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Zu verstehen ist die Beschäftigung mit der Historie der deutschen Sprache,
mit den alten Teutschen, den Germanen nur aus einer allgemeinen
Geschichtsgläubigkeit, die dem heutigen Menschen nahezu völlig verlorengegangen
ist; aber was heute als bizarre Ansammlung von Relikten ewig langer Zeiten erscheint,
bot besonders in der Romantik eine Fülle
von Material für das Selbstverständnis, und es erschien unerläßlich
für das Verständnis der Gegenwart, ein Bild der Vorfahren, ihres Denkens
und Fühlens, zu bekommen. Geschichte gilt heute als eine unter vielen Möglichkeiten,
den Menschen zu verstehen, damals offenbarte sie einen Hauch des Weltgeistes und
schien zu zeigen, wie der Geist allmählich zum Bewußtseyn
und zum Wollen der Wahrheit kommt .... (Hegel).
Also
erforschte man die Vorfahren, und daß die Vorfahren der Deutschen eben jene
Germanen gewesen seien, von denen die antiken Autoren berichtet hatten, blieb
bis weit ins 19. Jh. eine von niemanden angezweifelte Tatsache. Diese Entwicklung
setzte sich im Historismus
fort und erfuhr erst ab 1917/18 eine Krise,
in der Bewegungen veschiedener Neuorientierungen entstanden, aber eben auch sie
bekämpfende Gegenbewegungen. ( ).
Diese Krise wurde eigentlich erst seit etwa 1960 beigelegt, als die Arbeit am
Deutschen
Wörterbuch, die die Brüder Grimm 113 Jahre vorher begonnen
hatten, abgeschlossen werden konnte. Selbst wenn wir etwas anderes anstrebten,
sind wir durch den heutigen Globalismus
mehr denn je dazu veranlaßt, neben den historischen auch viele andere Methoden
zu berücksichtigen, um den wahren Aussagen oder den Aussagen
als Waren näher kommen zu können. (Vgl. Cäsaren-Mediokratie;
). Die
Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts
bzw. seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts Disziplin oder Forschungsrichtung innerhalb
der Sprachwissenschaft, beschäftigt sich seitdem mit der Rekonstruktion von
Einzelsprachen, indem sie Ursprung, Entwicklungsgeschichte und Verwandtschaftsbeziehungen
von Einzelsprachen mit der Methode des Vergleichs untersucht. Komparative Methode
bedeutet, daß durch den Vergleich bestimmter Phänomene in mehreren
verwandten (oder als verwandt vermuteten) Sprachen Formen früherer Sprachzustände
aufgedeckt oder auch ausgeschlossen werden können und eine gemeinsame Ursprache
rekonstruiert oder auch ausgeschlossen werden kann. Neben
der materialbezogenen Historisch-Vergleichenden Sprachwissenschaft, die besonders
durch die Entdeckung der Verwandtschaft des Sanskrit mit den indogermanischen
Sprachen ausgelöst und begründet wurde und Methoden zum Nachweis sprachgenetischer
Verwandtschaft ausarbeitete, erzielte auch die allgemeine Sprachwissenschaft,
besonders seit Wilhelm von Humboldt
(1767-1835), größte Wirkung. Gerade Humboldts Unterscheidung von Energeia
(Sprache als Tätigkeit oder wirkende Kraft) und Ergon
(Sprache als Produkt einer abgeschlossenen Tätigkeit oder statisches
Werk) sowie von äußereren und innereren Sprachformen überhaupt
und seine These von der Verknüpfung der Sprache mit Kultur, Mentalität
und Weltsicht eines Volkes (Hypothese von der sprachlich vermittelten Welt[an]sicht),
wurden später von vielen Sprachwissenschaftlern übernommen, wirkten
sich in unterschiedliche Weise auf spätere Sprachtheorien aus.
- Die Junggrammatiker
(Leipziger Schule) -
Durch die sogenannten Junggrammatiker (auch: Leipziger Schule)
wurde die historische Betrachtung von Sprache zum primären, fast ausschließlichen
Untersuchungsziel sprachwissenschaftlicher Forschung. Die Junggrammatiker waren
eine in den 1870er Jahren in Leipzig entstandene Gruppe von Sprachwissenschaftlern,
deren positivistische Sprachauffassung sich gegen die metaphysischen und biologistischen
Sprachauffassungen der vorausgehenden Phase ( )
richtete. Vertreter dieser Richtung waren vielen z.B. Berthold Delbrück
(1842-1922), Karl Verner
(1846-1896), Karl Brugmann
(1849-1919) und viele andere. Als Beginn der junggrammatischen Schulke gelten
die Erscheinungsdaten von Verners Erklärungen scheinbarer Ausnahmen der ersten
Lautverschiebung (1877: Vernersches
Gesetz). Die Arbeiten der Junggrammatiker lassen sich (soweit sie die
allgemeine Sprachwissenschaft betreffen) durch folgende Aspekte charakterisieren:
(1) Untersuchungsgegenstand des Sprachwissenschaftlers
ist nicht das Sprachsystem, sondern die im einzelnen Individuum lokalisierte und
somit unmittelbar beobachtbare Sprache (vgl. Idiolekt), die als eine
sowohl psychische als auch physische Tätigkeit angesehen wird. (2)
Autonomie der Lautebene: Gemäß dem Postulat der Beobachtbarkeit des
Materials (anstelle von Abstraktionen) gilt die Lautebene als wichtigste Beschreibungsebene,
wobei zugleich eine absolute Autonomie der Lautebene gegenüber Semantik und
Syntax angenommen wird. (3) Historismus;
Hauptziel sprachwissenschaftlicher Untersuchung ist die Beschreibung des geschichtlichen
Wandels der Sprache. Dieses fast ausschließliche Interesse an der diachronischen
Entwicklung von Sprache dokumentiert sich in der großen Zahl von historisch
vergleichenden Kompendien, die sich durch Faktenfülle ebenso auszeichnen
wie durch die Exaktheit ihrer Rekonstruktionsmethoden. (4)
Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze; Dieses am Vorbild der Naturwissenschaften orientierte,
vielfach umstrittene Postulat gründet sich nicht auf empirische Befunde,
sondern ist ein wissenschaftstheoretisches Apriori, das die Gleichartigkeit geisteswissenschaftlicher
und naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden sichern soll. (5)
Analogie: Wo diese Prämisse der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze scheinbar
versagt, wird Analogie als Erklärungshilfe angesetzt; d.h. Ausnahmen werden
als (reguläre) Anpassung an verwandte Formen verstanden. Methoden
und Ziele der junggrammatischen Sprachbetrachtung sind - trotz ihres starken Nachwirkens
- kritisiert worden; diese Kritik richtete sich vor allem gegen folgende Punkte:
die Reduktion des Untersuchungsgegenstandes auf Idiolekte; die Beschränkung
auf Beschreibung von Oberflächenphänomenen (Lautebene); die Vernachlässigung
der gegenwärtigen Sprache bzw. die Überbewertung der historischen Sprache
(vgl. auch: Historismus-Kritik);
die Beschreibung atomistischer Einzelvorgänge statt systemhafter Zusammenhänge.
- Der Strukturalismus (Genfer
Schule) -
Der Strukturalismus entstand als Reaktion gegen die von den Junggrammatikern vertretene
positivistisch-atomistische sprachwissenschaftliche Betrachtung in Bezug auf Ferdinand
de Saussure (1857-1913) und seinem
postum veröffentlichten Cours de linquistique générale
(1916). Saussure war ab 1896 in Genf Professor für vergleichende und historische
indogermanische Sprachwissenschaft (inklusive Sanskrit). Seine Genfer Vorlesungen
von die neue Ära der Sprachwissenschaft ein, und zwar an dem Tag, als er
zeigte, daß sich die Vorgänge der Sprache nicht nur auf deren Geschichte
- auf die Diachronie - zurückführen lassen, daß also z.B. die
Geschichte eines Wortes nicht immer auch etwas über seine heutige Bedeutung
aussagt. Der Grund dafür sei, daß es über die Geschichte hinaus
das System (Saussure nannte es nicht Struktur) gebe und daß
ein solches System im wesentlichen aus Gleichgewichtsgesetzem bestehe, die auf
seine Elemente zurückwirken und zu jeder Zeit der Geschichte von der Synchronie
abhängen. Weil nämlich die Grundbeziehung in der Sprache eine Entsprechung
zwischen dem Zeichen und dem Sinn sei, bilde die Gesamtheit der Bedeutungen ganz
natürlich ein System auf der Grundlage von Unterscheidungen und Gegensätzen
(denn diese Bedeutungen bedingen einander) und ein synchrones System (den diese
Beziehungen sind interdependent). Saussure definierte den Gegenstandsbereich der
Linguistik also mittels Gegensatzpaaren (Dichotomien): Sprache soll nicht mehr
als Ergebnis historischer (diachroner) Entwicklung gesehen werden, sondern
als Zusammenwirken gleichzeitiger (synchroner) Einheiten. Daß dieser
der Historismus-Kritik
entsprungenene Strukturalismus grundsätzlich
synchronisch ist, also im Gegensatz zum diachronischen Standpunkt (vgl. Historisch-Vergleichende
Grammatik: Bopp
und Anhänger, vor allem aber die Junggrammatiker
und Anhänger) und auch zur später dominant werdenden Transformationsgrammatik
der Nativisten (Chomsky
und Anhänger) steht, hängt mit drei Gründen zusammen, u.a. mit
der eben erwähnten relativen unabhängigkeit der Gleichgewichtsgesetze
bezüglich der Entwicklungsgesetze, dem Willen zur Befreiung von linguistik-feindlichen
Elementen, mit der Willkürlichkeit (Arbitrarität) des sprachlichen Zeichens.
Saussure bezog die Arbitrarität auf das Verhältnis von sprachlichen
Lautbild (image acoustique) und seiner Vorstellung (concept)
und belegte die Beliebigkeit dieser Verbindung durch die Tatsache, das dasselbe
Objekt der Realität von Sprache zu Sprache verschieden benannt wird. Arbitrarität
bedeutet jedoch nicht, daß der einzelen Sprecher nach freier wahl bei der
Konstruktion sprachlicher Ausdrücke verfahren kann, denn: unter dem Aspekt
von Spracherwerb
und Kommunikation erfährt der Sprecher den Zusammenhang zwischen zeichen
und Bedeutung als eine gewohnheitsmäßige, obligate Verbindung. Folgende
Grundannahmen Saussures gelten als konstitutiv für strukturalistische Sprachanalysen:
(1) Sprache kann unter drei verschiedenen Aspekten
betrachtet werden; (a) als Langue (=
im Gehirn aller Sprecher einer bestimmten Sprache gespeichertes System), (b)
als Parole (= aktuelle Sprechtätigkeit in konkreten Situationen)
und (c) als Faculté de langage
(= generelle Fähigkeit zum Erwerb und Gebrauch der Sprache), wobei langue
und Parole sich bedingen. Untersuchungsgegenstand der Sprachwissenschaft
ist die langue, die aber ihrerseits nur über eine Analyse der
Äußerunegn der Parole beschrieben werden kann. (2)
Sprache im Sinne von Langue wird als ein System von Zeichen aufgefaßt.
Jedes Zeichen besteht aus der Zuordnung von zwei (sich gegenseitig bedingenden)
Aspekten, dem konkret materiellen Zeichenkörper (z. B. seiner akustischer
Lautgestalt), sowie einem begrifflichen Konzept. (Vgl. hierzu: Bezeichnendes
vs. Bezeichnetes). Die Zuordnung dieser beiden Aspekte zueinander ist willkürlich
(arbiträr), d. h. sie ist sprachspezifisch verschieden und beruht auf Konvention.
(3) Diese sprachlichen Zeichen bilden ein System
von Werten, die zueinander in Opposition stehen. Jedes Zeichen ist definiert durch
seine Beziehung zu allen anderen Zeichen desselben Systems. Durch dieses Prinzip
des Kontrasts ist das grundlegende strukturalistische Konzept des
distinktiven Prinzips charakterisiert. (4)
Diese Elernent-Relationen lassen sich auf zwei Ebenen analysieren; einmal auf
der syntagmatischen, d. h. linearen Ebene des Miteinandervo kommens, zum anderen
auf der paradigmatischen Ebene der Austauschbarkeit von Elementen in bestimmter
Position. (Vgl. hierzu: paradigmatische vs. syntagmatische Beziehung.
(5) Da Sprache als Zeichensystem aufgefaßt
wird, muß ihre Analyse unter streng synchronem Aspekt, d. h. als Beschreibung
eines zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehenden Zustandes betrieben werden. (Vgl.
hierzu Synchronie vs. Diachronie). (6)
Sprachanalyse beruht auf einem repräsentativen Corpus, dessen Regularitäten
durch die beiden Analyseschritte der Segmentierung und Klassifizierung bestimmt
werden, wobei die Segmentierung der syntagmatischen, die Klassifizierung dre paradigmatischen
Ebene zuzuordnen ist. Hier geht es also um die Distribution (die Gesamtheit
der Umgebungen, in denen ein sprachliches Element im Verhältnis zu den Umgebungen
aller anderen Elemente in einem übergeordneten Sprachbaustein vorkommen kann)
und das Ziel, möglichst Minimalpaare (zwei Ausdrücke einer
Sprache mit verschiedener Bedeutung, die sich nur durch eine Form unterscheiden,
z.B. deutsch: Kopf vs. Topf durch nur ein Phonem).Während
der Strukturalismus im engeren Sinne sich auf die von Sausures System-Gedanken
ausgehenden sprachwissenschaftlichen Richtungen bezieht, verwendet man Strukturalismus
im weiteren Sinne als Gesamtbezeichnung für anthropologische, ethnologische,
sozialwissenschaftliche, geisteswissenschaftliche literatur-theoretische und psychologische
Forschungen, die - in Analogie zum Strukturalismus der Sprachwissenschaft - anstatt
genetisch von historischen Vorausetzungen auszugehen, sich auf synchrone Zustandsanalysen
konzentrieren, um den Nachweis universeller, unter der Oberfläche sozialer
Beziehungen wirksamer Strukturen zu führen. (Vgl. Linguistische
Wende). -
Der Nativismus (Chomsky-Schule) -
Die Ära des linguistischen Strukturalismus wechselte allmählich, ausgelöst
durch die 1957 erschienenen Syntactic Structures des US-Amerikaners
Noam Chomsky
(*07.12.1928), in eine Ära des linguistischen Nativismus (Generative Transformationsgrammatik,
GTG).
Wissenschaftsgeschichtleich steht Chomsky in der Tradition des Rationalismus
- besonders in der Tradition der Rationalisten Gottfried Wilhem Leibniz
(1646-1716) und René Descartes
(1596-1650) - und des Neuhumanismus-Hauptvertreters
im Deutschen
Idealismus und Sprachforschers Wilhelm von Humboldt
(1767-1835). Chomsky war zunächst Schüler des Strukturalisten Z. S.
Harris und stellte 1957 seine Generative Grammatik in seinen Syntactic
Structures dar, die er 1965 erweiterte und revidierte mit dem Werk Aspects
of the Theory of Syntax (= ST
).
Generative Transformationsgrammatik bedeutet die Verfolgung des Ziels, eine formalisierte
Beschreibung der Sprache zu geben, in die auch Einsichten der mathematischen Logik
und überhaupt des Rationalismus einfließen. Chomsky und seine Anhänger
wollen erklären, auf welche Weise es dem Menschen möglich ist, mit einer
endlichen Menge von Regeln eine unendliche Menge von Sätzen zu produzieren
und zu verstehen. Generativ leitet sich hier also aus dem zentralen Anliegen
dieser Grammatiktheorie ab, die Fähigkeit zum Erzeugen von Sätzen
zu erklären. ( ).
Mit dem Ausbau des Konzepts der angeborenen Ideen wendet sich Chomsky
gegen die behavioristische Sprachauffassung (wie z.B. bei Skinner). Chomsky erweiterte
seine Grammatiktheorie zu einer Theorie des Spracherwerbs, indem er die Entwicklung
der Kompetenz durch einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus auf der Basis von
grammatischen Universalien erklärte. Eine endliche Menge von Kernsätzen,
die durch kontextfreie Phrasenstrukturregeln erzeugt werden, bilden die Basis
für die Anwendung von Transformationsregeln, die einen prinzipiell unendlichen
Gebrauch von endlichen Mitteln gewährleisten. ( ).
Nach Chomsky ist die Sprachkompetenz ein dynamisches Konzept - ein Erzeugungsmechanismus
- zur unendlichen Produktion von Sprache. Im Anknüpfung an die Sprachauffassung
des Rationalisten Leibniz und des neuhumanistisch-idealistischen Sprachforschers
Humboldt postulierte Chomsky einen spezifisch menschlichen Spracherwerbsmechanismus
zur Erklärung des Phänomens, daß Kinder, obwohl die sprachlichen
Äußerungen ihrer Umwelt nur einen defizitären und unvollständigen
Input darstellen, die syntaktischen Regeln ihrer Muttersprache in relativ kurzer
Zeit beherrschen und eine fast unbegrenzte Menge grammatischer Ausdrücke
verstehen und erzeugen können. Nach der rationalistisch-idealistischen
Theorie ist jedes Kind mit einem angeborenen Schema für zulässige Grammatiken
ausgestattet (vgl. Universalien) und mit einem System an kognitiven
Prozeduren zur Entwicklung und Überprüfung von Hypothesen über
den Input. So formuliert das Kind Hypothesen über die grammatische Struktur
der gehörten Sprache, leitet Voraussagen über sie ab und überprüft
die Voraussagen an neuen Sprachbausteinen. Es elimiert diejenigen, die der Evidenz
widersprechen und validiert diejenigen, die nicht durch Einfachheitskriterium
eliminiert würden. Dieser Mechanismus wird mit dem ersten Input in Gang gesetzt.
(Vgl. Tabelle).
Das Kind leistet somit eine Theoriebildung, die derjenigen eines Linguisten vergleichbar
ist, der eine deskriptiv und explanativ adäquate Theorie einer Sprache konstruiert.
Der Nativismus ist also eine philosophisch-psychologische Position, die die kognitive
Entwicklung des Menschen primär aus der Existenz von angeborenen Ideen
ableitet. Es ist tatsächlich auffallend, mit welcher Schnelligkeit ein Kind
die Grammatik der Elternsprache, trotz ihrer Komplexität, beherrschen lernt.
Das Mißverhältnis zwischen Input und Output und die Gleichförmigkeit
der Ergebnisse in allen Sprachen lassen ebenfalls vermuten, daß hier nicht
der Drill (vgl. Konditionierung) am Werk war. Außerdem verläuft
der Prozeß des Spracherwerbs relativ unabhängig von der individuellen
Intelligenz. Grammatische Universalien sind Eigenschaften
(bzw. Hypothesen über solche Eigenschaften), die allen menschlichen Sprachen
gemeinsam sind. Sie existieren aus biologischer Notwendigkeit und sind das Ergebnis
empirischer Generalisierungen von Beobachtungen der sogenannten Oberflächenstruktur
von möglichst vielen und verschiedenen Sprachen. Beispielsweise besitzt jede
Sprache Vokale oder universell geltende Implikationen, die sich auf die Relation
zwischen zwei Eigenschaften beziehen: wenn z.B. eine Sprache in ihrem Numerussystem
über einen Dualis verfügt, dann verfügt sie mit Sicherheit auch
über einen Plural (diese Regel gilt aber nicht umgekehrt!). In Chomskys Modell
einer Generativen Transformationsgrammatik sind Universalien die Basis des angeborenen
Spracherwerbsmechanismus, aufgrund dessen ein Kind in der Lage ist, in relativ
kurzer Zeit eine komplexe Grammatik zu erlernen. ( ).
Chomsky unterscheidet (Aspekte der Syntaxtheorie, 1965), zwischen substantiellen
Universalien, z.B. in der Phonologie das Inventar der phonetisch definierten distinktiven
Merkmale, aus dem jede Sprache eine charakteristische Auswahl trifft, und formalen
Universalien, d.h. Aussagen über Form und Beschränkungen von Regeln.
So postuliert er für jede Grammatik Phrasenstrukturregeln
und eine Transformationskomponente. Die substantiellen und formalen Universalien
- beide werden auch universale Beschränkungen genannt - sind wiederum von
den Universalien der Funktion zu unterscheiden, worunter Anwendungsbeschränkungen
von grammatischen Regeln verstanden werden, z.B. das A-über-A-Prinzip:
Wenn sich eine Transformation auf einem Knoten A bezieht, der einen
Knoten A' dominiert, dann darf die Transformation nur über dem dominierenden
Knoten A operieren; sie muß sich auf die maximale Phrase beziehen.
Beispielsweise kann in der Phrase Der Wunsch der Prinzessin
keine Transformation allein über dem eingebetteten Genitivattribut (der
Prinzessin) operieren. (Vgl. auch: Strukturbaum).
Die (Generative) Transformationsgrammatik
ist die von Chomsky am Englischen entwickelte Theorie, deren Ziel es ist, durch
ein axiomatisches System von expliziten Regeln das implizite Wissen von Sprache,
das dem aktuellen Sprachgebrauch zugrunde liegt, abzubilden. Chomskys Modell bezieht
sich auf vom kompetenten Sprecher bewertete Daten, auf die sprachlichen Intuitionen,
die ein kompetenter Sprecher bezüglich seiner Sprache explizieren kann. Das
Konzept der angeborenen Ideen steht im Gegensatz zu den behavioristischen Sprachauffassungen.
Chomskys Theorie zum Spracherwerb besagt, daß die Entwicklung der Kompetenz
durch einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus auf der Basis von grammatischen
Universalien erfolgt. Dabei hat die Theorie Vorrang vor der Datenanalyse; die
Transformationsgrammatik geht also deduktiv vor: sie stellt nämlich Hypothesen
über den sprachlichen Erzeugungsmechanismus auf, und zwar unter besonderer
Berücksichtigung des kreativen Aspekts des Sprachvermögens.
Eine endliche Menge von Kernsätzen, die durch Phrasenstrukturregeln erzeugt
werden, bilden die Basis für die Anwendung von Transformationsregeln, die
einen prinzipiell unendlichen Gebrauch von endlichen Mengen gewährleisten.
Die Grammatik - im Sinne einer umfassenden Sprachtheorie - besteht aus einer generativen
syntaktischen Komponente sowie den interpretativen semantischen und phonologischen
Komponenten. Basis der Syntax ist die durch kontextfreie Phrasenstrukturregeln
und Lexikonregeln erzeugte Tiefenstruktur,
die als abstrakte, zu Grunde liegende Strukturebene alle semantisch relevanten
Informationen enthält und die Ausgangsebene für die semantische Interpretation
von Sätzen und anderen Sprachbausteinen ist. ( ).
Durch bedeutungsneutrale Transformationen wie Tilgung, Umstellung u.a. werden
die entsprechenden Oberflächenstrukturen erzeugt, die die Basis für
die phonologisch-phonetische Repräsentation bilden.
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