischer von der Jungen Freiheit, 13.01.2006Junge Freiheit).

Junge Freiheit:
„Fürchten Sie als »Spenglerianer« von der »Political Correctness« stigmatisiert zu werden?
...
Wie Spengler sehen Sie in diesem Niedergang allerdings zugleich die Etappe eines historischen Prozesses - der auch deshalb stattfindet, weil hier in Europa gewissermaßen die Zukunft zuerst eintritt.“

Meinhard Miegel:
Alle solchen Entwicklungen sind historische Prozesse. Schauen Sie, wir Europäer einschließlich unserer überseeischen Cousins und Cousinen waren in den zurückliegenden 200 Jahren extrem privilegiert. Wir hatten gegenüber der übrigen Menschheit beträchtliche Wissens- und Könnensvorsprünge, funktionierende rechtliche und staatliche Ordnungen, eine hohe Kapitalakkumulation, Zugang zu praktisch allen Ressourcen und und und .... Das erlaubte uns einen in der Menschheitsgeschichte einmalig hohen Lebensstandard. Doch mittlerweile sind zahlreiche Völker dabei aufzuholen. Das bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes. Aber bislang bestehende Unterschiede werden eingeebnet.“
Junge Freiheit:
„Es gilt allerdings genau auseinanderzuhalten, wovon Sie wann sprechen: Einmal ist da - wie eben beschrieben - der Abstieg, der sich durch den natürlichen Verlust der Vorrangstellung ergibt. Zum anderen wäre da aber der Abstieg, der sich selbstverschuldet durch gesellschaftliche Mißwirtschaft ergibt. Oder, wie Sie es formulieren: »Die Kultur des Westens zerstört sich selbst.«“
Meinhard Miegel:
„Wenn große Bevölkerungsteile den Sinn ihres Lebens in der Aufrechterhaltung und Mehrung ihrer Konsumfähigkeit sehen, ist das alarmierend. Diese Fokussierung auf rein Materielles hat zwar dazu beigetragen, daß noch nie so viele materielle Güter erwirtschaftet worden sind wie jetzt. Aber die Gesellschaft als solche hat unter dieser Fokussierung gelitten. Die Folge: Weithin fehlt heute der Typ Gesellschaft, der Voraussetzung für dynamisches Wirtschaften ist.
Junge Freiheit:
„Ihre Antwort auf diese »deformierte Gesellschaft« erinnert - nicht im Detail, aber en gros - wieder sehr an Oswald Spengler.“
Meinhard Miegel:
„Ich möchte Bewußtsein für veränderte Sicht- und Verhaltensweisen wecken. Die derzeit dominierenden haben begonnen, sich ad absurdum zu führen.“
Junge Freiheit:
„Das, was Sie in Ihren Büchern als notwendige Tugenden beschreiben, um »die Zukunft zu gewinnen«, könnte man als eine »konservative Revolution« bezeichnen.“
Meinhard Miegel:
„ Ich kann mit solchen Begriffen nicht viel anfangen. Aber wenn Sie so empfinden, will ich Ihnen nicht widersprechen.“
Junge Freiheit:
„Sie unterlassen nichts, um beim Leser den Eindruck einer Gesellschaft in Dekadenz hervorzurufen.“
Meinhard Miegel:
„Dekadenz ist für mich ein kulturell-zivilisatorischer Terminus.“
Junge Freiheit:
„Im Grunde läßt sich Ihre Kritik auf eine Generalformel bringen: der Verlust der Bindung. - Ob im privaten, ob in der Gesellschaft, ob zwischen Mensch und Natur.“
Meinhard Miegel:
„Richtig.“
Junge Freiheit:
„Die Bindung ist in der politischen Philosophie der Grundbegriff der konservativen Idee.“
Meinhard Miegel:
„Gegen »konservativ« habe ich nichts.“
Junge Freiheit:
„Wer ist politisch verantwortlich für die Entstehung der »deformierten Gesellschaft« ?“ 
Meinhard Miegel:
„ Alle und keiner. Wir reden von historischen Prozessen.“
Junge Freiheit:
„Gibt es angesichts dieser Geschichtsergebenheit noch Raum für eine gute und eine schlechte Politik?“ 
Meinhard Miegel:
„Natürlich. Wenn eine Politik mit Wort und Tat alles unternimmt, um die Zerrüttung einer Gesellschaft zu beschleunigen, verdient sie wohl kaum das Prädikat »gute Politik«. Warum fühlen sich heute so viele Väter und mitunter auch Mütter frei, ihre minderjährigen Kinder im Stich zu lassen?  Doch nicht zuletzt deshalb, weil ihnen immer wieder gesagt worden ist, ihre Selbstverwirklichung habe unbedingten Vorrang. Die Scherben, die sie hinterließen, werde der Staat schon wegräumen. Auf die Frage, warum Menschen kinderlos sind, ist die am häufigsten gegebene Antwort: Ich kann mich auf meinen Partner nicht verlassen. Zu häufig können sich Mann und Frau nicht aufeinander, Kinder nicht auf ihre Eltern, Eltern nicht auf ihre Kinder verlassen. Die einstmals bestehende Pflicht von Großeltern, gegebenenfalls für ihre Enkel aufzukommen und ebenso umgekehrt, wurde von der Politik als »Sippenhaft« diffamiert. Insofern spielt Politik schon eine Rolle.“
...
...
Junge Freiheit:
„Sie schreiben ... in Ihren Büchern, daß Zuwanderung keine Antwort auf die demographische Krise ist.“
Meinhard Miegel:
„Langfristig nicht, aber immerhin gewinnen wir Zeit.“
Junge Freiheit:
„Lassen Sie mich prognostizieren. Folge eins: Wir »nutzen« die Zeit, um uns noch länger um die Lösung des Problems herumzudrücken. Folge zwei: Wir produzieren mit diesem Behelf zusätzliche Kosten. Folge drei: Wir importieren sozialen und ethnischen »Sprengstoff«.“
Meinhard Miegel:
„Deshalb plädiere ich auch erstens für eine moderate und zweitens für eine kontrollierte Zuwanderung von netto etwa 200 000 Menschen im Jahr, die drittens dank einer entsprechenden Politik auch integriert werden.“
(Ebd., 13.01.2006Junge Freiheit). Ist Miegel zu blauäugig, zu optimistisch, oder will er sich hier nur gegen den von den politischen Propagandisten über die Medien in Umlauf gebrachten Vorwurf, er sei ein Pessimist, wehren?  Denn Miegel weiß (und sagt es auch in seinen BüchernMiegel), daß die Zuwanderung uns keine einzige Lösung, sondern um so mehr unendlich viele Probleme, also nur Negatives bringt. MehrMehrMehrMehrMehr

„Gesellschaften sind Organismen.“ (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 163MiegelMiegelMiegelMiegel). Das heißt: „Kulturen sind Organismen. Weltgeschichte ist ihre Gesamtbiographie.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 140Spengler). „Es ist eine ganz entscheidende und in ihrer vollen Bedeutung nie gewürdigte Tatsache, daß alle großen Kulturen Stadtkulturen sind. Der höhere Mensch des zweiten Zeitalters ist ein städtebauendes Tier. Das ist das eigentliche Kriterium der »Weltgeschichte«, das sie von der Menschengeschichte überhaupt auf das Schärfste abhebt - Weltgeschichte ist die Geschichte des Stadtmenschen.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 661Spengler). Miegels „Gesellschaften“ bedeuten Spenglers „Kulturen“ - entscheidend ist: sie sind „Organismen“!

Diese Organismen (Kulturen / Zivilisationen bzw. Gemeinschaften / GesellschaftenMiegelMiegel) sind laut Miegel „so leistungsfähig oder -schwach wie ihre schwächsten Teile. Ein Arzt, der bei einem Patienten eine kranke Leber diagnostiziert, wird diesen kaum mit der Bemerkung nach Hause schicken, daß mit dem Blick auf seine kräftigen Schenkel und Oberarme kein Anlaß zur Beunruhigung bestehe. .... Dabei fehlt den Gesellschaften der frühindustrialisierten Länder mehr als diesem Patienten. Ihnen fehlt das vermutlich Wichtigste: der feste innere Zusammenhalt. Ihre noch immer dominierende expansive Prägung hat ihn empfindlich gelockert.“ (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 163Miegel). Und: „Wirtschaft ist auf das Innigste verwoben mit Gesellschaft. Genau genommen sind Probleme der Wirtschaft sogar nur ein Widerschein gesellschaftlicher Probleme einschließlich der Bevölkerungsentwicklung. Zu häufig wird in der öffentlichen Debatte übersehen, daß die Wirtschaft nichts Eigenständiges ist. Sie ist eine Manifestation, also ein Offenbarwerden gesellschaftlich geleiteten individuellen und kollektiven Handelns. Nicht mehr und nicht weniger. Um die Wirtschaft zu sehen und zu verstehen, muß deshalb die Gesellschaft in den Blick genommen werden.“ (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 183Miegel). „Gesellschaften, die ... ihr Wohl und Wehe vom Wirtschaftswachstum abhängig machen, sind schon gescheitert, ehe der globale Wettstreit richtig begonnen hat. ... Expansive Volkswirtschaften sind das Spiegelbild expansiver Gesellschaften.“  (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 238Miegel). Das erinnert an den Satz: „»Ausdehnung ist alles« - Oswald Spengler hat diesen Satz zum Axiom der zivilisatorischen Epochen erklärt: »Expansion ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadiums packt ... und verbraucht ....« (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 51Spengler). Was Ökonomen im Gefolge von Marx die ursprüngliche Akkumulation genannt haben, war wohl häufig eher eine Anhäufung von Eigentumstiteln, Optionen und Nutzungsansprüchen als der Betrieb von Produktionsanlagen und Kapitalbasis. Die Entdeckung und förmliche Inbesitznahme von fernen Territorien begründete ... die Erwartung künftiger Einkommen, sei es in Form von Beute oder Tribut, sei es durch reguläre Handelsgeschäfte, bei denen es nie verboten war, von märchenhaften Gewinnspannen zu träumen.“ (Peter Sloterdijk, Sphären II - Globen, 1999, S. 850Sloterdijk). „Der Standpunkt, von dem aus die Wirtschaftsgeschichte der hohen Kulturen verstanden werden kann, darf auf dem Boden der Wirtschaft selbst nicht gesucht werden. Wirtschaftliches Denken und Handeln ist eine Seite des Lebens, die in falsche Beleuchtung rückt, sobald man sie als eine selbständige Art von Leben betrachtet. Am allerwenigsten findet man ihn auf dem Boden der heutigen Weltwirtschaft, die seit 150 Jahren einen phantastischen, gefährlichen, zuletzt fast verzweifelten Aufstieg genommen hat, der ausschließlich abendländisch und dynamisch ist und nichts weniger als allgemein menschlich.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1922, S. 1145Spengler). „Zu den ernsthaftesten Zeichen des Verfalls der Staatshoheit gehört die Tatsache, daß im Lauf des 19. Jahrhunderts der Eindruck herrschend geworden ist, die Wirtschaft sei wichtiger als die Politik. .... In Wirklichkeit lassen sich Politik und Wirtschaft im Leben der Völker nicht trennen. Sie sind, wie ich immer wiederholen muß, zwei Seiten desselben Lebens, aber sie verhalten sich wie die Führung eines Schiffes und die Bestimmung seiner Fracht. An Bord ist der Kapitän die erste Person, nicht der Kaufherr, dem die Ladung gehört.“ (Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung - Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung, 1933, S. 28-30SpenglerSpengler). Spenglerianisch ist also auch Miegels These über die Wirtschaft.

„Gesellschaften sind Organismen, die wie alle Organismen entstehen und vergehen und Voraussetzungen ihrer Existenz haben. Aber im Unterschied zu vielen anderen Organsismen bewahren sie oft ihr äußeres Erscheinungsbild, auch wenn sie bereits ihre Vitalität eingebüßt haben oder sogar abgestorben sind. Wie manche Bäume können Gesellschaften versteinern und versteinert weiterexistieren. Doch Steine leben nicht. Wie lebendig sind die westlichen Gesellschaften?“  (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 266MiegelMiegel). Das erinnert auch wieder sehr an die Thesen von Oswald Spengler - z.B. an diese: „Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem aus die letzten und schwersten Fragen der historischen Morphologie lösbar werden. Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit, dem Lande und der seelischen Kindheit, wie sie Dorik und Gotik zeigen, als das geistige Greisentum und die steinerne, versteinernde Weltstadt. Sie sind ein Ende, unwiderruflich, aber sie sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 43Spengler). SpenglerSpenglerSpenglerSpengler

Schon der Untertitel - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst - in Miegels 1993 erschienenen Buch (Das Ende des IndividualismusMiegel) erinnert unweigerlich an Spenglers Buchtitel: Der Untergang des Abendlandes. Und Spenglers These, daß der Mensch der späten (zivilisatorischen) Kultur nur noch als „Individuum“, aber nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft leben will, findet man selbstverständlich auch bei Miegel leicht und schnell wie einen roten Faden. Darum hier nur ein Zitat: „Diese Individualisierung erlaubt nicht nur, sondern zwingt den Einzelnen geradezu, aus der Gemeinschaft heraus ... zu treten. .... Gemeinschaften lösen sich auf. Gesellschaftliche Institutionen zerbrechen. .... Denn da in diesen Kulturen alles im Dienste des Einzelnen steht, kann er Gemeinschaften nicht ein- oder gar untergeordnet sein. ... Individuen wollen Gemeinschaft nur, wenn sie ihnen bei der Verwirklichung ihrer individualistischen Ziele nutzt. Nutzt sie ihnen nicht mehr oder behindert sie gar, wollen Individuen sie nicht mehr. Damit verliert die Gemeinschaft ihren Seinsgrund. Gemeinschaften sind in individualistischen Kulturen voluntaristisch. Bestimmte Gemeinschaften sperren sich allerdings gegen diesen Voluntarismus. Die wichtigste von ihnen ist die Gemeinschaft von Eltern und Kindern. Zwar steht es Eltern frei, diese Gemeinschaft zu zeugen. Haben sie sie aber gezeugt, können sie sie - gleichgültig ob sie ihnen nützlich ist oder hinderlich ist - nur unter Beschädigung ihrer selbst, vor allem aber ihrer Kinder beenden. Damit sind Familien nur bedingt voluntaristisch, oder umgekehrt, sie sind in gewisser Weise Zwangsgemeinschaften, die als solche in Widerspruch zu den Maximen indivdualistischer Kultur stehen. Die einsichtige Folge: Gemeinschaften mit Kindern werden in individualistischen Kulturen gemieden .... Deshalb sind individualistische Kulturen insgesamt unfruchtbar ... Durch die Auflösung von Gemeinschaft sinkt in individualistischen Kulturen die menschliche Fruchtbarkeit. Der kulturell hochgradig entfaltenen Bevölkerung droht so der Verlust ihrer physischen Existenz. .... Aufgrund der Ungleichzeitigkeit der zahlenmäßigen Bevölkerungsentwicklung können nämlich in absehbarer Zukunft ganze Kulturen zerstört werden“  (Meinhard Miegel, Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 1993, S. 143-144Miegel).

Die abendländische Kultur zerstört sich selbst - das sagt also auch Meinhard Miegel. „Individualistische Kulturen zerstören sich selbst. - Bedingt durch den logisch zwingenden Gegensatz zwischen Individualismus und Kinderreichtum sinkt in individualistischen Kulturen die menschliche Fruchtbarkeit. Dies ist der eigentliche und zugleich einzige Grund für die Geburtenarmut in Ländern der individualistischen Kulturen. Weiterer Begründungen bedarf es nicht. .... Dieser Rückgang der Geburtenrate und die durch ihn bewirkte existentielle Gefährdung der Bevölkerung entspringen derselben Quelle wie die hohe wirtschaftliche und kulturelle Produktivität dieser Länder und der aus ihr erwachsende materielle und immaterielle Wohlstand. Geburtenarmut, Hochindustrialisierung und vieles andere sind Erscheinungsformen ein und desselben: einer spezifischen Kultur - individualistischer Kultur. Diese individualistische Kultur ist ... die einzige und alles erklärende Ursache für die Geburtenarmut dieser Länder .... Weitere Ursachen gibt es in diesen Ländern nicht.“  (Meinhard Miegel, Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 1993, S. 64Miegel, 142Miegel). Miegel widerspricht „damit ausdrücklich der derzeit in der Wissenschaft mehrheitlich vertretenen Auffassung, die Geburtenarmut hochindustrialisierter Länder sei nur mit einer Vielzahl von Ursachen wie der Industrialisierung, der Verstädterung, der Emanzipation der Frau, wirtschaftlichen Erwägungen und anderem mehr zu erklären (MiegelMiegel). Diese angeblichen Ursachen sind ... nichts anderes als weitere Erscheinungsformen individualistischer Kulturen, die die Geburtenarmut hochindustrialisierter Länder nicht erklären, sondern mit dieser auf einer Stufe stehen.“ (Meinhard Miegel, Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 1993, S. 142Miegel). Ja, Meinhard Miegel ist ein Spenglerianer!

 

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Anmerkungen:


Zum zyklischen Geschichtsmodell: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832Goethe), Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770-1843Hölderlin), Arthur Schopenhauer (1788-1860Schopenhauer), Karl Vollgraff (1792-1863Vollgraff), Ernst von Lasaulx (1805-1861Lasaulx), Heinrich Rückert (1823-1875Rückert), Friedrich Nietzsche (1844-1900Nietzsche), Oswald Spengler (1880-1936Spengler), Arnold Joseph Toynbee (1889-1975Toynbee), Fritz Schachermeyr (1895-1987Schachermeyr), Julius Evola (1898-1974Evola), Henry Kissinger (*1923Henry Kissinger), Samuel Phillips Huntington (*1927Huntington), Patrick Buchanan (*1938Buchanan), um nur einige Beispiele zu nennen.

Johann Wilhelm Ritter (1779-1859Ritter) schrieb Wissenschaftsgeschichte als Entdecker der ultravioletten Strahlen, der Elektrolyse, der elektrokapillaren Erscheinungen des Quecksilbers und der Ladungssäule, einer Vorform des Akkumulators. Gleichzeitig war er ein bedeutender Schriftsteller. Zu Ritter heißt es in Andreas Hetzels Magisterarbeit (Benjamin): „Benjamin bezeichnet Ritters »Fragmente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers« »als die bedeutendste persönliche Prosa der deutschen Romantik« (GS4, 394). Ritter, der u.a. mit Herder, Franz von Baader und Schelling befreundet war, vermittelt in eigentümlicher Weise zwischen Naturmystik und neuzeitlicher Naturwissenschaft. Seine zerfetzte Kosmologie liest sich wie eine Koproduktion von Goethe und Gertrude Stein. Novalis sagte von Ritter in einem Brief an Caroline Schlegel: »Ritter ist Ritter und wir sind nur die Knappen.« (N4, 275).“ (Andreas Hetzel, Ästhetische Welterschließung bei Oswald Spengler und Walter Benjamin, 1993-1995, S. 105).

Oswald Spengler, Der metaphysische Grundgedanke der heraklitischen Philosophie (veröffentlicht unter dem Titel: Heraklit - Eine Studie über den energetischen Grundgedanken seiner PhilosophieWerke von Spengler), 1904. Die obigen Zitate stammen jedoch aus: Oswald Spengler, Reden und Aufsätze (Werke von Spengler), S. 5ff., 9-12, 47.

Oswald Spengler, Reden und Aufsätze (postumWerke von Spengler). S. 1-47: Heraklit-Dissertation (Spengler): Der metaphysische Grundgedanke der heraklitischen Philosophie - veröffentlichter Titel: Heraklit - Eine Studie über den energetischen Grundgedanken seiner Philosophie (Werke von Spengler), 1904.

Walter Benjamin (Benjamin) studierte ebenfalls bei Alois Riehl (RiehlRiehl), bei dem Spengler promovierte. (Vgl. hierzu auch: Andreas Hetzel, Ästhetische Welterschließung bei Oswald Spengler und Walter Benjamin, 1993-1995, S. 103Benjamin) .

Oswald Spengler, Frühzeit der Weltgeschichte (postumWerke von Spengler).

Martin Heidegger (1889-1976 ) studierte von 1909 bis 1913 in Freiburg Theologie, Mathematik und Philosophie, promovierte 1914 mit der Dissertation „Die Lehre vom Urteil im Psychologismus“ (), habilitierte sich 1916 mit der „Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus“ () und erhielt 1923 eine außerordentliche Professur für Philosophie an der UniversitäMarburg. Die auf sein philosophisches Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927 ) vorbereitende Fundamentalontologie () mit der Suche nach „wahren“ Werten für eine neue Selbstbestätigung des deutschen Geistes und seine Beschäftigung mit den Phänomenen Angst und Entmenschlichung berührten sich mit dem Nationalsozialismus, weil alle Hauptströmungen dieser Zeit eine Reaktion auf die unmenschlichen Ergebnisse des 1. Weltkrieges waren. (). Daß diese Unmenschlichkeit auf ähnliche Weise beantwortet wurde, war kein Wunder, und deshalb fügten sich auch Heideggers Betonung auf Verwurzeltsein, auf die Freiheit im Tod, auf Blut- und Bodenmystik, sein Verständnis der Entscheidungsfreiheit und seine Beurteilung des urbanen Intellektualismus in die Denkmuster der NS-Ideologie. Heidegger, der 1928 die Nachfolge seines Lehrers Edmund Husserl () angetreten hatte, wurde 1933 zum Rektor der Universität Freiburg und zog in seiner Antrittsrede Parallelen zwischen dem Dienst am Wissen, den der Gelehrte leiste, und dem Dienst des Soldaten im Heer bzw. des Arbeiters an seiner Produktionsstätte. Heidegger erblickte im Nationalsozialismus die Verheißung eines gänzlichen Neubeginns des deutschen Schicksals und in Hitler in Gegenwart und Zukunft die einzige Verkörperung deutschen Handelns und seines Gesetzes (3. November 1933). Doch währte Heideggers offizielles Eintreten für die NS-Machthaber kaum ein Jahr. Zwar sprach Heidegger auch später noch, z.B. in einer Reihe von Vorlesungen im Jahre 1935 (abgedruckt in seiner 1953 veröffentlichten „Einführung in die Metaphysik“ ) von der inhärenten Wahrheit und Größe dieser (NS-) Bewegung und bezog dies auf das Aufeinandertreffen der die Welt beherrschenden Technik mit dem Menschen seiner Zeit, das, wie er meinte, in ihrem Denken Ausdruck gefunden habe, doch legte Heidegger keineswegs den damals geforderten Antisemtismus an den Tag - im Gegenteil: er hatte als Rektor die geplante Verbrennung „dekadenter“ Werke jüdischer und kommunistischer Autoren von der Universität unterbunden, außerdem sich verweigert, die Entlassung zweier regime-feindlicher Kollegen zu unterschreiben und war schließlich 1934 sogar als Rektor zurückgetreten.

Die von Martin Heidegger (1889-1976 ) begründete Existenzial-Ontologie heißt auch „Fundamentalontologie“, weil sie das Fundament - das Bedenken des Seins - an die Ontologie liefert. Heidegger machte aus diesem Fundament deshalb eine Fundamentalontologie, weil die Ontologie lediglich das Bedenken des Seienden als Seienden untersucht. Heidegger kritiserte an der abendländischen Metaphysik, daß sie im Verlauf ihrer Geschichte immer nur nach dem Seienden als Seienden gefragt habe; zwar habe sie diese Frage aus der Offenbarkeit des Seins gestellt, aber die Offenheit des Seins selbst sei nie ausdrücklich theamatisiert oder als solche bedacht worden. „Die entscheidende Erfahrung meines Denkens - und das heißt zugleich für die abendländische Philosophie: die Besinnung auf die Geschichte des abendländischen Denkens - hat mir gezeigt, daß im bisherigen Denken eine Frage niemals gestellt wurde, nämlich die Frage nach dem Sein. Und diese Frage ist deshalb von Bedeutung, weil wir im abendländischen Denken das Wesen des Menschen dadurch bestimmen, daß er im Bezug zum Sein steht und existiert, indem er dem Sein entspricht.“ (Heidegger, in: Walter Rüdel & Richard Wisser, Martin Heidegger - Im Denken unterwegs ... [* Film], 1975).

„Unterwegs zur Sprache. Und das ist das einzige Geheimnis Heideggers“ (), so der Heidegger-Übersetzer Jean Beaufret (in: Martin Heidegger - Im Denken unterwegs ..., ein Film von Walter Rüdel & Richard Wisser, 1975): „Übersetzen ist für Heidegger kein Transport eines Pakets aus einem Idiom zu einem anderen, sondern umgekehrt: ein Übersetzen des Denkens selber durch einen Strom an das andere Ufer, nämlich zu dem, was schon zur Sprache gekommen war.“ (). Jean Beaufret hatte übrigens - wie er selbst berichtet - ausgerechnet am 4. Juni 1944, als die Landung der Alliierten in der Normandie gemeldet wurde, sein Heidegger-Erlebnis: zum ersten Mal hatte er ihn verstanden! Und das war für ihn ein so glücklicher Moment, daß im Vergleich dazu die Freude über die sich abzeichnende Befreiung Frankreichs verblaßte. Beaufret schrieb einen Brief an Heidegger: „Ja, mit Ihnen ist es die Philosophie selbst, die sich entschlossen von jeder Platitüde befreit und das Wesentliche ihrer Würde bezieht.“ Daraufhin lud Heidegger Beaufret zu einem Besuch ein, der im September 1946 stattfand, und damit begann die intensive, lebenslange Freundschaft zwischen den beiden. Heideggers Brief Über den Humanismus () ist eine Antwort auf Beaufrets Frage: „Auf welche Weise läßt sich dem Wort Humanismus ein Sinn zurückgeben?“

Leo Frobenius (1873-1938), Ethnologe und Kulturphilosoph (LebensphilosophFrobenius). Vgl. seine Werke: Werke

Albrecht Erich Günther gehörte zum engeren Kreis von Ernst Jünger (Ernst Jünger), dem auch noch dessen Bruder Friedrich Georg Jünger, Franz Schauwecker und Helmut Franke, später Edmund Schultz, Friedrich Hielscher und Arnolt Bronnen zugerechnet werden müssen. Sie waren die eigentlichen Protagonisten des Neuen Nationalismus. „Neu“ war dieser Nationalismus insofern, als er sich scharf von den Vertretern einer älteren, bürgerlichen „Vaterländerei“ absetzte und deren Nostalgien verachtete. „Nationalistisch“ war er insofern, als er offen die Wiederherstellung der deutschen Weltmachtstellung propagierte und zur Erreichung dieses Zwecks keinen anderen Weg als den der Gewalt sah: der Gewalt gegen die Weimarer Demokratie einerseits, gegen die Garantiemächte des Versailler Vertrags andererseits. Vgl. Versailler DiktatVersailler DiktatVersailler DiktatVersailler DiktatVersailler Diktat

Arnold Joseph Toynbee (*14.04.1889 - †22.10.1975Toynbee), A Study of History (12 Bände; Kurzfassung der ersten 6 Bände: Studie zur Weltgeschichte und: Der Gang der Weltgeschichte - Aufstieg und Verfall der Kulturen; 1934-1961Toynbee). Der englische Historiker, Kulturtheoretiker und Geschichtsphilosoph Toynbee war von 1919 bis 1924 Professor für Byzantinistik und neugriechische Sprache, Literatur und Geschichte, von 1925 bis 1956 für internationale Geschichte in London und gleichzeitig Direktor des Royal Institute of International Affairs. Außerdem war er 1919 Mitglied der britischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Paris - wie übrigens auch John Keynes (1883-1946 Keynes). Vgl. „Versailler Diktat“ (Versailler DiktatVersailler Diktat). An den Friedenskonferenzen von 1946 war Toynbee ebenfalls beteiligt. In seinem Hauptwerk (A Study of History), einer Darstellung aller jemals bestehenden Kulturen (bzw. Zivilisationen) versuchte Toynbee, anknüpftend an Oswald Spenglers Morphologie der Weltgeschichte (vgl. Untergang des Abendlandes, 1917-1922 ), deren Aufstieg und Untergang anhand der Theorie von situationsbezogenen Herausforderungen und spezifischen Lagebeantwortungen („challenge and response“) zu erklären. Dieser theoretische Ansatz hält die universalhistorischen Kulturanalysen offen und flexibel. Allerdings hat Toynbee seine Theorie mehrfach erheblich modifiziert. Toynbee bewunderte das kulturmorphologische und organische Geschichtsdenken von Spengler: „Als ich jene Seiten (Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler ist gemeint) las, aus denen gleichsam ein Feuerwerk überraschender geschichtlicher Einsichten in Fülle aufleuchtete, hatte ich zunächst den Eindruck, daß Spengler meine ganze Untersuchung bereits vorweg genommen hatte ....“ (Arnold J. Toynbee, Die Kultur am Scheideweg, 1949, S. 15). Wie Toynbee empfindet auch Huntington (Huntington) eine Bewunderung für Oswald Spengler.

Huntington () hat wohl aus Spenglers Werken direkt abgeschrieben (); sicher ist jedoch, daß er von Spengler inspiriert wurde! (). Vgl. Samuel Phillips Huntington (1927-2008), The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order (deutscher Titel: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Welt im 21. Jahrhundert), 1996. Im Unterkapitel (Das Wesen von Kulturen, ebd., S. 49-62) des 2. Kapitels (Kulturen in Geschichte und Gegenwart, ebd., S. 49-75) heißt es bei Huntington u.a.: „Die menschliche Geschichte ist die Geschichte von Kulturen. Es ist unmöglich, die Entwicklung der Menschheit in anderen Begriffen zu denken. .... Zu allen Zeiten waren Kulturen für die Menschen Gegenstand ihrer umfassendsten Identifikation. Infolgedessen sind Voraussetzungen, Entstehung, Aufstieg, Wechselwirkungen, Errungenschaften, Niedergang und Verfall der Kulturen von den hervorragendsten Historikern, Soziologen und Anthropologen erforscht worden ....“ (Ebd., S. 49). Huntington nennt neben Oswald Spengler auch Max Weber, Alfred Weber, Arnold Toynbee und andere. In der Anmerkung dazu zitiert er erst einmal Spengler: „»Weltgeschichte ist die Geschichte der großen Kulturen« Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, S. 761.“ (). (Ebd., S. 536). „Sobald die globale Phase einer Kultur beginnt (wie heute für die Abendland-Kultur ), lassen ihre Menschen sich täuschen durch ... die »Fata Morgana der Unsterblichkeit« ... und sind überzeugt, daß ihre Gesellschaftsordnung die endgültige sei. So war es im Römischen Reich, im Abbasiden-Kalifat, ... Die Bürger eines solchen Weltstaates ... neigen dazu, in ihm trotz scheinbar unübersehbarer Tatsachen nicht die Zuflucht für eine Nacht zu sehen, sondern »das Gelobte Land, das Endziel menschlichen Strebens«. .... Gesellschaften, die annehmen, daß ihre Geschichte zu Ende sei, sind jedoch für gewöhnlich Gesellschaften, deren Geschichte bald im Niedergang begriffen sein wird.“ (). (Ebd., S. 495). Das klingt nach Spenglers Worten. Nur äußerte Spengler sie viel früher als Huntington. „Spengler unterscheidet acht hohe Kulturen ()“, weiß Huntington (ebd., S. 57) und verweist in der Anmerkung (ebd., S. 538) auf die entsprechende Stelle in Spenglers Untergang des Abendlandes, S. 597 und ff. (). Für die Gegenwart unterscheidet Huntington sieben bis acht Kulturen - drei bis vier davon sind aber entweder nicht eindeutig zuzuordnen oder existieren gar nicht (bzw. noch nicht). Bleiben also vier Kulturen (bzw. Zivilisationen), die noch existieren - die anderen vier sind tot (vgl. Spenglers acht Kulturen). Siehe: Karten () und Daten in der Abbildung ().

Erst durch die auf den Cäsarismus (oder Befruchtung: 22-24Cäsarismus) folgende Phase, die ich Einnistung (oder Nidation: 0-2Einnistung) nenne, wird der Synkretismus unumkehrbar und durch die diesbezügliche Passivität der betreffenden Kultur zur „offenen“ Variante des Synkretismus seitens der aktiven Überfremder oder Erneuerer.

Peter Sloterdijk (*1947Sloterdijk), Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005. Dieser Komfort-und-Konsum-Kristallpalast (Komfort-und-Konsum-Kristallapalast) ist das modern gewordene „Treibhaus“ des Abendlandes (des „Westens“) - ein exklusiver Weltinnenraum für heute ungefähr 1,25 Milliarden Menschen (20% der WeltbevölkerungWeltbevölkerung). Das große Interieur, so heißt der 2. Teil des Buches, beginnt mit einem Zitat von Arthur Schopenhauer (Schopenhauer): „Wie aber auf der Erdkugel überall oben ist, so ist auch die Form alles Lebens Gegenwart ....“ (Schopenhauer). Mehr Gegenwart, weniger Geschichte - so könnte man die Moderne aus der Sicht der Gelangweilten beschreiben, aber gerade deshalb erkennt man ja m.E. die Moderne auch am Historismus, wenn auch der Historismus manchen albern erscheint, wie Sloterdijk im Anschluß an Friedrich Nietzsche (Nietzsche) meint. Laut Sloterdijk befinden wir uns seit Ende des 20. Jahrhunderts in einem „Global Age“, und dieses Globale Zeitalter ist die Resultatsstufe - mit meinen Worten: diese Globalismus-Phase () ist die Vollendungsphase der abendländischen Kultur. „Wer könnte leugnen, daß die westliche Welt - insbesondere die Europäische Union nach ihrer relativen Vollendung im Mai und der Unterzeichnung ihrer Verfassung im Oktober 2004 - in ihren wesentlichen Eigenschaften heute genau ein solches großes Interieur verkörpert? .... Kristallisation bezeichnet das Vorhaben, die Langeweile normativ zu verallgemeinern .... Die geistige Erstarrung zu fördern und zu schützen ist künftig das Ziel aller staatlichen Gewalt. Naturgemäß wird sich die von der Verfassung garantierte Langeweile in die Projektform kleiden .... Daß aber der ewige Frieden im Kristallpalast zur psychischen Bloßstellung der Bewohner führen muß, ... (ist offenkundig; HB). Die Entspannung ... hat unvermeidlich die Freisetzung des Bösen im Menschen zur Folge. Was Erbsünde war, kommt im Klima universeller Bequemlichkeit als triviale Freiheit zum Bösen ans Licht. Mehr noch, das Böse ... kann erst in der ... Langeweile zu seiner quintessentiellen Form auskristallisieren: Von allen Ausreden gereinigt, wird nun, für die Naiven vielleicht überraschend, offenkundig, daß das Böse die Qualität der bloßen Laune besitzt. Es äußert sich als bodenlose Setzung, als willkürlicher Geschmack am Leiden und Leidenlassen, als streunende Destruktion ohne spezifischen Grund. Das moderne Böse ist die arbeitslose Negativität .... Wert oder Unwert - beides richtet sich nach dem Ergebnis des Würfelwurfs. Ohne besonderen Grund wird in der Langeweile das eine geschätzt und das andere verworfen.“  (Peter Sloterdijk, Der Kristallpalast, in: Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 268-270).Langeweile

„Von dem immensen Fortschritt des Levitationsgeschehens kann man sich indirekt, im Spiegel der Theorie, einen Begriff bilden, wenn man Hegels () beiläufige Diagnose über Langeweile und Leichtsinn als Zeitsymptome der beginnenden Moderne mit den Radikalisierungen vergleicht, die Heidegger () in seiner Kulminationsphase zwischen 1926 und 1930 den Themen Zerstreuung und Langeweile abzugewinnen wußte. Daß er mit beiden Motiven an den Stimmungskern der Epoche rührte, war ihm ebenso gewiß, wie er durchdrungen war von seiner Berufung, aus dem Abstieg in den modernen Unernst verwandelt zurückzukehren. Als Erdulder der Leere wird er imstande sein - so seine Überzeugung -, den aufsteigenden Weg zu weisen; aus dem Tauchbad der Besinnung auf die unvermeidliche Zerstreutheit soll es vorwärtsgehen zu neuen Formen der Sammlung und der Ergriffenheit durch das unausweichlich zu vollbringende Werk. Die Vorlesung des Wintersemesters 1929/30 über Grundbegriffe der Metaphysik ist vor allem durch die sensationelle Phänomenologie der Langeweile bekannt geworden, von der man nicht zu viel sagt, wenn man sie als die profundeste Gegenwartstheorie bezeichnet, die das 20. Jahrhundert hervorzubringen imstande war.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 728). Sie „gehört zu dem Eindrucksvollsten, was Heidegger jemals vorgetragen hat. So ist in der gesamten philosophischen Überlieferung nur ganz selten eine Stimmung beschrieben und ausgedeutet worden wie in dieser Vorlesung.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 220). Sloterdijk weiter: „In dessen Kern steht laut Heidegger eine levitierte Existenz, deren herausragendes Merkmal die Unmöglichkeit ausmacht, von irgend etwas ganz ergriffen zu sein. Der Mensch erfährt sich als eine hohle und leichte Form, der kein erfüllender Inhalt zugeordnet ist; weit und breit nichts in Sicht, was das Dasein zur Würde des Realen erhöbe. Hier wird die unerträgliche Leichtigkeit des Seins begrifflich exponiert: Sie heißt an dieser Stelle die »Not der Notlosigkeit«. Der Ausdruck gibt den ersten klaren philosophischen Befund von der entfalteten Konsumgesellschaft.“ (Peter Sloterdijk, ebd, 2004, S. 728-729).Mehr

Zu Heideggers Phänomenologie der Langeweile: „Vor dem Unbehagen in der Erleichterung gibt es kein Entrinnen: Weil im abgerüsteten Dasein das innere Ernstfall-Urteil ausbleibt, fühlt sich das Subjekt einer schalen Entlastung ausgesetzt. Seine Leichtigkeit tut ihm auf merkwürdige Weise weh - oder besser, es fühlt sich von dem, was weh tun könnte, beunruhigend abgeschnitten. Es ist sich selber gleichgültig - und das zu Recht, da es ihm so, wie es gegenwärtig lebt, bei allem, was es unternimmt, um nichts Wirkliches gehen kann. Das untergriffene Leben langweilt sich. Langeweile, das heißt: man erfährt die eigene Zeit als eine innere Dehnung, die übermäßig auffällt, weil sie sich nicht in sinnvollen Handlungen erfüllt. Sie wird erlebt als quälende Dauer vor dem Eintritt des nächsten Ereignisses, das die Stauung auflöste. Paradigmatisch: stundenlanges Warten auf den Zug an einem Provinzbahnhof. Doch die Unterergriffenheit reicht viel weiter. Das Tier ohne Mission tappt durch den Nebel; vieles ist möglich, nichts überzeugt. Weil ich nicht ergriffen bin, greife ich vieles auf. Ich stürze mich in den Betrieb, ich wende mich künstlich begeistert dem Unaufschiebbaren zu, das an mich zu appellieren scheint: Erledige mich! Ich gebe den Engagierten, den Agenten des Wichtigen, den Militanten. Wenn ihr den Frontmann sucht, hier ist er! Sehe ich näher zu, muß ich gestehen: auch ». ..das sind nur Ornamente meines Dösens gewesen«. Selbst das Engagement erweist sich als eine Form der Zerstreuung. Indem es den Zeitsinn in eine fahle Weite zerdehnt, korrumpiert das Unergriffensein die Konzentration auf wesentliche Vorhaben. Es wird unmöglich, sich in einer Handlung zu sammeln. Kann man die Zeit der flachen Langeweile noch selber totschlagen, bleibt sie bei der tiefen Langeweile im Dasein stehen. Dadurch verliert dieses das Merkmal seiner Existentialität: die Fähigkeit, sich zu einem plausiblen Werk aufzuraffen. Die Verstimmung wächst, bis das Selbst jede Kontur verliert - doch denkt Heidegger nicht daran, auf halbem Wege Halt zu machen. Wo betriebsames Dasein war, muß tiefste Langeweile werden. Sie ist die mitten ins Leben einschlagende Unmöglichkeit, ein Projekt zu haben. Wenn man sich ganz als Kind der zerstreuten und erleichterten Zeit begreift und darüber hinaus bis ins Innere wie ein Verlierer empfindet, dem nichts geblieben ist - dann ist es einem so langweilig, daß gar nicht mehr angegeben werden kann, wer derjenige wäre, dem der Entzug widerfährt. Wie die große Angst den Weltentzug bewirkt - und durch Kontrast den Hinweis auf das Wunder, daß etwas ist, verstärkt -, so die tiefe Langeweile den Selbstentzug. A contrario kann sie das Entzogene zum Aufleuchten bringen: die Verdichtung der Zeit in der sinnvollen Handlung. Heidegger rührt mit diesem Abstieg in die letzte Enteignung an einen pathologischen Grenzwert der Entlastung, bei der dem Entlasteten das Gefühl für die eigene Existenz verlorengeht, so daß er sich selber wie eine intimgleichgültige Tatsache spürt. Meine Eigentlichkeit läßt sich jetzt als die völlige Abwesenheit des Seins von mir beschreiben. In der tiefsten Langeweile gibt es nur noch Umstände, denen kein Selbst einwohnt; der tief Gelangweilte ist die real existierende Inexistenz. Der Schmerz der Schmerzlosigkeit wütet in ihr. Wie ein negativer Atlas muß die inexistente Existenz die ganze Gewichtlosigkeit des Universums tragen. Unerträglich leicht ist eine Welt, aus der mein Zeitherz, mein lebendiges Jetzt-etwas-zu-tun-Haben, amputiert wurde. Gewiß hätte der Philosoph seinen Hörern diesen descensus ad inferos nicht zugemutet, wäre er nicht der Meinung gewesen, in ihnen den Funken des Wiederaufstiegs entzünden zu können. Der Sinn der Meditation war unverhohlen dialektisch, sie sollte die »positive Kraft des Negativen« freisetzen, um aus der Abgespanntheit zurückzukehren in eine wirkende Ergriffenheit durch das nun so genannte Unumgängliche. So geht auch bei Heidegger, wie später bei Sartre, ein radikales Degagement dem Engagement voraus - mit dem Unterschied, daß der Meister aus Deutschland die engagementfähige und werktaugliche Existenz auf dem Umweg über die Auferstehung aus der tiefsten Langeweile konstruiert. .... Die Wende soll vom Leerbleiben in der Entlastung zur Neubelastung durch etwas epochal Wichtiges, Notwendiges führen; sie setzt auf den therapeutischen Wert des Wichtigtuns. Aus der Offenbarung des nichtigen Nichts in der leeren Zeit steigt das Dasein auf zu einer akuten Zuspitzung der Existenz in der Zeit des Werks.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 729-732). „Ist es noch nötig zu sagen, daß Heideggers große Phänomenologie der Langeweile von 1929/1930 sich nur als Ausbruch aus dem europaweit etablierten (obgleich durch Kriegsschäden schwer ramponierten) Kristallpalast verstehen läßt, dessen moralisches und kognitives Binnenklima - die unvermeidliche Abwesenheit jeder gültigen Überzeugung und die Überflüssigkeit jeder persönlichen Entscheidung - hier klarer erfaßt wird als irgendwo sonst?  Heidegger hatte mit seiner Beschreibung der uneigentlichen Existenz in Sein und Zeit, 1927, namentlich in den berüchtigten Paragraphen über das Man, seine Untersuchung über die Grundbefindlichkeit des gelangweilten Daseins vorbereitet. Hier nahm die phänomenologische Revolte gegen die Zumutungen des Aufenthalts im technischen Gehäuse Gestalt an. Was später das Ge-stell heißt, wird an dieser Stelle zum ersten Mal ausführlich beleuchtet - vor allem hinsichtlich der unauthentischen, um sich selbst gebrachten Existenz. Wo jeder der andere ist und keiner er selbst, ist der Mensch um seine Ekstase betrogen, um seine Einsamkeit, seine eigene Entscheidung, seinen Direktbezug zum absoluten Außen, dem Tod. Massenkultur, Humanismus, Biologismus sind die munteren Masken, hinter denen sich, nach der Einsicht des Philosophen, die tiefe Langeweile des Daseins ohne Herausforderung verbirgt. Die Aufgabe der Philosophie wäre demnach, das Glasdach über dem eigenen Kopf zu sprengen, um den Einzelnen wieder unmittelbar zum Ungeheuren zu machen. Wer sich an das Phänomen Punk erinnert, das in den 1970er und 1980er in den Jugendkulturen spukte, kann sich an einem zweiten Beispiel den Zusammenhang zwischen allgegenwärtigem Langeweile-Fluidum und generalisierter Aggression vergegenwärtigen. In gewisser Weise war Heidegger der Punk-Philosoph der 1920er Jahre, ein zorniger junger Intellektueller, der an den Gitterstäben der Schulphilosophie rüttelte - aber nicht nur an diesen, sondern an den Gittern des städtischen Komforts und der sozialstaatlichen Existenzenteignungssysteme. .... Im Blick auf das große Verwöhnungstreibhaus im ganzen drängst sich die Frage auf, ob die Langeweile-Diagnosen Heideggers nicht nur philosophisch und psychologisch codierte Dekadenzprognosen darstellten. Auch Nietzsches sinnverwandte Vision vom letzten Menschen wäre dann nichts anderes als die Antizipation jenes Konsumenten gewesen, der sich abgründig langweilt und zugleich glänzend unterhält.“ (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 270-272 und 347Sloterdijk).

Gert Müller, Oswald Spenglers Bedeutung für die Geschichtswissenschaft, in: Saeculum (13), 1962, S. 382.

Hans-Jürgen Heinrichs, Die fremde Welt, das bin ich. Leo Frobenius (Frobenius), 1998. (Vgl. auch: Peter Sloterdijk & Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 155, S. 176, S. 187, S. 225, S. 228).

Oswald Spengler wohnte 1901-1902 und wieder 1911-1936 in München. Seine Wohnugen befinden sich alle im Stadtteil Schwabing: Kaulbachstraße (1901-1902), Arcisstraße 38 (1911-1914), Agnesstraße 54 (1914-1925; innerhalb des Hauses 1920 Umzug in eine größere Wohnung im dritten Stock), Widenmayerstraße 26 (1925-1936).

Andreas Hetzel, Ästhetische Welterschließung bei Oswald Spengler und Walter Benjamin, 1993-1995 (Benjamin). „Nach einem Studium der Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie in Halle, Berlin und München promoviert Spengler 1904 bei Alois Riehl (RiehlRiehl). Bei Riehl studierte auch Benjamin. Gegenüber Scholem zitiert er »das Witzwort, das über die beiden Ordinarien Stumpf und Riehl umging: ›In Berlin ist die Philosophie mit Stumpf und Riehl ausgerottet worden.‹« ... Die Einsicht in den Primat des Lebens und der Geschichte nötigt die Reflexion zu einem Verzicht auf Versuche, letzte Prinzipien zu finden, die der Reflexion vorausgehen oder zugrundeliegen. Sowohl Benjamin als auch Spengler sind material orientierte Kulturphilosophen. Im Mittelpunkt ihrer Erwägungen stehen keine streng philosophischen Rationalitäts- und Begründungsprobleme, sondern Probleme der Kultur, der Geschichte und der Kunst. Die philosophische Reflexion Spenglers und Benjamins richtet sich nachträglich auf Geschichte, Kultur und Kunst als vorgängige Manifestationen von Reflexion. Diesen Gestus »konstitutiver Nachträglichkeit« teilen beide Autoren mit der Hermeneutik. versuchen sich ästhetischer Darstellungsmittel auch als formaler Organisationsprinzipien zu bedienen. Sein Hauptwerk, „Der Untergang des Abendlandes“, gleicht in vielen Punkten einem Roman. Spengler erzählt Geschichte. Die späteren Versuche zur Ur- und Frühgeschichte sowie zur Anthropologie greifen auf die literarischen Formen des Aphorismus und des Fragments, die Spengler aus seiner Lektüre von Heraklit und Nietzsche vertraut sind, zurück. Der irreduziblen Individualität der Ereignisse in der geschichtlichen Welt unangemessen, weckt die systematische Philosophie in Spengler eine »geheime Sehnsucht nach künstlerischem Ausdruck: poetische Beschreibung, dramatische Konzeption, Bild, Vision, Andeutung durch blitzartige Aphorismen (die das Mittel der Sprache nur berühren)!«  (FdW, 19-20Spengler). „Der Untergang des Abendlandes“ ist die Frucht eines gescheiterten Romanprojekts, mit dem Spengler die künstlerische Erschließung der geschichtlichen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts anstrebte. Nachdem ihm das Erbe seiner 1910 verstorbenen Mutter zugefallen ist, gibt er seine Stellung als Gymnasiallehrer in Hamburg auf und zieht 1911 mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden, nach München. Schon als Achtzehnjähriger plant er Dramen mit hochtrabenden Titeln wie Montezuma, Menschenfrühling, Malstrom, Cäsar, Sokrates und Tiberius. Montezuma wird als einziger Entwurf 1897 vollendet. Er legt das Stück einem Onkel, der Oberregisseur am Kasseler Hoftheater ist, vor. Dieser lehnt den Montezuma ab. Spengler scheint München ganz bewußt und aus primär »literarischen« Gründen als Wohnsitz gewählt zu haben. In einem Brief begründet er seine Wahl mit der besonderen geistigen Atmosphäre der Stadt: »Denn München ist in Deutschland die altmodische Stadt par excellence, die heute Berlin gegenüber von der letzten Künstlerromantik zehrt.« (Sp.Br., 35). In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war München, wie Felken treffend bemerkt, »ein Stück Lebensphilosophie.« (Detlef Felken, Oswald Spengler, 1988, S. 26). In der Isar-Metropole residiert George. Spengler wohnt in seinem ersten Münchner Jahr in der Kaulbachstraße (Kaulbachstraße) in unmittelbarer Nachbarschaft des Hauses, in dem der George-Kreis regelmäßig zusammentraf. Obwohl er Georges Dichtung wie Benjamin sehr schätzte, hatte Spengler scheinbar keinen Kontakt zum George-Kreis. In München lebte zu dieser Zeit auch Thomas Mann, dessen Werke sich für Spengler durch eine »Biedermeierempfindsamkeit, ins Großstädtisch-Homosexuelle projiziert,« (Sp. Br., 24) auszeichnen. ... Auch bedeutende bildende Künstler tragen zu Münchens Ruf als Kulturmetropole bei, so die Malergruppe »Blauer Reiter«. 1903 hält Lenin sich in München auf, während zehn Jahre später »der Schneidermeister Popp den Wiener Maler Adolf Hitler als neuen Untermieter« (Detlef Felken, ebd., S. 26) begrüßt. Zur gleichen Zeit propagieren Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller ihren Anarcho-Sozialismus. (Auch Benjamin studiert von 1915 bis 1917 in München und lernt dort in einem Mexikanistik-Seminar Rainer Maria Rilke kennen). »Avantgarde und Rassenmystik, anarchistische und rechtsradikale Utopien stießen in diesem München der Vorkriegszeit wie wohl nirgendwo sonst aufeinander und gaben der Stadt eine unvergleichliche Atmosphäre vieldeutiger Modernität.«  (Detlef Felken, ebd., S. 27). Vor dem Hintergrund dieser historischen Kulisse wird deutlich, warum Spengler in den Jahren zwischen 1910 und 1920 eine Gegenwartsdiagnose erstellen konnte, die in vielen Details heutige Bestimmungen der »Postmoderne« vorwegnimmt. Die Münchner Atmosphäre wird von Spengler mehrfach geschmäht, übt aber doch eine so große Faszinationskraft auf ihn aus, daß er bis an sein Lebensende in München wohnhaft bleibt.“ (Andreas Hetzel, ebd., S. 103-104, 117-119Benjamin). Vgl. www.sicetnon.org/... pdf! So wie Andreas Hetzel bezüglich der ästhetischen Welterschließung Oswald Spenglers Ähnlichkeiten bei Walter Benjamin sieht, so sieht Frank Lisson (Benjamin) bezüglich der Weltangst (als der Angst des Schöpferischen in der Weltgeschichte) Oswald Spenglers Ähnlichkeiten bei Hermann Hesse. (Lisson). Die drei Dichter-Ästheten gehören derselben Generation an, was dazu verleiten könnte, sie allein schon wegen dieser Parallele über alle Unterschiede hinweg, die es zwischen ihnen zweifellos gibt, zu verkuppeln.

 

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