Der
Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.Der
Welt als Vorstellung erste Betrachtung: Die Vorstellung unterworfen dem Satz vom
Grunde: das Objekt der Erfahrung und Wissenschaft.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, S. 27 (§ 1-16,
S. 27-116) |
»Die Welt ist meine Vorstellung«
- dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende
Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtseyn
bringen kann: und thut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit
bei ihm eingetreten.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 1, S. 27 |
Der
Welt als Wille erste Betrachtung: Die Objektivation des Willens.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, S. 117 (§
17-29, S. 117-186) |
Wenn von den Erscheinungen
des Willens, auf den niedrigeren Stufen seiner Objektivation, also im Unorganischen,
mehrere unter einander in Konflikt gerathen, indem jede, am Leitfaden der Kausalität,
sich der vorhandenen Materie bemächtigen will; so geht aus diesem Streit
die Erscheinung einer hohem Idee hervor, welche die vorhin dagewesenen unvollkommeneren
alle überwältigt, jedoch so, daß sie das Wesen derselben auf eine
untergeordnete Weise bestehn läßt, indem sie ein Analogon davon in
sich aufnimmt; welcher Vorgang eben nur aus der Identität des erscheinenden
Willens in allen Ideen und aus seinem Streben zu immer höherer Objektivation
begreiflich ist. Wir sehn daher z.B. im Festwerden der Knochen ein unverkennbares
Analogen der Krystallisation, als welche ursprünglich den Kalk beherrschte,
obgleich die Ossifikation nie auf Krystallisation zurückzuführen ist.
Schwächer zeigt sich diese Analogie im Festwerden des Fleisches. So auch
ist die Mischung der Säfte im thierischen Körper und die Sekretion ein
Analogen der chemischen Mischung und Abscheidung, sogar wirken die Gesetze dieser
dabei noch fort, aber untergeordnet, sehr modificirt, von einer hohem Idee überwältigt;
daher bloß chemische Kräfte, außerhalb des Organismus, nie solche
Säfte liefern werden; sondernEncheiresin
naturae nennt es die Chemie, // Spottet ihrer selbst und weiß nicht
wie. |
| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 27, S. 166 |
Der
Welt als Vorstellung zweite Betrachtung: Die Vorstellung unabhängig vom Satz
vom Grunde: die Platonische Idee: das Objekt der Kunst.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, S. 187 (§
30-52, S. 187-285) |
Der Welt als Wille zweite
Betrachtung: Bei erreichter Selbsterkenntniß Bejahung und Verneinung des
Willens zum Leben.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, S. 287 (§
53-71, S. 287-426) |
Auf jeder Stufe, welche
die Erkenntniß beleuchtet, erscheint sich der Wille als Individuum. Im unendlichen
Raum und unendlicher Zeit findet das menschliche Individuum sich als endliche,
folglich als eine gegen Jene verschwindende Größe, in sie hineingeworfen
und hat, wegen ihrer Unbegränztheit, immer nur ein relatives, nie ein absolutes
Wann und Wo seines Daseyns: denn sein Ort und seine Dauer sind endliche
Theile eines Unendlichen und Gränzenlosen.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 57, S. 326-327 |
Das
Leben der Allermeisten ist auch nur ein steter Kampf um diese Existenz selbst,
mit der Gewißheit ihn zuletzt zu verlieren. Was sie aber in diesem so mühsäligen
Kampfe ausdauern läßt, ist nicht sowohl die Liebe zum Leben, als die
Furcht vor dem Tode, der jedoch als unausweichbar im Hintergrunde steht und jeden
Augenblick herantreten kann. Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen
und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt
vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller
Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem
größten, dem totalen, dem unvermeidlichen und unheilbaren Schiffbruch
näher kommt, ja gerade auf ihn zusteuert, dem Tode: dieser ist das
endliche Ziel der mühsäligen Fahrt und für ihn schlimmer als alle
Klippen, denen er auswich.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 57, S. 328 |
Nun
ist es aber sogleich sehr bemerkenswerth, daß einerseits die Leiden und
Quaalen des Lebens leicht so anwachsen können, daß selbst der Tod,
in der Flucht vor welchem das ganze Leben besteht, wünschenswerth wird und
man freiwillig zu ihm eilt; und andererseits wieder, daß sobald Noth und
Leiden dem Menschen eine Rast vergönnen, die Langeweile gleich so nahe ist,
daß er des Zeitvertreibes nothwendig bedarf. Was alle Lebenden beschäftigt
und in Bewegung erhält, ist das Streben nach Daseyn. Mit dem Daseyn aber,
wenn es ihnen gesichert ist, wissen sie nichts anzufangen: daher ist das Zweite,
was sie in Bewegung setzt, das Streben, die Last des Daseyns los zu werden, es
unfühlbar zu machen, »die Zeit zu tödten«, d.h. der Langenweile
zu entgehn. Demgemäß sehn wir, daß fast alle vor Noth und Sorgen
geborgene Menschen, nachdem sie nun endlich alle andern Lasten abgewälzt
haben, jetzt sich selbst zur Last sind und nun jede durchgebrachte Stunde für
Gewinn achten, also jeden Abzug von eben jenem Leben, zu dessen möglichst
langer Erhaltung sie bis dahin alle Kräfte aufboten.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 57, S. 328-329 |
Alle
Befriedigung, oder was man gemeinhin Glück nennt, ist eigentlich und wesentlich
immer nur negativ und durchaus nie positiv. Es ist nicht eine ursprünglich
und von selbst auf uns kommende Beglückung, sondern muß immer die Befriedigung
eines Wunsches seyn. Denn Wunsch, d.h. Mangel, ist die vorhergehende Bedingung
jedes Genusses. Mit der Befriedigung hört aber der Wunsch und folglich der
Genuß auf. Daher kann die Befriedigung oder Beglückung nie mehr seyn,
als die Befreiung von einem Schmerz, von einer Noth: denn dahin gehört nicht
nur jedes wirkliche, offenbare Leiden, sondern auch jeder Wunsch, dessen Importunität
unsere Ruhe stört, ja sogar auch die ertödtende Langeweile, die uns
das Daseyn zur Last macht.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 58, S. 335 |
Wie
auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wellenberge
erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend;
so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt
und vertrauend auf das principium individuationis.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 63, S. 368-369 |
Aus
dieser Ahndung stammt jenes so unvertilgbare und allen Menschen (ja vielleicht
selbst den klügeren Thieren) gemeinsame Grausen, das sie plötzlich ergreift,
wenn sie, durch irgend einen Zufall, irre werden am principio individuationis,
indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme
zu erleiden scheint: z.B. wenn es scheint, daß irgend eine Veränderung
ohne Ursache vor sich gienge, oder ein Gestorbener wieder dawäre, oder sonst
irgendwie das Vergangene oder das Zukünftige gegenwärtig, oder das Ferne
nah wäre. Das ungeheure Entsetzen über so etwas gründet sich darauf,
daß sie plötzlich irre werden an den Erkenntnißformen der Erscheinungen,
welche allein ihr eigenes Individuum von der übrigen Welt gesondert halten.
Diese Sonderung aber eben liegt nur in der Erscheinung und nicht im Dinge an sich:
eben darauf beruht die ewige Gerechtigkeit.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 63, S. 369 |
Wir
bekennen es vielmehr frei: was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig
bleibt, ist für alle Die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts.
Aber auch umgekehrt ist Denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint
hat, diese unsere so sehr reale Welt mit all ihren Sonnen und Milchstraßen
- Nichts.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, § 71, S. 426 |
Kants
größtes Verdienst ist die Unterscheidung der Erscheinung vom Dinge
an sich, auf Grund der Nachweisung, daß zwischen den Dingen und
uns immer noch der Intellekt steht, weshalb sie nicht nach dem, was sie
an sich selbst seyn mögen, erkannt werden können.| Arthur
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, Anhang - Kritik
der Kantischen Philosophie, S. 450 |
Der
Neid ... ist die Seele des überall florierenden, stillschweigend und ohne
Verabredung zusammenkommenden Bundes aller Mittelmäßigen gegen den
einzelnen Ausgezeichneten.| Arthur
Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, 1851 |
Versuche
nur einmal, ganz Natur zu sein - es ist nicht auszuhalten.| Arthur
Schopenhauer, Tagebuch |
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