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Prägnant und möglichst knapp formulierte Gedanken

von

Martin Heidegger (1889-1976)

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„Die eigentliche »Bewegung« der Wissenschaften spielt sich ab in der nicht mehr oder minder radikalen und ihr selbst nicht durchsichtigen Revision der Grundbegriffe. Das Niveau einer Wissenschaft bestimmt sich daraus, wie weit sie einer Krisis ihrer Grundbegriffe fähig ist. In solchen immanenten Krisen der Wissenschaften kommt das Verhältnis des positiv untersuchenden Fragens zu den befragten Sachen selbst ins Wanken. Allenthalben sind heute in den verschiedenen Disziplinen Tendenzen wachgeworden, die Forschung auf neue Fundamente umzulegen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 9

„Die scheinbar strengste und am festesten gefügte Wissenschaft, die Mathematik, ist in eine »Grundlagenkrisis« geraten. Der Kampf zwischen Formalismus und Intuitionismus geht um die Gewinnung und Sicherung der primären Zugangsart zu dem, was Gegenstand dieser Wissenschaft sein soll. Die Relativitätstheorie der Physik erwächst der Tendenz, den eigenen Zusammenhang der Natur selbst, so wie er »an sich« besteht, herauszustellen. Als Theorie der Zugangsbedingungen zur Natur selbst sucht sie durch Bestimmung aller Relativitäten der Unveränderlichkeit der Bewegungsgesetze zu wahren und bringt sich damit vor die Frage nach der Struktur des ihr vorgegebenen Sachgebietes, vor das Problem der Materie. In der Biologie erwacht die Tendenz, hinter die von Mechanismus und Vitalismus gegebenen Bestimmungen von Organismus und Leben zurückzufragen und die Seinsart von Lebendem als solchem neu zu bestimmen. In den historischen Geisteswissenschaften hat sich der Drang zur geschichtlichen Wirklichkeit selbst durch Überlieferung und deren Darstellung und Tadition hindurch verstärkt: Literaturgeschichte soll Problemgeschichte werden. Die Theologie sucht nach einer ursprünglicheren, aus dem Sinn des Glaubens selbst vorgezeichneten und innerhalb seiner verbleibenden Auslegung des Seins des Menschen zu Gott. Sie beginnt langsam die Einsicht Luthers wieder zu verstehen, daß ihre dogmatische Systematik auf einem »Fundament« ruht, das nicht einem primär glaubenden Fragen entwachsen ist und dessen Begrifflichkeit für die theologische Problematik nicht nur nicht zureicht, sondern sie verdeckt und verzehrt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 9-10

„Wissenschaft überhaupt kann als das Ganze eines Begründungszusammenhanges wahrer Sätze bestimmt werden. Diese Definition ist weder vollständig, noch trifft sie die Wissenschaft in ihrem Sinn. Wissenschaften haben als Verhaltungen des Menschen die Seinsart dieses Seienden (Mensch). Dieses Seiende fassen wir terminologisch als Dasein. Wissenschaftliche Forschung ist nicht die einzige und nicht die nächste mögliche Seinsart dieses Seienden. Das Dasein selbst ist überdies vor anderem Seienden ausgezeichnet. Diese Auszeichnung gilt es vorläufig sichtbar zu machen. Hierbei muß die Erörterung den nachkommenden und erst eigentlich aufweisenden Analysen vorgreifen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 11-12

„Das Dasein ist ein Seiendes, das nicht nur unter anderem Seienden vorkommt. Es ist vielmehr dadurch ontisch ausgezeichnet, daß es diesem Seienden in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. Zu dieser Seinsverfassung des Daseins gehört aber dann, daß es in seinem Sein zu diesem Sein ein Seinsverhältnis hat. Und das wiederum besagt: Dasein versteht sich in irgendeiner Weise und Ausdrücklichkeit in seinem Sein. Diesem Seienden eignet, daß mit und durch sein Sein dieses ihm erschlossen ist. Seinsverständnis ist selbst eine Seinsbestimmtheit des Daseins. Die ontische Auszeichnung des Daseins liegt darin, daß es ontologisch ist.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 12

„Ontologisch-sein besagt hier noch nicht: Ontologie ausbilden. Wenn wir daher den Titel Ontologie für das explizite theoretische Fragen nach dem Sein des Seienden vorbehalten, dann ist das gemeinte Ontologisch-sein des Daseins als vorontologisches zu bezeichnen. Das bedeutet aber nicht etwa soviel wie einfachhin ontisch-seiend, sondern seiend in der Weise eines Verstehens von Sein.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 12

„Das Sein selbst, zu dem das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgendwie verhält, nennen wir Existenz. Und weil die Wesensbestimmung dieses Seienden nicht durch Angabe eines sachhaltigen Was vollzogen werden kann, sein Wesen vielmehr darin liegt, daß es je sein Sein als seiniges zu sein hat, ist der Titel Dasein als reiner Seinsausdruck zur Bezeichnung dieses Seienden gewählt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 12

„Das Dasein versteht sich selbst immer aus seiner Existenz, einer Möglichkeit seiner selbst, es selbst oder nicht es selbst zu sein. Diese Möglichkeiten hat das Dasein entweder selbst gewählt, oder es ist in sie hineingeraten oder je schon darin aufgewachsen Die Existenz wird in der Weise des Ergreifens oder Versäumens nur vom jeweiligen Dasein selbst entschieden. Die Frage der Existenz ist immer nur durch das Existieren selbst ins Reine zu bringen. Das hierbei führende Verständnis seiner selbst nennen wir das existenzielle. Die Frage der Existenz ist eine ontische »Angelegenheit« des Daseins. Es bedarf hierzu nicht der theoretischen Durchsichtigkeit der ontologischen Struktur der Existenz. Die Frage nach dieser zielt auf die Auseinanderlegung dessen, was Existenz konstituiert. Den Zusammenhang dieser Strukturen nennen wir die Existenzialität. Deren Analytik hat den Charakter nicht eines existenziellen, sonder existenzialen Verstehens. Die Aufgabe einer existenzialen Analytik des daseins ist hinsichtlich ihrer Möglichkeit und Notwendigkeit in der ontischen Verfassung des Dasein vorgezeichnet.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 12-13

„Sofern nun aber Existenz das Dasein bestimmt, bedarf die ontologische Analytik dieses Seienden je schon immer einer vorgängigen Hinblicknahme auf Existenzialität. Diese verstehen wir aber als Seinsverfassung des Seienden, das existiert. In der Idee einer solchen Seinsverfassung liegt aber schon die Idee von Sein überhaupt. Und so hängt auch die Möglichkeit einer Durchführung der Analytik des daseins an der vorgängigen Ausarbeitung der Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 13

„Wisenschaften sind Seinsweisen des Daseins, in denen es sich auch zu Seienden verhält, das es nicht selbst zu sein braucht. Zum Dasein gehört aber wesenhaft: Sein in einer Welt. Das dem Dasein zugehörige Seinsverständnis betrifft daher gleichursprünglich das Verstehen von so etwas wie »Welt« und Verstehen des Seins des Seienden, das innerhalb der Welt zugänglich wird. Die Ontologien, die Seiendes von nicht daseinsmäßigem Seinscharakter zum Thema haben, sind demnach in der ontischen Struktur des Daseins selbst fundiert und motiviert, die die Bestimmtheit eines vorontologischen Seinsverständnisses in sich begreift.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 13

„Daher muß die Fundamentalontologie, aus der alle andern erst entspringen können, in der existenzialen Analytik des Daseins gesucht werden.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 13

„Das Dasein hat sonach einen mehrfachen Vorrang vor allem anderen Seienden. Der erste Vorrang ist ein ontischer: dieses Seiende ist in seinem Sein durch Existenz bestimmt. Der zweite Vorrang ist ein ontologischer: Dasein ist auf dem Grunde seine Existenzbestimmtheit an ihm selbst »ontologisch«. Dem Dasein gehört nun aber gleichursprünglich - als Konstituens des Existenzverständnisses - zu: ein Verstehen des Seins alles nicht daseinsmäßigen Seienden. Das Dasein hat daher den dritten Vorrang als ontisch-ontologische Bedingung der Möglichkeit aller Ontologien. Das dasein hat sich so als das vor allem anderen Seienden ontologisch primär zu Befragende erwiesen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 13

„Die existenziale Analytik ihrerseits aber ist letztlich existenziell, d.h. ontisch verwurzelt. Nur wenn das philosophisch-forschende Fragen selbst als Seinsmöglichkeit des je existierenden Daseins existenziell ergriffen ist, besteht die Möglichkeit einer Erschließung der Existenzialität der Existenz und damit die Möglichkeit der Inangriffnahme einer zureichend fundierten ontologischen Problematik überhaupt. Damit ist aber auch der ontische Vorrang der Seinsfrage deutlich geworden.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 13-14

„Soll für die Seinsfrage selbst die Durchsichigkeit ihrer eigenen Geschichte gewonnen werden, dann bedarf es der Auflockerung der verhärteten Tradition und der Ablösung der durch die gezeitgten Verdeckungen. Diese Aufgabe verstehen wir als die am Leitfaden der Seinsfrage sich vollziehende Destruktion der überlieferten Bestandes der antiken Ontologie auf die ursprünglichen Erfahrungen, in deren die ersten und fortan leitenden Bestimmungen des Seins gewonnen wurden.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 22

„Dieser Nachweis der Herkunft der ontologischen Grundbegriffe, als untersuchende Ausstellung ihres »Geburtsbriefes« für sie, hat nichts zu tun mit einer schelchten Relativierung ontologischer Standpunkte..“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 22

„Die Destruktion hat ebenso wenig den negativen Sinn einer Abschüttelung der ontologischen Tradition. Sie soll umgekehrt diese in ihren positiven Möglichkeiten, und das besagt immer, in ihren Grenzen abstecken, die mit der jeweiligen Fragestellung und der aus dieser vorgezeichneten Umgrenzung des möglichen Feldes der Untersuchung faktisch gegeben sind.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 22

„Das ontisch Nächste und Bekannte ist das ontologisch Fernste, Unerkannte und in seiner ontologischen Bedeutung ständig Übersehene.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 43

„Die Idee der »Transzendenz«, daß der Mensch etwas sei, das über sich hinauslangt, hat ihre Wurzeln in der christlichen Dogmatik ....“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 49

„Leben ist eine eigene Seinsart, aber wesenhaft nur zugänglich im Dasein.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 50

„Dasein ist Seiendes, das sich in seinem Sein verstehend zu diesem Sein verhält. Damit ist der formale Begriff von Existenz angezeigt. Dasein existiert. Dasein ist ferner Seiendes, das je ich selbst bin. Zum existierenden Dasein gehört die Jemeingkeit als Bedingung der Möglichkeit von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit. Dasein existiert je in einem dieser Modi, bzw. in der modalen Differenz ihrer. Diese Daseinsbestimmungen müssen nun aber a priori auf dem Grunde der Seinsverfassung gesehen und verstanden werden, die wir das In-der-Welt-sein nennen. Der rechte Ansatz der Analytik des Daseins besteht in der Auslegung dieser Verfassung.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 52-53

„Der zusammengesetzte Ausdruck »In-der-Welt-sein« zeigt schion in seiner Prägung an, daß mit ihm ein einheitliches Phänomen gemeint ist. Dieser primäre Befund muß im Ganzen gesehen werden. Die Unauflösbarkeit in zusammenstückbare Bestände schließt nicht eine Mehrfältigkeit konstitutiver Strukturmomente dieser Verfassung aus. Der mit diesem Ausdruck angezeigte phänomenale Befund gewährt in der Tat eine dreifache Hinblicknahme. Wenn wir ihm unter vorgängiger Festhaltung des ganzen Phänomens nachgehen, lassen sich herausheben: 1. Das »in der Welt«; in bezug auf dieses Moment erwächst die Aufgabe, der ontologischen Struktur von »Welt« nachzufragen und die Idee der Weltlichkeit als solcher zu bestimmen. 2. Das Seiende, das je in der Weise des In-der-Welt-seins ist. Gesucht wird mit ihm das, dem wir im »Wer?« nachfragen. In phänomenologisdier Aufweisung soll zur Bestimmung kommen, wer im Modus der durchsdinittlidten Alltäglichkeit des Daseins ist. 3. Das In-Sein als solches; die ontologisdie Konstitution der Inheit selbst ist herauszustellen. Jede Hebung des einen dieser Verfassungsmomente bedeutet die Mithebung der anderen, das sagt: jeweilig ein Sehen des ganzen Phänomens. Das In-der-Welt-sein ist zwar eine apriori notwendige Verfassung des Daseins, aber längst nicht ausreichend, um dessen Sein voll zu bestimmen. Vor der thematisdien Einzelanalyse der drei herausgehobenen Phänomene soll eine orientierende Charakteristik des zuletzt genannten Verfassungsmomentes versucht werden.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 53

„In-Sein ... meint eine Seinsverfassung des Daseins und ist ein Existenzial. Dann kann damit aber nicht gedacht werden an das Vorhandensein eines Körperdings (Menschenleib) »in« einem vorhandenen Seienden. Das In-Sein meint so wenig ein räumliches »Ineinander« Vorhandener, als »in« ursprünglich gar nicht eine räumliche Beziehung der genannten Art bedeutet (vgl. Jacob Grimm, Kleinere Schriften, Band VII, S. 247); »in« stammt von innan-, wohnen, habitare, sich aufhalten; »an« bedeutet: ich bin gewohnt, vertraut mit, ich pflege etwas; es hat die Bedeutung von colo im Sinne habito und diligo. Dieses Seiende, dem das In-Sein in dieser Bedeutung zugehört, kennzeichneten wir als das Seiende, das ich je selbst bin. Der Ausdruck »bin« hängt zusammen mit »bei«; »ich bin« besagt wiederum: ich wohne, halte mich auf bei ... der Welt, als dem so und so Vertrauten. Sein als Infinitiv des »ich bin«, d.h. als Existenzial verstanden, bedeutet wohnen bei ..., vertraut sein mit .... In-Sein ist demnach der formale existenziale Ausdruck des Seins des Daseins, das die wesentliche Verfassung des In-der-Welt-seins hat. Das »Sein bei« der Welt, in dem noch näher auszulegenden Sinne des Aufgehens in der Welt, ist ein im In-Sein fundiertes Existenzial.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 54

„Das Dasein hat selbst ein eigenes »Im-Raum-sein«, das aber seinerseits nur möglich ist auf dem Grunde des In-der-Welt-seins überhaupt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 56

„Das Verständnis des In-der-Welt-seins als Wesensstruktur des Daseins ermöglicht erst die Einsicht in die existenziale Räumlichkeit des Daseins.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 56

„Das In-der-Welt-sein des Daseins hat sich mit dessen Faktizität je schon in bestimmte Weisen des In-Seins zertreut oder gar zersplittert. Die Mannigfaltigkeit solcher Weisen des in-Seins läßt sich exemplarisch durch folgende Aufzählung anzeigen: zutunhaben mit etwas, herstellen von etwas, bestellen und pflegen von etwas, verwenden von etwas, aufgeben und in Verlust geraten lassen von etwas, unternehmen, durchsetzen, erkunden, befragen, betrechten, besprechen, bestimmen. Diese Weisen des In-Seins haben die noch eingehend zu charakterisierende Seinsart des Besorgens. Weisen des Besorgens sind auch die defizienten Modi des Unterlassens, Versäumens, Verzichtens, Ausruhens, alle Modi des »Nur noch« in bezug auf Möglichkeiten des Besorgens.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 56-57

„»Besorgen« in der vorliegenden Untersuchung als ontologischer Terminus (Existenzial) ... als Bezeichnung des Seins eines möglichen In-der-Welt-seins. Der Titel ist nicht deshalb gewählt, weil etwa das Dasein zunächst und in großem Ausmaß ökonomisch und »praktisch« ist, sondern weil das Sein des Daseins selbst als Sorge sichtbar gemacht werden soll.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 57

„Weil zu Dasein wesenhaft das In-der-Welt-sein gehört, ist sein Sein zur Welt wesenhaft Besorgen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 57

Erkennen ist ein Seinsmodus des Daseins als In-der-Welt-sein .... Erkennen ist ein im In-der-Welt-sein fundierter Modus des Daseins.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 61-62

„Natur ist - ontologisch-kategorial verstanden - ein Grenzfall des Seins von möglichem innerweltlichen Seienden. Das Seiende als Natur in diesem Sinne kann das Dasein nur in einem bestimmten Modus seines In-der-Welt-seins entdecken. Dieses Erkennen hat den Charakter einer bestimmten Entweltlichung der Welt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 65

„»Natur« als der kategoriale Inbegriff von Seinstrukturen eines bestimmten innerweltlich begegnenden Seienden vermag nie Weltlichkeit verständlich zu machen. Ebenso ist auch das Phänomen »Natur« etwa im Sinne des Naturbegriffes der Romantik erst aus dem Weltbegriff, d.h. der Analytik des Daseins her ontologisch faßbar.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 65

„Das In-der-Welt-sein und sonach auch die Welt sollen im Horizont der durchschnittlichen Alltäglichkeit als der nächsten Seinsart des Daseins zum Thema der Analytik werden. Dem alltäglichen In-der-Welt-sein ist nachzugehen, und im phänomenalen Anhalt an dieses muß so etwas wie Welt in den Blick kommen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 66

„Das Ent-fernen ist zunächst und zumeist umsichtige Näherung, in die Nähe bringen als beschaffen, bereitstellen, zur Hand haben. Aber auch bestimmte Arten des rein erkennenden Entdeckens vom Seienden haben den Charakter der Näherung. Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 105

„Das ontologisch relevante Ergebnis der ... Analyse des Mitseins liegt in der Einsicht, daß der »Subjektcharakter« des eigenen Daseins und der Anderen sich existenzial bestimmt, das heißt aus gewissen weisen zu sein. Im unweltlich Besorgten begegnen die Anderen als das, was sie sind: sie sind das, was sie betreiben.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 116

„Die »Substanz« des Menschen ist nicht der Geist als die Synthese von Leib und Seele, sondern die Existenz.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 117

„Auf dem Grunde dieses mithaften In-der-Welt-seins ist die Welt je schon immer die, die ich mit den Anderen teile. Die Welt des Daseins ist Mitwelt. Das In-Sein ist Mitsein mit Anderen. Das innerweltliche Ansichsein dieser ist Mitdasein.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 118

„W. von Humboldt (Über die Verwandtschaft der Ortsadverbien mit den pronomen in einigen Sprachen, 1829, a.a.O.) hat auf Sprachen hingewiesen, die das »Ich« durch »hier«, das »Du« durch »da«, das »Er« durch »dort« ausdrücken, die demnach - grammatisch formuliert - die Personalpronomen durch Ortsadverbien wiedergeben. Es ist strittig, welches wohl die ursprüngliche Bedeutung der Ortsausdrücke sei, die adverbiale oder die pronominale. Der Streit verliert den Boden, wenn beachtet wird, daß die Ortsadverbien Bezug haben auf das Ich qua Dasein. Das »hier«, »dort« und »da« sind primär keine Ortsbestimmungen des innerweltlichen an Raumstellen vorhandenen Seienden, sondern Charaktere der ursprünglichen Räumlichkeit des Daseins. Die vermutlichen Ortsadverbien sind Daseinsbestimmungen, sie haben primär existenziale und nicht kategoriale Bedeutung. Sie sind aber auch keine Pronomina, ihre Bedeutung liegt vor der Differenz von Ortsadverbien und Personalpronomina; die eigentlich räumliche Daseinsbedeutung dieser Ausdrücke dokumentiert aber, daß die theoretisch unverborgene Daseinsauslegung dieses unmittelbar in seinem räumlichen, das ist ent-fernend-ausrichtenden »Sein bei« der besorgten Welt sieht. Im »hier« spricht das in seiner Welt aufgehende Dasein nicht auf sich zu, sondern von sich weg auf das »dort« eines umsichtig Zuhandenen und meint doch sich in der existenzialen Räumlichkeit. “
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 119-120

„Dasein versteht sich zunächst und zumeist aus seiner Welt, und das Mitsein der Anderen begegnet vielfach aus dem innerweltlich Zuhandenen her. Aber auch wenn die Anderen in ihrem Dasein gleichsam thematisch werden, begegnen sie nicht als vorhandene Persondinge, sondern wir treffen sie »bei der Arbeit«, das heißt primär in ihrem In-der-Welt-sein. Selbst wenn wir den Anderen »bloß herumstehen« sehen, ist er nie als vorhandenes Menschending erfaßt, sondern das »Herumstehen« ist ein existenzialer Seinsmodus: das unbesorgte, umsichtslose Verweilen bei Allem und keinem. der Andere begegnet in seinem Mitdasein in der Welt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 120

„Wenn das Mitsein für das In-der-Welt-sein existenzial konstitutiv bleibt, dann muß es ebenso wie der umsichtige Umgang mit dem innerweltlich Zuhandenen, das wir vorgreifend als Besorgen bezeichneten, aus dem Phänomen der Sorge interpretiert werden, als welche das Sein des Daseins überhaupt bestimmt wird.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 121

„In der Struktur der Weltlichkeit liegt es, daß die Anderen nicht zunächst als freischwebende Subjekte vorhanden sind ..., sondern in ihrem umweltlichen besorgenden Sein in der Welt aus dem in dieser Zuhandenen her sich zeigen“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 123

„Im Seinsverständnis des Daseins liegt schon, weil das Sein Mitsein ist, das Verständnis Anderer. Dieses Verstehen ist, wie Verstehen überhaupt, nicht eine aus Erkennen erwachsene Kenntnis, sondern eine ursprünglich existenziale Seinsart, die Erkennen und Kenntnis allererst möglich macht. Das Sicherkennen gründet in dem ursprünglich verstehenden Mitsein.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 123-124

„Die Analyse hat gezeigt: Das Mitsein ist ein existenziales Konstituens des In-der-Welt-seins. das Mitsein erweist sich als eigenen Seinsart von innerweltlich begegnendem Seienden. Sofern Dasein überhaupt ist, hat es die Seinsart des Miteinanderseins.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 125

„Das Dasein steht als alltägliches Miteinandersein in der Botmäßigkeit der Anderen. Nicht es selbst ist, die Anderen haben ihm das Sein abgenommen. Das Belieben der Anderen verfügt über die alltäglichen Seinsmöglichkeiten des Daseins. Diese Anderen sind dabei nicht bestimmte Andere. Im Gegenteil, jeder Andere kann sie vertreten. Entscheidend ist nur die unauffällige, vom dasein als Mitsein unversehens schon übernommene Herrschaft der Anderen. Man selbst gehört zu den Anderen und verfestigt ihre Macht.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 126

„»Die Anderen«, die man so nennt, um die eigene wesenhafte Zugehörigkeit zu ihnen zu verdecken, sind die, die im alltäglichen Miteinandersein zunächst und zumeist »da sind«. Das Wer ist nicht dieser und nicht jener, nicht man selbst und nicht einige und nicht die Summe Aller. Das »Wer« ist das Neutrum, das Man.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 126

„In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in der Verwendung des Nachrichtenwesens ist jeder Andere wie der Andere. Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart »der Anderen« auf, so zwar, daß die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch nicht verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 126

„Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden »empörend«, was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart des Alltäglichen vor. “
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 126-127

„Das Man hat selbst eigene Weisen zu sein. Die genannte Tendenz des Mitseins, die wir die Abständigkeit nannten, gründet darin, daß das Miteinandersein als solches die Durchschnittlichkeit besorgt. Sie ist ein existenzialer Charakter des Man. Dem Man geht es in seinem Sein wesentlich um sie. Deshalb hält es sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört, was man gelten läßt und was nicht, dem man Erfolg zubilligt, dem man ihn versagt. Diese Durchschnittlichkeit in der Vorzeichnung dessen, was gewagt werden kann und darf, wacht über jede sich vordrängende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Die Sorge der Durchschnittlichkeit enthüllt wieder eine wesenhafte Tendenz des Daseins, die wir die Einebnung aller Seinsmöglichkeiten nennen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 127

„Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren als Seinsweisen des Man das, was wir als »die Öffentlichkeit« kennen. Sie regelt zunächst alle Welt- und Daseinsauslegung und behält in allem Recht. Und das nicht auf Grund eines ausgezeichneten und primären Seinsverhältnisses zu den »Dingen«, nicht weil sie über eine ausdrücklich zugeeignete Durchsichtigkeit des Daseins verfügt, sondern auf Grund des Nichteingehens »auf die Sachen« ....“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 127

„Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, daß »man« sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man »war« es immer und doch kann gesagt werden, »keiner« ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 127

„Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung dem jeweiligen Dasein ständig entgegenkommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 127-128

„Jeder ist der Andere und Keiner er selbst. Das Man, mit dem sich die Frage nach dem Wer des alltäglichen Daseins beantwortet, ist das Niemand, dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 128

„Man ist in der Weise der Unselbständigkeit und Uneigentlichkeit. Diese Weise zu sein bedeutet keine Herabminderung der Faktizität des Daseins, so wenig wie das Man als das Niemand ein Nichts ist. Im Gegenteil, in dieser Seinsart ist das Dasein ein ens realissimum, falls »Realität« als daseinsmäßiges Sein verstanden wird.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 128

Das Man ist ein Existenzial und gehört als ursprüngliches Phänomen zur positiven Verfassung des Daseins. Es hat selbst wieder verschiedene Möglichkeiten seiner daseinsmäßigen Konkretion. Eindringlichkeit und Ausdrücklichkeit seiner Herrschaft können geschichtlich wechseln.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 129

Zunächst ist das faktische Dasein in der durchschnittlich entdeckten Mitwelt. Zunächst »bin« nicht »ich« im Sinne des eigenen Selbst, sondern die Anderen in der Weise des Man. Aus diesem her und als dieses werde ich mir »selbst« zunächst »gegeben«. Zunächst ist das Dasein Man und zumeist bleibt es so.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 129

Zunächst »bin« nicht »ich« im Sinne des eigenen Selbst, sondern die Anderen in der Weise des Man. Aus diesem her und als dieses werde ich mir »selbst« zunächst »gegeben«. Zunächst ist das Dasein Man und zumeist bleibt es so. Wenn das Dasein die Welt eigens entdeckt und sich nahebringt, wenn es ihm selbst sein eigentliches Sein erschließt, dann vollzieht sich dieses Entdecken von »Welt« und Erschließen von Dasein immer als Wegräumen der Verdeckungen und Verdunkelungen, als Zerbrechen der Verstellungen, mit denen sich das Dasein gegen es selbst abriegelt.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 129

„Mit der Interpretation des Mitseins und des Selbstseins im Man ist die Frage nach dem Wer der Alltäglichkeit des Miteinanderseins beantwortet. Diese Betrachtungen haben zugleich ein konkretes Verständnis der Grundverfassung des Daseins erbracht. Das In-der-Welt-sein wurde in seiner Alltäglichkeit und Durchschnittlicllkeit sichtbar.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 129

„Wenn schon das Sein des alltäglichen Miteinanderseins, das sich scheinbar ontologisch der puren Vorhandenheit nähert, von dieser grundsätzlich verschieden ist, dann wird das Sein des eigentlichen Selbst noch weniger als Vorhandenheit begriffen werden können. Das eigentliche Selbstsein beruht nicht auf einem vom Man abgelösten Ausnahmezustand des Subjekts, sondern ist eine existenzielle Modifikation des Man als eines wesenhaften Existenzials.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 130

„Die Selbigkeit des eigentlich existierenden Selbst ist aber dann ontologisch durch eine Kluft getrennt von der Identität des in der Erlebnismannigfaltigkeit sich durchhaltenden Ich“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 130

„Zunächst ist gefordert, die Erschlossenheit des Man, das heißt die alltägliche Seinsart von Rede, Sicht und Auslegung, an bestimmten Phänomenen sichtbar zu machen. Mit Bezug auf diese mag die Bemerkung nicht überflüssig sein, daß die Interpretation eine rein ontologische Absicht hat und von einer moralisierenden Kritik des alltäglichen Daseins und von »kulturphilosophischen« Aspirationen weit entfernt ist.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 167

„Alles sieht aus wie echt verstanden, ergriffen und gesprochen und ist es im Grunde doch nicht, oder es sieht nicht so aus und ist es im Grunde doch.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 173

„Die Angst ist nicht nur Angst vor ..., sondern als Befindlichkeit zugleich Angst um .... Worum die Angst sich abängstet, ist nicht eine bestimmte Seinsart und Möglichkeit des Daseins. Die Bedrohung ist ja selbst unbestimmt und vermag daher nicht auf dieses oder jenes faktisch konkrete Seinkönnen bedrohend einzudringen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 187

„Worum sich die Angst ängstet, ist das In-der-Welt-sein selbst.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 187

„In der Angst versinkt das umweltlich Zuhandene, überhaupt das innerweltlich Seiende. Die »Welt« vermag nichts mehr zu bieten, ebensowenig das Mitdasein Anderer. Die Angst benimmt so dem Dasein die Möglichkeit, verfallend sich aus der »Welt« und der öffentlichen Ausgelegtheit zu verstehen. Sie wirft das Dasein auf das zurück, worum es sich ängstet, sein eigentliches In-der-Welt-sein-können. Die Angst vereinzelt das Dasein auf sein eigenstes In-der-Welt-sein, das als verstehendes wesenhaft auf Möglichkeiten sich entwirft. Mit dem Worum des Sichängstens erschließt daher die Angst das Dasein als Möglichsein und zwar als das, das es einzig von ihm selbst her als vereinzeltes in der Vereinzelung sein kann.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 187-188

„Die Angst offenbart im Dasein das Sein zum eigensten Seinkönnen, das heißt das Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens. Die Angst bringt das Dasein vor sein Freisein für ... (propensio in ...) die Eigentlichkeit seines Seins als Möglichkeit, die es immer schon ist. Dieses Sein aber ist es zugleich, dem das Dasein als In-der-Welt-sein überantwortet ist.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 188

„Das, worum die Angst sich ängstet, enthüllt sich als das, wovor sie sich ängstet: das In-der-Welt-sein.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 188

„Die Selbigkeit des Wovor der Angst und ihres Worum erstreckt sich sogar auf das Sichängsten selbst. Denn dieses ist als Befindlichkeit eine Grundart des In-der-Welt-seins.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 188

„Eigentliche Angst ist ... bei der Vorherrschaft des Verfallens und der Öffentlichkeit selten.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 190

Das Man läßt den Mut zur Angst vor dem Tode nicht aufkommen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 254

„Das Gewissen redet einzig und ständig im Modus des Schweigens.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 273

„Die Entschlossenheit löst als eigentliches Selbstsein das Dasein nicht von seiner Welt ab, isoliert es nicht auf ein freischwebendes Ich. Wie sollte sie das auch - wo sie doch als eigentliche Erschlossenheit nichts anderes als das In-der-Welt-sein eigentlich ist. Die Entschlossenheit bringt das Selbst gerade in das jeweilige besorgende Sein bei Zuhandenem und stößt es in das fürsorgende Mitsein mit den Anderen.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S.298

„Woran im Wort »Dasein«überall durch die Abhandlung von »Sein und Zeit« hindurch gedacht istg, darüber gibt schon der Leitsatz (S, 42) eine Auskunft, der lautet: » D a s   W e s e n   d e s   D a se i n s   l i e g t   i n   s e i n e r   E x i s t e n z « .“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, , 1929, S. 15

„Die tiefe Langeweile, in den Abgründen des Daseins wie ein schweigender Nebel hin- und herziehend, rückt alle Dinge, Menschen und einen selbst mit ihnen in eine merkwürdige Gleichgültigkeit zusammen. Diese Langeweile offenbart das Seiende im Ganzen.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 33

„Die Befindlichkeit der Stimmung enthüllt nicht nur je nach ihrer Weise das Seiende im Ganzen, sondern dieses Enthüllen ist zugleich -weit entfernt von einem bloßen Vorkommnis - das grundgeschen unseres Da-seins.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 33

„Was wir so »Gefühle« nennen, ist weder eine flüchtige Begeliterscheinung unseres denkenden und willentlichen Verhaltens, noch ein bloßer verursachender Antrieb zu solchem, noch ein nur vorhandener Zustand, mit dem wir un s so oder so abfinden.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 33

„Angst ist grundverschieden von Furcht.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 34

„Die Unbestimmtheit dessen ..., wovor und worum wir uns ängstigen,ist kein bloßes Fehlen der Bestimmtheit, sondern die wesenhafte Unmöglichkeit der Bestimmbarkeit.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 34

„In Angst - sagen wir - »ist es einem unheimlich« .... Wir können nicht sagen, wovor einem unheimlich ist. Im Ganzen ist einemso. Alle Dinge und wir selbst versinken in eine Gleichgültigkeit.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 34

„Die Angst offenbart das Nichts.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S.35

„Wir schweben in Angst. Deutlicher: die Angst läßt uns schweben, weil sie das Seiende im ganzen zum Entgleiten bringt. Darin liegt, daß wir selbst - diese seienden Menschen - inmitten des Seienden un s mitentgleiten. Daher ist im grunde nicht »dir« oder »mir« unheimlich, sondern »einem« ist es so. Nur das reine Da-sein in der Durchschütterung dieses Schwebens, darin es sich an nichts halten kann, ist noch da.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 35

„Die Angst verschlägt uns das Wort. Weil das Seiende im Ganzen entgleist und so gerade das Nichts aufdrängt, schweigt im Angesicht seiner jedes »Ist“-Sagen. daß wir in der Unheimlichkeit der Angst oft die leere Stille gerade durch ein wahlloses Reden zu brechen suchen, ist nur der Beweis für die Gegenwart des Nichts. Daß die Angst das Nichts enthüllt, bestätigt der Mensch selbst unmittelbar dann, wenn die nagst gewichen ist. In der Helle des Blickes, den die frische Erinnerung trägt, müsen wir sagen: wovor u nd warum wir uns ängsteten, war »eigentlich« - nichts. In der Tat: das Nichts selbst - als solches - war da.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 35

„Mit der Grundstimmung der Angst haben wir das Geschehen des Daseins erreicht, in dem das Nichts offenbart ist und aus dem heraus es befragt werden muß.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 35

„Das Nichts enthüllt sich in der Angst . aber nicht als Seiendes. Es wird ebensowenig als Gegenstand gegeben. Die Ansgt ist kein Erfassen des Nichts. Gleichwohl wird das Nichts durch sie u nd in ihr offenbar, wenngleich wiederum nicht so, als zeigte sich das Nichts abgelöst »neben« dem Seienden im Ganzen, das in der Unheimlichkeit steht.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 36

„In der Angst geschieht keine Vernichtung des ganzen Seienden an sich, aber ebensowenig vollziehen wir eine Verneinung des Seienden im Ganzen, um das Nichts allererst zu gewinnen. Abgesehen davon, daß der nagst als solcher der ausdrückliche Vollzug einer verneinende Aussage fremd ist, wir kämen auch it einer solchen Verneinung, die das Nichts ergeben sollte, jederzeit zu spät. Das Nichts begegenet vordem schon. Wir sagten, es begene »in eins mit« dem eigentlichen Seienden im Ganzen.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 36-37

„In der Angst liegt ein Zurückweichen vor ..., das freilich kein Fliehen mehr ist, sondern eine gebannte Ruhe. Dieses Zurück vor ... nimmt seinen Ausgang vom Nichts. Dieses zieht nicht auf sich, sondern ist wesenhaft abweisend. Die Abweisung von sich ist aber als solche das entgleitenlassende Verweisen auf das versinkende Seiende im Ganzen. Diese im Ganzen abweisende Verweisung auf das entgleitende Seiende im Ganzen, als welche das Nichts in der Angst das Dasein umdrängt, ist das Wesen des Nichts: die Nichtung. Sie ist weder eine Vernichtung des Seienden, noch entspringt sie einer Verneinung. Die Nichtung läßt sich auch nicht in Vernichtung und Verneinung aufrechnen. Das Nichts selbst nichtet.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 37

„Das Nichten ist kein beliebiges Vorkommnis, sondern als abweisendes Verweisen auf das entgleitende Seiende im Ganzen offenbart es dieses Seiende in seiner vollen, bislang verborgenen Befremdlichkeit als das schlechthin Andere - gegenüber dem Nichts.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 37

„In der hellen Nacht des Nichts der Angst entsteht erst die ursprüngliche Offenbarkeit des Seienden als eines solchen: daß es Seiendes ist - und nicht Nichts. Dieses von uns in der Rede dazugesagte »und nicht Nichts« ist aber keine nachgetragene Erklärung, sondern die vorgängige Ermöglichung der Offenbarkei von Seiendem überhaupt. DasWesen des ursprünglich nichtenden Nichts liegt in dem: es bringt das Da-sein allererst vor das Seiende als solches.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?,  1929, S. 37

„Da-sein heißt: Hineingehaltensein in das Nichts.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 38

„Sich hineinhaltend in das Nichts ist das Dasein je schon über das Seiende im Ganzen hinaus. Diese Hinaussein über das Seiende nennen wir die Transzendenz. Würde das Dasein im grunde seines Wesens nicht transzendieren, d.h. jetzt, würde es sich nicht im vorhinein in das Nichts hineinhalten, dann könnte es sich nie zu Seiendem verhalten, also auch nicht zu sich selbst.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 38

„Ohen usrprüngliche Offenbarkeit des Nichts kein Selbstsein und keine Freiheit.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 38

„Damit sit die Antwort auf die Frage nach dem Nichts gewonnen. Das Nichts ist weder ein Gegenstand noch überhaupt ein Seiendes. Das Nichts kommt weder für sich vor noch neben dem Seienden, dem es sich gleichsam anhängt. Das Nichts ist die Ermöglichung der Offenabrkeit des Seienden als eines solchen für das menschliche Dasein. Das Nichts gibt nicht erst den Gegenbegriff zum Seienden her, sondern gehört ursprünglich zum Wesen selbst. Im Sein des Seienden geschieht das Nichten des Nichts.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 38

„Es - das Nichts in seinem Nichten - verweist uns gerade an das Seiende. Das Nichts nichtet unausgesetzt, ohne daß wir mit dem Wissen, darin wir uns alltäglich bewegen, um dieses Geschehen eigentlich wissen.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 39

„Das Nichts entsteht nicht durch die Verneinung, sondern die Verneinung gründet sich auf das Nicht, das dem Nichten des Nichts entspringt.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 39-40

„Das Nichts ist der Ursprung der Verneinung, nicht umgekehrt.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 40

„Die Idee der »Logik« selbst löst sich auf im Wirbel eines ursprünglicheren Fragens.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 40

„Die Durchdrungenheit des Daseins vom nichtenden Verhalten bezeugt die ständige und freilich verdunkelte Offenbarkeit des Nichts, das ursprünglich nur die Angst enthüllt. Darin leiht aber: diese Angst wird im Dasein zumeist niedergehalten. Die Angst ist da. Sie schläft nur. Ihr Atem zittert ständig durch das Dasein ....“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 40

„»Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe.« Dieser Satz Hegels (Wissenschaft der Logik, I. Buch WW III, S. 78) besteht zu Recht. Sein und Nichts gehören zusammen, aber nicht weil sie beide - vom hegelschen Begriff des Denkens aus gesehen - in ihrer Unbestimmtheit und Unmittelbarkeit übereinkommen, sondern weil das Sein selbst im Wesen endlich ist und sich nur in der Transzendenz des in das Nichts hienausgehaltenen Daseins offenbart.“
Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Antrittsvorlesung, 1929, S. 43

„Novalis sagte einmal in einem Fragment: »Die Philosophie ist eigentlich Heimweh, ein Trieb überall zu Hause zu sein«.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 7

„Descartes hatte die Grundtendenz, die Philosophie zu einer absoluten ERkenntnis zu machen. Gerade bei ihm sehen wir etwas Merkwürdiges. Hier beginnt das Philosophieren mit dem Zweifel, und es sieht so aus, als werde alles in Frage gestellt. Aber es sieht nur so aus. Das Dasein, das Ich (das ego) wird gar nicht in Frage gestellt. Dieser Schein und diese Zweideutigkeit einer kritischen Haltung ziehen sich durch die ganze neuzeitliche Philosophie hindurch bis in die nächste Gregenwart hinein.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 30

„Wer verbürgt uns, daß der Mensch in dieser seiner heutigen Selbstauffassung nicht eine Mittelmäßigkeit seiner selbst zum Gott erhoben hat?“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 32

„Zu Beginn der neuzeitlichen Philosophie, die man gern als Bruch mit der alten Philosophie ausgibt, finden wir gerade das betont und festgehalten, was das eigentliche Anliegen der mittelalterlichen Metaphysik gewesen ist.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 64

„Daß in der Antike wie in der mittelaterlichen Philosophie nach dem Seienden im Ganzen gefragt wird, möchte ungefähr deutlich geworden sein. Viel unsicherer, ja fast unfaßbar dagegen ist das zweite Moment, wie in der antiken Philosophie der metaphysisch Fragende selbst durch dieses Fragen in Frage gestellt wird. Aber gerade dieses Moment, daß das inbegriflliche Fragen den Fragenden miteinbegreift, ist es, was uns die Möglichkeit gibt, das Neue in der neuzeitlichen Metaphysik in seinem metaphysischen Gehalt zu verstehen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 82

„Das Problem der absoluten Gewißheit ist vor allem das Grundproblem der neuzeitlichen Philosophie, nicht im Sinne einer Erkenntnistheorie, sondern getragen und geführt durch das inhaltliche Problem der Metaphysik selbst. .... Von diesem Vorrang des Problems der Gewißheit in Absicht auf die metaphysische Erkenntnis ist die Entwicklung der neuzeitlichen Metaphysik getragen. .... Wir sehen, daß in der Tat das Ich, das Bewußtsein, die Vernunft, die Person, der Geist im Zentrum der Problematik steht. Wenn wir dieses Tatsache beachten und fragen, ob am Ende dieser zentralen Stellung des Ich, des Selbstbewußtseins zum Ausdruck kommt, daß in der neuzeitlichen Philosophie das fragende Ich mit in Frage gestellt wird, dann müssen wir sagen: Es ist in der Tat so, aber in einer eigentümlichen Weise. Denn das Ich, das Bewußtsein, die Person wird so in die Metaphysik hineingenommen,, daß dieses Ich gerade nicht in Frage gestellt wird. Das bedeutet nicht ein einfaches Unterlassen des Infragestellens, sondern das Ich und das Bewußtsein wird gerade als das sicherste und fragloseste Fundament dieser Metaphysik zugrundegelegt, so daß in der neuzeitlichen Metaphysik ein ganz bestimmtes inbegriffliches Fragen sich zeigt, ein Miteinbegreifen des Fragenden im negativen Sinne, so, daß das ich selbst das Fundament für alles weitere Fragen wird. Das ist der innerste Zusammenhang, in dem der Vorrang des Subjektproblems und der Gewißheitsfrage mit der inhaltlichen Frage der überlieferten Metaphysik steh. Das mag genügen, um einmal die Andersartigkeit der neuzeitlichen Metaphysik zu zeigen und zum anderen deutlich zu machen, daß diese Bemühung um letzte Gewißheit und die Orientierung auf das Ich und Bewußtsein nur einen Sinn hat, wenn die alte Problematik restlos festgehalten wird.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 83-84

„Hieraus wird deutlich: Stimmungen wecken ist eine Art und Weise, das Da-sein hinsichtlich seiner jeweiligen »Weise«, in der es ist, das Da-sein als Da-sein zu ergreifen, besser, das Da-sein sein zu lassen, wie es ist oder sein kann als Da-sein. Vielleicht mag dieses Wecken ein merkwürdiges Tun sein, sdiwierig und wenig durchsichtig. Wenn wir unsere Aufgabe begriffen haben, dann müssen wir gerade darauf halten, daß wir jetzt nicht wieder unversehens über die Stimmung und gar über das Wecken verhandeln, sondern in der Weise dieses Weckens als Handlung handeln.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 103

„§ 18. Die Versicherung unserer heutigen Lage und der sie durchherrschenden Grundstimmung als Voraussetzung für die Weckung dieser Grundstimmung.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 103

„Aber auch wenn wir uns daran halten, begegnen wir doch noch Schwierigkeiten, die notwendige sind und die uns im Durchlaufen derselben nur deutlich machen, daß dieses Wecken einer Grundstimmung nichts ist, was man so ohnehin unternehmpn kann, wie etwa das Pflücken einer Blume.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 103

„A) Vier Deutungen unserer heutigen Lage: der Gegensatz von Leben (Seele) und Geist bei Oswald Spengler, Ludwig Klages, Max Scheler, Leopold Ziegler“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 103

„Also eine Gundstimmung wecken! Sogleich erwächst die Frage: Welche Stimmung sollen wir wecken bzw. in uns wachwerden lassen? Eine Stimmung, die uns von Grund aus durchstimmt? Wer sind wir denn? Wie meinen wir uns, wenn wir jetzt »uns« sagen? Wir, diese Anzahl von Menschenindividuen, die hier in diesem Raum zusammengekommen sind? Oder »uns«, sofern wir hier an der Universität vor bestimmten Aufgaben des Studiums der Wissenschaften stehen? Oder »uns«, sofern wir, als der Universität zugehörig, zugleich in den Prozeß der Bildung des Geistes einbezogen sind? Und diese Geschichte des Geistes - ist sie nur als deutsche oder als ein abendländisches und weiterhin europäisches Geschehen? Oder sollen wir den Kreis dessen, worin wir stehen, noch weiter ziehen? »Uns« meinen wir, aber in welcher Lage, in welcher Aus- und Abgrenzung dieser Lage?“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 103-104

„Je weiter wir für diese Lage die Perspektive nehmen, um so verblaßter wird der Horizont, um so unbestimmter die Aufgabe. Und doch -wir spüren, je weiter wir die Perspektin nehmen, um so brennender und entscheidender faßt sie uns - jeden von uns - an.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 104

„Damit drängt sich uns aber auch eine klare Aufgabe näher, der wir offenbar nicht mehr ausweichen können. Wenn wir in uns eine Grundstimmung wecken sollen und wollen, dann müssen wir uns hierzu unserer Lage versichern. Welche Stimmung aber ist für uns heute zu wecken? Diese Frage können wir nur beantworten, wenn wir unsere Lage selbst hinreichend kennen, um daraus zu entnehmen, von welcher Grundstimmung wir durchherrscht sind. Da es sich doch offenbar bei der Weckung der Grundstimmung und deren Absicht um etwas Wesentliches und Letztes handelt, muß diese unsere Lage in der größtmöglichen Weite gesehen werden. Wie sollen wir dieser Forderung genügen? Wenn wir näher zusehen, dann erweist sich die Forderung der Kennzeichnung unserer Lage nicht nur nicht neu - diese Aufgabe ist auch in mannigfacher Weise schon erfüllt. Für uns wird es sich nur darum handeln, , die Kennzeichnung unserer Lage auf ihren einheitlichen Charakter zu bringen und ihren durchgehenden Grundzug festzuhalten.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 104

„Wenn wir uns nach den in Frage kommenden ausdrücklichen Kennzeichnungen (Deutungen, Darstellungen) unserer heutigen Lage umsehen, dann können wir deren vier herausneben und in aller Kürze kenntlich machen. Die Auswahl bleibt in solchen Fällen nie frei von Willkür. Diese wird jedoch unschädlich durch den Gewinn.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 104-105

„Die bekannteste und kurze Zeit erregende Deutung unserer Lage ist diejenige geworden, die sich ausdrückt in dem Schlagwort »Untergang des Abendlandes« (O. Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Band 1, 1918, Band 2, 1922). Das Wesentliche ist für uns das, was als Grundthese dieser »Prophezeiung« zugrundeliegt. Es ist - auf eine Formel gebracht - dieses: Untergang des Lebens am und durch den Geist. Was der Geist, zumal als Vernunft (ratio), sich bildet und geschaffen hat in der Technik, Wirtschaft, im Weltverkehr, in der ganzen Umbildung des Daseins, symbolisiert durch die Großstadt, das wendet sich gegen die Seele, gegen das Leben und erdrückt sie und zwingt die Kultur zu Niedergang und Verfall.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 105

„Die zweite Deutung bewegt sich in derselben Dimension, nur ist das Verhältnis von Seele (Leben) und Geist anders gesehen. Dieser anderen Sicht entsprechend bleibt es nicht bei einer Voraussage des Untergangs der Kultur durch den Geist, sondem es kommt zur Absage an den Geist. Der Geist gilt als der Widersacher der Seele (L. Klages, Der Geist als Widersacher der Seele, Band 1 und 2, 1929). Der Geist ist eine Krankheit, die es auszutreiben gilt, um die Seele freizumachen. Befreiung vom Geist heißt hier: Zurück zum Leben! Leben wird aber hier genommen im Sinne des dunkelnden Brodelns der Triebe, was zugleich als der Nährboden des Mythischen gefaßt wird. Diese Meinung wird durch die Popularphilosophie von Ludwig Klages gegeben. Sie ist wesentlich bestimmt durch Bachofen und vor allem durch Nietzsche.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 105

„Eine dritte Deutung hält gleichfalls die Dimension der beiden ersten fest, sieht aber weder einen Prozeß des Unterganges dei Geistes am Leben, noch will sie einen Kampf des Lebens gegen den Geist. Sie versucht und macht sich vielmehr zur Aufgabe einen Ausgleich zwischen Leben und Geist. Das die Auffassung Max Schelers in der letzten Periode seines Philosophierens. Am deutlichsten kommt sie zum Ausdruck inseinem Vortrag an der Lessing-Hochschule »Der Mensch , Weltalter des Ausgleichs« (Max Schler, Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs, in: ders., Philosophische Weltanschauung, 1929, S. 47 ff.)). Scheler sieht den Menschen , Weltalter des Ausgleichs von Leben und Geist.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 105-106

„Eine vierte Deutung bewegt sich im Grunde in der der dritten und nimmt zugleich die erste und zweite in sich auf. Sie ist die relativ unselbständigste und philosophisch brüchigste. Sie sei nur erwähnt, weil sie eine historische Kategorie zur Kennzeichnung unserer heutigen Lage einführt und auf ein neues Mittelalter hinausblickt. Mittelalter soll hier nicht heißen: Renaissance der bestimmten geschichtlichen Epoche, die wir kennen und freilich recht verschieden auffassen, sondern der Titel geht in der Richtung der dritten Deutung. Gemeint ist ein mittleres-vermittelndes Weltalter, das es zu einer neuen Aufhebung des Gegensatzes von »Leben und Geist« bringen soll. Vertreter dieser vierten Deutung ist Leopold Ziegler mit seinem Buch »Der europäische Geist« (1929).“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 106

„Dies ist nur ein summarischer und formelhafter Hinweis auf solches, was man heute so kennt, wovon man spricht, was man z. T. schon wieder vergessen hat, Deutungen, die z. T. aus zweiter und dritter Hand entlehnt und zu einem Gesamtbild gestaltet sind, solches, was im weiteren die höhere Journalistik unseres Zeitalters durchdrängt und den geistigen Raum schafft - wenn man so sagen darf -, in dem wir unsbewegen. Wollte man diesen Hinweis auf die vier Deutungen unserer Lage als mehr nehmen, denn was er ist, eben nur ein Hinweis, dann wäre er notwendig ungerecht, weil zu allgemein. Und doch, das Wesentliche, worauf es für uns ankommt, ist der Grundzug dieser Deutungen, besser, die Perspektive, in der sie alle unsere heutige Lage sehen. Das ist, wiederum formelhaft gesprochen, das Verhältnis von Leben und Geist. Es ist kein Zufall, daß wir diesen Grundzug der Deutungen unserer Lage in seinem so formelhaften Unterschied und Gegensatz antreffen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 106-107

„Angesichts dieses Unterschiedes und der beiden Schlagworte wird man zunächst sagen: damit ist doch ein Altbekanntes geführt; wie soll damit das Eigentümliche der heutigen und künftigen Lage des Menschen gefaßt werden? Aber es wäre ein Mißverständnis, wollte man diese beiden Titel nur in dem Sinne nehmen, als bezeichneten sie gleichsam zwei Bestandstücke des Menschen: Seele (Leben) und Geist, zwei Bestandstücke, die man ihm von jeher zugesprochen hat und über deren Verhältnisse von jeher Streit war. Diese Titel denken vielmehr aus bestimmten Grundhaltungen des Menschen. Wenn wir die Ausdrücke so nehmen, dann zeigt sich in der Tat leicht, daß es sich hier nicht um eine theoretische Klärung des Verhältnisses von Geist und Seele handelt, sondern um das, was Nietzsche unter dem Titel des Dionysischen und Apollinischen meint. So gehen denn auch alle vier Deutungen auf gemeinsame Quelle, auf Nietzsche und eine bestimmte Nietzsche-Auffassung zurück. Alle vier Deutungen sind nur möglich unter einer bestimmten Aufnahme der Nietzscheschen Philosophie. Dieser Hinweis soll nicht die Originalität der Deutungen in Frage stellen, sondern er hat nur die Absicht, die Stell und Quelle zu zeigen, an der die eigentliche Auseinandersetzung zu geschehen hat.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 107

„B) Nietzsches Grundgegensatz zwischen dem Dionysischen Apollinischen als Quelle der vier Deutungen unserer heutigen Lage. “
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 107

„Wir können uns hier im Konkreten nicht auf Nietzsches Auffassung dieses Grundgegensatzes einlassen. Er mag nur soweit charakterisiert sein, daß wir sehen, worum es sich handelt. Inwiefern wir uns dieser Aufgabe der Interpretation der vier Deutungen unserer Lage und ihrer Quelle entschlagen können,
werden wir später deutlicher sehen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 107-108

„Dieser Gegensatz Dionysos-Apollo trägt und führt von früh an Nietzsches Philosophieren. Er selbst wußte das. Dieser Gegensatz, aus der Antike entnommen, mußte sich dem jungen klassischen Philologen, der mit seiner Wissenschaft brechen wollte, auftun. Er wußte aber auch, daß dieser Gegensatz, so sehr er sich in seinem Philosophieren durchhält, für ihn mit seinem Philosophieren sich gewandelt hat. Er selbst wußte:»Nur wer sich wandelt, ist mit mir verwandt.« Ich möchte mit Absicht die letzte Deutung heranziehen, die er in seinem großen und entscheidenden Werk gegeben hat, in jenem Werk, das er nicht vollenden durfte, wie er es in sich trug: »Der Wille zur Macht«. Die Überschrift des zweiten Abschnittes des IV. Buches lautet: »Dionysos«. Es finden sich hier eigentümliche Aphorismen, wie überhaupt das ganze Werk mehr ein Zusammenschieben wesentlicher Gedanken, Forderungen, Wertungen ist. Zunächst gebe ich einen Beleg dafür, wie klar Nietzsche um diese Zeit, kurz vor seinem Zusammenbruch, sah, daß dieser Gegensatz ihn von früh an bestimmte. Nietzsche wurde schon vor seiner Promotion als Extraordinarius 1869 nach Basel berufen.
»Gegen 1876 hatte ich den Schrecken, mein ganzes bisheriges Wollen kompromittiert zu sehen, als ich begriff, wohin es jetzt mit Wagner hinauswollte: und ich war sehr fest an ihn gebunden, durch alle Bande der tiefen Einheit der Bedürfnisse, durch Dankbarkeit, durch die Ersatzlosigkeit und absolute Entbehrung, die ich vor mir sah. Um dieselbe Zeit schien ich mir wie unauflösbar eingekerkert in meine Philologie und Lehrtätigkeit – in einen Zufall und Notbehelf meines Lebens –: ich wußte nicht mehr, wie herauskommen, und war müde, verbraucht, vernutzt. Um dieselbe Zeit begriff ich, daß mein Instinkt auf das Gegenteil hinauswollte als der Schopenhauers: auf eine Rechtfertigung des Lebens, selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten und Lügenhaftesten – dafür hatte ich die Formel »dionysisch«, in den Händen.« (Ebd., S. 660).
Später heißt es dann:
»Die Täuschung Apollos: die Ewigkeit der schönen Form; die aristokratische Gesetzgebung ›so soll es immer sein!‹. Dionysos: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als beständige Schöpfung.« (Ebd., S. 682-683).
Es folgt ein Absatz, in dem Nietzsche nun wohl in der schönsten und entscheidenden Form diesen Gegensatz auslegt und ihn mit der Quelle in Zusammenhang bringt:
»Mit dem Wort ›dionysisch‹ ist ausgedrückt: ein Drang zur Einheit, ein Hinausgreifen über Person, Alltag, Gesellschaft, Realität, über den Abgrund des Vergehens: das leidenschaftlich-schmerzliche Überschwellen in dunklere, vollere, schwebendere Zustände; ein verzücktes Jasagen zum Gesamt-Charakter des Lebens, als dem in allem Wechsel Gleichen, Gleich-Mächtigen, Gleich-Seligen; die große pantheistische Mitfreudigkeit und Mitleidigkeit, welche auch die furchtbarsten und fragwürdigsten Eigenschaften des Lebens gutheißt und heiligt; der ewige Wille zur Zeugung, zur Fruchtbarkeit, zur Wiederkehr; das Einheitsgefühl der Notwendigkeit des Schaffens und Vernichtens. Mit dem Wort ›apollinisch‹ ist ausgedrückt: der Drang zum vollkommenen Für-sich-sein, zum typischen »Individuum«, zu allem was vereinfacht, heraushebt, stark, deutlich, unzweideutig, typisch macht: die Freiheit unter dem Gesetz. An den Antagonismus dieser beiden Natur-Kunstgewalten ist die Fortentwicklung der Kunst ebenso notwendig geknüpft, als die Fortentwicklung der Menschheit an den Antagonismus der Geschlechter. Die Fülle der Macht und die Mäßigung, die höchste Form der Selbstbejahung in einer kühlen, vornehmen, spröden Schönheit: der Apollinismus des hellenischen Willens.« (Ebd., S. 683).
Nun folgt seine Kennzeichnung des Ursprungs dieser Deutung und die tiefste Ausdeutung des Griechentums durch ihn:
»Diese Gegensätzlichkeit des Dionysischen und Apollinischen innerhalb der griechischen Seele ist eines der großen Rätsel, von dem ich mich angesichts des griechischen Wesens angezogen fühlte. Ich bemühte mich im Grunde um nichts als um zu erraten, warum gerade der griechische Apollinismus aus einem dionysischen Untergrund herauswachsen mußte, der dionysische Grieche nötig hatte, apollinisch zu werden: das heißt, seinen Willen zum Ungeheuren, Vielfachen, Ungewissen, Entsetzlichen zu brechen an einem Willen zum Maß, zur Einfachheit, zur Einordnung in Regel und Begriff. Das Maßlose, Wüste, Asiatische liegt auf seinem Grunde: die Tapferkeit des Griechen besteht im Kampfe mit seinem Asiatismus: die Schönheit ist ihm nicht geschenkt, so wenig als die Logik, als die Natürlichkeit der Sitte – sie ist erobert, gewollt, erkämpft – sie ist sein Sieg.« (Ebd., S. 683-684).
Nun noch ein Letztes, um anzudeuten, wie dieser Gegensatz sich entscheidend gewandelt hat in:
»Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte. [...] Hierher stelle ich den Dionysos der Griechen: die religiöse Bejahung des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten und halbierten Lebens; (typisch – daß der Geschlechtsakt Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt). Dionysos gegen den »Gekreuzigten«: da habt ihr den Gegensatz. [...] Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; – der in Stücke geschnittne Dionysos ist eine Verheißung des Lebens: es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen.« (Ebd., S. 687-688).
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 108-110

„Es bedarf nicht vieler Worte, um zu sehen, daß hier in Nietzsche ein Gegensatz lebendig war, wie er in keiner Weise in den charakterisierten vier Deutungen unserer Lage aufdämmerte, sondern nur als übernommenes Gut, als literarische Form weitergewirkt hat.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 110-111

„Welche von den vier Deutungen die im Sinne Nietzsches richtigere ist, soll hier nicht entschieden werden. Noch weniger können wir hier zeigen, daß keine die richtige ist, weil keine richtig sein kann, sofern sie das Wesen der Philosophie Nietzsches verfehlen, die ihrerseits freilich auf merkwürdigen Fundamenten ruht, von denen sich zeigt, daß ihnen in der Tat eine recht vulgäre und metaphysisch höchst fragwürdige »Psychologie« zugrunde liegt. Aber Nietzsche kann sich das leisten. Und doch ist das kein Freibrief.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 111

„Wir wissen nur, daß Nietzsche die Quelle für die genannten Deutungen ist. Das wird von uns nicht gesagt, um den Deutungen eine Abhängigkeit vorzurechnen und etwas von ihrer Originalität abzustreichen, sondern um die Richtung zu nennen, aus der her das Verständnis zu gewinnen ist, und zu zeigen, wo die Stelle der eigentlichen Auseinandersetzung liegt (vgl. George-Kreis, Psychoanalyse).“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 111

„C) Die tiefe Langeweile als die verborgene Grundstimmung der kulturphilosophischen Deutungen unserer Lage.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 111

„Alle diese Fragen sind für uns sekundär. Wir fragen nicht einmal, ob all diese Deutungen unserer Lage richtig sind oder nicht. In solchen Fällen ist immer das meiste richtig. Und doch ist der Hinweis auf sie wesentlich. Denn was geht in diesen Deutungen vor sich? Wir sagen: eine Diagnose der Kultur, bei der an Hand der genannten Kategorien Leben-Geist in einem Zug durch die Weltgeschichte hindurch und über sie weg gefahren wird. Zwar soll dadurch das Heutige seine Stelle angewiesen bekommen, seine Lage soll bestimmt werden. Wir selbst aber sind durch diese weltgeschichtliche Ortsbestimmung, durm die Aus- und Abrechnung, wie es mit unserer Kultur steht, gar nicht berührt, geschweige denn angegriffen. Im Gegenteil, das Ganze ist eine Sensation, und das heißt immer eine uneingestandene und doch wieder scheinbare Beruhigung, wenn auch nur literarischer Art und von charakteristischer Kurzlebigkeit. Diese ganze Haltung der unverbindlichen und deshalb gerade interessanten Kulturdiagnostik wird nun noch aufregender dadurch, daß sie sich, ausdrücklich oder nicht, zur Prognose aus- und umbildet. Wer von den Menschen wüßte nicht gern, was kommt, damit man sich darauf einrichten kann, um für die Gegenwart noch weniger belastet und in Anspruch und Angriff genommen zu sein! Diese weltgeschichtlichen Diagnosen und Prognosen der Kultur treffen nicht uns, sie sind kein Angriff auf uns. Im Gegenteil, sie entbinden uns von uns selbst und führen uns uns selbst in einer weltgeschichtlichen Lage und Rolle vor. Diese Kulturdiagnosen und -prognosen sind die typismen Ausprägungen dessen, was man »Kulturphilosophie« nennt und was sim nun in mancherlei schwächlicheren oder phantastischeren Abarten geltend macht. Diese Kulturphilosophie faßt nicht uns in unserer heutigen Lage, sondern sie sieht allenfalls nur das Heutige, aber ganz ohne uns, das Heutige, was nichts ist als das Ewig-Gestrige. Diese Deutungen unserer Lage haben wir absichtlich durch Fremdworte: Diagnose, Prognose gekennzeichnet, weil sie ihr Wesen nicht in einem ursprünglichen Wachstum haben, sondern eine - wenngleich ganz und gar nicht zufällige - literarische Existenz führen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 111-112

„Wenn aber so die Kulturphilosophie in der Deutung unserer heutigen Lage gerade uns nicht greift oder gar ergreift, dann war es eine Irrmeinung, wenn wir in den vorigen Überlegungen meinten, wir müßten, um unsere Grundstimmung zu fassen, zuvor unserer Lage in dieser Weise gewiß werden.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 112

„Aber - könnte man sagen - vielleicht ist nur diese besondere Art der Deutung unserer Lage nicht zureimend - was zudem erst noch des Beweises bedürfte, was wir doch bisher nicht eigens gezeigt haben. In jedem Falle werden wir doch irgendwelche Anzeichen brauchen, daran wir sehen, wo wir jetzt stehen. Die Kultur ist doch gerade der Ausdruck unserer Seele - ja, es ist eine heute verbreitete Meinung, daß gerade am Leitfaden der Idee des Ausdrucks, Symbols sowohl die Kultur als der Mensch in ihr eigentlich und einzig philosophisch begriffen werden können. Wir haben heute eine Kulturphilosophie des Ausdrucks, des Symbols, der symbolischen Formen. Der Mensch als Seele und Geist, was sich ausdrückt, niederschlägt in Gestalten, die in sich eine Bedeutung tragen und aufgrund dieser Bedeutung dem sich ausdrückenden Dasein einen Sinn geben. Das ist, roh gesprochen, das Schema für die heutige Kulturphilosophie. Auch hier ist wiederum nahezu alles richtig bis auf das Wesentliche. Nur müssen wir wieder fragen: Ist diese Betrachtung des Menschen eine wesentliche? Was geschieht, ganz abgesehen von der kulturphilosophischen Einordnung des Menschen in die Kultur, in diesen Deutungen? Der Mensch und vielleicht auch der heutige wird so vom Ausdruck seiner Leistungen her dargestellt. Und doch bleibt die Frage, ob diese Darstellimg des Menschen sein Da-sein trifft und ergreift, ja zum Sein bringt, ob diese Dar-stellung, die am Ausdruck orientiert ist, das Wesen des Menschen nicht nur faktisch verfehlt, sondern es notwendig verfehlen muß, ganz abgesehen von der Ästhetik. Mit anderen Worten: Diese Philosophie gelangt nur zur Dar-stellung des Menschen, aber nie zu seinem Da-sein. Sie gelangt nicht nur faktisch nicht dazu, sondern kann notwendig nicht dahin gelangen, weil sie sich selbst den Weg dazu verbaut.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 112-113

„Vielleicht müssen wir zwar - gerade wenn und weil wir die Weckung einer Grundstimmung erstreben - von einem »Ausdruck« ausgehen, worin wir nur dar-gestellt sind. Vielleicht sieht diese Weckung der Grundstimmung in der Tat so aus wie eine Fest-stellung und ist doch etwas anderes als Dar-stellung und Fest-stellung. Wenn wir demnach nicht davon loskommen, daß alles, was wir sagen, so aussieht wie eine Dar-stellung unserer Lage und sich ausnimmt wie die Fest-stellung einer dieser Lage zugrundeliegenden Stimmung, die sich in der Lage aus-drückt, wenn wir diesen Schein nicht ableugnen und noch weniger abwerfen können, dann sagt das nur: Die Zweideutigkeit stellt sich gerade jetzt erst ein. Ist das zu verwundern? Wenn unsere einleitende Charakteristik der wesenhaften Zweideutigkeit des Philosophierens, unseres Philosophierens, keine Phrase war, die lediglich etwas Absonderliches über die Philosophie sagen sollte, dann muß jetzt am Beginn die Zweideutigkeit zur Macht kommen. Wir werden nicht glauben wollen, sie sei dadurch im mindesten zu beheben, daß wir zuvor erklären und behaupten: Es besteht ein theoretischer Unterschied zwischen der Darstellung der geistigen Lage und der Weckung einer Grundstimmung. Dadurch ist uns gar nichts abgenommen. Je eigentlicher wir beginnen, um so mehr lassen wir die Zweideutigkeit spielen, um so härter wird für jeden Einzelnen die Aufgabe, vor sich zu entscheiden, ob er wirklich versteht oder nicht.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 113-114

„Wenn die kulturphilsophische Art der Deutung unserer Lage ein Irrweg ist, dann dürfen wir nicht fragen: wo stehen wir?, sondern müssen fragen: wie steht es mit uns? Aber wenn es mit uns irgendwie - so oder so - steht, dann doch nicht im Leeren, wir stehen dabei doch auch irgendwo. Wir werden gut tun, aus dem, wo wir stehen, zu entnehmen, wie es mit uns steht. Also müssen wir doch zuvor unsere eigene Lage darstellen, nur daß wir sie vielleicht anders charakterisieren müssen, als es in den genannten Deutungen geschah. Aber das ist gar nicht notwendig. Wir wissen über unsere Lage schon genug, ohne daß wir auf jene Deutungen näher eingehen oder eine andere dazusetzen. Wir haben sie auch nicht als unrichtig abzuweisen. Wir wissen schon genug über unsere Lage einzig durch das Feststellen, daß es diese Deutungen - die Herrschaft der Philosophie der Kultur - gibt, daß sie vielfältig - wenngleich nicht nachprüfbar - das Dasein bestimmen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 114

„Jetzt fragen wir erneut: Was geschieht dabei und darin, daß diese Kulturdiagnosen, wenn auch in ganz verschiedener Weise, bei uns Gehör finden? Was geschieht darin, daß diese höhere Journalistik unseren »geistigen« Raum ausfüllt oder gar überhaupt umgrenzt? Ist das nur eine Mode? Ist etwas überwunden, wenn man es als »Modephilosophie« zu kennzeichnen und damit zu verkleinern sucht? Wir dürfen und wollen nicht zu so billigen Mitteln greifen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 115

„Wir sagten: Diese Kulturphilosophie stellt allenfalls das Heutige unserer Lage dar, aber greift uns nicht. Mehr noch, sie bekommt uns nicht nur nicht zu fassen, sondern entbindet uns von uns selbst, indem sie uns eine Rolle in der Weltgeschichte zuerteilt. Sie entbindet uns von uns selbst und ist doch gerade zugleich Anthropologie. Die Flucht und die Verkehrung und der Schein und die Verlorenheit werden noch verschärft. Nun ist die entscheidende Frage: Was liegt darin, daß wir uns diese Rolle geben und gar geben müssen? Sind wir uns selbst zu unbedeutend geworden, daß wir einer Rolle bedürfen? Warum finden wir für uns keine Bedeutung, d. h. keine wesentliche Möglichkeit des Seins mehr? Weil uns gar aus allen Dingen eine Gleichgültigkeit angähnt, deren Grund wir nicht wissen? Aber wer will so sprechen, wo der Weltverkehr, die Technik, die Wirtschaft den Menschen an sich reißen und in Bewegung halten? Und trotzdem suchen wir für uns nach einer Rolle. Was geschieht darin?, so fragen wir erneut. Müssen wir uns uns selbst erst wieder interessant machen? Warum müssen wir das? Etwa weil wir selbst uns, uns selbst, langweilig geworden sind? Der Mensch selbst sollte sich selbst langweilig geworden sein? Warum das? Ist es am Ende so mit uns, daß eine tiefe Langeweile in den Abgründen des Daseins wie ein schweigender Nebel hin- und herzieht?“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 115

„So bedarf es am Ende gar nicht der Kulturdiagnosen und -prognosen, um uns unserer Lage zu versichern, weil sie uns nur eine Rolle geben und uns von uns selbst entbinden, statt uns dazu zu verhelfen, daß wir uns selbst finden wollen. Aber wie sollen wir uns selbst finden - in einer eitlen Selbstbespiegelung, in jener widerwärtigen Beschnüffelung des Seelischen, die heute alles Maß überstiegen hat? Oder sollen wir uns so finden, daß wir uns dabei selbst zurückgegeben werden, und zwar uns zurückgegeben, so daß wir uns selbst aufgegeben werden, aufgegeben, das zu werden, was wir sind?“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 115-116

„Somit dürfen wir nicht in einem weitläufigen Kulturgerede von uns fortlaufen, aber ebensowenig in einer neugierigen Psychologie uns selbst nachlaufen, sondern wir müssen uns finden, so, daß wir uns an unser Dasein binden und dieses, das Da-sein, für uns das einzig Verbindliche wird.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 116

„Aber werden wir uns finden durch den Hinweis auf jene tiefe Langeweile, die vielleicht zunächst niemand von uns kennt? Soll gar diese fragwürdige tiefe Langeweile die gesuchte Grundstimmung sein, die es zu wecken gilt?“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 116

„Entwurf ist Weltentwurf.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 527

„Das Entwerfen als ... Entbergen der Ermöglichung ist das eigentliche Geschehen jenes Unterschiedes von Sein und Seiendem. Der Entwurf ist der Einbruch dieses »Zwischen« des Unterschiedes. Er ermöglicht erst die Unterschiedenen in ihrer Unterscheidbarkeit. Der Entwurf enthüllt das Sein des Seienden. Darum ist er, wie wir im Anschluß an ein Wort Schellings sagen können, der Lichtblick (vgl. Schelling, Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängendemn Gegenstände, 1809, in: Sämtliche Werke, Band 7, S. 361) ins Mögliche-Ermöglichende überhaupt. Der Blick ins Licht reißt die Finsternis als solche herbei, gibt die Möglichkeit jener Dämmerung des Alltags, darin wir zunächst und zumeist das Seiende erblicken, es bewältigen, daran leiden, uns daran freuen. Der Lichtblick ins Mögliche macht das Entwerfende offen für die Dimension des »entweder-oder«, des »sowohl-als-auch«, des »so« und des »anders«, des »Was«, des »ist« und »ist nicht«. Erst sofern dieser Einbruch geschehen ist, werden das »ja« und »nein« und das Fragen möglich. Der Entwurf enthebt in und enthüllt so die Dimension des Möglichen überhaupt, das in sich schon gegliedert ist in das Mögliche des »So-und-Andersseins«, des »Ob- und Ob-nicht-seins«.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 529-530

„Was wir vordem als einzelne Charaktere aufgezeigt haben, enthüllt sich jetzt als einheitlich ursprünglich verwoben in die Einheit der Urstruktur des Entwurfs. In ihm geschieht das Waltenlassen des Seins des Seienden im Ganzen seiner jeweils möglichen Verbindlichkeit. Im Entwurf waltet die Welt.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 530

„Im Geschehen des Entwurfs bildet sich Welt, d.h. im Entwerfen bricht etwas aus und bricht auf zu Möglichkeiten und bricht so in Wirkliches als solches, um sich selbst als Eingebrochenen zu erfahren als wirklcih Seiendes inmitten von solchem, was jetzt als Seiendes offenbar sein kann. Es ist das Seiende ureigener Art, das aufgebrochen ist zu dem Sein, das wir Da-sein nennen, zu dem Seienden, von dem wir sagen, daß es existiert, d.h. ex-sistiert, im Wesen seines Seins ein Heraustreten aus sich selbst ist, ohne sich doch zu verlassen.“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 531

„Der Mensch ist jenes Nicht-bleiben-können un d doch nicht von der Stelle Können. Entwerfend wirft das Da-sein in ihm ihn ständig in die Möglichkeiten und hält ihn so dem Wirklichen unterworfen. So geworfen im Wurf ist der Mensch ein Übergang, Übergang als Grundwesen des Geschehens. Der Mensch ist Geschichte, oder besser, die Geschichte ist der Mensch. Der Mensch ist im Übergang entrückt und daher wesenhaft »abwesend«. Abwesend im grundsätzlichen Sinne - nicht und nie vorhanden, sondern abwesend indem er wegwest in die Gewesenheit und in die Zukunft, ab-wesend und nie vorhanden, aber in der Ab-wesenheit existent. Versetzt ins Mögliche, muß er ständig versehensein des Wirklichen. Und nur weil so versehen und versetzt, kann er sich entsetzen. Und nur, wo die Gefährlichkeit des Entsetzens, da die Seligkeit des Staunens - jene wache Hingerissenheit, die der Odem alles Philosophierens ist, und was die Größten der Philosophen den enqusiasmuV, nannten, den der Letzte der Großen - Friedrich Nietzsche - in jenem Lied Zarathustras gekündet hat, das er das »trunkne Lied« nennt, und darin wir zuglech erfahrenb, was die Welt sei:
»Gegen 1876 hatte ich den Schrecken, mein ganzes bisheriges Wollen kompromittiert zu sehen, als ich begriff, wohin es jetzt mit Wagner hinauswollte: und ich war sehr fest an ihn gebunden, durch alle Bande der tiefen Einheit der Bedürfnisse, durch Dankbarkeit, durch die Ersatzlosigkeit und absolute Entbehrung, die ich vor mir sah. Um dieselbe Zeit schien ich mir wie unauflösbar eingekerkert in meine Philologie und Lehrtätigkeit – in einen Zufall und Notbehelf meines Lebens –: ich wußte nicht mehr, wie herauskommen, und war müde, verbraucht, vernutzt. Um dieselbe Zeit begriff ich, daß mein Instinkt auf das Gegenteil hinauswollte als der Schopenhauers: auf eine Rechtfertigung des Lebens, selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten und Lügenhaftesten – dafür hatte ich die Formel »dionysisch«, in den Händen.« (Ebd., S. 660).“
Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Antrittsvorlesung, 1929, S. 531-532

„Wirklich bleibende Philosophie kann nur die werden, die wahrhaft Philosophie ihrer Zeit, d. h. aber ihrer Zeit mächtig ist.“
Martin Heidegger, Brief, 10. Mai 1930

„Das »Höhlengleichnis« veranschaulicht nach Platons eindeutiger Aussage das Wesen der »Bildung«. Dagegen soll die jetzt versuchte Auslegung des »Gleichnisses« auf die platonische »Lehre« von der Wahrheit hinzeigen.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 20

Paideia meint die Umwandlung des ganzen Menschen im Sinne der eingewöhnenden Versetzung aus dem Bezirk des zunächst Begegnenden in einen anderen Bereich, darin das Seiende erscheint. Diese Versetzung ist nur dadurch möglich, daß alles dem Menschen bisher Offenkundige und die Art, wie es offenkundig war, anders werden. Das dem Menschen jeweils Unverborgene und die Art der Unverborgenheit muß sich wandeln. Unverborgenheit heiß griechisch aleqeia, welches Wort man mit »Wahrheit« übersetzt. Und »Wahrheit« bedeutet für das abendländische Denken seit langer Zeit die Übereinstimmung des denkenen Vorstellens mit der Sache: adaequatio intellctus et rei.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 20

„Und im Zeitalter der anhebenden Vollendung der Neuzeit sagt Nietzsche in einer nochmaligen Verschärfung ...: »Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.« (Aufzeichnung aus dem Jahre 1885, Der Wille zur Macht, n. 493). Wenn die Wahrheit nach Nietzsche eine Art von Irrtum ist, dann liegt ihr Wesen in einer Weise des Denkens, die das Wirkliche jedesmal, und zwar notwendig, verfälscht, insofern nämlich jedes Vorstellen das unausgesetzte »Werden« still steht und mit dem so Festgestellten gegenüber dem fließenden »Werden« ein Nichtentsprechendes, d.h. Unrichtiges und somit ein Irriges als das angeblich Wirkliche aufstellt.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 35

„In Nietzsches Bestimmung der Wahrheit als der Unrichigkeit des Denkens liegt die Zustimmung zum überlieferten Wesen der Wahrheit als der Richtigkeit des Aussagens (logoV). Nietzsches Begriff zeigt den letzten Widerschein der äußersten Folge jenes Wandels der Wahrheit aus der Unverborgenheit des Seienden zur Richtigkeit des Blickens. Der Wandel selbst vollzieht sich in der Bestimmung des Seins des Seienden (d.h. griechisch der Anwesung des Anwesenden) als idea.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 35

„Dieser Auslegung des Seienden zufolge ist die Anwesung nicht mehr wie im Anfang des abendländischen Denkens der Aufgang des Verborgenen in die Unverborgenheit, wobei diese selbst als die Entbergung den Grundzug der Anwesung ausmacht. Platon begreift die Anwesung (ousia) als idea. Diese untersteht jedoch nicht der Unverborgenheit, indem sie das Unverborgene, ihm dienend, zum Erscheinen bringt. Vielmehr bestimmt umgekehrt das Scheinen (Sichzeigen), was innerhalb seines Wesens und im einzigen Rückbezug auf es selbst dann noch Unverborgenheit heißen darf. Die idea ist nicht ein darstellender Vordergrund der aleqeia, sondern der sie ermöglichende Grund. Aber auch so nimmt die idea noch etwas vom anfänglichen, aber unbekannten Wesen der aleqeia in Anspruch.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 35-36

„Die Wahrheit ist nicht mehr als Unverborgenheit der Grundzug des Seins selbst, sondern sie ist, zufolge der Unterjochung unter die Idee zur Richtigkeit geworden, fortan die Auszeichnung des Erkennens des Seienden.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 36

„Seitdem gibt es im Streben nach der »Wahrheit« im Sinne der Richtigkeit des Blickens und der Blickstellung. Seitdem wird in allen Grundstellungen zum Seienden die Gewinnung des rechten Ideenblickes entscheidend. Die Besinnung auf die paidea und der Wandel des Wesens der aleqeia gehören zusammen und in dieselbe durch das Höhlengleichnis darsgestellte Geschichte des Übergangs von Aufenthalt zu Aufenthalt.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 36

„Die Verschiedenheit der beiden Aufenthalte innerhalb und außerhalb der Höhle ist ein Unterschied der sofia. Dies Wort bedeutet im allgemeinen das Sichauskennen in etwas, das Sichverstehehn auf etwas. Eigentlicher meint sofia das Sichauskennen in dem, was als das Unverborgene anwest und als das Anwesende das Beständige ist (vgl. Heraklit, Fragment 112). Das Sichauskennen deckt sich nicht mit dem bloßen Besitz von Kenntnissen. Es meint das Innehalten eines Aufenthalts, der überall zuvor den Anhalt im Beständigen hat.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 36

„Das Sichauskennen, das dort unten in der Höhle maßgebend ist, h ekei sofia (516c, 5), wird überragt vo einer anderen sofia ist, im Unterschied zu jener dort in der Höhle, ausgezeichnet durch das, Verlangen, über das nächste Anwesende hinaus den Anhalt in dem sich selbst zeigenden Beständigen zu erlangen. Diese sofia ist in sich eine Vorliebe und Freundschaft (filia) für die »Ideen«, die das Unverborgene gewähren. Sie sofia außerhalb der Höhle ist filosofia . Dieses Wort kennt die Sprache der Griechen bereits vor Platons Zeit und gebraucht es allgemein zur Benennung der Vorliebe für ein rechtes Sichauskennen. Durch Platon erst wird dieses Wort in Anspruch genommen als Name für jenes Sichauskennen im Seienden, das zugleich das Sein des Seienden als Idee bestimmt.Seit Platon wird das denken über das Sein des Seienden - »Philosophie«, weil es ein Aufblicken zu den »Ideen« ist. Die erst mit Platon beginnende »Philosophie« aberhat fortan den Charakter dessen, was später »Metaphysik« heißt. Die Grundgestalt der Metaphysik macht Platon selbst in der Geschichte anschaulich, die das Höhlengleichnis erzählt. Ja sogar das Wort »Metaphysik« ist in Platons Darstellung schon vorgeprägt. Dort, wo er (516) die Eingewöhnung des Blcikens auf die Ideen veranschaulicht, sagt Platon (516c, 3): Das Denken geht met eceina »über« jenes, was nur schattenhaft und abbildmäßig erfahren wird, hinaus eiV tauta, »hin zu« diesen, nämlich den »Ideen«. Sie sind das im nichtsinnlichen Blicken erblickte Übersinnliche, das mit den Werkzeugen des Leibes unbegreifliche Sein des Seienden. Und das Höchste im Bereich des Übersinnlichen ist jene Idee, die als Idee aller Ideen die Ursache für den Bestand und das Erscheinen alles Seienden bleibt. Wewil diese »Idee« in solcher Weise für alles die Ursache ist, deshalb ist sie auch »die Idee«, die »das Gute« heißt. Dies höchste und erste Ursache wird von Platon und entsprechend con Aristoteles to qeion, das Göttliche genannt. Seit derAuslegung desSeins als idea ist das Denken auf das Sein des Seienden metaphysich,und die Metaphysik ist theologisch. Theologie bedeutet hier die Auslegung der »Ursache« des Seienden als Gott und die Verlegung des Seins in diese Ursache,die das Seiendste des Seienden ist.
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 37-38

„Dieselbe Auslegung des Seins als idea, die ihren Vorrang einem Wandel des Wesens der aleqeia verdankt, fordert eine Auszeichnung des Blickens auf die Ideen. DieserAufzeihnung entspricht die Rolle der paidea, der »Bildung« des Menschen. Die Bemühung um das Menschsein und um die Stellung des Menschen inmitten des Seienden durchherrscht die Metaphysik.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 38

„Der Beginn der Metaphysik im Denken Platons ist zugleich der Beginn des »Humanismus«.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 38

„Platons Denken folgt dem Wandel des Wesens der Wahrheit, welcher Wandel zur Geschichte der Metaphysik wird, die in Nietzsches Denken ihre unbedingte Vollendung begonnen hat. Platons Lehre von der »Wahrheit« ist daher nichts Vergangenes. Sie ist geschichtliche »Gegenwart«, dies aber nicht nur als historisch nachgerechnete »Nachwirkung« eines Lehrstückes, auch nicht als Wiedererweckung, auch nicht als Nachahmung des Altertums, auch nicht als bloße Bewahrung des Überkommenen. Jener Wandel des Wesens der Wahrheit ist gegenwärtig als die längst gefestigte und daher noch unverrückte, alles durchherrschende Grundwirklichkeit der in ihre neueste Neuzeit anrollenden Weltgeschichte des Edballs.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 39

„Die im Höhlengleichnis erzählte Geschichte gibt den Anblick dessen, was jetzt und künftig noch in der Geschichte des abendländisch geprägten Menschentums das eigentlich Geschehende ist: Der Mensch denkt im Sinne des Wesens der Wahrheit als der Richtigkeit des Vorstellens alles Seiende nach »Ideen« und schätzt alles Wirkliche nach »Werten«. Nicht welche Ideen und welche Werte gesetzt sind, ist das allein und Erstlich Entscheidende, sondern daß überhaupt nach »Ideen« das Wirkliche ausgelegt, daß überhaupt nach »Werten« die Welt gewogen wird.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 39

„Inzwischen ist das anfängliche Wesen der Wahrheit erinnert worden. Die Unverborgenheit enthüllt sich dieser Erinnerung als der Grundzug des Seins selbst. Die Erinnerung an das anfängliche Wesen der Wahrheit muß jedoch dieses Wesen anfänglicher denken. Sie kann daher die Unverborgenheit niemals nur im Sinne Platons, d.h. in der Unterjochung unter die idea, übernehmen. Die platonisch begriffene Unverborgenheit bleibt eingespannt in den Bezug zum Erblicken, Vernehmen, Denken und Aussagen. Diesem Bezug folgen, heißt das Wesen der Unverborgenheit preisgeben. Kein Versuch, das Wesen der Unverborgenheit in der »Vernunft«, im »Geist«, im »Denken«, im »Logos«, in irgendeiner Art von »Subjektivität« zu begründen, kann je das Wesen der Unverborgenheit retten. Denn das zu Begründende, das Wesen der Unverborgenheit selbst, ist hierbei noch gar nicht hinreichend erfragt. Stets wird nur eine Wesensfolge des unbegriffenen Wesens der Unverborgenheit »erklärt«.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 39-40

„Zuvor bedarf es der Würdigung des »Positiven« im »privativen« Wesen der alhqeia. Zuvor ist dieses Positive als derGrundzug des Seins selbst zu erfahren. Erst muß die Not einbrechen, in der nicht immer nur das Seiende in seinem Sein, sondern das Sein selbst (d.h. der Unterschied) fragwürdig wird. Weil damit diese Not bevorsteht, deshalb ruht das anfängliche Wesen der Wahrheit noch in seinem verborgenen Anfang.“
Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit, Vorlesung, 1931/'32, S. 40

„Wir haben zu Beginn eine Frage genannt: »Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?« Wir behaupten: Das Fragen dieser Frage ist das Philosophieren.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 10

„Philosophieren ist Fragen nach dem Außer-ordentlichen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 10

„Im Zeitalter der ersten und maßgebenden Entfaltung der abendländischen Philosophie bei den Griechen, durch die das Fragen nach dem Seienden als solchem im ganzen seinen wahrhaften Anfang nahm, nannte man das Seiende fusiV.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 10

„In »Sein und Zeit« ist von einem »transzendentalen Horizont« die Rede. Aber das dort genannte »Transzendentale« ist nicht dasjenige des subjektiven Bewußtseins, sondern es bestimmt sich aus der existezialen-ekstatischen Zeitlichkeit des Da-seins. Indessen drängt sich die Umdeutung der Frage nach dem Sein als solchem in die Gleichförmigkeit mit der Frage nach dem Seienden als solchem vor allem deshalb auf, weil die Wesensherkunft der Frage nach dem Seienden als solchem und mit ihr das Wesen der Metaphysik im Dunkeln bleiben. Dieses zieht alles Fragen, das in irgendeiner Weise das Sein angeht, in Unbestimmte.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 14

„»Seinsfrage« meint nach der geläufigen Deutung: Fragen nach dem Seienden als solchem (Metaphysik). »Seinsfrage« heißt jedoch von »Sein und Zeit« her gedacht: Fragen nach dem Sein als solchem. .... Dieses bleibt vergessen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 14

„Daß die Ausbildung der abendländischen Grammatik aus der griechischen Besinnung auf die griechische Sprache entsprang, gibt diesem Vorgang seine ganze Bedeutung. Denn diese Sprache ist (auf die Möglichkeit des Denkens gesehen) neben der deutschen die mächtigste und geistigste zugleich.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 43

„Heraklit sagt: PolemoV pantwn men pater esti, pantwn de basileuV, kai touV men qeouV edeixe touV de anqropouV, touV men qoulouV epoihse touV de eleuderouV.  –  Der hier genannte polemos ist ein vor allem Göttlichen und Menschlichen waltender Streit, kein Krieg nach menschlicher Weise. Der von Heraklit gedachte Kampf läßt im Gegensatz das Wesende allererst auseinandertreten, läßt Stellung und Stand und Rang im Anwesen erst beziehen. In solchem Auseinandertreten eröffnen sich Klüfte, Abstände, Weiten und Fugen. In der Aus-einandersetzung wird Welt. (Die Auseinandersetzung trennt weder, noch zerstört siegar die Einheit. Sie bildet diese, ist Sammlung [logoV]. PolemoV und logoV sind dasselbe.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 47

„Gelegentliche Fragen, die mir zu der Vorlesung vorgelegt werden, verraten immer wieder, daß man meist nach der verkehrten Richtung hört und an Einzelheiten haften bleibt. Zwar kommt es auch in den Vorlesungen der einzelnen Wissenschaften auf den Zusmmenhang an. Aber für die Wissenschaften bestimmt sich dieser unmittelbar aus dem Gegenstand, der für die Wissenschaften immer irgendwie vorliegt. Für die Philosophie dagegen liegt der Gegenstand nicht nur nicht vor, sie hat überhaupt keinen Gegenstand. Sie ist ein Geschehnis, das sich jederzeit neu das Sein (in seiner ihm zugehörigen Offenbarkeit) erwirken muß. Nur in diesem Geschehen eröffnet sich die philosophische Wahrheit.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 65

„Weil Bedeutung und Begriff »Sein« die höchste Allgemeinheit haben, kann die Meta-physik als »Physik« zu einer näheren Bestimmung nicht mehr höher steigen. So bleibt ihr nur der Weg: vom Allgemeinen weg zum besonderen Seienden, Dadurch wird auch die Leere des Seinsbegriffes aufgefüllt, nämlich vom Seienden her. Nun zeigt aber die Anweisung: „weg vom Sein und hin zum besonderen Seienden«, daß sie ihrer selbst spottet un d nicht weiß wie. - Denn das viel berufene besondere Seiende kann nicht als ein solches uns nur eröffnen, wenn wir und je nach dem wir schon schon im vorhinein das Sein in seinem Wesen verstehen. - Dieses Wesen hat sich schon gelichtet. Aber noch verbleibt es im Fraglosen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 65

„Gehen wir sogleich auf das Entscheidende zu und fragen: Was heißt logoV und legein, wenn es nicht denken heißt? LogoV bedeutet das Wort, die Rede und legein heißt reden. Dia-log ist Wechselrede, Mono-log ist Einzelgespräch. Aber logoV heißt ursprünglich nicht Rede, Sagen. Das Wort hat in dem, was es meint, keinen unmittelbaren Bezug zur Sprache. Legw, legein, lateinisch legere, ist dasselbe Wort wie unser »lesen«: Ähren lesen, Holz lesen, die Weinlese, die Auslese; »ein Buch lesen« ist nur eine Abart des »Lesens« im eigentlichen Sinne. Dies besagt: das eine zum anderen legen, in eines zusammenbringen, kurz: sammeln; dabie wird zugleich das eine gegen das andere abgehoben. So gebrauchen die griechischen Mathematiker das Wort. Eine Münzsammlung ist kein bloßes irgendwie zusammengeschobenes Gemenge. In dem Ausdruck »Analogie« (Entsprechung) finden wir sogar beide Bedeutungen beieinander: die ursprüngliche von »Verhältnis«, »Beziehnung« und die von »Sprache«, »Rede«, wobei wir im Wort »Entsprechung« kaum mehr an »Sprechen« denken, »entsprechend« wie umgekehrt die Griechen bei logoV noch nicht und nicht notwendig an »Rede« und »sagen« dachten.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 95

„Als Beispiel für die ursprüngliche Bedeutung von legein als »sammeln« diene eine Stelle aus Homer, Odyssee, XXIV, 106. Hier handelt es sich um die Begegnung der erschlagenen Freier mit Agamemnon in der Unterwelt; dieser erkennt sie und spricht sie also an: »Amphimedon, nach welcher Fährnis seid ihr hinab getaucht in das Dunkel der Erde, alle ausgezeichnet und gleichaltrig; und kaum anders könnte einer auf der Suche durch eine Polis hin so edle Männer zusammenbringen (lexaito)«.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 95

Aristoteles sagt (in: Physik, Q, I, 252, a 13): TaxiV de pasa logoV, jede Ordnung aber hat den Charakter des Zusammenbringens.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 95

„Wir erinnern hier nur daran, daß der Name logoV auch dann noch, als er längst Rede und Aussage bedeutete, seine ursprüngliche Bedeutung behalten hat, indem er das »Verhältnis des einen zum anderen« bedeutet.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 95

„Wenn wir die Grundbedeutung von logoV, Sammlung, sammeln bedenken, dann haben wir damit noch wenig für die Aufhellung der Frage gewonnen: Inwiefern sind für die Griechen Sein und Logos ursprünglich einig dasselbe, sodaß sie in der Folge auseinander treten können und nach bestimmten Gründen dies tun müssen?“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 95

„Der Hinweis auf die Grundbedeutung von logoV kann uns nur dann einen Fingerzeig geben, wenn wir schon verstehen, was den Griechen »Sein« besagt: fusiV.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 95-96

„Unter der Voraussetzung, daß wir uns das Gesagte immer wieder unmittelbar im inneren Blick erhalten, sagen wir: Sein ist als fusiV das aufgehende Walten. In der Gegenstellung zum Werden zeigt es sich als die Ständigkeit, die ständige Anwesenheit. Diese bekundet sich in der Gegenstellung zum Schein als das Erscheinen, als die offenbare Anwesenheit.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 96

„Was hat der Logos mit dem so ausgelegten Sein zu tun? Aber zunächst bleibt zu fragen: ist überhaupt im Anfang der griechischen Philosophie ein solcher Zusammenhang zwischen Sein und Logos belegt? Allerdings. Wir halten uns wieder an die beiden maßgebenden Denker Parmenides und Heraklit ....“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 96

LogoV ist die ständige Sammlung, die in sich stehende Gesammeltheit des Seienden, d.h. das Sein. Deshalb bedeutet in Frg. 1 kata ton logon dasselbe wie kata fusin. fusiV und logoV sind dasselbe. LogoV kennzeichnet das Sein in einer neuen und doch alten Hinsicht: Was seiend ist, in sich gerade und ausgeprägt steht, das ist in sich von sich her gesammelt und hält sich so in solcher Sammlung.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 100

„Das Sagen und Hören ist nur ein rechtes, wenn es in sich zuvor schon auf das Sein, den Logos gerichtet ist.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 101

„Weil das Sein als Logos ursprünglich Sammlung ist, kein Geschiebe und Gemenge, wo jegliches gleichviel und gleichwenig gilt, gehört zum Sein der Rang, die Herrschaft. Wenn das Sein sich eröffnen soll, muß es selbst Rang haben und innehalten. Daß Heraklit von den Vielen als den Hunden und Eseln spricht, kennzeichnet diese Haltung. Sie gehört wesentlich zum griechischen Dasein. Wenn man schon bisweilen heute allzu eifrig die Polis der Griechen bemüht, sollte man diese Seite nicht unterschlagen, sonst wird der Begriff der Polis leicht harmlos und sentimental. Das Rangmäßige ist das Stärkere. Deshalb ist das Sein, der Logos, als der gesammelte Einklang, nicht leicht und in gleicher Münze für jedermann zugänglich, sondern entgegen jenem Einklang, der jeweils nur Ausgleich, Vernichtung der Spannung, Einebnung ist, verborgen: armonih afanhV fanerhV kreittwn, »der nicht (unmittelbar und ohne weiteres) sich zeigende Einklang ist mächtiger denn der (allemal) offenkundige« (Frg. 54).“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 101-102

„Weil das Sein logoV, armonia, aleqeia, fusiV, fainesqai ist, deshalb zeigt es sich gerade nicht beliebig. Das Wahre ist nicht für jedermann, sondern nur für die Starken.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 102

„Das Menschsein bestimmt sich aus dem Bezug zum Seienden als solchem im Ganzen. Das Menschenwesen zeigt sich hier als der Bezug, der dem Menschen erst das Sein eröffnet. Das Menschsein ist als Not der Vernehmung und Sammlung die Nötigung in die Freiheitder Übernahme der tecne, des wissenden Ins-Werk-setzen des Seins. So ist Geschichte.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 130

„Das Menschsein ist nach seinem geschichtlichen, Geschichte eröffnenden Wesen Logos, Sammlung und Vernehmung des Seins des Seienden: dasGeschehnis jenes Unheimlichsten, in dem durch die Gewalt-tätigkeit das Überwältigende zur Erscheinung kommt und zum Stand gebracht wird. .... Zugleich mit dem Aufbruch in das Sein geschieht das Sich-finden in das Wort, die Sprache.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 131

„Die Sprache ist als Geschehen sogleich immer auch Gerede, statt Eröffnung des Seins dessen Verdeckung, statt Sammlung aufda Gefüge und den Fug die Zerstreuung in den Unfug. Der Logos macht sich als Sprache nicht von selbst.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 132

Logos im Sinne Heraklits als der waltende Fug des Seienden im Ganzen. Dieses dichterische Wort spricht dem inngsten Bezug des Daseins zum sein und seiner Eröffnug aus, indem es die weiteste Ferne zum Sein, das Nichtdasein, nennt. Hier zeigt sich die unheimlichte Möglichkeit des daseins: in der höchsten Gewalt-tat gegen sich selbst die Übergewalt des Seins zu brechen. DasDasien hat diese Möglichkeit nicht als leeren Ausweg, sondern es ist diese Möglichkeit,sofern es ist; denn als Dasein muß es in aller Gewalt-tat am sein doch zerbrechen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 135

„Nicht-dasein ist der höchste Sieg über das Sein. Dasein ist die ständige Not der Niederlage und des Wiederaufspringens der Gewalt-tat gegen das Sein und zwar so, daß die Allgegewalt des Seins das Dasein zur Stätte seines Erscheinens ver-gewaltigt (wörtlich genommen) und als dieses Stätte umwaltet und damit im sein behält.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 136

„Es ist notwendig, noch zu zeigen, wie es auf dem Grunde des anfänglichen Auseinandertretens von logos und fusiV kommt, das dann zum Ausgang für die Aufrichtung der Herrschaft der vernunft wird.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 137

„Diese Heraustreten des Logos und die Vor-bereitung desselben zum Gerichtshof über das Sein gschieht noch innerhalb der griechischen Philosophie. Esbestimmt sogar dasEnde derselben. Wir bewältigen die griechsische Philosophie als den Anfang derabendländischen Philosophie erst dann, wenn wir diesen Anfang zugleich in seinem anfänglichen Ende begreifen; denn erst dieses und nur dieses wurde für die Folgezeit zum »Anfang« und zwar derart, daß er den anfänglichen Anfang zugelich verdeckte. Aber dieses anfängliche Ende des großen Anfangs, die Philosophie Platons und die des Aristoteles, bleibt groß, auch wenn wir die Größe ihrer abendländischen Auswirkung noch ganz abrechnen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 137

„Dasein bringt schon die Sphäre möglicher Nachbarschaft mit sich; es ist von Hause aus schon Nachbar zu ....“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 138

„Die Auslegung des Seins als idea durch Platon ist so wenig ein Abstabd und garAbfall vom Anfang, daß sie diesen sogar entfalteter und schärfer begreift und durch die »Ideenlehre« begründet. Platon ist die Vollendung des Anfangs.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 139

„In der Tat kann nicht geleugnet werden, daß sich die Auslegung des Seins als idea aus der Grunderfahrung des Seins als fusiV ergibt. Sie ist, wie wir sagen, eine notwendige Folge aus dem Wesen des Seins als des aufgehenden Scheinens. Darin liegt aber nichts von einer Entfernung oder gar einem Abfall vom Anfang. gewiß nicht.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 139

„Die alte Streitfrage, ob der Satz vom Widerspruch bei Aristoteles eine »ontologische« oder eine »logische« Bedeutung habe, ist falsch gestellt, weil es für Aristoteles weder »Ontologie« noch »Logik« gibt. Beides entsteht erst auf dem Boden der aristotelischen Philosophie. Der Satz vom Widerspruch hat vielmehr »ontologische« Bedeutung, weil er ein Grundgesetz des Logos, ein »logischer« Satz ist. Die Aufhebung des Satzes vom Widerspruch in der Dialektik Hegels ist daher im Prinzip keine Überwindung der Herrschaft des Logos, sondern nur die höchste Steigerung. (Daß Hegel die eigentliche Metaphysik, d.h, »Physik« mit dem Namen »Logik« betitelt, erinnert sowohl an den Logos im Sinne des Ortes der Kategorien, als auch an den Logos im Sinne der anfänglichen fusiV.)“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 143

„In der Gestalt der Aussage ist der Logos selbst zu etwas Vorfindlichem geworden. Diese Vorhanden ist deshalb etwas Handliches, was gehandhabt wird, um die Wahrheit als Richtigkeit zu gewinnen und sicherzustellen. Daher leigt es nahe, diese Handhabe der Wahrheitsgewinnung als Werkzeug, organon, zu fassen un d das Werkzeug in der rechten Weise handlich zu machen. Das ist umso nötiger, je entscheidender mit dem Wandel von fusiV und eidoV und des logoV zur kathgoria die ursprüngliche Eröffnung des Seins des Seienden ausgesetzt hat und das Wahre als das Richtige auf dem Wege der Diskussion, der Lehre und der Vorschriften nur noch verbreitet und verbreitert und so immer ebener wird. Hierfür muß der Logos als Werkzeug zubereitet werden. Die Geburtsstunde der Logik ist gekommen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 143

„Nicht zu Unrecht hat daher die antike Schulphilosophie die Abhandlungen des Aristoteles, die sich auf den Logos beziehen, unter dem Titel »Organon« zusammengefaßt. Die Logik ist damit in den Grundzügen auch schon abgeschlossen. So darf Kant zwei Jahrtausende später in der Vorrede zur 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft sagen, daß die Logik »seit dem Aristoteles keinen Schritt vorwärts hat tun können und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint«. Es scheint nicht nur so. Es ist so. Denn die Logik hat trotz Kant und Hegel im Wesentlichen und Anfänglichen keinen Schritt mehr getan. Der einzig mögliche Schritt ist nur noch der, sie (nämlich als die maßgebliche Blickbahn der Auslegung des Seins) von ihrem Grund her aus den Angeln zu heben.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 143-144

„Sehen wir jetzt das über fusiV und logoV Gesagte zusammen: die fusiV wird zur idea (paradeigma), Wahrheit und Richtigkeit. Der Logos wird zur Aussage, zum Ort der Wahrheit als Richtigkeit, zum Ursprung der Kategorien, zum Grundsatz über die Möglichkeiten des Seins. »Idee« und »Kategorie« sind künftig die beiden Titel, unter denen das abendländische Denken und Tun und Schätzen, das ganze Dasein steht. Die Wandlung von fusiV und logoV und damit die Wandlung ihres Bezugs zueinander ist ein Abfall vom anfänglichen Anfang. Die Philosophie der Griechen gelangt zur abendländischen Herrschaft nicht aus ihrem ursprünglichen Anfang, sondern aus dem anfänglichen Ende, das in Hegel groß und endgültig zur Vollendung gestaltet wird. Die Geschichte geht, wo sie echt ist, nicht zugrunde, indem sie nur aufhört und ver-endet wie das Tier, Geschichte geht nur geschichtlich zugrunde.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 144

„Das Christentum deutet das Sein des Seienden zum Geschaffensein um. Denken und Wissen gelangen in die Unterscheidung zum Glauben (fides). Das Heraufkommen des Rationalismus und Irrationalismus wird dadurch nicht gehemmt, sondern erst vorbereitet und verstärkt.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 147

„Weil das sein ein von Gott Geschaffenes, d.h. rational Vorgedachtes ist, muß, sobald der Bezug des Geschaffenen sich löst und andererseits in eins damit die Vernunft des Menschen sich in die Vorherrschaft bringt, sich sogar als abolut setzt, das Sein des Seienden im reinen Denken der Mathematik denkbar werden. Das so berechenbare und in die Rechnung gestellte Sein macht dasSeiende zum Beherrschbaren in der modernen mathematisch gefügten Technik, die etwas wesentlich anderes ist als jeder bisher bekannte Werkzeuggebrauch.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 147-148

„Wie das Sein im Denken gegründet ist, so wird es durch das Sollen überhöht. Das will sagen: Das Sein ist nicht mehr das Maßgebende. Aber es ist doch Idee, Vorbild? Allein, die Ideen sind gerade wegen ihres Vorbildcharakters nicht mehr das Maßgebende. Denn als das, was Aussehen gibt und so selber in gewisser Weise seiend (on ist, verlangt die Idee als solches Seiendes ihrerseits die Bestimmung ihres Seins, d.h. wiederum ein Aussehen. die Ideeder Ideen, die höchste Idee ist nach Platon die idea tou agaqou, die Idee des Guten.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 150

„Sein ist das Grundgeschehnis, auf dessen Grunde überhaupt erst geschichtliches Dasein inmitten des eröffnenden Seienden im Ganzen gewährt ist.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 153-154

„Weil ... die Aussage, der logoV als kathgoria, der Gerichtshof über das Sein geworden ist, deshalb bestimmt sie aus dem ihr zugehörigen »ist« das Sein.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 154

„In der Frage nach dem Sein ausdrücklich bis an die Grenze des Nichts gehen und dieses in die Seinsfrage einbeziehen, ist ... der erste u nd einzig fruchtende Schritt zur wahrhaften Überwindung des Nihilismus.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 155

Die ursprüngliche Scheidung, deren Innigkeit und ursprüngliches Auseinandertreten die Geschichte trägt, ist die Unterscheidung von sein und Seiendem.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 156

„»Sein und Zeit« meint ... das Aufgegebene. Das eigentlich Aufgegebene ist Jenes, was wir nicht wissen und das wir, sofern wir es echt wissen, nämlich als Aufgegebenes, immer nur fragend wissen.“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 157

„Fragen können heißt: warten können, sogar ein Leben lang. Ein Zeitlater jedoch, in dem nur das wirklcih ist, was schnell geht und sich mit beiden Händen greifen läßt, hält das Fragen für »wirklichkeitsfremd«, für solches, was sich nicht bezahlt macht. Aber nicht die Zahl ist das Wsentliche, sondern die rechte Zeit, d.h. derrechte Augenblick und das rechte Ausdauern. “
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 157

„»Denn es hasset /// Der sinnende Gott // Unzeiges Wachstum.« - Hölderlin, Aus dem Motivkreis der »Titanen« (IV, 218).“
Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Vorlesung, 1935, S. 157

„In der umfassendsten, weil aus der Metaphysik gedachten Besinnung auf das Wesen der Kunst, die das Abendland besitzt, in Hegels »Vorlesungen über die Ästhetik« stehen die Sätze: »Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste Weise, in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft.« (WW, X, 1, S. 134). »Man kann wohl hoffen, daß die Kunst immer mehr steigen und sich vollenden werde, aber ihre Form hat aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein.« (Ebd, S. 135). « (Ebd, S. 16). In all diesen Beziehungen ist und bleibt die Kunst nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung für uns ein Vergangenes.“
Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, 1935/’36, in: ders., Holzwege, S. 68

„Zu den wesentlichen Erscheinungen der Neuzeit gehört ihre Wissenschaft. Eine dem range nach gleichwertige Erscheinung ist die Maschinentechnik. Man darf sie jedoch nicht als bloße Anwendung der neuzeitlichen mathematischen Naturwisenschaft auf die Praxis mißdeuten. Die Maschinentechnik ist selbst eine eigenständige Verwandlung der Praxis derart, daß diese erst die Verwendung der matehmatischen Naturwissenschaft fordert. Die Maschinentechnik bleibt der bis jetzt sichtbarste Ausläufer des Wesens der neuzeitlichen Technik, das mit dem Wesen der neuzeitlichen Metaphysik identisch ist.“
Martin Heidegger, Die Zeit des Weltbildes, 1938, in: ders., Holzwege, S. 75

„Eine dritte gleichwesentliche Erscheinung der Neuzeit liegt in dem Vorgang, daß die Kunst in den Gesichtskreis der Ästhetik rückt. Das bedeutet: Das Kunstwerk wird zum Gegenstand des Erlebens, und demzufolge gilt die Kunst als Ausdruck des Lebens des Menschen.“
Martin Heidegger, Die Zeit des Weltbildes, 1938, in: ders., Holzwege, S. 75

„Eine vierte neuzeitliche Erscheinung bekundet sich darin, daß das menschliche Tun als Kultur aufgefaßt und vollzogen wird. Kultur ist dann die Verwirklichung der obersten Werte durch die Pflege der höchsten Güter des Menschen. Im Wesen der Kultur liegt es, als solche Pflege ihrerseits sich in die Pflege zu nehmen und so zur Kulturpolitik zu werden.“
Martin Heidegger, Die Zeit des Weltbildes, 1938, in: ders., Holzwege, S. 75-76

„Eine fünfte Erscheinung der Neuzeit ist die Entgötterung. Dieser Ausdruck meint nicht die bloße Beseitigung der Götter, den groben Atheismus. Entgötterung ist der doppelseitige Vorgang, daß einmal das Weltbild sich verchristlicht, insofern der Weltgrund als das Unendeliche, das Unbedingte, das Absolute angesetzt wird, und daß zum anderen das Christentum seine Christlichkeit zu einer Weltanschauung (der christlichen Weltanschauung) umdeutet und sich so neuzeitgemäß macht. Die Entgötterung ist der Zustand der Entscheidungslosigkeit über den Gott und die Götter. An seiner Heraufführung gat ds Christentum den größten Anteil. Aber die Entgötterung schließt die Religiosität so wenig aus, daß vielmehr erst durch sie der Bezug zu den Göttern sich in das religiöse Erleben abwandelt. Ist es dahin gekommen, dann sind die Götter entflohen. Die entstandene Lehre wird durch die historische und psychologische Erforschung des Mythos ersetzt.“
Martin Heidegger, Die Zeit des Weltbildes, 1938, in: ders., Holzwege, S. 76

„Der an das griechische to on, das Seiende, angelehnte Ausdruck ontisch bedeutet das, was das Seiende angeht. Aber das griechische on, Seindes, birgt in sich ein eigenes Wesen von Seiendheit (ousia), das im Verlauf seiner Geschichte keineswegs das gleiche bleibt. Wenn wir die Wort on und »Seiendes« denkend gebrauchen, ist als erstes vorausgesetzt, daß wir denken, d.h. daß wir darauf achten, inwiefern jeweils die Bedeutung sich wandelt und wie sie jeweils geschichtlich festliegt. Wenn das Seiende als der Gegenstand erscheint, insofern sich sich die Seiendheit als die Gegenständlichkeit gelichtet hat, und wenn man demzufolge das Sein als das Un-gegenständliche anspricht, dann beruht dies alles schon auf der Ontologie, durch die das on als das upokeimenon, dieses als das subiectum, dessen Sein aber aus der Sujektität des Brewußtseins bestimmt worden ist. Weil on sowohl »Seiendes« bedeutet als auch »seiend«, kann das on als das »Seiende« auf sein »seiend« hin versammelt (legein) werden. Das on ist sogar schon gemäß seiner Zeideutigkeit als Seiendes auf Seiendheit versammelt. Es ist ontologisch. Aber mit dem Wesen des on und aus ihm wandelt sich jeqweils dieses Versammeln, der logoV, und mit ihm die Ontologie. Seitdem das on, das Anwesende, als die fusis aufging, beruht das Anwesen des Anwesenden für die griechischen Denker im fainestai, im sich zeigenden Erscheinen des Unverborgenen. Dementsprechend ist die Mannigfaltigkeit des Anwesenden, ta onta, als dasjenige gedacht, was in seinem Erscheinen einfach als das Anwesende angenommen wird. Annehmen bedeutet hier: ohne weiteres hinnehmen und es beim Anwesenden bewenden lassen. Das Annehmen (decesqai) bleibt ohne ein Weiteres. Es denkt nämlich nicht weiter auf das Anwesen des Anwesenden. Esbleibt in der doxa. Dagegen ist das noein jenes Vernehmen, das eigens das Anwesende in seinem Anwesen vernimmt und daruafhin vornimmt.“
Martin Heidegger, Hegels Begriff der Erfahrung, 1942, in: ders., Holzwege, S. 161-162

„Die Zweideutigkeit des on nennt sowohl das Anwesende als auch das Anwesen. Sie nennt beide zugleich und keines als solches. Dieser wesenhaften Zweideutigkeit des on entspricht, daß mit der doxa der dokounta, d.h. der eonta, das noein des einai, des eon, zusammengehört. Was das noein vernimmt, ist nicht das wahrhaft Seiende im Unterschied zum bloßen Schein. Vielmehr vernimmt die doxa das Anwesende selbst unmittelabr, aber nicht das Anwesen des Anwesenden, welches Anwesen das noein vernimmt.“
Martin Heidegger, Hegels Begriff der Erfahrung, 1942, in: ders., Holzwege, S. 162

„Denken wir, was inskünftig notwendig wird, im Hervorkommen des Zwiefachen von Anwesendem und Anwesen aus der sich verbergenden Zweideutigkeit des on das Wesen der Metaphysik, dann fällt der Beginn der Metaphysik mit dem Beginn des abendländischen Denkens zusammen. Nimmt man dagegen als das Wesen der Metaphysik die Trennung zwischen einer übersinnlichen und einer sinnlichen Welt und gilt jene als das warhhaft Seiende gegenüber dieser als dem nur scheinbarSeienden, dann beginnt die Metaphysik mit Sokrates und Platon. Doch was mit ihnen beginnt, ist nur eine eigens eingerichtete Auslegung jenes frühen Zwiefachen im on. Mit ihr beginnt das Unwesen der Metaphysik. Die Späteren mißdeuten bis heute von diesem Unwesen her den eigentlichen Wesensbeginn der Metaphysik. Allein, das hier zu denkende Unwesen ist nichts Negatives, wenn wir bedenken, daß schon im Wesensbeginn der Metaphysik die in der Zweideutigkeit des on waltende Differenz ungedacht bleibt, so zwar, daß dieses Ungedachtbleiben das Wesen der Metaphysik ausmacht. Diesem Ungedachten gemäß bleibt auch der logoV des on ungegründet. Aber dieses Ungegründetete gibt der Onto-Logie die Gewalt ihres Wesens.“
Martin Heidegger, Hegels Begriff der Erfahrung, 1942, in: ders., Holzwege, S. 162-163

„Hinter diesem Titel verbirgt sich uns die Geschichte des Seins. Ontologisch bedeutet: die Versammlung des Seienden auf seine Seiendheit vollziehen. Ontologisch ist dasjenige Wesen, das seiner Natur nach in dieser Geschichte steht, indem es sie je nach der Unverborgenheit des Seienden aussteht. Demgemäß können wir sagen: Das Bewußtsein ist in seinem unmittelbaren Vorstellen des Seienden ontisches Bewußtsein. Für es ist das Seiende der Gegenstand. Aber das Vorstellen des Gegenstandes stellt, obzwar ungedacht, den Gegenstand als Gegenstand vor. Eshat schon den Gegenstand in seine Gegenständlichkeit versammelt und ist darum ontologisches Bewußtsein. Doch weil es die Gegenständlichkeit nicht als solche denkt, sie aber gleichwohl schon vorstellt, ist das natürliche Bewußtsein ontologisch und ist dies doch noch nicht. Wir sagen, das ontische Bewußtsein sei vorontologisch. Als dieses ist das natürliche, ontisch-vorontologische Bewußtsein latent die Unterscheidung des ontisch Wahren und der ontologischen Wahrheit. Weil Bewußt-sein heißt: diese Unterscheidung sein, deshalb ist das Bewußtsein aus seiner Natur die Vergleichung des ontisch und ontologisch Vorgestellten. Als die Vergleichung ist es im Prüfen. In sich selbst ist sein Vorstellen ein natürlich Sich-auf-die-Probe-stellen.“
Martin Heidegger, Hegels Begriff der Erfahrung, 1942, in: ders., Holzwege, S. 163

„Die folgende Erläuterung versucht, dorthin zu weisen, von wo aus vielleicht eines Tages die Frage nach dem Wesen des Nihilismus gestellt werden kann. Die Erläuterung entstammt einem Denken, das beginnt, erst einmal über Nietzsches Grundstellung innerhalb der Geschichte der abendländischen Metaphysik eine Klarheit zu gewinnen. Der Hinweis verdeutlicht ein Stadium der abendländischen Metaphysik, das vermutlich ihr Endstadium ist, da andere Möglichkeiten der Metaphysik insofern nicht mehr sichtbar werden können, als die Metaphysik durch Nietzsche in gewisser Weise sich selbst ihrer eigenen Wesensmöglichkeit beraubt. Der Metaphysik bleibt durch die von Nietzsche vollzogene Umkehrung nur noch die Verkehrung in ihr Unwesen. Das Übersinnliche wird zu einem bestandlosen Produkt des Sinnlichen. Dieses aber verleugnet mit solcher Herabsetzung seines Gegensatzes das eigene Wesen. Die Absetzung des Übersinnlichen beseitigt auch das bloß Sinnliche und damit den Unterschied beider. Die Absetzung des Übersinnlichen endet bei einem Weder-Noch in Bezug auf die Unterscheidung von Sinnlichem (aisthton) und Nichtsinnlichem (nohton). Die Absetzung endet im Sinnlosen. Sie bleibt jedoch die unbedachte und unüberwindliche Voraussetzung der verblendeten Versuche, sich durch eine bloße Sinn-gebung dem Sinnlosen zu entziehen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 209

„Jedes metaphysische Denken ist Onto-logie, oder es ist überhaupt nichts.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 210

„Der befremdende Gedanke an den Tod eines Gottes und an das Sterben der Götter war schon dem jungen Nietzsche vertraut. In einer Aufzeichnung aus der Zeit der Ausarbeitung seiner ersten Schrift »Die Geburt der Tragödie« schreibt Nietzsche (1870): »Ich glaube an das urgermanische Wort: alle Götter müssen sterben«. Der junge Hegel nennt am Schluß der Abhandlung »Glauben und Wissen« (1802) das »Gefühl, worauf die Religion der neuen Zeit beruht - das Gefühl: Gott selbst ist tot.« Hegels Wort denkt Anderes als Nietzsche in dem seinen. Gleichwohl besteht zwischen beiden ein wesentlicher Zusammenhang, der sich im Wesen aller Metaphysik verbirgt.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 214

„Das Wort »Gott ist tot« bedeutet: die übersinnliche Welt ist ohne wirkende Kraft. Sie spendet kein Leben. Die Metaphysik, d. h. für Nietzsche die abendländische Philosophie als Platonismus verstanden, ist zu Ende. Nietzsche versteht seine eigene Philosophie als die Gegenbewegung gegen die Metaphysik, d. h. für ihn gegen den Platonismus.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 217

„Als bloße Gegenbewegung bleibt sie jedoch notwendig wie alles Anti- im Wesen dessen verhaftet, wogegen sie angeht. Nietzsches Gegenbewegung gegen die Metaphysik ist als die bloße Umstülpung dieser die ausweglose Verstrickung in die Metaphysik, so zwar, daß diese sich gegen ihr Wesen abschnürt und als Metaphysik ihr eigenes Wesen nie zu denken vermag. Darum bleibt für die Metaphysik und durch sie das verborgen, was in ihr und was als sie selbst eigentlich geschieht.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 217

„Der Nihilismus ist, in seinem Wesen gedacht, ... die Grundbewegung der Geschichte des Abendlandes. Sie zeigt einen solchen Tiefgang, daß ihre Entfaltung nur noch Weltkatastrophen zur Folge haben kann. Der Nihilismus ist die weltgeschichtliche Bewegung der in den Machtbereich der Neuzeit gezogenen Völker der Erde. Darum ist er nicht erst eine Erscheinung des gegenwärtigen Zeitalters, auch nicht erst das Produkt des 19. Jahrhunderts, in dem zwar ein geschärfter Blick für den Nihilismus wach und auch der Name gebräuchlich wird. Der Nihilismus ist ebensowenig nur das Produkt einzelner Nationen, deren Denker und Schriftsteller eigens vom Nihilismus reden. Diejenigen, die sich frei davon wähnen, betreiben seine Entfaltung vielleicht am gründlichsten. Es gehört zur Unheimlichkeit dieses unheimlichsten Gastes, daß er seine eigene Herkunft nicht nennen kann.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 218-219

„An die Stelle der geschwundenen Autorität Gottes und des Lehramtes der Kirche tritt die Autorität des Gewissens, drängt sich die Autorität der Vernunft. Gegen diese erhebt sich der soziale Instinkt. Die Weltflucht ins Übersinnliche wird ersetzt durch den historischen Fortschritt. Das jenseitige Ziel einer ewigen Seligkeit wandelt sich um in das irdische Glück der Meisten. Die Pflege des Kultus der Religion wird abgelöst durch die Begeisterung für das Schaffen einer Kultur oder für die Ausbreitung der Zivilisation. Das Schöpferische, vormals das Eigene des biblischen Gottes, wird zur Auszeichnung des menschlichen Tuns. Dessen Schaffen geht zuletzt in das Geschäft über.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 220

„In einer Aufzeichnung (1887/88) sagt Nietzsche, was er unter Wert versteht (W. z. M. A. 715): »Der Gesichtspunkt des ›Werts‹ ist der Gesichtspunkt von Erhaltungs-, Steigerungs-Bedingungen in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens.« Das Wesen des Wertes beruht darin, Gesichtspunkt zu sein. Der Wert meint solches, was ins Auge gefaßt ist. Wert bedeutet den Augenpunkt für ein Sehen, das es auf etwas absieht, oder, wie wir sagen, auf etwas rechnet und dabei mit anderem rechnen muß. Wert steht im inneren Bezug zu einem Soviel, zu Quantum und Zahl. Werte sind daher (W. z. M. A. 710. a. d. J. 1888) auf eine »Zahl- und Maß-Skala« bezogen. Die Frage bleibt noch, worauf sich die Skala der Steigerung und Minderung ihrerseits gründet.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 227-228

„Erhaltung und Steigerung kennzeichnen die in sich zusammengehörigen Grundzüge des Lebens. Zum Wesen des Lebens gehört das Wachsenwollen, die Steigerung. Jede Erhaltung des Lebens steht im Dienste der Lebenssteigerung. Jedes Leben, das sich nur auf bloße Erhaltung beschränkt, ist schon Niedergang. Die Sicherung des Lebensraumes z. B. ist für das Lebendige niemals das Ziel, sondern nur ein Mittel zur Lebenssteigerung. Umgekehrt erhöht wiederum das gesteigerte Leben das frühere Bedürfnis nach Raumerweiterung. Nirgends aber ist Steigerung möglich, wo nicht schon ein Bestand als gesicherter und so erst steigerungsfähiger erhalten bleibt. Das Lebendige ist daher ein durch die beiden Grundzüge der Steigerung und Erhaltung verknüpftes, d. h. »komplexes Gebilde des Lebens«. Die Werte leiten als Gesichtspunkte das Sehen in der »Hinsicht auf komplexe Gebilde«. Das Sehen ist jeweils das Sehen eines Lebensblickes, der jedes Lebendige durchwaltet. Indem es die Augenpunkte für das Lebendige setzt, erweist sich das Leben in seinem Wesen als wert-setzendes (vgl. W. z. M. A. 556. a. d. J. 1885/6).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 229

„Die »komplexen Gebilde des Lebens« sind auf Bedingungen eines Erhaltens und einer Beständigung angewiesen, so zwar, daß das Beständige nur besteht, um in der Steigerung ein Unbeständiges zu werden. Die Dauer dieser komplexen Gebilde des Lebens beruht im Wechsel-Verhältnis von Steigerung und Erhaltung. Sie ist daher eine verhältnismäßige. Sie bleibt eine »relative Dauer« von Lebendigem und d. h. von Leben.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 229-230

„Der Wert ist nach Nietzsches Wort »Gesichtspunkt von Erhaltungs-, Steigerungs-Bedingungen in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens«. Das bloße und unbestimmte Wort Werden bedeutet hier und überhaupt in der Begriffssprache der Metaphysik Nietzsches nicht irgendein Fließen aller Dinge, nicht den bloßen Wechsel der Zustände, auch nicht irgendeine Entwicklung und unbestimmte Entfaltung. »Werden« meint den Übergang von etwas zu etwas, jene Bewegung und Bewegtheit, die Leibniz in der Monadologie (§ 11) die changements naturels nennt, die das ens qua ens, d. h. das ens percipiens et appetens durchwaltet. Nietzsche denkt dieses Waltende als den Grundzug alles Wirklichen, d. h. im weiteren Sinne Seienden. Er begreift das, was so das Seiende in seiner essentia bestimmt, als den »Willen zur Macht«.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 230

„Wenn Nietzsche die Kennzeichnung des Wesens des Wertes mit dem Wort Werden schließt, dann gibt dieses Schlußwort den Hinweis auf den Grundbereich, in den überhaupt und allein die Werte und die Wertsetzung gehören. »Das Werden«, das ist für Nietzsche »der Wille zur Macht«. Der »Wille zur Macht« ist so der Grundzug des »Lebens«, welches Wort Nietzsche oft auch in der weiten Bedeutung gebraucht, nach der es innerhalb der Metaphysik (vgl. Hegel) mit »Werden« gleichgesetzt worden ist. Wille zur Macht, Werden, Leben und Sein im weitesten Sinne bedeuten in Nietzsches Sprache das Selbe (W. z. M. A. 582. a. d. J. 1885/86 und A. 689. a. d. J. 1888). Innerhalb des Werdens gestaltet sich das Leben, d. h. das Lebendige zu jeweiligen Zentren des Willens zur Macht. Diese Zentren sind demnach Herrschaftsgebilde. Als solche versteht Nietzsche die Kunst, den Staat, die Religion, die Wissenschaft, die Gesellschaft. Deshalb kann Nietzsche auch sagen (W. z. M. A. 715): »›Wert‹ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder Abnehmen dieser herrschaftlichen Zentren« (nämlich hinsichtlich ihres Herrschaftscharakters).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 230-231

„Sofern Nietzsche in der angeführten Umgrenzung des Wesens des Wertes diesen als gesichtspunkthafte Bedingung der Erhaltung und Steigerung des Lebens begreift, das Leben aber in das Werden als den Willen zur Macht gegründet sieht, enthüllt sich der Wille zur Macht als dasjenige, was jene Gesichtspunkte setzt. Der Wille zur Macht ist das, was aus seinem »inneren Prinzip« (Leibniz) her als der nisus im esse des ens nach Werten schätzt. Der Wille zur Macht ist der Grund für die Notwendigkeit der Wert-setzung und der Ursprung der Möglichkeit der Wertschätzung. Daher sagt Nietzsche (W. z. M. A.14. a. d. 1.1887): »Die Werte und deren Veränderung stehen im Verhältnis zu dem Macht-Wachstum des Wertsetzenden.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 231

„Der Wille zur Macht ist daher als dieses erkannte und d. h. gewollte Prinzip zugleich das Prinzip einer neuen Wertsetzung. Sie ist neu, weil sie sich zum ersten Mal aus dem Wissen ihres Prinzips wissentlich vollzieht. Die Wertsetzung ist neu, weil sie sich selbst ihres Prinzips versichert und diese Sicherung zugleich als einen aus ihrem Prinzip gesetzten Wert festhält. Der Wille zur Macht ist aber als das Prinzip der neuen Wertsetzung im Verhältnis zu den bisherigen Werten zugleich das Prinzip der Umwertung aller bisherigen Werte. Weil jedoch die bisherigen obersten Werte aus der Höhe des Übersinnlichen über das Sinnliche herrschten, das Gefüge dieser Herrschaft aber die Metaphysik ist, vollzieht sich mit der Setzung des neuen Prinzips der Umwertung aller Werte die Umkehrung aller Metaphysik, Nietzsche hält diese Umkehrung für die Überwindung der Metaphysik (d. h. für Nietzsche: des Platonismus). Allein, jede Umkehrung dieser Art bleibt nur die sich selbst blendende Verstrickung in das unkennbar gewordene Selbe.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 231-232

„Das Wesen des Willens zur Macht ist als das Wesen des Willens der Grundzug alles Wirklichen. Nietzsche sagt (W. z. M. A. 693. a. d. J. 1888): Der Wille zur Macht ist »das innerste Wesen des Seins«. »Das Sein« meint hier nach dem Sprachgebrauch der Metaphysik: das Seiende im Ganzen. Das Wesen des Willens zur Macht und der Wille zur Macht selbst als der Grundcharakter des Seienden lassen sich deshalb nicht durch psychologische Beobachtung feststellen, sondern die Psychologie selbst empfängt umgekehrt erst ihr Wesen und d. h. die Setzbarkeit und die Erkennbarkeit ihres Gegenstandes durch den Willen zur Macht. Nietzsche begreift daher den Willen zur Macht nicht psychologisch, sondern er bestimmt umgekehrt die Psychologie neu als »Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht« (Jenseits von Gut und Böse, A. 23). Die Morphologie ist die Ontologie des on, dessen morfh, durch den Wandel des eidoV zur perceptio mitgewandelt, im appetitus der perceptio als der Wille zur Macht erscheint. Daß die Metaphysik, die von altersher das Seiende als das upokeimenon, sub-iectum, hinsichtlich seines Sellls denkt, zu der so bestimmten Psychologie wird, bezeugt nur als eine Folgeerscheinung das wesentliche Geschehnis, das in einem Wandel der Seiendheit des Seienden besteht. Die ousia (Seiendheit) des subiectum wird zur Subjektität des Selbstbewußtseins, das jetzt sein Wesen als Willen zum Willen ans Licht bringt. Der Wille ist als Wille zur Macht der Befehl zu Mehr-Macht. Damit der Wille in der Übermächtigung seiner selbst die jeweilige Stufe übersteigen kann, muß diese Stufe zuvor erreicht, gesichert und festgehalten sein. Die Sicherung der jeweiligen Machtstufe ist die notwendige Bedingung der Überhöhung der Macht. Aber diese notwendige Bedingung ist nicht hinreichend dafür, daß der Wille sich wollen kann, d. h. daß ein Stärkersein-wollen, eine Machtsteigerung ist. Der Wille muß in ein Gesichtsfeld hineinblicken und dieses erst aufschließen, damit sich von daher allererst Möglichkeiten zeigen, die einer Machtsteigerung die Bahn weisen. Der Wille muß so eine Bedingung des Über-sich-hinaus-wollens setzen. Der Wille zur Macht muß zumal setzen: Bedingungen der Machterhaltung und der Machtsteigerung. Zum Willen gehört das Setzen dieser in sich zusammengehörigen Bedingungen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 236-237

„Die Werte sind die Erhaltungs-, Steigerungs-Bedingungen innerhalb des Seins des Seienden.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 237

„Die Weise, wie das Seiende im Ganzen, dessen essentia der Wille zur Macht ist, existiert, seine existentia, ist die »ewige Wiederkunft des Gleichen«.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 237-238

„Wenn die Metaphysik das Seiende in seinem Sein als den Willen zur Macht denkt, denkt sie das Seiende notwendig als Werte-setzendes. Sie denkt alles im Horizont der Werte, der Wertgeltung, der Entwertung und Umwertung. Die Metaphysik der Neuzeit beginnt damit und hat darin ihr Wesen, daß sie das unbedingt Unbezweifelbare, das Gewisse, die Gewißheit sucht. Es gilt nach dem Wort von Descartes, firmum et mansumm quid stabilire, etwas Festes und Bleibendes zum Stehen zu bringen. Dieses Ständige als der Gegenstand genügt dem von altersher waltenden Wesen des Seienden als des beständig Anwesenden, das überall schon vorliegt (upokeimenon, subiectum). Auch Descartes fragt wie Aristoteles nach dem upokeimenon. Insofern Descartes dieses subiectum in der vorgezeichneten Bahn der Metaphysik sucht, findet er, die Wahrheit als Gewißheit denkend, das ego cogito als das ständig Anwesende. So wird das ego sum zum subiectum, d. h. das Subjekt wird zum Selbstbewußtsein. Die Subjektität des Subjekts bestimmt sich aus der Gewißheit dieses Bewußtseins.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 238

„Der Wille zur Macht rechtfertigt, indem er die Erhaltung, d. h. die Bestandsicherung seiner selbst, als einen notwendigen Wert setzt, zugleich die Notwendigkeit der Sicherung in allem Seienden, das als ein wesenhaft vorstellendes immer auch ein für-wahr-haltendes ist. Die Sicherung des Für-wahr-haltens heißt Gewißheit. So wird nach dem Urteil Nietzsches die Gewißheit als das Prinzip der neuzeitlichen Metaphysik erst im Willen zur Macht wahrhaft gegründet, gesetzt freilich, daß die Wahrheit ein notwendiger Wert und die Gewißheit die neuzeitliche Gestalt der Wahrheit ist. Dies macht deutlich, inwiefern sich in Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als der »Essenz« alles Wirklichen die neuzeitliche Metaphysik der Subjektität vollendet.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 238-239

„Deshalb kann Nietzsche sagen: »Die Frage der Werte ist fundamentaler als die Frage der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die Wertfrage beantwortet ist.« (W. z. M. A. 588. a. d. J. 1887/88).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 239

„Deshalb kann Nietzsche sagen: »Die Frage der Werte ist fundamentaler als die Frage der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die Wertfrage beantwortet ist.« (W. z. M. A. 588. a. d. J. 1887/88).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 239

„Das Schaffen von Möglichkeiten des Willens, aus denen sich der Wille zur Macht erst zu sich selbst befreit, ist für Nietzsche das Wesen der Kunst. Diesem metaphysischen Begriff entsprechend, denkt Nietzsche unter dem Titel Kunst nicht nur und nicht einmal zuerst an den ästhetischen Bereich der Künstler. Kunst ist das Wesen alles Wollens, das Perspektiven eröffnet und sie besetzt: »Das Kunstwerk, wo es ohne Künstler erscheint, z. B. als Leib, als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern der Künstler nur eine Vorstufe ist. Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk - -«. (W. z. M. A. 796. a. d. J. 1885/86).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 241

„Die Kunst ist der höchste Wert. Im Verhältnis zum Wert Wahrheit ist sie der höhere Wert. Einer ruft in je anderer Weise den anderen. Beide Werte bestimmen in ihrem Wertverhältnis das einheitliche Wesen des in sich Werte-setzenden Willens zur Macht. Dieser ist die Wirklichkeit des Wirklichen oder, das Wort weiter genommen als Nietzsche es gewöhnlich zu gebrauchen pflegt: das Sein des Seienden. Wenn die Metaphysik das Seiende hinsichtlich des Seins zu sagen hat und wenn sie damit nach ihrer Art den Grund des Seienden nennt, dann muß der Grund-Satz der Metaphysik des Willens zur Macht den Grund aussagen. Er sagt, welche Werte wesensmäßig gesetzt und in welcher Wertrangordnung innerhalb des Wesens des Werte-setzenden Willens zur Macht als der »Essenz« des Seienden sie gesetzt sind. Der Satz lautet: .Die Kunst ist mehr wert als die Wahrheit« (W. z. M. A. 853. a. d. J. 1887/88).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 241-242

„Der Grund-Satz der Metaphysik des Willens zur Macht ist ein Wertsatz.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 242

„Im Beginn der Neuzeit ist die Frage neu erwacht, wie der Mensch im Ganzen des Seienden und d. h. vor dem seiendsten Grund alles Seienden (Gott) der Beständigkeit seiner selbst, d. h. seines Heils gewiß werden und sein kann. Diese Frage der Heilsgewißheit ist die Frage der Rechtfertigung, d. h. der Gerechtigkeit (iustitia).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 244-245

„Innerhalb der neuzeitlichen Metaphysik denkt Leibniz zuerst das subiectum als ens percipiens et appetens. Er denkt im vis-Charakter des ens zum ersten Mal deutlich das Willenswesen des Seins des Seienden. Er denkt neuzeitlich die Wahrheit des Seienden als Gewißheit. In seinen 24 Thesen über die Metaphysik sagt Leibniz (Th. 20): iustitia nihil aliud est quam ordo seu perfectio circa mentes. Die mentes, d. h. die res cogitantes, sind nach Th. 22 die primariae Mundi unitates. Wahrheit als Gewißheit ist Sicherung der Sicherheit, ist Ordnung {ordo) und durchgängige Fest-stellung, d. h. Durch- und Ver-fertigung (per-fectio). Der Charakter der Sicher-stellung des erstlich und eigentlich Seienden in seinem Sein ist die iustitia (Gerechtigkeit).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 245

„Kant denkt in seiner kritischen Grundlegung der Metaphysik die letzte Selbstsicherung der transzendentalen Subjektivität als die quaestio iuris der transzendentalen Deduktion. Sie ist die Rechtsfrage der Recht-fertigung des vorstellenden Subjekts, das sich selbst sein Wesen in die Selbst-Gerechtigkeit seines »Ich denke« festgemacht hat.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 245

„Nietzsche versteht die Gerechtigkeit überhaupt nicht zuerst als eine Bestimmung des ethischen und juristischen Bereiches. Er denkt sie vielmehr aus dem Sein des Seienden im Ganzen, d. h. aus dem Willen zur Macht. Das Gerechte bleibt jenes, was dem Rechten gemäß ist. Aber was rechtens ist, bestimmt sich aus dem, was als Seiendes seiend ist. Darum sagt Nietzsche (XIII, A. 462. a. d. J. 1883): .Recht = der Wille, ein jeweiliges Machtverhältnis zu verewigen. Zufriedenheit damit ist die Voraussetzung. Alles, was ehrwürdig ist, wird hinzugezogen, das Recht als das Ewige erscheinen zu lassen.«“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 247

„Dazu gehört die Aufzeichnung aus dem folgenden Jahr: »Das Problem der Gerechtigkeit. Das Erste und Mächtigste ist nämlich gerade der Wille und die Kraft zur Übermacht. Erst der Herrschende stellt nachher ›Gerechtigkeit‹ fest, d. h. er mißt die Dinge nach seinem Maße; wenn er sehr mächtig ist, kann er sehr weit gehen im Gewähren-lassen und Anerkennen des versuchenden Individuums.« (XIV, A. 181). Mag nun auch, was in der Ordnung ist, Nietzsches metaphysischer Begriff der Gerechtigkeit das geläufige Vorstellen noch befremden, er trifft gleichwohl das Wesen der Gerechtigkeit, die im Beginn der Vollendung des neuzeitlichen Weltalters innerhalb des Kampfes um die Erdherrschaft bereits geschichtlich ist und darum alles Handeln des Menschen in diesem Weltalter, ausdrücklich oder nicht, versteckt oder offen bestimmt.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 247

„In der Metaphysik als solcher verbirgt sich der Grund, weshalb Nietzsche den Nihilismus zwar metaphysisch als Geschichte der Wertsetzung erfahren, aber gleichwohl das Wesen des Nihilismus nicht denken kann.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 247-248

„Nietzsche hat den ersten Wertsatz der Metaphysik des Willens zur Macht noch in einer anderen Form ausgesprochen (W. z. M. A. 822. a. d. J. 1888): »Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn.«“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 248

„In der zuletzt genannten Formel des Grund-Satzes der Metaphysik des Willens zur Macht sind Kunst und Wahrheit als die ersten Herrschaftsgebilde des Willens zur Macht in der Beziehung auf den Menschen gedacht. Wie überhaupt die Wesensbeziehung der Wahrheit des Seienden als solchen zum Wesen des Menschen innerhalb der Metaphysik gemäß ihrem Wesen zu denken ist, bleibt unserem Denken noch verhüllt. Die Frage ist kaum gefragt und durch das Vorherrschen der philosophischen Anthropologie ins Heillose verwirrt. In jedem Falle aber wäre es irrig, wollte man die Formel des Wertsatzes als ein Zeugnis dafür nehmen, daß Nietzsche existenziell philosophiert. Das hat er nie getan. Aber er hat metaphysisch gedacht. Wir sind noch nicht reif für die Strenge eines Gedankens von der Art des folgenden, den Nietzsche um die Zeit seines Denkens für das geplante Hauptwerk »Der Wille zur Macht« aufzeichnete: »Um den Helden herum wird alles zur Tragödie, um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles -wie? vielleicht zur ›Welt‹? -« (Jenseits von Gut und Böse, A. 150. [1886]).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 248-249

„Doch ist es an der Zeit, einsehen zu lernen, daß Nietzsches Denken, obzwar es historisch und auf den Titel gesehen eine andere Gebärde zeigen muß, nicht weniger sachhaft und streng ist als das Denken des Aristoteles, der im vierten Buch seiner Metaphysik den Satz vom Widerspruch als die erste Wahrheit über das Sein des Seienden denkt. Die üblich gewordene, aber deshalb nicht weniger fragwürdige Zusammenstellung Nietzsches mit Kierkegaard verkennt, und zwar aus einer Verkennung des Wesens des Denkens, daß Nietzsche als metaphysischer Denker die Nähe zu Aristoteles wahrt. Diesem bleibt Kierkegaard, obwoW er ihn öfter nennt, wesenhaft fern. Denn Kierkegaard ist kein Denker, sondern ein religiöser Schriftsteller und zwar nicht einer unter anderen, sondern der einzige dem Geschick seines Zeitalters gemäße. Darin beruht seine Größe, falls so zu reden nicht schon ein Mißverständnis ist.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 249

„Im Grund-Satz der Metaphysik Nietzsches ist mit dem Wesensverhältnis der Werte Kunst und Wahrheit die Wesenseinheit des Willens zur Macht genannt. Aus dieser Wesenseinheit des Seienden als solchen bestimmt sich das metaphysische Wesen des Wertes. Er ist die im Willen zur Macht für diesen gesetzte zwiefältige Bedingung seiner selbst.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 249-250

„Weil Nietzsche das Sein des Seienden als den Willen zur Macht erfährt, muß sein Denken auf die Werte hinausdenken. Deshalb gilt es, überall und allem zuvor die Wertfrage zu stellen. Dieses Fragen erfährt sich selbst als geschichtliches.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 250

„Wie steht es mit den bisherigen obersten Werten? Was bedeutet die Entwertung dieser Werte im Hinblick auf die Umwertung aller Werte? Weil das Denken nach Werten in der Metaphysik des Willens zur Macht gründet, ist Nietzsches Auslegung des Nihilismus als des Vorganges der Entwertung der obersten Werte und der Umwertung aller Werte eine metaphysische und zwar im Sinne der Metaphysik des Willens zur Macht. Sofern aber Nietzsche das eigene Denken, die Lehre vom Willen zur Macht als dem »Prinzip der neuen Wertsetzung«, im Sinne der eigentlichen Vollendung des Nihilismus begreift, versteht er den Nihilismus nicht mehr nur negativ als die Entwertung der obersten Werte, sondern zugleich positiv, nämlich als die Überwindung des Nihilismus; denn die jetzt ausdrücklich erfahrene Wirklichkeit des Wirklichen, der Wille zur Macht, wird zum Ursprung und Maß einer neuen Wertsetzung. Deren Werte bestimmen unmittelbar das menschliche Vorstellen und befeuern insgleichen das menschliche Handeln. Das Menschsein wird in eine andere Dimension des Geschehens gehoben.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 250

„In dem gelesenen Stück A. 125 aus der »Fröhlichen Wissenschaft« sagt der tolle Mensch von der Tat der Menschen, durch die Gott getötet, d. h. die übersinnliche Welt entwertet wurde, dieses: »Es gab nie eine größere Tat - und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 250

„Mit dem Bewußtsein, daß »Gott tot ist«, beginnt das Bewußtsein von einer radikalen Umwertung der bisherigen obersten Werte. Der Mensch selbst geht nach diesem Bewußtsein in eine andere Geschichte über, die höher ist, weil in ihr das Prinzip aller Wertsetzung, der Wille zur Macht, eigens als die Wirklichkeit des Wirklichen, als das Sein alles Seienden erfahren und übernommen wird. Das Selbstbewußtsein, worin das neuzeitliche Menschentum sein Wesen hat, vollzieht damit den letzten Schritt. Es will sich selbst als den Vollstrecker des unbedingten Willens zur Macht. Der Niedergang der maßgebenden Werte ist zu Ende. Der Nihilismus, »daß die obersten Werte sich entwerten«, ist überwunden. Dasjenige Menschentum, das sein eigenes Menschsein als Willen zur Macht will und dieses Menschsein als zugehörig in die durch den Willen zur Macht im Ganzen bestimmte Wirklichkeit erfährt, wird durch eine Wesensgestalt des Menschen bestimmt, die über den bisherigen Menschen hinausgeht.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 250-251

„Der Name für die Wesensgestalt des Menschentums, das über den bisherigen Menschenschlag hinausgeht, heißt »der Übermensch«. Darunter versteht Nietzsche nicht irgendein vereinzeltes Exemplar von Mensch, in dem die Fähigkeiten und Absichten des gewöhnlich bekannten Menschen ins Riesige vergrößert und gesteigert sind. »Der Übermensch« ist auch nicht diejenige Art von Menschen, die auf dem Wege einer Anwendung der Philosophie Nietzsches auf das Leben erst entsteht. Der Name »Übermensch« nennt das Wesen des Menschentums, das als das neuzeitliche in die Wesensvollendung seines Zeitalters einzutreten beginnt. »Der Übermensch« ist der Mensch, welcher Mensch ist aus der durch den Willen zur Macht bestimmten Wirklichkeit und für diese.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 251

„Der Mensch, dessen Wesen das aus dem Willen zur Macht gewillte ist, ist der Übermensch. Das Wollen dieses so gewillten Wesens muß dem Willen zur Macht als dem Sein des Seienden entsprechen. Darum entspringt in eins mit dem Denken, das den Willen zur Macht denkt, notwendig die Frage: In welche Gestalt muß sich das aus dem Sein des Seienden gewillte Wesen des Menschen stellen und entfalten, damit es dem Willen zur Macht genügt und so die Herrschaft über das Seiende zu übernehmen vermag? Unversehens und vor allem unversehen findet sich der Mensch aus dem Sein des Seienden her vor die Aufgabe gestellt, die Erdherrschaft zu übernehmen. Hat der bisherige Mensch hinreichend bedacht, in welcher Weise das Sein des Seienden inzwischen erscheint? Hat der bisherige Mensch sich dessen versichert, ob sein Wesen die Reife und Kraft hat, dem Anspruch dieses Seins zu entsprechen? Oder hilft sich der bisherige Mensch nur mit Aushilfen und auf Umwegen, die ihn immer neu davon abdrängen, das zu erfahren, was ist? Der bisherige Mensch möchte der bisherige bleiben und ist zugleich schon der Gewillte des Seienden, dessen Sein als der Wille zur Macht zu erscheinen beginnt. Der bisherige Mensch ist in seinem Wesen überhaupt noch nicht vorbereitet auf das Sein, das inzwischen das Seiende durchwaltet. In ihm waltet die Notwendigkeit, daß der Mensch über den bisherigen Menschen hinausgehe, nicht aus einer bloßen Lust und nicht zur bloßen Willkür, sondern einzig umwillen des Seins.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 251-252

„Nietzsches Gedanke, der den Übermenschen denkt, entspringt aus dem Denken, das ontologisch das Seiende als das Seiende denkt und sich so dem Wesen der Metaphysik fügt, ohne doch dieses Wesen innerhalb der Metaphysik erfahren zu können. Darum bleibt auch wie in aller Metaphysik vor Nietzsche für ihn verborgen, inwiefern sich das Wesen des Menschen aus dem Wesen des Seins bestimmt. Darum verhüllt sich in Nietzsches Metaphysik notwendig der Grund des Wesenszusammenhanges zwischen dem Willen zur Macht und dem Wesen des Übermenschen. Doch in jedem Verhüllen waltet zugleich schon ein Erscheinen. Die existentia, die zur essentia des Seienden, d. h. zum Willen zur Macht, gehört, ist die ewige Wiederkunft des Gleichen. Das in ihr gedachte Sein enthält den Bezug zum Wesen des Übermenschen. Aber dieser Bezug bleibt in seinem seinsmäßigen Wesen notwendig ungedacht. Darum liegt auch für Nietzsche selber im Dunkel, in welchem Zusammenhang das Denken, das den Übermenschen in der Gestalt des Zarathustra denkt, mit dem Wesen der Metaphysik steht. Darum bleibt der Werkcharakter des Werkes »Also sprach Zarathustra« verborgen. Erst wenn ein künftiges Denken in den Stand gebracht ist, dieses »Buch für Alle und Keinen« mit Schellings »Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit« (1809), und d. h. zugleich mit Hegels Werk »Die Phänomenologie des Geistes« (1807), und d. h. zugleich mit der »Monadologie« (1714) von Leibniz zusammenzudenken und diese Werke nicht nur metaphysisch, sondern aus dem Wesen der Metaphysik zu denken, sind Recht und Pflicht sowohl wie Boden und Gesichtskreis für eine Auseinandersetzung gegründet.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 252-253

„Es ist leicht, aber nicht zu verantworten, sich vor der Idee und der Gestalt des Übermenschen, die sich das eigene Mißverstehen zurechtgemacht hat, zu entrüsten und die Entrüstung für eine Widerlegung auszugeben. Es ist schwer, aber für das künftige Denken unausweichlich, in die hohe Verantwortung zu gelangen, aus der Nietzsche das Wesen desjenigen Menschentums bedacht hat, das im Seinsgeschick des Willens zur Macht zur Übernahme der Herrschaft über die Erde bestimmt wird. Das Wesen des Übermenschen ist kein Freibrief für die Tobsucht einer Willkür. Es ist das im Sein selbst gegründete Gesetz einer langen Kette der höchsten Selbstüberwindungen, die den Menschen erst reif machen für das Seiende, das als das Seiende dem Sein gehört, welches Sein als der Wille zur Macht sein Willenswesen zum Erscheinen bringt und durch dieses Erscheinen Epoche macht, nämlich die letzte Epoche der Metaphysik.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 253

„Der bisherige Mensch heißt nach der Metaphysik Nietzsches der bisherige, weil sein Wesen vom Willen zur Macht als dem Grundzug alles Seienden zwar bestimmt ist, er aber gleichwohl den Willen zur Macht nicht als diesen Grundzug erfahren und übernommen hat. Der über den bisherigen Menschen hinausgehende Mensch nimmt den Willen zur Macht als den Grundzug alles Seienden in sein eigenes Wollen auf und will sich so selbst im Sinne des Willens zur Macht. Alles Seiende ist als das in diesem Willen gesetzte. Was vormals in der Weise von Ziel und Maß das Menschenwesen bedingte und bestimmte, hat seine unbedingte und unmittelbare und vor allem überallhin unfehlbar wirksame Wirkungsmacht eingebüßt. Jene übersinnliche Welt der Ziele und Maße erweckt und trägt das Leben nicht mehr. Jene Welt ist selbst leblos geworden: tot. Christlicher Glaube wird da und dort sein. Aber die in solcher Welt waltende Liebe ist nicht das wirkend-wirksame Prinzip dessen, was jetzt geschieht. Der übersinnliche Grund der übersinnlichen Welt ist, als die wirksame Wirklichkeit alles Wirklichen gedacht, unwirklich geworden. Das ist der metaphysische Sinn des metaphysisch gedachten Wortes »Gott ist tot«.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 253-254

„Wollen wir vor der so zu denkenden Wahrheit dieses Wortes noch länger die Augen schließen? Wenn wir das wollen, dann wird durch diese seltsame Verblendung jenes Wort freilich nicht unwahr. Gott ist noch nicht ein lebendiger Gott, wenn wir weiter versuchen, das Wirkliche zu meistern, ohne zuvor seine Wirklichkeit ernst und in die Frage zu nehmen, ohne zu bedenken, ob der Mensch dem Wesen, in das er aus dem Sein her hineingerissen wird, so zugereift ist, daß er dieses Geschick aus seinem Wesen und nicht mit der Scheinhilfe bloßer Maßnahmen übersteht.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 254

„Der Versuch, die Wahrheit jenes Wortes vom Tod Gottes ohne Illusionen zu erfahren, ist etwas anderes als ein Bekenntnis zur Philosophie Nietzsches. Meinten wir es so, dann wäre mit solcher Zustimmung dem Denken nicht gedient. Einen Denker achten wir nur, indem wir denken. Dies verlangt, alles Wesentliche zu denken, was in seinem Gedanken gedacht ist. Wenn Gott und die Götter im Sinne der erläuterten metaphysischen Erfahrung tot sind, und wenn der Wille zur Macht wissentlich als das Prinzip alles Setzens der Bedingungen von Seiendem, d. h. als Prinzip der Wertsetzung, gewollt ist, dann geht die Herrschaft über das Seiende als solches in der Gestalt der Herrschaft über die Erde an das neue, durch den Willen zur Macht bestimmte Wollen des Menschen über. Nietzsche schließt den ersten Teil von »Also sprach Zarathustra«, der ein: Jahr nach der »Fröhlichen Wissenschaft« im Jahre 1883 erschien, mit dem Wort: »Tot sind alle Götter: nun wollen wir, daß der Übermensch lebe!«“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 254-255

„Man könnte grob denkend meinen, das Wort sage, die Herrschaft über das Seiende gehe von Gott an den Menschen über oder, noch gröber gemeint, Nietzsche setze an die Stelle Gottes den Menschen. Die es so meinen, denken allerdings wenig göttlich von Gottes Wesen. Nie kann sich der Mensch an die Stelle Gottes setzen, weil das Wesen des Menschen den Wesensbereich Gottes nie erreicht. Wohl dagegen kann, gemessen an dieser Unmöglichkeit, etwas weit Unheimlicheres geschehen, dessen Wesen zu bedenken wir noch kaum begonnen haben. Die Stelle, die, metaphysisch gedacht, Gott eignet, ist der Ort der verursachenden Bewirkung und Erhaltung des Seienden als eines Geschaffenen. Dieser Ort Gottes kann leer bleiben. Statt seiner kann sich ein anderer, d. h. metaphysisch entsprechender Ort auftun, der weder mit dem Wesensbereich Gottes noch mit demjenigen des Menschen identisch ist, zu dem aber wiederum der Mensch in eine ausgezeichnete Beziehung gelangt. Der Übermensch tritt nicht und nie an die Stelle Gottes, sondern die Stelle, auf die das Wollen des Übermenschen eingeht, ist ein anderer Bereich einer anderen Begründung des Seienden in seinem anderen Sein. Dieses andere Sein des Seienden ist inzwischen - und das bezeichnet den Beginn der neuzeitlichen Metaphysik - die Subjektität geworden.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 255

„Alles Seiende ist jetzt entweder das Wirkliche als der Gegenstand oder das Wirkende als die Vergegenständlichung, in der sich die Gegenständlichkeit des Gegenstandes bildet. Die Vergegenständlichung stellt vor-stellend den Gegenstand auf das ego cogito zu. In diesem Zustellen erweist sich das ego als das, was seinem eigenen Tun (dem vor-stellenden Zu-stellen) zugrunde liegt, d. h. als subiectum. Das Subjekt ist für sich selbst Subjekt. Das Wesen des Bewußtseins ist das Selbstbewußtsein. Alles Seiende ist darum entweder Objekt des Subjekts oder Subjekt des Subjekts. Überall beruht das Sein des Seienden im Sich-vor-sich-selbst-stellen und so Sich-auf-stellen. Der Mensch steht innerhalb der Subjektität des Seienden in die Subjektivität seines Wesen auf. Der Mensch tritt in den Aufstand. Die Welt wird zum Gegenstand. In dieser aufständischen Vergegenständlichung alles Seienden rückt das, was zuerst in die Verfügung des Vor- und Her-stellens gebracht werden muß, die Erde, in die Mitte des menschlichen Setzens und Auseinandersetzens. Die Erde selbst kann sich nur noch als der Gegenstand des Angriffes zeigen, der sich als die unbedingte Vergegenständlichung im Wollen des Menschen einrichtet. Die Natur erscheint überall, weil aus dem Wesen des Seins gewillt, als der Gegenstand der Technik.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 255-256

„Aus der Zeit 1881/82, in der das Stück »der tolle Mensch« entstand, stammt die Aufzeichnung Nietzsches: »Die Zeit kommt, wo der Kampf um die Erdherrschaft geführt werden wird, - er wird im Namen philosophischer Grundlehren geführt werden.« (XII, 441).“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 256

„Damit ist nicht gesagt, der Kampf um die unbeschränkte Ausnützung der Erde als Rohstoffgebiet und um die illusionslose Verwendung des »Menschenmaterials« im Dienste der unbedingten Ermächtigung des Willens zur Macht in sein Wesen nehme ausdrücklich die Berufung auf eine Philosophie zu Hilfe. Im Gegenteil ist zu vermuten, daß die Philosophie als Lehre und als Gebilde der Kultur verschwindet und in ihrer jetzigen Gestalt auch verschwinden kann, weil sie, sofern sie echt gewesen, die Wirklichkeit des Wirklichen schon zur Sprache und so das Seiende als solches in die Geschichte seines Seins gebracht hat. Die »philosophischen Grundlehren« meinen nicht Doktrinen von Gelehrten, sondern die Sprache der Wahrheit des Seienden als solchen, welche Wahrheit die Metaphysik selbst ist in der Gestalt der Metaphysik der unbedingten Subjektität des Willens zur Macht.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 256

„Der Kampf um die Erdherrschaft ist in seinem geschichtlichen Wesen bereits die Folge dessen, daß das Seiende als solches in der Weise des Willens zur Macht erscheint, ohne doch schon als dieser Wille erkannt oder gar begriffen zu sein. Ohnehin sagen die mitlaufenden Doktrinen des Handelns und die Ideologien des Vorstellens nie das, was ist und darum geschieht. Mit dem Beginn des Kampfes um die Erdherrschaft treibt das Zeitalter der Subjektität in seine Vollendung. Zu ihr gehört, daß das Seiende, das im Sinne des Willens zur Macht ist, seiner eigenen Wahrheit über sich selbst nach seiner Weise in jeder Hinsicht gewiß und deshalb auch bewußt wird. Das Bewußtmachen ist ein notwendiges Instrument des WoIlens, das aus dem Willen zur Macht will. Es geschieht hinsichtlich der Vergegenständlichung in der Gestalt der Planung. Es geschieht im Bezirk des Aufstandes des Menschen in das Sichwollen durch das fortgesetzte Zergliedern der historischen Situation. Metaphysisch gedacht ist die Situation stets die Station der Aktion des Subjekts. Jede Analyse der Situation griindet, ob sie es weiß oder nicht, in der Metaphysik der Subjektität.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 257

„»Der große Mittag« ist die Zeit der hellsten Helle, nämlich des Bewußtseins, das unbedingt und in jeder Hinsicht sich seiner selbst als desjenigen Wissens bewußt geworden ist, das darin besteht, wissentlich den Willen zur Macht als das Sein des Seienden zu wollen und als solches Wollen aufständisch zu sich jede notwendige Phase der Vergegenständlichung der Welt zu überstehen und so den beständigen Bestand des Seienden für das möglichst gleichförmige und gleichmäßige Wollen zu sichern. Im Wollen dieses Willens kommt aber die Notwendigkeit über den Menschen, die Bedingungen solchen Wollens mitzuwollen. Das besagt: Werte setzen und alles nach Werten schätzen. Dergestalt bestimmt der Wert alles Seiende in seinem Sein. Dies bringt uns vor die Frage: Was ist jetzt, im Zeitalter, da die unbedingte Herrschaft des Willens zur Macht offenkundig anbricht und dieses Offenkundige und sein Offentliches selbst eine Funktion dieses Willens wird? Was ist? Wir fragen nicht nach Begebenheiten und Tatsachen, für deren jede sich je nach Bedarf im Bereich des Willens zur Macht Zeugnisse beschaffen und beseitigen lassen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 257-258

„Was ist? Wir fragen nicht nach diesem oder jenem Seienden, sondern nach dem Sein des Seienden. Eher noch: wir fragen, wie ist es mit dem Sein selbst? Wir fragen auch dies nicht ins Ungefähre, sondern im Hinblick auf die Wahrheit des Seienden als solchen, die in der Gestalt der Metaphysik des Willens zur Macht zur Sprache kommt. Wie ist es mit dem Sein im Zeitalter der beginnenden Herrschaft des unbedingten Willens zur Macht?“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 258

„Das Sein ist zum Wert geworden. Beständigung der Beständigkeit des Bestandes ist eine notwendige, vom Willen zur Macht selbst gesetzte Bedingung der Sicherung seiner selbst. Doch kann das Sein höher geschätzt werden als so, daß es eigens zum Wert erhoben wird? Allein, indem das Sein als ein Wert gewürdigt wird, ist es schon zu einer vom Willen zur Macht selbst gesetzten Bedingung herabgesetzt. Vordem schon ist das Sein selbst, insofern es überhaupt geschätzt und so gewürdigt wird, um die Würde seines Wesens gebracht. Wenn das Sein des Seienden zum Wert gestempelt und wenn damit sein Wesen besiegelt ist, dann ist innerhalb dieser Metaphysik, und d. h. stets innerhalb der Wahrheit des Seienden als solchen während dieses Zeitalters, jeder Weg zur Erfahrung des Seins selbst ausgelöscht. Dabei setzen wir mit solcher Rede voraus, was wir vielleicht gar nicht voraussetzen dürfen, daß jemals ein solcher Weg zum Sein selbst bestanden und daß ein Denken an das Sein je schon das Sein als Sein gedacht habe.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 258

„Uneingedenk des Seins und seiner eigenen Wahrheit denkt das abendländische Denken seit seinem Anfang stets das Seiende als solches. Inzwischen hat es nur in solcher Wahrheit das Sein gedacht, so daß es diesen Namen unbeholfen genug und in einer unentwirrten, weil unerfahrenen Mehrdeutigkeit zur Sprache bringt. Dieses Denken, das des Seins selbst uneingedenk geblieben, ist das einfache und alles tragende, darum rätselvolle und unerfahrene Ereignis der abendländischen Geschichte, die inzwischen zur Weltgeschichte sich auszubreiten im Begriffe steht. Zuletzt ist in der Metaphysik das Sein zu einem Wert herabgesunken. Darin bezeugt sich, daß das Sein nicht als das Sein zugelassen ist. Was sagt dies?“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 258-259

„Wie ist es mit dem Sein? Mit dem Sein ist es nichts. Wie, wenn darin erst das bisher verhüllte Wesen des Nihilismus sich ankündigte? Dann wäre das Denken in Werten der reine Nihilismus? Aber Nietzsche begreift doch die Metaphysik des Willens zur Macht gerade als die Überwindung des Nihilismus. In der Tat, solange der Nihilismus nur als die Entwertung der obersten Werte verstanden und der Wille zur Macht als das Prinzip der Umwertung aller Werte aus einer Neusetzung der obersten Werte gedacht wird, ist die Metaphysik des Willens zur Macht eine Überwindung des Nihilismus. Aber in dieser Überwindung des Nihilismus wird das Wertdenken zum Prinzip erhoben.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 259

„Wenn jedoch der Wert das Sein nicht das Seina sein läßt, was es als das Sein selbst ist, dann ist die vermeintliche Überwindung allererst die Vollendung des Nihilismus. Denn jetzt denkt die Metaphysik nicht nur nicht das Sein selbst, sondern dieses Nicht-denken des Seins hüllt sich in den Anschein, es denke doch, indem es das Sein als Wert schätze, das Sein in der würdigsten Weise, so daß alles Fragen nach dem Sein überflüssig werde und bleibe. Ist jedoch, auf das Sein selbst gedacht, das Denken, das alles nach Werten denkt, Nihilismus, dann ist sogar schon Nietzsches Erfahrung von Nihilismus, daß er die Entwertung der obersten Werte sei, eine nihilistische. Die Auslegung der übersinnlichen Welt, die Auslegung Gottes als der obersten Werte ist nicht aus dem Sein selbst gedacht. Der letzte Schlag gegen Gott und gegen die Übersinnliche Welt besteht darin, daß Gott, das Seiende des Seienden, zum höchsten Wert herabgewürdigt wird. Nicht daß Gott für unerkennbar gehalten, nicht daß Gottes Existenz als unbeweisbar erwiesen wird, ist der härteste Schlag gegen Gott, sondem daB der für wirklich gehaltene Gott zum obersten Wert erhoben wird. Denn dieser Schlag kommt gerade nicht von den Herumstehern, die nicht an Gott glauben, sondern von den Gläubigen und deren Theologen, die vom Seiendsten alles Seienden reden, ohne je sich einfallen zu lassen, an das Sein selbst zu denken, um dabei inne zu werden, daß dieses Denken und jenes Reden, aus dem Glauben gesehen, die Gotteslästerung schlechthin ist, falls sie sich in die Theologie des Glaubens einmischen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 259-260

„Jetzt kommt auch erst ein schwaches Licht in das Dunkel der Frage, die wir schon, während wir noch das Stück über den tollen Menschen hörten, an Nietzsche richten wollten: Wie kann es überhaupt geschehen, daß Menschen je vermögen, Gott zu töten? Offenbar denkt Nietzsche aber gerade dieses. Denn in dem ganzen Stück sind nur zwei Sätze eigens im Druck herausgehoben. Der eine lautet: »Wir haben ihn getötet«, nämlich Gott. Der andere lautet: »und doch haben sie dieselbe getan«, nämlich die Menschen haben die Tat der Tötung Gottes getan, obzwar sie heute noch nichts davon gehört haben.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 260

„Die beiden im Druck abgehobenen Sätze geben die Auslegung für das Wort »Gott ist tot«. Das Wort bedeutet nicht, als sei es aus der Leugnung und dem niedrigen Haß gesprochen: es gibt keinen Gott. Das Wort bedeutet Ärgeres: Gott ist getötet. So kommt erst der entscheidende Gedanke zum Vorschein. Indessen wird aber das Verständnis noch schwieriger. Denn eher noch wäre das Wort »Gott ist tot« in dem Sinne zu verstehen, daß es anzeigte: Gott selbst hat von sich her sich aus seiner lebendigen Anwesenheit entfernt. Daß Gott aber von anderen und sogar von Menschen getötet sein sollte, ist undenkbar. Nietzsche selbst wundert sich über diesen Gedanken. Nur darum läßt er unmittelbar nach dem entscheidenden Wort: »Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!« den tollen Menschen fragen: »Aber wie haben wir dies gemacht?« Nietzsche erläutert die Frage, indem er sie, das Gefragte in drei Bildern umschreibend, wiederholt: »Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?«“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 260-261

„Auf die letzte Frage könnten wir antworten: Was die Menschen taten, als sie die Erde von ihrer Sonne losketteten, sagt die europäische Geschichte der letzten dreiundeinhalb Jahrhunderte. Doch was ist im Grunde dieser Geschichte mit dem Seienden geschehen? Nietzsche denkt, wenn er die Beziehung zwischen Sonne und Erde nennt, nicht nur an die kopernikanische Wendung in der neuzeitlichen Naturauffassung. Der Name Sonne erinnert zugleich an Platons Gleichnis. Danach ist die Sonne und der Bereich ihres Lichtes der Umkreis, in dem das Seiende nach seinem Aussehen, nach seinen Gesichtern (Ideen) erscheint. Die Sonne bildet und umgrenzt den Gesichtskreis, worin das Seiende als solches sich zeigt. Der .Horizont« meint die übersinnliche Welt als die wahrhaft seiende. Dieses ist zugleich das Ganze, das alles umschlingt und in sich einbezieht wie das Meer. Die Erde als der Aufenthalt des Menschen ist von ihrer Sonne losgekettet. Der Bereich des an sich seienden Übersinnlichen steht nicht mehr als das maßgebende Licht über dem Menschen. Der ganze Gesichtskreis ist weggewischt. Das Ganze des Seienden als solchen, das Meer, ist vom Menschen ausgetrunken. Denn der Mensch ist in die Ichheit des ego cogito aufgestanden. Mit diesem Aufstand wird alles Seiende zum Gegenstand. Das Seiende wird als das Objektive in die Immanenz der Subjektivität hinein getrunken. Der Horizont leuchtet nicht mehr von sich aus. Er ist nur noch der in den Wertsetzungen des Willens zur Macht gesetzte Gesichtspunkt.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 261

„Am Leitfaden der drei Bilder (Sonne, Horizont, Meer), die vermutlich für das Denken noch anderes sind als Bilder, erläutern die drei Fragen, was in dem Geschehnis, daß Gott getötet wird, gemeint ist. Das Töten meint die Beseitigung der an sich seienden übersinnlichen Welt durch den Menschen. Das Töten nennt den Vorgang, in dem das Seiende als solches nicht schlechthin zunichte, wohl aber in seinem Sein anders wird. In diesem Vorgang wird aber auch und vor allem der Mensch anders. Er wird zu dem, der das Seiende im Sinne des an sich Seienden beseitigt. Der menschliche Aufstand in die Subjektivität macht das Seiende zum Gegenstand. Das Gegenständliche aber ist das durch das Vorstellen zum Stehen Gebrachte. Die Beseitigung des an sich Seienden, das Töten des Gottes, vollzieht sich in der Bestandsicherung, durch die sich der Mensch die stofflichen, leiblichen, seelischen und geistigen Bestände sichert, dies aber um seiner eigenen Sicherheit willen, die die Herrschaft über das Seiende als das mögliche Gegenständliche will, um dem Sein des Seienden, dem Willen zur Macht zu entsprechen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 261-262

„Sichern als Beschaffen von Sicherheit gründet in der Wertsetzung. Das Wertsetzen hat alles an sich Seiende unter sich und damit als für sich Seiendes umgebracht, getötet. Diesen letzten Schlag im Töten Gottes führt die Metaphysik, die als Metaphysik des Willens zur Macht das Denken im Sinne des Wertdenkens vollzieht. Doch diesen letzten Schlag, durch den das Sein zu einem bloßen Wert niedergeschlagen wird, erkennt Nietzsche selbst nicht mehr als das, was der Schlag, im Hinblick auf das Sein selbst gedacht, ist. Allein, sagt Nietzsche nicht selbst: »Wir alle sind seine Mörder! -ihr und ich!«? Gewiß; demgemäß begreift Nietzsche auch noch die Metaphysik des Willens zur Macht als Nihilismus. Allerdings; das sagt für Nietzsche jedoch nur, daß sie als Gegenbewegung im Sinne der Umwertung aller bisherigen Werte die voraufgegangene »Entwertung der bisherigen obersten Werte« am schärfsten, weil endgültig vollzieht.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 262

„Doch gerade die Neusetzung der Werte aus dem Prinzip aller Wertsetzung kann Nietzsche nicht mehr als ein Töten und als Nihilismus denken. Sie ist kein Entwerten mehr im Gesichtskreis des sich wollenden Willens zur Macht, d. h. in der Perspektive des Wertes und der Wertsetzung.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 262-263

„Aber wie ist es mit dem Wertsetzen selbst, wenn dieses in der Hinsicht auf das Seiende als solches und d. h. zugleich aus dem Hinblick auf das Sein gedacht wird? Dann ist das Denken in Werten das radikale Töten. Es schlägt das Seiende als solches nicht nur in seinem An-sich-sein nieder, sondern es bringt das Sein gänzlich auf die Seite. Dieses kann, wo es noch benötigt wird, nur als ein Wert gelten. Das Wertdenken der Metaphysik des Willens zur Macht ist in einem äußersten Sinne tödlich, weil es überhaupt das Sein selbst nicht in den Aufgang und d. h. in die Lebendigkeit seines Wesens kommen läßt. Das Denken nach Werten läßt im vorhinein das Sein selbst nicht dahin gelangen, in seiner Wahrheit zu wesen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 263

„Aber ist dieses in der Wurzel Töten erst und nur die Art der Metaphysik des Willens zur Macht? Läßt nur die Auslegung des Seins als Wert das Sein selbst nicht das Sein sein, das es ist? Stünde es so, dann müßte die Metaphysik in den Epochen vor Nietzsche das Sein selbst in seiner Wahrheit erfahren und gedacht oder doch wenigstens danach gefragt haben. Aber nirgends finden wir solches Erfahren des Seins selbst. Nirgends begegnet uns ein Denken, das die Wahrheit des Seins selbst und damit die Wahrheit selbst als das Sein denkt. Sogar dort ist dieses nicht gedacht, wo das vorplatonische Denken als der Anfang des abendländischen Denkens die Entfaltung der Metaphysik durch Platon und Aristoteles vorbereitet. Das eotin (eon) gar einai nennt zwar das Sein selbst. Aber es denkt das Anwesen gerade nicht als das Anwesen aus seiner Wahrheit. Die Geschichte des Seins beginnt und zwar notwendig mit der Vergessenheit des Seins. So liegt es denn nicht an der Metaphysik als derjenigen des Willens zur Macht, daß das Sein selbst in seiner Wahrheit ungedacht bleibt. Dieses seltsame Ausbleiben liegt dann nur an der Metaphysik als Metaphysik. Doch was ist Metaphysik? Wissen wir ihr Wesen? Kann sie selbst dieses Wesen wissen? Wenn sie es begreift, greift sie es metaphysisch. Aber der metaphysische Begriff von der Metaphysik bleibt stets hinter ihrem Wesen zurück. Das gilt auch von jeder Logik, gesetzt, daß sie überhaupt noch zu denken vermag, was logoV ist. Jede Metaphysik von der Metaphysik und jede Logik der Philosophie, die in irgendeiner Weise die Metaphysik zu überklettern versuchen, fallen am sichersten unter sie herab, ohne zu erfahren, wohin sie selbst dabei fallen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 263-264

„Indessen ist unserem Nachdenken wenigstens ein Zug im Wesen des Nihilismus deutlicher geworden. Das Wesen des Nihilismus beruht in der Geschichte, der gemäß es im Erscheinen des Seienden als solchen im Ganzen mit dem Sein selbst und seiner Wahrheit nichts ist, so zwar, daß die Wahrheit des Seienden als solchen für das Sein gilt, weil die Wahrheit des Seins ausbleibt. Nietzsche hat zwar im Zeitalter der beginnenden Vollendung des Nihilismus einige Züge des Nihilismus erfahren und zugleich nihilistisch gedeutet und damit ihr Wesen vollends verschüttet. Nietzsche hat jedoch das Wesen des Nihilismus nie erkannt, sowenig wie je eine Metaphysik vor ihm.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 264

„Wenn jedoch das Wesen des Nihilismus in der Geschichte beruht, daß im Erscheinen des Seienden als solchen im Ganzen die Wahrheit des Seins ausbleibt, und es demgemäß mit dem Sein selbst und seiner Wahrheit nichs ist, dann ist die Metaphysik als die Geschichte der Wahrheit des Seienden als solchen in ihrem Wesen Nihilismus. Ist vollends die Metaphysik der Geschichtsgrund der abendländischen und europäisch bestimmten Weltgeschichte, dann ist diese in einem ganz anderen Sinne nihilistisch.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 264

„Aus dem Geschick des Seins gedacht, bedeutet das nihil des Nihilismus, daß es mit dem Sein nichts ist. Das Sein kommt nicht an das Licht seines eigenen Wesens. Im Erscheinen des Seienden als solchen bleibt das Sein selbst aus. Die Wahrheit des Seins entfällt. Sie bleibt vergessen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 264

„So wäre denn der Nihilismus in seinem Wesen eine Geschichte, die sich mit dem Sein selbst begibt. Dann läge es im Wesen des Seins selbst, daß es ungedacht bleibt, weil es sich entzieht. Das Sein selbst entzieht sich in seine Wahrheit. Es birgt sich in diese und verbirgt sich selbst in solchem Bergen.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 265

„Im Blick auf das sich verbergende Bergen des eigenen Wesens streifen wir vielleicht das Wesen des Geheimnisses, als welches die Wahrheit des Seins west.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 265

„Die Metaphysik selbst wäre demgemäß kein bloßes Versäumnis einer noch zu bedenkenden Frage nach dem Sein. Sie wäre vollends kein Irrtum. Die Metaphysik wäre als Geschichte der Wahrheit des Seienden als solchen aus dem Geschick des Seins selbst ereignet. Die Metaphysik wäre in ihrem Wesen das ungedachte, weil vorenthaltene Geheimnis des Seins selbst. Stünde es anders, dann könnte ein Denken, das sich müht, an das Zudenkende, das Sein, sich zu halten, nicht unablässig fragen: Was ist Metaphysik?“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 210

„Die Metaphysik ist eine (die?) Epoche der Geschichte des Seins selbst. In ihrem Wesen aber ist die Metaphysik Nihilismus. Dessen Wesen gehört in die Geschichte, als welche das Sein selber west. Wenn anders das Nichts, wie immer auch, auf das Sein verweist, dann dürfte wohl die seinsgeschichtliche Bestimmung des Nihilismus eher den Bereich wenigstens anzeigen, innerhalb dessen das Wesen des Nihilismus erfahrbar wird, um etwas Gedachtes zu werden, das unser Andenken angeht. Wir sind gewohnt, aus dem Namen Nihilismus vor allem einen Mißton herauszuhören. Bedenken wir aber das seinsgeschichtliche Wesen des Nihilismus, dann kommt in das bloße Hören des Mißtones alsbald etwas Mißliches. Der Name Nihilismus sagt, daß in dem, was er nennt, das nihil (nichts) wesentlich ist. Nihilismus bedeutet: Es ist mit allem in jeder Hinsicht nichts. Alles, das meint das Seiende im Ganzen. In jeder seiner Hinsichten steht das Seiende aber, wenn es als das Seiende erfahren ist. Nihilismus bedeutet dann, daß es mit dem Seienden als solchem im Ganzen nichts ist. Aber das Seiende ist, was es ist und wie es ist, aus dem Sein. Gesetzt, daß am Sein alles »ist« liegt, dann besteht das Wesen des Nihilismus darin, daß es mit dem Sein selbst nichts ist. Das Sein selbst ist das Sein in seiner Wahrheit, welche Wahrheit zum Sein gehört.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 265-266

„Hören wir im Namen Nihilismus den anderen Ton, worin das Wesen des Genannten anklingt, dann hören wir auch anders in die Sprache desjenigen metaphysischen Denkens, das einiges vom Nihilismus erfahren hat, ohne doch dessen Wesen denken zu können. Vielleicht bedenken wir, mit dem anderen Ton im Ohr, eines Tages das Zeitalter der beginnenden Vollendung des Nihilismus noch anders als bisher. Vielleicht erkennen wir dann, daß weder die politischen, noch die ökonomischen, weder die soziologischen, noch die technischen und wissenschaftlichen, daß nicht einmal die metaphysischen und religiösen Perspektiven zulangen, um das zu denken, was in diesem Weltalter geschieht. Was es dem Denken zu denken gibt, ist nicht irgendein tief versteckter Hintersinn, sondem etwas Naheliegendes: das Nächstliegende, was wir, weil es nur dieses ist, darum ständig schon übergangen haben. Durch dieses übergehen vollziehen wir ständig, ohne dessen zu achten, jenes Töten am Sein des Seienden.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 266

„Um darauf zu achten und achten zu lernen, kann es für uns schon genügen, erst einmal zu bedenken, was der tolle Mensch vom Tod Gottes sagt und wie er es sagt. Vielleicht überhören wir jetzt nicht mehr so übereilt, was im Beginn des erläuterten Stückes gesagt wird, daß der tolle Mensch »unaufhörlich schrie: Ich suche Gott! Ich suche Gott!«“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 266

„Inwiefern ist dieser Mensch toll? Er ist verrückt. Denn er ist aus der Ebene des bisherigen Menschen ausgerückt, auf der die unwirklich gewordenen Ideale der übersinnlichen Welt für das Wirkliche ausgegeben werden, indes ihr Gegenteil sich verwirklicht. Dieser ver-rückte Mensch ist über den bisherigen Menschen hinausgerückt. Gleichwohl ist er auf diese Weise nur vollständig in das vorbestimmte Wesen des bisherigen Menschen, das animal rationale zu sein, eingerückt. Dieser dergestalt ver-rückte Mensch hat darum mit der Art jener öffentlichen Herumsteher, »welche nicht an Gott glauben«, nichts gemein. Denn diese sind nicht deshalb ungläubig, weil Gott als Gott ihnen unglaubwürdig geworden ist, sondern weil sie selbst die Möglichkeit des Glaubens aufgegeben haben, insofern sie Gott nicht mehr suchen können. Sie können nicht mehr suchen, weil sie nicht mehr denken. Die öffentlichen Herumsteher haben das Denken abgeschafft und es durch das Geschwätz ersetzt, das überall dort Nihilismus wittert, wo es sein eigenes Meinen gefährdet meint. Diese immer noch überhandnehmende Selbstverblendung gegenüber dem eigentlichen Nihilismus versucht auf diese Weise, sich ihre Angst vor dem Denken auszureden. Diese Angst aber ist die Angst vor der Angst.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 266-267

„Der tolle Mensch dagegen ist eindeutig nach den ersten Sätzen, eindeutiger noch für den, der hören mag, nach den letzten Sätzen des Stückes derjenige, der Gott sucht, indem er nach Gott schreit. Vielleicht hat da ein Denkender wirklich de profundis geschrieen? Und das Ohr unseres Denkens? Hört es den Schreimmer noch nicht? Es wird ihn so lange überhören, als es nicht zu denken beginnt. Das Denken beginnt erst dann, wenn wir erfahren haben, daß die seit Jahrhunderten verherrlichte Vernunft die hartnäckigste Widersacherin des Denkens ist.“
Martin Heidegger, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, 1943, in: ders., Holzwege, S. 267

„Das Wesen der Technik kommt nur langsam an den Tag. Dieser Tag ist die zum bloß technischen Tag ungefertigte Weltnacht. Dieser Tag ist der kürzeste Tag (vgl. 21.12. auf der Nordhälfte der Erde; HB). Mit ihm droht ein einziger endloser Winter. Jetzt versagt sich dem Menschen nicht nur der Schutz, sondern das Unversehrte des ganzen Seienden bleibt im Finstern. Das Heile entzieht sich. Die Welt wird heil-los. Dadurch bleibt nicht nur das Heilige als die Spur zur Gottheit verborgen, sondern sogar die Spur zum Heiligen, das Heile, scheint ausgelöscht zu sein. Essei denn, daß noch einige Sterbliche vermögen, das Heillose als das Heillose drohen zu sehen. Sie müßten ersehen, welche Gefahr den Menschen anfällt. Die Gefahr besteht in der Bedrohung, die das Wesen des Menschen in seinem Verhältnis zum Sein selbst angeht, nicht aber in zufälligen Fährnissen. Diese Gefahr ist die Gefahr. Sie verbirgt sich im Abgrund zu allem Seienden. Um die Gefahr zu sehen und zu zeigen, müssen solche Sterbliche sein, die eher in den Abgrund reichen.  –  »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« (Hölderlin, IV, 190).  –  Vielleicht ist jede andere Rettung, die nicht von dort kommt, wo die Gefahr ist, noch im Unheil. Jede Rettung durch einen nochso gut gemeinten Befehl bleibt für den im Wesen gefährdeten Menschen auf die Dauer seines Geschickes ein bestandloser Schein. Die Rettung muß von dort kommen, wo es sich mit den Sterblichen in ihrem Wesen wendet. Sind Sterbliche, die eher in den Abgrund des Dürftigen und seiner reichen? Diese Sterblichsten der Sterblichen wären die Gewagtesten. Sie wären noch wagender als das sich durchsetzende Menschenwesen, das schon wagender ist als Pflanze und Tier.  –  Rilke sagt ...: »Nur daß wir, // mehr noch Pflanze oder Tier // mit diesem Wagnis gehn, es wollen, ....«  –  Und Rilke fährt in derselben Zeile fort: »manchmal auch // wagender sind (und nicht aus Eigennutz), //, als selbst das Leben ist, um einen Hauch // wagender ....«  –  Der Mensch ist nicht nur im Wesen wagender als Pflanze und Tier. Der Mensch ist zu Zeiten sogar wagender, »als selbst das Leben ist«. .... Der Mensch ist zu Zeiten wagender als das Wagnis, seiender als das Grund des Seienden. Wer wagender ist als der Grund, wagt sich dorthin, wo es an allem Grund gebricht, in den Abgrund. Wenn aber der Mensch der Gewagte ist, der mit dem Wagnis geht, indem er es will, dann müssen die Menschen, die manchmal noch wagender sind, auch noch wollender sein. Allein, gibt es eine Steigerung dieses Wollens über das Unbedingte des vorsätzlichen Sichdurchsetzens hinaus? Nein.Dann können diejenigen, die manchmal wagender sind, nur insofern wollender sein, als ihr Wollen in seinem Wesen anders ist. Dann wäre Wollen und Wollen nicht sogleich das Selbe. Sie, die aus dem Wesen des Wollens wollender sind, bleiben dem Willen als dem Sein des Seienden gemäßer. Sie entsprechen dem Sein, das sich als Wille zeigt, eher. Sie sind wollender, insofern sie williger sind.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 295-297

„Wodurch kann, wenn das Sein das Einzigartige des Seienden ist, das Sein noch übertroffen werden? Nur durch sich selbst, nur durch sein Eigenes und zwar in der Weise, daß es in sein Eigenes eigens einkehrt.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 310

„Die Sprache ist der Bezirk (templum), d.h. das Haus des Seins.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 310

„Das Wesen der Sprache erschöpft sich weder im Bedeuten, noch ist sie nur etwas Zeichenhaftes und Ziffernmäßiges. Weil die Sprache das Haus des Seins ist, deshalb gelangen wir so zu Seiendem, daß wir ständig durch dieses Haus gehen. Wenn wir zum Brunnen, wenn wir durch den Wald gehen, gehen wir schon durch das Wort »Brunnen«, durch das Wort »Wald« hindurch, auch wenn wir diese Worte nicht aussprechen und nicht an Sprachliches denken (das ALLES ist schon Sprache! HB). Vom Tempel des Seins her denkend, können wir vermuten, was diejenigen, die manchmal wagender sind als das Sein des Seienden, wagen. Sie wagen den Bezirk des Seins. Sie wagen die Sprache. Jegliches Seiende, die Gegenstände des Bewußtseins und die Dinge des Herzens, die sich durchsetzenden und die wagenderen Menschen, alle Wesen sind je nach ihrer Weise als seiende im Bezirk der Sprache. Darum ist, wenn irgendwo, allein in diesem Bezirk die Umkehr aus dem Bereich der Gegenstände und ihres Verstellens in das Innerste des Herzraumes vollziehbar.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 310

„Nur innerhalb der Metaphyaik gibt es die Logik.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 311

„Singen, eigens das Weltische sagen, sagen aus dem Heilen des ganzen Bezuges und nur dieses sagen, das bedeutet: in den Bezirk des Seienden selbst gehören. Dieser bezirk ist als das Wesen der Sprache das Sein selber.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 316

„Unser Sein ist Gesang.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 317

„Der neuzeitliche Mensch ... wird der Wollende genannt. Die Wagenderen sind wollender, insofern sie in anderer Weise wollen als das vorsätzliche Sichdurchsetzen der Vergegenständlichung der Welt. Ihr Wollen ist nichts von dieser Art. Sie wollen, wenn Wollen nur das Sichdurchsetzen bleibt, nichts. Sie wollen in diesem Sinne nichts, weil sie williger sind. Sie entsprechen eher dem Willen, der, als das Wagnis selber, alle reinen Kräfte an sich zieht als der reine Bezug des Offenen. Das Wollen der wagenderen ist das Willige der Sagenderen, die ent-schlossen, nicht mehr abschiedlich verschlossen sind gegen den Willen, als welcher das Sein das Seiende will. Das willige Wesen der Wagenderen sagt sagender (nach dem Wort der IX. Elegie [von Rilke; HB]): »Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar // in uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht, // einmal unsichtbar zu sein? – Erde! unsichtbar! // Was wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag? // Erde, du liebe, ich will.«“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 318-319

„Hölderlin ist der Vor-gänger der Dichter in dürftiger Zeit. Darum kann auch kein Dichter dieses Weltalters ihn überholen.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 320

„Wenn Rilke »Dichter (ist) in dürftiger Zeit«, dann beantwortet auch nur seine Dichtung die Frage, wozu er Dichter, woraufzu sein Gesang unterwegs ist, wohin der Dichter im Geschick der Weltnacht (vgl. S. 295; HB) gehört. Dieses Geschick entscheidet darüber, was innerhalb dieser Dichtung geschicklich bleibt.“
Martin Heidegger, Wozu Dichter?, 1946, in: ders., Holzwege, S. 320

„Das Griechische, das Christentum, das Neuzeitliche, das Planetarische und das im angedeuteten Sinne Abend-Ländische denken wir uns aus einem Grundzug des Seins, den es als die Aleqia in der leqh eher verbirgt als enthüllt. Doch dieses Verbergen seines Wesens und der Wesensherkunft ist der Zug, in dem das Sein sich anfänglich lichtet, so zwar, daß ihm das Denken nicht folgt. Das Seienden selbst tritt nicht in dieses Licht des Seins. Die Unverborgenheit des Seienden, die ihm gewährte Helle, verdunkelt das Licht des Seins. - Das Sein entzieht sich, indem es sich in das Seiende entbirgt.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 336-337

„Unser altes Wort »war« bedeutet die Hut. Wir kennen es noch im »wahrnehmen«, d.h. in die Wahr nehmen, im »gewahren« und »verwahren«. DasWahren ist als das lichtend-versammelnde Bergen zu denken. Das Anwesen wahrt das Anwesende, das gegenwärtige und das ungegenwäwrtige, in die Unverborgenheit. Aus der Wahr des des Anwesenden sagt der Seher. Er ist der Wahr-Sager.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 348

„Eines Tages werden wir lernen, unser vernutztes Wort Wahrheit aus der Wahr zu denken, und erfahren, daß Wahrheit die Wahrnis des Seins ist und daß das Sein als Anwesen in sie gehört.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 348

Die Seinsvergesseheit ist die Vergessenheit des Unterschiedes des Seins zum Seienden.
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 364

„Die energeia, die Aristoteles als den Grundzug des Anwesens, des eon, denkt, die idea, die Platon als den Grundzug des Anwesens denkt, der logoV, den Heraklit als den Grundzug des Anwesens denkt, die Moira, die Parmenides als den Grundzug des Anwesens denkt, das Creon, das Anaximander als das Wesende im ANwesen denkt, nennen das Selbe. Im verborgenen Reichtum des Selben ist die Einheit des einenden Einen, das En von jedem Denker in seiner Weise gedacht.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 371

„Indessen kommt bald eine Epoche des Seins, in der die energeia durch actualitas übersetzt wird. Das Griechische wird verschüttet und erscheint bis in unsere Tage nur noch in der römischen Prägung. Die actualitas wird zur Wirklichkeit. Die Wirklichkeit wird zur Objektivität. Aber selbst diese bedarf noch, um in ihrem Wesen, der Gegenständlichkeit, zu bleiben, des Charakter des Anwesens. Es ist die Präsenz in der Repräsentation des Vorstellens. Die entscheidende Wende im Geschick des Seins als energeia liegt im Übergang zur actualitas.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 371

„Eine bloße Übersetzung soll dieses veranlaßt haben? Doch vielleicht lernen wir bedenken, was sich im Übersetzen ereignen kann. Die eigentliche geschickliche Begegnung der geschichtlichen Sprachen ist ein stilles Ereignis. In ihm spricht aber das Geschick des Seins. In welche Sprache setzt das Abend-Land über?“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 371

„Der Mensch ist auf dem Sprunge, sich auf das Ganze der Erde und ihrer Atmosphäre zu stürzen, das verborgene Walten der Natur in der Form von Kräften an sich zu reißen un den Geschichtsgang dem Planen und Ordnen einer Erdregierung zu unterwerfen. Derselbe aufständische Mensch ist außerstande, einfach zu sagen, was ist, zu sagen, was dies ist, daß ein Ding ist.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 372

„Das Ganze des Seienden ist der eine Gegenstand eines einzigen Willens zur Eroberung. Das Einfache des Seins ist in einer einzigen Vergessenheit verschüttet.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 372

„Die Theorien über die Natur, die Lehren über die Geschichte lösen die Wirrnis nicht. Sie verwirren alles in das Unkennbare, weil sie selbst sich aus der Wirre nähren, die über dem Unterschied des Seienden und des Seins liegt.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 372

„Ist überhaupt Rettung? Sie ist erst und ist nur, wenn die Gefahr ist, wenn das Sein selbst ins Letzte geht und die Vergessenheit, die aus ihm selbst kommt, umkehrt.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 373

„Wenn aber das Sein in seinem Wesen das Wesen des Menschen braucht? Wenn das Wesen des Menschen im Denken der Wahrheit des Seins beruht?“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 373

„Dann muß das Denken am Rätsel des Seins dichten. Es bringt die Frühe des Gedachten in die Nähe des zu Denkenden.“
Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, 1946, in: ders., Holzwege, S. 373

Das griechische Wort filosofia geht auf das Wort filosofoV zurück. Dieses Wort ist ursprünglich ein Adiectivum wie filargyros, silberliebend, wie filotimioV, ehrliebend. Das Wort filosofoV wurde vermutlich von Heraklit geprägt. Dies besagt: für Heraklit gibt es noch nicht die filosofia. Ein duhr filosofoV ist nicht ein »philosophischer« Mensch. Das griechische Adiectivum filosofoV sagt etwas völlig anderes als die Adiectiva philosophisch, philosophique. Ein duhr filosofoV ist derjenige, oV filei to sofon, der das sofon liebt; filein, lieben, bedeutet hier im Sinne Heraklits: omologein, so sprechen, wie der logoV spricht, d.h. dem logoV entsprechen. Dieses Entsprechen steht im Einklang mit dem sofon. Einklang ist armonia. Dies, daß ein Wesen dem anderen wechselweise sich fügt, daß sich beide ursprünglich einander fügen, weil sie zueinander verfügt sind, diese armonia ist das Auszeichnende des heraklitisch gedachten filein, des Liebens.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 12-13

„Das duhr filosofoV liebt das sofon. Was dieses Wort für Heraklit sagt, ist schwer zu übersetzen. Aber wir können es nach Heraklits eigener Auslegung erläuter. Demnach sagt to sofon dieses: En Panta, »Eines (ist) Alles«. »Alles«, das meint hier: Panta ta onta, das ganze, das All des Seienden. En, das Eins meint: das Eine, Einzige, alles Einigende. Einig aber ist alles Seiende im sein. Das sofon sagt: Alles Seiende ist im Sein. Schärfer gesagt: Das Sein ist das Seiende. Hierbei sprich »ist« transitiv und besagt soviel »versammelt«. Das Sein versammelt das Seiende darin, daß es Seiendes ist. Das Sein ist die Versammlung - logoV (vgl. Vorträge und Aufsätze, 1954, S. 207-229). Das Seiende ist im Sein. Solches zu hören, klingt für unser Ohr trivial, wenn nicht gar beleidigend. Denn darum, daß das Seiende in das Sein gehört, braucht sich niemand zu kümmern. Alle Welt weiß: Seiendes ist solches, was ist. Was steht dem Seienden anderes frei als: zu sein? Und dennoch: gerade dies, daß das Seiende im Sein versammelt bleibt, daß im Scheinen von Sein das Seiende im Sein versammelt bleibt, daß im Scheinen von Sein das Seiende erscheint, dies setzte die Griechen, und sie zuerst und sie allein, in das Erstaunen. Seiendes im Sein: dies wurde für die Griechen das Erstaunliche.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 13-14

„Indessen mußten sogar die Griechen die Erstaunlichkeit dieses Erstaunlichsten retten und schützen - gegen den Zugriff des sophistischen Verstandes, der für alles eine für jedermann verständliche Erklärung bereit hatte und sie auf den Markt brachte. Die Rettung des Erstaunlichsten - Seiendes im Sein - geschah dadurch, daß sich einige auf den Weg machten in der Richtung auf dieses Erstaunlichste, d.h. des sofon. Sie wurden dadurch zu solchen, die nach dem sofon strebten und durch ihr eigenes Streben bei anderen Menschen die Sehnsucht nach dem sofon erweckten und wachhielten. Das Filein to sofon, jener schon genannte Einklang mit dem sofon, die armonia, wurde so zu einer arexiV, zu einem Streben nach dem sofon. Das sofon - das Seiende im sein - wird jetzt eigens gesucht. Weil das Fileinn nicht mehr ein ursprünglicher Einklang mit dem sofon ist, sondern einbesonderes Streben nach dem sofon, wird das filein to sofon zur filosofia. Denn das Streben wird durch den Eros bestimmt. Dieses strebende Suchen nach dem sofon, nach dem En Panta, nach dem Seienden im Sein wird jetzt zur Frage: Was ist das Seiende, insofern es ist? Das Denken wird jetzt erst zur »Philosophie«.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 14-15

„Wir selber müssen dem, wohin die Philosophie unterwegs ist, entgegenkommen. Unser Sprechen muß dem, wovon die Philosophen angesprochen sind, ent-sprechen. Wenn uns dieses Ent-sprechen glückt, dann ant-worten wir im echten Sinne auf die Frage: Was ist das - die Philosophie? Das deutsche Wort „antworten“ bedeutet eigentlich soviel wie ent-sprechen“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 20

„Die Antwort auf die Frage: Was ist das - die Philosophie? besteht darin, daß wir dem entsprechen, wohin die Philosophie unterwegs ist. Und das ist: das Sein des Seienden. In solchem Entsprechen hören wir von Anfang an auf das, was die Philosophie uns schon zugesprochen hat .... Deshalb gelangen wir nur so in die Entsprechung, d.h. zur Antwort auf unsere Frage, daß wir im Gespräch mit dem bleiben, wohin uns die Überlieferung der Philosophie ausliefert, d.h. befreit. Wir finden die Antwort auf die Frage, was die Philosophie sei, nicht durch historische Aussagen über die Definition der Philosophie, sondern durch das Gespräch mit dem, was sich uns als das Sein des Seienden überliefert hat.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 21

„Die Entsprechung zum Sein des Seienden bleibt zwar stets unser Aufenthalt. Doch nur zuzeiten wird sie zu einem von uns eigens übernommenen und sich entfaltenden Verhalten. Erst wenn dies geschieht, entsprechen wir erst eigentlich dem, was die Philosophie angeht, die zum Sein des Seienden unterwegs ist. Das Entsprechen zum Sein des Seienden ist die Philosophie; sie ist es aber erst dann, wenn das Entsprechen sich eigens vollzieht, dadurch sich entfaltet und diese Entfaltung ausbaut. Dieses Entsprechen geschieht auf verschiedene Weise, je nachdem der Zuspruch des Seins spricht, je nachdem er gehört oder überhört wird, je nachdem das Gehörte gesagt oder geschwiegen wird.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 22-23

„Das Entsprechen ist notwendig und immer, nicht nur zufällig und bisweilen, ein gestimmtes. Es ist in einer Gestimmtheit. Und erst auf dem Grunde des Gestimmtheit (dis-position) empfängt das Sagen des Entsprechens seine Präzision, seine Be-stimmtheit. Als ge-stimmtes und be-stimmtes ist das Entsprechen wesenhaft in einer Stimmung.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 23-24

„Wenn wir die Philosophie als das gestimmte Entsprechen kennzeichnen, dann wollen wir keineswegs das Denken dem zufälligen Wechsel und den Schwankungen von Gefühlszuständen ausliefern. Vielmehr handelt es sich einzig darum, darauf hinzuweisen, das jede Präzision des Sagens in einer Disposition des Entsprechens gründet, des Entsprechens sage ich, ... im Achten auf den Zuspruch.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 24

„Wir versuchen, auf die Stimme des Seins zu hören. In welche Stimmung bringt sie das ... Denken?“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 28

„Oft und weithin sieht es so aus, als sei das Denken nach der Art des räsonnierenden Vorstellens und Rechnens von jeder Stimmung völlig frei. Aber auch die Kräfte der Berechnung, auch die prosaische Nüchternheit des Planens sind Kennzeichen einer Gestimmtheit. Nicht nur dies; sogar die Vernunft, die sich von allem Einfluß der Leidenschaften frei hält, ist als Vernunft auf die Zuversicht in die logisch-mathematische Einsichtigkeit ihrer Prinzipien und Regeln gestimmt.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 28-29

„Das eigens übernommene und sich entfaltende Entsprechen, das dem Zuspruch des Seins des Seienden entspricht, ist die Philosophie. Was das ist - die Philosophie -, lernen wir nur kennen und wissen, wenn wir erfahren, wie, auf welche Weise die Philosophie ist. Sie ist in der Weise des Entsprechens, das sich abstimmt auf die Stimme des Seins des Seienden.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 29

„Dieses Ent-sprechen ist ein Sprechen. Es steht im Dienst der Sprache. Was das heißt, ist für uns heute schwer zu verstehen; denn unsere geläufige Vorstellung von der Sprache hat seltsame Wandlungen durchgemacht. Ihnen zufolge erscheint die Sprache als ein Instrument des Ausdrucks. Demgemäß hält man es für richtiger zu sagen: die Sprache steht im Dienst des Denkens, statt: das Denken als Ent-sprechen steht im Dienst der Sprache.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 29

„Weil wir ohne eine zureichende Besinnung auf die Sprache niemals wahrhaft wissen, was die Philosophie als das gekennzeichnete Ent-sprechen, was die Philosophie als eine ausgezeichnete Weise des Sagens ist.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 30

„Weil nun aber die Dichtung, wenn wir sie mit dem Denken vergleichen, auf eine ganz andere und ausgezeichente Weise im Dienst der Sprache steht, wird unser Gespräch, das der Philosophie nachdenkt, notwendig dahin geführt, das Verhältnis von Denken und Dichten zu erörtern. Zwischen beiden, Denken und Dichten, waltete eine verborgene Verwandtschaft, weil beide sich im Dienst der Sprache für die Sprache verwenden und verschwenden. Ziwschen beiden aber besteht zugleich eine Kluft, denn sie »wohnen auf getrenntesten Bergen«.“
Martin Heidegger, Was ist das - die Philosophie?  (Vortrag, August 1955), 1956, S. 30

„Doch ebenso nötig ist zu klären, was ein Satz ist.“
Martin Heidegger, Der Satz vom Grund, 1958, S. 23

„Der Satz des Grundes ist der Grund des Satzes.“
Martin Heidegger, Der Satz vom Grund, 1958, S. 31

„Die Sprache spricht, nicht der Mensch. Der Mensch spricht nur, indem er geschicklich der Sprache entspricht. Dieses Entsprechen aber ist die eigentliche Weise, nach der der Mensch in die Lichtung des Seins gehört.“
Martin Heidegger, Der Satz vom Grund, 1958, S. 161

„Die Sprache spricht.
Der Mensch spricht, insofern er der Sprache entspricht. Das Entsprechen ist Hören. Es hört, insofern es dem. Geheiß der Stille gehört.
Nichts liegt daran, eine neue Ansicht über die Sprache vorzutragen. Alles beruht darin, das Wohnen im Sprechen der Sprache zu lernen. Dazu bedarf es der ständigen Prüfung, ob und inwieweit wir das Eigentliche des Entsprechens vermögen: das Zuvorkommen in der Zurückhaltung. Denn:
Der Mensch spricht nur, indem er der Sprache entspricht.
Die Sprache spricht.
Ihr Sprechen spricht für uns im Gesprochenen.“
Martin Heidegger, Unterwegs zur Sprache, 1959

Eins unter ihnen (den mannigfaltigen Zeichen des Zukünftigen, das auf die Menschen zukommt) sind z.B. die Fernseh- und Rundfunkempfänger, die wir bald reihenweise auf den Dächern der Häuser in den Städten und Dörfern feststellen können. .... Sie zeigen, daß die Menschen dort, wo sie von außen gesehen »wohnen«, gerade nicht mehr zu Hause sind. Die Menschen werden vielmehr täglich und stündlich fortgezogen in fremde, anlockende, aufreizende, bisweilen auch unterhaltsame und belehrende Bezirke. Diese bieten freilich keinen bleibenden, verläßlichen Aufenthalt; sie wechseln unausgesetzt vom Neuen zum Neuesten. .... Wie können wir uns dem Andrängen des Unheimischen gegenüber zur Wehr setzen? Nur so, daß wir die spendenden und heilenden und bewahrenden Kräfte des Heimischen unablässig wecken, daß wir die Kraftquellen des Heimischen immer wieder zum Fließen bringen und ihrem Fluß und Einfluß die rechte Bahn verschaffen.
Martin Heidegger, auf einem Vortrag in seiner Heimatstadt Meßkirch, 1961

In Kants These über das Sein als Position, aber auch im ganzen Bereich seiner Auslegung des Seins des Seienden als Objektivität und objektiver Realität waltete das Sein im Sinne des währenden Anwesens.
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 33

Die Beziehung zwischen Denken und Sein ist die Selbigkeit, die Identität.
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 34

Wenn nun aber das Denken in seinem Bezug zum Sein zweideutig ist: als Horizontvorgabe und als Organon, bleibt dann nicht auch, was »Logik« heißt, nach der genannten Hinsicht zweideutig? Wird dann »die Logik« als Organon und als Horizont der Seinsauslegung nicht durchaus fragwürdig? Eine Besinnung, die nach dieser Richtung drängt, wendet sich nicht gegen die Logik, sondern wendet sich für eine zureichende Bestimmung des logoV, d.h. desjenigen Sagens, darin das Sein sich zur Sprache bringt als das Denkwürdige des Denkens.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 35

Im unscheinbaren »ist« verbirgt sich alles Denkwürdige des Seins. Das Denkwürdigste darin bleibt jedoch, daß wir bedenken, ob »Sein«, ob das »ist« selbst sein kann, oder ob Sein niemals »ist« un d daß gleichwohl wahr bleibt: Es gibt Sein.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 35

Im unscheinbaren »ist« verbirgt sich alles Denkwürdige des Seins. Das Denkwürdigste darin bleibt jedoch, daß wir bedenken, ob »Sein«, ob das »ist« selbst sein kann, oder ob Sein niemals »ist« und daß gleichwohl wahr bleibt: Es gibt Sein.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 35

Doch woher kommt, an wen geht die Gabe im »Es gibt«, und in welcher Weise des Gebens?“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 35

„Sein kann nicht sein. Würde es sein, bliebe es nicht mehr Sein, sondern wäre ein Seiendes.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 35

„Doch sagt nicht der Denker, der das Sein erstmals dachte, sagt nicht Parmenides (Frg. 6): esti einai, »Es ist nämlich Sein« - »Anwest nämlich Anwesen«? Bedenken wir, daß im esti, Anwesen, eigentlich die ´Alhqia spricht, das Entbergen, dann sagt das im esti betont vom einai gesagte Anwesen: das Anwesenlassen. Sein - eigentlich: das Anwesenheit Gewährende.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 35

„Wird hier Sein, das ist,als etwas Seiendes ausgegeben, oder wird hier Sein, to anto (das Selbe), kaq anto, auf es selbst zu, gesagt? Spricht hier eine Tautologie? Allerdings. Jedoch die Tautologie im höchsten Sinne, die nicht nichts,sondern alles sagt: das anfänglich und künftighin für das Denken Maßgebende. Deshalb birgt diese Tautologie Ungesagtes, Ungedachtes, Ungefragtes in sich. »Anwest nämlich Anwesen.«“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

Was heißt hier Anwesenheit? Gegenwart? Woher bestimmt sich dergleichen? Zeigt sich genauer: verbirgt sich hier ein ungedachter Charakter eines verborgenen Wesens von Zeit?“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

Steht es so, dann muß die Frage nach dem Sein unter den Leittitel gelangen: »Sein und Zeit«.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

Und Kants These über das Sein als reine Position? “
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

Wenn Gesetztheit, Gegenständlichkeit sich als eine Abwandlung von Anwesenheit erweist, dann gehört Kants These über das Sein in das, was ungedacht bleibt in aller Metaphysik.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

Der Leittitel der metaphysischen Bestimmung des Seins des Seienden, »Sein und Denken« (vgl. Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, 1935, S. 88-149; HB ), reicht nicht zu, die Seinsfrage auch nur zu stellen, geschweige denn eine Antwort zu finden.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

Gleichwohl bleibt Kants These über das Sein als reine Position ein Gipfel, von dem aus der Blick rückwärts reicht bis zur Bestimmung des Seins als upokeisqai und vorwärts weist in die spekulativ-dialektische Auslegung des Seins als absoluter Begriff.“
Martin Heidegger, Kants These über das Sein, 1961, S. 36

„Und gerade in der jetzigen Zeit würde ich meinen ..., daß die Besinnung darauf, was und wer der Mensch sei, nötig ist, heute, wo die Gefahr besteht, daß der Mensch ganz der Technik ausgeliefert wird und eines Tages zu einer gesteuerten Maschine gemacht wird.“
Martin Heidegger, Gespräch mit einem buddhistischen Mönch, 1964

„Die Philosophie löst sich in selbständige Wisenschaften auf. Sie heißen: Logistik, Semantik, Psychologie, Anthropologie, Soziologie, Politologie, Poetologie, Technologie. Zugleich mit der Auflösung in die Wissenschaften wird die Philosophie abgelöst durch eine neuartige Einigung aller Wissenschaften. Die Übermächtigung der Wissenschaften durch einen in ihnen selbst waltenden Grundzug vollzieht sich im Heraufkommen dessen, was sich unter dem Titel Kybernetik auszubauen versucht. Dieser Vorgang wird dadurch gefördert und beschleunigt, daß ihm die moderne Wissenschaft zufolge ihres Grundcharakters selbst entgegenkommt.“
Martin Heidegger, Rede am Vorabend des 60. Geburtstag von Eugen Fink, 10. Dezember 1965

„Nietzsche hat diesen Grundzug der mordenen Wissenschaft im Jahr vor seinem Zusammenbruch (1888) mit einem einzigen Satz ausgessprochen. Er lautet:
»Nicht der Sieg der Wissenschaft ist das, was unser 19. Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen Methode über die Wissenschaft.« Der Wille zur Macht, n. 466 (ebd., S. 329; HB)..
Methode ist hier nicht mehr gedacht als das Instrument, mit dessen Hilfe die wissenschaftliche Forschung ihre schon festgelegten Gegenstände bearbeitet. Die Methode macht die Gegenständlichkeit selbst der Gegenstände aus, gesetzt daß hier noch von Gegenständen die Rede sein darf, gesetzt daß die Ansetzung von Bestimmungen der Gegenständlichkeit überhaupt noch eine »ontologische Valenz« hat.“
Martin Heidegger, Rede am Vorabend des 60. Geburtstag von Eugen Fink, 10. Dezember 1965

Aber das Ende der Philosophie ist nicht das Ende des Denkens. Deshalb wird die Frage bedrängend, ob das Denken die ihm bevorstehende Prüfung annimmt und wie es die Zeit der Prüfung übersteht.“
Martin Heidegger, Rede am Vorabend des 60. Geburtstag von Eugen Fink, 10. Dezember 1965

„Der Anfang des abendländischen Denkens bei den Griechen wurde durch die Dichtung vorbereitet. Vielleicht muß künftig das Denken erst dem Dichten den Zeit-Spiel-Raum öffnen, damit durch das dichtende Wort wieder eine wortende Welt werde.“
Martin Heidegger, Rede am Vorabend des 60. Geburtstag von Eugen Fink, 10. Dezember 1965

„Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. .... Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang.“
Martin Heidegger, in: Der Spiegel, # 10, 1966

Die Seinsfrage und die Entfaltung dieser Frage setzt gerade eine Interpretation des Daseins voraus, das heißt: des Wesens des Menschen. Der Grundgedanke meines Denkens ist ja gerade der, daß das Sein beziehungsweise die Offenbarkeit des Seins den Menschen braucht und daß umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, insofern er in der Offenbarkeit des Seins steht.
Martin Heidegger, im Gespräch mit Richard Wisser, 1969

Man kann nicht nach dem Sein fragen, ohne nach dem Wesen des Menschen zu fragen.
Martin Heidegger, im Gespräch mit Richard Wisser, 1969

Ich spreche nicht von einer Verfallsgeschichte, sondern nur vom Geschick des Seins, insofern, als es sich mehr und mehr, im Vergleich zur Offenheit des Seins bei den Griechen, entzieht, bis zur Entfaltung des Seins als bloße Gegenständlichkeit für die Wissenschaft und heute als bloßer Bestand für die technische Bewältigung der Welt.
Martin Heidegger, im Gespräch mit Richard Wisser, 1969

Also, es ist nicht eine Verfallsgeschichte, sondern es ist ein Entzug des Seins, in dem wir stehen. Und das charakeristisch(st)e Merkmal für die Seinsvergessenheit - Vergessenheit ist hier immer zu deuten vom Griechischen her, vomn der lethe, d.h. vom Sich-Verbergen, vom Sich-Entziehen des Seins. Das charakeristisch(st)e Merkmal dieses Geschicks, in dem wir stehen, soweit ich das überhaupt übersehe, ist die Tatsache, daß die Seinsfrage, die ich stelle, noch nicht verstanden ist.“
Martin Heidegger, im Gespräch mit Richard Wisser, 1969

Ich sehe in der Technik, in ihrem Wesen nämlich, daß der Mensch unter einer Macht steht, die ihn herausfordert, und der gegenüber er nicht mehr frei ist, daß sich hier etwas ankündigt, nämlich ein Bezug des Seins zum Menschen, und daß dieser Bezug, der sich im Wesen der Technik verbirgt, eines Tages vielleicht in seiner Unverborgenheit ans Licht kommt. Ob das geschieht, weiß ich nicht. Ich sehe also im Wesen der Technik den ersten Vorschein eines sehr viel tieferen Geschehnisses, was sich das Ereignis nenne.“
Martin Heidegger, im Gespräch mit Richard Wisser, 1969

Es handelt sich darum, das Wesen der Technik und der technischen Welt zu verstehen, und meiner Meinung nach kann das nicht geschehen, solange man sich philosophisch in der Subjekt-Objekt-Beziehung bewegt.“
Martin Heidegger, im Gespräch mit Richard Wisser, 1969

 

 

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