WWW.HUBERT-BRUNE.DE

NavigationNavigationNavigationNavigation"

- Wissenschaft -
|2|

Kugel Wissenschaft ist größtenteils Sprache (Wissenschaft ist größtenteils Sprache) - einschließlich Denken (Denken), Glaube (Glaube), der sie „gebiert“ [vgl. Fürwahrhalten [„Für-wahr-Halten“]). Gegenüber dem unabgesicherten, oft subjektiven Meinen muß das (wissenschaftliche) Wissen - seinem Anspruch nach - begründet werden; es muß in jeder Argumentation, wenn sie kompetent und rational geführt wird, Zustimmung finden können. In diesem Sinne wird Wissenschaft erstmals im Wissenschaftsverständnis der klassischen antiken (apollinischen) Philosophie von Sokrates bis Aristoteles begriffen. (Vgl. HochdenkerVgl. Spätdenker). Die Wissenschaft der antiken (apollinischen) Kultur war eine Einheitswissenschaft und die Ansätze zu einzelwissenschaftlichem Denken (z.B. durch Aristoteles, Hippokrates, Galenos) beeinträchtigten nicht die Geschlossenheit der Wissenschaft und des Weltbildes (Ursymbol). So haben die Griechen Wissenschaft in ihrer eigenständigen Kulturfunktion zwar erstmalig entdeckt, aber nicht (weiter)entwickelt, sondern als ein besonders kulturelles Lebensideal an das Abendland weitergegeben.

Wissenschaft ist also ein Kulturzweig, der nicht zu allen Zeiten und nicht bei allen Völkern (Kulturen) in Blüte stand und steht. Glaubens- bzw. geistesgeschichtlich war im Abendland das ausgehende „Mittelalter“ bzw. die beginnende „Neuzeit“ die Vollendung der Theologie oder ihre Überwindung zugunsten der Philosophie und der mathematisch fundierten Naturwissenschaft; sie war sozusagen die „Geburt“ der technischen (Natur-) Wissenschaft! (vgl. Technik Vgl. Hochdenker). Noch während der Gotik (Gotik) begann also die (damals nur von wenigen Denkern bemerkte) Ersetzung des Begriffs der Wissenschaft durch den der Naturwissenschaft. Trotzdem wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein auch im Abendland nur selten zwischen Philosophie und Wissenschaft (z.B. zwischen naturwissenschaftlicher Physik und Naturphilosophie) unterschieden, obwohl man hier von Anfang an mit Wissenschaft beschäftigt war - allerding mehr im Geiste des antiken Erbes, das „abgearbeitet“ werden mußte.
Zum Unterschied von Natur und Kultur vgl. auch: Schichtenlehre

Die neue Wissenschaft trat ihren Siegeszug an, als die Mathematisierbarkeit der experimentell gefundenen Erfahrungen erkannt und die Naturgesetzlichkeit exakt entdeckt und erforscht wurde. Die Weltanschauung der abendländischen Menschen wurde dadurch natürlich grundlegend verändert und der Einfluß dieser experimentell-mathematischen Narurwissenschaft auf andere Erdteile gesteigert, besonders durch die exakt-wissenschaftliche Unterbauung der medizinischen Wissenschaften und der Technik, die bis dahin hauptsächlich auf handwerklicher Erfahrung beruht hatten (Medizin). Mit der Ausdehnung der neuen Wissenschaften wurde eine immer weitergehende Gliederung in Spezial-Wissenschaften nötig, wodurch vielfach der Blick für das Ganze der Wirklichkeit und den eigentlichen Zweck der Wissenschaft als „Weltwissenschaft“ verloren ging. Der Rationalismus wurde damals zur allein herrschenden Form auch für Bildung und Erziehung. Die dadurch erzeugte Übersteigerung der intellektualistischen Bildung wirkte wieder auf die Wissenschaft zurück und bewirkte, daß der Wissenschaftler mehr und mehr zum Spezialisten und die wissenschaftlichen Hochschulen mehr und mehr zu Ausbildungsstätten für Spezialisten wurden.

Eine Wissenschaft, wie sie das Abendland kennt, spielte in der Antike noch kaum eine Rolle.
Antike-Abendland-Vergleich Eine Philosophie, wie sie die Antike kannte, spielt im Abendland kaum noch eine Rolle. Antike-Abendland-Vergleich

SystemikSystematik

„Das exakt Wissenschaftliche ist das absolut Poetische.“
(Novalis = Friedrich Freiherr von Hardenberg Hardenberg).

„In unsrer Wissenschaft, wo der Begriff Ursache und Wirkung reduziert ist auf das Gleichungs-Verhältnis, mit dem Ehrgeiz, zu beweisen, daß auf jeder Seite dasselbe Quantum von Kraft ist, fehlt die treibende Kraft: wir betrachten nur Resultate, wir setzen sie als gleich in Hinsicht auf Inhalt an Kraft ....“ (Friedrich W. Nietzsche, Der Wille zur Macht, S. 465 Nietzsche).

Die mangelnde Ausrichtung der (immer mehr werdenden) Einzelwissenschaften auf ein gemeinsames Ziel führte im Abendland natürlich zu einer „Krisis der Wissenschaft“, die nicht nur eine Vertrauenskrise hinsichtlich der Sache war, sondern besonders eine Krise der Wissenschaftler selbst. Die Tatsache, daß seit den Hochzeiten der Moderne überall in den Wurzeln gefragt wird, theoretische Prinzipien in vielfacher Möglichkeit versucht und gegeneinander ausgespielt werden, „überantwortet den Halbwissenden dem Zweifel“, schrieb Karl Jaspers im Jahre 1931 mit Skepsis: „wo überhaupt kein fester Punkt mehr sei, schwebe das Bewußte in der Luft. Jedoch so sieht das Erkennen nur, wer nicht daran teilnimmt. Die schöpferischen Schritte zu neuen Prinzipien lassen wohl das Gebäude der Erkenntnis wanken, aber diese sogleich wieder auffangen in eine Kontinuität der Forschung, welche das Erworbene, das sie in Frage stellt, zugleich in einem neuen Sinn für das Ganze der besonderen Wissenschaft bewahrt. Indessen: die Krise der Wissenschaften ist eine Krise der Menschen, von denen sie ergriffen werden, wenn diese nicht echt in ihrem Wissenwollen waren.“ (Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, 1930 Jaspers). Skepsis (Zweifel)


Auch die Quantifizierung erwies sich als verhängnisvoll, z.B. für die Psychologie, weil mit jeder Quantifizierung eine Verräumlichung und Rationalisierung der konkret-anschaulichen Fülle des Seelischen verbunden ist und die dadurch entstehenden nicht-qualitativen Begriffe dem Wesen des Seelischen nicht adäquat sind. Die zur Quantifizierung herangezogene Mathematik ist selbst keine rein quantifizierende Wissenschaft mehr.

  Vgl. Abbildung (1) Das Hauptproblem der Wissenschaft: ihr fehlen mindestens 6 Bindeglieder Vgl. Abbildung (3)
1.) Das Bindeglied zwischen Mathematik** und Physik* Missing link
2.)Das Bindeglied zwischen Chemie* und BiologieMissing link
3.)Das Bindeglied zwischen Biologie und ÖkonomieMissing link
4.)Das Bindeglied zwischen Ökonomie und SemiotikMissing link
5.)Das Bindeglied zwischen Semiotik und LinguistikMissing link
6.)Das Bindeglied zwischen Linguistik und Philosophie**Missing link
*) Das Bindeglied zwischen Physik und Chemie ist bekannt.
**) Das Bindeglied zwischen Philosophie und Mathemauik ist bekannt.

Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung Abbildung

Kann hier nur die Geschichte des Glaubens und Denkens helfen?

Wissenschaftsgläubige, ob „Physik-Chemie-Biologie-Ökonomie-Semiotik-Linguistik-Mathematiker“ oder „Mathematik-Linguistik-Semiotik-Ökonomie-Biologie-Chemie-Physiker“, stehen immer vor der unlösbaren Aufgabe, die Quadratur des Kreises zu zeichnen (z.B. mathematisch), zu bezeichnen (z.B. linguistisch) oder auch sonstwie zu konstruieren (z.B. religiös-theologisch-philosophisch): Glaube wird Religion, Religion wird Theologie, Theologie wird Philosophie, Philosophie wird Neu-Theologie, Neu-Theologie wird Neu-Religion, Neu-Religion wird Neu-Glaube. Es bleibt nur der Glaube (bzw. das glaubende Denken Kreislauf). Wenn z.B. der aus der Religion gekommene Theo-Zentriker zum (heimlichen) Anthropo-Zentriker geworden ist, macht der (unheimliche) Zweifel aus dem Anthropo-Zentriker einen (heimlichen) Theo-Zentriker, der zur Religion kommen wird (Religion). Die Quadratur des Kreises ist also doch immer zuerst eine Quadratur des Machtkreises. Machtkreis

Der Pantheismus, die heimliche Religion der Deutschen - das meinte jedenfalls der Idealist und Romantiker Friedrich Schleiermacher (1768-1834; Schleiermacher) -, macht das Weltall oder die Natur zu Gott; und wenn Universum und Natur identisch sind, dann dürfen auch Galaxien(haufen) und Kultur(kreise) sowie Sternsysteme (also auch Planetensysteme) und Lebenssyssteme (also auch menschliche Sozialsysteme: Völker, Nationen) als Analogien angesehen werden. So gilt, daß die Natur der Lebewesen immer auch eine Kultur beinhaltet und daß das sogenannte „höhere Leben“, zu dem Menschen gehören, wahrscheinlich mindestens so selten ist wie diejenigen Planetensysteme im Weltall, die Leben ermöglichen. (Universum und Kultur). Was nun aber das Glauben, Wissen und Denken darüber betrifft, haben es gerade die Spätdenker in vierfacher Hinsicht schwer: Technologie, Wissenschaft, Philosophie und Theologie - im Zusammenspiel: der Glaube an die Technik - veranlassen die konkurrierenden Spätdenker dazu, diese durch die Hochdenker (vor allem die forschenden Philosophen und Wissenschaftler) dynamisch angestrebte Neu-Theologie zu einer Neu-Religion zu machen. Spätdenker müssen also als Neu-Theologen das Spätdenken starten und die als christliche Maxime ausgegebene Reihenfolge Theologie-Philosophie-Wissenschaft-Technologie umkehren, die die kirchlichen Vertreter einst festgelegt hatten (Kirche im Abendland) - in der Zeit der Frühdenker, als sich Scholastik und Mystik noch auf dem Weg von der Theologie zur Philosophie befanden. Aber auch die Frühdenker hatten ja ihre Methoden nicht komplett erfunden, sondern waren, was die Basis ihres Denkens anging, durch das religiöse Korsett, d.h. durch die Vorarbeit der Vordenker an vorgegebene Regeln gebunden. Und die Vordenker waren doch fast ausnahmslos damit beschäftigt gewesen, sich und ihre Mitmenschen (Mitdenker?) von den „heidnischen“ Bräuchen abzugrenzen, obwohl und gerade weil diese die ureigensten Denkweisen sind, nämlich glaubhafte Methoden der Urdenker. Uns Spätdenkern bleibt wohl nicht anderes übrig, als das Urdenken nicht nur wissenschaftlich zu behandeln und historisch zu be- und überdenken, sondern auch auf existenzielle Weise vorzudenken, auch weil wir in ein paar Jahrhunderten immer mehr auf ein nomadisches Leben zusteuern werden. Nur eine Neu-Theologie kann uns Spätdenker in die Lage versetzen, die Vordenker der Vordenker zu werden. Wir würden dann die Neu-Urdenker, d.h. die wirklich zum Nachdenken gekommenen wahren Denker. Das ist so, als wolle man das Unmögliche möglich machen. Spätdenker müssen es schaffen, Retrospektive und Prospektive so in Übereinstimmung zu bringen, daß sogar das „Denken im Uterus“ vorstellbar, weil vordenkbar, wird. Denken hat auch viel mit Danken zu tun - und nicht nur mit Gedanken. Denken und Danken

Kugel Wahrheit?

„Die geschichtliche Wahrheit, wie alle Wahrheit - am siegreichsten leuchtet hier die mathematische Wahrheit auf, die strengste Form der ewigen Wahrheit - ist vor dem subjektiven Ich und ohne daselbe .... So wie das Ich der Vernunft die Vernünftigkeit der Dinge insgesamt ansieht, so sind sie nicht in der Wahrheit ... und kein Kant ... wird das Gesetz abändern, das dem Menschen gebietet, sich nach den Dingen zu richten.“ (Carl Braig). Braigs Anspruch - „am siegreichsten leuchtet hier die mathematische Wahrheit auf, die strengste Form der ewigen Wahrheit“ - hatte Heidegger die Richtung gewiesen, und gespürt hatte Heidegger schon als Kind seine Vorliebe für die formale und mathematische Logik: „Als in der Obersekunda der mathematische Unterricht vom bloßen Aufgabenblösen mehr in theoretische Bahnen einbog, wurde meine bloße Vorliebe zu dieser Disziplin zu einem wirklichen sachlichen Interesse, das sich nun auch auf die Physik erstreckte. Dazu kamen Anregungen aus der Religionsstunde, die mir eine ausgedehnte Lektüre über die biologische Entwicklungslehre nahelegten. In der Oberprima waren es vor allem die Platostunden ..., die mich mehr bewußt, wenn auch noch nicht mit theoretischer Strenge in philosophische Probleme einführten.“ (Martin Heidegger, zitiert in: Hugo Ott, Martin Heidegger - Unterwegs zu seiner Biographie, 1988 S. 86). „Wenn Heidegger 1915 in seinem Lebenslauf seine formallogische Schulung erwähnt, als handle es sich um Propädeutik, dann untertreibt er. Denn für ihn war damals die formale und mathematische Logik tatsächlich eine Art Gottesdienst, von der Logik läßt er sich in die Disziplin des Ewigen nehmen, hier findet er Halt auf dem schwankenden Grund des Lebens.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 38). Mehr


Subjekt-Objekt ?

Schon der noch junge Heidegger wollte „ins grelle Licht setzen, was da eigentlich vor sich geht, wenn wir uns in eine theoretische, also üblicherweise ›wissenschaftlich‹ genannte Einstellung zur Welt versetzen. In der sogenannten ›objektivierend-wissenschaftlichen Einstellung‹ lassen wir nämlich die primäre Bedeutsamkeit, das Umweltliche, die Erlebnishaftigkeit verschwinden, entkleiden das Etwas bis auf seine ›nackte‹ Gegenständlichkeit, was nur dadurch gelingt, daß wir auch das erlebende Ich herausziehen und ein künstliches neues, sekundäres Ich aufrichten, das auf den Namen ›Subjekt‹ getauft wird und das dann in entsprechender Neutralität dem ebenso neutralen ›Gegenstand‹, der nun ›Objekt‹ heißt, gegenübersteht. Und in diesem Augenblick wird klar, worauf Heidegger hinausmöchte: Was die neuzeitliche Philosophie und von ihr ausgehend die neuzeitliche Wissenschaft als die Ursituation, den voraussetzungslosen Anfang des Nachdenkens und die letzte Gewißheit ansetzen, nämlich die Gegenüberstellung »Subjekt-Objekt«, ist gar kein voraussetzungsloser Anfang. Damit fängt es nicht an. Es fängt vielmehr damit an, daß wir uns in der beschriebenen weltenden Weise erlebend bei der Welt ... vorfinden.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 116). Dies war gewissermaßen Heideggers Vorarbeit zur Ausschaltung von Bewußtseinsbegriff und Subjekt-Objekt-Gegensatz durch das „In-der-Welt-Sein“. Heidegger

Das Bedeutsame ist das Primäre ... In einer Umwelt lebend, bedeutet es mir überall und immer, es ist alles welthaft, es weltet (Martin Heidegger, 2 / 1919). Es weltet: dies die erste der eigenwilligen Heideggerschen Wortschöpfungen, von denen es später so viele geben wird. Hier kann man beobachten, wie der Ausdruck gefunden wird, um einen Vorgang zu bezeichnen, der zunächst selbstverständlich erscheint, beim näheren Zusehen indes eine Komplexität aufweist, für die es noch keinen Namen gibt. So erfindet er ihn, um das zu bezeichnen, was wir gemeinhin nicht erkennen, weil es uns zu nahe ist. Denn es ist tatsächlich so ... Der .... Begriff des Urerlebnisses bekommt einen prägnanten Sinn: er bezeichnet das Wahrnehmen so, wie es sich tatsächlich vollzieht - jenseits der theoretischen Meinungen darüber. .... Am Anfang ist Bedeutung, am Anfang weltet es, so oder so.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 114-115).

Man muß das  Ur - ...  bei Heidegger und seinen präzisen Sinn (des jeweils situativ Anfänglichen) lebendig nachvollziehen können, um zu „verstehen, warum Heidegger von der Urintention des gelebten Lebens spricht, die es unterhalb der künstlichen und pseudoanfänglichen Subjekt-Objekt-Entgegensetzung aufzudecken gilt. Er will, so sagt er, Einspruch erheben gegen eine ungerechtfertigte Verabsolutierung des Theoretischen (deren er auch Husserl bezichtigt). Die tief eingefressene Verranntheit ins Theoretische ist ... ein großes Hindernis, den Herrschaftsbereich des umweltlichen Erlebens ... zu überschauen (Martin Heidegger, Gesamtausgabe, 2 / 1919, S. 88). Er spricht mit aggressivem Unterton vom Prozeß der fortschreitenden zerstörenden theoretischen Infizierung des Umweltlichen (Martin Heidegger, ebd., 1919, S. 89) und findet auch dafür einen neuen Namen: Entleben. Die theoretische Einstellung, so nützlich sie auch ist und obgleich sie auch ins Repertoire unserer natürlichen Welteinstellungen gehört, ist entlebend; später wird Heidegger dafür auch den ... Begriff Verdinglichen verwenden. In der Vorlesung sagt er: Die Dinghaftigkeit umschreibt eine ganz originäre Sphäre, die aus dem Umweltlichen herausdestilliert ist. Daß ›es weltet‹ ist in ihr bereits ausgelöscht. Das Ding ist bloß noch da als solches, d.h. es ist real .... Das Bedeutungsshafte ist ent-deutet bis auf diesen Rest: Real-sein. Das Umwelt-erleben ist ent-lebt bis auf den Rest: ein Reales als solches erkennen. Das historische Ich ist ent-geschichtlicht bis auf einen Rest von spezifischer Ich-heit als Korrelat der Dingheit .... (Martin Heidegger, ebd., 1919, S. 91). Mit dieser Art der theoretischen Einstellung haben die Menschen schon vor langer Zeit begonnen, das Leben, das eigene und das der Natur, in einem nutzbringenden, aber auch gefährlichen Ausmaß zu verändern. Und das war nur möglich, indem man es entlebte, so Heidegger, oder »entzauberte«, so Max Weber. (). Max Weber hatte als einziges ›Jenseits‹ zu dieser entzauberten Welt der Rationalität den privatisierten Bereich der persönlichen und nicht weiter rationalisierbaren »Wertentscheidungen« übriggelassen. Aus diesem privaten Asyl sprießen dann auch die Weltanschauungen hervor, gegen die nichts einzuwenden ist, solange sie nicht wissenschaftliches Prestige in Anspruch nehmen.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 116-117). Heidegger begann mit der Frage nach der Urwissenschaft, der Urintention des Lebens, nach dem Prinzip der Prinzipien. Und, wie gesagt, laut Heidegger ist am Anfang immer schon Bedeutung - es weltet am Anfang. Doch wozu „diese ganze Vertiefung ins Erleben und in dieses Welten?  Zunächst einmal deshalb: Wir sollen uns bewußtmachen, wie es eigentlich zugeht, wenn wir uns in der Welt ... vorfinden.“ (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 115-116). Und diese Worte sprach Martin Heidegger zu Beginn des Jahres 1919, also in einer Zeit lange vor seinen großen Werken (). In Heideggers bohrender Intensität seines Philosophierens gibt es einen „eigenartigen Überschuß - und der macht sein Denken so faszinierend, schon zu diesem frühen Zeitpunkt. Der Überschuß steckt in der Frage, die er ... später geradezu rituell wiederholen wird: die Frage nach dem Sein. () Heidegger vertieft sich in das Erleben, um unserem ›Sein in Situationen‹ auf die Spur zu kommen, und ... er ... weiß ... genau, daß wir es im wissenschaftlichen Theoretisieren und in den Al-fresco-Gemälden der Weltanschauungen regelmäßig verfehlen.“ (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 121-122).

Das Entleben oder die Beziehung zwischen dem unmittelbaren Erleben und seiner Vergegenständlichung geschieht so: „Die Einheit der Situation löst sich auf, aus dem Erleben wird die Selbstwahrnehmung eines Subjektes, dem Objekte gegenüberstehen. Man ist aus dem unmittelbaren Sein herausgefallen und findet sich als jemand vor, der ›Gegenstände‹ hat, unter anderem auch sich selbst als einen Gegenstand, Subjekt genannt. Diese Objekte und auch das Subjekt können dann nach ihren weiteren Merkmalen, Zusammenhängen, Verursachungen u.s.w. abgesucht werden; sie werden analytisch bestimmt und schließlich auch bewertet. In diesem sekundären Vorgang werden die neutralisierten ›Objekte‹ wieder in einen Weltzusammenhang eingebaut, oder ihnen wird, wie Heidegger sagt, ein Kleid angezogen, damit sie nicht so nackt herumstehen. Diese theoretische Weltkonstruktion hat einen abstrakten Fluchtpunkt. Was hier gemeint ist, demonstriert Heidegger wieder an seinem Umwelterlebnis des Katheders. In theoretischer Einstellung kann ich dieses Katheder wie folgt analysieren: Es ist braun; braun ist eine Farbe; Farbe ist echtes Empfindungsdatum; Empfindungsdatum ist Resultat von physischen oder physilologischen Prozessen; die physischen sind die primäre Ursache; diese Ursache, das Objektive, ist eine bestimmte Anzahl von Ätherschwingungen; die Ätherkerne zerfallen in einfache Elemente, zwischen ihnen als einfache Elemente bestehen einfache Gesetzlichkeiten; die Elemente sind letzte; die Elemente sind etwas überhaupt (Martin Heidegger, Gesamtausgabe, 2 / 1919, S. 113). Auf diesem Wege gelangt man zu einem etwas überhaupt als eine Art Kern oder Wesen der Dinge. Dieser vermeintliche Kern des Etwas läßt die ganze Stufenfolge als bloße Abstufungen von Erscheinungen erscheinen. Das braune Katheder ist nicht das, als was es erscheint. Es ist zwar nicht nichts, aber auch nicht dieses Etwas, als das es erscheint. Diese Auffassungsweise läßt Heisenberg davon sprechen, daß im modernen naturwissenschaftlichen Weltbild die antike Naturphilosophie wiederauflebt, wonach die Atome (oder sogar die subatomaren Teilchen) das »eigentlich Seiende« seien. (). Heidegger zeigt, daß bei dieser analytischen Reduktion das Rätsel, daß da überhaupt etwas ist, mikrokosmisch auf die subatomaren Verhältnisse verschoben wird (genausogut könnte man sie übrigens makrokosmisch auf das Ganze des Weltraumes verschieben), daß dabei aber übersehen wird, wie dieses Rätsel des Etwas auf jeder Reduktionsstufe erhalten bleibt .... Im Unterschied zu jenem Etwas, das die Wissenschaft am Ende ihrer Reduktionen übrig behält, bezeichnet Heidegger dieses ›Etwas‹, das an jedem Punkt des Erlebens seine staunenswerte Präsenz offenbart, als etwas Vorweltliches (Martin Heidegger, ebd., 1919, S. 102). .... Der Ausdruck vorweltlich für dieses Staunen ist von Heidegger auch deshalb glücklich gewählt, weil darin jenes Staunen anklingt, wenn man sich wie eben erst zur Welt gekommen in ihr vorfindet. (Vgl. Vorweltlichkeit, Zur-Welt-Kommen, In-der-Welt-Sein ). Zu Beginn hatte Heidegger seinen Versuch, ein Erleben zur phänomenologischen Selbsttransparenz zu bringen, als Sprung in eine andere Welt, oder genauer: überhaupt erst in die Welt (Martin Heidegger, ebd., 1919, S. 63) bezeichnet. Diese ursprüngliche Erfahrung des Staunens ist für Heidegger der theoretischen Entlebung genau entgegengesetzt. Sie besagt nicht absolute Unterbrochenheit des Lebensbezuges, keine Entspannung des Entlebten, keine theoretische Fest- und Kaltgestelltheit eines Elebbaren, sondern sie ist der Index für die höchste Potentialität des Lebens. Sie ist ein Grundphänomen, das gerade in Momenten besonders intensiven Erlebens (Martin Heidegger, ebd., 1919, S. 115) sich ereignet.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 124-125). Gegen das Entleben als den Prozeß der Zerstörung der Umwelt durch die Wissenschaft stellt Heidegger das Leben als den Prozeß des Erlebens der Welt durch das menschliche Lebe-Wesen.


Naturwissenschaft-Geisteswissenschaft ?

Wenn überhaupt, dann können Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft nur gemeinsam zu Lösungen komplexer Probleme kommen. Im Bezug auf seine geistige Tätigkeit ist der Naturwissenschaftler immer auch Geisteswissenschaftler, und im Bezug auf die Phänomene ist der Geisteswissenschaftler immer auch Naturwissenschaftler. Alle Wissenschaften entstehen aus dem Glauben („Fürwahrhalten „Für-wahr-Halten“), der zur Religion, zur Theologie, zur Philosophie wird und danach über den umgekehrten Weg (Neu-Theologie => Neu-Religion) neu in Form kommt (Vgl. Glaube und Wissen). Löste sich die Naturwissenschaft von der Geisteswissenschaft (also: von der Bevormundung durch Glaube, Religion, Theologie), indem sie sich zunächst an die Philosophie (Naturphilosophie bzw. Astrologie, woraus Physik bzw. Astronomie hervorgingen) klammerte und dann auch von ihr trennte, so begann mit diesem Erreichen einer Neu-Theologie die Geisteswissenschaft damit, die Naturwissenschaft zu kopieren (z.B. im Abendland seit der Romantik (). Die Abendländer befinden sich also immer noch auf dem Weg von der Neu-Theologie (hier: Vorrang von Technik und Wissenschaft, z.B. im Bund mit dem Kategorischen Imperativ oder dem Pantheismus) zur Neu-Religion (ein Beispiel wäre die „Planetare Verantwortungsethik“). (Hierarchie-Umkehrung). Und weil die Naturwissenschaft seit Max Planck (1858-1947) ihre Grenzen kennt, wartet sie auf die Geisteswissenschaft als Antwortgeber auf ihre unlösbaren Probleme. Die Physiker verstehen das Universum nicht, weil sie, wie Harald Lesch einmal sagte, „zu blöd sind!“ () - er meinte vor allem Anfang und Ende des Universums. Die Genetiker wissen nichts von der Gen-Ethik und fragen deshalb die Philosophen. Die Philosophen sagen, sie hätten nicht viel zu sagen und geben den „Schwarzen Peter“ (Wilhelm Vossenkuhl) zurück an die Naturwissenschaftler. Das ist auch keine Lösung, oder?

Böse Kritiker behaupten sogar, die Naturkonstanten seien nicht konstant. Für Naturwissenschaftler ist das natürlich die Ketzerei schlechthin. Konstanten sind das bei Veränderungen oder Rechnungen unverändert Bleibende. Viele Naturkonstanten können auf allgemeinere, die universellen Naturkonstanten zurückgeführt werden, zu denen vor allem die atomaren Grundkonstanten zählen; die Atomkonstanten werden nämlich unterschieden: 1.) atomare Grundkonstanten, zu denen die Elementarladung e, die Ruhemassen von Elektron (me) und Proton (mp), das Plancksche Wirkungsqauntum h und die Boltzmann-Konstante k zählen; 2.) die abgeleiteten atomaren Konstanten, resultierend aus den atomaren Grundkonstanten, einigen allgemeinen physikalischen Konstanten (zum Beispiel: die Avogadro-Konstante NA, die elektrischen und magnetischen Feldkonstanten eo und µ sowie die Vakuum-Lichtgeschwindigkeit co) und den Kernmassen - zu diesen gehören die Rydberg-Konstante Rµ und die Sommerfeld-Konstante a ( Feinstrukturkonstante). Die Gravitationskonstante G  ist möglicherweise in kosmisch langen Zeiträumen nicht konstant, doch diese Vermutung kann experimentell oder auf anderem Wege noch nicht definitiv untermauert werden. Manche Ketzer bestreiten auch die Lichtgeschwindigkeit c (= 299792,458 km/s) als Konstante. Die Bedeutung der Konstanten wird von Physik und  Metaphysik untersucht - z.B. wird die Bedeutung der Konstanten auch darin gesehen, daß sie zueinander in einer für das Weltgeschehen entscheidenden Beziehung stehen, etwa nach der Formel c • h / e² und daß sie die Dimensionen formal zu einem vierdimensionalen Kontinuum verknüpfen. Diese Theorie faßt die drei Raum-Dimensionen und die eine Zeit-Dimension zu einem Gebilde von vier Dimensionen zusammen. Eine andere Theorie spricht von 11 Dimensionen. Die „String-Theorie“ macht wieder die Musik zur Göttlichkeit. Es wird auch behauptet, es gäbe nicht ein Universum, sondern Universen, ein Multiversum (!?!?). Die Suche nach der „Weltformel“ ist typisch faustisch (abendländisch), und Abendländer sind immer auch Esoteriker.


LichtgeschwindigkeitPlancksches Wirkungsquantum
           ---------------------------------------------------------------------------    =   ?
Elementarladung ²
Diese esoterische Formel (c • h / e²) ist nur ein Beispiel unter vielen !

Kugel

„Man betrachte ... unsere Wissenschaften, die alle, ohne Ausnahme, neben elementaren Anfangsgründen »höhere«, dem Laien unverständliche Gebiete haben - auch dies ein Symbol des Unendlichen und der Richtungsenergie. Es gibt bestenfalls tausend Menschen auf der Welt, für welche heute die letzten Kapitel der theoretischen Physik geschrieben werden. Gewisse Probleme der modernen Mathematik sind nur einem noch viel engeren Kreis zugänglich. Alle volkstümlichen Wissenschaften sind heute von vornherein wertlose, verfehlte, verfälschte Wissenschaften. Wir haben nicht nur eine Kunst für Künstler, sondern auch eine Mathematik für Mathematiker, eine Politik für Politiker - von der das profanum vulgus der Zeitungsleser keine Ahnung hat, während die antike Politik niemals über den geistigen Horizont der Agora hinausging - eine Religion für das »religiöse Genie« und eine Poesie für Philosophen. Man kann den beginnenden Verfall der abendländischen Wissenschaft, der deutlich fühlbar ist, allein an dem Bedürfnis nach einer Wirkung ins Breite ermessen; daß die strenge Esoterik der Barockzeit als drückend empfunden wird, verrät die sinkende Kraft, die Abnahme des Distanzgefühls, das diese Schranke ehrfürchtig anerkennt. Die wenigen Wissenschaften, die heute noch ihre ganze Feinheit, Tiefe und Energie des Schließens und Folgerns bewahrt haben und nicht vom Feuilletonismus angegriffen sind - es sind nicht mehr viele: die theoretische Physik, die Mathematik, die katholische Dogmatik, vielleicht noch die Jurisprudenz -, wenden sich an einen ganz engen, gewählten Kreis von Kennern. Der Kenner aber ist es, der mit seinem Gegensatz, dem Laien, der Antike fehlt, wo jeder alles kennt. Für uns hat diese Polarität von Kenner und Laie den Rang eines großen Symbols, und wo die Spannung dieser Distanz nachzulassen beginnt, da erlischt das faustische Lebensgefühl. - Dieser Zusammenhang gestattet für die letzten Fortschritte der abendländischen Forschung - also für die nächsten zwei Jahrhunderte (* = 21. und 22. Jh.; bis 2230 ?) - den Schluß, daß, je höher die weltstädtische Leere und Trivialität der öffentlich und »praktisch« gewordenen Künste und Wissenschaften steigt, desto strenger sich der postume Geist der Kultur in sehr enge Kreise flüchten und dort ohne Zusammenhang mit der Öffentlichkeit an Gedanken und Formen wirken wird, die nur einer äußerst geringen Anzahl von bevorzugten Menschen etwas bedeuten können.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 422-423).

„Die faustische Naturwissenschaft und diese allein ist Dynamik, gegenüber der Statik der Griechen und der Alchymie der Araber. Nicht auf Stoffe, sondern auf Kräfte kommt es an. Die Masse selbst ist eine Funktion der Energie.“ Die erste Kultur mit einer (wirklichen) Wissenschaft - das Abendland, genauer: der von der „nordischen Landschaft“ mit dem „Pathos der dritten Dimension“, dem Streben ins Unendliche, der faustischen Dynamik und dem geschärften Geist ausgestattete Menschenschlag - brauchte nicht viel Masse, sondern viel Energie, um zur größten und letzten Erkenntnis von der Unveränderbarkeit und Endgültigkeit der „Tragödie des Menschen“ zu kommen, „denn die Natur ist stärker. Der Mensch bleibt abhängig von ihr, die trotz allem auch ihn selbst, ihr Geschöpf, umfaßt. Alle großen Kulturen sind ebenso viele Niederlagen. Ganze Rassen bleiben, innerlich zerstört, gebrochen, der Unfruchtbarkeit und geistigen Zerrüttung verfallen, als Opfer auf dem Platze. Der Kampf gegen die Natur ist hoffnungslos, und trotzdem wird er bis zum Ende geführt werden.“ ... „Die faustische, westeuropäische Kultur ist vielleicht nicht die letzte, sicherlich aber die gewaltigste, leidenschaftlichste, durch ihren inneren Gegensatz zwischen umfassender Durchgeistigung und tiefster seelischer Zerissenheit die tragischste von allen. Es ist möglich, daß noch ein matter Nachzügler kommt, etwa irgendwo zwischen Weichsel und Amur und im nächsten Jahrtausend, hier aber ist der Kampf zwischen der Natur und dem Menschen, der sich durch sein historisches Dasein gegen sie aufgelehnt hat, praktisch zu Ende geführt worden.“ (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 67, 35-36, 63 Spengler; vgl. Technik).

„Daß ... der Wissenschaftsglaube auf breiter Front im Verblassen ist, läßt sich zum Teil auf die endogene Korruption des Expertentums zurückführen. Die so peinlichen wie unbeendbaren Expertenkämpfe auf dem Feld der vorgeblich externen Wahrheiten geben einem größeren Publikum das Gefühl, daß auch die Wahrheit nicht mehr das ist, was sie einmal war. Der psychosoziale Gebrauchswert des Experten: die Möglichkeit, sich seinem Spruch zu unterwerfen und dadurch den Zweifel abzuschließen, ist unleugbar in Verfall begriffen. B. F. Skinners lapidare These: »Das Volk ist nicht in der Lage, Experten zu beurteilen«  (Futurum Zwei, 1972, S. 238), klingt längst ... unglaubwürdig (...). Selbst wenn der Satz zuträfe, änderte dies nichts daran, daß wir zu einem eigenen Urteil über die Experten verdammt sind. Nicht wenige Zeitgenossen haben verstanden, daß sie selbst mit der Wahl des Experten das Ergebnis der Expertise wählen. Damit wird die unvordenkliche Illusion, die wahrhaft Wissenden seien die Deputierten externer Wahrheiten, in sozialen Interessenkonflikten (um von den allzu menschlichen nicht zu reden) zerrieben. Nicht zufällig wird die Öffentlichkeit immer öfter auf wissenschaftliche Fälschungen aufmerksam (nach Schätzungen sind 75% aller publizierten Forschungsergebnisse manipuliert). .... Ende des 20. Jahrhunderts „begann sich eine Art von epistemologischer Bürgerrechtsbewegung zu artikulieren, deren Ziel es ist, die Experten aus ihrem längst dementierten goldenen Exil bei den externen Wahrheiten zurückzuholen (...). Ob dies bei wachsender Esoterik der Forschung - und zunehmender Privatisierung der Resultate - gelingen kann, ist eine offene Frage. .... Dieser Wandel, der die Wahrheiten wie ihre Überbringer von ihrer Exzentrik gegen ihre Wirtsgesellschaften befreite, wäre zugleich nichts anderes als der überfällige Nachvollzug des Wissens vom wirklichen Leben der Wissenschaften durch die Wissenschaften.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 438-439 und S. 440).

*
Die Wissenschaft denkt kaum, die Wissenschaft glaubt - z.B. an Naturbeherrschung und Fortschritt.
Die Philosophie glaubt kaum, die Philosophie denkt - z.B. an die Wissenschaft und deren Glauben.
Beide bleiben religiös-theolgisch - die Wissenschaft mehr religiös, die Philosophie mehr theologisch.
Die meisten Philosophen erzielen Weisheit durch reine Logik - also meistens durch logische Theorie.
Die meisten Wissenschaftler erzielen Wissen durch Experimente - also meistens durch religiöse Praxis.
Die meisten Wissenschaftler wissen aber gar nicht, daß ihre Wahrheit immer auch Philosophie beinhaltet.
Die meisten Wissenschafler wissen nicht, daß sie z.B. ihre Physik auch über die Metaphysik wahr machen.
*

Erst die Rückwendung zur Metaphysik und die Anwendung ganzheitlicher Betrachtungsweisen auf allen Wissensgebieten scheinen die „Krisis der Wissenschaften“ (Krisis) überwinden zu helfen, und die könnte in Zukunft vielleicht die Einzelwissenschaften und die Philosophie zu einer Wissenschaft im eigentlichen Sinne wieder zusammenführen. (Nachdem nämlich der Positivismus sich durchgesetzt und die Abdankung der Metaphysik verlangt hatte, war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts der Stellenwert der Metaphysik stark gesunken oder vielfach zur Lehre von den Erkenntnisprinzipien und den Methoden der Einzelwissenschaften geworden, bevor in der 1. Häkfte des 20. Jahrhunderts eine allmähliche Rückwendung zur Metaphysik begann). Das menschliche Denken zielt ja bekanntlich auf das Einfache, Einheitliche und Ganzheitliche. Die Wirklichkeit jedoch, um die sich die vielen Einzelwissenschaften bemühen, ist aber nur eine, und an sie in ihrer Einfachheit, Einheitlichkeit und Ganzheit ist nur durch die Metaphysik heranzukommen. Von der Mathematik, der Physik, der Biologie, aber auch von anderen Einzelwissenschaften aus wurden ja längst Vorstöße in das Reich der Metaphysik unternommen, um die für alle Wissenschaft gemeinsame Ebene zurückzugewinnen und von ihr aus wieder mehr den Versuch für den Entwurf eines einheitlichen und widerspruchsfreien Weltbildes zu wagen. Für die Metaphysik selbst ist die unbefangene Hingabe (Liebe, denn Philosophie ist Liebe zur Weisheit) des erkennenden Menschen an da Wirkliche die Voraussetzung jeder Wahrheitserforschung. Weil die Metaphysik wissenschaftliche Ergebnisse sorgsam berücksichtigt, wenn sie die Erfüllung ihrer umfassenden Aufgabe in der beschreibenden Erklärung der rätselvollen Tiefen des Seins und seiner reichen Mannigfaltigkeit sucht, wirkt sie im Zweikammersystem (Oberhaus und Unterhaus) jeder Wissensrepublik (Alethotop) viel effektiver als im Exklusivsystem (Individuelle und Unteilbarkeitsduldende) jeder Wissensdiktatur - z.B. in der typisch abendländischen Esoterik (Esoterik). Die Tendenz, möglichst alle von allem auszuschließen, führt gerade bei den Abendländern mit ihrem Problem der Unendlichkeit letztlich zu zwei Grenzwerten: dem esoterischen Grenzwert Null und dem ursymbolischen Grenzwert Unendlich. Wenn annähernd niemand annähernd alles weiß und annähernd alle annähernd nichts wissen, dann hat das Abendland sein Ziel erreicht. Doch sollten wir vorerst hinsichtlich unserer Kultur und ihren Teilen, zu denen ja Wissenschaft und Philosophie gehören, optimistisch bleiben, solange sie versuchen, aus den unzählig vielen kleinen Einzelteilen (Einzelwissenschaften) wieder zählbar wenig größere Teile werden zu lassen. (Und warum nicht nur zwei Teile, ein Paar, eine Dyade - wie ein Dividuum? Dividuum). Als Bindeglied (Bindeglied) zwischen Wissenschaft (Einzelwissenschaften) und Philosophie (Metaphysik) erweisen sich ja gerade heute einzelne in verschiedenen Wissensbereichen geltende Prinzipien der kybernetischen Betrachtungsweise. (Zum Beispiel: Sloterdijks Konzept einer Kybernetik [Kybernetik]).

Kugel

Heidegger Das Sein ist die „Lichtung“, die das Seiende „entbirgt“ Entbergung

„Die Wissenschaft denkt nicht“, so Heidegger in einer Freiburger Vorlesung. Laut Heidegger bedeutet das:
„Die Wissenschaft bewegt sich nicht in der Dimension der Philosophie, sie ist aber, ohne daß sie es weiß,
auf deren Dimension angewiesen. Zum Beispiel: Die Physik bewegt sich im Bereich von Raum, Zeit
und Bewegung; was Bewegung, was Raum, was Zeit ist, kann die Wissenschaft als Wissenschaft
nicht entscheiden. Man kann nicht mit physikalischen Methoden sagen, was die Physik ist.
Das kann man nur philosophierend sagen.“ (Heidegger, Die Seinsvergessenheit Seinsvergessenheit).

 

Den Einzelwissenschaften gegenüber kommt der Philosophie die besondere Aufgabe zu, die Gebiete real zusammengehörender Objekte abzustecken. Die Absteckung der Objektgebiete ist kein schematisch-fachliches Einteilen, sondern ist „zugleich begründender Entwurf, auf dem die ganze konkrete begriffliche Arbeit und Fragestellung der Wissenschaft ruht. .... Und was wir hier als wichtigstes betonen müssen: dieser gebietsabsteckende Entwurf der Realität und ihrer Seinsverfassung läßt erst das Seiende, das er bestimmt, zur Sicht kommen“ (Heidegger) und zwar deshalb, weil die Philosophie zunächst die Denkinstrumente erarbeiten muß, bevor ein bestimmter bzw. ein neuer Realitätsbereich überhaupt sichtbar werden kann. Technik wurde auch erst möglich, als die metaphysischen Voraussetzungen einer Naturbeherrschung (im Sinne des heutigen Abendländers Faustisches) gegeben waren. (Vgl. Technik).

Welche Art von Objektivität man auch wählt, der Rahmen, der unsere Beobachtungen bestimmt, wird dennoch geschaffen. Entschließe ich mich zum Beispiel zu den „Verdachtstheoretikern“ zu gehören, die aus der Mondfahrt der US-Amerikaner nur eine geniale Medieninszenierung der NASA und CIA machen wollen und im Übrigen den Wahrheitsgehalt der Ereignisse abstreiten, dann habe ich schon eine Vorentscheidung über meine Wahrnehmungsinterpretation getroffen und der kognitive Gehalt meiner Datenauswahl und Bewertungen bekommt ein anderes Kolorit. Diese nicht zu ändernde Relativität aller Erkenntnisse ist zur herrschenden Bewußtseinslage aller Wissenschaften geworden, außer bei einigen unbelehrbaren fundamentalistischen und marxistischen oder sonstigen religiösen Wissenschaften. Relativität

Die Bewußtseinslage der Moderne ist eben die, daß alles von Interpretation und Konstruktion geprägt und bestimmt ist. Zu „Wahrheit“ und „Objektivität“ oder einer zu erkennenden „Natur der Sache“ führt kein Weg der VIA MODERNA mehr und das haben alle Wissenschaften mehr oder minder resignativ zur Kenntnis genommen. Selbst die erkenntnisabstinenteste aller Wissenschaften, die Rechtswissenschaft, hat neuerdings durch einen bemerkenswerten Aufsatz in der theoriefreundlichsten aller Zeitungen, der F.A.Z., zu dem Ergebnis geführt, daß der Jurisprudenz die Standhaftigkeit eines festen Menschenbildes abhanden gekommen ist. Die lange Theoriearbeit von Männern wie Feyerabend, Watzlawick, Luhmann (Luhmann), um nur einige zu nennen, hat zu einer nicht mehr aufhebbaren Verflüssigung aller Gewissheit geführt. Auch Sloterdijk reiht sich in die Reihe derer ein, die die Sicherheit verloren haben, jemals einen archimedischen Punkt finden zu können, der Wahrheit und Objektivität garantiert.

Die Wissenschaft ist weniger ein Mittel zur neutralen Aufhellung der Wirklichkeit geworden, sondern stellt vielmehr ein Wettrüsten in Interpretationen dar. Insgesamt bilden sie weniger einen intellektuellen Schatz oder eine Enzyklopädie allen Wissens, sondern eher ein Waffenlager oder Arsenal intelligenter Geschosse. Sloterdijk spricht daher von den Erkenntnistheorien, als hätten sie zwei verschiedene Kulturen entworfen! Die erste glaubt an den Vorrang von Methode, Prozedur und Forschungsverfahren, die zweite an den Vorrang der Subjektivität, einem „Primat des Subjektes“ (Peter Sloterdijk Sloterdijk). Und die doch wohl gefählichste Entwicklung im heutigen „kognitiven Wettbewerb“ ist das „geo-ökonomische Wettrüsten“ zwischen den Wirtschaftsmachtblöcken (Deutschland/Europa, USA/Nordamerika, Japan/Ostasien).

Insbesondere die „Postmoderne“ betont die Selbstverständlichkeit, daß das Subjekt keine Wissensautorität besitzt, wiel es auch keine Beobachtungsautorität besitzt. Die „Postmoderne“, die eindeutig Fortsetzung und Begleiterscheinung der „Moderne“ ist, setzt auf den Skeptizismus und will gegen die „Moderne“ vor allem mit dem Beobachtungsschema argumentieren. Wer Beobachter oder gar „letzter Beobachter“ sein möchte, muß sich nicht wundern, wenn er selbst beobachtet wird. Seine Kritik an dem, was er beobachtet, wird mit Sicherheit ebenfalls kritisiert werden. Postmodern kann wohl nur sein, was vervielfältigend, reproduzierend, simulierend, imitierend, d.h. ohne Autorität ist. Die erste Kritik, die man als postmodern bezeichnen kann, stammt aus dem 19. Jahrhundert, insbesondere von Nietzsche (1844-1900). Seitdem und vor allem in unserer heutigen Welt (vgl. Globalismus: z.B. dessen Medienrealitäten, Internet u.s.w.) meint man, auch in der alltäglichen Erfahrung eine Fundierungsfunktion und Wissensautorität des Subjekts bezweifeln zu können. Ist also die Sprache selbst der eigentliche Beobachter?  Beobachten Subjekte oder beobachtet die Sprache, wo beobachtet wird?  Bleibt nicht Sprache, die ohne Bewußtsein, ohne Intention, ohne Willensäußerung gebraucht wird, bedeutungslos ?  Sprache ohne Subjekt und Subjekt ohne Sprache - geht das überhaupt ?  Die moderne Theorie geht davon aus, daß Individuen autonome Beobachter seien, die sich auf die Autorität des Bewußtseins berufen und die Sprache den Intentionen dieses Bewußtseins unterordnen können, doch die postmoderne Tradition geht von Kommunikationsbedingungen aus, die gerade nicht individuell sein können und also auf kein Bewußtsein, auf kein bestimmtes Subjekt oder Individuum hin reduziert werden können. Im zweiten Fall „denkt“ - sprich: beobachtet - also die Sprache gerade dort, wo sie sich dem Bewußtsein und seinen Intentionen entzieht, dort wo sie kommuniziert. (Landgraf). Ohne daß deswegen bewußtes Beobachten ausgeschlossen werden müßte, versteht dieser Perspektivenwechsel Beobachtung als primär soziale Kategorie, als etwas, das keinem einzelnen Individuum oder Subjekt allein, keinem Einen mehr zugeschrieben werden kann. Ist die Beobachtung an ihre Kommunikationsbedingung gebunden, kann sie tatsächlich erst mit Zweien beginnen. (Vgl. Nietzsches „Ein mal eins“).

Wenn „das Paar gegenüber dem Individuum die wirklichere Größe darstellt“ (Sloterdijk) und wenn vorausgesetzt werden darf, daß die Sprache selber spricht (Sprache) und beobachtet (Sprache), ist es, sagt die „postmoderne Skepsis“, mit der Wissensautorität eines Einen vorbei.

Die Vorstellung, daß alle Wissenschaft am Ende nur noch eine Theorie für alles besitzen könnte, wie sie von der Physik geträumt wird, bedeutet z.B. nach Sloterdijk, daß die Forschungsgemeinschaft eines Tages nur noch zu einer homogenen Armee von Subjekten zusammenwachsen würde, die alle eine gemeinsame Vor- oder besser Verstellung der Objekte besäßen. Daher muß, solange der Primat des Subjektes gilt, gemäß Sloterdijk eine agonale Theorie entstehen. Eine zweite oder neue Kultur, wenn sie denn kommen sollte (!), kann sich nur entwickeln, wenn der Eros des Künstlers die Objekte „wahrnimmt“ und „erkennt“, daß diese nicht von ihm festzustellen seien, sondern sich im Fluß der Ereignisse befinden und ständig ändern. Der Künstler nähert sich ihnen daher nicht als Forscher, sondern als Nachbar und Freund. (Subjekt-Objekt). Diesen Werde- und Entwicklungsgang von der Objektivität zur Intimität faßt Sloterdijk zusammen unter dem Begriff „Heraklitische Meditationen“. Heraklitische Meditationen

Der Wissenschaftstheorie fehlen zur Fruchtbarkeit nicht Fragen, sondern adäquate Antworten. Jedenfalls ist auch für Sloterdijk gewiß, „daß die beiden kuranten Beantwortungen der Frage nach der Seinsweise des Entdeckten vor der Entdeckung nicht nur unzulänglich, sondern geradewegs falsch sind: Die erste Antwort stammt vom (transzendentalen und konstruktivistischen) Idealismus, der die Behauptung aufstellt, entdeckte Sachen besäßen keinerlei Präexistenz vor ihrer Wahrnehmung in einem Bewußtsein und ihrer Aussagung in einer Rede. Der Irrtum dieser These beruht auf der Suggestion, daß die klassische Annahme der Identität von Sein und Wahrgenommenwerden als absolute Abhängigkeit der Objekte von einem denkenden Subjekt verstanden werden dürfe. Von hier aus ist es nicht weit zu der hypnotischen Absurdität des subjektiven Idealismus, wonach Objekten, denen zufällig ein menschlicher Beobachter abgeht, auch schon ihr Sein als solches fehle. Dem komplementären Irrtum begegnet man in der zweiten Antwort, die eine objektive und erkenntnisunabhängige Präexistenz des Entdeckten vor jeder Entdeckung in Ansatz bringt, indem sie das Sein der Sache als etwas vorstellt, wovon das Bemerktwerden durch eine Intelligenz mühelos weggedacht werden kann, ohne daß ihrem Bestand das Geringste verlorenginge. In dieser dem naturwissenschaftlichen Alltagsbetrieb naheliegenden Auffassung feiert der Objektivismus einer unzulänglichen Ontologie trügerische Erfolge: Ihr zufolge ist Seiendes stets eindeutig so und nur so, wie es »an sich« vor aller Wahrnehmung besteht, während dem Denken die Rolle des kontingent Hinzukommenden zufällt, das ebensogut fernbleiben könnte - wie es ja offenbar auch vor der Entdeckung noch nicht bei der Sache war - und das sich zudem durch Irrtumsanfälligkeit und Wandelhaftigkeit der Deutungen verdächtig macht. Hier ist es die Entdeckung, die vorgeblich dem Entdeckten fehlen darf, ohne daß dieses an seiner Eigenfülle Schaden nähme. Die Symmetrie der Fehlschlüsse liegt auf der Hand: Während der Irrtum der ersten Art darin besteht, die Entdecktheit des Entdeckten bewußtseinsabsolutistisch zu übertreiben, zeigt sich das Verfehlte der zweiten Art darin, daß die Entdeckung objektivistisch untertrieben wird, als käme es für eine aus sich selbst seiende »Substanz« oder Entität nicht darauf an, wann, wo und wie sie in ein Wissen eintritt und unter welchen symbolischen Formen und welchen logischen Nachbarschaften sie in einer Gesellschaft von Kenntnisnehmern zirkuliert.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 216-217).

„Der Stoff des Seins wird von diesem selbst her gewissermaßen vorschlagsförmig präsentiert - man könnte sogar vorwurfsförmig sagen, sofern man den Ausdruck vom griechischen Verbum proballein: hinwerfen, vorwerfen, her versteht, aus dem das Nomen problema abgeleitet ist. In Problemen reden die Dinge zur Intelligenz; in Vorsätzen öffnen sie sich der menschlichen Partizipation. Durch Relevanzdruck verleihen sie der Kreativität Flügel. Als nicht-redende konnten Dinge, Sachlagen, Naturen nur erscheinen, wenn und solange sie zuvor von einem Intellekt, der die Sprache für sich reserviert, zum Verstummen gebracht wurden. Der ursprüngliche Modus der Gegebenheit von Dingen ist ihre Interessantheit fürAnderes: Das Eine geht das Andere an; Seiendes ist stets in ein Relevanzbad getaucht, in dem es sich gemeinsam mit Intelligenzen bewegt. Die problem-ontologische Betrachtungsweise - Sein heißt Sich-Vorschlagen - bietet den Vorzug, die angebliche Kluft zwischen den Wörtern und den Dingen erst gar nicht mehr aufklaffen zu lassen, in der so viel metaphysisch engagierte Intelligenz verschwand bei überflüssigen Versuchen, sie zu überbrücken. Wenn die Welt alles ist, was der Fall ist, und alles der Fall ist, was vorgeschlagen oder einem wissenden Anteilnehmen vorgeworfen wird, dann ist das Entdecken als Vorschlagsentfaltung zu verstehen, bei dem ein spürbar höherer Grad an Artikuliertheit erreichbar ist. Dasselbe drückt die Falten-Metapher aus: Wo eine Falte oder etwas Eingerolltes vorliegt, kann ein Entbreiten oder Auseinanderrollen (explicare) ansetzen. Falten sind die Vorschläge oder Propositionen, an denen eine Explizitmachung angreift. Wo man die Falte sieht, nimmt man den Hinweis auf ein Falteninneres wahr, das noch nicht ausgebreitet wurde.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 219-220).

Kugel

Also: „Der einzige Ausweg aus dem Dilemma, zwischen alternativen Irrtümern wählen zu sollen, zeigt sich im Nachweis, daß ein dritter Pfad offensteht“, so Sloterdijk, der sich auf „Heideggers Untersuchungen über das »Wesen der Wahrheit«“ bezieht (vgl. Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 217 bzw. 221ff. und Martin Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit, 1930 Heidegger):

Wissenschaft und Technik haben Heidegger zufolge „von sich her den Charakter eines organisierten Attentats auf die Verborgenheit. Den maßgeblichen Wink für die Entwicklung dieser Ansicht entnahm Heidegger dem griechischen Wort für Wahrheit, alethéia, das er mit Un-Verborgenheit übersetzte - in einer Hinsicht wohl zu Recht, da es sich nahelegt, den Ausdruck als Kompositum aus dem Wort lethe, Verhüllung, Verbergung, Vergessen, und dem Negationspräfix a - zu analysieren. Demnach beruhte der Begriff auf der Vorstellung, daß »wahr« ist oder besser: in den Wahrheitsbereich eintritt, was aus einer Verhüllung, Verbergung, Vergessenheit in die Enthüllung, Entbergung, Erinnerung »herüberkommt«. Nicht allein durch das Urteil, das einen Satz als wahr oder falsch bestimmt, wird die Wahrheit als Wahrheit gestiftet; sondern daß eine Erscheinung, ein Vorschlag, eine Phänomen-Falte in den Bereich des Offenliegenden ragt und das Urteil (das naturgemäß auch falsch sein kann) herausfordert, hält das Wahrheitsgeschehen in Gang.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 221-222).

„Wahrheit ist also nicht bloß eine Eigenschaft von ausgesprochenen Sätzen, die dann und nur dann wahr heißen dürfen, wenn »im Realen« »tatsächlich« der Fall wäre, was in den Sätzen behauptet oder »abgebildet« wird; vielmehr stellte die Physis ... ein selbstpublizierendes Geschehen dar, in dessen Verlautbarungen die spürenden und sätzebildenden Intelligenzen einbezogen sind. Man darf sich durch die allegorische Redeweise nicht verschrecken lassen - wenn man von der Natur wie einer handelnden Person spricht, sind stets mediale Prozesse gemeint. In ihrem Erscheinen, so läßt sich der Gedanke umformulieren, gibt die Natur sich selbst zu verstehen - sie erteilt Winke, sie zeigt ein Bild von sich, sie läßt sich hören und sehen, sie teilt sich in ihrem Aufgehen, ihrem Ertönen mit. Die Natur ... ist eine Autorin, die im Selbstverlag publiziert (wobei sie wohl auf ein menschliches Lektorat angewiesen ist).“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 222-223).

Die tragische Ironie der „Fehlauslegung von Naturerkenntnis durch die Metaphysik sowie ihre Fortsetzer in den modernen Naturwissenschaften und Technologien besteht nun Heidegger zufolge darin, daß ihre extrem reduktionistischen, das Wahrheitsgeschehen entstellenden und verarmenden Begriffe so erfolgreich waren, daß sie im Modus einer sich selbst wahrmachenden Prophezeiung über mehr als zweitausend Jahre hin für die europäische Rationalitätskultur bestimmend wurden. Dieser Zeitraum wäre daher ausdehnungsgleich mit der Ära der Seinsvergessenhait. Man erinnere sich, daß eine verwandte Sicht der Dinge mit dem Satz: »das Ganze ist das Unwahre« ausgesprochen wurde - was historisch bedeutet: Auch das Unwahre hat schon ein Altertum. Wer dessen Anfänge fassen will, um vor sie in unverzerrte Zustände zurückzugehen, muß sich mit Platons Verformelung der Wahrheit zur »Idee« oder noch früher zu Demokrits Aufspaltung der menschlichen Realität in Körper und Seele befassen. Fehlbeschreibungen dieser Größenordnung gehen, wie Heidegger sah, über die Bezeichnungskraft des gewöhnlichen Irtumsbegriffs hinaus; sie zwingt den Betrachter, zu Ausdrücken wie »Geschick«, vielleich sogar »Verhängnis« zu greifen.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 222-223).

Heidegger ließ laut Sloterdijk „das Offenbarwerden des Offenbaren ursprünglich aus einer Selbstpublikation des Seins hervorgehen - als Verlagsort der Publikation wird bei ihm die Lichtung () angegeben.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 226).

„Das durch Forschung und Erfindung erzeugte Wissen ist Neonlichtwissen. An die Stelle der Selbstlichtung des Seins tritt die Zwangslichtung des »Gegebenen«, an die Stelle der organischen Wahrnehmung die organisierte Beobachtung. Unter solchen Prämissen ist es unvorstellbar, daß Menschen je wieder in ein »Wahrheitsgeschehen« sich einordnen könnten, das von der alten Natur samt ihrem »Aufgehen«, ihrem »Gebären«, ihrem Verhüllen und Zurücktreten in die Unscheinbarkeit abgelesen würde - ein Geschehen, in dem die Dinge von ihnen selbst her ungenötigt zeigen, was und wieviel sie von Ihrem zu sehen geben, um den dunklen Rest als ihr Geheimnis zu wahren.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 227-228).

„Das Menschenrecht auf Naturenthüllung und Kulturrekonstruktion wird so selbstverständlich und über-selbstverständlich vorausgesetzt, daß keine Menschenrechtserklärung es explizit zu machen bisher für nötig hielt. Nirgendwo ist das klarer formuliert worden als in Heideggers Diktum: »Technik ist eine Weise des Entbergens« ....“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 228). Und: Heideggers Lichtung ist „nicht ohne ihre technogene Herkunft zu denken.“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001, S. 224 ).

Nur abendländische Menschen konnten mit ihrem „faustischen“ Wissens- und Forschungswillen auf die Idee kommen zu behaupten, daß der „Unendliche Raum“ das biete, mit dem ein „Faust“ alles erklären können müsse: Der Unendlichkeitsraum begann unendlich klein und wird unendlich groß und unendlich alt werden. Das „anthropische Prinzip“ (Anthropisches Prinzip) bestätigt diesen Glauben und verleiht ihm noch mehr Subjektivität: Es muß mindestens einen Beobachter (Menschen) geben, um mit den Mitteln der Wissenschaft zu beweisen, daß es einen Beobachter (Menschen) überhaupt geben kann. Gott ist während der abendländischen Geschichte mehr und mehr dem Subjekt namens Faust gewichen. Für Menschen der magischen Kultur mit ihrem strengen Monotheismus ist so etwas Gotteslästerung. Für sie zählt nur der eine Gott, und es ist ihnen egal, ob der wissenschaftlich erforschbar und erklärbar ist oder nicht. Für Morgenländer ist nämlich das, was die Abendländer den „Unendlichen Raum“ nennen, Gottes Gesetz und nicht ein Naturgesetz, hinter dem ja doch nur wieder das Gesetz eines Menschen steht oder eine wie auch immer von ihm naturwissenschaftlich konstruierte Selbstorganisation. Aber alle Menschen scheinen einverstanden zu sein mit der These, daß es so etwas wie ein Baumeister (ob Natur, Gott, Selbst oder einfach nur ein Prinzip u.s.w.) gewesen sein muß, der als Haupt-Techniker nicht nur alle Schrauben, sondern die Technik überhaupt und alle anderen Techniken so eingestellt hat, daß es das Universum, das Leben und uns Menschen überhaupt geben kann.

Kugel Nanoforscher bedienen sich heute der Fähigkeit zur Selbstorganisation, indem sie sich von der Natur inspirieren lassen: in jeder lebenden Zelle setzen sich effektiv und pausenlos einzelne Moleküle nach einem festgelegten Bauplan zu Proteinen und komplexen Erbgutsträngen zusammen. Die inspirierten Nanoforscher konstruieren mit Hilfe von Strängen aus Erbmaterial DNS und Eiweißstoffen winzige Transistoren. Die halb leitenden Herzstücke dieser Schaltkreise bilden nur ein Nanometer dünne Röhrchen aus Kohlenstoff. Die Forscher knüpfen z.B. ein bestimmtes Protein (RecA) der Escherichia-coli-Bakterie an die Kohlenstoff-Hülle des halb leitenden Hohlkörpers und bringen die Röhrchen in direkten Kontakt mit einem Gerüst aus DNS-Ketten. Sie docken über das Bakterien-Protein biochemisch an den Erbgutstrang an und können so in einer gewünschten Ausrichtung und Position fixiert werden. Weil Schaltkeise auch einen elektrischen Kontakt benötigen, werden die DNS-Moleküle, die das Nano-Röhrchen an beiden Seiten fest halten, z.B. mit einem hauchdünnen, leitenden Goldfilm überzogen. So kann ein Spannungsimpuls bis zum Röhrchen geleitet werden. Diese Kombination aus beschichteten Biomolekül und hohler Kohlenstoff-Röhre kann also wie ein Transistor geschaltet werden. Weil diese Srategie auch auf komplexe Netzwerke von Schaltkreisen anwendbar ist, werden Biomoleküle wohl bald ganze Computerchips zusammenbauen.

Der Computerbau zeigt vielleicht schon jetzt an, wie weit wir mit bestimmten Beispielen aus der Technik kommen könnten: Mathematiker haben ausgerechnet, wann die Computerbauer spätestens an ihre Grenzen stoßen werden. Sollten sie mit derselben Geschwindigkeit fortfahren wie bisher, dann wird dieses Limit etwa im Jahre 2230 erreicht sein, dann nämlich, wenn die Computer 5,4 x 1050 Operationen pro Sekunde ausführen und dabei 1031 Bit an Informationen speichern können. Dann tritt ein physikalischer Zustand ein, der unser heutiges Vorstellungsvermögen sprengt: alle Materie des Rechners wird dann in Energie umgewandelt - d.h. er verschwindet!

Bis zum Beginn des 23. Jahrhunderts wird sich die abendländische Kultur auf die anderen Umstände vorbereitet haben - auch weil dann der letzte, vollendende Zivilisationshöhepunkt erreicht sein wird. Globalik / Globalismus

Unser eigenes Bewußtsein wird wohl lernen müssen, sich als Bewußtsein einer Maschine, als gemachtes und doch in seinem faktischen Sein unhintergehbares, in sich geschlossenes Dasein zu verstehen. Bereits heute werden Organe (auch Gehirne) mit nicht-biologischer Intelligenz aus- und aufgerüstet oder repariert. In Zukunft werden Kleinstcomputer (Nanobots) von der Größe einer Zelle unsere Gehirnfunktionen verbessern. Man wird mit ihnen das Gehirn erkunden, Synapse für Synapse abtasten, Transmitter für Transmitter, und ein Gehirn kopieren können. Ray Kurzweil prognostizierte dies bereits 1999 in seinem Buch Homo S@piens - Leben im 21. Jahrhundert. Mit solchen Kleinstcomputern wird man virtuelle Realität erzeugen. Milliarden von Nanobots werden dann als künstliche Neuronen in unser Gehirn geschickt, die sich an jedem einzelnen, von unseren Sinnesorganen herkommenden Nervenstrang festsetzen. „Wenn wir reale Realität erleben wollen, dann halten die Nanobots still. Für das Erlebnis virtueller Realität unterbrechen sie die Zufuhr realer Reize und setzen künstliche Signale an ihre Stelle“. Wahrscheinlicwird bald schon das World Wide Web () aus virtuellen Begegnungsstätten bestehen, die genauso real sind wie jeder Ort der Welt. Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, auf dem Weg zu einer neuen Existenz.

Kugel Oder doch schon auf dem Weg zum „Wärmetod“?

Der Industrialismus, der die von der Natur akkumulierte Materie in Energie umwandelt (zum „Verbrauch“), wird er das Schicksal der Entropie erleiden?  Der 1. Hauptsatz der Wärmelehre sagt noch nichts über die Entropie aus, denn er besagt erst einmal nur, daß Wärme eine besondere Form der Energie ist, daß sie in festen Verhältnissen in andere Energieformen umgewandelt werden kann und auch umgekehrt. In einem geschlossenen System bleibt die Summe aller Energiearten konstant. Der 2. Hauptsatz der Wärmelehre ist der sogenannte Entropiesatz, denn er betrifft die Entropie, die Zustandsgröße thermodynamischer Systeme und das Maß für die Irreversibilität der in ihnen ablaufenden Prozesse, konkreter: das Maß für den nicht in mechanische Arbeit umwandelbaren Energiegehalt, das Maß für Unordnung, das Maß für Chaos! Die Gesamt-Entropie kann niemals abnehmen, und sie kann bei reversiblen Vorgängen (im Idealfall) konstant bleiben, weil der Entropiesatz besagt, daß die Entropie eines abgeschlossenen thermodynamischen Systems sich nur durch Austausch mit der Umgebung ändern oder aber sich nur von selbst vermehren kann (also: Entropie kann nicht vernichtet werden). Damit ist gleichzeitig der Richtungscharakter ausgedrückt: Wärme kann nicht von selbst von einem kälteren auf einen wärmeren Körper übergehen. Mechanische Arbeit kann zwar vollständig in Wärme umgewandelt werden, aber eben niemals umgekehrt. Aus der im Entropiesatz formulierten Gesetzmäßigkeit folgt, daß in einem abgeschlossenen System die Wahrscheinlichkeit für einen Zustand um so größer ist, je größer seine Unordnung ist. Das Maß für diese Unordnung ist die Entropie. Ein Chaos-Maß ! Die Entropie läßt sich genau bestimmen durch mathematische Formelberechnung, die für jedes System eine entsprechende Zustandsgröße der gebundenen Energie feststellt. Besonders deutlich läßt sich die Entropie an thermodynamischen Vorgängen dann ablesen, wenn man zwischen umkehrbaren und nichtumkehrbaren Abläufen unterscheidet: bei umkehrbaren Abläufen bleibt die Entropie unverändert, bei nichtumkehrbaren Abläufen nimmt die Entropie zu, und diese Zunahme geht auf Kosten der mechanischen Energie - sie ist der „Verlierer“ und die Wärme-Energie der „Gewinner“ -, der Verlust mechanischer Energie ist es also, der einhergeht mit der Zunahme der Entropie. Bei allen nichtumkehrbaren Vorgängen in der Natur nimmt die Energie der thermodynamischen Geschehnisse - also: die Wärme (!) - ständig zu und die Energie der mechanischen Geschehnisse ständig ab, was schließlich zu einem Stillstand, zum „Wärmetod“ (!) führen müßte. Dagegen spricht jedoch die kosmologische Unmöglichkeit einer abgeschlossenen empirischen Erkenntnis von der „Totalität des Weltalls“, denn ohne begründete Anwendung bleibt auch die Auffassung von der Entropie reine Theorie, reine Mathematik, reine Logik, reines Denken, reiner Glaube. Aber all das brauchen wir ja, also brauchen wir nicht nur den Tod, um das Wissen vom Leben zu haben, sondern auch das Leben, um den Tod vom Wissen zu haben. Das Kälteleben ist der „Verlierer“ und der Wärmetod der „Gewinner“ - jedenfalls beim Wissen vom Schicksal der Entropie, dem Chaos-Maß!

Wenn es richtig ist, daß in der unbelebten Welt die natürliche Tendenz herrscht, sich hin auf einen
Zustand immer größerer Unordnung (z.B. gleichmäßige Durchmischung zweier Gase) zu bewegen,
dann bedeutet doch aber Gleichgewicht Unordnung (Chaos) und Ungleichgewicht Ordnung, oder?

„In der Physik ist der einfachste Zustand, den ein System erreichen kann, ein Gleichgewichtszustand. Ist das Gleichgewicht hergestellt, so geht nichts mehr, denn es ist ja alles ausgeglichen. ... Prinzipiell gilt: Je näher ein System am Gleichgewicht ist, desto weniger tut sich in ihm. Ist das Gleichgewicht schließlich erreicht, so sind alle treibenden Kräfte erlahmt, und das System ist tot. Daß alle Systeme einem Gleichgewicht zustreben, ist eine der wichtigsten Grundregeln der Physik. ... Die unterschiedlichen Energieformen haben unterschiedliche Auswirkungen. Ein Körper mit kinetischer Energie ist in Bewegung. Ein Körper mit potentieller Energie kann von einem Tisch herabfallen und dabei Bewegungsenergie gewinnen. Doch letztendlich haben alle Energieformen das Bestreben, sich in Wärmeenergie umzuwandeln. .... Materie versucht immer ins Gleichgewicht mit ihrer Umgebung zu kommen, indem sie alle Energieformen letztlich in Wärme verwandelt. Dieses Bestreben, sich so unordentlich wie möglich zu strukturieren, begegnet uns im Alltag ständig. Eine vom Tisch heruntergefallene Tasse, nun in tausend Scherben, bleibt zersprungen. .... Alle Prozesse im Universum haben die Tendenz, die Unordnung zu erhöhen, indem sie Wärme austauschen. Diese erstaunliche Erkenntnis ist als zweiter Hauptsatz der Thermodynamik bekannt geworden. Sie muß uns als Lebewesen unweigerlich beschäftigen, denn offenkundig zeichnen sich Lebewesen ja gerade dadurch aus, daß sie nicht im Gleichgewicht mit ihrer Umgebung sind. Oder anders ausgedrückt: Wenn sie sich im Gleichgewicht mit ihrer Umgebung befinden, sind sie tot. Irgendetwas in einem Lebewesen sorgt also dafür, daß das Ungleichgewicht aufrechterhalten wird, sich andauernd erneuert, ja sich sogar verstärkt. Lebende Organismen bauen Ordnung auf. Der Mensch zum Beispiel repariert sich ständig selbst. .... Wir bekommen alle fünf Tage eine neue Magenschleimhaut, die Leber wird alle zwei Monate komplett erneuert. Unser größtes Organ, die Haut, regeneriert sich alle sechs Wochen. In jedem Jahr werden 98 Prozent der Atome in unserem Körper durch andere ersetzt. Dieser ununterbrochene chemische Austausch, Stoffwechsel genannt, ist das Zeichen von Leben. Alle Lebewesen sind gewissermaßen Inseln der Ordnung in einem Meer von Unordnung. Sie sind in der Lage, sich selbst zu strukturieren, obwohl die Erfahrung zeigt, daß sich die Materie im allgemeinen nicht selbst ordnet. Wie kann das sein?  Ist das nicht ein Verstoß gegen die Regeln der Physik, gegen die Theorien über den Ablauf der Welt?  Auf diese Frage kann man mit einem entschiedenen »Nein« antworten!“  (Harald Lesch, Big Bang, zweiter Akt, 2003, S. 35-38). Für die Physiker „ist das Leben ein sich selbst organisierendes, dissipatives Nichtgleichgewichtssystem“ (ebd., S. 34, 42, 47). Oder so formuliert: „Leben ist ein sich selbst organisierendes Nichtgleichgewichtssystem, das mit seiner Umgebung Energie und Materie austauscht. Dies ist die physikalische Definition von Leben“ (ebd., S. 225).

Wie schon gesagt: Gemäß dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik enthält ein abgeschlossenes System im thermischen Gleichgewicht ein höchstmögliches Maß an Entropie. In einem geschlosseben System kan die Entropie zwar gleich bleiben oder zunehmen, aber niemals abnehmen. Also nimmt jegliches makroskopische Geschehen im System zwangsläufig dann ein Ende, wenn alle möglichen Prozesse vollendet sind, die Temperatur überall gleich ist und eine maximale Entropie erreicht ist. Dies impliziert natürlich, daß lange vor dem letzten makroskopischen Geschehen bereits alles Leben im Universum beendet sein wird. Der „Wärmetod des Universums“ wird von nicht wenigen Philosophen als Beweis für die Unvermeidbarkeit des Weltuntergangs angeführt. Vergessen wird dabei aber nicht selten die Annahme, daß daß unser Universum ein abgeschlossenes System ist. Wir wissen aber gar nicht, ob das wirklich so ist. Es ist nämlich auch gemäß der gegenwärtigen Physik immer noch offen, ob das uns bekannte Universum überhaupt ein abgeschlossenes System ist.

Kugel GUT zur Wiederholung:

Der „Bauplan des Universums“ soll zukünftig endlich entschlüsselt werden - mit der „Weltformel“, und die beinhaltet natürlich auch eine „Menschheitsformel“. Faust ist weiterhin auf der Suche nach dem Ur-Gesetz, in dem alles Dasein zu einem Ganzen verschmilzt - oder auch nicht. Die Weltformel soll beschreiben, wie sich alle Teilchen und somit alle Kräfte der Natur in einer einzigen Kraft zusammenfassen lassen. (Vgl. „Große Vereinheitlichte Theorie“: GUT). Und: Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es z.B. einen neuen Teilchenbeschleuniger im europäischen Kernforschungszentrum CERN. Die Experimente, die dort möglich sind, ermöglichen vielleicht tatsächlich, der Weltformel wieder einen Schritt näher zu kommen. In diesem Teilchenbeschleuniger lassen sich Bedingungen herstellen, wie sie beim „Urknall“ geherrscht haben müssen. Das behaupten jedenfalls die Wissenschaftler. Ebenfalls seit Anfang des 21. Jahrhunderts gelingt es auch, mit Hilfe superschneller Rechner im Computer bestimmte Phänomene darzustellen, von denen sich die Forscher letztendlich eine Antwort auf uralte Fragen erhoffen, z.B.: Wie ist das Universum entstanden? Warum sind wir hier?  Hat die Zeit einen Anfang gehabt, hat es sie immer gegeben, kann man sie in immer kleinere Einheiten aufteilen? Geht die Zeit tatsächlich immer nur nach vorne?  Menschen empfinden das so, aber die Quantentheorie (Planck) sagt ihnen, daß es keineswegs so sein muß. Die beiden großen Theorien - die Quantentheorie (-mechanik), die den Mikrokosmos im Universum beschreibt, und die Relativitätstheorie, die das Zusammenspiel von Sternen und Galaxien erklärt - haben ihre Gültigkeit; sie lassen sich aber nicht oder noch nicht miteinander vereinen. Manche Physiker versuchen dies mit der „String-Theorie“ zu erklären. Die faszinierenden Erklärungsmuster der „Superstring-Theorie“ kommen der „Wahrheit der Schöpfung“ ganz gefährlich nahe, nur: sie können nichts beweisen. Aber Spaß beiseite: Materie besteht bekanntlich aus Atomen, die ihrerseits aus winzigen Teilchen wie Elektronen, Protonen, Neutronen und Quarks u.s.w. zusammengesetzt sind (vgl. Elementarteilchen) zusammengesetzt sind. Die Grundidee der String-Theorie ist, daß sie sich nicht punktartig (wie die Tradition glaubt), sondern jeweils aus einer winzigen eindimensionalen Schleife bestehen. Die String-Theoretiker vermuten, daß jedes Teilchen aus einem schwingenden Faden besteht, der einem Gummiband gleicht. String bedeutet Faden oder Saite: Pythagoras läßt grüßen. Die String-Theorie behauptet also, die Bauelemente des Kosmos seien winzige Fädchen aus Energie und wie unaufhörlich vibrierende Saiten. Aus ihren Schwingungen bestünden alle Elementarteilchen und physikalischen Kräfte. Die Strings brächten das Universum wie eine riesige Äolsharfe zum Klingen. Auch Pythagoras glaubte, die bewegten Himmelskörper tönten in Intervallen (Sphärenharmonie); diese Harmonie sei aber nicht wahrnehmbar, weil sie unaufhörlich auf uns einwirke. Von den Befürwortern wird die String-Theorie als Weltformel bezeichnet. Die Physiker erwarten von dieser Theorie eine Erklärung für die Eigenschaften der Elementarteilchen und die Eigenschaften der Grundkräfte, die die Teilchen wechselseitig beeinflussen.

Der Physiker Steven Weinberg (*1933) lieferte bedeutende Arbeiten zur Quantentheorie (Planck), zur Theorie der Elementarteilchen und ihren Wechselwirkungen sowie zur Gravitationstheorie und Kosmologie. Er formulierte 1968 eine einheitliche Theorie der schwachen und elektromagnetischen Wechselwirkung der Leptonen. Die „Große Vereinheitlichte Theorie“ (GUT) erhielt durch Weinberg also einen erneuten Auftrieb, und für diesen Beitrag zur Vereinheitlichung der Naturkräfte bekam er 1979 den Nobelpreis für Physik. Wie kam er darauf?  „Ich hatte über ganz andere Dinge nachgedacht - über die ... starke Wechselwirkung, die die Atome zusammenhält - und ... kam nicht so recht weiter. Dann fiel mir plötzlich ein, daß meine Ideen sich auf ein ganz anderes Phänomen anwenden ließen, nämlich auf die schwache Wechselwirkung, die für den radioaktiven Zerfall verantwortlich ist. .... Es funktionierte tatsächlich, und sogar auch für die Kraft, die zwischen elektrisch geladenen Teilchen wirkt. So hatte ich eine einheitliche Theorie für zwei Kräfte gefunden, die im Universum wirken. (Schwache Kernkraft und Elektromagnetismus). Ich bin nicht sicher, ob der Mensch klug genug ist, um eine physikalische Weltformel zu finden. Aber ich habe in meinem Forscherleben immerhin einen starken Trend zur Einfachheit erlebt. Nicht weil die Mathematik einfacher geworden wäre, im Gegenteil - sie wird immer schwieriger, immer esoterischer. (Esoterik). ... Wir sind verdammt, wenn wir die Weltformel nicht finden, aber wir sind auch verdammt, wenn wir sie finden.“ (Steven Weinberg, 2001).

„Einerseits sind wir kurz davor, die Gesetze des Universums zu verstehen - wenn wir wissen, nach welchen Regeln es funktioniert, können wir es kontrollieren ... -, andererseits sind wir an einen Punkt angelangt, an dem wir unsere eigene biologische Entwicklung mit der Gentechnologie kontrollieren können. .... Vielleicht werden in Zukunft die Computer die Herrschaft übernommen haben. Ich hoffe aber, das wird nicht so sein. Ich glaube an den Menschen!“ (Steven W. Hawking, 2001).


„Leben gehorcht den quantenmechanischen Gesetzen der Physik.“ (Johnjoe McFadden, 2001).

Biologen entschlüsseln nicht den Atomkern, sondern den Zellkern; trotzdem ist auch für sie der Atomkern wichtig, denn neuerdings sehen gerade die Molekularbilologen das Lebendige als Teil des physikalischen Mikrokosmos, und das führt in der Konsequenz zum künstlichen Leben, weil die Forscher kein Hindernis mehr sehen (wollen), seit sie verstehen, wie das Leben auf der Ebene der kleinsten Teilchen funktioniert. Wer im Erbgut nichts anderes sieht als einen gigantischen Baukasten mit ca. 150000 verscheidenen Teilen mit jeweils ca. 25000 Einzelteilen, der sieht in ihnen kleine Fabriken, die auf der Ebene der Moleküle irgend etwas aufnehmen und ein wichtiges Produkt herstellen - z.B. hochspezialisierte Eiweißstoffe. Damit kann man wirklich schon Schöpfer spielen. Das Lebendige ist also heute verfügbar, und es wird genutzt. Auf längere Sicht wird so auch der Mensch nach Maß entstehen, nämlich „so wie man ihn braucht“ (Martin Heidegger), entworfen am Reißbrett. „Ich bin nicht Gott, weil ich den Code entschlüsselt habe“, sagte der Physiker J. C. Venter am 20.02.2001 zum Philosophen Peter Sloterdijk. Venter hatte zuvor eine Sequenz des menschlichen Genoms veröffentlicht: beim Wettlauf um die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts hatte er alle überholt; seitdem laufen in der Schaltzentrale seiner Firma (!) die Daten zusammen, mit denen das menschliche Genom erfaßt ist. „Wir haben tatsächlich den Anspruch, das Leben der Menschen grundsätzlich zu verändern. Das ist unser Ziel für die Zukunft. In unserem Körper gibt es 100 Trillionen Zellen, mindestens 50000 Gene, vielleicht eine Million verschiedener Eiweißstoffe. Bisher kennen wir nur ein bis zwei Prozent dieser Informationen.“ (J. C. Venter, 2001). „Denn wir haben die Sequenz des menschlichen Genoms noch nicht vollständig. Und jetzt geht die Arbeit erst los. Wir müssen herausfinden, was diese Sequenz wirklich bedeutet und wie die darin enthaltenen Informationen die Funktionen eines Organsimsus steuern.“ (Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft). Das war der Biologie-Wissensstand des Jahres 2001.

 

ª • ¨              
 -----------  = §  ?   
© ²            

 

    Wirtschaft • Kunst             
           -----------------------------  = Kultur   ?
Technik ²         

Wie schon gesagt: Bis zur Mitte des 21. oder vielleicht auch des 22., spätestens aber bis zum Beginn des 23. Jahrhunderts wird sich die abendländische Kultur auf die anderen Umstände vorbereitet haben. Ob mit oder ohne „Weltformel“, „Lebenskulturformel“, „Menschheitsformel“.

 

Vgl. Technik

 

Kugel
WWW.HUBERT-BRUNE.DE