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Prägnant und möglichst knapp formulierte Gedanken

von

Ernst Jünger (1895-1998)

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„Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 7

 

„Es wäre nicht nett von mir, wenn ich in diesem Buche, das soviel Blutiges bringt, ein Abenteuer verschweigen wollte, in dem ich eine etwas komische Rolle spielte. Damals im Winter, als unser Bataillon beim König von Queant zu Gaste gewesen war, hatte ich zum ersten Mal als junger Offizier die Wache zu revidieren gehabt. Am Ortsausgange hatte ich mich verirrt und war, um nach dem Wege zu einer kleinen Bahnhofswache zu fragen, in ein winziges alleinstehendes Häuschen getreten. Ich fand als einzigen Bewohner ein siebzehnjähriges Mädchen namens Jeanne vor, dessen Vater kurz vorher gestorben war und das nun allein dort wirtschaftete. Als es mir Auskunft gab, lachte es und meinte, als ich nach dem Grunde fragte: »Vous etes bien jeune, je voudrais avoir votre devenir.« Wegen des kriegerischen Geistes, der aus diesen Worten sprach, hatte ich ihm damals den Namen Jeanne d'Arc gegeben und hatte in der folgenden Zeit des Grabenkampfes manchmal an das einsame Häuschen zurückgedacht.  –  An einem Abend in Croisilles spürte ich plötzlich den Wunsch, einmal hinüberzureiten. Ich ließ satteln und hatte bald das Städtchen im Rücken. Es war ein Maiabend, wie geschaffen für einen solchen Ritt. Der Klee lag in schweren dunkelroten Polstern auf den von Weißdornhecken gesäumten Wiesen, und vor den Dorfeingängen brannten die Riesenkandelaber blühender Kastanienbäume in der Dämmerung. Ich ritt durch Bullecourt und Ecoust, ohne zu ahnen, daß ich zwei Jahre später inmitten einer gänzlich veränderten Landschaft gegen die schauerlichen Trümmer dieser Dörfer, die jetzt so friedlich zwischen Weihern und Hügeln im Abend lagen, zum Sturm vorgehen sollte. (Vgl. ebd., S. 286; HB.) An der kleinen Station, die ich damals revidiert hatte, luden Zivilisten noch Gasflaschen aus. Ich begrüßte sie und sah ihnen zu. Dann tauchte bald das Häuschen mit seinem braunroten und von runden Moosflecken gesprenkelten Dache vor mir auf. Ich klopfte an die Läden, die schon geschlossen waren.  –  »Qui est la ?«  –  »Bon soir, Jeanne d'Arc!«  –  »Ah, bon soir, mon petit officier Gibraltar!«  –  Ich wurde so freundlich aufgenommen, wie ich gehofft hatte. Nachdem ich mein Pferd angebunden hatte, trat ich ein und mußte am Abendessen teilnehmen: Eier, Weißbrot und Butter, die appetitlich auf einem Kohlblatt lag. Unter solchen Umständen läßt man sich nicht lange einladen, sondern greift zu.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 76-77

„Wir wurden in Bohain ausgeladen und in Brancourt untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berÜhrten, wird von Ackerbauern bewohnt, doch ist fast in jedem Hause ein Webstuhl aufgestellt. Ich war bei einem Ehepaar einquartiert, das eine recht hübsche Tochter besaß. Wir teilten die beiden Räume, aus denen das Häuschen bestand, und ich mußte abends durch das Familienschlafzimmer hindurch. Der Vater bat mich gleich am ersten Tage, ihm eine Anklageschrift an den Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt, geprügelt und unter dem Rufe »Dernande pardon!« mit dem Tode bedroht hätte.  –  Als ich eines Morgens mein Zimmer verlassen wollte, um zum Dienst zu gehen, drückte die Tochter von außen die Türe zu. Ich hielt das für einen ihrer Scherze und stemmte mich auch von meiner Seite kräftig gegen die Tür, die sich unter unserem gemeinsamen Druck aus den Angeln hob, so daß wir mit ihr im Zimmer umherwanderten. Plötzlich fiel die Scheidewand, und die Schöne stand zu unser beider Verlegenheit und zur großen Heiterkeit ihrer Mutter irn Evakostüm da.  –  Niemals habe ich jemand mit so großer Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese Rose von Brancourt auf die Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von Saint-Quentin Pensionärin gewesen zu sein. »Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetee sur un furnier, c'est la creme de la creme pourrie«, sprudelte sie hervor, während sie mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein Opfer für ihre Wut finden zu können.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 126

„Es ging in diesem Nest überhaupt recht landsknechtsmäßig zu. Eines Abends wollte ich noch einen Kameraden aufsuchen, der bei dieser besagten Nachbarin, einer der flämischen Schönheit, Madame Louise genannt, einquartiert war. Ich ging gleich durch die Gärten und sah durch ein kleines Fenster Madame Louise am Tische sitzen und sich noch an einer großen Kanne Kaffee gütlich tun. Plötzlich öffnete sich die Tür, und der Inhaber dieses gemütlichen Quartiers trat wie ein Nachtwandler und zu meinem Erstaunen auch nicht reichlicher bekleidet als ein solcher ins Zimmer herein. Ohne ein Wort zu sprechen, ergriff er die Kanne und goß sich zielsicher durch die Tülle eine gehörige Portion Kaffee in den Mund. Dann schritt er ebenso wortlos wieder hinaus. Da ich fühlte, daß ich ein solches Idyll nur stören könnte, schlich ich mich leise wieder davon.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 126-127

„Nun war es wohl gleichgültig, ob wir liegen blieben, nach hinten ausrissen oder nach vorn. Ich befahl also, mir zu folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen überschüttete mich eine Granate mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter zurück. Es war kaum erklärlich, daß ich nicht getroffen wurde, denn die Einschläge standen so dicht, daß sie den Helm und die Schultern zu berühren schienen, und sie wühlten wie große Tiere den Boden unter den Füßen auf. Daß ich sie durcheilte, ohne gestreift zu werden, lag wohl nur daran, daß der vielfach aufgepflügte Boden die Geschosse tief einschluckte, ehe sein Widerstand sie zündete. So fuhren ihre Kegel nicht wie breite Gebüsche, sondern steil wie lanzenförmige Pappeln hoch. Andere warfen nur eine Glocke auf. Auch merkte ich bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn sich verringerte. Nachdem ich mich aus dem Schlimmsten herausgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das Gelände war menschenleer.  –  Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer, dann wieder zwei. Mit diesen Fünfen erreichte ich glücklich mein Ziel.  –   In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der dritten Kompanie, und der kleine Schultz mit drei schweren Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war. Dicht vor uns saß der: Engländer, rechts und links war kein Anschluß mehr. Wir stellten fest, daß diese Ecke nur für ganz alte, irn Pulverdampf ergraute Krieger sei.  –  Unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder gehört hätte. Man wird sich meine Sorge vorstellen können, als ich erfuhr, daß er den nächtlichen Sturm mitgemacht hatte und vermißt wurde. Er war meinem Herzen der Nächste; das Gefühl eines unersetzlichen Verlustes tat sich vor mir auf.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 184-185

„Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in einem nahen Unterstand liege. Er zeigte dabei auf ein wüstes, von entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus, das bereits von den Verteidigern verlassen war. Ich eilte über eine Lichtung, die unter gezieltern Gewehrfeuer lag, und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge ächzender Schwerverwundeter. Ich fand ihn in einer traurigen Verfassung vor. Beim Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das Fieber glänzte ihm aus den Augen; eine geöffnete Gasmaske hing auf seiner Brust. Er konnte nur mit Mühe sich bewegen, sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und berichteten.  –  Es war mir klar, daß er nicht an diesem Ort bleiben durfte, denn jeden Augenblick konnte der Engländer stürmen oder eine Granate dem schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war, ihn sofort zurückzuschaffen. Obwohl Sandvoß sich gegen jede Schwächung unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den Auftrag, Fritz zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« zu tragen und von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann nahmen ihn zwei Mann auf die Schulter. Noch ein Händedruck, und der traurige Zug setzte sich in Bewegung.  –  Ich verfolgte mit meinen Blicken die schwankende Last, die sich durch einen Wald von kirchturmhohen Granatsäulen wand. Bei jedem Einschlag zuckte ich zusammen, bis der kleine Zug im Dunst des Gefechtes verschwunden war. Ich fühlte mich zugleich als Vertreter der Mutter und ihr für das Schicksal des Bruders verantwortlich.  –  Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht mit meiner Mannschaft, die sich inzwischen vermehrt hatte, und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern des Betonklotzes. Unaufhörlich schlugen in die Nähe Brisanzgranaten von ganz außergewöhnlicher Wucht, von denen mich am Abend eine um ein Haar getötet hätte.  –  Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man lange darüber grübelte.    Um sechs Uhr morgens wurden wir durch Teile der Neunten abgelöst, die mir den Befehl überbrachten, in der Rattenburg Kampfstellung zu beziehen. Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß kampfunfähig gemacht.  –  Die Rattenburg enthüllte sich uns als ein zerschossenes, mit Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bett des Steenbaches. Der Name war gut gewählt. Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.  –  In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine Beschießung mit schweren und schwersten Kalibern ein. Von sechs bis acht Uhr jagte eine Explosion die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Während dieser Zeit wurden die üblichen Gespräche über die Sicherheit unserer Unterkunft geführt. Wir hielten die Betondecke für ziemlich zuverlässig; da die Burg aber hart am steilen Bachufer stand, hegten wir die Befürchtung, durch ein schweres Flachbahngeschoß unterminiert und mit den Betonblöcken zusammen in den Bachgrund geworfen zu werden.  –  Als das Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich über eine Höhe, die von einem schwirrenden Netz von Schrapnellkugeln überzogen war, zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei«, um mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder zu erkundigen. Voll Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung zurückgeschafft worden sei.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 185-187

„Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen Brief von Fritz. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine klapprige Lunge behalten würde. Ich entnehme seinen Aufzeichnungen folgenden Abschnitt, der meinen Bericht ergänzt und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen Neulings anschaulich wiedergibt:
»›Antreten zum Sturm!‹ Das Gesicht meines Zugführers beugte sich über die kleine Höhle. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich fluchend auf. Ich erhob mich, rückte den Stahlhelm fest und trat in die Dämmerung hinaus.  –  Es war neblig und kühl; das Bild hatte sich inzwischen geändert. Das Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpf donnernd auf anderen Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und beruhigten das ängstlich spähende Auge durch die großen eisernen Kreuze, die auf die Unterseite der Tragflächen gemalt waren.  –  Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der sich zwischen Trümmern und Schutt merkwürdig klar erhalten hatte, und füllte meine Feldflasche.  –  Die Leute der Kompanie traten in Zügen an. Eilig hakte ich mir vier Handgranaten ins Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei Mann nicht zur Stelle waren. Kaum war noch Zeit, ihre Namen aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten sich an Hecken und wanden sich klirrend und polternd auf den Feind zu.  –  Der Angriff wurde von zwei Bataillonen ausgeführt; ein Bataillon des Nachbarregiments wurde zugleich mit uns eingesetzt. Der Befehl war kurz und bündig. Englische Abteilungen, die über den Kanal gedrungen waren, sollten zurückgeworfen werden. Mir war bei diesem Unternehmen zugedacht, mit meiner Gruppe vorn in der erreichten Stellung liegenzubleiben und den Gegenstoß aufzufangen. Wir kamen vor den Trümmern eines Dorfes an. Aus der schrecklich zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Abendhimmel mit düsterem, schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, die so unbarmherzig zerrissen und wieder zerrissen war, schwebten stickige Gase, die, gelb und braun, träge umherwanderten.  –  Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte ein ungeheures Feuer ein -der Angriff war von den Engländern erkannt. Die Erde sprang in fauchenden Fontänen auf, und ein Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer über das Land. Einen Augenblick stand jeder wie erstarrt, dann stürzten alle auseinander. Noch einmal hörte ich die Stimme unseres Bataillonskommandeurs, des Rittmeisters Böckelmann, der mit dem Aufgebot äußerster Stimmkraft einen Befehl rief, der mir unverständlich blieb.  –  Meine Leute waren verschwunden. Ich befand mich in einem fremden Zug und drängte mich mit den anderen nach den Trümmern eines Dorfes, das die unerbittlichen Granaten bis auf den Grund rasiert hatten. Wir rissen die Gasmasken heraus.  –  Alles warf sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlert, ein Offizier, den ich schon von der Somme her kannte. Neben ihm lag spähend ein Unteroffizier. Die Wucht des Sperrfeuers war fürchterlich; ich gestehe, daß sie selbst meine kühnsten Erwartungen übertraf. Vor uns flatterte gelb eine Feuerwand; ein Schauer von Erdklumpen, Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle Funken aus den Stahlhelmen. Ich hatte die Empfindung, als ob das Atmen jetzt schwerer geworden wäre und die Luft in einer von massivem Eisen gesättigten Atmosphäre für die Lungen nicht mehr ganz zureichte.  –  Lange starrte ich in den glühenden Hexenkessel hinein, dessen sichtbare Grenze das stechende Mündungsfeuer der englischen Maschinengewehre bildete. Der tausendköpfige Bienenschwarm dieser Geschosse, der sich über uns ergoß, war für das Ohr unhörbar. Es kam mir zum Bewußtsein, daß unser Angriff, den ein halbstündiges Trommelfeuer vorbereitet hatte, durch dieses mächtige Abwehrfeuer schon im Ansatz zerschlagen war. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen Zwischenräumen das Toben. Minen von allerschwerstem Kaliber zerbarsten. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten durcheinander und stürzten mit höllischem Prasseln nieder.  –Auf eine schreiende Aufforderung Ehlerts schaute ich nach rechts. Er erhob die linke Hand, winkte nach hinten und sprang vor. Ich stand schwerfällig auf und folgte laufend. Meine Füße brannten immer noch wie Feuer, doch hatte der stechende Schmerz nachgelassen. Ich hatte kaum zwanzig Schritte getan, da blendete mich, als ich aus einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells, das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Höhe auseinandersprang. Ich fühlte zwei dumpfe Schläge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir das Gewehr aus der Hand, den Kopf nach hinten brach ich zusammen und kollerte in den Trichter zurück. Verschwommen hörte ich noch die Stimme Ehlerts, der im Vorbeilaufen rief: »Den hats erwischt!«Er sollte den nächsten Tag nicht beenden. Der VorstoB mißlang, und beim Zurückgehen wurde er mit allen seinen Begleitern getötet. Ein SchuB durch den Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende.  –  Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhiger geworden. Ich versuchte mich aufzurichten, da ich mit dem Kopf nach unten lag, empfand jedoch heftigen Schmerz in der Schulter, den jede Bewegung verstärkte. Der Atem ging kurz und stoBweise, die Lungen konnten nicht genug Luft schaffen. PrellschuB an Lunge und schulter, dachte ich, indem ich mich der beiden dumpfen, schmerzlosen Schläge entsann, die ich erhalten hatte. Ich warf Sturmgepäck und Koppel und in einem Zustande völliger Gleichgültigkeit auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und hängte die Feldflasche an den Taillenhaken des Rockes.  –  Es gelang mir, aus dem Trichter herauszukommen. Nach etwa fünf Schritten aber, die ich, mühsam kriechend, zurücklegte, blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen. Eine Stunde darauf versuchte ich zum zweiten Male fortzukriechen, da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern überschauert wurde. Auch dieser Versuch mißlang. Ich verlor meine mit kostbarem Wasser gefüllte Feldflasche und versank in eine unendliche Erschöpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefühl brennenden Durstes erweckte.  –  Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte allen Richtungssinn verloren und konnte mir vom Verlauf der Front keinen deutlichen Begriff machen. Trichter reihte sich hier an Trichter, einer mächtiger als der andere, und vom Boden dieser tiefen Gruben aus konnte man nur Lehmwände und den grauen Himmel sehen. Ein Gewitter zog auf, seine Donnerschläge wurden übertönt vom einsetzenden Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte mich eng an die Trichterwand. Ein Lehmklumpen traf meine Schulter; schwere Splitter fegten über meinen Kopf dahin. Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit; ich wußte nicht, ob es Morgen oder Abend war.  –  Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprüngen über das Feld setzten. Ich rief sie auf deutsch und englisch an; sie verschwanden wie Schatten im Nebel, ohne auf mich zu hören. Endlich kamen drei andere Leute auf mich zu. Ich erkannte in dem einen von ihnen den Unteroffizier, der am Tage zuvor neben mir gelegen hatte. Sie nahmen mich mit zu einer kleinen Hütte, die in der Nähe stand vollgestopft mit Verwundeten, die von zwei Sanitätern gepflegt wurden. Ich hatte dreizehn Stunden im Trichter gelegen.  –  Das gewaltige Feuer der Schlacht arbeitete wie ein riesenhaftes Hammer- und Walzwerk fort. Granate um Granate schlug neben uns ein, häufig das Dach mit Sand und Erde überschüttend. Man verband mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober roter Marmelade und ein wenig Wasser. Der Sanitäter sorgte für mich wie ein Vater.  –  Schon begannen die Engländer vorzudringen. Sprungweise näherten sie sich und verschwanden in den Trichtern. Schreie und Zurufe schallten von draußen herein. Plötzlich stürzte, von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm bespritzt, ein junger Offizier herein. Es war mein Bruder Ernst, der beim Regimentsstab schon den Tag zuvor totgesagt war. Wir begrüßten uns, ein wenig seltsam und gerührt lächelnd. Er blickte sich um und sah mich voll Angst an. Die Tränen traten ihm in die Augen. Wenn wir auch zu dem gleichen Regiment gehörten, so hatte doch dieses Wiedersehen auf dem unermeßlichen Schlachtfeld etwas Wunderbares, Erschütterndes, und die Erinnerung daran blieb mir für immer kostbar und verehrungswürdig. Nach wenigen Minuten verließ er mich und brachte die fünf letzten Leute seiner Kompanie herbei. Ich wurde auf eine Zeltbahn gelegt, durch deren Schnüre man einen jungen Baum steckte, und vom Schlachtfelde getragen. je zwei und zwei der Träger lösten sich ab. Der kleine Transport eilte bald nach rechts, bald nach links und wich im Zickzack den massenhaft einschlagenden Granaten aus. Gezwungen, schnelle Deckung zu nehmen, warfen sie mich einige Male ab, so daß ich hart in die Trichter schlug. Wir langten endlich bei einem mit Beton und Blech verkleideten Unterstand an, der den wunderlichen Namen »Kolumbusei« führte. Man schleppte mich hinunter und legte mich auf eine Holzpritsche. In diesem Raum saßen schweigend zwei mir unbekannte Offiziere und lauschten dem orkanischen Konzert der Artillerie. Der eine war, wie ich später erfuhr, der Leutnant Bartmer, der andere ein Feldhilfsarzt namens Helms. Nie mundete ein Trunk mir besser als das Gemisch von Regenwasser und Rotwein, das er mir einflößte. Wie ein Feuer ergriff mich das Fieber. Ich rang in schwerer Atemnot nach Luft, und gleich einem Alb lastete die Vorstellung auf mir, daß die Betondecke des Unterstandes auf meiner Brust liege und daß ich sie mit jedem Atemzug emporstemmen müsse.  –  Der Assistenzarzt Köppen trat atemlos ein. Er war, verfolgt von Granaten, über das Schlachtfeld gelaufen. Er erkannte mich, beugte sich über mich, und ich sah, wie sich sein Gesicht zu einer beruhigend lächelnden Grimasse verzerrte. Ihm folgte mein Bataillonskommandeur, und da er, ein strenger Mann, mir sanft auf die Schulter klopfte, mußte ich lächeln, denn es kam mir der Gedanke, daß nun gleich der Kaiser selbst eintreten und sich nach mir erkundigen werde.  –  Die vier Männer setzten sich zusammen, tranken aus Feldbechern und flüsterten. Ich merkte, daß sie einen Augenblick von mir sprachen, und vernahm abgerissene Worte wie ›Brüder‹, ›Lunge‹, ›Verwundung‹, über deren Zusammenhang ich dann nachdachte. Laut fingen sie an, über den Stand der Schlacht zu reden. m –  In die tödliche Ermattung, in der ich mich befand, drang jetzt ein Bewußtsein des Glückes ein, das sich mehr und mehr verstärkte und das sich Wochen hindurch bei mir erhielt. Ich dachte an den Tod, ohne daß der Gedanke mich beunruhigte. Alle meine Verhältnisse schienen mir bis ins Erstaunliche einfach, und mit dem Bewußtsein ›Du bist in Ordnung‹ glitt ich in den Schlaf hinüber.«“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 197-203

„Regniéville  –  Am 4. August 1917 verließen wir in dem berühmten Mars-la-Tour den Zug. Die siebente und achte Kompanie kamen in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen Verpflegungssätze in manche Verlegenheit. Es war streng verboten, in den Feldern zu furagieren; trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte »weil sie sich hatten fassen lassen«, wie meine, allerdings nicht offizielle, Begründung lautete.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 203

„Als ich Freiwillige rief, traten zu meiner Überraschung - es war immerhin bereits Ende 1917 - aus allen Kompanien des Bataillions fast drei Viertel der Mannschaft vor. Ich traf die Auswahl der Teilnehmer nach meiner Gewohnheit, idem ich an der Front entlang ging und die »guten« Gesichter aussuchte. Einige Überzählige weinten fast, als sie zurückgewiesen wurden.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 208

„Ich hatte eine dem Handwerk, das wir auszuüben gedachten, angemessene Arbeitstracht angelegt: cor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf Eierhandgranaten, in der linek Hosentasche Leuchtkompaß un d Trillerpfeife, am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der handgranaten, Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte Brieftasche und meine Heimatanschrift, in der hinteren Hosentasche eine platte Flasche von Cherry-Brandy. Achselklappen und Gibraltarband jatten wir abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Bide.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 209-210

„Am nächsten tage besichtigte Oberst von Oppen die Patrouille noch einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Opfern dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der Inschrift: »Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah!« In eine große Steintafel war gemeißelt: Heldentaten, Heldergräber // reihen neu sich an die alten, // künden, wie das reich erstanden, // künden, wie das reich erhalten.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 215

„Der Handgranatenwechsel erinnert an das Florettfechten; man muß dabei Sprünge machen wie beim Ballett. Er ist der tödlichste der Zweikämpfe, dere nur dadurch, daß einer der beiden Gegner in die Luft fliegt, beendet wird. Auch daß beide fallen, kann vorkommen.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 241-242

„Ich behelligte wegen meiner fünften Doppelverwundung nicht erst die Lazarette, sondern ließ sie während eines Weihnachtsurlaubs zuheilen. Der Riß am Hinterkopf schloß sich schnell, der Splitter an der Stirn wuchs ein, um zwei anderer, die noch von Regniéville her in der linken hand und im Ohrläppchen saßen, Gesellschaft zu leisten. Während dieser Zeit wurde ich durch das Ritterkreuz des hausordens von Hohenzollern überrascht, das man mir von draußen nachsandte.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 245-246

„Am 24. Janiar veravschiedete sich Oberst von Oppen, um in Palästina eine Brigade zu übernehmen. Er hatte das Regiment, dessen Kriegsgeschichte eng mit seinem Namen verflochten ist, ununterbrochen seit dem Herbst 1914 geführt. Oberst von Oppen war ein lebendiges Beispiel dafür, daß es Menschen gibt, die zum Befehlen geboren sind. Stets umgab ihn eine Sphäre der Ordnung und der Zuversicht. Das Regiment ist der letzte Verband, in dem man sich noch persönlich kennt; es ist gewissermaßen die größte soldatische Familie, und die Prägung eines solchen Mannes wirkt unsichtbar in Tausenden nach. Leider sollten seine Abschiedsworte: »Auf Wiedersehen in Hannover!« nicht in Erfüllung gehen; er starb bald an der asiatischen Cholera. Als ich die Nachricht von seinem Tode bereits vernommen hatte, erhielt ich noch einen Brief von seiner hand. ich verdanke ihm viel.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 249

„Kurz vor Beginn (der Großen Schlacht [Beginn: 21.03.1918]; HB) wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: »S.M. der Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operation begeben.« Er wurde mit Beifall begrüßt.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 256

„Beim Anblick dieser aufgestauten Massen schien mir der Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete es bestimmt. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Hier wurde das Schicksal von Völkern zum Austrag gebracht, es ging um die Zukunft der Welt. ich empfand die Bedeutung der Stunde, und ich glaube, daß jeder damals das Persönliche sich auflösen fühlte und daß die Furcht ihn verließ.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 259-260

„Inzwischen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend, nachdem wir ein Stück Holz mit einem weißen Mullfetzen neben ihm in den Boden gesteckt hatten als Zeichen für die den Stürmern folgende Welle von Krankenträgern. Halb links vor uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer so dicht, als ob ein Sack voll Erbsen ausgeschüttet würde. Es war gezielt.  –  Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer Granaten entschwelten. Ich war ganz allein.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 261-262

„Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt in brauner Uniform, anscheinend verwundet, kauerte zwanzig Schritt voraus in der Mitte der zertrommelten Mulde, die Hände auf den Boden gestützt. Wir nahmen uns wahr, als ich um eine Windung bog. Ich sah sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weitgeöffneten Augen anstarren, während ich, das Gesicht hinter der Pistole verborgen, mich langsam und bösartig näherte. Ein blutiger Auftritt ohne Zeugen bereitete sich vor. Es war eine Erlösung, den Widersacher endlich greifbar zu sehen. Ich setzte die Mündung an die Schläfe des vor Angst Gelähmten, die andere Faust in seinen Uniformrock krallend, der Orden und Rangabzeichen trug. Ein Offizier; er mußte in diesen Gräben kommandiert haben. Mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche, aber er zog keine Waffe, sondern ein Lichtbild aus ihr hervor, das er mir vor die Augen hielt. Ich sah ihn darauf, von einer vielköpfigen Familie umgeben, auf einer Terrasse stehen.  –  Das war eine Beschwörung aus einer versunkenen, unglaublich fernen Welt. Ich habe es später als ein großes Glück betrachtet, daß ich ihn losließ und weiter vorstürzte. Gerade dieser eine erschien mir noch oft im Traum. Das ließ mich hoffen, daß er die Heimat wiedergesehen hat.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 262-263

„Von oben sprangen Leute meiner Kompanie in den Hohlweg hinab. Mir war glühend heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch, daß ich einige Mal sehr energisch rief: »Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen Mantel aus« und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens vierhundert Schritt entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch ich rannte blindlings den feuerspeienden Bahndamm an. In irgendeinem Trichter sprang ich auf eine pistoleschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Handvoll Munition zusteckte.  –  Ich schließe daraus, daß das Eindringen in den Trichtersaum auf Widerstand gestoßen war, denn ich hatte mir vor dem Sturm einen guten Vorrat an Pistolenkugeln eingesteckt. Wahrscheinlich hatten sich hier die Reste der aus den vorderen Gräben geworfenen Besatzung eingenistet und tauchten bald hier, bald dort zwischen den Angreifern auf. Es fehlt mir aber für diesen Abschnitt die persönliche Erinnerung. Ich durchmaß ihn jedenfalls, ohne verwundet zu werden, obwohl nicht nur das Feuer aus den Trichtern sich kreuzte, sondern auch vom Bahndamm her die Geschosse auf Freund und Feind wie ein Bienenschwarm losfuhren. Sie mußten dort fast unerschöpfliche Vorräte an Munition haben.  –  Unsere Aufmerksamkeit richtete sich nun auf dieses Bollwerk, das als drohender Wall vor uns aufragte. Das zernarbte Feld, das uns von ihm trennte, bevölkerten Hunderte von versprengten Engländern. Sie suchten zum Teil den Damm noch zu erreichen, zum Teil waren sie in Handgemenge verstrickt.  –  Kius teilte mir später Einzelheiten mit, die ich mit dem Gefühl vernahm, das man empfindet, wenn man einen Dritten von tollen Streichen berichten hört, die man im Rausch begangen hat. So hatte er einen Engländer mit Handgranaten durch ein Grabenstück gejagt. Als ihm die Wurfgeschosse ausgingen, setzte er, um seinen Gegner »im Laufen zu halten«, die Verfolgung mit Erdklumpen fort, während ich oben auf Deckung stand und mir vor Lachen die Seiten hielt.  –  Unter solchen Abenteuern erreichten wir, ohne es recht zu merken, den Bahndamm, der ununterbrochen wie eine groBe Maschine Feuer schleuderte. Hier setzt meine Erinnerung, und zwar mit der Wahrnehmung einer äußerst günstigen Lage, wieder ein. Wir waren nicht getroffen worden, und nun verwandelte sich, da wir hart an seiner Böschung standen, der Bahndamm aus einem Hindernis in eine Deckung für uns. Ich sah, wie aus einem tiefen Traum erwachend, daß sich die deutschen Stahlhelme durch das Trichterfeld näherten. Sie wuchsen wie eine eiserne Saat aus dem mit Feuer gepflügten Boden empor. Zugleich nahm ich wahr, daß dicht neben meinem Fuß aus einem mit Sackleinwand verhängten Stollenfenster der Lauf eines schweren Maschinengewehrs hervorlugte. Der Lärm war so stark, daß wir nur am Zittern der Mündung erkannten, daß die Waffe feuerte. Der Verteidiger war also nur noch um Armeslänge von uns entfernt. In dieser unmittelbaren Nähe am Feind lag unsere Sicherheit. Es lag auch sein Untergang darin. Ein heißer Dunst stieg von der Waffe auf. Sie mußte viele getroffen haben und mähte immer noch. Der Lauf bewegte sich nur wenig; das Feuer war gezielt.  –  Ich starrte gebannt auf das heiße, vibrierende Stück Eisen, das den Tod aussäte und fast meinen Fuß streifte. Dann schoB ich durch das Tuch. Ein Mann, der neben mir auftauchte, riß es fort und warf eine Handgranate in die Offnung hinein. Ein Stoß und die entquellende weißliche Wolke verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Die Mündung bewegte sich nicht mehr, die Waffe schwieg. Wir rannten an der Böschung entlang, um die nächsten Luken in der gleichen Art zu bearbeiten, und brachen so einige Wirbel aus dem Rückgrat der Verteidigung. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig zurück. Nun erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum ersten Mal im Krieg sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen im Bogen hinab.  –  Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend, stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und heraushängender Halsbinde zusammen; ich packte ihn und schleuderte ihn gegen einen Sandsackwall. Hinter mir tauchte der weißhaarige Kopf eines Majors auf, der mir zuschrie: »Schlag den Hund tot!« Das war unnötig. Ich wandte mich dem unteren Graben zu, der von Engländern wimmelte. Es war wie bei einem Schiffsuntergang. Einige warfen Enteneier, andere schossen mit Coltrevolvern, die meisten flüchteten. Wir hatten nun die Oberhand. Ich drückte wie im Traum meine Pistole ab, obwohl ich längst keine Kugel mehr im Lauf hatte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden. Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft.  –  In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Engländer sprangen aus ihren Gräben und flohen über das freie Feld. Von der Dammkrone raste ein tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen sich im Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Gefallenen bedeckt. Das war die andere Seite des Bahndammes. Auch Deutsche waren bereits im Vorfelde. Neben mir stand ein Unteroffizier und starrte mit offenem Mund in das Gefecht. Ich nahm sein Gewehr und schoß auf einen Engländer, der mit zwei Deutschen im Handgemenge war. Die beiden stutzten einen Augenblick über die unsichtbare Hilfe, um gleich darauf weiterzugehen.  –  Der Erfolg brachte eine zauberhafte Wirkung hervor. Obwohl längst von der Führung einheitlicher Verbände keine Rede mehr sein konnte, gab es für jeden nur eine Richtung: Vor! Jeder rannte geradeaus los.  –  Als Ziel wählte ich eine kleine Anhöhe, auf der die Trümmer eines Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes Flugzeug zu sehen waren. Andere waren bei mir; wir bildeten ein Rudel und drangen im Eifer in die Flammenwand der eigenen Feuerwalze ein. Wir mußten uns in die Trichter werfen und das weitere Vorrücken des Feuers abwarten. Neben mir entdeckte ich einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir uns schon jahrelang gekannt hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf Nimmerwiedersehen. Selbst in diesen furchtbaren Augenblicken geschah etwas Witziges. Ein Mann neben mir riß sein Gewehr an die Backe, um wie bei einer Treibjagd auf einen Hasen zu schießen, der plötzlich durch unsere Linien sprang. Der Einfall kam so verblüffend, daß ich lachen mußte. Es kann eben nichts so schrecklich sein, daß nicht irgendein verwegener Geselle noch seinen Trumpf daraufsetzte.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 263-266

„Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein leichtes oder schweres Maschinengewehr. Mit ihnen hielten wir den englischen Teil des Grabens der Länge nach unter immer stärkeren Druck. Auch ich stellte mich hinter eine dieser Kugelspritzen und schoß, bis der zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Hier könnte ich den Schotten erwischt haben, der mir nach dem Krieg einen netten Brief aus Glagow schrieb, in dem er den ort, an dem er verwundet wurde, genau bezeichnete. Wenn das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter wenig feinen Scherzen durch ein natürliches Verfahren wieder gefüllt. Bald begannen die Waffen zu glühen.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 280

„Unsre Überlegenheit wuchs mit jedem Augenblick, denn dem durch den Anlauf lang auseinandergezogenen Stoßtrupp folgten gleich einem breiten Keile die Verstärkungen.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 281-282

„Der General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern totgesagt sei. Es war nicht das erstemal in diesem Krieg.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 285

„Auf der Straße Noreuil-Queant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer sie nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Troßzügen machen, durch die sich ein Großangriff speist. Hinter Queant steigerte sich das Gewühl ins Fabelhafte. Ein wehmütiger Augenblick war es, als ich am Häuschen der kleinen Jeanne vorüberkam, von dem kaum noch der Grundriß zu erkennen war. (Vgl. ebd., S. 76-77; HB.)
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 286

„Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten, wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Obwohl die Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts fieberhaft beschäftigt waren, wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die Schädeldecke durchbrochen war. Viel schmerzhafter als die Verwundungen, die ich nur als dumpfe Schläge empfunden hatte, war übrigens die Behandlung, der mich ein Lazarettgehilfe unterzog, nachdem der Arzt mit seiner Sonde in spielerischer Eleganz durch die beiden Schußkanäle gefahren war. Diese Behandlung bestand in einer kräftigen Rasur der Wundränder am Kopfe, ohne Seife und mit einem stumpfen Messer ausgeführt.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 286

„Ein gutes Zeichen für den Geist, der noch immer bei uns lebte, war, daß ich den Mann bestimmen mußte, der zurückbleiben sollte, um die Feldküche zu benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mögen. “
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 313

„Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in ähnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten!“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 315

„Von Kleinigkeiten wie von Prellschüssen und Rissen abgesehen, hatte ich im ganzen mindestens vierzehn Treffer aufgefangen, nämlich fünf Gewehrgeschosse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschoßsplitter, die mit Ein- und Ausschüssen gerade zwanzig Narben zurückließen. In diesem Kriege, in dem bereits mehr Räume als einzelne Menschen unter Feuer genommen wurden, hatte ich es immerhin erreicht, daß elf von diesen Geschossen auf mich persönlich gezielt waren. Ich heftete daher das Goldene Verwundettenabzeichen, das mir in diesen Tagen verkliehen wurde, mit Recht an meine Brust.“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 323

„An einem Tage, es war der 22. September 1918, erhielt ich vom General Busse folgendes Telegramm: »Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le mérite verliehen. Ich beglückwünsche Sie im Namen der ganzen Division.«“
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920, S. 324

„Der Zukunftsstaat ... national, sozial, wehrhaft und autoritativ.“
Ernst Jünger, SDas Sonderrecht des Nationalismus, in: Publizistik, 1926, S. 226

„Wir Nationalisten glauben an keine Wahrheiten. Wir glauben an keine allgemeine Moral. Wir glauben an keine Menschheit als ein Kollektivwesen mit zentralem Gewissen und einheitlichem Recht. Wir glauben vielmehr an ein schärferes Bedingtsein von Wahrheit, Recht und Moral durch Zeit, Raum und Blut. Wir glauben an den Wert des Besonderen.“
Ernst Jünger, Das Sonderrecht des Nationalismus, in: Publizistik, 1926, S. 280

In den Kaufläden (1). - Zu den Dingen, die mir in den Läden merkwürdig erscheinen, gehört der eigensinnige Hang der Kaufleute, die Ware, auch wenn sie an sich schon so verzüglich vepackt ist wie etwa eine Schokoladentafel, noch mit einer besonderen Umhüllung zu versehen. Das ist ein Verfahren, das, wie jeder Akt der Höflichkeit, seine Hintergründe hat.“
Ernst Jünger, Das abentuerliche Herz, 1929, S. 32

„Man kann sich heute nicht in Gesellschaft um Deutschland bemühen; man muß es einsam tun wie ein Mensch, der mit seinem Buschmesser im Urwald Bresche schlägt und den nur die Hoffnung erhält, daß irgendwo im Dickicht andere an der gleichen Arbeit sind.“
Ernst Jünger, Das abentuerliche Herz, 1929

„Die Gesellschaft erneuert sich durch Scheinangriffe auf sich selbst; ihr unbestimmter Charakter oder vielmehr ihre Charakterlosigkeit bringt es mit sich, daß sie auch ihre schärfste Selbstverneinung noch in sich aufzunehmen vermag. Ihre Mittel sind zwiefach: entweder verweist sie die Verneinung an ihren individuell anarchischen Pol und verleibt sie dadurch ihrem Bestande ein, daß sie sie ihrem Freiheitsbegriffe unterstellt; oder sie fängt sie an dem scheinbar entgegengesetzten Pole der Masse in sich ein und verwandelt sie dort durch Zählung, durch Abstimmung, durch Unterhandlung oder Unterhaltung in einen demokratischen Akt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 28

„Es ist kein Zweifel daran, daß unser Bestand als Ganzes sich über die Linie bewegt. Damit verändern sich Gefahern und Sicherheit.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 30

„Das Maß der Freiheit des Einzelnen entspricht genau dem Maße, in dem er Arbeiter ist. Arbeiter, Vertreter einer großen, in die Geschichte eintretenden Gestalt zu sein, bedeutet, Anteil zu haben an einem neuen, vom Schicksal zur Herrschaft bestimmten Menschentum.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 72

„Der umfassendste Tötungsakt, der heute zu beobachten ist, richtet sich gegen die Ungeborenen. Es ist vorauszusehen, daß diese Erscheinung, die in bezug auf das Individuum den Sinn einer größeren Sicherung der Lebensführung des Einzelnen besitzt, beim Typus die Rolle eines bevölkerungspolitischen Mittels spielen wird. Ebenso unschwer zu erraten ist die Wiederentdeckung der sehr alten Wissenschaft der Entvölkerungspolitik. Hierher gehören bereits die »vingt millions de trop«, ein aperçu, das inzwischen durch den Bevölkerungsschub, ein Mittel, durch das man sich sozialer oder nationaler Grenzschichten auf dem Verwaltungswege zu entledigen beginnt, an Anschaulichkeit gewonnen hat.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 153-154

„Die Technik ist die Art und Weise, in der die Gestalt des Arbeiters die Welt mobilisiert.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 160

„Die Mobilmachung der Materie durch die Gestalt des Arbeiters, wie sie alsTechnik erscheint, ist also in ihrer letzten und höchsten Stufe noch ebensowenig sichtbar geworden wie bei der ihr parallel laufenden Mobilmachung des Menschen durch dieselbe Gestalt. Diese letzte Stufe besteht in der Verwirklichung des totalen Arbeitscharakters, die hier als Totalität des technischen Raumes, dort als Totalität des Typus erscheint. Diese beiden Phasen sind in ihrem Eintritt aufeinander angewiesen – dies macht sich bemerkbar, indem einerseits der Typus der ihm eigentümlichen Mittel zu seiner Wirksamkeit bedarf, andererseits aber sich in diesen Mitteln eine Sprache verbirgt, die nur durch den Typus gesprochen werden kann. Die Annäherung an diese Einheit drückt sich aus in der Verschmelzung des Unterschiedes zwischen organischer und mechanischer Welt; ihr Symbol ist die organische Konstruktion.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 181

„Es gibt keinen triftigen Grund, der der Annahme entgegensteht, daß sich eines Tages eine Konstanz der Mittel ergeben wird. Eine solche Beständigkeit durch lange Zeiträume hindurch ist vielmehr die Regel, während das fieberhafte Tempo der Veränderung, in dem wir uns befinden, ohne geschichtliches Beispiel ist. Die Dauer dieser Art von Veränderlichkeit ist begrenzt, sei es, daß der ihr zugrunde liegende Wille zerbricht, sei es, daß er seine Ziele erreicht. Da wir solche Ziele zu sehen glauben, ist die Betrachtung der ersten Möglichkeit für uns bedeutungslos“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 187

„Die Technik ist die Mobilisierung der Welt durch die Gestalt des Arbeiters; der ersteAbschnitt dieser Mobilisierung ist notwendig zerstörerischer Natur. Nach Abschluß dieses Vorganges tritt die Gestalt des Arbeiters in bezug auf die konstruktive Tätigkeit als oberster Bauherr auf. Dann freilich wird es wieder möglich sein, im Monumentalstile zu bauen – und dies um so mehr, als die rein quantitative Leistungsfähigkeit der zur Verfügung stehenden Mittel jeden geschichtlichen Maßstab übertrifft.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 194

„Die Technik ist jedoch, wie wir sahen, keineswegs ein Instrument des Fortschritts, sondern ein Mittel zur Mobilisierung der Welt durch die Gestalt des Arbeiters, und solange dieser Vorgang läuft, ist mit Bestimmtheit vorauszusagen, daß man auf keine ihrer verheerenden Eigenschaften verzichten wird. Im übrigen vermag auch die höchste Steigerung der technischen Anstrengung nicht mehr zu erzielen als den Tod, der zu allen Zeiten gleich bitter ist. Die Ansicht, daß dieTechnik als Waffe eine tiefere Feindschaft zwischen den Menschen bewirkt, ist daher ebenso irrig wie die entsprechende, daß sie dort, wo sie als Verkehr erscheint, eine Festigung des Friedens zur Folge hat. Ihre Aufgabe ist eine ganz andere, nämlich die, sich für den Dienst einer Macht geeignet zu machen, die über Krieg und Frieden und damit über die Sittlichkeit oder Gerechtigkeit dieser Zustände inhöchster Instanz bestimmt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 195-196

„Die Technik ist vielmehr die Art und Weise, in der die Gestalt des Arbeiters die Welt mobilisiert und revolutioniert. So kommt es, daß auf der einen Seite die Mobilisierung der Nation mehr und andersartige Kräfte in Bewegung setzt, als in ihrer Absicht liegt, während auf der anderen die entwaffnete mit Notwendigkeit in jene gefährlichen und unberechenbaren Räume zurückgedrängt wird, in denen sich in chaotischer Lagerung das revolutionäre Rüstzeug verbirgt. Esgibt aber heute nur einen wirklich revolutionären Raum: er wird durch die Gestalt des Arbeiters bestimmt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 200

„Ein Zustand, der als Symbol des Ewigen Friedens anzusehen ist, wird niemals durch einen Gesellschaftsvertrag zwischen Staaten garantiert, sondern allein durch einen Staat von unbestreitbarem und imperialem Rang, in dem »Imperium et libertas« sich vereint.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 203

„Es ist ein romantischer Gedanke, daß sich ihre Entfesselung, ihre Anwendung im Kampfe auf Leben und Tod durch Gesellschaftsverträge unterbinden läßt. Die Prämisse dieses Gedankens ist, daß der Mensch gut sei – der Mensch ist aber nicht gut, sondern er ist gut und böse zugleich. In jede Berechnung, die der Wirklichkeit standhalten soll, ist einzubeziehen, daß es nichts gibt, dessen der Mensch nicht fähig ist. Die Wirklichkeit wird nicht durch Moralvorschriften, sie wird durch Gesetze bestimmt. Daher ist die entscheidende Frage, die zu stellen ist, die: Gibt es einen Punkt, von dem aus autoritativ zu entscheiden ist, ob die Mittel angewendet werden sollen oder nicht? Daß es einen solchen Punkt nicht gibt, ist ein Zeichen dafür, daß der Weltkrieg keine Weltordnung geschaffen hat, und diese Tatsache ist deutlich genug im Bewußtsein der Völker ausgeprägt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 204

„Die Technik erhält ja überhaupt ihre Bedeutung erst dadurch, daß sie die Art und Weise ist, in der die Gestalt des Arbeiters die Welt mobilisiert. “
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 204

„Es kommt nicht darauf an, daß wir leben, sondern daß überhaupt auf der Welt wieder die Führung eines Lebens im großen Stile und nach großen Maßstäben möglich ist. Man trägt dazu bei, indem man die eigenen Ansprüche schärft.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 205

„Die Beschäftigung mit der Technik wird erst dort lohnend, wo man sie als das Symbol einer übergeordneten Macht erkennt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 206

„Technik und Natur sind keine Gegensätze – werden sie so empfunden, so ist dies ein Zeichen dafür, daß das Leben nicht in Ordnung ist. Der Mensch, der sein eigenes Unvermögen durch die Seelenlosigkeit seiner Mittel zu entschuldigen sucht, gleicht dem Tausendfuß der Fabel, der zur Bewegungslosigkeit verurteilt ist, weil er seine Glieder zählt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 207

„Je mehr die Einzelnen und die Massen ermüden, desto größer wird die Verantwortung, die nur Wenigen gegeben ist. Es gibt keinen Ausweg, kein Seitwärts und Rückwärts; es gilt vielmehr, die Wucht und die Geschwindigkeit der Prozesse zu steigern, in denen wir begriffen sind. Da ist es gut, zu ahnen, daß hinter den dynamischen Übermaßen der Zeit ein unbewegliches Zentrum verborgen ist.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 207

„Wir leben in einer Welt, die auf der einen Seite durchaus einer Werkstätte, auf der anderen durchaus einem Museum gleicht.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 210

„Der gegebene Maßstab liegt in der Lebensführung des Arbeiters vor. Es kommt nicht darauf an, diese Lebensführung zu verbessern, sondern darauf, ihr einen höchsten, entscheidenden Sinn zu verleihen.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 215

„Ebenso wie der Sieger die Geschichte schreibt, das heißt, sich seinen Mythos schafft, bestimmt er, was als Kunst zu gelten hat.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 218

„Wir aber haben zu begreifen, daß zwischen der Gestalt des Arbeiters und der christlichen Seele ebensowenig eine Beziehung bestehen kann, wie sie zwischen dieser Seele und den antiken Götterbildern möglich war.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 219

„Die Landschaftsgestaltung, und zwar die planmäßige Landschaftsgestaltung, gehört zu den Zeugnissen aller Zeiten, denen eine unbezweifelbare und unbestreitbare Herrschaft gegeben war.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 225

„Der wahllose Konkurrenzkampf um die Reviere des natürlichen Reichtums und die Anhäufung von Individuen zu einer atomisierten Gesellschaft in den großen Städten brachten in unglaublich kurzer Zeit eine Veränderung hervor, deren Eingriff bis zur Verpestung derAtmosphäre und der Vergiftung der Flüsse führt. Dieser Vorgang mußte unausbleiblich die Einsicht nach sich ziehen, daß die isolierte ökonomische Existenz, das abstrakte Denken in ökonomischen Werten und Theorien, letzten Endes nicht einmal die ökonomischen Rangordnungen aufrecht zu erhalten vermag. Diese Einsicht wird illustriert durch einen Trümmerhaufen von Anlagen in allen Ländern der Welt, der nicht etwa die Folgen einer vorübergehenden Krise, sondern das Ende eines geistesgeschichtlichen Abschnittes anschaulich macht.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 227-228

„Daß die großen Prozesse dennoch weiterlaufen, ist ein Beweis dafür, daß es sich hier um einen Vorgang handelt, der die bürgerliche Welt und ihre Wertungen übergreift. Die Zahl der großen und kleinen Katastrophen kündet deutlich an, daß die private Sphäre den Aufgaben, die sie für sich in Anspruch nahm, nicht mehr gewachsen ist. Dies muß notwendig zu Maßnahmen führen, die mit dem alten Freiheitsbegriff nicht in Einklang zu bringen sind und auf die im einzelnen nicht eingegangen werden kann. So muß die Gewährung von Subventionen Eingriffe indie Unabhängigkeit der Wirtschaft und die Führung des Konkurrenzkampfes nach sich ziehen, und so gehören zu den natürlichen Folgen von Arbeitslosenunterstützungen schwere Beschränkungen der individuellen Grundrechte, wie der Freizügigkeit und des freien Gebrauches der Kündigung.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 228

„Tatsächlich erleben wir, scheinbar durch rein zwangsläufige Verkettungen, eine sich ständig verschärfende Beschlagnahme des Individuums und seiner gesellschaftlichen Formen durch den Staat.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 228

„Weltrevolutionär ist die Technik als das Mittel, durch das die Gestalt des Arbeiters die Welt mobilisiert, weltrevolutionär der Typus, in dem dieselbe Gestalt sich eine herrschende Rasse schafft. Die geheime Anlage der Mittel, der Waffen, der Wissenschaften zielt auf Raumbeherrschung von Pol zu Pol, und die Auseinandersetzungen zwischen den großen Lebenseinheiten streben weltkriegerischen Charakter an.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 231

„Die Kunst ist nichts Besonderes, nichts, was an den Teilen zur Darstellung gebracht und etwa auf Einzelgebieten wiederhergestellt werden kann. Als Ausdruck eines mächtigen Lebensgefühles gleicht sie der Sprache, die man spricht, ohne sich ihrer Tiefe bewußt zu sein. Das Wunderbare trifft man entweder überall oder an keiner Stelle an. Es ist, mit anderen Worten, eine Eigenschaft der Gestalt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 233

„Das Typische gilt als die Form des Zivilisatorischen, die von den natürlichen Formen ebensosehr wie von denen der Kultur unterschieden, und zwar durch das Kennzeichen der Wertlosigkeit unterschieden ist.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 233

„Dies sind gängige Wertungen der Zeitkritik innerhalb eines polaren Verhältnisses zwischen Masse und Individualität. Wir sahen jedoch, daß Masse und Individualität die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind, und keine Kritik wird aus diesem Verhältnis mehr herausrechnen, als in ihm enthalten ist. Insbesondere wird der Typus durch diese Wertungen in keiner Weise berührt, denn seine Form ist dort, wo er als Gemeinschaft erscheint, nicht die der Masse, und dort, wo er als Einzelner auftritt, nicht die des Individuums.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 233-234

„Überall in der Natur begegnen wir einem Verhältnis zwischen Stempel und Prägung, das dem Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung in derselben Weise übergeordnet ist, in der etwa der »astrologische« Charakter eines Menschen ungleich bedeutender ist als seine rein moralische Qualität.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 236

„Diese Rangordnung offenbart sich, indem Ursache und Wirkung nur an der geprägten Form zu begreifen ist, während diese Formen an und für sich bestehen, gleichviel welche Erklärung man ihnen geben, welche Perspektive ihrer Betrachtung man aufsuchen mag. Ohne Zweifel ist jene Anschauung, über welche der naturwissenschaftliche Dünkel sich weit zu erheben glaubte, die Anschauung nämlich, daß jede Form ihren Ursprung einem besonderen Schöpfungsakte (hinter der Lehre von den Mutationen verbirgt sich übrigens eine der Wiederentdeckungen des Wunders durch die moderne Wissenschaft) verdankt, der natürlichen Wirklichkeit weit angemessener als die mechanische Entwicklungstheorie, die für ein Jahrhundert das Wissen von der »lebenden Entwicklung« verdrängte, das unter Entwicklung die Projektion von Urbildern in den der Wahrnehmung zugänglichen Raum verstand.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 236

„Ebenso wie das moderne Naturgefühl ein Kennzeichen für den Zwiespalt ist, der zwischen den Menschen und der Natur besteht, deutet sich im Kulturgefühl die Entfernung des Menschen von der schöpferischen Leistung an – eine Entfernung, wie sie im Abstand des Museumsbesuchers von den ausgestellten Objekten zum Ausdruck kommt. Es ist uns der Gedanke sehr fremd geworden, daß es Maße gibt, deren Hervorbringung ohne Anstrengung geschieht, weil jede Bewegung bereits Ausdruck und Repräsentation des Maßes ist – und entsprechend eine Bildung, welche die Gebilde wie Gewächse aus dem Boden treibt oder sie nach kristallinischen Gesetzen zusammenschießen läßt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 238

„ Die wesentliche Gegenüberstellung lautet nicht: Einzelner oder Gemeinschaft, sie lautet: Typus oder Individuum.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 240

„Der Liberalismus hältsich seit langem eine eigentümliche Art von Hofnarren, deren Aufgabe darin besteht, ihm Wahrheiten zu sagen, die ungefährlich geworden sind.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 245

„Man besitzt Macht, insofern man über motorische Energie verfügt – letzten Endes ist bereits der Wille zur Macht eine hinreichende Legitimation. Ebenso sind die Symbole, auf die man in millionenfacher Wiederholung stößt, Ausdruck einer Bewegungssprache, so der Flügel, die Welle, die Schraube, das Rad. Dieser Prozeß mündet aus in die reine Bewegung der selbständig gewordenen Teile, also in dieAnarchie, oder er wird eingefangen und gegliedert durch Mächte statischer Art.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 247

„Es gibt Mächte, von denen man ebensowenig Legalität wie von einem Hochstapler Geschenke annehmen kann, ohne daß man sich zum Mitschuldigen macht.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 251

„ Wir stehen in einem Prozeß, durch denden allgemeinen Prinzipien Richtung gegeben wird und in dem die »Freiheit wovon« sich wandelt in eine »Freiheit wozu«. In diesem Zusammenhange erscheint der Sozialismus als die Voraussetzung einer schärfsten autoritären Gliederung und der Nationalismus als die Voraussetzung für Aufgaben von imperialem Rang.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 254

„Der Sozialismus und der Nationalismus als allgemeine Prinzipien sind, wie gesagt, zugleich nachholender und vorbereitender Natur. Dort, wo der menschlicheGeist sie für verwirklicht hält, deutet sich der Abschluß eines Zeitalters an, aber sogleich wird offenbar, daß dieser Abschluß neue Aufgaben, neue Gefahren, neue Möglichkeiten des Aufmarsches in sich enthält. In allen großen Ereignissenunserer Zeit verbergen sich sowohl die Endpunkte von Entwicklungen wie die Anfangspunkte neuer Ordnungen. Dies gilt auch für den Weltkrieg als das umfassendste und einschneidendste dieser Ereignisse.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 254

„Der Weltkrieg war, insofern er den Schlußstrich unter das 19. Jahrhundert zog, eine gewaltige Bestätigung der in diesem Jahrhundert wirksamen Prinzipien. Er hinterließ auf dem Erdball keine andere Staatsform als die der verhüllten oderunverhüllten nationalen Demokratie.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 254-255

„Auch dort, wo die Auseinandersetzung eine rein ökonomische Färbung angenommen hat, dürfte der Satz einleuchten, daß der Sozialismus in der Nachbarschaft eines kräftigen Kapitalismus vor allem gedeiht. Handelt es sich doch um zwei Äste von ein und demselben Holz.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 266

„Man beginnt endlich zu sehen, daß hier ein sehr gleichartiges Menschentum an der Arbeit ist und daß der Vorgang des Meinungskampfes als ein Schauspiel erkannt werden muß, das das bürgerliche Individuum mit verteilten Rollen spielt. Alle diese Leute sind radikal, das heißt: langweilig, und ihre gemeinsame Ernährungsweise besteht ohne Unterschied in der Ausmünzung von Tatsachen zu Meinungen. Ihr gemeinsamer Stil ist zu definieren als ein einfältiger Jubel über irgendeinen Standpunkt, irgendeine Perspektive, die ihnen allein eigentümlich ist – also als das Gefühl des einmaligen Erlebnisses in seiner billigsten Form.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 278-279

„Es wäre irrig, anzunehmen, daß die entsprechenden Zerstörungsmittel für den Arbeiter in den großen sozialen und ökonomischen Theorien zu suchen sind. Wir führten vielmehr bereits aus, daß in ihnen lediglich eine Fortsetzung der Arbeit der bürgerlichen Vernunft zu erblicken ist. Diese Theorien sind viel weniger zu vergleichen der Neuentdeckung des Menschen im 18. Jahrhundert als dem aristokratischen Rationalismus, durch den sich die Schicht, gegen welche diese Entdeckung gerichtet ist, gleichzeitig aus sich selbst heraus zersetzt.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 287

„Diese Selbstzersetzung der alten Gesellschaft kommt allerdings dem Bürger ebenso zugute wie später die Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft dem Arbeiter. Wenn man auch hierin eine Waffe erblicken will, so ist das zulässig nach dem Grundsatze, daß alles von Vorteil ist, was den Gegner zu schädigen vermag. Das angewandte Verfahren stößt freilich nicht aus der Zone der Zerstörung in die der Herrschaft hinaus. Die ihm zugrunde liegenden Prinzipien, etwa das der Gleichheit oder der Teilung, sind lediglich nivellierender Art; sie beziehen sich auf den gegebenen Gesellschaftsbestand.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 287

„Die revolutionären Mittel, die der Arbeiter legitimiert, sind bedeutender als abstrakt-geistige Mittel: sie sind gegenständlicher Art. Die Aufgabe des Arbeiters besteht in der Legitimation der technischen Mittel, durch die die Welt mobilisiert, das heißt, in den Zustand einer uferlosen Bewegung versetzt worden ist. Das reine Vorhandensein dieser Mittel steht zum bürgerlichen Freiheitsbegriff und den ihm angemessenen Lebensformen in einem wachsenden Gegensatz; es erfordert die Bändigung durch eine ihrer Sprache gewachsene Kraft. Wir haben es hier mit einer jener großen stofflichen Revolutionen zu tun, die mit dem Auftreten von Rassen zusammenfallen, denen der Zauber neuer Mittel wie der Bronze, des Eisens, des Pferdes, des Segels zur Verfügung steht. Ebenso wie das Pferd erst durch den Ritter, das Eisen durch den Schmied, das Schiff durch jene »dreifach mit Erz gepanzerte Brust« ihre Bedeutung gewinnen, so tritt auch der Sinn, die Metaphysik des technischen Instrumentariums erst dann hervor, wenn die Rasse des Arbeiters alsdie ihm zugeordnete Größe erscheint.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 287-288

„Dem Unterschiede der angewandten Mittel entspricht der Unterschied in der Einrichtung und Besitzergreifung der eroberten Welt. Für den Bürger vollzieht sich dieser Vorgang in der geistigen Konstruktion von Verfassungen, in denen dieselbe Vernunft, die die alte Gesellschaft zerstörte, als Fundament und Grundmaß einer neuen erscheint. Für den Arbeiter stellt sich die entsprechende Aufgabe dar als die organische Konstruktion der in eine uferlose Bewegung geratenen Massen und Energien, die der Zersetzungsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft hinterlassen hat. Der Rahmen, in den die Freiheit des Handelns eingeschlossen wird, ist hier nicht mehr die bürgerliche Verfassung, sondern der Arbeitsplan. Wie der Bürger zunächst den absoluten Staat als Feld der Tätigkeit vorfindet, so vollziehen sich die ersten Bewegungen des Arbeiters innerhalb der Grenzen der nationalen Demokratie, deren Mittel den beiden Trägern der bürgerlichen Gesellschaft, also dem Individuum und der Masse, zu entwinden sind.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 288

„Der Nationalismus und der Sozialismus sind zu erkennen als Prinzipien, die dem 19. Jahrhundert zugeordnet sind. Die Ordnungen der nationalen Demokratie treiben in demselben Maße, in dem sie an Allgemeingültigkeit gewinnen, Zuständen der Weltanarchie zu. Ebenso ist der Sozialismus außerstande, gültige Ordnungen zu verwirklichen. Diese beiden Prinzipien scheitern an sich selbst, indem jede beliebige Macht sich ihrer Spielregeln bedient.“
Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 316

„Die schlechte Rasse wird daran erkannt, daß sie sich durch den Vergleich mit anderen zu erhöhen, andere durch den Vergleich mit sich zu erniedrigen sucht.“
Ernst Jünger, Blätter und Steine, 1934

„Tief ist der Haß, der in den niederen Herzen dem Schönen gegenüber brennt.“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 48

„Dreieinig sind das Wort, die Freiheit und der Geist.“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 67

„Denn die Erde ist schön“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 71

„So ruhen unsere hohen Kräfte unverletzlich wie in den Adlerschlössern aus Kristall.“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 73

„Der Pater Lampros freilich lächelte und meinte, es gäbe Sarkophage auch für den Geist.“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 73

„So gibt es Lagen, in denen jeder jeden für einen Träumer hält. - Es ist jedoch ein Fehler, der uns im Denken häufig unterläuft, daß wir bei Gleichheit der Methoden auch auf die gleichen Ziele schließen und auf die Einheit des Willens, der hinter ihnen steht. Darin bestand Verschiedenheit insofern, als der Alte die Marina mit Bestien zu bevölkern im Sinne hatte, indessen Braquemart sie als den Boden für Sklaven und für Sklavenheere betrachtete. Es drehte sich dabei im Grunde um einen der inneren Konflikte unter Mauretaniern, den hier in seinen Einzelheiten zu beschreiben nicht tunlich ist. Es sei nur angedeutet, daß zwischen dem ausgeformten Nihilismus und der wilden Anarchie ein tiefer Gegensatz besteht. Es handelt sich bei diesem Kampfe darum, ob die Menschensiedlung zur Wüste oder zum Urwald umgewandelt werden soll.“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 93

„Was Braquemart betrifft, so waren alle Züge des späten Nihilismus an ihm sehr ausgeprägt. Ihm war die kalte, wurzellose Intelligenz zu eigen und auch die Neigung zur Utopie. Er faßte wie alle seinesgleichen das Leben als ein Uhrwerk auf, und er erblickte in Gewalt und Schrecken die Antriebsräder der Lebensuhr. Zugleich erging er sich in den Begriffen einer zweiten und künstlichen Natur, berauschte sich am Dufte nachgeahmter Blumen und den Genüssen einer vorgespielten Sinnlichkeit. Die Schöpfung war in seiner Brust getötet und wie ein Spielwerk wieder aufgebaut. Eisblumem blühten auf seiner Stirn. Wenn man ihn sah, dann mußte man an den tiefen Ausspruch seines Meisters denken: »Die Wüste wächst  –  weh dem, der Wüsten birgt!«.“
Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen, 1939, S. 93-94

„Unter Ihren Bemerkungen fiel mir der Satz auf, daß Sie und Ihre Freunde die Menschen nur nach ihrem funktionalen Charakter werteten. Wichtig ist aber ohne Zweifel nur, was übrig bleibt, wenn man den Menschen seiner Funktion beraubt, sei es seiner technisch-politischen, sei es der des Lebens überhaupt. Das ist ein metaphysischer, unteilbarer und unorganisierbarer Rest.“
Ernst Jünger, Brief an Edgar Traugott, 21.09.1942

„Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein. Man kann jedoch die Barometer nicht für die Taifune büßen lassen, falls man nicht zu den Primitiven zählen will. (Bitte bei den folgenden Zitaten aus Jüngers Buch »Strahlungen« den folgenden Hinweis beachten! »In verschlüsselter Form spiegelt sich in diesem Tagebuch seine Affäre mit der verheirateten deutschstämmigen Pariser Kinderärztin Sophie Ravoux wider. Ihren Namen verbirgt Jünger hinter den Chiffren ›Doctoresse‹, ›Madame Dankart‹, ›Madame d’Armenonville‹, ›Charmille‹ oder ›Camilla‹. Unter ihrem bürgerlichen Namen findet sie erst 1972 in Jüngers Alterstagebuch Siebzig verweht Eingang. Er verwendet auch für andere Personen selbst erfundene Pseudonyme. - Wenn er Hitler meint, spricht er immer von ›Kniébolo‹, von seiner Frau spricht er als ›Perpetua‹. Ohne Namensnennung erwähnt er oft den ›Oberbefehlshaber‹ und den ›Präsidenten‹, im Unterschied dazu auch einen ›Président‹. Auch ›Oberförster‹, ›Schinderhannes‹ und ›Grandgoschier‹ finden Erwähnung [z.B. am 27. März 1944].« [Wikipedia])“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 9

Vincennes, 1. Mai 1941. - .... Maiglöckchen, von denen ich ein Sträußchen kaufe, zur Feier des Tages, der wohl auch Schuld trug an der Begegnung mit Renée, einer jungen Kontoristin aus einem Warenhaus. Die Stadt bringt solche Verknüpfungen fast ohne eigene Bemühungen; man merkt, daß sie auf einem Altar der Venus gegründet ist. - Gegessen, dann im Lichtspiel; ich berührte dort ihre Brust. Ein heißer Eisberg, ein Hügel im Frühling, in den Myriaden von Lebenskeimen, etwa von weißen Anemonen, eigebettet sind.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 32

Vincennes, 3. Mai 1941. - Mir gegenüber ein Mädchen in Rot und Blau, das vollkommene Schönheit mit mit einem hohen Maß von Kälte vereinigte. Eine Eisblume: wer sie auftaut, zerstört die Form. “
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 33

Montgé, 8. Juni 1941. - Am Nachmittag des 5. Juni marschierten wir ab. Die Mädchen von Montreuil und Vincennes bildeten vor den Toren des Forts Spalier, wie weilan die Schönen beim Abzug der Truppen Alexanders aus Babylon.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 41

Paris, 18. Oktober 1941. - Mittags mit Carl Schmitt, der vorgestern einen Vortrag über die völkerrechtliche Bedeutung des Unterschiedes von Land und Meer gehalten hat, im Ritz. Dazu Oberst Speidel, grüninger, Graf Podewils. Gespräch über wissenschaftliche und literarische Kontroverse in dieser Zeit. Carl Schmitt verglich seine Lage mit der des weißen , von schwarzen Sklaven beherrschten Kapitäns in Melvilles »Benito Corneo« und zitiert dazu den Spruch: »Non possum scribere contra eum, qui potest proscribere«.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 51-52

Paris, 18. Oktober 1941. - Zum Trocadéro, am rechten Ufer entlang. Wir sprachen dabei die Lage durch. Carl Schmitt sieht ihre Bedeutung darin, daß Schichtensich vom menschlichen Bestand abzulsöen beginnen, um unterhalb der Zone der Willensfreiheit zu erstarren - so wie die Tiere abgefallene Masken des Menschenbildes sind. Der Mensch stößt eine neue zoologische Ordnung aus sich aus - die eigentliche Gefahr des Vorganges liegt darin, daß man in ihn einbezogen wird.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 52

Paris, 19. Oktober 1941. - Mit Grüninger und Carl Schmitt in Port Royal.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 52

Paris, 12. November 1941. - Die Zukunft ist füssig, die Vergangenheit ist fest.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 56

Paris, 7. Dezember 1941. - Merline ( Louis-Ferdinand Céline [eigentlich: Destouches]; HB), groß knochig, stark, ein wenig plump, doch lebhaft in der Diskussion oder vielmehr im Monolog. Es ist ihm der in sich gekehrte Blick der Manischen eigentümlich, der wie aus Höhen hervorleuchtet. Er sieht nicht mehr nach rechts und nach links; man hat den Eindruck, daß er auf ein unb ekanntes Ziel zuschreitet: »Ich habe den Tod stets neben mir« - dabei deutet er neben seinen Sessel wie auf ein Hüdchen, das dort liegt. - Er sprach sein Befremden, sein Erstaunen darüber aus, daß wir Soldaten die Juden nicht erschießen, aufhängen, ausrotten - sein Erstaunen darüber, daß jemand, dem die Bajonette zur Verfügung stehn, nicht unbeschränkten Gebrauch von ihnen macht. »Wenn die Bolschewiken in Paris wären, sie würden Ihnen das vormachen, Ihnen zeigen, wie man Quartier für Quartier und Haus für Haus die Einwohnerschaft durchkämmt. wenn ich die Baajonette hätte, ich würde wissen, was ich zu tun hätte. - Es war mir lehrreich, ihn derart zwei Stunden wüten zu hören, weil die ungeheure Stärke des Nihilismus mir an ihm einleuchtete. Solche Menschen hören nur eine Melodie, doch diese ungemein eindringlich. Sie gleichen eiserenen Maschinen, die ihren Weg verfolgen, bis man sie zerbricht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 63

Kirchhorst, 24. Dezember 1941. - Auf Urlaub in Kirchhorst. Ish spüre kaum den Hang zu Aufzeichnungen - ein gutes Signum für die Schwerkraft, die mir Perpetua verleiht. Wozu der Monolog. Besucher, darunter Carl Schmitt. Er weile für zwei Tage. - Nachts Träume - eine Menge von nackten Menschen, unter denen es Opfer und Henker gab. Im Vordergrunde ein Weib von wunderbarer Schönheit, dem einer der Henker mit einem Hiebe den Kopf herunterschlug. Ich sah den Rumpf noch eine Weile stehn, ehe er zusammenbrach - noch kopflos schien er begehrenswert.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 65-66

Paris, 7. Januar 1942. - Nachmittags bei Poupet in der Rue Garanvière. .... Charmille. Wir sprachen über Proust, von dem Poupet mir Briefe schenken will. Dann über Bekannte, die sie recht scharf erfaßt. Auch über Einfluß, den Eros auf die Bildung des Körpers übt. In diesem Zusammenhange über das Wort souplesse, das ähnlich wie désinvolture unübersetzbare Züge trägt. - Der erste Brief Perpetuas. Wie ich wohl fühlte, sprachen die beiden, nachdem sie mich an die Bahn gebracht hatten, auf dem Rückwege durch die nächlichen Straßen noch lange von mir. Vielleicht wird sie ein Haus bei Uelzen für uns kaufen; die Gegend im Herzen der Heide wäre die rechte für das einsame Leben, dem wir zustreben. - Ferner ein Brief von Wolfgang, der als der letzte von uns vier Brüdern eingezogen worden ist. Er führt jetzt als Gefreiter ein Gefangenenlager in Züllichau; die Gefangenen werden es dort gut haben. Als Kuriosum schreibt er: »Gestern habe ich eine Dienstreise nach Sorau in der Lausitz gemacht. wo ich einen Gefangenen in das Lazarett zu überliefern hatte. Dort mußte ich auch dem Irrenhaus ein Besuch abstatten. Es begenete mir dabei eine Frau, deren einziger Tick darin bestand, daß sie ununterbrochen ,Heil Hitler‘ mumelte. Immerhin ein zeitgemäßer Wahnsinn.«“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 67-68

Paris, 10. Januar 1942. - Um fünf Uhr aufgewacht. Ich hatte geträumt, daß mein Vater gestorben sei.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 69

Paris, 18. Januar 1942. - Oberst Gerlach, der jetzt als Quartiermeister vom Osten herübergekommen ist und an dessen Unterhaltung man den scharfen Potsdamer Witz studieren kann.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 70

Paris, 24. Januar 1942. - In Fontainebleau bei Röhricht, dem Chef der I. Armee. Er wohnt im Hause der Dolly Sisters; ich übernachte bei ihm. Rückblick auf alte Zeiten - wir haben damals im Dotter der Leviathans gelebt. Der Estrrich des Speisezimmers war mit grün geströmtem Marmor getäfelt und ohne Teppich, nach alter Sitte, damit man den Hunden Knochen und Bratenstücke auf den Boden werfen kann. Lang am Kamine, erst über Mommsen und Spengler, dann über die Entwicklung des Feldzuges. Die Unterhaltung machte mir wieder die Verheerung deutlich, die Burckhardt durch seine Renaissance anrichtete - vor allem durch die Impulse, die über Nietzsche auf die Bildungsschicht ausstrahlten. Merkwürdig bleibt der Umsatz der reinen Schau in Willen, in leidenschaftliche Aktion.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 72

Paris, 27. Januar 1942. - Ich meine ..., daß die Worte ein Gitter bilden, das durch die Mauer Ausblick auf das Unaussprechliche gewährt. Sie zesilieren die Fassung, der Stein bleibt unsichbar.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 73

Paris, 5. Februar 1942. - Das eigentlich Männliche tritt doch erst nach dem vierzigsten Jahr hervor.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 77

Paris, 8. Februar 1942. - Kniébolos Absichten .... - Auch muß man wissen, daß viele Franzosen solche Pläne billigen und Henkersdienste zu leisten begierig sind.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 78

Paris, 12. Februar 1942. - Meine vielen Verwundungen im ersten Weltkriege ... entsprachen dem feurigen, stürmischen Geist, der mich belebte, und der sich Venitile schaffte, weil er zu mächtig für den Körper war. So auch die wilden Rauf-, Spiel- und Liebeshändel, die Blessuren und oft den Selbstmord nach sich ziehen. Das Leben springt in die Pistolenmündung ein.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 79

Paris, 10. März 1942. - Am Abend mit dem neuen Oberbefehlshaber, Heinrich von Stülpnagel, im runden Salon. Wir sprachen über Botanik und über byzantinische Geschichte, in der er bewandert ist.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 89

Kirchhorst, 17. Mai 1942. - Brief von Grüninger .... - Nach Abwehr eines russischen Spähtrupps entdeckten seine Soldaten unter den Toten ein siebzehnjähriges Mädchen, das fanatisch gekämpft hatte. Wie es kam, wußte niemand zu sagen, aber am nächsten Morgen lag der Leichnam nackt im Schnee, und da der Winter ein glänzender Bildhauer ist, der die Formen sowohl starr wie frisch erhält,so hatte die Besatzung noch lange zur Bewunderung des schönen Körpers Gelegenheit. Als man später den Stützpunkt zurückverlegte, meldeten sich die Leute oft freiwillg zu einer Streife, um sich auf diese Weisenoch einmal zu erlaben am Anblick der herrlichen Gestalt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 95

Paris, 6. Juni 1942. - Im ersten Weltkrieg lautete die Frage, die wir zu lösen hatten, ob der Mensch oder die Maschine stärker sei. - Inzwischen sind die Dinge weiter gediehen; es handelt sich heute darum, ob Menschen oder Automaten die Herrschaft über die Erde zukommen soll.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 100

Paris, 22. Juni 1942. - Die Zeit beißt alle Welt. Sie ist das demokratische Prinzip im Gegensatz zum aristokratischen Raum.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 102

Paris, 29. Juni 1942. - Truhe - doch wohl von truen, anvertrauen. Dazu auch das Wort Hüstrue für Gattin, Hausfrau, das ich auf nordischen Grabsteinen las. Dann Trude für Hexe - heir gewinnt das Heimliche, Verborgene den schlimmen Sinn. Auch trudeln gehört in diese Sippe, so fahren die Hexen durch die Luft.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 103

Paris, 18. Juli 1942. - Architekturen-Träume, in denen ich alte gotische Gebäude sah. Sie standen in verlassenen Gärten, und keine Seele erfaßte inmitten der Einsamkeiten ihren Sinn. Und dennoch schienen sie mir auf verborgene Art noch schöner; es wurde in ihnen eine Prägung deutlich, wie sie auch Pflanzen und Tieren eigentümlich ist - die höhere Natur. Gedanke: das hatten sie für Gott mit eingebaut.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 108

Paris, 21. Juli 1942. - Menschen mit Panzergliedern .... Das ist der Optimismus, den die Maschinentechnik mit sich bringt, und den sie nicht entbehren kann.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 109

Paris, 22. Juli 1942. - Nachmittags bei Picasso.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 110

Paris, 3. August 1942. - Gleichwie es Farben gibt, die jenseits der sichtbaren Skala liegen, so gibt es einen dunklen Strom des Wissens, der sich nur selten individualisiert.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 116

Paris, 16. August 1942. - Sonnabend und Sonntag in Vaux-les-Cernay bei Rambouillet als Gast des Oberbefehlshabers, der diese alte Abtei als Sommerresidenz benutzt. .... - Der General kam auf die russischen Städte zu sprechen und meinte, daß ihre Kenntnis wichtig für mich sei, vor allem für gewisse Korrekturen an der »Gestalt des Arbeiters«. ich erwiderte, daßich mir zuz Pönitenz seit langem einen Besuch New Yorks verschrieben hätte, doch auch mit einem Kommando zur Ostfront einverstanden sei.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 121-122

Paris, 9. August 1942. - Lektüre: Schlegels Lucinde ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 123

Paris, 28. August 1942. -Immer noch keine Nachricht über die Fahrt in die östlichen Gegenden.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 124

Paris, 8. September 1942. - Stadtkern sei demoliert. Dann über den Amerikanismus, der druch die Niederleh´gung der alten Städte weiter gefördert wird.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 127

Paris, 10. September 1942. - Unter den Klippen im Fortschritt meines Denkens wurde in diesen Jahren die des Solipsismus besonder stark. Das hängt zusammen mit der Versuchung zur Menschenverachtungm die sich vor allen anderen aufdrängt, und die man nicht genug in sich bekämpfen kann. Inmitten dieser Massen, die sich der Willensfreiheit begeben haben, fühlt man sich immer mehr allein und immer fremder, und manchmal will es scheinen, als wären sie gar nicht vorhanden oder nur Schemen, die man in halb dämonischen, halb mechanischen Zusammenhängen um sich erblickt. - Aktiver Solipsismus: in diesem wird die Welt von uns geträumt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 128

Paris, 3. Oktober 1942. - »Unser leben währet siebzig Jahre ...« - dem könnte man hinzusetzen: und das ist auch genug. Wer bis dahin nicht so viel gelernt hat, um in eine höhere Klasse versetzt zu werden, der muß eben noch einmal von vorn beginnen, muß nachholen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 141

Paris, 6. Oktober 1942. - Die Schleimhaut ist frühe Haut, Erbteil der Meereswiegen und neptunischen Ursprünge. Hier strebt der Tastsinn ähnliche Bereiche an, wie sie dem Auge durch die rote Farbe zuteil werden.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 143

Paris, 7. Oktober 1942. - Aus den Zeitungen: »Ein Buch, das eine Auflage von einer Million erreicht, ist in jedem Falle etwas Ungewöhnliches - ein ungewöhnliches Ereignis in der geistigen Welt. - Man erkennt, daß hier eine tiefe Notwendigkeit am Werke ist. Der Erfolg des ›Mythus‹ ist eines der Zeichen, an denen der verborgene Wille eines kommenden Zeitalters abgelesen werden kann.« Also der weise Kastor im »Völkischen Beobachter« vom 7. Oktober 1942 über den »Mythus« von Rosenberg, die platteste Sammlung von flüchtig abgeschriebenen Gemeinplätzen, die man sich denken kann. Derselbe Kastor argumentierte an der gleichen Stelle vor nunmehr fast zehn Jahren: »Ja, hat denn Herr Spengler nicht die Zeitungen gelesen?« Also ein Philosoph, der einen anderen Philosophen als Erkenntnisquelle auf die Zeitungen verweist, und das in Deutschland, und zwar expressis verbis -, das dürfte doch so schlicht noch nie zum Ausdruck gekommen sein. Und wohlgemerkt gilt dieser als der erste in seinem Fache, als Überphilosoph heroischer Geschichtsauffassung und ähnliches. Dies als kleines Beispiel für die Luft, in der man lebt. - Leute wie dieser Kastor gehören übrigens zum Typus der Trüffelschweine, dem man in jeder Revolution begegnen wird. Da ihre groben Gesinnungsgenossen unfähig sind, die exquisiten Gegner festzustellen, bedienen sie sich korrumpierter Intelligenzen höheren Ranges, um sie herauszuschnüffeln und sichtbar zu machen und dann womöglich auf eine Art zu attackieren, die der Polizei Handhaben bieten kann. Jedesmal wenn ich merkte, daß er sich mit mir beschäftigte, machte ich mich auf eine Haussuchung gefaßt. Auch gegen Spengler rief er nach der Polizei, und es gibt Eingeweihte, die behaupten, daß er ihn auf dem Gewissen hat.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 144

Paris, 12. Oktober 1942. - Im Augenblick, in dem man nach Rußland soll, kann man sich jedoch nicht krank melden.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 145

Suresnes, 14. Oktober 1942. - Wir wären nicht, hätte unser vater eine andere Frau, unsere Mutter einen anderen Mann geheiratet. Auch das Bestehen dieser Ehe angenommen, sind wir unter Millionen von Keimen ausgewählt. So sind wir flüchtige Kombinationen des Absoluten - wir gleichen Losen, die gezogen werden, und die Gewinne, die in Schicksalscharakteren darauf verzeichnet stehen, werden uns dann in ridischer Währung, als Pfunde, mit denen wir zu wuchern haben, ausgezahlt. - Von hierf aus wäre dann zu schließen, daß wir als Individuen unvollkommen sind, und daß die Ewigkeit uns weder angemessen noch tragbar ist. Wir müssen uns vielmehr zum Absoluten zurückverwandeln, und diese Möglichkeit eben bietet uns der Tod. Der Tod hat eine äußere und eine innere Form, welch letztere auch zuweilen, und zwar physiognomisch, am Toten sichtbar wird. Der Tod hat sein Mysterium, das das der Liebe noch überwiegt. Wir werden Eingeweihte, Mysten an seiner Hand. Das Lächeln der Überraschung ist schon geistig. doch strahl es im Abglanz noch auf die Körperwelt, noch auf die Züge des Sterbenden zurück.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 146

Suresnes, 14. Oktober 1942. - Mein Hang, mich, wenn ich einen Menschen liebe, von ihm zu entfernen - als ob sein Bild sich in mir so stark entwickelte, daß er sich mit seiner körperlichen Nähe nicht verträgt. - Der Mann, der seine Geliebte tötet, wählt den umgekehrten weg - er löscht, um sie ganz zu besitzen ihr Abbild aus. - Der gemeinsame Tod ist immer ein bedeutender Akt ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 147

Suresnes, 16. Oktober 1942. - Lichtenbergs Aphorismen und Schopenhauers Parerga, zwei alte, bewährte Tröster in der Not.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 148

Suresnes, 18. Oktober 1942. - Wir sagen: »Das ist sicher wie zweimal zwei gleich vier.« Nicht aber: »Wie einmal eins gleich eins.« - In der Tat ist die erste Fassung einleuchtender; die Klippe des Identitätssatzes liegt bereits hinter ihr.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 149

Paris, 22. Oktober 1942. - Als er hörte, daß ich nach Rußland ginge, wollte er kein Honrar nehmen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 150

Kirchhorst, 24. Oktober 1942. - Stufen, die zum Amerikanismus führen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 155

Kirchhorst, 24. Oktober 1942. - Gedanke: die Natur hat Wasserstofftiere vergessen, die Tiere des Leichter-als-Luft-Fluges, die in der Atmosphäre schwimmen wie Wale in der Flut. Sie ist uns so einige Giganten schuldig geblieben, indem sie gleich zur eleganteren Lösung des Fluges überging.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 156

Kirchhorst, 6. November 1942. - Beim Lesen entsann ich mich eines alten Planes: der Schilderung der Figur, in welcher die Ordnung von links nach rechts in das Naturrecht taucht, zunächst mit dem tribunizischen Flügel und dann mit dem senatorischen, mit Marius und Sulla, mit Marat und Gallifet.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 157

Berlin, 12. November 1942. - Unterwegs physiognomische Sudien. der feine, fast unvermerkbare Zug von Erfahrung, den ich in die Mundwinkel eines jungen Mädchens umranden sah. So titzt die Lust sich wie mit Diamanten ein. - Am Aband in Dahlem; wir wohnen bei Carl Schmitt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 158

Lötzen, 18. November 1942. - Ich blieb in Lötzen, da alle Plätze im Flugzeug für Kiew belegt waren.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 159

Lötzen, 19. November 1942. - Es war bereits fast dunkel; ein stiller See lag gegen Sonnenuntergang in braunem und violettem Brodem, und gegen Morgen in zarter, kühlgrüner Spiegelung. Ihn säumten junge Birken; die wießen Schäfte strahlten im weichen Braun des Dickichts, das sie umgab.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 160

Lötzen, 20. November 1942. - Vormittags Spaziergang um die Feste Boyen, deren gezackte Schanzen ein lockerer Birken- und Erlenwald umkränzt, in dessen kahlen Wipfeln Schwärem von Nebelkrähen flatterten. Dabei berührte ich den Hügel am See, auf dem ein hohes Kruzifix erreichte ist, zur Erinnerung an Bruno von Querfurt (Brun von Querfurt; HB), der am 9. März des Jahre 1009 in diesem Lande als Missionar den Matyrtod erlitt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 161

Kiew, 21. November 1942. - In Kiew wurde ich im Placehotel einquartiert. Obwohl an den Waschbecken die Handtücher, im Schreibzimmer die Tinte, auf den Treppen einige Marmorstufen fehlten, soll es das best Hotel in ganz Rußland sein. Auch gaben die Wasserhähne, solange man auch an ihnen drehte, weder warmes wasser noch Wasser überhaupt. Das gleiche galt für die Spülungen. Daher erfülle auch ein böser Duft das ganze Palacehotel.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 162

Rostow, 23. Nobvember 1942. - Das Auge muß sich an den Anblick des denkbar Unangenehmsten gewöhnen ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 163

Woroschilowsk, 1. Dezember 1942. - Ob es auch geographische Einwirkungen auf den Charakter gibt?“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 172

Krapotkin, 9. Dezember 1942. - Die Freiheit kann nicht wiederhergestellt werden im Sinne des 19. Jahrhunderts ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 173

Kurinskij, 13. Dezember 1942. - »Achtung, Bandengefahr, Schußwaffen bereithalten.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 178

Kurinskij, 18. Dezember 1942. - Die automatische Gewohnheit des Tötens bringt physiognomisch die gleichen Verheerungen zustande wie die automatisch geübte Sexualität.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 186

Nawaginskij, 19. Dezember 1942. - Sie sind Arbeiter auf dem Gebiete der Befehlstechnik und, wie der nächste beste an der Maschine, ersetzbar und auswechselbar.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 187

Nawaginskij, 21. Dezember 1942. - All diese Gespräche habe ich schon im ersten Weltkrieg gehört, doch ist inzwischen das Leiden dumpfer geworden, notwendiger, und eher die Regel als die Ausnahme. Wir sind hier in einer der ganz großen Knochenmühlen, wie man sie erst seit Sebastopol und dem russisch-japanischen Jriege kennt. Die Technik, die Welt der Automaten, muß mit der Erdkraft und ihrer Leidensfähigkeit zusammentreffen, damit derartiges entsteht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 190

Kutais, 31. Dezember 1942. - Doch war ja das brave Pferd noch unter mir.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 198

Apscheronskaja, 1. Januar 1943. - Besser ist eine gewisse Lockerheit der Glieder, wie sie das Kind bei der Geburt besitzt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 200

Maikop, 3. Januar 1943. - Überhaupt wird man mehr an den Dreißigjährigen Krieg erinnert als an den vorigen, nicht nur durch die Formen, sondern auch durch die Religionsfragen, die deutlich durchleuchten.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 201

Teberda, 4. Jnauar 1943. - Im übrigen verhielt er sich philosophisch so etwa:
»Ich bin doch neugierig, wer in einer Woche die Anastasia in den Hintern zwicken tut.«
Der Spruch bezog sich auf eins der Mädchen, die bei Tisch aufwarteten. Übrigens weinten sie u nd meinten, daß die Russen ihnen die Hälse abschneiden würden, worau der Oberst ihnen einen Platz beim Troß einräumte.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 204

Woroschilowsk, 6. Januar 1943. - Die Leute sind in einer schlimmen Lage, da sie die Deutschen als Befreier begrüßten, und werden wohl, falls sie den Rückmarsch nicht begleiten, sich in die unwegsamen Berge flüchten müssen, um den russischen Abschlachtungen zu entgehen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 205

Woroschilowsk, 7. Januar 1943. - Im Stab fand ich die Stimmung gedrückter als bei der Truppe; das liegt wohl daran, daß man hier die Lage übersieht. Die Kessel teriben den Gemütszustand hervor, den man in früheren Kriegen unserer Geschichte nicht kannte - eine Erstarrung, wie sie der Annäherung an den absoluten Nullpunkt entspricht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 206

Woroschilowsk, 7. Januar 1943. - Natürlich versuchen die Russen jetzt Brücken und Eisenbahnen zu sprengen und setzen zu diesem Zwecke zahlreiche Sabotagetrupps an ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 207

Woroschilowsk, 8. Januar 1943. - Im Vorzimmer überreichte mir der Nachrichtenoffizier ein Telegramm; der Vater ist schwer erkrankt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 208

Kiew, 9. Januar 1943. - Während der Fahrt viel an den Vater gedacht. Ich sah ihn nicht seit dem Jahre 1940, als ich nach dem Feldzug in Frankreich in Leisnig rastete. Doch telefonierte ich einige Male mit ihm. Nun, ider Einmündung er ersten Morgenstunde, sah ich am dunklen Himmel seine Augen strahlen, groß und in tieferem, lebendigerem Blau als je zuvor - die Augen, die ihm im Grunde zugehörig sind. Oft brauchte er ihren Sammet im Scheidewasser des Vesrtandes, in der Unrast des Sinnenlebens ab. Nun sah ish sie voll Liebe auf mir ruhen. ich möchte ihn einmal schildern wie eine Mutter, die männliche Intelligenz besäße - mit tieferer Gerechtigkeit.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 208

Lötzen, 10. Januar 1943. - Mittags traf ich in Lötzen ein und meldete sogleich Ferngespräche nach Kirchhorst und Leisnig an. Um sieben Uhr erfuhr ich von Perpetua, daß mein Vater gestorben ist, wie ich es schon deutlich geahnt hatte. Am Mittwoch soll er in Leisnig beerdigt werden; ich komme also noch zurecht, was mich doch sehr beruhigt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 209

Kirchhorst, 21. Januar 1943. - Er wurde am ersten Weihnachstage krank und legte sich zu Bett, nachdem er einige Tage auf dem Sofa geblieben war. »Jetzt müßt ihr eben sehen, wie ihr allein fertig werdet«, sagte er bald darauf. Der Zustand verschlimmerte sich dann schnell, so daß ihn der Arzt in das Krankenhaus überführen ließ, wo sein Leiden als doppelseitige Lungenentzündung erkannt wurde. Friedrich Georg hatte den Eindruck, daß er sich dort zunehmend mit sich selbst beschäftigte und keine Zeit fand, die Besucher zu sehen. »Setzt euch doch« und »Wasser« waren die beiden letzten Worte, die er von ihm vernahm. Er sah ihn noch am Freitag nachmittag. In der Nacht, Sonnabend um ein Uhr, soll er dann, nach Aussage der Krankenschwester, gestorben sein. Das wäre also um die gleiche Stunde, zu der ich auf der Fahrt nach Armavir seine Augen erscheinen sah (vgl. den Eintrag vom 9. Januar 1943; HB). Auch werde ich betroffen, als ich jetzt beim Blättern in meinen Tagebüchern entdecke, daß ich genau ein Jahr zuvor (vgl. den Eintrag vom 10. Januar 1942; HB) traurig erwacht war, weil ich von seinem Tode geträumt hatte.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 210

Kirchhorst, 9. Februar 1943. - Beim Anblick von Moormühle (ein Ort in der Nähe von Kirchhorst; HB) dachte ich an Friedrich Georg und das Gespräch, das wir hier 1939 über die »Illusionen der technik« gefürht haben. Da dieses Buch den Geist der Stille beschwört, gehört es zu seinem Schicksal, daß es damals nicht erschien (sondern 1946; HB). Es steht zu den Aktionen im Gegensatz.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 213

Paris, 14. März 1943. - In einer Mappe von Bildern seiner (des in Paris lebenden Marcel Jouhandeau; HB) Hausfrau (gemeint ist wohl Élisabeth [Elise] Toulemont; HB) fanden sich auch nackte, aus ihrer Tänzerinnenzeit. Doch überraschte mich das wenig, da ich aus seinen Büchern wußte, daß sie vor allem im Sommer sich gern in diesem Zusatnd in ihrer Wohnung bewegt und so auch Lieferanten, Handwerker oder des Gasmann abfertigt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 226

Paris, 17. März 1943. - Zum »Arbeiter«. Die Zeichnung ist genau, doch gleicht er einer scharf gestochenen Medaille, der die Rückseite fehlt. Es wäre in einem zweiten Teile noch zu schildern die Unterstellung der beschriebenen dynamischen Prinzipien unter eine ruhende Ordnung von höherem Rang. Wenn das Haus eingerichtet ist, gehen die Mechaniker und die Elektrotechniker hinaus. Wer aber wird Hausherr sein? - Wer weiß, ob sich für mich noch die Zeit, hier wieder anzuspinnen, finden wird? Doch glückte Friedrich Georg in dieser Richtung mit seinen »Illusionen der Technik« ein bedeutender Schritt. Das zeigt, daß wir doch wahre Brüder sind, im Geist noch ungetrennt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 227

Paris, 26. März 1943. - Wir werden in Spiralbewegung durchlebten Dingen wieder zugewandt und überwinden sie - sie werden für uns, wenn nicht bedeutungslos, doch Stoff zu höherem Triumph.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 230

Paris, 29. März 1943. - Wir haben zwei Arten, um uns fortzupflanzen, sowohl durch Knospung als auch durch Kopulation. Im zweiten Sinne zeugt uns der Vater, im ersten stammen wir von der Mutter ganz allein und stehen in immergrünen Zusammenhang. In diesem Sinne gibt es für die gesamte Menschheit nur einen Geburts- und einen Sterbetag.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 232

Paris, 5. April 1943. - Bomben trafen den Rewnnplatz von Longchamps, der dicht bevölkert war.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 236

Paris, 17. April 1943. - Mit der Begattung vererbt sich der Haß, der Widerwille h´gegen das andere Geschlecht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 241

Paris, 1. Mai 1943. - Am Morgen dann Abfahrt nach Montparnasse. Es war der Tag der Maiglöckchen, die überall in Mengen feilgeboten wurden und die mich an Renée erinnerten. (Vgl. 1. Mai 1941; S. 32; HB). Noch immer erfüllt mich mit Schmerz bei der Erinnerung an Gärten, die ich nicht betrat.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 252

Paris, 7. Mai 1943. - Darin leigt eine der großen Schönheiten von Goethes Faust verborgen: in der Schilderung des lebenslangen, unverdrossenen Bemühens um hohe Welten und dann im Eintritt in ihre Ordnungen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 257

Paris, 11. Mai 1943. - Abends im Ritz mit General Geyer, der während des ersten Weltkrieges Ludendorffs Mitarbeiter war. Über die Lage, die mit dem Fall von Tunis an Schärfe gewonnen hat. Dann über das Verhältnis von Ludendorff und Hindenburg, in dem ich von jeher eine besonders deutliche Ausprägung des Unterschiedes von Wille und Charakter sah. Ludendorff hätte sich nach 1918 nur ruhig verhalten müssen, um alles zu gewinnen, doch gerade das konnte er nicht. An ihm sind alle Vorzüge und Schwächen des preußischen Generalstabs zu studieren, der nach dem Abschied des alten Moltke sich immer einseitiger der reinen Energetik zuwandte. Hier liegt der Grund, aus dem er zum Widerstande gegen Kniébolo (= Hitler; HB) nicht fähig war und fähig ist (Ludendorff starb 1937! HB). Solche Geister können nur umsetzen, nur organisieren, wozu aber etwas anderes, nämlich Organisches, die Voraussetzung ist. - Bei Hindenburg ist dieses Organische da. Als Groener erfahen hatte, daß Hindenburg Reichspräsident geworden sei, sagte er: »Jedenfalls wird der alte Herr nie etwas Dummes machen«, und traf damit wohl da Richige. Wenn jemand dem, was heraufzog, Widerstand hätte leisten können, so waren es keineswegs die Mächte der Demokratie, die ja gerade das energetische Prinzip nährten und steigerten. Hindenburgs Unterliegen war unvermeidlich; es lag auch nicht an seinem hohen Alter, das vielmehr symbolisch war. Das Organische an ihm hat eine besondere Beziehung zum Holze; sein Kopf kann eigentlich nur aus diesem Stoff gebildet gedacht werden. Der »Eiserne Hindenburg« war ein hölzener, mit Nägeln beschlagener Hindenburg. Um ihn webt ohne Zweifel die Witterung der historische´n Macht - im Gegensatz zu Kniébolos elementarisch verheerender Ausstrahlung. - Natürlich war ich als junger Offizier für Ludendorff. dazu kam, daß mich eine Bemerkung des Alten über mich verstimmt hatte: »Es ist gefährlich, wenn man in so jungen Jahren mit dem höchsten Orden ausgezeichnet wird.« Ich hielt das damals für pedantisch, weiß aber heute, daß es richtig war.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 259-260

Kirchhorst, 4. Juni 1943. - Das Tote wirkt mit.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 266

Kirchhorst, 7. Juni 1943. - Hölle der Maschinenwelt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 268

Paris, 25. Juni 1943. - Unsere Worte sind Würfe ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 271

Paris, 29. Juni 1943. - Während die Hauptzweige am Baume der Ökonomie vertrocknen, blühen seine entlegensten Spitzen auf. Hierüber möchte ich einmal mit einem Nationalökonomen sprechen, der die Maße seines Faches überragt und Einblicke in die Fiktion des Geldes hat. Hier könnte man jetzt viel lernen, wie überhaupt in Zeiten der Dokomposition das geheime Getriebe der gesellschaftlichen Maschine deutlicher wird. Wir blicken dahinter wie Kinder in das Innere der zerstörten Spielzeuge.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 272

Paris, 17. Juli 1943. - »Bismarcker« - war im Jargon der Billardspieler eine doppelte Berührung - das Wort kam im Mai 1866 auf.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 280

Paris, 18. Juli 1943. - Was unsere Theologie betrifft, so muß sie durchaus bescheiden und den in seiner Elementarkraft geschwächten Geschlechte angemessen sein. Seit langem lebt unser Glaube ja für jeden, der Kräfte sehen kann, viel stärker in der Biologie, der Chemie, der Physik, der Päläontologie, der Astronomie als in den Kirchen - ganz ähnlich hat auch die Philosophie sich auf die Einzelwissenschaften aufgeteilt. Natürlich sind das Irrwege - die Disziplinen müssen wieder sowohl von den theologischen als auch von den philosophischen Einflüssen gereinigt werden, und zwar schon ihrer selbst wegen, da mit aus bloßer Weltanschauung wieder Wissenschaft wird. Die theologischen und philosophischen Elemente sind herauszufällen wie Gold und Silber; die Theologie als Gold gibt dann den Wissen schaften Währung und Kurs. Sie legt ihnen auch Zügel an, denn man sieht ja, wohin die ungefesselte Erkenntnis führt. Sie steckt gleich Phaetons Wagen den Erdkreis in Brand und hat uns oder unsere Imagines zu Mohren, zu Negern, zu Kannibalen gemacht.
Adnoten hierzu:
In Brasilien, nach anstrengenden Insektenjagden in den Berg wäldern, arbeitete ich nachts auf dem Schiffe meine Ausbeuten durch. Es kam dann vor, daß ich mich auf den Fundortzetteln um einen Tag versah - etwa den 14. Dezember 1936 eintrug, anstatt des 15. Ich schrieb dann, obwohl das in keiner Weise etwas ändern konnte, die Hunderte von Zetteln um.
In meiner Unterhaltung bin ich häufig stockend, weil ich, ehe ich einen Satz ausspreche, ihn gegen alle Zweifel und Einwände, denen er begegnen könnte, auspendele. Auf diese Weise bin ich im Hintertreffen gegenüber Partnern, die mit ihrer Meinung herausschießen.
Wenn Gespräche zur Übereinstimmung führen, ergibt sich häufig eine Art von Gemütlichkeit, von gefühlschäßigem Akkord. Hier bemerke ich selbst im Familienkreise, selbst gegenüber Friedrich Georg an mir den Hang, nicht allzu lange auf dieser Note zu verweilen, sondern aus diesem Porte wieder hinauszuleiten, sei es durch Einführung eines neuen, noch nicht erwogenen Argumentes, sei es durch ein ironisches Licht. Der Zug macht mich unmöglich in allen Gremien und Zusammenkünften, deren eigentlicher Sinn in der Erzeugung solcher Stimmungen besteht, also in allen Vereinssitzungen, Verschwörungen und politischen Versammlungen. Besonders peinlich kann das werden, wo ich selbst der Gegenstand bin, an den sich die Stimmung heftet - eine moderierte, kritische Achtung oder begründete Anerkennung war mir von jeher lieber als Bewunderung. Dieser gegenüber war ich stets mißtrauisch. Übrigens geht's mir genau so, wenn ich Kritiken meiner Bücher lese; die Ausführung zur Sache, auch begründete Ablehnung ist mir behaglicher als Lob. Dieses beschämt mich, aber auch der unbegründete Tadel, etwa aus persönlicher oder willenschäßiger Verstimmung, kränkt mich und hängt mir nach. Dagegen angenehm ist mir Kritik, die mir mit guten Gründen entgegentritt. Dabei fühle ich nicht das Bedürfnis, in die Debatte einzutreten - denn warum soll mein Gegner nicht recht haben? Eine Kritik, die in der Sache trifft, berührt nicht die Person, sie gleicht dem Gebete, das ich neben mir vernehme, wenn ich vor dem Altare bin. Es kommt ja nicht darauf an, daß ich recht habe.
In diesem letzten Satze verbirgt sich auch der Grund, aus dem ich nicht Mathematiker geworden bin, gleich meinem Bruder Physikus (gemeint ist hier entweder Hans Otto Jünger [*1905] oder Wolfgang Jünger [*1908]; HB). In der Prägnanz der angewandten Logik liegt nicht die letzte Befriedigung. Das Rechte, das Richtige im höchsten Sinne darf nicht beweisbar, es muß strittig sein. Es ist in Formen anzustreben, die für uns Sterbliche annäherungschäßig, nicht aber absolut erreichbar sind. Das führt dann auf Gebiete, auf denen nicht der meßbare, sondern der unwägbare Zugriff den Meister ziert, führt auch dem Musischen zu.
Und hier ist es vor allem der Dienst an dem und mit dem Worte, der mich fesselt, jene feinste Anstrengung, die das Wort immer näher und näher der Grenzlinie führt, die es vom Unaussprechlichen trennt.
Auch hierin liegt Sehnsucht nach dem rechten Maße, nach dem das Universum geschaffen ist, und das der Leser durch das Wort hindurch wie durch ein Fenster erahnen soll.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 281-283

Paris, 18. Juli 1943. - Nammittags im Jardin d'Acclimatation. Dort sah ich die Entfaltung des Farbenspieles von tiefen lapislazuliblauen, goldgrünen rund goldbronzenen Tönen, die das Männchen einer besonders prunkvollen Pfauenrasse zur Schau stellte. Ein Schaum goldgrüner Fransen umwogte das unerhörte Federkleid. Die Wollust dieses Tieres liegt in der vollkommenen Parade, in der Spreizung seiner Reize - wenn der höchste Grad der Ausstellung erreicht ist, steigert er sich zu einem Schauer, zu einem feinen spasmischen Rasseln und Klappern der Federkiele unter elektrischem Frisson, als ob hörnerne Pfeile in einem Köcher geschwenkt würden. In dieser Gebärde äußert sich das köstliche Beben, aber zugleich das Automatische, Krampfartige der Lust.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 283

Paris, 18. Juli 1943. - Beendet: Maurice Alhoy, »Les Bagnes«, Paris 1845, illustriert. Die alten Bagnos ließen den Verbrecher mehr als Verbrecher gelten; sie traten nicht mit außerhalb seiner Sphäre gelegenen Begriffen an ihn heran. Infolgedessen lebte er härter, aber auch natürlicher und stärker als in unseren heutigen Gefängnissen. In allen schematischen Besserungstheorien, in allen sozialhygienischen Anstalten liegt eine besondere Art der Verbannung, eine besondere Grausamkeit. Das wahre Elend ist tief, ist substantiell, und ebenso gehört das Böse zum Sein, zur inneren Natur; man darf sich nicht puritanisch darüber hinwegsetzen. Man kann die Bestien hinter Gitter bringen, und es schadet nichts, wenn sie sichtbar sind. Aber man darf sie dort nicht an Blumenkohl gewöhnen wollen, man muß ihnen Fleisch vorsetzen. Man kann dem Franzosen zubilligen, daß er dieses puritanischen Erziehungstriebes, wie man ihn an den Engländern, Amerikanern, Schweizern und vielen Deutschen beobachtet, ermangelt; es geht in seinen Kolonien, auf seinen Schiffen, in seinen Gefängnissen natürlicher zu. Er läßt dort viel auf sich beruhen, und das ist immer angenehm. Hierher gehört auch das mangelnde Verhältnis zur Hygiene, das man ihm vorwirft; und trotzdem wohnt, schläft und ißt man bei ihm viel besser als in den hochdesinfizierten Landschaften. Als Kuriosum fand ich, daß noch wenige Jahre vor 1845 im Bagno von Brest die Abwässer der Latrinen dem Sträfling, der die Wäsche besorgte, zufielen. Er wusch die Hemden im Urin, dem also eine reinigende Kraft innewohnen muß, deren Verwendung sich wahrscheinlich ethnologisch weit zurückverfolgen lassen wird. Überhaupt liefert das Buch zum Studium der raubtierhaften, bestialischen Züge des Menschen gute Beiträge - und auch zu seinen Lichtseiten wie etwa einer stark ausgeprägten Gutmütigkeit und eines aufflammenden, noblen Instinkts. Die Bagnos waren gewissermaßen Verbrecherstaaten, und ihre Betrachtung erweckt den Eindruck: wenn die Welt nur von Verbrechern bewohnt wäre, so würde sich doch das Gesetz herausbilden, sie würde nicht untergehen. Übrigens bestätigt die Geschichte der Strafkolonien diesen Satz.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 283-284

Paris, 26. Juli 1943. - Im Garten des Offiziersheimes in der Rue du Faubourg St. Honoré. Wir ... setzten uns ..., um die Lage durchzugehen, im Park auf eine einsame Bank. Wie viele mich in diesen Jahren angesprochen haben, so hier auch ...: »Sie müssen jetzt den Aufruf vorbereiten, der an die Jugend Europas gerichtet ist.« ich erzählte ..., daß ich bereits im Winter 1941/’42 unter demselben Titel Aufzeichnungen machte, die ich dann den Flammen übergab. Nachher im Raphael sann ich darüber nach.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 286

Paris, 10. August 1943. - Mittags bei Florence, wo ich mit dem Chefkonstrukeur Vogel über unsere Produktion von Flugzeugen sprach. Er hatte vor einigen Jahren vorausgesagt, daß der vermehrte Bau von Nachtbombern etwa um diese Zeit den Angriff auf die Städte drosseln würde - was aber nun, da die Geschwader am hellen Mittag einfliegen? Auch über den Phisphor als Waffe - es scheint in der Tat, daß wir dieses Mittel bereits zur Zeit unserer Überlegenheit besaßen, doch auf seine Anwendung verzichteten. Das wäre ein Verdienst, wenn auch bei Kniébolos Charakter wunderlich genug. Die Phosmormasse wird in großen irdenen Gefäßen mitgeführt und soll als Ladung für den Piloten äußerst gefährlich sein, da ein einziger Splitter genügt, sein Flugzeug in eine feuersprühende Masse aufpuffen zu lassen, aus der es kein Entkommen gibt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 291-292

Paris, 11. August 1943. - Nachts zog sich das Abwehrfeuer auf die in großer Höhe von der Zerstörung Nürnbergs zurückkehrenden Flugzeuge über Stunden hin. Vormittags ließmich der Oberbefehlshaber rufen und schenkte mir ein schönes botanisches Werk. Dann sprach der Oberleutnant Sommer vor, der in Hamburg gewesen war. Er erzählte, daß man dort einen Zug von Kindern mit grauen Haaren gesehen hätte,von kleinen Greisen, gealtert in einer Phosphornacht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 293

Paris, 11. August 1943. - Krause, der während des Angriffes oder kurz nachher in Hamburg war, berichtet, daß er dort etwa 20 verkohlte Leichen sah, die nebeneinander wie auf einem grill, über ein Brückengeländer gelehnt waren. Es handelte sich um solche, die, von Phosphor übergossen, sich ins Wasser stürzen wollten, doch vorher verglüht waren. Auch soll man eine Frau gesehen haben, die in jedem Arm die verbrannte Leiche eines Kindes trug.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 296

Paris, 16. August 1943. - Vormittags wurde die Stadt (Paris; HB) von etwa dreihundert Maschinen überflogen: ich sah dem Abwehrfeuer auf den flachen Dächern des Majestic zu. .... Man konnte Einzelheiten nicht erkennen, doch schien es Treffer gegeben zu haben, denn über dem Montmartre schwebte ein Fallschrim langsam den Boden an.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 296

Paris, 21. August 1943. - Übrigens habe ich beobachtet, daß die Germanophilie, natürlich von den käuflichen Subjekten abgesehen, ferade in dem Teil der Bevölkerung auftritt, in dem noch Elementarkraft lebt. “
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 297

Paris, 21. August 1943. - Der Stadtgott. Soll über den Übermenschen hinausführen, insofern der höchste Begriff des Menschen zugleich animalisiert und vergöttlicht wird. Das ist eines der Ziele der Moderne und ihrer Wissenschaft, die unter der rationalen Maske magische Züge trägt; Erstarrung im babylonischen Turm. - .... Der Fortschritt, die Maschinenwelt, die Wissenschaft, die Technik, der Krieg als Elemente der vorheroischen, der Titanenwelt. Wie alles glühend, alles elementar gefährlich wird.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 298

Paris, 17. September 1943. - Unter der Post ein Beitrag zu meinen Hamannianis vom Domprobst Donders aus Münster übersandt. »I. G. Hamann. Eine Festrede, gehalten am 27. Januar 1916 in der Aula der westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster von Julius Smend.« - Hamann, nach Herder ein »Mann des Alten Bundes« - das ist die hieroglyphische Eigenschaft, die ich als vorherodotischen, vorheraklitischen Charakter anspreche. Wie Weimar Goethe und Schiller, so hatte königsberg Hamann und Kant. - Kant spricht von Hamanns »Göttersprache der anschauenden Vernunft«.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 317

Paris, 24. September 1943. - Gespräch über die Lage, aus der es seiner Ansicht nach nur einen Ausweg gibt, nämlich die Anwendung der neuen Waffe (die schon seit 1938, als Otto Hahn die Kernspaltung entdeckte, in der Mache befindliche Atombombe; die Operation Overcast [die gezielte Erbeutung deutscher Technik und technischer Unterlagen sowie die gezielte Gefangennahme deutscher Techniker und Ingenieure] richtete sich unter anderem auf die unter der Leitung von Wernher von Braun hergestellten Vergeltungswaffen [V-Waffen] und die unter der Leitung von Werner Heisenberg hergestellten Atombomben; HB) ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 320

Paris, 5. Oktober 1943. - Brief Perpetuas über die Nacht vom 28. September in Krichhorst. Es fielen Bomben auf die Weiden, nahe dem Haus. .... Das siebenjährige Töchterchen eines Nachbarn wurde am Morgen in die Irrenanstalt gebracht. Die Zukunft der Kinder macht mir Gedanken - welche Früchte mag dieser Frühling zeitigen. Die hohen und tiefen Temeperaturen werden auf die Schmetterlingsflügel dieser Seelchens seltsame Muster einzeichnen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 326

Paris, 16. Oktober 1943. - Die Technik gleicht einem Bauwerk, das unter falschen Voraussetzungen, auf ungenügend erforschtem Grunde, errichtet worden ist.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 330

Paris, 16. Oktober 1943. - Grundsätzlich glaubte ich an Bogo eine Veränderung wahrzunehmen, die mir für die gesamte Elite kennzeichnend scheint, und die darin besteht, daß er mit dem rationalistisch erworbenen Elan des Denkens in metaphyische Gebiete eilt. Das fiel mir bereits an Spengler auf und zählt zu den günstigen Vorzeichen. Summarisch gesprochen war das 19. Jahrhundert ein rationales, während das 20. ein kultisches ist. Davon lebt bereits Kniébolo, und daher die völlige Unfähigkeit der liberalen Intelligenzen, auch nur den Ort zu sehen, an dem er steht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 332

Paris, 20. Oktober 1943. - Endlich trifft Nachricht von Perpetua ein. Der fürchterliche Angriff vom 10. Oktober, der große Teile von Hannover zertrümmerte, streifte Kirchhorst nur. Sie sah vom Pfarrhaus aus, wie sich der Phosphor gleich flüssigem Silber auf die Stadt ergoß. Am Nachmittag des 11. Oktober, drang sie durch rauchenden Schutt zum Hause ihrer Eltern vor; es war das einzige, das in weitem Umkreis erhalten geblieben war. Doch waren Brandbomben in die Zimmer geschlagen; sie traf die Eltern erschöpft vom Löschen und mit verquollenen Augen an. Besonders hatte sich ihre kleine Nichte ausgezeichnet; so sieht man in solchen Augenblicken gerade die schwachen Kräfte entfalten,die niemand ihnen zutraute.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 335

Paris, 24. Oktober 1943. - Endlich beruhigt mich ein Brief Perpetuas auch hinsichtlich der Schreckensnacht vom 19ten. Kirchhorst wurde getroffen, Höfe und Scheunen sind abgebrannt. Sprengbomben, Brandbomben und Phosphorkanister fielen rund um das Pfarrhaus, dessen Bewohner auf dem Flur lagen. Dann ertönte ein ungheurer Krach, als ob der gute alte bau einstürzen wollte, und Perpetua eilte mit dem Kleinen (Alexander; HB) in den Garten - dort preßten beide sich an den Lebensbaum.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 336

Paris, 26. Oktober 1943. - In ihrem brief vom 21. Oktober schreibt Perpetua von den Berliner Kindern, die bei uns untergekommen sind. Eines von ihnen, ein armer Wicht von sechs Jahren, sagte zu ihr: »Tante, bei mir erschrecken sich die Beine immer so, daß sie wackeln.«“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 337

Kirchhorst, 24. November 1943. - Die Porta Westfalica. Vom Westen kommend, begrüße ich sie immer als Einlaß, der zur engeren, zur Niedersachsenheimat führt. Das sind heilige Zeichen; sie bleiben bestehen. Ich dachte, am Fenster sinnend, über ein Grabmal in diesem Raume nach.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 344

Kirchhorst, 6. Dezember 1943. - Wie alle physikalischen Vorgänge gewinnt die Auslösung ihr eigentliches Interese erst in der moralischen Welt. Ein Kind spielt mit Streichhölzern und eine volkreiche Stadt geht in Asche auf. Es fragt sich, ob die Person des Auslösenden in soclhen Zusammenhängen nicht doch eine bedeutendere Rolle spielt, als man gemeinhin ahnt. Ich denke da an Kniébolo - ich habe zuweilen den Eindruck, daß ihn der Weltgeist auf raffinierte Weise auswählte. »Bei seinen feinsten Zügen schiebt er die unbedeutenden Figuren vor.« Auch der Schlagbolzen, dessen geringe Kraft die Ladung zündet, hat ja bestimmte Form. In Tausendundeiner Nacht werden die Ränke eines bösen Weibes beschrieben, das man endlich im Nil ertränkt. Der Leichnam treibt bei Alexandria an Land und läßt dort eine Seuche ausbrechen. Fünfzigtausend Menschen gehen daran ein.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 347

Kirchhorst, 14. Dezember 1943. - Beginnen die lustlosen und automatischen Gemetzel ... eigentlich schon mit dem Krimkriege.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 348

Kirchhorst, 14. Dezember 1943. - Carl Schmitt ist unter allen Geistern, die ich kennenlernte, jener, der am besten definieren kann. Als klassischer Rechtsdenker ist er der Krone zugeordnet ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 348

Paris, 26. Dezember 1943. - In meine »historia in nuce« müßte ich ein Kapiel »Germanenkriege« aufnehmen, in dem auszuführen wäre, daß stets die gleichen Fehler gemacht werden. Es gibt Geheimnisse, die andere Stämme nie begreifen werden (die Germanen eroberten ganz Europa sowie Nordafrika und Teile Westasiens und da, wo noch Rest von Nichtgermanen existierten, wurden diese germanisch durchmischt - hier gibt es also seitdem »andere Stämme« [nichtgermanische Stämme] nicht mehr; HB). - wie den magischen Zauber von Etzels Saal. War er es, der Kniébolo (= Hitler; HB) lockte - oder wie sonst erklärt sich der Hang, der Scharfsinn, dem Siege auszuweichen, der ihm doch in die Hand gegeben war. (Antwort: Er war gekauft! HB).“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 352

Paris, 28. Dezember 1943. - Das bringt mich auf den gedanken, daß die zoologischen genera urbilder der Spezies sind. Gleich dem Urbilde existiert das Genus nicht in den Spezies, nicht an sich selbst. Wir sehen im Traume Dinge, die sonst unsichtbar sind.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 352

Paris, 28. Dezember 1943. - »Gegen den Feind kämpfen« und »mit dem Feind kämpfen« - zwei den Germanen bezeichnende Synonyma. Man kämpft »mit« ihm, nämlich »um« etwas, das entweder beiden oder keinem angehört. Daher ist es nicht eigentlich der Sieg, »um« den es geht. - Shakespeare kennt das Geheimnis, von dem auch Rivière etwas gewittert hat, indem er dem Deutschen nicht das »entweder-oder«, sondern das »sowohl-als-auch« zuordnete. Mystisch findet man das bei Eckhart ausgeführt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 352

Paris, 28. Dezember 1943. - Perpetua schreibt mir, daß nun auch der Schwager gefallen ist. Am 4. November ereilte ihm am Dnjepr das Geschick, auf einem Erkundungsgang. In den letzten Jahren war ich ihm näher getreten; ich entlieh ihm Züge zu der Gestalt des Biedenhorn, darunter auch seinen Kernspruch: »Ihr Mannen, macht das Armbein krumm, de Willekum geiht um.« - Natürlich begrüßte er den Krieg, ganz ohne sich um seine Hintergründe zu kümmern, als freie Bahn für Händel und Umtrünke. Durch seine Tageshülle leuchtete das alte Niedersachsentum hindurch; er stammte aus einer der autochthonen Familien, die sich bis auf die vorwelfischen Zeiten zurückführen. Er zu jenen, deren Leben der Kameradschaft gewidmet ist, und die dort aufblühen. Unzuverlässig in vielem, war er hier pures Gold, Einmal, als ich im Garten neben ihm bei den Tomaten stand, merkte ich, daß er, obwohl sonst ungeschliffen, hier großer Zartheit fähig war. Daher betrübt mci sein Verlust. - Er fiel in den russischen Linien. Seine Leute konnten ihn nicht zurückholen. Er war allein gegangen, weil er es für zu gefährlich hielt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 352-353

Paris, 31. Dezember 1943. - Vormittags Überfliegung der Stadt durch strake Einheiten. Ich siedelte wie üblich aus dem Majestic ins Zimmer des Präsidenten über; wir pflegen diese Unterbrechungen zu feiern, idem wir dort Kaffee kochen und frühstücken. Man hörte die Geschütze lebhaft arbeiten. Dann erzitterten die Gebäude unter Bombenwürfen, die in de Bannmeile Verheerungen anrichteten.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 354

Paris, 4. Januar 1944. - Vormittags, wie jetzt fast regelmäßig, Fliegeralarm ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 356

Paris, 7. Januar 1944. - Mittags erwartete mich im Majestic Madame Noel. Sie arbeitete in Hamburg, wo ihr Mann vor ihren Augen von einer Fliegerbombe zerrissen wurde und ihre Habe in Flammen aufloderte Da ich einiges für sie tun konnte, brachte sie mir einen Blumenstrauß.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 357

Paris, 9. Januar 1944. - Der Todestag des lieben Vaters jährt sich zum ersten Male.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 357

Paris, 16. Januar 1944. - Nihilismus und Anarchie. Die Unterscheidung ist schweirig wie die von Aalen und Schlangen, doch unentbehrlich zur Kenntnis des eigentlichen Spiels. Entscheidend ist die Beziehung zur Ordnung, die dem Anarchisten fehlt, den Nihilisten auszeichnet. der Nihilist sit daher auch schwerer zu durchschauen, besser getarnt. .... Der junge Mensch durchläuft notwendig eine Phase der Anarchie, in der er besonders leicht den reinen Mächten der Zerstörung zum Opfer fällt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 359-360

Paris, 22. Januar 1944. - Geschlechtsorgane werden stets symmetrisch sein, wie man es bei den Blüten am schönsten sieht. In welcher Beziehung stehen die symmetrischen und die asymmetrischen Anlagen bei den Geschöpfen, und kann man daraus Schlüsse ziehen auf den Plan, nach dem sie gebildet sind? Mit diesen Fragen will ich mich beschäftigen in meiner Arbeit über das Verhältnis von Sprache und Körperbau.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 362

Paris, 12. Februar 1944. - Aufgestanden, doch zieht die Grippe immer noch in den Knochen umher. Gegen Mitternacht rief mich aus Wilhelmshaven ein Wehrmachtsdekan an. Ich wollte zuerst liegenbleiben, doch schoß mir plötzlich durch den Kopf, daß Ernstel ja an der Küste als Marinehelfer dient. »Vielleicht ist beim Schießen ein Unglück geschehen.« Das ließ mich aufspringen. Unten erfuhr ich, halb erleichtert, folgendes: es handelt sich um die Verhaftung einer Gruppe von Schülern im Alter non sechzehn bis achtzeh Jahren,als deren Rädelsführer der Junge mit einem seiner Kameraden namens Siedler (wahrscheinlich: Wolf Jobst Siedler; vgl. S. 369; HB) gilt. Die beiden sind seit einigen Wochen in Wilhelmshaven eingeschlossen, und, wenn ich recht verstanden habe, ist bereits ein Urteil von sechs bis neun Monaten Gefängnis gefällt. Freimütige Gespräche über die Lage sollen der Grund gewesen sein. Der Junge ließ aus falscher Zurückhaltung nichts von sich hören, obwohl ein solcher Handel ihn nue ehren kann. Es scheint auch, daß keiner seiner Vorgesetzten es für nötig hielt, mich zu benachrichtigen. Statt dessen bespitzelte man, um »Material zu sammeln«, die Kinder seit Monaten und überlieferte sie dann den Fängen der Staatsgewalt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 365-366

Kirchhorst, 29. Februar 1944. - In Ernstels sache war ich in Berlin, von wo ich am Freitag zurückkehrte. Ich wollte zunächst zu Dönitz vordringen, war auch schon draußen in seinem Lager, doch wurde ich ausdrücklich vor ihm gewarnt. Er würde nur eine Verschärfung des Spruches die Folge sein. Überhaupt bemerkte ich an den Marineleuten die Neigung, mich mit glatter Höflichkeit abzufertigen, die dem besonders auffällt, der aus einem »weißen« Stabe wie dem von Stülpnagel kommt. Ich brachte da eine fatale Sache, in der man sich möglichst wenig belasten wollte, an. So sah ich mich auf diejenigen angewiesen, die sich von Berufs wegen damit abgeben mußten, wie den Marinerichter Kranzberger. Bei seinem Vertreter sah ich mich mit Dr. Siedler (vgl. S. 366; HB) das Urtei ein, in dem ich noch einige erschwerende Umstände las. So soll der Junge gesagt haben, daß, wenn die Deutschen noch zu einem guten Frieden kommen wollten, sie Kniébolo aufhängen müßten - von sechzehn Kameraden, die als Zeugen benannt wurden, will das freilich nur einer, und zwar der Spitzel, gehört haben. Doch nimmt das Gericht die Äußerung als erwiesen an. Ferner soll er »bei der Verhandlung keine Reue gezeigt haben«, was mir auch lieber ist. Die Menschen, die man in einer solchen Sache trifft, geben ein gutes Bild der schwarzen und weißen Fäden, aus denen das politische Gewebe gesponnen ist.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 369

Paris, 1. März 1944. - Das Leben ist eine fortgesetzte Zeugung - wir suchen während seines Verlaufes Vater und Mutter in uns zu vereinigen. Das ist unsere eigentliche Aufgabe, und von ihr strahlen unsere Konflikte, unsere Triumphe aus. Dem folgt neue Geburt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 370

Paris, 1. März 1944. - Wie Vater und Mutter sich in uns ablösen und verbinden, ist graphologisch oft schön nachweisbar. Briefsammlungen sind schon aus diesem Grunde wichtig - zum Studium der Kräfte, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte auf den Charakter einwirken, und ihres Ausgleiches.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 370

Paris, 2. März 1944. - Die Textkritik des 19. Jahrhunderts gibt keine größere Einsicht in die Bibel als der Darwinismus in das Tier. Beide Methoden sind Projektionen auf die Ebene der Zeit - wie hier der Logos im Zeitlichen aufgelöst werden soll, so dort die Spezies. Das Wort wird teilbar, das Tierbild wird zum flüchtigen Übergange, zur Impression. - Demgegenüber gilt Luthers: »Das Wort sie sollen lassen stahn.« Die Bibel wie die Tierwelt sind Schöpfungen, sind Offenbarungen, und darin liegt ihre gewaltige, gleichnishafte Macht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 371

Paris, 3. März 1944. - Vormittags erfreute mich ein Brief von Ernstel, der gottlob in seiner Zelle lesen kann.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 371

Paris, 3. März 1944. - Um Goethe zu schildern wäre ein zweiter Goethe weniger geeignet als Eckermann.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 372

Paris, 7. März 1944. - Der enge Zusammenhang von Wissen und Glauben, der unserer Epoche so deutlich zeichnet, läßt wünschen, daß jeder, der hier Meister, Magister werden will, erst auf dem Felde der Einzelwissenschaften die Gesellenprüfung macht. Die Höchsten müssen das Ganze übersehen, das ist der nachweis ihres Standortes.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 374

Paris, 9. März 1944. - Es ist merkwürdig, wie sich in unserer Zeit das Bild der Krankheit vom Individuum ablöst - auch hier verleirt sich das Eigentum. Und zwar kommt man sowohl in den kapitalistischen wie in den bolschewistischen Systemen zu denselben Ergebnissen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 374

Paris, 25. März 1944. - Ich begann mit einer Revision der Friedensschrift.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 377

Paris, 27. März 1944. - Weiter in der Durchsicht des Aufrufes.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 377

Paris, 27. März 1944. - Es ist richtig, daß viele meiner Ansichten, insbesondere meine Wertung des Krieges und auch des Christentums und seiner Dauer, sich änderten. Doch weiß man bei der Arbeit in diesen alten Schächten niemals, ob und wann man auf Minen stößt. Auch muß man den Einschnitt sehen, der dem der Sanduhr gleicht. Während die Körnchen sich dem Punkte der größten Dichte, der größten Reibung zubewegen, ist ihre Tendenz eine andere, als wenn sie ihn passiert haben. Die erste Phase steht unter dem Gesetze nder Konzentration, des Engpasses, der Totalen Mobilmachung, die zweite unter dem der endgültigen Lagerung und Ausweitung. Es sind ein und dieselben Atome, deren Umlauf das Bild ergibt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 377-378

Paris, 27. März 1944. - Am Abend suchte mich der Oberstleutnant von Hofacker auf und nahm beim Eintritt den Hörer vom Telefon. .... Obwohl er also den Hörer abgenommen hatte, schien er sich in meinem Arbeitszimmer, in dem doch schon manches abgehandelt wurde, nicht wohl zu fühlen, sondern abt mich, ihn auf die Avenue Kleber zu begleiten, zur Aussprache. Indem wir zwischen dem Trocadéro und dem Etoile hin- und herpendelten, teilte er mir Einzelheiten aus Berichten von Vertrauensleuten mit, die für die Generalität in der höheren SS-Führung arbeiten. Es scheint, daß man dort den Kreis um Stülpnagel mit größtem Mißtrauen beobachtet. Vor allem als undurchsichtig und verdächtig gelten, wie Hofacker sagte, der Pfarrer Domrath und ich. Er hielte es daher für richtig, daß ich für einige Zeit die Stadt verließe, um nach Südfrankreich, etwa nach Marseille zu gehen. Er wolle dem Oberbefehlshaber in diesem Sinnen vortragen. Ich begnügte mich damit, zu erwidern, daß ich die Entscheidung abwarte. - Im Anschluß daran Lagebesprechung, bei der er eine Reihe von Namen nannte, an erster Stelle den von Goerdeler, den man seit Jahren in allen derartigen Kombinationen hört, vor allem wenn man Popitz und Jessen kennt. Es ist unmöglich, daß Schinderhannes und Grandgoschier darüber nicht unterrichtet sind, vor allem, wenn man an die mexikanischen Gestalten denkt, die, als Generale verkleidet, im Raphael und im Majestic mithören. - Das Vaterland sei jetzt in äußerster Gefahr. Die Katastrophe sei nicht mehr abzuwenden, wohl aber zu mildern und zu modifizieren, da der Zusammenbruch im Osten fürchterlicher als der im Westen und sicher mit Ausmordungen größten Stils verbunden sei. Infolgedessen müsse im Westen verhandelt werden, und zwar vor einer Landung; man stehe bereits in Fühlung mit Lissabon. Voraussetzung sei das verschwinden Kniébolos, der in die Luft zu sprengen sei. Dazu wärhend der Lagebesprechung im Hauptquartier die beste Gelegenheit. Er nannte dabei Namen aus seinem engsten Kreis.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 378-379

Paris, 27. März 1944. - Wenn Kniébolo fällt, wird die Hydra einen neune Kopf bilden.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 379

Paris, 29. März 1944. - Geburtstag..... Abends bei Florence. Es ist das dritte Mal, daß ich bei ihr diesen Tag feiere. Und wieder, wie beim ersten Male, ertönten, während wir bei Tische saßen, die Sirenen zum Alarm.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 379

Paris, 29. März 1944. - »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten« - das war noch 1848 richtig, gilt aber heute selbst in Preußen nicht mehr. In unserer Elementarlandschaft muß man sich eher an den Satz halten, daß ein Steppenbrand nur durch ein Gegenfeuer bekämpft werden kann. Die Demokratien regulieren sich im Weltmaßstab. (Hinter ihnen steht aber die mittlerweile mächtigere Plutokratie! HB.) Aus diesem Grunde gibt es nur noch den populären Krieg. - Wenn aber die Kriegerkaste daraus Nutzen zu ziehen wünscht, verfällt sie optischen Trugschlüssen. Die besten Köpfe im Generalstab waren nicht nur gegen die Besetzung des Rheinlands und der Randgebiete, sondern auch gegen die forcierte Rüstung überhaupt. Der Oberbefehslhaber erzählte mir darüber Einzelheiten, die jeder spätere Historiker als unglaubwürdig bezeichnen wird. .... - .... Beim Studium der Akten erstaunte ich zuweilen über den Starrsinn Kniébolos in, politisch gesprochen, unbedeutenden Differenzen, wie etwa im Streit um die Köpfe einer Handvoll Unschuldiger. Man wird das nie begreifen, wenn man dahinter nicht den Willen zur Nomos-Zerstörung sieht, der ihn untrüglich lenkt. .... - Politisch gesehen ist der mensch fast immer ein mixtum compositum. In Vielzahl erheben Zeiten und Räume Anspruch auf ihn. So bin ich stammes- und lehnsmäßig gesehen ein Welfe, während meine Staatsauffassung preußisch ist. Zugleich gehöre ich zur deutschen Nation und bin in meiner Bildung Europäer, ja Weltbürger.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 380

Kirchhorst, 4. April 1944. - Meine niedersächsischen Landsleute. Die unerschütterliche Ruhe, die ihnen als einer ihrer besten Züge innewohnt, fand ich soeben in einer Hildesheimer Chronik schön belegt. Am 1. August 1524 brach in der Neustagdt ein Feuer aus, das eine große Menge von Häusern zerstörte und endlich auch die Spitze des Pulverturms ergriff. Das Blei der Bedachung begann zu schmelzen und tropfte herab. Auf diesem Turme leitete der städtische Baumeister Oldekopp die Löscharbeit. Neben ihm stand sein Sohn Johannes Oldekopp. Nachdem der Vater ihm schon verschiedentlich den Platz verwiesen hatte,sprach er: »Unser ein is hire to vele. Westu nciht, dat wi wol twintig tonnen pulvers under den voten hebben?« Da erst verleiß der junge Oldekopp den Stand.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 381

Kirchhorst, 5. April 1944. - Mit Alexander zum Oldhorster Moor, um dort den Ameisenhügel aufzusuchen, den ich im Winter entdeckt hatte. Es ist doch immer erfreulich, wenn so ein Vorsatz sich verwirklicht - ein angeknüpfter Knoten im Lebensnetz. Die Tierchen waren schom lebhaft; unter den Gästen fand ich einen mir noch unbekannten: Mymecoxenus subterraneus .... Auf dem Hinwege traten wir in einen Schuppen, weil amerikanische Bomber, die uns überflogen, beschossen wurden, und auf dem Rückweg regneten wir ein. gespräch über Don Quixotes Abenteuer bei den Walkmühlen und die Fee Peri Banu aus Tausendundeiner Nacht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 381-382

Kirchhorst, 5. April 1944. - Im Pflanzenreiche ruht ja die ganze Metaphysik; und es gibt keinen besseren Kursus der unsichtbaren Dinge als das Gartenjahr.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 382

Kirchhorst, 5. April 1944. - Nachmittags auf der Wiese, wo ich in Gesellschaft von Alexander verwilderte Akazien aus dem Boden grub. Bei dieser Arbeit überflogen uns zwei amerikanische Geschwader im hellen Sonnenschein. Sie wurden über der Stadt lebhaft beschossen, und kurz darauf sahen wir eine der Maschinen mit einer langen, an den rechten Flügel gehefteten Rauchfahne zurückfliegen. Gewaltiges Feuer begleitete sie aus dem Kessel, um plötzlich abzubrechen,als ihr Schicksal offensichtlich war. Sie senkte sich über uns hinweg, um eine Wendung zu beschreiben, während deren sich drei Fallschirme von ihr ablösten. Nun führerlos, zog sie eine weite Spirale, in der sie sich gewaltgig vergrößerte. Wir dachten, daß sie in der Nähe des Hauses aufschlagen würde, doch schwebte sie auf den Wald von Lohne zu, über dessen Wipfeln unmittelbar nach ihrem Verschwinden ein dunkelkupferfarbenes Flammenmeer aufwallte, das bald in eine Rauchwand überging.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 382

Kirchhorst, 13. April 1944. - Von der Küste zurück, an die ich mit Perpetua in Ernstels Angelegenheit gefahren war. Wir reisten am Ostermontag ab. Auch der Ostersonntag hatte zahlreiche Überfliegungen gebracht, mit Vollalarm oder »Vollala«, wie der dreijährige Peter sagt, der hier als Flüchtling weilt. Zuvor sah ich im Garten noch einmal die blauen Kelche des Krokus, auf deren Grund der von den Bienen abgestreifte Safran als goldener Staub gefallen war. das sind kräftige Wegzehrungen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 383

Wilhelmshaven, 13. April 1944. - In der Arrest-Anstalt. .... Er (Ernstel; HB) sah blaß und schwächlich aus; das Kinn trat hervor, es war mit kleinen Fältchen bedeckt. Die Augen lagen in den Höhlen; sie hatten ihre kindliche Frische verloren, frühe Erfahrung sprach sich in ihnen aus. Doch war seine Haltung gut, zugleich bescheiden und stark. Als ich ihn so in seinem Matraosenjäckchen vor mir sitzen sah, erinnerte ich mich, wie sehr er als Kind auf kriegerischen Lorbeer hoffte, und wie sein ganzes Sinnen und Trachten auf das Bestehen der Feldschlacht gerichtet gewesen war. Er wollte sich des Vaters würdig erweisen - und daher zog es ihn zum gefährlichsten Punkt. »Wie gut hats du ihn doch getroffen, mein Junge«, dachte ich bei mir, »und wie gut, daß ich das als Vater auch zu verstehen weiß.« Der Krieg, soweit er zwischen den Nationen spielt, stellt doch nur die grobe Kulisse dar - um andere, gefährlichere Preise geht der Kampf. Und gut schien mir, daß ich mit den orden aus dem ersten Weltkrieg diese bescheidene Zelle aufsuchte. Wir haben doch noch einen Glanz gekannt, der ihnen nicht mehr beschieden ist, und darum ist ihr Verdienst das größere.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 384

Paris, 13. April 1944. - Heute versenkt man die Samen, ohne zu wissen, wer ihre Früchte ernten wird.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 384

Paris, 29. April 1944. - Wenn man Stülpnagel, Popitz ud Jessen kennt, dazu noch Schulenburg und Hofacker, dann hat man ein Bild der Fronde im totalen Staat. Man sieht dann auch, daß die moralische Substanz zum Zuge drängt, nicht die politische. Sie ist in der Aktion die schwächere, und daher könnte die Lage sich nur zum Guten wenden, wenn ein Sulla in Erscheinung träte, ja selbst ein simpler Volks-General.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 387

Paris, 8. Mai 1944. - Die Landung beschäftigt alle Sinne; sowohl die deutsche Führung wie die Franzosen glauben, daß es in diesen Tagen dazu kommen wird (es wird erst später dazu kommen; HB). Welche Vorteile aber brächte sie dem Engländer? Er gleicht doch dem Banquier, der aus den Wechselfällen des Krieges im Osten seine sicheren Gewinne zieht. Aus welchen Gründen sollte diese höchst günstige Lage abbrechen? Es könnte, auch von den Wünschen der Amerikaner (die miltärisch den Ton angeben bei den Alliierten! HB) abgesehen, deren mehrere geben: der Russe könnte zu stark, er könnte zu schwach werden (letzteres! HB). Er könnte mit Verhandlungen drohen (das ist auch geschehen! HB). Dagegen spricht die Existenz Kniébolos; solange er am Wirken ist, bildet er den Kitt einer jeden gegen Deutschland gerichteten Koalition. Er ist von jener Sorte, die nach Goethe »das Universum gegen sich in Aufruhr bringt«.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 392

Paris, 13. Mai 1944. - Nachmittags las ich in diesem Tagebuch. Unter dem 10. Januar 1942 fand ich eingetragen, daß ich im Traume meinen lieben Vater gestorben sah (vgl. S. 69; HB). Merkwürdig bleibt, daß er genau nach einem Jahre, nämlich in der Nacht zum 10. Januar (vgl. S. 209 und 210; HB) gestorben ist. Auch in jener Stunde sah ich ihn im Geiste, und zwar im Wachen - ich sah am nächtlichen Himmel seine Augen, die mich bedeutender als je in meinem Leben anblickten.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 394

Paris, 19. Mai 1944. - In einem der lichterloh brenndenden Häuser saß eine kleine Kassiererin zwischen den dort harrenden Bewohnern, die Sprengbomben an der Flucht verhinderten. Plötzlich stürzt ein herkulischer Mann herein, um sie in Sicherheit zu bringen, indem er sie um die Hüften packt und sie nach draußen schleppt. Er trägt sie über eine Planke in einen noch nicht vom Feuer umstellten Raum,während hinter ihnen krachend das Haus zusammenstürzt. Im Schein des Scheiterhaufens erkennt der Mann, daß er eine Unbekannte, nicht seine Frau gerettet hat.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 395

Paris, 27. Mai 1944. - Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des Raphael sah ich zweimal in Richtung von ST. Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während geschwader in großer Höhe davobfliegen. Es handelt sich um Angriffe auf die Flußbrücken.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 397

Paris, 29. Mai 1944. - Vorgestern morgen wurde hier übrigens ein sechsundzwanzigjähriger Hauptmann erschossen, der Soh eines Stettiner Reeders, und zwar weil er geäußert hatte, es gehöre eine Bombe auf das Hauptquartier. ein Franzose aus der Umgebung von laval zeigte das an.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 398

Paris, 31. Mai 1944. - Höchst selten ist die Vereinigung von Tatkraft und Bildung, wie man sie bei Caesar und Sulla sah oder in unseren Zeiten bei Scharnhorst und Prinz Eugen. Aus diesem Gunde sind Generale auch meist handlanger,deren man sich bedient. - Was Heinrich von Stülpnagel betrifft, der zur Unterscheidung von anderen Generalen dieses alten Soldatengeschlechtes auch als »der blonde Stülpnagel“ bezeichnet wird, so trägt er fürstliche Züge, wie sie der prokonsularischen Stellung zukommen, Dazu gehört die Schätzung der Ruhe, der Muße, der Einwirkung auf einen kleinen geistigen Kreis. Das alles unterscheidet sich von dem Getriebe, das man sonst in höheren Stäben trifft. Sein vornehmer Charakter neigt der geistigen Wertung des Menschen zu. Sein Leben erinnert an das eines Wissenschaftlers, wie er sich auch auf langen Krankenlagern eine umfassende Belesenhait erwarb. Er sucht den Umgang mit Mathematikern und Philosophen, und in der Geschichte fesselt ihn das alte Byzanz. Doch darf man sagen, daß er als Feldherr gutführte, als Staatsmann gut verhandelte und als Politiker nie den Blick für unsere Lage verloren hat. Das alles macht versändlich, daß er von Anfang an einer der Gegenspieler Kniébolos gewesen ist. Doch ist er müde, wie es mir vor allem aus einer seiner Gesten deutlich wird, die sich oft wiederholt: er pflegt sich mit der linken Hand den Rücken zu streichen, als ob er ihn stützte oder seine Haltung aufrichtete. Dabei befällt ein sorgenvoller Ausdruck sein Gesicht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 399-400

Paris, 6. Juni 1944. - Am gestrigen Abend bei Speidel in La Roche-Guyon. Die Fahrt war wegen der zerstörung der Seinebrücken umständlich. Wir fuhren gegen Mitternacht zurück. Auf diese Weise verpaßten wir um eine Stunde das Eintreffen der ersten Meldungen über die Landung im Hauptquartier. Sie wurde am Morgen in Paris bekannt und überraschte viele, insbesondere auch Rommel, der gestern in La Roche-Guyon gefehlt hatte, da er nach Deutschland zum Geburtstag seiner Frau gefahren war. Das ist ein Schönheitsfehler für die Ouvertüre einer so großen Schlacht. Die ersten abgesprungenen Kräftre wurden nach Mitternacht festgestellt. Zahlreiche Flotten und elftausend Flugzeuge traten bei den Operationen auf. - Es handelt sich ohne Zweifel um den Beginn des großen Angriffes, der diesen Tag historisch machen wird (»D-Day«; HB). Ich war doch überrascht, gerade weil so viel darüber orakelt worden war. Warum jetzt und hier? Das sind Fragen, über die man noch in ferner Zukunft sprechen wird.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 401-402

Paris, 6. Juni 1944. - Die materialistische Geschichtsschreibung faßt an den Dingen nur, was ihr sichtbar ist. Sie kennt nicht die Mannigfaltigkeit, die dem Gewebe erst Farbe und Muster gibt. Das gehört mit zu unserer Aufgabe: die Wiederentdeckung der Vielfalt der Antriebe. Sie fordert eine größere Objektivität als die positivistische.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 402

Paris, 22. Juni 1944. - Am Abend wurde die Stadt überflogen, und Splitter regneten in den Hof des Majestic herab. Im Verlaufe der Bombardements wurden riesige Benzin- und Ölvorräte getroffen, deren Brandwolke, gleich der Pinie des jüngeren Plinius, von einem schmalen Schaft aufsteigend, das Himmelsgewölbe verfinsterte. Ein großer Bomber stürzte in der Nahe des Ostbahnhofes ab.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 403-404

Paris, 13. Juli 1944. - In der Pariser Zeitung vom heutigen Tage lese ich einen Aufsatz über das Roboterflugzeug, auch »Höllenhund« genannt: »Mit der Erfüllung seines Auftrags, und der heißt Vernichtung, vernichtet es sich selbst.«“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 407

Paris, 14. Juli 1944. - Auch der Mangel an Kohle ist unangenehm. Der Haushalt erfordert ein Personal, das zwanzig Köpfe übersteigt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 408

Paris, 14. Juli 1944. - Feuerwelt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 408

Paris, 14. Juli 1944. - Ich dachte ... an den Auspruch meines Vaters »Es muß erst ein großes Unglück kommen, ehe es anders wird«.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 408

Paris, 21. Juli 1944. - Gestern abend wurde der Anschalg bekannt. Die höchst gefährliche Lage gewinnt damit noch eine besondere Zuspitzung. Der Attentäter soll ein Graf Stauffenberg sein. Ich hörte den Namen bereits von Hofacker. Das würde meine Meinung bestärken, daß an soclhen Wenden die älteste Aristokratie ins Treffen tritt. Aller Voraussicht nach wird diese Tat fruchtbare Gemetzel einleiten. Auch wird es immer schwieriger, die Maske zu bewahren - so geriet ich heute vormittag in einen Wortwechsel mit W., der das Ereignis als »unerhörte Schweinerei« bezeichnete. Dabei bin ich seit langem der Überzeugung, daß durch Attentate wenig geändert und vor allem nichts gebessert wird. Ich deutete das schon in der Schilderung Sunmyras in den »Marmorklippen« an.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 409

Paris, 21. Juli 1944. - Nachmittags verbreitete sich im engsten Kreis die Nachricht, daß der Oberbefehlshaber seines Amtes enthoben und nach Berlin befohlen sei. Er hatte, nachdem die nachricht aus der Bendlerstraße eingelaufen war, die gesamte SS und den Sicherheitsdienst verhaften lassen, um sie dann wieder in Freiheit zu setzen, als er bei Kluge in La -Roche-Guyon Vortrag gehalten hatte und als kein zweifel mehr darüber walten konnte, daß das Attentat mißlungen war. »Die Riesenschlange im Sack gehabt und wieder herausgelassen«, wie der Präsident sagte, als wir in höchster Erregung bei gecshlossenen Türen verhandelten. Erstaunlich ist das Trockene, Geschäftsmäßige des Aktes - die Grundlage der Verhaftung bildete ein einfaches Telefonat an den Kommandanten von Groß-Paris.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 409-410

Paris, 8. August 1944. - Die Städte sind weiblich und nur dem Sieger hold.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 413

Paris, 13. August 1944. - Spaziergang mit Charmille an den Ufern der Seine.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 414

St. Die, 18. August 1944. - Die Zerstörung der alten Welt, wie sie mit der französischen Revolution und eigentlich schon mit der Renaissance sichtbar zu werden beginnt, gleicht dem Absterben der organischen Verbindungen, der Nerven und Arterien. Wenn der Prozeß zu Ende gelaufen ist, terten die Gewaltmenschen auf; sie ziehen künstliche Fäden und Drähte in den Leichnam und bewegen ihn ihn zu heftigerem, aber zugleich groteskerem politischen Spiel. Sie selbst auch tragen diesen Charakter von Hampelmännern, den grellen, marktschreierischen und oft schauerlichen Zug. Die neuen Staaten haben eine zehrende Tendenz. Sie können nur gedeihen, wo noch Erbteil vorhanden ist. Wenn das verbraucht ist, wird der Hunger unerträglich; sie fressen wie Saturn die eigenen Kinder auf (oder umgekehrt [!?]; HB). Auf andere Ordnungen zu sinnen als die von 1789 ist daher reiner Selbsterhaltungstrieb.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 418

St. Die, 21. August 1944. - Bad in der Meurthe, bei Gewitterluft. Dort nahm ich an der Jagd von Knaben teil, die in der Strömung Steine umdrehten und kleine Fische, die sich darunetr verborgen hielten, mit einer Gabel aufspießten. Die fingerlangen Wesen waren grünlich marmoriert oder besser granitiert und wurden in großer Menge an einem Drahte aufgezogen »pour faire la friture«. An diesem Vorgang war die kleine Ökonomie ergötzlich, die Goethe im Gegensatz zur offiziellen so gut gefiel.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 419

Colmar, 3. September 1944. - Beim Öffnen des Fensters stand wieder ein Regenbogen in der Gewitterluft, der die Vogesen und den Schwarzwald zauberhaft verband.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 422

Kirchhorst, 4. September 1944. - Kirchhorst. Begrüßung. Im hause neue Flüchtlinge. Der Garten verwildert, die Zäune verfallen; die Flure sind mit Koffern und Kisten gefüllt. - Der walnußbaum, den ich 1940 gepflanzt habe, trägt seine erste Frucht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 422

Kirchhorst, 7. September 1944. - Neue Einquartierung von Flüchtlingen im Dorfe - von Holländern, die sich in ihrem lande nicht mehr wohlfühlen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 422

Kirchhorst, 7. September 1944. - Es scheint ein Gesetz zu geben, nach dem gerade jene, die aus edlen gründen die Freundschaft zwischen den Völkern fördern wollten, fallen müssen, während die niederen Geschäftemacher davonkommen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 422

Kirchhorst, 17. September 1944. - Im Moore, mit Alexander und Ernstel, den ich von seiner Haft her noch schwächlich fand. Er meldetet sich zu einer Panzer-Abteilung, und ich habe den Eindruck, daß er den Anstrengungen der Ausbildung noch nicht gewachsen ist. Besonders gefällt mir, daß kein Groll in ihm zurückgeblieben ist. - Als ich ihn erschöpft am Waldrand sitzen sah, wurde mir die fürchterliche Lage deutlich, in der wir sind. Ihr gegenüber ist der Gluthauch der verbrannten Städte noch gering.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 423

Kirchhorst, 6. Oktober 1944. - Im Moor. Die fernen Wälder leuchten schon mit goldenen Kronen, von blauen Schatten untermalt. Die herbstliche Sonne fordert viel Blau. Das gleiche geht ist im Geistigen der Fall. Der Herbst führt zur Metaphysik, auch zur Melancholie.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 426

Kirchhorst, 18. Oktober 1944. - Natürlich ist Kniébolo auch ein europäischen Phänomen. Deutschland als Zentrum wird immer die Stelle sein, an der derartiges am ersten, am schärfsten sichtbar wird.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 428

Kirchhorst, 27. Oktober 1944. - In Bothfeld, zur Entlassun aus dem militärischen Dienst. Da der Krieg nun allgegenwärtig geworden ist, bedeutet das kaum eine Veränderung.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 429

Kirchhorst, 1. November 1944. - Wie man hört, beabsichtigt Holland, von dem jetzt Teile überschwenmmt wurden, sich durch Annexione deutschen Gebietes zu entschädigen (und das trotz Kollaboration! HB). Es scheint, daß alle alten Fehler sich wiederholen sollen, und daß die Welt, anstatt sich an der Erscheinung Kniébolos zu belehren, ihn sich als Vorbild verschrieben hat (und das trotz der Tatsache, daß Kniébolo selber seine Vorbilder hatte! HB).“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 430

Kirchhorst, 2. November 1944. - Bei den indogermanischen Völkern muß auf dem Menschenfleische seit uralten Zeiten ein schreckliches Tabu liegen; in unseren Märchen deutet sich das an. Auch führt sich der Tantalidenfluch auf eine solche Mahlzeit zurück. Die Stärke des Verbotes läßt sich daraus ermessen, daß selbst dieser Krieg, der die untersten Gründe aufrührte, kaum daran rüttelte, was immerhin erwähnenswert ist, wenn man die handelnden Geister kennt. Im Grunde muß jede rationalistische Ökonomie nicht minder als jede konsequente Rassenlehre dem Kannibalismus zuführen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 431

Kirchhorst, 3. November 1944. - Die deutsche Sprache besitzt noch Feldwege,während die französische auf Schienen läuft. Infolgedessen wachsen die koventionellem, nicht-individuellen Elemente an; zu ihnen gehört die Liaison.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 432

Kirchhorst, 4. November 1944. - Ich freute mich über den kleinen Alexander und seinen Mut - erstaunlich, wenn man bedenkt, welch ungeheuerlichen Vernichtungsmitteln ein solches Herzchen gegenübersteht. »Jetzt habe ich doch etwas Herzklopfen« - als die Bomben vorübersausten, die,wie wir nachher erfuhren, bei der Autobahn landeten.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 433

Kirchhorst, 6. November 1944. - Herrlich das Schauspiel auch, wie die alten Liberalisten, Dadaisten und Freigeister zu moralisieren beginnen, nach einem Leben, das gänzlich der Zerstörung der alten Bande und der Unterminierung der Ordnung gewidmet war. (Sie tragen nun die Früchte ihrer eigenen Saat, die sie zudem bald auch noch ernten müssen! HB). Dostojewski, der dieses ganze Aquarium von Grund auf kannte, zeichnete sie in der Molluskengestalt des Stephan Trophimowitsch vor. Die Söhne werden ermuntert, doch ja auf alles zu pfeifen, was man bislang als Fundament betrachtet hat. Da endlich heißt es denn von den nur allzu gelehrigen Adepten: »Na, Alterchen, du hast genug geschwafelt, jetzt wird es Zeit, daß man dich zu Seife verkocht.« Da ist dann der Jammer groß. Wenn nun auch noch die Konservativen qangknackt sind, ist das Chaosn fertig ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 434-435

Kirchhorst, 9. November 1944. - Unter der Post eine Karte von Ernstel, der unterwegs nach Italien ist.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 435

Kirchhorst, 10. November 1944. - Wieder über den Darwinismus nachgedacht. Seine Hauptschwäche liegt im Mangel an Metaphysik. Methodologisch gesehen drückt sich das darin aus, daß eine der bloßen Formen der Anschauung, nämlich die Zeit, in dieser Lehre dominierend wird. - Demgegenüber muß man sehen, daß die Tiere im Verhältnis zu ihrer Umwelt und zueinander einem Knäuel gleichen, das vielfach verknotet und verflochten ist. Die Fülle erfordert nicht einen chronologischen, sondern einen synoptischen Blick. Die gewaltige Gleichzeitigkeit, das Neben- und Miteinander wird vom Darwinismus in ein Nacheinander aufgelöst - das Knäuel wird zu einer Rolle aufgespult. Damit verliert sich das Grandiose an der Schöpfung, das Wunder des Ur-Sprunges, das mit einem Schlage oder in gewaltigen Zyklen und Äonen erwächst ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 436

Kirchhorst, 14. November 1944. - Noch unveröffentlichte Biographien von Planck und Laue, die Keiper mir sandte, und die ich dem Bruder Physikus weitergeben will. Auf diesen höchsten Stufen physikalischer Einsicht wird das verhältnis zur Umwelt wieder einfach, instinkthaft - der optische, mathematische, undulatorische, kristallographische Sinn druchdringt den Körper gleich einem Fluidium. Die Wissenschaft klann nicht in andere Bereiche führen als in jenem die tief in uns verborgen sind. Was Teleskope und Mikroskope auch entdecken mögen - wir kannten es längst in unserem Inneren. Mühselig bergen wir Bruchstücke von Palästen, die in uns verschüttet sind.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 439

Kirchhorst, 18. November 1944. - Ob die Eignung zur Bildung von totalen Staaten mit der Musikalität korrespondiert? Auffällig bleibt jedenfalls, wie hier die drei muikalsischen Nationen, die Deutsche, die Russen und taliener, hervortraten.“ Wahrscheinlich findet aber gleichzeitig innerhalb der Musikalität eine Verlagerung auf die gröberen Elemente, vom Melos auf den Rhythmus statt - eine Bewegung, als deren krönung dann die Monotonie erscheint.
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 440

Kirchhorst, 10. Dezmber 1944. - Das metaphysische Bedürfnis ist heute deshalb besonderer Achtung würdig, weil die Erziehung von vornherein auf seine Vernichtung, auf die Ausrottung der besten keime gerichtet ist.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 447

Kirchhorst, 13. Dezember 1944. - Friedrich Georg schreibt mir, daß bei dem Angriff, der in zwanzig Minuten die alte und schöne Stadt Freiburg zerstörte, auch sein Buch über die »Illusionen der Technik«,das dort in einer unveröffentlichten Ausgabe lagerte, in Flammen aufgegangen ist. Es ist fats, also ob die Technik sein Erscheinen verhindern möchte, denn zweimal zerschmolzen bereits in Hamburg die Lettern im Satz.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 449

Kirchhorst, 14. Dezember 1944. - Rast im Beindorfer Wäldchen, das einer meiner geistigen Orte ist, etwa wie der Place des Ternes in Paris. ich entschloß mich hier zu einer zweiten vollständigen Bibellesung, und zwar in der Lutherschen Übersetzung, mit Apparat.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 450

Kirchhorst, 15. Dezember 1944. - Nachmittags Besuch von Cramer v. Laue, der in Italien zum zweiten Male schwer verwundet wurde und auf Krücken kam. Gespräch über das Attentat und insbesondere über Kniébolos Gesundheit, sie strak gelitten haben soll. Sein Kummer, daß er den feind nicht erkannt, daß er ihn nicht gewittert hat, soll alle anderen Erwägungen übertroffen haben - das würde sich mit Einzelheiten decken, die Kleist mir in Stawropol erzählte, und ist auch der Grund, aus dem ich ein Zusammentreffen stets vermied.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 451

Kirchhorst, 15. Dezember 1944. - »Verflucht sie der Acker um deinetwillen mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang.« 1. Mose, 3, 17. - Die Stelle entspricht dem Satz des Hesiod, daß die Götter den Menschen die Nahrung verkümmerten, und daß vorher die Arbeit eines einzigen Tages genügte für ein ganzes Jahr. - Der wahre Überfluß, die paradiesische Fülle leiget außerhalb der Zeit. Dort ist auch die Landschaft der großen unmittelbaren Hervorbringungen, wie sie der Mythos schildert und die Genesis veranschaulicht. Dort sit auch kein Tod. In der Liebesumarmung behielten wir ein Fünkchen vom großen Licht der Schöpfungswelt zurück - wir fliegen, wie von der Armbrust abgeschossen über die Zeit hinaus. Im Mythos wird dieser Urkraft durch den Sieg des Kronos ein Ende gesetzt. Kronos. mit seiner diamantenen Sichel ihn verstümmelnd, macht den Urvater des Göttergeschlechtes zu weiteren zeugungen unfähig. Die Rolle der Gaea ist der der Schlange verwandt. (Die »Autoren« des »Alten Testamentes« haben ja auch aus der ägyptischen, persichen und hellenistischen Mythologie abgeschrieben; HB).“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 452

Kirchhorst, 19. Dezember 1944. - Weiter in der Genesis. Lamach, der sich seinen Weibern Ada und Zilla gegenüber rühmt, daß er einen Mann für seine Wunde, einen Jüngling für seine Beule erschalgen hat, und daß er nich wie Kain siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal gerächt werden will. Es ist ein genialer Gedanke von Herder, diesen frühesten Triumphgesang der Menschheit mit der Erfindung des Schwertes in Verbindung zu setzen, die in dem Verse, der vorhergeht, angedeutet wird. Lamach ist der Vater von Thubalkain, des ersten Meisters in allerlei Erz- und Eisenwerk. So hat er gewaltige Übermacht. - Lamech ist einer der Titanen, der Übermenschen der kainitischen Kultur, die man sich noch im Besitze eines großen Teiles der Urfruchtbarkeit und von einem dunklen Glanze erfüllt vorstellen muß. Menschenopfer gehören zu ihren Festen (da waren die Indogermanen zu der Zeit aber schon sehr viel weiter; HB); in der Korruption (6, 2) erreicht sie ein äußerstes Maß. - Die kainitische Kultur muß man als vorsintflutartliches Vorbild jeder reinen Machtkultur auffassen. In diesem Sinne sind Orte wie Sodom, Gomorrha, Babylon, Dahomey ihre späten Pflanzstädte. Kainitisch sind die großen brudermörderischen Feststätten auf dieser Erde, wie die mexikanischen Theokallis, der römische Zirkus, die Mordhöhlen der Maschinen-Zivilisation. Kainitisch sind die roten fahnen, gleichviel welche Symbole sie führen, kainitisch sind die Totenkopfverbände Kniébolos, kainitisch ist ein Kriegsschiff, das sich mit dem Namen Marat brüstet, der einer der größten Menschenschlächter war.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 454

Kirchhorst, 19. Dezember 1944. - Die kainitischen Weiber werden als überaus schön geschildert.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 454

Kirchhorst, 21. Dezember 1944. - Wir müssen uns in unserer Eigenschaft als Rationalisten überwinden lassen, und dieser Ringkampf findet heute statt. Gott tritt den Gegenbeweis gegen uns an.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 455

Kirchhorst, 30. Dezember 1944. - Wir sprachen am Ofen über Mescalin; hierüber schrieb er, daß ihm ein Erblindeter deswegen geschrieben hätte, aus Farbenhunger, in Hoffnung auf einen optischen Rausch. Sodann über die verschiedenen Arten, in denen der Opiumkuchen bereitet wird, in China, in Indien, in Persien, in der Türkei. Die Mohnkapsel muß an sonnigen Tagen geritzt werden; nur unter dem Einfluß des Lichtes gerinnt die bittere Milch zu narkotischer Kraft, bildet sich innere Luminiszenz. Ferner über eine obsolete Droge, Lactucarium, das aus dem gestockten Milchsaft des Giftlattichs gewonnen wird. Besonders in Zell an der Mosel soll diese Pflanze feldmäßig angebaut worden sein. Die Wirkung wurde von den alten Ärzten der des Opiums gleichgestellt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 457

Kirchhorst, 6. Januar 1945. - Freund Speidel sandte aus Freudenstadt Nachricht, daß er auf freiem Fuß.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 460

Kirchhorst, 8. Januar 1945. - Der gestrige Angriff soll Langenhagen zerstört haben. leichen aus diesem Orte flogen bis auf die netfernte Autobahn. Einige Bomben schlugenauch in der Nähe, in der Feldmark von Altwarmbüchen ein.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 462

Kirchhorst, 8. Januar 1945. - Von Ernstel immer noch kein Brief.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 462

Kirchhorst, 12. Januar 1945. - Ernstel ist tot, gefallen , mein gutes Kind, schon seit dem 29. November des vorigen Jahres tot! Gestern, am 11. Januar 1945 abends, kurz nach sieben Uhr kam die Nachricht an.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 464

Kirchhorst, 13. Januar 1945. - Der liebe Junge hat den Tod gefunden am 29, November 1944; er war achtzehn Jahre alt. Er fiel durch Kopfstoß bei der Spähtrupp-Begegnung im Marmorgebirge von Carrara ... und war, wie seine Kameraden berichten, sofort tot. Sie konnten ihn nicht ,itnehmen, brachten ihn aber kurz darauf mit einem Panzerwagen ein. Auf dem Friedhofe von Turigliano fand er die letzte Ruhestatt. - Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Male besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus. - War heute in seiner kleinen Bodenkammer, die ich ihm abgetreten hatte, und in der noch ganz seine Aura war. Trat leise ein, als in ein Heiligtum. Fand unter seinen papieren dort ein Tagebüchlein, beginnend mit dem Mott: »Der kommt am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht.«“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 464

Kirchhorst, 16. Januar 1945. - Andacht für Ernstel. Superintendent Spannuth hielt sie in der Bibliothek. Auf dem Tisch das Bild zwischen Tannengrün und zwei Wachsenkerzen. Als Text der Schluß des 73. Psalm und sein Konfirmatiosspruch, Lukas, 9, 62: »Wer aber seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.« Anwesend waren die Familie, die Flüchtlinge des Hauses und die beiden Nachbarn, Lahmann und Colshorn. - Der Tod des Jungen setzt eines der Daten, einen der Angel- und Wendepunkte in mein Leben ein. Die Dinge,die Gedanken, die Taten vorher und nachher unterscheiden sich.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 465

Kirchhorst, 17. Januar 1945. - Nach Burgdorf. Bei Beinhorn lebhaft an Ernstel gedacht. Wir gingen dort im vorigen Dezember im Nebel durch die Wälder und sprachen über den Tod. Er meinte: »Zuweilen spürt man darauf eine solche Neugier, daß man ihn kaum erwarten kann.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 465

Kirchhorst, 26. Januar 1945. - Die Räumung Ostpreußens und Schlesiens ist von Bildern begleitet, wie sie die europäische Geschichte nicht kennt; das erinnert an die Zerstörung Jerusalems. Die Judenverfolgung hat ihre den blinden Tätern unbekannten Seiten; so setzt sie das Neue Testament außer Kraft und verbreitet alttestamentarische Gültigkeit.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 468

Kirchhorst, 27. Januar 1945. - Wie man hört, erfroren viele der aus den östlichen Provinzen geflüchteten Kinder auf den Landstraßen und in offenen Bahnwagen. Es kommt jetzt zu entsetzlichen Begleichungen auf Kosten der Unschuldigen.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 468

Kirchhorst, 6. Februar 1945. - Seit Ernstels Tod vergaß ich, die Überfliegungen und Abwürfe aufzuzeichnen, an denen es nicht fehlte in der Zwischenzeit. So ist es auch an diesem Morgen, während ich schreibe, recht unruhig in der Luft. Bin auch in Sorge um den Bruder Physikus. Er stand zuletzt in Schneidemühl, das eingeschlossen ist.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 469

Kirchhorst, 12. Februar 1945. - Noch kommen täglich Briefe, die sich mit Ernstels Tod beschäftigen, und mit ihnen manch tröstliches Wort. So heute der Gedanke, daß unser Leben eine andere Seite vorausetzte; der Aufwand sei zu groß für unsere sichtabe Existenz. - Von Friedrich Georg Verse, die mich an Etnstels Kindheit in Goslar und Überlingen erinnern: »Auf Ernstels Tod. - Die Winde fragen nach den Gespielen: // ›Wo bist du?‹ Und das Echo kehrt wieder. // Der Frühling kommt nun, bald kommt der Frühling. // ›Wo bist du, Ernstel? Kommst du nicht wieder?‹ // Der Harz will grünen. Und auf den Wiesen // In dichten Hecken tönen die Lieder. // Die Amsel ruft dich aus den Gebüschen: // ›Wo bist du, Ernstel? Kommst du nicht wieder?‹ // Er ruht nun. Ach, ihr ruft ihn vergebens // An kühlen Wassern und in den Hainen // Ihm ward ein früher Friede beschieden. // Wir aber blieben, ihn zu beweinen. - Trotz seiner Jugend hinterließ er einen bestimmten Eindruck, war auch von vielen geliebt. Heute kam von Carrara die Aufnahme seines Grabes an. So bringt jeder Tag ein Echo von ihm.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 472

Kirchhorst, 12. Februar 1945. - Ziegler schreibt mir aus Hamburg, daß auf besondere Anweisung von Grandgoschier (Goebbels; HB) die Presse von meinem fünfzigsten Geburtstag nicht Notiz nehmen wird. Das ist auch die einzige Auszeichnung, auf die ich Wert lege.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 472

Kirchhorst, 16. Februar 1945. - Diskurs am Gartenzaun:
Ich: »’s ist heute lebhaft in der Luft.“
Der Nachbar: »Ja, Osnabrück und Chemnitz sollen zerstört worden sein.
Ich hatte aber an die Mücken, die zum ersten Male spielten, gedacht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 475

Kirchhorst, 16. Februar 1945. - Wir sind jetzt fast pausenlos in Luftalarm.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 475

Kirchhorst, 26. Februar 1945. - Zwei Russen, die für uns Holz schlagen, erzählen Perpetua in der Küche, das dies nach dreijähriger Gefangenschaft das erste Mal gewesen sei, bei dem man sie in einem Hause, für das sie arbieten, bewirtete.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 476

Kirchhorst, 27. Februar 1945. - Es heißt, daß Überlingen bombardiert worden ist, die alte, herrliche Stadt. ich bin auch in Sorge um Friedrich Georg.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 476

Kirchhorst, 7. März 1945. - Unter der Post ein Brief von Hanna, die aus Leisnig schreibt. Sie meint, daß die Nachricht von Ernstels Tode die Fanfare für alles herbeieilende Unheil gewesen sei. Von meinen beiden jüngsten Brüdern,dem Geographen und dem Physiker, die bei Schneidemühl und Grossen lagen, kam seit Wochen keine Nachricht mehr.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 478

Kirchhorst, 14. März 1945. - Perpetuas Geburtstag. zugleich kommen neue Flüchtlinge ins Haus, das mehr und mehr einem rettungsboote in der Nähe sinkender Schiffe gleicht. Perpetua zeigt sich diesem Andrang gut gewachsen - es scheinen ihr die Mittel in dem Maße zuzufließen, in dem sie gibt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 480

Kirchhorst, 14. März 1945. - Große Post. Friedrich Georg beruhigt mich durch einen seiner erquickenden Briefe,in dem er freilich auch schreibt, daß Überlingen bombardiert wurde. Er war während dieser Fährnis gerade bei dem Philosophen Ziegler zu Besuch.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 480

Kirchhorst, 15. März 1945. - Nachmittags nach Burgdorf, zum Zahnarzt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 481

Kirchhorst, 15. März 1945. - Herrliches Frühlingswetter - ich dachte am Waldstück von Beinhorn wie immer an Ernstel und daran, daß er nun die irdischen Wiesen und Blumen nicht mehr sieht. Sien Tod bringt eine neue Erfahrung in mein Leben: die einer Wunde, sie sich nicht schließen will.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 481

Kirchhorst, 19. März 1945. - Der schärferen Verzahnung der technischen Mittel, deren oberstes der Weltstaat ist als machina machinarum, muß wachsende Selbständigkeit und Freiheit der organischen Bereiche zugeordnet sein. Vater- und Mutterland. Die neue Ordnung muß einem sinnvollen Uhrwerk gleichen, in welchem das Hauptrad der Zentralisation die kleinen Räder der Dezentralisation beschickt. Der bedeutsame Unterschied liegt darin, daß die konservativen Kräfte nicht mehr als Hemmung, sondern als Triebfeder arbeiten.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 483

Kirchhorst, 20. März 1945. - Am Morgen zeigte mir Alexander, der mit Erkältung im Bett liegt, ein Märchen, das er geschrieben hatte; es wurden fünf Hanwerksburschen in Frösche verzaubert darin.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 484

Kirchhorst, 24. März 1945. - Ich lese in Johann Christian Günthers Gedichten, die seit langem in einer schönen alten Breslauer Ausgabe unter meinen Büchern stehen. Das ist kräftige Nahrung, gewissermaßen die Ginseng-Wurzel des barock. Dazu Beobachtungen wie folgende: »Und damit lag zugelich ihr Haupt in meinem Schoß. // Der Zephir riß das Kleid vor Neid den halben Busen bloß, // Wo Philemon sogleich, so weit sie ihm erlaubte, // Der Schönheit Rosenknopf mit sanften Fingern schraubte.«“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 485-486

Kirchhorst, 29. März 1945. - Fünfzigster Geburtstag. Das ist die Mitte des Lebens, wenn man es nicht mit der Elle, sondern mit der Waage mißt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 487

Kirchhorst, 1. April 1945. - Amerikaner in Brilon und Paderborn.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 488

Kirchhorst, 1. April 1945. - Wenn Spengler vor jedem Eindringen nach Rußland aus Raumgründen warnte, so hatte er, wie wir inzwischen gesehen haben, recht.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 489

Kirchhorst, 3. April 1945. - In dieser Landschaft ist das Welfentum die letzte Realität.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 490

Kirchhorst, 5. April 1945. - Er brachte Nachrichten von Niekisch mit. Es heißt, daß die »Liquidation« der Insassen der Zuchthäuser vorgesehen ist. Es gelang Niekisch, seiner Frau einen Brief zukommen zu lassen, in dem er schrieb, daß dies wohl der sinnvolle Abschluß seines Schicksals sei. Alle seine Prophezeiungen, insbsesondere auch die seiner Schrift »Hitler, ein deutsches Verhängnis«, seien nun erfüllt. Doch hegt seine Frau noch Hoffnung, daß es zur Abschlachtung nicht kommen wird. Ich sinne über dieses Schicksal immer mit einem besonderen Gefühl der Bitterkeit.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 491

Kirchhorst, 7. April 1945. - Hin und wieder terten Gefangene ein, um Deckung zu suchen, so wird die Scheune von einem TruppRussen überflutet, der sich über einen Haufen von Mohrrüben macht. Perpetua teilt ihnen Brotschnitten aus. Dann Polen - ich frage einen von ihnen, ob er gleich bis zur Ostgrenze weitermarschieren will: »O, nein, erst in einem jahr. Erst muß Russe weg.« Es deuten sich bereits die nächsten Konflikte an. “
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 492

Kirchhorst, 8. April 1945. - Geburtstag meines lieben Vaters, der nach dem Ausgang dieses Krieges so begierig war.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 493

Kirchhorst, 10. April 1945. - Nachmittags kommen zwei amerikanische Panzerwagen aus Neuwarmbüchen her ins Dorf gefahren ....“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 494

Kirchhorst, 11. April 1945. - Wie gut, daß Ernstel das nicht sieht; es hätte ihn zu sehr geschmerzt.“
Ernst Jünger, Strahlungen, 1949, S. 495

„In den Eingangssätzen des »Willens zur Macht“ bezeichnet Nietzsche sich als »den ersten vollkommenen Nihilisten Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, - der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat«. Gleich darauf folgt die Bemerkung, daß sich in seiner Arbeit bereits eine Gegenbewegung ankünde, welche »in irgendeiner Zukunft« jenen vollkommenen Nihilismus ablösen werde, wenngleich sie ihn als notwendig voraussetze. Obwohl seit der Konzeption dieser Gedanken mehr als sechzig Jahre verflossen sind, wirken sie noch immer erregend auf uns, als Sätze, die sich mit unserem Schicksal beschäftigen. Sie füllten sich inzwischen mit Inhalt, mit gelebtem Leben, mit Taten und Schmerzen an. Das geistige Abenteuer bestätigte und wiederholte sich in der Wirklichkeit. Wenn wir von unserem erreichten Standort auf jene Aussage zurückblicken, scheint sich ein Optimismus in ihr auszudrücken, der späteren Betrachtern fehlt. Der Nihilismus wird also nicht als Ende angesehen, sondern vielmehr als Phase eines ihn umfassenden geistigen Vorganges, wie sie nicht nur die Kultur in ihrem geschichtlichen Verlaufe, sondern auch der Einzelne in seiner persönlichen Existenz in sich zu überwinden und auszutragen oder vielleicht auch wie eine Narbe zu überwachsen vermag“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 5

„Man hat ... den Eindruck, daß der Nihilismus als notwendige Phase innerhalb einer auf bestimmte Ziele gerichteten Bewegung begriffen wird. Die Frage, welche Punkte die Bewegung inzwischen erreichte, ist daher ersten Ranges und drängt sich sogleich bei jeder Beurteilung der Lage auf, in allen Gesprächen und Selbstgesprächen, die sich mit der Zukunft beschäftigen. Die Antwort freilich, wie immer man sie formulieren und wie man sie unterbauen möge, wird stets bestreitbar sein. Der Grund liegt darin, daß sie weniger von Tatbeständen abhängt, als von der Lebensstimmung und Lebensaussicht überhaupt. Das macht sie wiederum in anderer und zwingenderer Weise aufschlußreich.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 7

„Der Optimismus oder auch der Pessimismus einer solchen Antwort rankt sich zwar an Beweisen, doch gründet er sich nicht auf sie. Es handelt sich um verschiedene Ränge; dem Optimismus verleiht die Tiefe, und dem Beweis die Klarheit die Überzeugungskraft. Der Optimismus kann Schichten erreichen, in denen die Zukunft schlummert und befruchtet wird. In diesem Falle begegnet man ihm als einem Wissen, das tiefer reicht als die Gewalt der Tatsachen - ja, das Tatsachen schaffen kann. Sein Schwerpunkt liegt eher im Charakter als in der Welt. Ein so fundierter Optimismus ist an sich zu schätzen, insofern seinen Träger ja der Wille, die Hoffnung und auch die Aussicht beleben muß, im Wandel der Geschichte und ihrer Gefahren zu bestehen. Darin liegt viel. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 7-8

„Als Widerspruch zu diesem Optimismus ist nicht der Pessimismus anzusehen. Die Katastrophe ist von pessimistischen, insbesondere von kulturpessimistischen Strömungen umringt. Der Pessimismus kann sich, wie bei Burckhardt, als Ekel äußern vor dem, was man heraufkommen sieht - man wendet dann die Augen auf schönere, wenngleich vergangene Bilder ab. Dann gibt es Umschwünge zum Optimismus, wie etwa bei Bernanos - das Licht glänzt auf, wenn es ganz dunkel geworden ist. Gerade die absolute Übermacht des Feindes spricht gegen ihn. Endlich gibt es den Pessimismus, der, obwohl wissend, daß das Niveau sich senkte, auch auf der neuen Ebene Größe für möglich hält und insbesondere der Beharrung, dem Halten des verlorenen Postens den Preis erteilt. Darin liegt Spenglers Verdienst.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 8

„Der Widerspruch zum Optimismus ist vielmehr der Defaitismus, der heute ungemein verbreitet ist. Man hat dem nichts mehr entgegenzusetzen, was man kommen sieht, weder an Werten, noch an innerer Kraft. In dieser Stimmung findet die Panik keinen Widerstand; sie breitet sich wie ein Wirbel aus. Die Bosheit des Feindes, das Schreckliche der Mittel scheinen sich im gleichen Maß zu steigern, in dem im Menschen die Schwäche wächst. Zuletzt umgibt ihn der Terror wie ein Element. In dieser Lage zermürbt ihn bereits das nihilistische Gerücht, bereitet ihn zum Untergange vor. Die Angst ergreift mit Gier, es unermeßlich vergrößernd, das Schreckliche, ist ständig auf Jagd nach ihm. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 8

 

„Um eine Vorstellung des Nihilismus zu erhalten, tut man gut, zunächst Erscheinungen auszuscheiden, die in seiner Gesellschaft oder in seinem Gefolge auftreten und daher gern mit ihm verquickt werden. Sie sind es auch vor allem, die dem Worte den polemischen Sinn geben. Zu ihnen zählen die drei großen Bereiche des Kranken, des Bösen und des Chaotischen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 13

„Um mit dem dritten zu beginnen, so fällt uns heute, nach wohlerwor benen Erfahrungen, die Unterscheid ung zwischen dem Nihilistischen und dem Chaotischen nicht schwer. Sie ist jedoch wichtig, denn es gibt eine Entscheidung zwischen dem Chaos und dem Nichts.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 13

„Inzwischen hat sich erwiesen, daß der Nihilismus mit ausgedehnten Ordnungssystemen wohl harmonieren kann, ja daß das, wo er aktiv wird und Macht entfaltet, sogar die Regel ist. Die Ordnung ist für ihn ein günstiges Substrat; erbildet es zu seinem Zielen um. Vorausgesetzt wird lediglich, daß die Ordnung abstrakt sei, und also geistig -hierher gehört in erster Linie der durchgebildete Staat mit seinen Beamten und Apparaturen, und das vor allem zu einem Zeitpunkt, an dem die tragenden Ideen mit ihrem Nomos und Ethos verlorengegangen oder in Verfall geraten sind, obwohl sie vielleicht im Vordergrunde in erhöhter Sichtbarkeit fortleben. Es wird dann an ihnen nur noch beachtet, was zu aktualisieren ist, und diesem Zustande entspricht eine Art von journalistischer Geschichtsschreibung.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 13-14

„Ganz eng verbunden mit diesem Ablauf, in dem der Staat zum nihilistischen Objekt wird, ist das Auftreten großstädtischer Massenparteien, die sowohl rational als leidenschaftlich vorgehen. Im Falle des Erfolges können sie dem Staat so ähnlich werden, daß zwischen beiden schwer zu unterscheiden ist. Die siegreiche Macht im Bürgerkriege bildet Organe, die denen des Staates korrespondieren, sei es zur Infiltration oder nach Art der Saugnäpfe. Endlich kommt es zu neuen Verwachsungen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 14

„Der große Einschnitt liegt darin, daß die Vernichtung zunächst leidend empfunden wird. Das bringt oft eine letzte Schönheit wie in den Wäldern der erste Frost, auch eine Feinheit, die klassischen Zeiten nicht gegeben ist. Dann schlägt das Thema um, zum Widerstande; es stellt sich die Frage, wie der Mensch im Angesichte der Vernichtung, im nihilistischen Soge bestehen kann. Das ist die Wendung, in der wir begriffen sind; es ist das Anliegen unserer Literatur. Das läßt sich mit zahlreichen Namen belegen - ... (genannt werden hier u.a. die Namen Spengler und Benn; HB) .... Gemeinsam ist ihnen allen das Experimentelle, das Provisorische der Haltung und die Kenntnis der gefährlichen Lage, der großen Bedrohung; das sind zwei Daten, die über Sprachen, Völker und Reiche hinweg den Stil bestimmen - denn daß ein solcher bestehe und nicht nur in der Technik lebe, darüber kann kein Zweifel sein.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 19

„Es gibt eine nihilistische Medizin, deren Kennzeichen darin liegt, daß sie nicht heilen will, sondern andere Zwecke verfolgt, und diese Schule breitet sich aus. Ihr entspricht ein Patient, der in der Krankheit verharren will. Auf der anderen Seite läßt sich von einer speziellen Gesundheit sprechen, die in den Kreis der nihilistischen Erscheinungen gehört, von einer propagandistischen Frische, die einen starken Eindruck der physischen Unbedenklichkeit erweckt. Man wird sie bei den privilegierten Schichten treffen, sowie in Phasen der Konjunktur, die mit Komfort verbunden sind. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 20

„Nietzsche hat recht darin, daß der Nihilismus ein normaler Zustand ist, und pathologisch nur, wenn man ihn mit nicht mehr oder noch nicht gültigen Werten vergleicht. Als normaler Zustand umfaßt er Gesundes und Krankes auf seine eigentümliche Art. An einer anderen Stelle verwendet Nietzsche das Bild vom Tauwind, der bewirken wird, daß, wo man zu seiner Zeit noch gehen konnte, bald niemand mehr gehen können wird. Das Bild ist gut; der Nihilismus erinnert in seiner zerstörerischen und zukunftsträchtigen Gewaltsamkeit an einen Föhn, der vom Gebirge kommt. Ganz ähnlich ist auch die Wirkung auf die Systeme die einen werden gelähmt, die anderen reger in ihrem Wohlbefinden und ihrer Geistigkeit. Es ist bekannt, daß man in manchen Ländern Delikte anders wertet, wenn sie bei Föhn begangen sind.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 20-21

„Das führt uns auf die dritte Unterscheidung, nämlich auf jene, die zwischen dem Nihilismus und dem Bösen zu treffen ist. Das Böse braucht an ihm nicht zu erscheinen besonders dort nicht, wo Sicherheit gegeben ist. Wo sich die Dinge der Katastrophe nähern, wird es mit dem Chaotischen verschwistert sein. Es tritt dann als Begleitumstand wie bei Theaterbränden oder Schiffsuntergängen auf.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 21

„Andererseits können Anlage und Programme nihilistischer Aktionen sich durch gute Absicht und durch Philanthropie auszeichnen. Oft folgen sie bereits als Gegenschlag auf erste Unordnungen, mit rettender Tendenz, und setzen dennoch, sie verschärfend, die angesponnene-n Prozesse fort. Das führt dann dahin, daß auf weite Strecken Recht und Unrecht fast ununterscheidbar werden, und zwar dem Handelnden mehr als dem Leidenden. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 21

„Selbst bei den großen Untaten tritt das Böse kaum als Beweggrund auf; es müßte denn ein Böser kommen, der sich den nihilistischen Vorgang zunutze macht. Solche Naturen bringen eher sachliche Störungen mit. Indifferenz gilt als geeigneter. Beunruhigend ist weniger, daß Menschen mit krimineller Vorgeschichte gefährlich werden, als daß Passanten, die man an jeder Straßenecke und hinter jedem Schalter sieht, in den moralischen Automatismus eintreten. Das deutet auf den Klimasturz. Wenn sich das Wetter bessert, sieht man dieselben Existenzen &iedlich an den gewohnten Ort zurückkehren. Der Nihilist ist kein Verbrecher im hergebrachten Sinne, denn dazu müßte noch gültige Ordnung sein. Aus demselben Grunde aber spielt das Verbrechen auch keine Rolle für ihn; es tritt aus dem moralischen Zusammenhange über in den automatischen. Wo der Nihilismus zum normalen Zustande wird, bleibt dem einzelnen nur noch die Wahl zwischen Arten des Unrechtes. Die richtenden Werte können jedoch nicht von Orten kommen, an denen man noch nicht in den Vorgang einbezogen ist. Die neue Flut wird vielmehr von den Tiefpunkten aus ansteigen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 21-22

„Wenn sich der Nihilismus als spezifisch böse ansprechen ließe, dann wäre die Diagnose günstiger. Gegen das Böse gibt es bewährte Heilmittel. Beunruhigender ist die Verschmelzung, ja selbst die völlige Verwischung des Guten und des Bösen, die oft dem schärfsten Auge sich entzieht.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 22

„Was diese Zeit an höchster Hoffnung einschließt, sei unberührt. Wenn das Wort von Hölderlin wahr ist, dann muß das Rettende gewaltig anwachsen. In seinem ersten Strahl verblaBt das Sinnlose.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 22

„Uns fesseln hier vielmehr die Wirkungen der Wende, die, von den Massen unbemerkt, vorausgegangen ist. Hier finden sich vielleicht Merkzeichen zum praktischen Gebrauch inmitten der nihilistischen Strömungen. Es handelt sich also um die Schilderung von Symptomen und nicht von Ursachen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 22

„An diesen Symptomen fällt auf den ersten Blick ein Hauptkennzeichen auf, das sich als das der Reduktion bezeichnen läßt. Die nihilistische Welt ist ihrem Wesen nach eine reduzierte und weiter sich reduzierende, wie das notwendig der Bewegung zum Nullpunkt hin entspricht. Das in ihr herrschende Grundgefühl ist das der Reduktion und des Reduziertwerdens. Dagegen kommt die Romantik nicht mehr an, bringt nur einEchoder entschwundenen Wirklichkeit hervor. Der überfluß versiegt; der Mensch empfindet sich als Ausgebeuteter in mannigfachen und nicht nur ökonomischen Beziehungen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 22-23

„Die Reduktion kann räumlich, geistig, seelisch sein; sie kann das Schöne, das Gute, das Wahre, die Wirtschaft, die Gesundheit, die Politik berühren - nur wird sie immer im Ergebnis als Schwund bemerkt werden. Das schließt nicht aus, daß sie altf weite Strecken mit wachsender Machtentfaltung und Durchschlagskraft verbunden ist. Wir sehen das vor allem an der Vereinfachung der wissenschaftlichen Theorie. Sie schneidet unter Verzicht auf Dimensionen die Fluchtlinien heraus. Das führt zu Kettenschlüssen, wie es sich etwa am Darwinismus gut studieren läßt. Kennzeichnend für das nihilistische Denken ist auch die Neigung, die Welt mit ihren verwickelten und vielfachen Tendenzen auf einen Nenner zu beziehen. Der Zugriff wirkt verblüffend, wenn auch nur eine Weile lang. Er wird gelehrt, da seine Dialektik das beste Mittel darstellt, den Gegner zu demontieren, der ohne Reserven ist. Dann aber nimmt auch der Angegriffene die Methodik an. Darauf begründet sich die geistige Rasanz der Reaktion. Das Mittel mag in gewissen Phasen der nihilistischen Entwicklung unumgänglich werden; im Grunde bleibt es ein Zeichen der Reduktion.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 23

„Zu diesen Zeichen zählt ferner das Entschwinden des Wunderbaren, und mit ihm verflüchtigen sich nicht nur die Formen der Verehrung, sondern auch das Staunen als Quelle der Wissenschaft. Was man in solchem Zustand Bewunderung, Erstaunen nennt, das ist vor allem der Eindruck der Ziffer in der Raum- und Zahlenwelt. Das Unermeßliche wird dann injeder Richtung auffallen - es bildet die Entsprechung zur exakten und endlich auf die reine Meßkunst reduzierten Wissenschaft. Der Schwindel vor dem kosmischen Abgrund ist ein nihilistischer Aspekt. Er kann Erhabenheit erreichen ..., doch stets wird eine besondere und auf das Nichts bezogene Furcht mit ihm verbunden sein.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 23

„Noch viele Felder ließen sich nennen, auf denen der Schwund ganz deutlich wird, wie etwa das der Kunst oder des Erotischen. Es handelt sich eben um einen Prozeß, der das Ganze angreift und endlich zu höchst sparsamen, grauen oder auch ausgebrannten Landschaften führt. Im besten Falle treibt der Kristallismus hervor. Das EigentÜmliche daran ist nicht das Neuartige. Es ist vielmehr das weithin die Welt Umfassende. Zum ersten Male beobachten wir Nihilismus als Stil.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 25

„Schon oft wird in der Menschengeschichte, sei es an Einzelnen, sei es an kleineren oder größeren Einheiten, der Sturz der unsterblichen Hierarchien mit seinen Folgen .sichtbar geworden sein. Immer standen dann mächtige Reserven zur Verfügung, sei es in der elementaren oder auch in der gebildeten Welt. Es gab noch wilden Grund in Fülle, und ganze Kulturen blieben unberührt. Heute ergreift der Schwund, der ja nicht lediglich Schwund ist, sondern zugleich Beschleunigung, Vereinfachung, Potenzierung und Trieb zu unbekannten Zielen, die ganze Welt.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 25

„Wenn man die negative Seite der Reduktion betrachtet, so erscheint als ihr vielleicht bedeutendstes Kennzeichen die Zurückführung der Zahl auf die Ziffer oder auch der Symbole auf die entblößten Beziehungen. Das erzeugt dann den Eindruck einer von Gebetsmühlen erfüllten Einöde, die unter dem gestirnten Himmel kreist. Ununterbrochen wird die Meßbarkeit aller Verhältnisse wichtiger. Man konsekriert noch, obwohl man nicht mehr an die Verwandlung glaubt. Dann deutet man die Verwandlung um, macht sie verständlicher.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 25

„Ein früher Typus ist der Dandy; er verfügt noch über die äußeren Maße einer Kultur, deren Sein zu schwinden beginnt. Die Prostitution gehört hierher als von den Symbolen entblößte Geschlechtlichkeit. Es tritt dann nicht nur das Käufliche hinzu, sondern auch die Meßbarkeit. Die Schönheit wird in Ziffern schätzbar, wird weithin allgemein. Die umfassendste Reduktion ist die auf die reine Kausalität ; zu ihren Untergattungen zählt die ökonomische Betrachtung der geschichtlichen und sozialen Welt. Nach und nach lassen sich alle Gebiete auf diesen Nenner bringen, sogar der Kausalität so sehr entzogene Residenzen wie der Traum.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 25-26

„Damit berühren wir den Tabu-Abbaul der zunächst erschreckt, befremdet und wohl auch reizt. Dann tritt das so Entkeimte in das Selbstverständliche. Es ist zunächst ein Wagnis, einen Leichenwagen zu motorisieren, dann wird es zum ökonomischen Fakt. .... Das Wagnis liegt immer nur in den Anfängen. Inzwischen hat sich eine Art von Kulmination vollzogen, der die Beteiligung am groben nihilistischen Prozesse der Anziehung beraubt.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 26

„Worauf begründet sich die Mißstimmung, die unter anderem den radikalen Parteien das Wasser abzugraben droht, und welche die Jahre nach 1945 so bedeutsam von denen nach 1918 trennt? Der Grund ist darin zu vermuten, daß wir inzwischen nicht nur ideologisch, sondern mit dem der Ideologie zugrunde liegenden Kernbestand den Nullpunkt passiert haben. Das bringt dann eine neue Richtung des Geistes und die Wahrnehmung neuer Phänomene mit.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 26

„Es ist kaum zu erwarten, daß diese Phänomene überraschend oder blendend auftauchen. Die überquerung der Linie, die Passage des Nullpunkts teilt das Schauspiel; es deutet die Mitte, doch nicht das Ende an. Die Sicherheit ist noch sehr fern. Dafür wird Hoffnung möglich sein. Der Barometerstand wird besser trotz äußerer Gefährdung, und das ist günstiger als wenn er fiele bei noch bestehenden Aspekten der Sicherheit. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 26

„Ebensowenig ist anzunehmen, daß sich die Phänomene sogleich als theologisch zu erkennen geben werden, wenn man das Wort im engeren Sinne faßt. Eher ist zu vermuten, daß sie aufjenen Feldern sichtbar werden, an die sich heute der Glaube knüpft, also gerade auf denen der Ziffernwelt. Und in der Tat ist zu erkennen, daß an der Grenze, an der sich Mathematik und Naturwissenschaft berühren, gewaltige Veränderungen im Werden sind. Es ändern sich die astronomischen, die physikalischen, die biologischen Aspekte in einer Weise, die einen bloßen Wechsel der Theoreme weit übersteigt. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 26-27

„Wir greifen damit freilich noch nicht über den Werkstättenstil hinaus, obgleich ein bedeutsamer Unterschied aufschimmert. Die Werkstättenlandschaft, wie wir siekennen, beruht im wesentlichen auf einer bis zum Grunde reichenden Abtragung der alten Formen zugunsten der größeren Dynamik des Arbeitsvorganges. Die ganze Maschinen-, Verkehrs- und Kriegswelt mit ihren Destruktionen gehört hierher. In Schreckensbildern wie in dem des Städtebrandes erreicht die Abtragung die höchste Intensität. Der Schmerz ist ungeheuer, und doch verwirklicht sich inmitten der historischen Vernichtung die Gestalt der Zeit. Ihr Schatten fällt auf die umgepflügte Erde, fallt auf den Opfergrund. Dem folgen die neuen Grundrisse.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 27

„Noch sinnt das Auge über die Veränderung der Dekorationen, die von denen der Fortschrittswelt und des kopernikanischen Bewußtseins zu unterscheiden sind. Es hat den Eindruck, daß der Plafond nicht minder als die Szenerie auf höchst konkrete Weise heranzurücken und in eine neue Optik einzutreten scheint. Schon ist vorauszusehen, daß auf diesem Theater auch neue Figuren auftreten.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 27

„Daneben wird niemand übersehen, daß in der Welt der Tatsachen der Nihilismus sich den letzten Zielen annähert. Nur war beim Eintritt in seine Zone der Kopf bereits gefährdet, der Leib dagegen noch in Sicherheit. Nun ist es umgekehrt. Das Haupt ist jenseits der Linie. Indessen steigert sich der niedere Dynamismus weiter und drängt zur Explosion. Wir wohnen dem schauerlichen Horten von Geschossen bei, die auf die unterschiedslose Vernichtung großer Teile des Menschengeschlechtes berechnet sind. Es ist kein Zufall, daß hier die gleichen Kräfte wirken, die den Soldaten diskriminieren, der noch Regeln des Kampfes und den Unterschied von Kriegern und Wehrlosen kennt.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 27

„Damit soll nicht der Vorgang als schlechthin sinnlos abgeurteilt sein. Es kann nichts helfen, daß man die Augen vor ihm verschließt vor ihm verschließt. Er ist ein Ausdruck des Weltbürgerkrieges, in dem wir begriffen sind. Das Ungeheure der Mächteund Mittelläßt darauf schließen, daß nunmehr das Ganzeauf dem Spiele steht. Dazu kommt die Gemeinsamkeit des Stils. Das alles deutet auf den Weltstaat hin. Es handelt sichnicht mehr um nationalstaatliche Fragen, auch nicht umGroßraum-Abgrenzungen. Es geht um den Planeten überhaupt.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 27-28

„Das ist ein erster Hoffnungsblick. Zum ersten Male ergibt sich ein festes, sachliches Ziel inmitten des uferlosen Fortschritts und seiner Veränderung. Auch ist der Wille, es zuerreichen, nicht durchaus machtpolitisch - vielmehr entspricht er der Meinung, die man an jeder Straßenecke, in jedem Abteil hört.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 28

„Es sollte zugleich die Ansicht wachsen, daß ein dritter Weltkrieg, wenn auch nicht unwahrscheinlich, so doch nicht unvermeidlich ist. Nicht ausgeschlossen ist es, daß die Welteinheit sich durch Verträge erreichen läßt. Das würde freilich die Entstehung einer dritten Macht voraussetzen, als welche vorläufig nur das geeinte Europa denkbar ist. Auch könnte die Umdrehung ein Maß erreichen, das einen der Konkurrenten bereits im Frieden scheitern läßt. Dann gibt es das Unvorhergesehene. Das alles drängt zu dem Urteil, daß bei hinreichender Kraft des Geistes weder zum Optimismus, noch zur Verzweiflung Anlaß gegeben ist.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 28

„Gesundheit entsteht nicht dadurch, daß jeder zum Arzte wird.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 28

„Der freie Mensch ist schon aus Gründen der Selbsterhaltung verpflichtet, sich darüber Gedanken zu machen, wie er sich in einer Welt verhalten will, in der der Nihlismus nicht nur herrschend, sondern, was schlimmer, auch zum Normalzustand geworden ist.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 29

„Die konservative Haltung, in ihren Vertretern der Achtung, ja oft Bewunderung würdig, vermag die wachsende Bewegung nicht mehr aufzufangen und abzudämmen, wie das noch nach dem ersten Weltkriege möglich schien. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 29-30

„Es ist kein Zweifel daran, daß unser Bestand als Ganzes sich über die kritische Linie bewegt. “
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 30

„Es gibt daher auch eine Frage nach dem Grundwert, die heute an Personen, Werke und Einrichtungen zu stellen ist. Sie lautet: inwiefern haben sie die Linie passiert?“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 31

„Man hört auch den Vorschlag, die Massen ihrem Willen zu überlassen, der sie so deutlich zur Vernichtung drängt. Das hieße die Sklaverei verewigen, in der zahllose Millionen schmachten, und welche die Schrecken der Antike überbietet, doch ohne deren Licht.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 33

„Sodann ist festzustellen, daß sich dieTheologie mitnichten in einem Stand befindet, der es mit dem Nihilismus aufnehmen kann. Sie schlägt sich vielmehr mit den Nachhuten der Aufklärung herum, ist also selber noch verwickelt in das nihilistische Gespräch.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 33

„Weit hoffnungsvoller ist es, daß die Einzelwissenschaftenvon sich aus zu Bildern vordringen, die einer theologischen Deutung fähig sind - vor allem die Astronomie, die Physik und die Biologie. Sie scheinen aus der Expansion sich wieder der Verdichtung anzunähern, der begrenzteren, schärferen und damit vielleicht auch menschlicheren Sicht, vorausgesetzt, daß man das Wort neu konzipiert. Man wird sich hier vor vor eiliger Ausdeutung hüten müssen, am besten sprechen die Ergebnisse. Den Experimenten werden jetzt neue Fragen unterlegt. Das bringt auch neue Antworten. Zu ihrer Zusammenfassung wird die Philosophie nicht ausreichen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 33

„Der Mangel wird dort am wenigsten spürbar werden, wo Gottesdienst genügt - im orthodoxen Kern. Er ist vielleicht der einzige, der die Linie unzersetzt passiert, oder, wenn erzersetzt wird, ungeheure Veränderungen bringt. Der Mangel wird auch bei den Protestanten stärker als bei den Katholiken auftreten, daher wird auch bei ihnen das Streben stärker auf den weltlichen Umtrieb und die Wohlfahrt gerichtetsein. Den geistigen Spitzen wird die Entscheidung in keinem Falle abzunehmen sein. Das treibt dazu, daß theologische Themen immer stärker in die Literatur eindringen.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 33

„Ausbeutung ist der Grundzug der Maschinen- und Automatenwelt. Sie steigert sich zur Unersättlichkeit, wo der Leviathan erscheint. Darüber darf man sich auch dort nicht täuschen, wo großer Reichtum die Schuppen zu vergolden scheint. Es ist noch fürchterlicher im Komfort. Die Zeit der Monster-Staaten ist angebrochen, wie Nietzsche es voraussagte.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 34

„Die Zeit der Ideologien, wie sie noch nach 1918 möglich waren, ist vorbei; sie liegen den großen Mächten nur noch als ganz leichte Schminke auf. Die Totale Mobilmachung ist in ein Stadium eingetreten, das an Bedrohlichkeit noch das vergangene übertrifft. Der Deutsche freilich ist nicht mehr ihr Subjekt, und dadurch wächst die Gefahr, daß er als ihr Objekt begriffen wird.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 36

„Die Bildung von Großräumen und vor allem ihr wachsender Bürgerkriegscharakter weist daruf hin, daß es sich nicht mehr um Bewegungen von Nationalstaaten handelt, sondern um die Vorbereitung einer umfassenden Einheit, innerhalb deren dann wiederum ein größerer Schutz und freieres Leben der Völker und Vaterländer zu erwarten ist.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 36-37

„Es ist vorauszusehen, diiß die Beschneidung der Freiheit noch währen wird. Sie ist auch dort vorhanden, wo man sich auf naive Weise im Besitze des Entschlusses wähnt. Ist es ein Unterschied, ob völkermordende Mittel im Auftrage tyrannischer Oligarchen oder auf Parlamentsbeschluß ersonnen und gehäuft werden? Gewiß ein Unterschied: im Zweiten wird der universale Zwang noch deutlicher. Die Furcht herrscht über allen, wenn sie sich auch hier als Tyrannis und dort als Fatum offenbaren mag. Solange sie regiert, wird alles im dumpfen Kreis umhergeführt, und aufden Waffen ruht unheilvoller Glanz.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 38

„Damit erhebt sich die Frage, ob selbst auf beschränktem Felde noch Freiheit möglich ist. Gewiß ist sie nicht durch Neutralität gegeben - vor allem nicht durch jene scheußliche Illusion der Sicherheit, die jenen sich zu moralisieren unterfängt, der in der Arena steht.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 38

„Desgleichen ist Skepsis nicht zu empfehlen, besonders nicht jene Skepsis, die sichtbar macht. Die Geister, die den Zweifel verwaltet haben und von ihm profitieren, sind nunmehr weithin in den Besitz der Macht gekommen, und nun ist ihnen gegenüber der Zweifel Sakrileg. Sie fordern für sich und ihre Lehren und ihre Kirchenväter Verehrung, wie sie nie ein Kaiser, ein Papst für sich in Anspruch nahm. Hier noch zu zweifeln, möge wagen, wer Folter und Zwangsarbeit nicht scheut. Es werden nicht viele sein. Sich sichtbar machen auf solche Weise heißt dem Leviathan gerade den Dienst erweisen, der ihm behagt, für den er Heere von Polizisten unterhält. Solches den Unterdrückten anzuraten, etwa vom sicheren Rundfunkpulte aus, ist rein verbrecherisch. Vor jenen, die reden, haben die heutigen Tyrannen keine Angst. Das mochte noch in den guten alten Zeiten des absoluten Staates möglich sein. Viel fürchterlicher ist das Schweigen - das Schweigen der Millionen und auch das Schweigen der Toten, das von Tag zu Tage tiefer wird. und das nicht Trommeln übertönen, bis es dann das Gericht beschwört. Im Maße, in dem der Nihilismus normal wird, werden die Symbole der Leere fürchterlicher als die der Macht.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 38-39

„Die Freiheit aber wohnt nicht im Leeren, sie haust vielmehr im Ungeordneten und Ungesonderten, in jenen Gebieten, die zwar organisierbar, doch nicht zur Organisation zu zählen sind. Wir wollen sie die Wildnis nennen; sie ist der Raum, aus dem der Mensch nicht nur den Kampf zu führen, sondern aus dem heraus er auch zu siegen hoffen darf. Das ist dann freilich keine romantische Wildnis mehr. Es ist der Urgrund seiner Existenz, das Dickicht, aus dem er eines Tages wie ein Löwe hervorbrechen wird.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 39

„Gibt es doch auch in unseren Wüsten Oasen, in denen die Wildnis blüht.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 39

„INHALT.  –  I. Prognose: * Die günstige Prognose Nietzsches * wird von Dostojewski geteilt. * Optimismus und Pessimismus können gleich fruchtbar sein. Verwerflich ist der Defaitismus, denn er fordert die Hybris heraus.  –  II. Diagnose: * Der Nihilismus ist als Grundmacht nicht zu erfassen, * doch bestehen Vorstellungen über seinen Verlauf. * Der Nihilismus ertastet nur das Nichts. * Er ist nicht gleichzusetzen dem Chaos, * der Krankheit * oder dem Bösen, sondern * er ist ein Reduktionsvorgang, * mit dem auch der Schwund des Wunderbaren verbunden ist. * Der Schwund hat indessen Endphasen erreicht. * Damit besteht Hoffnung, daß wir aus dem Werkstättenstil heraustreten.  –  III. Therapie: * Was tun in solcher Lage? * Es gilt sich auszurichten * gegenüber den Kirchen, * dem Leviathan, * der organisierten Welt. * Sicherheit ist in der Wildnis, die als die Heimat des Todes, des Eros und der musischen Schöpfung erkannt werden muß. * Auch das Denken führt in diese ungesonderte Welt. * Vor allem muß Sicherheit in der eigenen Brust gefunden werden. Dann ändert sich die Welt.“
Ernst Jünger, Über die Linie, 1950, S. 45

„Wir leben in Zeiten, in denen ununterbrochen fragenstellende Mächte an uns herantreten. Und diese Mächte sind nicht nur von idealer Wißbegier erfüllt. Indem sie sich mit ihren Fragen nähern, erwarten sie von uns nicht, daß wir einen Beitrag zur objektiven Wahrheit liefern, ja nicht einmal, daß wir zur Lösung von Problemen beitragen. Sie legen nicht auf unsere Lösung, sie legen auf unsere Antwort Wert.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 5-6

„Das ist ein wichtiger Unterschied. Er nähert die Fragenden Verhören an. Man wird das an der Entwicklung verfolgen können, die vom Wahlzettel zum Fragebogen führt. Der Wahlzettel zielt auf die Feststellung reiner Zahlenverhältnisse und deren Auswertung. Er soll den Willen des Wählers ermitteln, und der Wahlvorgang ist dahin ausgerichtet, daß dieser Wille rein und ohne fremde Einflüsse zur Darstellung gelangt. Die Wahl wird daher auch von einem Gefühl der Sicherheit, ja selbst der Macht begleitet, wie es den freien, im Rechtsraum abgegebenen Willensakt auszeichnet.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 6

„Der Zeitgenosse, der einen Fragebogen abzugeben sich veranlaßt sieht, ist weit entfernt von solcher Sicherheit. DieAntworten, die er erteilt, sind folgenschwer; oft hängt von ihnen sein Schicksal ab. Man sieht den Menschen in eine Lage kommen, in der von ihm verlangt wird, Urkunden zu schaffen, die auf seinen Untergang berechnet sind. Und was für belanglose Dinge bestimmen heute oft den Untergang.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 6

„Es leuchtet ein, daß sich in dieser Veränderung der Fragestellung eine ganz andere Ordnung andeutet, als wir sie zu Anfang unseres Jahrhunderts vorfanden. Hier gibt es die alte Sicherheit nicht mehr, und unser Denken muß sich danach einrichten.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 6

„Die Fragen rücken uns enger, dringender auf den Leib, und immer bedeutungsvoller wird die Art, in der wir antworten.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 6

„Dabei ist zu bedenken, daß Schweigen auch eine Antwort ist. Man fragt uns, warum wir dann und dort geschwiegen haben, und gibt uns die Quittung dafür. Das sind die Zwickmühlen der Zeit, denen keiner entrinnt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 6

„Der Wähler also, an den wir denken, wird sich der Urne mit ganz anderen Gefühlen nähern als sein Vater oder Großvater.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 7

„An Plätzen, wo die Diktatur schon stark gefestigt ist, würden neunzig Prozent Bejahungen schon zu stark abfallen. Daß sich in jedem Zehnten ein geheimer Gegner verbirgt: den Gedanken kann man den Massen nicht zumuten. Dagegen würde eine Zahl von ungültigen und Gegenstimmen, die sich um zwei Prozent herum bewegt, nicht nur erträglich, sondern auch günstig sein. Diese beiden Prozente wollen wir nun nicht einfach als taubes Metall betrachten und abstreichen. Sie sind der näheren Betrachtung wert. Man findet heute das Ungeahnte gerade in den Rückständen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 9

„Der Nutzen dieser beiden Stimmen für den Veranstalter ist ein doppelter: sie geben einmal den übrigen achtundneunzig Stimmen Kurs, indem sie bezeugen, daß jeder ihrerTräger sein Votum hätte abgeben können wie jene zwei Prozent. Damit gewinnt sein Ja an Wert, wird echt und vollgültig. Den Diktaturen ist der Nachweis wichtig, daß die Freiheit, Nein zu sagen, bei ihnen nicht ausgestorben ist. Darin liegt eines der größten Komplimente, die man der Freiheit machen kann.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 9

„Der zweite Vorteil unserer zwei Prozent liegt darin, daß sie die ununterbrochene Bewegung unterhalten, auf welche die Diktaturen angewiesen sind. Aus diesem Grunde pflegen sie sich immer noch als »Partei« zu geben, obwohl das sinnlos ist. Mit hundert Prozenten wäre das Ideal erreicht. Das würde die Gefahren mit sich bringen, die mit jeder Erfüllung verbunden sind. Man kann auch auf dem Lorbeer des Bürgerkrieges einschlafen. Beim Anblick jeder großen Fraternisierung muß man sich fragen: wo steht der Feind? SolcheZusammenschlüsse sind zugleich Ausschlüsse — Ausschlüsse eines Dritten und Verhaßten, der dennoch unentbehrlich ist. Die Propaganda ist auf einen Zustand angewiesen, in dem der Staatsfeind, der Klassenfeind, der Volksfeind zwar durchaus aufs Haupt geschlagen und schon fast lächerlich geworden, doch immerhin noch nicht ganz ausgestorben ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 9

„Die Diktaturen können von der reinen Zustimmung nicht leben, wenn nicht zugleich der Haß und mit ihm der Schrecken die Gegengewichte gibt. Nun würde aber bei hundert Prozent guter Stimmen der Terror sinnlos werden; man träfe nur noch Gerechte an. Das ist die andere Bedeutung der zwei Prozent. Sie weisen nach, daß zwar die Guten in ungeheurer Mehrheit, doch auch nicht gänzlich ungefährdet sind. Im Gegenteil ist anzunehmen, daß angesichts so überzeugter Einheit nur eine besondere Verstocktheit sich unbeteiligt verhalten kann. Es handelt sich um Saboteure mit dem Stimmzettel — und was liegt näher als der Gedanke, daß sie auch zu anderen Formen der Sabotage schreiten werden, wenn sich Gelegenheit ergibt?“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 10

„Das ist der Punkt, an dem der Wahlzettel zum Fragebogen wird. Es ist dabei nicht nötig, eine individuelle Haftung für die erteilte Antwort anzunehmen, doch darf man sicher sein, daß ziffernmäßige Beziehungen bestehen. Man darf gewiß sein, daß jene zwei Prozent nach den Regeln der doppelten Buchführung auch in anderen Registern als denen der Wahlstatistik in Erscheinung treten, wie etwa in den Namenslisten der Zuchthäuser und Arbeitslager oder an jenen Stätten, wo Gott allein die Opfer zählt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 10

„Die alten Systeme, die alten Parteien werden mitverändert .... Ein Demokrat, der mit einer gegen neunundneunzig Stimmen für Demokratie gestimmt hat, trat damit nicht nur aus seinem politischen Systeme, sondern auch aus seiner Individualität heraus. Das wirkt dann weit über den flüchtigen Vorgang, indem es nach ihm weder Demokratie noch Individualität geben kann.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 18

„Das ist der Grund, aus welchem unter den Cäsaren die zahlreichen Versuche, zur Republik zurückzukehren, scheiterten. Die Republikaner waren im Bürgerkrieg gefallen, oder sie gingen verändert aus ihm hervor.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 18

„Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt. Dazu ist auch die Schwierigkeit, ja das Verdienst zu schildern, das darin liegt, in dieser Welt ein Einzelner zu sein. Daß sie sich, und zwar notwendig, verändert hat und noch verändert, wird nicht bestritten, doch damit verändert sich auch die Freiheit, zwar nicht in ihrem Wesen, wohl aber in der Form. Wir leben im Zeitalter des Arbeiters; die These wird inzwischen deutlicher geworden sein. Der Waldgang schafft innerhalb dieser Ordnung die Bewegung, die sie von den zoologischen Gebilden trennt. Er ist weder ein liberaler noch ein romantischer Akt, sondern der Spielraum kleiner Eliten, die sowohl wissen, was die Zeit verlangt, als auchnoch etwas mehr.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 19

„In einer Millionenstadt leben zehntausend Waldgänger, wenn wir uns dieses Namens bedienen wollen, ohne noch seine Tragweite zu übersehen. Das ist eine gewaltige Macht. Sie ist zum Sturz auch starker Zwingherren hinreichend. Die Diktaturen sind ja nicht nur gefährlich, sie sind zugleich gefährdet, da die brutale Kraftentfaltung auch weithin Abneigung erregt. Insolcher Lage wird die Bereitschaft winziger Minderheitenbedenklich sein, vor allem, wenn sie eine Taktik entwickelten.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 20-21

„Das Mißtrauen wächst mit der Zustimmung. Je näher der Anteil der guten Stimmen den hundert Prozent kommt, desto größer wird die Zahl der Verdächtigen, denn es ist anzunehmen, daß nun die Träger des Widerstandes aus einer statistisch faßbaren Ordnung hinüberwechselten in jene unsichtbare,die wir als den Waldgang ansprechen. Nunmehr muß jeder überwacht werden. Die Ausspähung schiebt ihre Organe in jeden Block, in jedes Wohnhaus vor. Sie sucht selbst in die Familien einzudringen und erreicht ihre letzten Triumphe in den Selbstbezichtigungen der großen Schauprozesse: hier sehen wir das Individuum als seinen eigenen Polizisten auftreten und an seiner Vernichtung mitwirken. Es ist nichtmehr, wie in der liberalen Welt, unteilbar, sondern durch den Staat in zwei Hälften zerlegt, in eine schuldige und eine andere, die sich anschuldigt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 21-22

„Durch den Staat in zwei Hälften zerlegt, in eine schuldige und eines andere, die sich anschuldigt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 22

„All diese Enteignungen, Abwertungen, Gleichschaltungen, Liquidationen, Rationalisierungen, Sozialisierungen, Elektrifizierungen, Flurbereinigungen, Aufteilungen und Pulverisierungen setzen weder Bildung noch Charakter voraus, die beide den Automatismus eher schädigen. Wo daher in der Werkstättenlandschaft auf die Macht geboten wird, erhält derjenige den Zuschlag, in dem sich das Bedeutungslose durch starken Willen überhöht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 23

„Der Mensch tritt in Zusammenhänge ein, die er mit dem Bewußtsein nicht sogleich erfaßt, geschweige denn durch die Gestaltung — die Optik wird erst mit der Zeit erworben, die das Schauspiel verständlich macht. Erst dann wird Herrschaft möglich sein. Ein Vorgang muß zunächst begriffen werden, ehe man auf ihn einwirken kann.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 23

„Es gibt kein hoffnungsloseres Schicksal, als in einen solchen Ablauf zu geraten, in dem das Recht zur Waffe geworden ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 24

„Solche Erscheinungen hat es in der menschlichen Geschichte schon immer gegeben, und man könnte sie den Greueln zurechnen, die selten fehlen, wo große Veränderungen sich vollziehen. Beunruhigender ist, daß die Grausamkeit zu einem Element, zu einer Einrichtung der neuen Machtgebilde zu werden droht und daß man den Einzelnen ihr wehrlos ausgeliefert sieht. Das hat mehrere Gründe, vor allem den, daß das rationale Denken grausam ist. Das geht dann in die Pläne ein. Dabei spielt eine besondere Rolle das Erlöschen der freien Konkurrenz. Es führt ein sonderbares Spiegelbild herbei. Die Konkurrenz gleicht, wie ihr Name sagt, dem Wettlauf, in ihm erringen die Geschicktesten den Preis. Wo sie entfällt, droht eine Art von Rentnertum auf Staatskosten, während die äußere Konkurrenz, der Wettlauf der Staaten untereinander, bestehen bleibt. In diese Lücke tritt der Terror ein. Wohl sind es andere Umstände, die ihn herbeiführen: hier zeigt sich einer der Gründe, aus denen er bestehen bleibt. Die durch den Wettlauf erzeugte Geschwindigkeit muß nun die Furcht hervorbringen. Der Standard hängt dort vom Hochdruck und hier vom Vakuum ab. Dort gibt der Gewinnende die Gangart an, hier der, dem es noch schlechter geht. Damit nun hängt zusammen, daß im zweiten Falle der Staat beständig einen Teil der Einwohner schauerlichen Zugriffen zu unterwerfen sich gezwungen sieht. Das Leben ist grau geworden, doch mag es dem erträglich scheinen, der neben sich die Dunkelheit, das absolute Schwarz erblickt. Darin, und nicht auf dem Gebiet der Wirtschaft, liegen die Gefahren der großen Planungen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 25

„Die Katastrophen prüfen, in welchem Maße Menschen und Völker noch original gegründet sind. Ob wenisgtens noch ein Wurzelstrang unmittelbar das Erdreich aufschließt - daran hängen Gesundheit und Lebensaussicht jenseits der Zivilisation un ihrer Versicherung.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 27

„Wir nannten den Arbeiter und den Unbekannten Soldaten als zwei der großen Gestalten unserer Zeit. Im Waldgänger erfassen wir eine dritte, die immer deutlicher erscheint.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 28

„Im Arbeiter entfaltet sich das tätige Prinzip in dem Versuch, das Universum auf neue Weise zu durchdringen und zu beherrschen, Nähen und Fernen zu erreichen, die noch kein Auge sah, Gewalten zu gebieten, die noch niemand entfesselte. Der Unbekannte Soldat steht auf der Schattenseite der Aktionen, als Opfergänger, der in den großen Feuerwüsten die Lasten trägt und der als guter, einender Geist nicht allein innerhalb der Völker, sondern auch zwischen ihnen beschworen wird. Er ist der Sohn der Erde unmittelbar.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 28

„Waldgänger aber nennen wir jenen, der durch den großen Prozeß vereinzelt und heimatlos geworden, sich endlich der Vernichtung ausgeliefert sieht. Das könnte das Schicksal vieler, ja aller sein - es muß also noch eine Bestimmung hinzukommen. Diese liegt darin, daß der Waldgänger Widerstand zu leisten entschlossen ist und den, vielleicht aussichtslosen, Kampf zu führen gedenkt. Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 28

„Wenn wir ihn so betrachten, wird uns aufgehen, welche Rolle der Waldgang nicht nur in den Gedanken, sondern auch in der Wirklichkeit unserer Jahre spielt. Ein jeder befindet sich ja heute in Zwangslage, und die Versuche, den Zwang zu bannen, gleichen kühnen Experimenten, von denen noch ein weit größeres Schicksal abhängt als das jener, die sie zu wagen entschlossen sind.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 28

„Ein solches Wagnis kann Erfolg nur dann erhoffen, wenn ihm von den drei großen Mächten der Kunst, der Philosophie und der Theologie Hilfe geboten und Bahn im Ausweglosen gebrochen wird. Wir werden darauf im einzelnen eingehen. Vorausgeschickt sei nur, daß in der Kunst tatsächlich das Thema des umstellten Einzelnen an Raum gewinnt. Naturgemäß wird das besonders in der Menschenschilderung hervortreten, wie sie der Bühne und dem Lichtspiel zukommt, vor allem aber dem Roman. Und wirklich sehen wir die Perspektive wechseln, insofern die Schilderung der fortschreitenden oder sich zersetzenden Gesellschaft abgelöst wird durch die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem technischen Kollektiv und seiner Welt. Indem der Autor in ihre Tiefe eindringt, wird er selbst zum Waldgänger, denn Autorschaft ist nur ein Name für Unabhängigkeit.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 28-29

„Die immer künstlicheren Städte, die automatischen Bezüge, die Kriege und Bürgerkriege, die Maschinenhöllen, die grauen Despotien, Gefängnisse und raffinierten Nachstellungen — das alles sind Dinge, die Namen bekommen haben und die den Menschen Tag und Nacht beschäftigen. Wir sehen ihn über Fortgang und Ausweg sinnen als kühnen Planer und Denker, wir sehen ihn in den Aktionen als Maschinenlenker, Krieger, Gefangenen, als Partisan inmitten seiner Städte, die bald brennen, bald festlich erleuchtet sind. Wir sehen ihn als Verächter der Werte, als kalten Rechner, doch auch in der Verzweiflung, wenn inmitten der Labyrinthe der Blick die Sterne sucht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 30

„Der Vorgang hat zwei Pole — einmal den des Ganzen, das, sich immer mächtiger gestaltend, fortschreitet durch jeden Widerstand. Hier ist vollendete Bewegung, imperiale Entfaltung, vollkommene Sicherheit. Am anderen Pole sehen wir den Einzelnen, leidend und schutzlos, in ebenso vollkommener Unsicherheit. Beides bedingt sich, denn die große Machtentfaltung lebt von der Furcht, und der Zwang wird dort besonders wirksam, wo die Empfindsamkeit gesteigert ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 30

„Wenn sich die Kunst in zahllosen Versuchen mit dieser neuen Lage des Menschen befaßt als mit dem eigentlichen Thema, so geht das über die Schilderung hinaus. Es handelt sich vielmehr um Experimente mit einem höchsten Ziel, das darin liegt, Freiheit und Welt in neuer Harmonie zu einigen. Wo das im Kunstwerk sichtbar wird, muß sich die angestaute Furcht zerteilen wie Nebel im ersten Sonnenstrahl.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 30

„Wäre es ... möglich, zugleich auf dem Schiff zu bleiben und sich die eigene Entscheidung vorzubehalten - das heißt, die Wurzeln nicht nur zu wahren, sondern auch zu stärken, die noch dem Urgrund verhaftet sind. Das ist die eigentliche Frage unserer Existenz.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 31

„Der Mensch fragt, wie er der Vernichtung entrinnen kann. Wenn man in diesen Jahren an jedem beliebigen Punkt Europas mit Bekannten oder Unbekannten im Gespräch zusammensitzt, so wird die Unterhaltung sich bald dem Allgemeinen zuwenden, und das ganze Elend wird auftauchen. Man wird erkennen, daß fast alle diese Männer und Frauen von einer Panik erfaßt sind, wie sie seit dem frühen Mittelalter bei uns unbekannt geworden war. Man wird beobachten, daß sie sich mit einer Art Besessenheit in ihre Furcht hineinstürzen, deren Symptome offen und schamlos hervortreiben. Man wohnt da einem Wettbewerb von Geistern bei, die darüber streiten, ob es besser sei, zu fliehen, sich zu verbergen oder Selbstmord zu verüben, und die bei voller Freiheit schon darauf sinnen, durch welche Mittel und Listen sie sich die Gunst des Niederen erwerben können, wenn es zur Herrschaft kommt. Und mit Entsetzen ahnt man, daß es keine Gemeinheit gibt, der sie nicht zustimmen werden, wenn es gefordert wird. Darunter sieht man kräftige, gesunde Männer, die wie die Wettkämpfer gewachsen sind. Man fragt sich, wozu sie Sport treiben.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 32

„Nun sind aber dieselben Menschen nicht nur ängstlich, sondern fürchterlich zugleich. Die Stimmung wechselt von der Angst zu offenem Hasse, wenn sie jenen schwach werden sehen, den sie eben noch fürchteten. Und nicht nur in Europa trifft man solche Gremien. Die Panik wird sich noch verdichten, wo der Automatismus zunimmt und sich perfekten Formen nähert, wie in Amerika. Dort findet sie ihre beste Nahrung; sie wird durch Netze verbreitet, die mit dem Blitz wetteifern. Schon das Bedürfnis, mehrere Mal am Tage Nachrichten aufzunehmen, ist ein Zeichen der Angst; die Einbildung wächst und lähmt sich in steigenden Umdrehungen. All diese Antennen der Riesenstädte gleichen dem gesträubten Haar. Sie fordern zu dämonischen Berührungen heraus.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 32

„Die Grundfrage in diesen Wirbeln lautet, ob man den Menschen von der Furcht befreien kann. Das ist weit wichtiger, als ihn zu bewaffnen oder mit Medikamenten zu versehen. Macht und Gesundheit sind beim Furchtlosen. Dagegen belagert die Furcht auch die bis an die Zähne Gerüsteten — ja gerade sie. Das gleiche läßt sich von jenem sagen, der im Überflüsse schwimmt. Mit Waffen, mit Schätzen bannt man die Bedrohung nicht. Das sind nur Hilfsmittel.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 33

„Furcht und Gefährdung stehen in so enger Verknüpfung, daß sich kaum sagen läßt, welche der beiden Mächte die andere erzeugt. Die Furcht ist wichtiger, daher muß man bei ihr beginnen, wenn man den Knoten lösen will. Vor dem Gegenteil aber, das heißt: vor dem Versuch, von der Gefährdung aus zu beginnen, muß gewarnt werden. Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen. Der Schrecken gleicht einem Feuer, das die Welt verzehren will. Zugleich vervielfacht sich die Furcht. Als zur Herrschaft berufen legitimiert sich jener, der dem Schrecken ein Ende setzt. Das ist derselbe, der zuvor die Furcht bezwungen hat.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 33

„Der Ort der Freiheit ist ein ganz anderer als bloße Opposition, ein anderer auch, als ihn die Flucht gewähren kann. Wir nannten ihn den Wald. Dort gibt es andere Mittel als ein Nein, das man in den dazu vorgesehenen Umkreis setzt. Wir sahen freilich, daß bei dem Stande, zu dem die Dinge vorgeschritten sind, vielleicht nur einer unter hundert zum Waldgang fähig ist. Es handelt sich aber nicht um Zahlenverhältnisse. Bei einem Theaterbrande genügt ein klarer Kopf, ein starkes Herz, um einer Panik von tausend Menschen Einhalt zu gebieten, die sich gegenseitig zu erdrücken drohen und der tierischen Angst nachgeben.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 34-35

„Der höhere Rhythmus der Geschichte kann überhaupt dahin gedeutet werden, daß der Mensch sich periodisch wiederentdeckt. Immer sind Mächte, die ihn maskieren wollen, bald totemistische, bald magische, bald technische. Dann wächst die Starre und mit ihr die Furcht. Die Künste versteinern, das Dogma wird absolut. Doch seit den frühesten zeiten wiederholt sich das Schauspiel, daß der Mensch die Maske abnimmt, und dem folgt Heiterkeit, wie sie der Abglanz der Freiheit ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 35

„Mythos ist keine Vorgeschichte; er ist zeitliche Wirklichkeit, die sich in der Geschichte wiederholt. “
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 37

„Zwei Eigenschaften werden also beim Waldgänger vorausgesetzt. Er läßt sich durch keine Übermacht das Gesetz vorschreiben, weder propagandistisch noch durch Gewalt. Und er gedenkt sich zu verteidigen, indem er nicht nur Mittel und Ideen der Zeit verwendet, sondern zugleich den Zugang offen hält zu Mächten, die den zeitlichen überlegen und niemals rein in Bewegung aufzulösen sind. Dann kann der Gang gewagt werden.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 38

„Es stellt sich nun die Frage nach der Absicht einer solchen Anstrengung. Wie bereits angedeutet, kann sie nicht auf die Eroberung reiner Innenreiche beschränkt werden. Das gehört zu den Vorstellungen, die sich nach der Niederlage ausbreiten. Ebenso ungenügend würde die Beschränkung auf reale Ziele, wie etwa auf die Führung des nationalen Freiheitskampfes, sein. Wir werden vielmehr sehen, daß es sich um Anstrengungen handelt, die auch die nationale Freiheit als ein Hinzutretendes krönt. Wir sind ja nicht lediglich in einen nationalen Zusammenbruch verwickelt, sondern in eine Weltkatastrophe, bei der sich kaum sagen und noch weniger prophezeien läßt, wer eigentlich die Sieger und wer die Besiegten sind.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 38

„Es ist vielmehr so, daß der einfache Mensch, der Mann auf der Straße, dem wir täglich und überall begegnen, die Lage besser erfaßt hat als alle Regierungen und alle Theoretiker. Das beruht darauf, daß in ihm immer noch die Spuren eines Wissens leben, das tiefer reicht als die Gemeinplätze der Zeit. Daher kommt es, daß auf Konferenzen und Kongressen Beschlüsse gefaßt werden, die viel dümmer und gefährlicher sind, als es der Schiedsspruch des Nächsten, Besten wäre, den man aus einer Straßenbahn herauszöge.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 38

„Der Waldgang soll nicht verstanden werden als eine gegen die Maschinenwelt gerichtete Form des Anarchismus, obwohl die Versuchung dazu nahe liegt, besonders wenn das Bestreben zugleich auf eine Verknüpfung mit dem Mythos gerichtet ist. Mythisches wird ohne Zweifel kommen und ist bereits im Anzüge. Es ist ja immer vorhanden und steigt zur guten Stunde wie ein Schatz zur Oberfläche empor. Doch wird es gerade der höchsten, gesteigerten Bewegung entspringen als anderes Prinzip. Bewegung in diesem Sinne ist nur der Mechanismus, der Schrei der Geburt. Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder ....“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 41

„Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder ....“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 41

„Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr. Auch heißt es nicht, der Weinstock oder — sondern es heißt: der Weinstock und das Schiff. Es wächst die Zahl derjenigen, die das Schiff verlassen wollen und unter denen auch scharfe Köpfe und gute Geister sind. Im Grunde heißt das, auf hoher See aussteigen. Dann kommen der Hunger, der Kannibalismus und die Haifische, kurz, alle Schrecken, die uns vom Floße der »Medusa« berichtet sind. Es ist daher auf alle Fälle rätlich, an Bord und auf Deck zubleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß man mit in die Luftfliegen wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 41

„Souveränität ... wird man heute weniger in den großen Entschlüssen finden als im Menschen, der in seinem Inneren der Furcht abschwört. Die ungeheuren Vorkehrungen sind gegen ihn allein gerichtet, und dennoch sind sie im letzten für seinen Triumph bestimmt. Diese Erkenntnis macht ihn frei. Dann sinken Diktaturen in den Staub. Hier liegen die kaum angeschürften Reserven unserer Zeit, und nicht nur der unseren. Diese Freiheit ist das Thema der Geschichte überhaupt und grenzt sie ab: hier gegen die Dämonenreiche, dort gegen das bloß zoologische Geschehen. Das ist im Mythos und in den Religionen vorgebildet und kehrt stets wieder, und immer erscheinen die Riesen und Titanen in gleicher Übermacht. Der Freie fällt sie; er braucht nicht immer ein Fürst und Herakles zu sein. Der Stein aus einer Hirtenschleuder, die Fahne, die eine Jungfrau aufnahm, und eine Armbrust haben schon genügt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 43

„Inwiefern ist Freiheitwünschbar, ja überhaupt sinnvoll innerhalb unserer historischen Lage und ihrer Eigenart? Liegt denn nicht ein besonderes und leicht zu unterschätzendes Verdienst des Menschen dieser Zeit gerade darin, daß er in weitem Umfang auf Freiheit zu verzichten weiß? In vielem gleicht er einem Soldaten auf dem Marsche zu unbekannten Zielen oder dem Arbeiter an einem Palast, den andere bewohnen werden; und das ist nicht sein schlechtester Aspekt. Soll man ihn ablenken, solange die Bewegung im Gange ist?“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 44

„Wer dem Geschehen, das mit so viel Leiden verbunden ist, sinnvolle Züge abzugewinnen sucht, macht sich zum Stein des Anstoßes. Dennoch sind alle Prognosen verfehlt, die auf der reinen Untergangsstimmung beruhen. Wir durchschreiten vielmehr eine Reihe immer deutlicherer Bilder, immer klarerer Prägungen. Auch Katastrophen unterbrechen kaum die Bahn, kürzen sie eher in vielem ab. Es ist kein Zweifel, daß Ziele vorhanden sind. Millionen stehen in ihrem Banne, führen ein Leben, das ohne diese Aussicht unerträglich wäre und das durch bloßen Zwang nicht zu erklären ist. Die Opfer werden vielleicht spät gekrönt, doch nicht vergeblich gewesen sein.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 44

„Wir berühren hier das Notwendige, das Schicksal, das die Gestalt des Arbeiters bestimmt. Geburten sind nie ohne Schmerz. Die Prozesse werden sich fortsetzen, und wie in jeder Schicksalslage werden alle Versuche, sie aufzuhalten und in die Ausgangslinie zurückzukehren, sie eher fördern und beschleunigen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 44

„Man tut daher auch gut, stets das Notwendige im Auge zubehalten, wenn man sich nicht in Illusionen verlieren will. Die Freiheit allerdings ist mit dem Notwendigen gegeben, und erst, wenn sie zu ihm in Relation tritt, stellt sich die neueVerfassung dar. Zeitlich gesehen, bringt jede Veränderungim Notwendigen auch eine Veränderung der Freiheit mit.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 44

„Es muß nun zugegeben werden, daß die Behauptung der Freiheit heute besonders schwierig ist. Der Widerstand erfordert große Opfer; daraus erklärt sich die Überzahl derjenigen, die den Zwang vorziehen. Dennoch kann echte Geschichte nur durch Freie gemacht werden. Geschichte ist die Prägung, die der Freie dem Schicksal gibt. In diesem Sinnefreilich kann er stellvertretend wirken; sein Opfer zählt fürdie anderen mit.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 45

„Wir wollen unterstellen, daß wir die Hemisphäre, auf der sich das Notwendige vollzieht, in ihren Umrissen erforscht hätten. Hier zeichnet sich das Technische, das Typische, das Kollektive ab, bald grandios, bald fürchterlich. Wir nähern uns nun dem anderen Pole, an dem der Einzelne nicht nur leidend, sondern zugleich erkennend und richtend wirkt. Da ändern sich die Aspekte; sie werden geistiger und freier, doch werden auch die Gefahren deutlicher.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 45

„Man hätte indessen mit diesem Teil der Aufgabe nicht beginnen können, denn das Notwendige wird zuerst gesetzt. Es mag als Zwang, als Krankheit, als Chaos, ja selbst als Tod an uns herantreten — in jedem Falle will es als Aufgabe begriffen sein.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 45

„Es kann also nicht darauf ankommen, den Grundriß der Arbeitswelt zu ändern; die große Zerstörung legt ihn eher frei. Es könnten aber andere Paläste darauf errichtet werden als jene Termitenhügel, wie sie die Utopie teils fordert, teils befürchtet; so einfach ist der Plan nicht angelegt. Auch handelt es sich nicht darum, der Zeit den Zoll zu weigern, dessen sie bedarf, denn Pflicht und Freiheit lassen sich vereinigen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 45

„Ein weiterer Einwand sei erwogen: soll man sich auf die Katastrophe festlegen? Soll man, und sei es auch nur geistig, die äußersten Gewässer aufsuchen, die Katarakte, den Malstromwirbel, die großen Abgründe?“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 46

„Das ist ein Einwand, der nicht zu unterschätzen ist. Es hat viel für sich, die sicheren Routen abzustecken, wie die Vernunft sie vorschreibt, mit dem Willen, auf ihnen zu beharren. Dieses Dilemma wird ja auch praktisch, wie bei den Rüstungen. Die Rüstung ist auf den Kriegsfall angelegt, zunächst als Sicherung. Sie führt dann an eine Grenze, an der sie dem Kriege zutreibt und ihn anzuziehen scheint. Es gibt hier einen Grad der Investierung, der auf alle Fälle dem Bankrott entgegenführt. So wären Systeme von Blitzableitern denkbar, die endlich die Gewitter heranführen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 46

„Das gleiche gilt im Geistigen. Indem man die äußersten Bahnen übersinnt, vernachlässigt man die Fahrwege. Auch hier indessen schließt das eine das andere nicht aus. Vielmehr gebietet die Vernunft, die möglichen Fälle in ihrer Gesamtheit zu überlegen und auf jeden die Antwort bereitzuhalten wie eine Reihe von Schachzügen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 46

„In unserer Lage sind wir verpflichtet, mit der Katastrophezu rechnen und mit ihr schlafen zu gehen, damit sie uns nicht zur Nacht überrascht. Nur dadurch werden wir zu einem Vorrat an Sicherheit gelangen, der das vernunftgemäßeHandeln möglich macht. Bei voller Sicherheit spielt der Gedanke nur mit der Katastrophe; er bezieht sie als unwahrscheinliche Größe in seine Pläne ein und deckt sich durch geringe Versicherungen ab. In unseren Tagen ist das umgekehrt. Wir müssen beinahe das ganze Kapital an die Katastrophe wenden — um gerade dadurch den Mittelweg offenzuhalten, der messerschmal geworden ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 46

„Ganz sichtbar bewegen wir uns aus den Nationalstaaten, ja aus den Großräumen heraus zu planetarischen Ordnungen. Diese sind durch Verträge zu erreichen, falls nur die Partner den Willen dazu haben, wie es vor allem eine Lockerung der Souveränitätsansprüche zu erweisen hätte - denn im Verzicht verbirgt sich die Fruchtbarkeit. Es gibt Ideen, und es gibt auch Tatsachen, auf denen ein großer Friede errichtet werden kann. Das setzt voraus, daß man die Grenzen achtet; Annektion von Provinzen, Bevölkerungsabschub, Errichtung von Korridoren und Trennung nach Breitengraden verewigen die Gewalt. Es ist daher ein Vorteil, daß es zum Frieden noch nicht gediehen ist und damit das Ungeheuerliche noch der Sanktion entbehrt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 47

„Der Friede von Versailles schloß bereits den Zweiten Weltkrieg ein. Auf offene Gewalt begründet, gab er das Evangelium, auf das jede Gewalttat sich bezog. Ein zweiter Friede nach diesem Muster würde noch kürzer dauern und die Zerstörung Europas einschließen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 47

„Soviel in Kürze, da uns hier andere als politische Ideen beschäftigen. Es handelt sich vielmehr um die Gefährdung und um die Furcht des Einzelnen. Der gleiche Zwiespalt beschäftigt ja auch ihn. An sich belebt ihn der Wunsch, sich seinem Beruf und seiner Familie zu widmen, seinen Neigungen nachzugehen. Dann macht die Zeit sich geltend - sei es, daß die Bedingungen allmählich sich verschlechtern, sei es, daß er sich plötzlich von extremer Seite aus angegangen sieht. Enteignung, Zwangsarbeit und Schlimmeres tauchen in seinem Umkreis auf. Bald wird ihm deutlich, daß Neutralität mit Selbstmord gleichbedeutend wäre - hier heißt es, mit den Wölfen heulen oder gegen sie ins Feld ziehen. Wie findet er in solcher Bedrängnis ein Drittes, das nicht gänzlich in der Bewegung untergeht? Wohl nur in seiner Eigenschaft als Einzelner, in seinem menschlichen Sein, das unerschüttert bleibt. Es ist in solchen Lagen als großes Verdienst zu preisen, wenn die Kenntnis des rechten Weges nicht gänzlich verloren geht. “
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 47-48

„Wer Katastrophen entronnen ist, der weiß, daß er es im Grunde der Hilfe von einfachen Menschen verdankt, über die der Haß, der Schrecken, der Automatismus der Gemeinplätze nicht Macht gewann. Sie widerstanden der Propaganda und ihren Einflüsterungen, die rein dämonisch sind. Unendlicher Segen kann erwachsen, wenn diese Tugend in den Führern der Völker, wie in Augustus, sichtbar wird. Darauf begründen sich Imperien. Der Fürst herrscht nicht, indem er tötet, sondern indem er das Leben schenkt. Darin liegt eine der großen Hoffnungen: daß unter den zahllosen Millionen ein vollkommener Mensch auftrete.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 48

„Soviel zur Theorie der Katastrophe. Es steht nicht frei, sie zu vermeiden, doch gibt es Freiheit in ihr. Sie zählt zu den Prüfungen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 48

„Die Lehre vom Walde ist uralt wie die menschliche Geschichte, ja älter als sie. Sie findet sich bereits in den ehrwürdigen Urkunden, die wir zum Teil erst heute zu entziffern verstehen. Sie bildet das große Thema der Märchen, der Sagen, der heiligen Texte und Mysterien. Wenn wir das Märchen der Steinzeit, den Mythos der Bronzezeit und die Geschichte der Eisenzeit zuordnen, so werden wir überall auf diese Lehre stoßen, falls unsere Augen dafür geöffnet sind. Wir werden sie in unserer uranischen Epoche wiederfinden, die man als Strahlungszeit bezeichnen kann.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 48

„Immer und überall ist hier das Wissen, daß in der wechselvollen Landschaft Ursitze der Kraft verborgen sind und unter der flüchtigen Erscheinung Quellen des Überflusses, kosmischer Macht. Das Wissen bildet nicht nur das symbolisch-sakramentale Fundament der Kirchen, es spinnt sich nichtnur in Geheimlehren und Sekten fort, sondern es stellt auchden Kern der Philosopheme, wie überaus verschieden immer deren Begriffswelt sei. Im Grunde gehen sie auf das gleiche Geheimnis aus, das jedem offen liegt, den es einmal im Leben weihte, sei es nun, daß es als Idee, als Urmonade, als Ding an sich, als Existenz der Heutigen begriffen wird. Wer einmal das Sein berührte, überschritt die Säume, an denen Worte, Begriffe, Schulen, Konfessionen noch wichtig sind. Doch lernte er, das zu ehren, was sie belebt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 48-49

„In diesem Sinne kommt es auch auf das Wort Wald nicht an. Freilich ist kein Zufall, daß alles, was uns mit zeitlicher Sorge bindet, sich so gewaltig zu lösen anfängt, wenn sich der Blick auf Blumen und Bäume wendet und von ihrem Bann ergriffen wird. Nach dieser Richtung sollte die Botanik sich erhöhen. Da ist der Garten Eden, da sind die Weinberge, die Lilien, das Weizenkorn der christlichen Gleichnisse. Da ist der Märchenwald mit den menschenfressenden Wölfen, Hexen und Riesen, aber auch dem guten Jäger darin, die Rosenhecke Dornröschens, in deren Schatten die Zeit stille steht. Da sind die germanischen und keltischen Wälder, wie der Hain Glasur, in dem die Helden den Tod bezwingen, und wiederum Gethsemane mit den Ölbäumen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 49

„Aber das gleiche wird auch an anderen Orten gesucht — in Höhlen, in Labyrinthen, in Wüsten, in denen der Versucher wohnt. Überall residiert ein gewaltiges Leben für den, der seine Symbole errät. Moses klopft mit dem Stab an die Felswand, aus der das Wasser des Lebens springt. Ein solcher Augenblick reicht dann für Tausende von Jahren aus.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 49

„Das alles ist nur scheinbar auf ferne Räume und Vorzeiten verteilt. Es ist vielmehr in jedem Einzelnen verborgen und ihm in Schlüsseln überliefert, damit er sich selbst begreife, in seiner tiefsten und überindividuellen Macht. Darauf zielt jede Lehre, die dieses Namens würdig ist. Mag die Materie sich auch zu Wänden verdichtet haben, die jede Aussicht zu nehmen scheinen, so ist doch der Überfluß ganz nahe, da er im Menschen als Pfund, als überzeitliches Erbteil lebt. Es hängt von ihm ab, ob er den Stab, nur um sich auf dem Lebensweg darauf zu stützen, oder ob er ihn als Szepter ergreifen will.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 49

„Die Zeit versieht uns mit neuen Gleichnissen. Wir haben Formen der Energie erschlossen, die den bisher bekannten gewaltig überlegen sind. Dennoch ist all das eben nur ein Gleichnis; die Formeln, die menschliche Wissenschaft im Zeitwandel findet, führen immer auf längst Bekanntes zu. Die neuen Lichter, die neuen Sonnen sind flüchtige Protuberanzen, die sich vom Geist ablösen. Sie prüfen den Menschen auf sein Absolutes, auf seine wunderbare Macht. Stets kehren die Schicksalsschläge wieder, durch die der Mensch nicht mehr als dieser oder jener, sondern durch die er als solcher in die Schranken gefordert wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 49-50

„Das zieht sich auch als großes Thema durch die Musik: die wechselnden Figuren führen dem Punkte zu, an dem der Mensch in seinen von der Zeit befreiten Maßen sich gegenübertritt — an dem er sich selbst zum Schicksal wird. Das ist die oberste, die schreckliche Beschwörung, die nur dem Meister zusteht, der durch die Pforten des Gerichtes zur Erlösung führt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 50

„Der Mensch ist zu stark in die Konstruktionen eingetreten, er wird zu billig und verliert den Grund. Das bringt ihn den Katastrophen nahe, den großen Gefahren und dem Schmerz. Sie drängen ihn in das Ungebahnte, führen ihn der Vernichtung zu. Doch seltsam ist es, daß er gerade dort, geächtet, verurteilt, flüchtend, sich selbst begegnet in seiner unaufgeteilten und unzerstörbaren Substanz. Damit durchdringt er die Spiegelbilder und erkennt sich in seiner Macht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 50

„Der Wald ist heimlich. Das Wort gehört zu jenen unserer Sprache, in denen sich zugleich ihr Gegensatz verbirgt. Das Heimliche ist das Trauliche, das wohlgeborgene Zuhause, der Hort der Sicherheit. Es ist nicht minder das Verborgen-Heimliche und rückt in diesem Sinne an das Unheimliche heran. Wo wir auf solche Stämme stoßen, dürfen wir gewiß sein, daß in ihnen der große Gegensatz und die noch größere Gleichung Leben und Tod anklingen, mit deren Lösung sich die Mysterien beschäftigen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 50

„In diesem Lichte ist der Wald das große Todeshaus, der Sitz vernichtender Gefahr. Es ist die Aufgabe des Seelenführers, den von ihm Geführten an der Hand dorthin zu leiten, damit er die Furcht verliert. Er läßt ihn symbolisch sterben und auferstehen. Hart an der Vernichtung liegt der Triumph. Aus diesem Wissen ergibt sich die Erhöhung über die zeitliche Gewalt. Der Mensch erfährt, daß sie ihm im Grunde nichts anhaben kann, ja nur dazu bestimmt ist, ihn im höchsten Range zu bestätigen. Das Schreckensarsenal, bereit, ihn zu verschlingen, ist um den Menschen aufgestellt. Das ist kein neues Bild. Die »neuen« Welten sind immer nur Abzüge ein und derselben Welt. Sie war den Gnostikern bekannt, den Einsiedlern der Wüste, den Vätern und wahren Theologen seit Anbeginn. Sie kannten das Wort, das die Erscheinung fällen kann. Die Todesschlange wird zum Stab, zum Szepter dem Wissenden, der sie ergreift.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 51

„Die Furcht nimmt immer die Maske, den Stil der Zeiten an. Das Dunkel der Weltraumhöhle, die Visionen der Eremiten, die Ausgeburten der Bosch und Cranach, die Hexen- und Dämonenschwärme des Mittelalters sind Glieder der ewigen Kette der Angst, an die der Mensch wie Prometheus an den Kaukasus geschmiedet ist. Von welchen Götterhimmeln er sich auch befreien möge — die Furcht begleitet ihn mit großer List. Und immer erscheint sie ihm in höchster, lähmender Wirklichkeit. Wenn er in strenge Erkenntniswelten eintritt, wird er den Geist verlachen, der sich mit gotischen Schemen und Höllenbildern ängstigte. Er ahnt kaum, daß er in den gleichen Fesseln gefangen liegt. Ihn freilich prüfen die Phantome im Erkenntnisstil, als Fakten der Wissenschaft. Der alte Wald mag nun zum Forst geworden sein, zur ökonomischen Kultur. Doch immer noch ist in ihm das verirrte Kind. Nun ist die Welt der Schauplatz von Mikrobenheeren; die Apokalypse droht wie je zuvor, wenngleich durch Machenschaften der Physik (nicht nur der Physik! HB). Der alte Wahn blüht in Psychosen, Neurosen fort. Und auch den Menschenfresser wird man in durchsichtiger Verkleidung wiederfinden — nicht nur als Ausbeuter und Treiber in den Knochenmühlen der Zeit. Er mag vielmehr als Serologe inmitten seiner Instrumente und Retorten darüber sinnen, wie man die menschliche Milz, das menschliche Brustbein zum Ausgangsstoff für wunderbare Medizinen nimmt. Da sind wir mitten im alten Dahomey, im alten Mexiko“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 51-52

„Das alles ist nicht weniger fiktiv als das Gebäude jeder anderen Symbolwelt, deren Trümmer wir aus einem Schuttberg ausgraben. Es wird wie sie dahingehen und verfallen und fremden Augen unverständlich sein. Doch dafür steigen andere Fiktionen aus dem stets unerschöpften Sein, genau so überzeugend, genau so mannigfaltig und lückenlos.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 52

„Bedeutend ist nun an unserem Zustand, daß wir nicht völlig im Dumpfen dahinleben. Wir steigen nicht nur zu Punkten großen Selbstbewußtseins auf, sondern auch zu strenger Selbstkritik. Das ist ein Zeichen hoher Kulturen; sie wölbenBögen über die Traumwelt auf. Wir kommen im Bewußtseinsstil zu Einsichten, wie sie dem indischen Bilde vom Schleier der Maja entsprechen oder der ewigen Weltzeitfolge, die Zarathustra lehrt. Die indische Weisheit rechnet selbst den Aufstieg und das Versinken von Götterreichen der Welt des Augentruges zu - dem Schaum der Zeit. Wenn Zimmer behauptet, daß uns diese Größe des Aspektes fehle, so kann man ihm darin nicht beistimmen. Nur fassen wir ihn im Bewußtseinsstil, durch den alles zermalmenden Vorgang der Erkenntniskritik. Hier schimmern die Grenzen von Zeit und Raum. Der gleiche Vorgang, vielleicht noch dichter und folgenschwerer, wiederholt sich heute in der Wendung von der Erkenntnis auf das Sein. Dazu kommt der Triumph der zyklischen Auffassung in der Geschichtsphilosophie. Freilich muß die Kenntnis der historia in nuce sie ergänzen: das Thema, das in unendlicher Verschiedenheit von Zeit und Raum sich abwandelt, ist ein und dasselbe, und in diesem Sinne gibt es nicht nur Geschichte der Kulturen, sondern Menschheitsgeschichte, welche eben Geschichte in der Substanz, im Nußkern, Geschichte des Menschen ist. Sie wiederholt sich in jedem Lebenslauf.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 52

„Damit kehren wir zum Thema zurück. Menschliche Furcht zu allen Zeiten, in allen Räumen, in jedem Herzen ist ein und dieselbe, ist Furcht vor der Vernichtung, ist Todesfurcht. Das hören wir bereits von Gilgamesch, wir hören es im 90. Psalm, und dabei ist es geblieben bis in unsere, heutige Zeit. Die Überwindung der Todesfurcht ist also zugleich die Überwindung jedes anderen Schreckens; sie alle haben nur Bedeutung hinsichtlich dieser Grundfrage. Der Waldgang ist daher in erster Linie Todesgang. Er führt hart an den Tod heran - ja, wenn es sein muß, durch ihn hindurch. Der Wald als Lebenshort erschließt sich in seiner überwirklichen Fülle, wenn die Überschreitung der Linie gelungen ist. Hier ruht der Überfluß der Welt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 52-53

„Jede wirkliche Führung bezieht sich auf diese Wahrheit: sie weiß den Menschen an einen Punkt zu bringen, an dem er die Wirklichkeit erkennt. Das wird vor allem deutlich, wenn Lehre und Beispiel sich vereinen - wenn der Bezwinger der Furcht das Todesreich betritt, wie man es an Christus als höchstem Stifter sieht. Das Weizenkorn, indem es starb, hat nicht nur tausendfältig, es hat unendlich Frucht gebracht. Hier wurde der Überfluß der Welt berührt, auf den sich jede Zeugung als zugleich zeitliches und zeitbezwingendes Symbol bezieht. Dem folgten nicht nur die Märtyrer, die stärker waren als die Stoa, stärker als die Cäsaren, stärker als jene Hunderttausend, die sie in die Arena einschlossen. Dem folgten auch die Ungezählten, die in der Zuversicht gestorben sind. Das wirkt noch heute weit zwingender, als es der erste Blick erkennt. Auch wenn die Dome stürzen, bleibt ein Wissen, ein Erbteil in den Herzen und unterhöhlt wie Katakomben die Paläste der Zwingherrschaft. Aus diesem Grunde schon darf man gewiß sein, daß die reine und nach antiken Vorbildern geübte Gewalt nicht auf die Dauer triumphieren kann. Es wurde mit diesem Blute Substanz in die Geschichte eingeführt, und daher zählen wir immer noch mit Recht von diesem Datum ab als von der Zeitwende. Hier herrscht die volle Fruchtbarkeit der Theogonien, mythische Zeugungskraft. Das Opfer wird auf zahllosen Altären wiederholt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 53

„Hölderlin faßt im Gedichte Christus als die Überhöhung herakleischer und dionysischer Macht. Herakles ist der Urfürst, auf den selbst die Götter im Kampfe gegen die Titanen angewiesen sind. Er legt die Sümpfe trocken, baut Kanäle und macht die Einöden bewohnbar, indem er die Ungeheuer und Unholde erlegt. Er ist der erste der Heroen, auf deren Gräber sich die Polis gründet und deren Verehrung sie erhält. Jede Nation hat ihren Herakles, und heute noch sind Gräber die Mittelpunkte, an denen der Staat sakralen Glanz erhält.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 54

„Dionysos ist der Festherr, der Führer der Festzüge. Wenn Hölderlin ihn als Gemeingeist anspricht, ist das so zu verstehen, daß auch die Toten zur Gemeinde zählen, ja gerade sie. Das ist der Schimmer, der das dionysische Fest umhüllt, die tiefste Quelle der Heiterkeit. Die Pforten des Totenreiches werden weit aufgestoßen, und goldener Überfluß quillt hervor. Das ist der Sinn der Rebe, in der Erd- und Sonnenkräfte sich vereinen, der Masken, der großen Verwandlung und Wiederkehr.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 54

„Unter den Menschen ist Sokrates zu nennen, dessen Vorbild nicht nur die Stoa, sondern kühne Geister zu allen Zeiten befruchtete. Wir mögen über Leben und Lehre dieses Mannes verschiedener Ansicht sein; sein Tod zählt zu den größten Ereignissen. Die Welt ist so beschaffen, daß immer wieder das Vorurteil, die Leidenschaften Blut fordern werden, und man muß wissen, daß sich das niemals ändern wird. Wohl wechseln die Argumente, doch ewig unterhält die Dummheit ihr Tribunal. Man wird hinausgeführt, weil man die Götter verachtete, dann weil man ein Dogma nicht anerkannte, dann wieder, weil man gegen eine Theorie verstieß. Es gibt kein großes Wort und keinen edlen Gedanken, in dessen Namen nicht schon Blut vergossen worden ist. Sokratisch ist das Wissen von der Ungültigkeit des Urteils, und zwar von der Ungültigkeit in einem erhabeneren Sinne, als menschliches Für und Wider ihn ermitteln kann. Das wahre Urteil ist von Anbeginn gesprochen: es ist auf die Erhöhung des Opfers angelegt. Wenn daher moderne Griechen eine Revision des Spruches anstreben, so wären damit nur die unnützen Randbemerkungen zur Weltgeschichte um eine weitere vermehrt, und das in einer Zeit, in der unschuldiges Blut in Strömen fließt. Dieser Prozeß ist ewig, und die Banausen, die in ihm als Richter saßen, trifft man auch heute an jeder Straßenecke, in jedem Parlament. Daß man das ändern könne: dieser Gedanke zeichnete von jeher die flachen Köpfe aus. Menschliche Größe muß immer wieder erkämpft werden. Sie siegt, indem sie den Angriff des Gemeinen in der eigenen Brust bezwingt. Hier ruht die wahre historische Substanz, in der Begegnung des Menschen mit sich selbst, das heißt: mit seiner göttlichen Macht. Das muß man wissen, wenn man Geschichte lehren will. Sokrates nannte diesen tiefsten Ort, an dem ihn eine Stimme, schon nicht mehr in Worten faßbar, beriet und lenkte, sein Daimonion. Man könnte ihn auch den Wald nennen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 54-55

„Was soll es nun dem Heutigen bedeuten, wenn er sich durch das Vorbild der Todesbezwinger, der Götter, Helden und Weisen leiten läßt? Es heißt, daß er sich am Widerstande gegen die Zeit beteiligt, und nicht nur gegen diese, sondern jede Zeit überhaupt, und deren Grundmacht ist die Furcht. Jegliche Furcht, wie abgeleitet sie auch erscheine, ist im Kerne Todesfurcht. Wenn es dem Menschen gelingt, hier Raum zu schaffen, so wird sich diese Freiheit auch auf jedem anderen Felde geltend machen, das die Furcht regiert. Dann wird er die Riesen fällen, deren Rüstung der Schrecken ist. Auch das hat sich in der Geschichte stets wiederholt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 55

„Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Erziehung heute auf das genaue Gegenteil gerichtet ist. Niemals herrschten über den Geschichtsunterricht so seltsame Vorstellungen. Die Absicht in allen Systemen richtet sich auf Unterbindung des metaphysischen Zustroms, auf Zähmung und Dressur im Sinne des Kollektivs. Selbst dort, wo der Leviathan auf Mut sich angewiesen sieht, wie auf dem Schlachtfeld, wird er darauf sinnen, dem Kämpfer eine zweite und stärkere Bedrohung vorzuspiegeln, die ihn am Platze hält. In solchen staaten verläßt man sich auf die Polizei.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 55

„Die große Einsamkeit des Einzelnen zählt zu den Kennzeichen der Zeit. Er ist umringt, ist eingeschlossen von der Furcht, die sich gleich Mauern anschiebt gegen ihn. Sie nimmt reale Formen an - in den Gefängnissen, der Sklaverei, der Kesselschlacht. Das füllt die Gedanken, die Selbstgespräche, vielleicht auch die Tagebücher in jahren, in denen er selbst den Nächsten nicht trauen kann.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 56

„Hier stößt die Politik an andere Bereiche - sei es an die Natur-, sei es an die Dämonengeschichte mit ihren Schrecknissen. Doch wird auch die Nähe großer, rettender Mächte geahnt. Die Schrecken sind ja Weckrufe, sind Zeichen einer ganz anderen Gefahr, als der historische Konflikt sie vorspiegeIt. Sie gleichen immer dringenderen Fragen, die an den Menschen gestellt werden. Niemand kann ihm die Antwort abnehmen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 56

„An diesen Grenzen tritt der Mensch in seine theologische Prüfung, gleichviel ob er sich darüber im klaren ist oder nicht. Man sollte auch auf das Wort nicht zuviel Wert legen. Der Mensch wird nach seinen höchsten Werten befragt, nach seiner Ansicht zum Weltganzen und dem Verhältnis seiner Existenz zu ihm. Das braucht nicht in Worten zu geschehen, ja es wird sich dem Wort entziehen. Es kommt auch auf die Formulierung der Antwort nicht an, das heißt: nicht auf Bekenntnisse.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 56

„Wir sehen also von den Kirchen ab. Dafür, daß sie noch unerschöpftes Gut enthalten, gibt es in unserer Zeit, und gerade in ihr, bedeutende Zeugnisse. Zu ihnen rechnet vor allem das Verhalten ihrer Gegner, in erster Linie das des staates, der unumschränkte Macht erstrebt. Das bringt notwendig Kirchenverfolgung mit. In diesem Stande soll der Mensch als zoologisches Wesen behandelt werden, gleichviel ob ihn die herrschenden Theorien ökonomisch oder andersartig einordnen. Das führt in die Bereiche zunächst des puren Nutzens, sodann der Bestialität.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 56

„Auf der anderen Seite steht der Charakter der Kirchen als Institution, als menschliche Einrichtung. In diesem Sinne bedroht sie stets Verhärtung und damit das Versiegen der spendenden Kraft. Darauf beruht das Traurige, Mechanische, Unsinnige an manchem Gottesdienst, die Qual der Sonntage, dann das Sektierertum. Das Institutionelle ist zugleich das Angreifbare; der durch den Zweifel geschwächte Bau stürzt über Nacht, falls er nicht einfach in ein Museum verwandelt wird. Man muß mit Zeiten und Räumen rechnen, in denen die Kirche nicht mehr vorhanden ist. Der Staat sieht sich dann darauf angewiesen, die so entstandene oder sich offenbarende Leere mit seinen Mitteln auszufüllen - ein Unterfangen, an dem er scheitern wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 57

„Für jene, die sich nicht grob abspeisen lassen, ergibt sich die Lage des Waldganges. Zu ihm kann sich der priesterliche Mensch gezwungen sehen, der glaubt, daß ohne Sakrament kein höheres Leben möglich ist und der in der Stillung dieses Hungers sein Amt erblickt. Das führt zum Walde und zu einer Existenz, die immer wiederkehrt in der Verfolgung und vielfach beschrieben ist, wie in der Geschichte des heiligen Polykarp oder in den Memoiren des vortrefflichen d'Aubigné, der Stallmeister Heinrichs IV. war. Unter den Neueren wäre hier Graham Greene zu nennen mit seinem Roman »The Power and the Glory«, der in einer tropischen Landschaft spielt. Wald ist in diesem Sinne natürlich überall; er kann auch in einem Großstadtviertel sein.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 57

„Darüber hinaus handelt es sich um das Bedürfnis jedes Einzelnen, soweit er sich nicht mit der zoologisch-politischen Einordnung abfindet. Damit berühren wir den Kernpunkt des modernen Leidens, die große Leere, die Nietzsche als das Wachsen der Wüste bezeichnet hat. Die Wüste wächst: das ist das Schauspiel der Zivilisation mit ihren entleerten Beziehungen. In dieser Landschaft wird die Frage nach der Wegzehrung besonders brennend, besonders eindringlich: »Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt.«“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 57

„Gut, wenn die Kirche Oasen schaffen kann. Besser, wenn sich der Mensch auch damit nicht beruhigt. Die Kirche kann Assistenz geben, nicht Existenz. Auch hier sind wir, institutionell gesehen, noch auf dem Schiff, noch in Bewegung; die Ruhe ist im Wald. Im Menschen fällt die Entscheidung; niemand kann sie ihm abnehmen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 57-58

„Die Wüste wächst: die fahlen und unfruchtbaren Ringe nehmen zu. Nun schwinden die sinnvollen Vorfelder: die Gärten, von deren Früchten man sich arglos nährt, die Räume, die mit erprobten Werkzeugen ausgerüstet sind. Dann werden die Gesetze fragwürdig, die Geräte zweischneidig. Weh dem, der Wüsten birgt: wer nicht, und sei es auch nur in einer Zelle, von jener Ursubstanz mit sich führt, die immer wieder Fruchtbarkeit verbürgt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 58

„Zwei Prüf- und Mahlsteinen wird keiner der Lebenden entrinnen: dem Zweifel und dem Schmerz. Sie sind die beiden großen Mittel der nihilistischen Reduktion. Man muß sie passiert haben. Darin liegt die Aufgabe, die Reifeprüfung für ein neues Zeitalter. Sie wird keinem erspart bleiben. Daher ist man in manchen Ländern der Erde unvergleichlich weiter vorgeschritten als in anderen, und vielleicht gerade in denen, die man für rückständig hält. Das gehört in das Kapitel der optischen Täuschungen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 58

„Wie lautet nun die furchtbare Frage, die das Nichts dem Menschen stellt? Es ist das alte Rätsel der Sphinx an Ödipus. Der Mensch wird nach sich selbst gefragt - kennt er den Namen des sonderbaren Wesens, das sich durch die Zeit bewegt? Er wird verschlungen oder gekrönt, je nach der Antwort, die er gibt. Das Nichts will wissen, ob ihm der Mensch gewachsen ist, ob Elemente in ihm leben, die keine Zeit zerstört. In diesem Sinne sind Nichts und Zeit identisch; und es ist richtig, daß mit der großen Macht des Nichts die Zeit sehr wertvoll wird, selbst in den kleinsten Bruchteilen. Zugleich vermehren sich die Apparaturen, das heißt: das Arsenal der Zeit. Darauf beruht der Irrtum, daß die Apparaturen, insonderheit die Maschinentechnik, die Welt vernichtigen. Das Gegenteil ist der Fall: die Apparaturen wachsen unermeßlich und rücken ganz nah heran, weil die uralte Frage an den Menschen wieder fällig geworden ist. Sie sind die Zeugen, deren die Zeit bedarf, um ihre Übermacht den Sinnen darzutun. Wenn der Mensch richtig antwortet, verlieren die Apparaturen ihren magischen Glanz und fügen sich seiner Hand. Das muß erkannt werden.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 58-59

„Dies ist die Grundfrage: die Frage der Zeit an den Menschen nach seiner Macht. Sie richtet sich an die Substanz. Alles, was auftritt an feindlichen Reichen, Waffen, Nöten, zählt zur Regie, durch die das Drama vorgetragen wird. Es ist kein Zweifel, daß der Mensch auch diesmal die Zeit bezwingen, das Nichts in seine Höhle verweisen wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 59

„Zu den Kennzeichen der Befragung gehört die Einsamkeit. Sie ist besonders merkwürdig in Zeiten, in denen der Kultus der Gemeinschaft blüht. Daß aber gerade das Kollektiv als das Unmenschliche auftritt, gehört zu den Erfahrungen, die wenigen erspart bleiben. Es ist ein ähnliches Paradoxon wie jenes: daß im gleichen Verhältnis zu den ungeheuren Raumeroberungen sich die Freiheit des Einzelnen mehr und mehr beschränkt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 59

„Man könnte sagen, daß immer ein bestimmtes Maß an Gläubigkeit besteht, das durch die Kirchen legitim gestillt wird. Nun, frei geworden, heftet sich die Kraft an all- und jedes an. Daher die Leichtgläubigkeit des modernen Menschen, bei gleichzeitigem Unglauben. Er glaubt, was in der Zeitung, doch nicht, was in den Sternen geschrieben steht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 61

„In jedem guten Arzte muß zwar etwas vom Priester sein, auf den Gedanken jedoch, den Priester ersetzen zu wollen, kann der Arzt erst in Zeiten kommen, in denen die Abgrenzung von Heil und Gesundheit verlorengegangen ist. Daher mag man über all jene Nachahmungen geistlicher Macht und Formen ... durch therapeutische Methoden denken, wie man will: sie werden über die Symptome nicht hinausgreifen, falls sie nicht sogar schädigen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 62

„Theologe ist jener,der über die niedere Ökonomie hinaus die Wissenschaft des Überflusses kennt, das Rätsel der ewigen Quellen, die unerschöpflich und immer nahe sind.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 64

„Wie die Gegenreformation in ihrem Wesen der Reformation entsprach und durch sie gekräftigt wurde, so ist eine geistige Bewegung denkbar, die sich den Nihilismus als Feld sucht und sich an ihn anlegt, als Spiegelbild im Sein.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 65

„Der Wahrspruch des Waldgängers heißt: »Jetzt und Hier« - er ist der Mann der freien und unabhängigen Aktion. Wir sahen, daß wir zu diesem Typus nur einen Bruchteil der Massenbevölkerungen rechnen können, und trotzdem bildet sich hier die kleine, dem Automatismus gewachsene Elite, an der die reine Gewaltanwendung scheitern wird. Es ist die alte Freiheit im Zeitgewande: die substantielle, die elementare Freiheit, die in gesunden Völkern erwacht, wenn die Tyrannis von Parteien oder fremden Eroberern das Land bedrückt. Sie ist keine lediglich protestierende oder emigrierende Freiheit, sondern eine Freiheit, die den Kampf aufnehmen will.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 66

„Das ist ein Unterschied, der auf die Glaubenssphäre wirkt. Der Waldgänger kann sich keine Indifferenz gestatten, die eine abgelaufene Epoche in ähnlicher Weise kennzeichnet wie die Neutralität der kleinen Staaten oder die Festungshaft bei politischem Delikt. Der Waldgang führt in schwerere Entscheidungen. Die Aufgabe des Waldgängers liegt darin, daß er die Maße der für eine künftige Epoche gültigen Freiheit dem Leviathan gegenüber abzustecken hat. Dem Gegner kommt er nicht mit bloßen Begriffen bei.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 66

„Der Widerstand des Waldgängers ist absolut, er kennt keine Neutralität, keinen Pardon, keine Festungshaft. Er erwartet nicht, daß der Feind Argumente gelten läßt, geschweige denn ritterlich verfährt. Er weiß auch, daß, was ihn betrifft, die Todesstrafe nicht aufgehoben wird. Der Waldgänger kennt eine neue Einsamkeit, wie sie vor allem die satanisch angewachsene Bosheit mit sich bringt - ihre Verbindung mit der Wissenschaft und dem Maschinenwesen, die zwar kein neues Element, doch neue Erscheinungen in die Geschichte bringt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 66

„Das alles kann nicht mit Indifferenz übereinstimmen. In solcher Lage kann man auch nicht auf die Kirchen warten oder auf geistige Führer und Bücher, die vielleicht herantreten. Doch hat sie den Vorteil, aus dem Angelesenen, dem Angefühlten und Angeglaubten herauszuführen ....“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 66

„Der Mensch ist souverän in dieser Einsamkeit, vorausgesetzt, daß er seinen Rang erkennt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 67

„Auch heute geht die Heilung vom Numinosen aus, und es ist wichtig, daß der Mensch, zum mindesten ahnend, sich von ihm bestimmen läßt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 68

„Die Ärzte zu meiden, sich auf die Wahrheit des Körpers zu verlassen, doch freilich ihrer Stimme auch zu lauschen, ist für den Gesunden das beste Rezept. Das gilt auch für den Waldgänger, der sich auf Lagen zu rüsten hat, in denenalle Krankheiten zum Luxus gerechnet werden, außer den tödlichen. Welche Meinung man immer von dieser Welt der Krankenkassen, Versicherungen, pharmazeutischen Fabriken und Spezialisten hegen möge: stärker ist jener, der auf das alles verzichten kann.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 68-69

„Verdächtig und im höchsten Maße zur Vorsicht mahnend ist der immer größere Einfluß, den der Staat auf den Gesundheitsbetrieb zu nehmen beginnt, meist unter sozialen Vorwänden. Dazu kommt, daß infolge weitgehender Entbindung des Arztes von der Schweigepflicht bei allen Konsultationen Mißtrauen zu empfehlen ist. Man weiß doch nie, in welche Statistik man eingetragen wird, und zwar nicht nurbei den Medizinalstellen. All diese Heilbetriebe mit angestellten und schlecht bezahlten Ärzten, deren Kuren durch die Bürokratie überwacht werden, sind verdächtig und können sich über Nacht beängstigend verwandeln, nicht nur im Kriegsfalle. Daß dann die musterhaft geführten Kartotheken wieder die Unterlagen liefern, auf Grund deren man interniert, kastriert oder liquidiert werden kann, ist zum mindesten nicht unmöglich.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 69

„Der ungeheure Zulauf, den die Scharlatane und wunderdoktoren finden, erklärt sich nicht nur durch die Leichtgläubigkeit der Massen, sondern auch durch ihr Mißtrauen gegen den medizinischen Betrieb und im besonderen gegen die Art, in der er sich automatisiert. Diese Zauberer, wie plump sie auch ihr Handwerk treiben, weichen doch in zwei wichtigen Dingen ab: einmal, indem sie den Kranken als Ganzen nehmen, und zweitens, indem sie die Heilung als Wunder darstellen. Gerade das entspricht dem immer noch gesunden Instinkt, und darauf beruhen die Heilungen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 69

„Selbstverständlich ist Ähnliches auch möglich innerhalb der Schulmedizin. jeder, der heilt, wirkt ja an einem Wunder mit, sei es mit oder trotz seinen Apparaten und Methoden, und viel ist schon gewonnen, wenn er das erkennt. Der Mechanismus kann überall durchbrochen, unschädlich oder sogar nützlich gemacht werden, wo der Arzt mit seiner menschlichen Substanz erscheint. Diese unmittelbare Zuwendung wird freilich durch die Bürokratie erschwert. Doch ist es schließlich so, daß »auf dem Schiff« oder auch auf der Galeere. auf der wir leben, das Funktionale immer wieder von Menschen durchbrochen wird, sei es durch ihre Güte, sei es durch ihre Freiheit oder durch ihren Mut zur unmittelbaren Verantwortung. Der Arzt, der einem Kranken gegen die Vorschrift etwas zuwendet, verleiht vielleicht gerade dadurch dem Mittel Wunderkraft. Durch dieses Auftauchen aus den Funktionen leben wir.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 69-70

„Der Techniker rechnet mit einzelnen Vorteilen. In der großen Buchführung sieht das oft anders aus. Liegt in der Welt der Versicherungen, der Impfungen, der peinlichen Hygiene, des hohen Durchschnittsalters ein wirklicher Gewinn ? Es lohnt sich nicht, darüber zu streiten, weil sie sich weiter ausbilden wird und weil sich die Ideen, auf denen sie beruht, noch nicht erschöpft haben. Das Schiff wird seine Fahrt fortsetzen, auch über die Katastrophen hinweg. Die Katastrophen bringen freilich gewaltige Ausmerzungen. Wenn ein Schiff untergeht, versinkt auch die Apotheke mit. Es kommt da auf andere Dinge an, wie etwa darauf, daß man einige Stunden im Eiswasser übersteht. Die vielfach geimpfte, keimfreie, an Medikamente gewöhnte Besatzung von hohem Durchschnittsalter hat da geringere Aussicht als jene andere, die das alles nicht kennt. Eine minimale Sterblichkeit in ruhigen Zeiten gibt keinen Maßstab für die wahre Gesundheit; sie kann über Nacht in ihr Gegenteil umschlagen. Es ist sogar möglich, daß sie noch unbekannte Seuchen erzeugt. Das Gewebe der Völker wird anfällig.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 70

„Hier eröffnet sich auch die Aussicht auf eine der großen Gefahren unserer Zeit, die Übervölkerung, wie etwa Bouthoul sie in seinem Buche »Hundert Millionen Tote« geschildert hat. Die Hygiene sieht sich vor der Aufgabe, die gleichen Massen einzudämmen, deren Entstehung sie ermöglichte. Doch damit überschreiten wir das Thema des Waldganges. Wer mit ihm rechnet, für den taugt die Luft der Treibhäuser nicht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 70

„Beängstigend ist die Art, in der Begriffe und Dinge oft über Nacht ihr Gesicht wechseln und andere Folgen zeitigen als die erwarteten. Das ist ein Zeichen der Anarchie.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 71

„Betrachten wir etwa die Freiheiten und Rechte des Einzelnen in ihrem Verhältnis zur Autorität. Sie werden durch die Verfassung bestimmt. Freilich wird man immer wieder und leider wohl auch noch für längere Zeit mit der Verletzung dieser Rechte rechnen müssen, sei es durch den Staat, sei es durch eine Partei, die sich des Staates bemächtigt, sei es durch einen fremden Eindringling oder durch kombinierte Zugriffe. Man kann wohl sagen, daß sich die Massen ... in einem Zustand befinden, in dem sie Verfassungsverletzungen kaum noch wahrnehmen. Wo dieses Bewußtsein einmal verlorengegangen ist, wird es künstlich nicht wieder hergestell.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 71

„Die Rechtsverletzung kann auch legalen Anstrich tragen, etwa dadurch, daß die herrschende Partei eine verfassungsändernde Mehrheit bewirkt. Die Mehrheit kann zugleich recht haben und Unrecht tun: der Widerspruch geht in einfache Köpfe nicht hinein. Bereits bei den Abstimmungen läßt sich oft schwer entscheiden, wo das Recht aufhört und die Gewalt beginnt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 71

„Die Übergriffe können sich allmählich verschärfen und gegen bestimmte Gruppen als reine Untat auftreten. Wer solche vom Massenbeifall unterstützten Akte beobachten konnte, der weiß, daß dagegen mit hergebrachten Mitteln wenig zu unternehmen ist. Ein ethischer Selbstmord läßt sich nicht jedem zumuten, vor allem nicht, wenn er ihm vom Ausland her empfohlen wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 71

„Es wird ... vom Einzelnen ein hoher Mut erwartet; man verlangt von ihm, daß er allein, auch gegen die Macht des Staates, dem Recht handhafte Hilfe leistet. Man wird bezweifeln, daß solche Menschen zu finden sind. Indes, sie werden auftauchen und sind dann Waldgänger.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 72

„Auch unfreiwillig wird dieser Typus in das Geschichtsbild treten, denn es gibt Formen des Zwanges, die keine Wahl lassen. Freilich muß Eignung hinzukommen. Auch Wilhelm Tell geriet wider seinen Willen in den Konflikt. Dann aber bewies er sich als Waldgänger, als Einzelner, in dem das Volk sich seiner Urkraft dem Zwingherrn gegenüber bewußt wurde.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 72

„Lange Zeiten der Ruhe begünstigen gewisse optische Täuschungen. Zu ihnen gehört die Annahme, daß sich die Unverletzbarkeit der Wohnung auf die Verfassung gründe, durch sie gesichert sei. In Wirklichkeit gründet sie sich auf den Familienvater, der, von seinen Söhnen begleitet, mit der Axt in der Tür erscheint. Nur wird diese Wahrheit nicht immer sichtbar und soll auch keinen Einwand gegen Verfassungen abgeben. Es gilt das alte Wort: »Der Mann steht für den Eid, nicht aber der Eid für den Mann.« Hier liegt einer der Gründe, aus denen die neue Legislatur im Volke auf so geringe Anteilnahme stößt. Das mit der Wohnung liest sich nicht übel, nur leben wir in Zeiten, in denen ein Beamter dem anderen die Klinke in die Hand drückt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 73-74

„Wie gegenüber den Kirchen, so fragt der Waldgänger auch hinsichtlich der Rüstung nicht, ob und wie weit sie vorgeschritten, ja ob sie überhaupt vorhanden ist oder nicht. Das sind Vorgänge auf dem Schiff.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 74

„Der Waldgang ist zu jeder Stunde und an jedem Orte zu verwirklichen, auch gegen ungeheure Übermacht. In solchen Fällen wird er sogar das einzige Mittel des Widerstandes sein.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 74

„Der Waldgänger ist kein Soldat. Er kennt nicht die soldatischen Formen und ihre Disziplin. Sein Leben ist zugleich freier und härter als das soldatische.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 74

„Wie alle ständischen Formen in spezielle Arbeitscharaktere, das heißt: in technische Funktionen umgeschmolzen werden, so auch die soldatischen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 78

„Dem Soldaten ist von den Aufgaben des Herakles im wesentlichen die erste verblieben: er hat von Zeit zu Zeit den Augiasstall der Politik zu reinigen. Bei diesem Geschäft wird es immer schwieriger, saubere Hände zu behalten und den Krieg auf eine Weise zu führen, die ihn einerseits vom Handwerk der Polizei und andererseits von dem des Schlachters oder selbst des Abdeckers hinreichend trennt. Den neuen Auftraggebern ist daran auch weniger gelegen als an der Ausbreitung des Schreckens um jeden Preis.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 78-79

„Dazu kommt, daß die Erfindungen den Krieg ins Uferlose treiben und die neuen Waffen jede Unterscheidung zwischen Kämpfern und Nichtkämpfern aufheben. Damit fällt die Voraussetzung, aus der das Standesbewußtsein des Soldaten lebt, geht der Verfall der ritterlichen Formen Hand in Hand. Noch Bismarck lehnte den Vorschlag ab, Napoleon III. vor ein Gericht zu ziehen. Er hielt sich als Gegner nicht für zuständig. Inzwischen ist es üblich geworden, den Besiegten rechtsförmlich zu verurteilen. Die Streitigkeiten, die sich an solche Sprüche knüpfen, sind überflüssig und entbehren der Grundlage. Parteien können nicht urteilen. Sie setzen den Gewaltakt fort. Sie entziehen auch den Schuldigen seinem Gericht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 79

„Wir leben in Zeiten, in denen Krieg und Frieden schwer zu unterscheiden sind. Die Grenzen zwischen Dienst und Verbrechen sind durch Schattierungen verwischt. Das täuscht selbst scharfe Augen, denn in jeden Einzelfall fließt ja die Zeitverwirrung, die Allgemeinschuld ein. Erschwerend wirkt ferner, daß Fürsten fehlen und daß die Mächtigen alle über die Stufen der Parteiung aufgestiegen sind. Das mindert vom Ursprung an die Begabung für Akte, die sich auf das Ganze richten, also für Friedensschlüsse, Urteile, Feste, Spendungen und Mehrungen. Die Kräfte wollen vielmehr vom Ganzen leben; sie sind unfähig, es zu erhalten und zu mehren durch inneren Überfluß: durch Sein. So kommt es zum Verschleiß des Kapitals durch siegreiche Fraktionen, für Tageseinsichten und -absichten, wie das bereits der alte Marwitz befürchtete.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 79

„Das einzig Tröstliche an diesem Schauspiel liegt darin, daß es sich um ein Gefälle handelt, das in bestimmter Richtung und zu bestimmten Zielen wirkt. Abschnitte wie diesen bezeichnete man früher als Interregnum, während sie sich heute als Werkstättenlandschaft darbieten. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß letzte Gültigkeiten fehlen; und es ist bereits viel erreicht, wenn man erkennt, daß das notwendig ist und auf jeden Fall besser, als wenn man abgebrauchte Elemente als gültig einzuführen oder zu halten sucht. Ähnlich wie unser Auge die Verwendung gotischer Formen in der Maschinenwelt ablehnt, verhält es sich auch im Moralischen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 79-80

„Wir haben das in der Betrachtung der Arbeitswelt im einzelnen ausgeführt. Man muß schon die Gesetze der Landschaft kennen, in der man lebt. Andererseits bleibt das wertende Bewußtsein unbestechlich, und hierauf beruht der Schmerz, beruht die Wahrnehmung des Verlustes, die unvermeidlich ist. Der Anblick eines Bauplatzes kann nicht das ruhende Behagen geben, das ein Meisterwerk gewährt, und ebenso wenig können die Dinge vollkommen sein, die man dort erblickt. Im Maße, in dem das bewußt wird, ist Ehrlichkeit vorhanden, und in ihr deutet sich der Respekt vor höheren Ordnungen an. Diese Ehrlichkeit schafft ein notwendiges Vakuum, wie es etwa in der Malerei sichtbar wird und das seine theologischen Entsprechungen besitzt. Das Bewußtsein des Verlustes kommt auch darin zum Ausdruck, daß jede ernstzunehmende Lagebeurteilung sich entweder auf ein Vergangenes oder auf ein Zukünftiges bezieht. Sie führt entweder zur Kulturkritik oder zur Utopie, von den zyklischen Lehren abgesehen. Der Schwund der rechtlichen und moralischen Bindungen zählt auch zu den großen Themen der Literatur. Insbesondere der amerikanische Roman spielt in Bereichen, in denen nicht die geringste Verbindlichkeit mehr herrscht. Er ist auf den nackten Fels geraten, den anderswo noch der Humus sich zersetzender Schichten bedeckt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 80

„Im Waldgang hat man sich mit Krisen abzufinden, in denen weder Gesetz noch Sitte standhalten. In solchen Krisen wird man ähnliche Beobachtungen machen können wie bei den Wahlen, die wir am Eingang schilderten. Die Massen werden der Propaganda folgen, die sie in ein technisches Verhältnis zu Recht und Moral versetzt. Nicht so der Waldgänger. Es ist ein harter Entschluß, den er zu fassen hat: auf alle Fälle sich die Prüfung dessen vorzubehalten, für das man von ihm Zustimmung oder Mitwirkung verlangt. Die Opfer werden bedeutend sein. Jedoch verbindet sich mit ihnen auch ein unmittelbarer Gewinn an Souveränität. Die Dinge liegen freilich so, daß dieser Gewinn nur von den wenigsten als solcher empfunden wird. Herrschaft wird aber nur von jenen kommen können, denen die Kenntnis der menschlichen Urmaße erhalten blieb und die durch keine Übermacht zum Verzicht auf menschliches Handeln zu bringen sind. Wie sie das leisten, bleibt eine Frage des Widerstandes, der durchaus nicht immer offen geführt zu werden braucht. Das zu verlangen, gehört zwar zu den Lieblingstheorien der Unbeteiligten, bedeutet aber praktisch wohl das gleiche, als wenn man die Liste der letzten Menschen den Tyrannen auslieferte.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 80-81

„Wenn alle Institutionen zweifelhaft oder sogar anrüchig werden und man selbst in den Kirchen nicht etwa für die Verfolgten, sondern für die Verfolger öffentlich beten hört, dann geht die sittliche Verantwortung auf den Einzelnen über oder, besser gesagt, auf den noch ungebrochenen Einzelnen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 81

„Der Waldgänger ist der konkrete Einzelne, er handelt im konkreten Fall. Er braucht nicht Theorien, nicht von Parteijuristen ausgeheckte Gesetze, um zu wissen, was rechtens ist. Er steigt zu den noch nicht in die Kanäle der Institutionen verteilten Quellen der Sittlichkeit hinab. Hier werden die Dinge einfach, falls noch Unverfälschtes in ihm lebt. Wir sahen die große Erfahrung des Waldes in der Begegnung mit dem eigenen Ich, dem unverletzbaren Kerne, dem Wesen, aus dem sich die zeitliche und individuelle Erscheinung speist. Diese Begegnung, die sowohl auf die Gesundung wie auf die Verbannung der Furcht so großen Einfluß übt, ist auch moralisch von höchstem Rang. Sie führt auf jene Schicht, die allem Sozialen zugrunde liegt und urgemeinsam ist. Sie führt auf den Menschen zu, der unter dem Individuellen den Grundstock bildet und von dem die Individuationen ausstrahlen. In dieser Zone ist nicht nur Gemeinsamkeit; hier ist Identität. Das ist es, was das Symbol der Umarmung andeutet. Das Ich erkennt sich im Anderen - es folgt der uralten Weisheit des »Das bist du«. Der andere kann der Geliebte, er kann auch der Bruder, der Leidende, der Schutzlose sein. Indem das Ich ihm Hilfe spendet, fördert es sich zugleich im Unvergänglichen. Darin bestätigt sich die Grundordnung der Welt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 81-82

„Das sind Erfahrungen. Zahllose leben heute, welche die Zentren des nihilistischen Vorganges, die Tiefpunkte des Malstromes passiert haben. Sie wissen, daß dort die Mechanik sich immer drohender enthüllt; der Mensch befindet sich im Inneren einer großen Maschine, die zu seiner Vernichtung ersonnen ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 82

„Der Mensch befindet sich in einer großen Maschine, die zu seiner Vernichtung ersonnen ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 82

„Sie mußten auch erfahren, daß jeder Rationalismus zum Mechanismus und jeder Mechanismus zur Folter führt, als seiner logischen Konsequenz. Das hat man im 19. Jahrhundert noch nicht gesehen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 82

„Ein Wunder muß geschehen, wenn man solchen Wirbeln entkommen soll. Das Wunder hat sich unzählige Mal vollzogen, und zwar dadurch, daß inmitten der unbelebten Ziffern der Mensch erschien und Hilfe spendete. Das galt bis in die Gefängnisse, ja gerade dort. In jeder Lage und jedem gegenüber kann so der Einzelne zum Nächsten werden — darin verrät sich sein unmittelbarer, sein fürstlicher Zug. Der Ursprung des Adels liegt darin, daß er Schutz gewährte —Schutz gegenüber der Bedrohung durch Untiere und Unholde. Das ist das Kennzeichen der Vornehmen, und es leuchtet noch auf im Wächter, der einem Gefangenen heimlich ein Stück Brot zusteckt. Das kann nicht verloren gehen, und davon lebt die Welt. Es sind die Opfer, auf denen sie beruht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 82

„Es gibt also Lagen, die unmittelbar zur moralischen Entscheidung auffordern, und das vor allem dort, wo der Umtrieb seine tiefsten Wirbel erreicht. Das war nicht immer der Fall und wird nicht immer der Fall bleiben. Im allgemeinen bilden die Institutionen und die mit ihnen verknüpften Vorschriften gangbaren Boden; es liegt in der Luft, was Recht und Sitte ist. Natürlich gibt es Verstöße, aber es gibt auch Gerichte und Polizei. Das ändert sich, wenn die Moral durch eine Untergattung der Technik, nämlich durch Propaganda, ersetzt wird und die Institutionen sich in Waffen des Bürgerkrieges umwandeln. Dann fällt die Entscheidung dem Einzelnen zu, und zwar als Entweder-Oder, indem ein drittes Verhalten, nämlich das neutrale, ausgeschlossen wird. Nunmehr liegt in der Nichtbeteiligung, aber auch in der Verurteilung aus dem Nichtbeteiligtsein heraus, eine besondere Art der Infamie.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 82-83

„Auch der Machthaber in seinen wechselnden Inkarnationen tritt mit einem Entweder-Oder an den Einzelnen heran. Das ist der zeitliche Vorhang, der sich vor stets demselben und immer wiederkehrenden Schauspiel hebt. Die Zeichen auf dem Vorhang sind nicht das Wichtigste. Das Entweder-Oder des Einzelnen sieht anders aus. Er wird an einen Punkt geführt, an dem er zwischen der ihm unmittelbar verliehenen Qualität des Menschen und der des Verbrechers zu wählen hat. Wie sich der Einzelne in dieser Fragestellung behauptet, davon hängt unsere Zukunft ab.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 83

„Nun leben wir in Zeiten, in denen täglich unerhörte Arten des Zwanges, der Sklaverei, der Ausrottung auftreten können — sei es, daß sie sich gegen bestimmte Schichten richten oder über weite Landstriche ausdehnen. Dagegen ist der Widerstand legal, als die Behauptung der menschlichen Grundrechte, die von Verfassungen im besten Falle garantiert werden, doch die der Einzelne zu vollstrecken hat. Hierfür gibt es wirksame Formen, und der Bedrohte muß auf sie vorbereitet, er muß in ihnen geschult werden; ja es verbirgt sich hier das Hauptfach einer neuen Erziehung überhaupt. Es ist schon ungemein wichtig, den Bedrohten an den Gedanken zu gewöhnen, daß Widerstand überhaupt möglich ist — ist das begriffen, dann wird mit einer winzigen Minderheit die Erlegung des gewaltigen, doch plumpen Kolosses möglich sein. Auch das ist ein Bild, das immer in der Geschichte wiederkehrt und in dem sie ihre mythischen Grundfesten gewinnt. Darauf erheben sich dann Gebäude für lange Zeit.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 84

„Es ist nun das natürliche Bestreben der Machthaber, den legalen Widerstand und selbst die Nichtannahme ihrer Ansprüche als verbrecherisch darzustellen, und diese Absicht bildet besondere Zweige der Gewaltanwendung und ihrer Propaganda aus. Dazu gehört auch, daß sie in ihrer Rangordnung den gemeinen Verbrecher höher stellen als jenen, derihren Absichten widerspricht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 85

„Demgegenüber ist es wichtig, daß der Waldgänger sich in seiner Sittlichkeit, in seiner Kampfführung, in seiner Gesellschaft nicht nur deutlich vom Verbrecher unterscheidet, sondern daß dieser Unterschied auch in seinem Inneren lebendig ist. Er kann das Rechte nur in sich finden, in einer Lage, in der Rechts- und Staatsrechtslehrer ihm nicht das nötige Rüstzeug an die Hand geben. Bei Dichtern und Philosophen erfahren wir schon eher, was zu verteidigen ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 85

„Wir sahen an anderer Stelle, warum weder das Individuum noch die Masse sich in der Elementarwelt behaupten können, in die wir seit 1914 eingetreten sind. Das heißt nicht, daß der Mensch als Einzelner und Freier verschwinden wird. Er muß vielmehr tief unter seine individuelle Oberfläche hinabloten und wird dann Mittel finden, die seit den Religionskriegen versunken sind. Es ist kein Zweifel daran, daß er aus diesen Titanenreichen im Schmucke einer neuen Freiheit scheiden wird. Sie kann nur durch Opfer erworben werden, denn Freiheit ist kostbar und fordert, daß man vielleicht gerade das Individuelle, vielleicht sogar die Haut der Zeit zum Raube läßt. Der Mensch muß wissen, ob ihm die Freiheit schwerer wiegt - ob er sein So-Sein höher als sein Da-Sein schätzt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 85

„Das eigentliche Problem liegt eher darin, daß eine große Mehrzahl die Freiheit nicht will, ja daß sie Furcht vor ihr hat. Frei muß man sein, um es zu werden, denn Freiheit ist Existenz - ist vor allem die bewußte Übereinstimmung mit der Existenz und die als Schicksal empfundene Lust, sie zu verwirklichen. Dann ist der Mensch frei, und die von Zwang und Zwangsmitteln erfüllte Welt muß nunmehr dazu dienen, die Freiheit in ihrem vollen Glanze sichtbar zu machen, so wie die großen Massen des Urgesteins durch ihren Druck Kristalle hervortreiben.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 85

„Die neue Freiheit ist alte, ist absolute Freiheit im Zeitgewande; denn immer wieder und trotz allen Listen des Zeitgeistes zu ihrem Triumph zu führen: das ist der Sinn der geschichtlichen Welt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 85-86

„Bekanntlich ist das Grundgefühl unserer Epoche dem Eigentum feindlich und zum Zugriff auch dort geneigt, wo nicht nur der Betroffene, sondern auch das Ganze geschädigt wird. Man sieht, wie Äcker, die durch dreißig Geschlechter Besitzer und Pächter nährten, zerstückelt werden auf eine Weise, die alle darben läßt. Man sieht den Kahlschlag von Wäldern, die durch Jahrtausende Holz brachten. Man sieht die Hühner, die goldene Eier legten, über Nacht geschlachtet werden, um öffentliche Suppen aus ihrem Fleisch zu kochen, die niemand sättigen. Man tut gut, wenn man sich mit diesem Schauspiel abfindet, obwohl es starke Rückschläge erwarten läßt, da es neue, zugleich intelligente und entwurzelte Schichten in die Gesellschaft einführen wird. In dieser Hinsicht lassen sich, besonders für England, merkwürdige Dinge voraussagen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 86

„Der Angriff ist einmal ethisch, insofern die alte Formel »Eigentum ist Diebstahl« nunmehr zum anerkannten Gemeinplatz geworden ist. Der Eigentümer ist derjenige, dem gegenüber jeder ein gutes Gewissen hat, und seit langem fühlt er sich selber nicht mehr wohl in seiner Haut. Dazu kommen die Katastrophen, die Kriege, die durch die Technik gesteigerten Umsätze. Das alles verweist nicht nur darauf, vom Kapital zu leben, es zwingt auch dazu. Man baut nicht umsonst Geschosse, von denen ein einziges soviel kostet wie früher ein Fürstentum.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 86

„Unmerklich hat die Erscheinung des Enterbten, des Proletariers, andere Züge angenommen; die Welt ist von neuen Leidensfiguren erfüllt. Das sind die Vertriebenen, die Geächteten, die Geschändeten, die ihrer Heimat und Scholle Beraubten, die brutal in den untersten Abgrund Gestoßenen. Hier sind die Katakomben von heute; sie werden nicht dadurch geöffnet, daß man die Enterbten hin und wieder abstimmen läßt, auf welche Weise ihr Elend durch die Bürokratie verwaltet werden soll.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 86-87

„Deutschland ist heute reich an Enterbten und Entrechteten; es ist an ihnen das reichste Land der Welt. Das ist ein Reichtum, der gut oder schlecht verwendet werden kann. Jeder Bewegung, die sich auf die Enterbten stützt, wohnt große Stoßkraft inne; zugleich ist zu befürchten, daß sie nur zu einer anderen Verteilung des Unrechts führt. Das würde die Schraube ohne Ende sein. Dem Bann der reinen Gewalt wird nur entrinnen, wer ethisch im Bau der Welt ein neues Stockwerk gewinnt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 87

„Es bereiten sich nicht nur neue Anklagen, sondern auch eine neue Lesart des alten »Eigentum ist Diebstahl« vor. Solche Theorien sind schneidender von seiten des Ausgeplünderten als von denen des Plünderers, der mit ihrer Hilfe den Raub sich sichern will. Längst übersättigt, frißt er immer neuen Raum in sich hinein. Es gibt indessen auch andere Lehren, die aus der Zeit gezogen werden können, und man darf sagen, daß die Ereignisse nicht spurlos vorbeigegangen sind. Das gilt vor allem für Deutschland; hier war der Ansturm der Bilder besonders stark. Er brachte tiefe Veränderungen mit. Solche Veränderungen werden erst spät in Theorien sichtbar; sie wirken zunächst auf den Charakter ein. Das gilt auch für die Beurteilung des Eigentums; sie löst sich von den Theorien ab. Die ökonomischen Theorien sind in den zweiten Rang getreten, \während zugleich sichtbar wurde, was Eigentum ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 87

„Der Deutsche mußte darüber nachdenken. Nach seiner Niederlage wurde die Absicht, ihn auf ewig zu entrechten, ihn zu versklaven, ihn durch Aufteilung zu vernichten, an ihm erprobt. Diese Prüfung war schwerer als die des Krieges, und man darf sagen, daß er sie bestanden hat, bestanden schweigend, ohne Waffen, ohne Freunde, ohne ein Forum auf dieser Welt. In diesen Tagen, Monaten und Jahren wurde eine der größten Erfahrungen ihm zuteil. Er wurde zurückgeworfen auf sein Eigentum, auf seine der Vernichtung entzogene Schicht. Hier liegt ein Mysterium, und solche Tage sind verbindender als eine gewonnene Entscheidungsschlacht. Der Reichtum des Landes liegt in seinen Männern und Frauen, die äußerste Erfahrungen gemacht haben, wie sie irn Laufe vieler Geschlechter nur einmal an den Menschen herantreten. Das gibt Bescheidenheit, aber es gibt auch Sicherheit. Die ökonomischen Theorien gelten »auf dem Schiffe«, während das ruhende und unveränderliche Eigentum irn Walde liegt, als Fruchtgrund, der stets neue Ernten bringt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 87-88

„In diesem Sinne ist das Eigentum existentiell, am Träger haftend und unablösbar verknüpft mit seinem Sein. Wie die »unsichtbare Harmonie bedeutender ist als die sichtbare«, so ist auch dieses unsichtbare Eigentum das wirkliche. Besitz und Güter werden fragwürdig, wenn sie nicht in dieser Schicht verwurzelt sind. Das wurde deutlich gemacht. Die ökonomischen Bewegungen scheinen gegen das Eigentum gerichtet; sie stellen in Wahrheit die Eigentümer fest. Auch das ist eine Frage, die immer von neuern aufgeworfen und immer wieder beantwortet wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 88

„Wer einmal den Brand einer Hauptstadt, den Einmarsch östlicher Heere erlebt hat, der wird nie ein waches Mißtrauen verlieren gegenüber allem, was man besitzen kann. Das kommt ihm zugute, denn er wird zu jenen zählen, die ohne allzu großes Bedauern ihrem Hofe, ihrem Hause, ihrer Bibliothek den Rücken kehren, falls es nötig wird. Ja er wird merken, daß damit zugleich ein Akt der Freiheit verbunden ist. Nur wer sich umblickt, erleidet das Schicksal von Lots Weib.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 88

„Wie es immer Naturen geben wird, die den Besitz überschätzen, so fehlt es auch nie an solchen, welche in der Enteignung ein Allheilmittel sehen. Es bedeutet aber keine Vermehrung des Reichtums, daß man ihn anders verteilt schon eher eine Vermehrung des Konsums, wie man das an jedem Bauernwald beobachten kann. Der Löwenanteil fälft ohne Zweifel an die Bürokratie, vor allem bei jenen Teiluqgen, bei denen nur die Lasten bestehen bleiben: vom gememsamen Fisch bleiben die Gräten zurück.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 88

„Wichtig ist dabei, daß der Enteignete sich über die Idee des individuellen Raubes erhebe, der an ihm begangen wird. Sonst wird in ihm ein Trauma bleiben, ein inneres Fortbestehen des Verlustes, das dann im Bürgerkriege sichtbar wird. Das Gut ist freilich ausgegeben, und deshalb steht zu befürchten, daß der Enterbte sich auf anderen Gebieten zu entschädigen sucht, als deren nächstes sich der Terror anbietet. Man tut vielmehr gut, sich zu sagen, daß man notwendig und auf alle Fälle in Mitleidenschaft gezogen wird, wenngleich unter verschiedenen und wechselnden Begründungen. Die Lage, vom andern Pol aus gesehen, ist zugleich die des Endlaufes, bei dem der Wettkämpfer die letzten Kräfte ausgibt, im Angesicht des Ziels. Ganz ähnlich handelt es sich bei der Heranziehung des Kapitals auch nicht um reine Ausgabe, sondern um Investierung im Hinblick auf neue und notwendig gewordene Ordnungen, vor allem auf das Weltregiment. Man kann sogar sagen: die Ausgaben sind und waren derart, daß sie entweder auf den Ruin oder auf eine äußerste Möglichkeit hinweisen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 89

„Das sind Einsichten, die man beim einfachen Mann nicht voraussetzen kann. Und doch sind sie in ihm lebendig, und zwar in einer Art, sich mit dem Schicksal abzufinden, der Zeit den Zoll zu zahlen, die immer wieder ergreift und in Erstaunen setzt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 89

„Wo die Enteignung das Eigentum als Idee treffen soll, wird die Sklaverei die notwendige Folge sein. Das letzte sichtbare Eigentum bleibt der Körper und seine ArbeitskraftDoch sind die Befürchtungen übertrieben, mit denen der Geist derartigen Möglichkeiten entgegensieht. Es genügen ja auch die Schrecken der Gegenwart vollauf. Dennoch sind grauenhafte Utopien wie die von Orwell nützlich, obwohl der Autor von den wahren und unveränderlichen Machtverhältnissen auf dieser Erde keine Vorstellung besitzt und sich dem Schrecken ausliefert. Solche Romane gleichen geistigen Experimenten, durch die vielleicht so mancher Umweg und Irrlauf der praktischen Erfahrung vermieden wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 89

„Indem wir hier den Vorgang nicht »auf dem Schiffe«, sondern vom Waldgang her betrachten, unterwerfen wir ihn den Forum des souveränen Einzelnen. Von seiner Entscheidung hängt ab, was er als Eigentum betrachten und wie er es behaupten will. In einer Zeit wie dieser wird er gut tun, wenn er geringe Angriffsflächen zeigt. Er wird also bei seiner Bestandsaufnahme zu unterscheiden haben zwischen Dingen, die kein Opfer lohnen, und solchen, für die es zu kämpfen gilt. Sie sind die unveräußerlichen, das echte Eigentum. Sie sind es auch, die man, wie Bias das Seine, mit sich trägt oder die, wie Heraklit sagt, zur eigenen Art gehören, die des Menschen Dämon ist. Zu ihnen zählt auch das Vaterland, das man im Herzen trägt und das von hier, vom Unausgedehnten her, ergänzt wird, wenn es im Ausgedehnten, in seinen Grenzen, Verletzungen erlitt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 89.90

„Die eigene Art zu wahren ist schwierig — und um so schwieriger, je mehr man mit Gütern belastet ist. Hier droht das Schicksal jener Spanier unter Cortez, die in der »traurigen Nacht« die Last des Goldes, von dem sie sich nicht trennen wollten, zu Boden zog. Dafür ist auch der Reichtum, der zur eigenen Art gehört, nicht nur unvergleichlich wertvoller,er ist die Quelle jedes sichtbaren Reichtums überhaupt. Wer das erkannt hat, wird auch begreifen, daß Zeiten, die auf die Gleichheit aller Menschen hinarbeiten, ganz andere Früchte als die erhofften zeitigen. Sie nehmen nur die Zäune, die Gitter, die sekundäre Verteilung fort und schaffen gerade dadurch Raum. Die Menschen sind Brüder, aber sie sind nicht gleich. In diesen Massen verbergen sich immer Einzelne, die von Natur aus, das heißt in ihrem Sein, reich, vornehm, gütig, glücklich oder mächtig sind. Auf sie strömt Fülle zu im gleichen Maße, in dem die Wüste wächst. Das führt zu neuen Mächten und zu neuem Reichtum, zu neuen Teilungen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 90

„Dem Unbefangenen mag zugleich sichtbar werden, daß sich im Besitz auch eine ruhende, wohltätige Macht verbirgt, und zwar nicht nur für den Besitzenden. Die Eigenart des Menschen ist ja nicht nur schaffend, sie ist auch zerstörend, ist sein Daimonion. Wenn die zahlreichen kleinen Grenzen fallen, die sie beschränken, richtet sie sich wie der entfesselte Gulliver im Lande der Zwerge empor. Der also konsumierte Besitz verwandelt sich in unmittelbare, in funktionale Gewalt. Man sieht dann die neuen Titanen, die Übermächtigen. Auch dieses Schauspiel hat seine Grenzen, hat seine Zeit. Es bildet keine Dynastie.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 90-91

„Das mag erklären, warum die Herrschaft sich wieder fester gründet nach Zeiten, in denen die Gleichheit in aller Munde war. Sowohl Furcht wie auch Hoffnung führen den Menschen darauf zu. Er ist mit einem unausrottbaren monarchischen Instinkt behaftet, auch dort, wo er die Könige nur noch aus dem Panoptikum kennt. Es bleibt erstaunlich, wie aufmerksam und willig er immer wieder dort ist, wo ein neuer Führungsanspruch erhoben wird, gleichviel woher oder von wem. Wird irgendwo die Macht ergriffen, so knüpfen sich immer, selbst bei den Gegnern, große Hoffnungen daran. Man kann auch nicht sagen, daß der Regierte untreu wird. Aber er hat ein feines Gefühl dafür, ob der Mächtige sich selbst treu bleibt und ob er die Rolle durchhält, die er sich zuteilte. Trotzdem verlieren die Völker nie die Hoffnung auf einen neuen Dietrich, einen neuen Augustus — auf einen Fürsten, dessen Auftrag sich durch eine Konstellation am Himmel ankündet. Sie ahnen, daß der Mythos als Goldhort dicht unter der Geschichte ruht, dicht unter dem vermessenen Grund der Zeit.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 91

„Ob denn das Sein im Menschen überhaupt vernichtet werden kann? An dieser Frage scheiden sich nicht nur Konfessionen, sondern auch Religionen — sie läßt sich nur aus dem Glauben beantworten. Man mag dieses Sein als das Heil, die Seele, die ewige und kosmische Heimat des Menschen erkennen— immer wird einleuchten, daß der Angriff darauf dem finstersten Abgrund entstammen muß. Auch heute, wo die herrschenden Begriffe nur die Oberfläche des Vorgangs fassen, wird geahnt, daß Anschläge im Gange sind ... Auf einer solchen Ahnung beruht der Vorwurf des »Seelenmords«.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 91-92

„Ein solches Wort kann nur durch einen bereits geschwächten Geist geprägt werden. Es wird jeden unangenehm berühren, der eine Vorstellung von der Unsterblichkeit und den auf sie sich gründenden Ordnungen besitzt. Wo es Unsterblichkeit gibt, ja wo nur der Glaube an sie vorhanden ist, da sind auch Punkte anzunehmen, an denen der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden kann. Der Wald ist Heiligtum.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 92

„Der Wald ist Heiligtum.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 92

„Die Panik, die man heute weithin beobachtet, ist bereits der Ausdruck eines angezehrten Geistes, eines passiven Nihilismus, der den aktiven herausfordert. Der freilich ist am leichtesten einzuschüchtern, der glaubt, daß, wenn man seine flüchtige Erscheinung auslöscht, alles zu Ende sei. Das wissen die neuen Sklavenhalter, und darauf gründet sich die Bedeutung der materialistischen Lehren für sie. Sie dienen im Aufstand zur Erschütterung der Ordnung und sollen nach errungener Herrschaft den Schrecken verewigen. Es soll keine Bastionen mehr geben, auf denen der Mensch sich unangreifbar und damit furchtlos fühlt.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 92

„Demgegenüber ist es wichtig, zu wissen, daß jeder Mensch unsterblich und daß ein ewiges Leben in ihm ist, unerforschtes und doch bewohntes Land, das er selbst leugnen mag, doch das keine zeitliche Macht ihm rauben kann. Der Zugang bei vielen, ja bei den meisten mag einem Brunnen gleichen, in welchen seit Jahrhunderten Trümmer und Schutt geworfen sind. Räumt man sie fort, so findet man am Grunde nicht nur die Quelle, sondern auch die alten Bilder vor. Der Reichtum des Menschen ist unendlich größer, als er ahnt. Es ist ein Reichtum, den niemand rauben kann und der im Lauf der Zeiten auch immer wieder sichtbar anflutet, vor allem, wenn der Schmerz die Tiefen aufgegraben hat.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 92

„Das ist es, was der Mensch wissen will. Hier liegt das Zentrum seiner zeitlichen Unruhe. Das ist die Ursache seines Durstes, der in der Wüste wächst — und diese Wüste ist die Zeit. Je mehr die Zeit sich ausdehnt, je bewußter und zwingender, aber auch je leerer sie in ihren kleinsten Teilen wird, desto brennender wird der Durst nach den ihr überlegenen Ordnungen.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 92-93

„Zu den großen Ereignissen zählt die Wendung der Philosophie von der Erkenntnis auf die Sprache; sie bringt den Geist in enge Berührung mit einem Urphänomen. Das ist wichtiger als alle physikalischen Entdeckungen. Der Denker betritt ein Feld, auf dem endlich wieder ein Bündnis nicht nur mit dem Theologen, sondern auch mit dem Dichter möglich ist.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 93

„Daß der Zugang zu den Quellen durch Stellvertreter, durch Mittler erschlossen werden kann: darin liegt eine der großen Hoffnungen. Wenn an einem Punkte eine echte seinsberÜhrung gelingt, so hat das immer gewaltige Wirkungen. Geschichte, ja überhaupt die Möglichkeit, Zeit zu datieren, beruht auf solchen Vorgängen. Sie stellen Belehnungen mit schöpferischer Urkraft dar, die zeitlich sichtbar wird.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 94

„Das wird auch in der Sprache offenbar. Die Sprache gehört zum Eigentum, zur Eigenart, zum Erbteil, zum Vaterland des Menschen, das ihm anheimfällt, ohne daß er dessen Fülle und Reichtum kennt. Die Sprache gleicht nicht nur einem Garten, an dessen Blüten und Früchten der Erbe bis in sein höchstes Alter sich erquickt; sie ist auch eine der großen Formen für alle Güter überhaupt. Wie Licht die Welt und ihre Bildung sichtbar macht, so macht die Sprache sie im Innersten begreifbar und ist nicht fortzudenken als Schlüssel zu ihren Schätzen und Geheimnissen. Gesetz und Herrschaft in den sichtbaren und selbst den unsichtbaren Reichen fangen mit der Benennung an. Das Wort ist Stoff des Geistes und dient als solcher zu den kühnsten Brückenschlägen; es ist zugleich das höchste Machtmittel. Allen Landnahmen im Konkreten und Gedachten, allen Bauten und Heerstraßen, allen Zusammenstößen und Verträgen gehen Offenbarungen, Planungen und Beschwörungen im Wort und in der Sprache und geht das Gedicht voran. ja man kann sagen, daß es zwei Arten der Geschichte gibt, die eine in der Welt der Dinge, die andere in der der Sprache; und diese zweite umschließt nicht nur den höheren Einblick, sondern auch die wirkendere Kraft. Selbst das Gemeine muß sich immer wieder an dieser Kraft beleben, auch wenn es in die Gewalttat stürzt. Aber die Leiden vergehen und verklären sich im Gedicht.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 94

„Es ist ein alter Irrtum, daß aus dem Zustand der Sprache darauf geschlossen werden könne, ob ein Dichter zu erwarten sei oder nicht. Die Sprache kann sich in vollem Verfall befinden, und ein Dichter kann aus ihr hervortreten wie ein Löwe, der aus der Wüste kommt. Ebenso kann nach hoher Blüte die Frucht ausbleiben.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 94-95

„Die Sprache lebt nicht aus eigenen Gesetzen, denn sonst beherrschten Grammatiker die Welt. Im Urgrund ist das Wort nicht Form, nicht Schlüssel mehr. Es wird identisch mit dem Sein. Es wird zur Schöpfungsmacht. Und dort liegt seine ungeheure, nie ausmünzbare Kraft. Hier finden nur Annäherungen statt. Die Sprache webt um die Stille, wie die Oase sich um eine Quelle legt. Und das Gedicht bestätigt, daß der Eintritt in die zeitlosen Gärten gelungen ist. Davon lebt dann die Zeit.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 95

„Selbst in Epochen, in denen die Sprache zum Mittel von Technikern und Bürokraten herabgesunken ist und wo sie, um Frische vorzutäuschen, beim Rotwelsch Anleihen versucht, bleibt sie in ihrer ruhenden Macht ganz ungeschwächt. Das Graue, Verstaubte haftet nur ihrer Oberfläche an. Wer tiefer gräbt, erreicht in jeder Wüste die brunnenführende Schicht. Und mit den Wassern steigt neue Fruchtbarkeit herauf.“
Ernst Jünger, Der Waldgang, 1951, S. 95

„Unsere Wissenschaft läßt sich ohne weiteres und ohne Rangminderung im astrologischen System unterbringen, nicht aber umgekehrt. Schon diese Beobachtung ist wertvoll, denn wir brauchen Fangschnüre für unsere sich immer souveräner entfaltende technisch-abstrakte Welt, die aus sich heraus Grenzen und Hemmungen nicht zu entwickeln vermag.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 403

„Wir können ... Oswald Spengler nicht zustimmen in seiner Aufforderung an die neue Generation: sich der Technik statt der Lyrik, der Marinie statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntnistheorie zuzuwenden« - obwohl man gewiß vorm Sprung das Überflüssige ablegen muß. Wir alle haben es, mehr oder weniger widerstrebend, gemußt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 407

„Dem Menschen hat von jeher sein Da-Sein mehr gegolten als sein So-Sein: die Schicksalslinie, ihre Länge, ihr Glück und Unglück mehr als der eigentliche Stoff des Schicksals, der allem Bedeutung gibt. Macht gilt ihm mehr als Einsicht, Reichtum mehr als Charakter, die Länge des Lebens mehrals sein Inhalt, Schein mehr als unveräußerliches Sein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 410

„Tatsächlich findet sich in der Geschichte der Astrologie nicht selten die Bevorzugung des Empfängnishoroskops gegenüber dem Geburtshoroskop, so schon bei den Babyloniern und besonders in der hellenistischen Zeit. Man kannte daher Stunden und Tage, die für die Zeugung als günstig galten; der Grieche sagte »Ich pflanze einen Menschen«, wie man sagt: »Ich pflanze einen Baum.«“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 417

„Der astronomische und der astrologische Blick auf die Sterne sind verschieden wie Newtons und Goethes Blick auf die Farbenwelt. Hier handelt es sich um quantitative Messung, dort um unmeßbare Qualität. Das gilt, wie für die Farben, auch für die Zeit. Und immer wieder werden sich Menschen finden, die die Qualität der Zeit für wichtiger halten als ihre Meßbarkeit. Jeder weiß es im Grund. DieZeit gibt nicht nur den Lebensrahmen, sie ist auch das Schicksalskleid. Sie setzt nicht nur dem Leben seine Grenzen; sie ist auch sein Eigentum. Mit der Geburt eines jeden Menschen steigt seine Zeit herauf.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 423

„Innerhalb des historischen Rahmens gibt es Wiederholung, doch keine Wiederkehr. Achilles kehrt in Alexander, doch der erste Napoleon kehrt nicht im dritten zurück. Innerhalb der berechenbaren Zeit gibt es Analogien, aber keine Identität. Es können also Väter, nicht aber der Vater auftreten. Hierauf bezog sich der Arianische Streit, der um Wesensähnlichkeit oder Wesensgleichheit des Sohnes geführt wurde. Es ging um Zeitfragen im tiefsten Sinn.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 437

„Mit der Wiederkehr zieht etwas Stärkeres in den Menschen ein als die Erinnerung. Es wird identisch mit ihm, wie Mann und Frau identisch werden in der Zeugung, in der zeitlose Schöpfungsmacht in das zeitliche Leben wiederkehrt. Ohne Wiederkehr gibt es nur noch Daten, doch keine Feste mehr.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 437

„Die Menschen werden mächtiger und reicher, aber nicht glücklicher. Im Maße, in dem die Mittel wachsen, entschwindet die Zufriedenheit. Wahrscheinlich sind dieser Schwund und dieses Wachstum aufeinander angelegt: es muß Glück konsumiert werden.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 439

„Der Mensch, der keine Zeit hat – und das ist eines unserer Kennzeichen – kann schwerlich Glück haben. Notwendig verschließen sich ihm große Quellen und Mächte wie die der Muße, des Glaubens, der Schönheit in Kunst und Natur. Damit entgeht ihm die Krönung, der Segen der Arbeit, der in Nicht-Arbeit, und die Ergänzung, der Sinn des Wissens, der im Nicht-Wissen liegt. Das wird im Absinken dessen, was wir Kultur nennen, unmittelbar anschaulich.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 439-440

„Man könnte befürchten, daß der Schwund sich einem Punkte nähert, an dem ernicht mehr als solcher empfunden wird – einem Punkt, an dem Komfort das Glück ersetzt, der Kunsttrieb durch Maschinen befriedigt und Schönheit meßbar wird. Es bleiben aber immer, wenn nicht andere Räume, so doch andere Zeiten zum Vergleich, etwa Zeiten, von denen Mozarts Musik kündet. Daß ein Mangel empfunden wird, verrät auch das außerordentliche Erstaunen, das die Massen ergreift, wenn ein Weiser in ihren Gesichtskreis gerät.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 440

„Es gibt Länder, in denen jeder, dem man begegnet, mehrfach versichert ist und in denen man dennoch das Gefühl hat, daß nicht nur die Unzufriedenheit, das Mißbehagen, sondern sogar die Unsicherheit ununterbrochen zunehmen ....“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 441-442

„Wenn die Bedeutung der Astrologie nur darin bestände, den Menschen auf den Sinn der großen Kreisläufe und auf die Achtung vor ihnen hinzuweisen, so würde das schon unschätzbar sein, auch ohne überzeugende Beziehung auf das Schicksal des Einzelnen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 445

„Die Deutungen der Astrologie, die ins Große gehen, erscheinen zwingender als die horoskopische Beurteilung der Individuen. So sind auch die großen Bewegungen im Kosmos, die Bahnen der Sonnen, Monde und Planeten berechenbarer als der Weg des Einzelnen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 448

„Ebenso lassen sich über das Schicksal eines Schwarmes mit größerer Sicherheit Voraussagen treffen als über das der Geschöpfe, die ihn bilden; ihre kleinen Bewegungen verschwinden in den größeren Abläufen. Über das Schicksal eines Herings, eines Maikäfers pflegen wir kaum nachzusinnen, obwohl das Auftreten der Art in der Schwarmzeit selbst den Kindern zu denken gibt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 448

„Die ungeheure Vermehrung der Bevölkerungen in unserem Zeitalter bringt dieGefahr mit sich, daß wir den Menschen in ähnlicher Weise sehen. Nicht nur dieMassenhaftigkeit, sondern auch die Gleichförmigkeit nimmt zu und damit die Versuchung, den Einzelnen abstrakt zu nehmen, sei es als mechanische Einheit oder als zoologische Spezies.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 448

„Die Einbeziehung in das Massenschicksal und der Grad ihrer Notwendigkeit, ja Unentrinnbarkeit, bildet eines unserer täglichen Probleme, und eines der schwierigsten. Eine große Katastrophe wie die von Stalingrad ist leichter vorauszusehen als das Schicksal des Einzelnen in ihr. Hier blenden die Ziffer und der mechanische Aspekt. Dennoch hält der Einzelne, der dem Malstrom entronnen ist und der vielleicht sogar gewonnen hat durch die Begegnung, das nicht für Zufall, und mit Recht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 448-449

„Der drohenden Verflachung gegenüber bewahrt der Astrologe einen sicheren Blick für die angeborene Würde des Menschen, ohne sich auf abstrakte Formeln von Gleichheit und Freiheit einzulassen; das So-Sein bildet die Voraussetzung dafür. Er meint, daß mit dem Einzelnen, und zwar mit jedem Einzelnen, nicht nur ein neues Bild der Spezies, sondern auch eine neue Welt geboren wird. Damit räumt er ihm einen höheren Rang ein, als abstraktes Denken, abstrakte Zuteilung, ihm gewähren kann.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 449

„Zu unseren großen Fragen gehört auch diese: ob im So-Sein oder im Gleichsein das Glück liege. Sie wird ununterbrochen beantwortet, aber nie gelöst werden. Es handelt sich um eine jener geistigen Bewegungen, die sich wellenförmig fortpflanzen. Die Frage beginnt gerade dann von neuem anzusetzen, wenn ihre Lösung gelungen scheint.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 449

„Hieraus erklären sich sowohl die Unterbrechungen des Fortschrittes und seiner berechenbaren Bahnen als auch die Tatsache, daß in der Lebensgeschichte der Einzelnen und der Völker oft Extreme sich ablösen, ja herausfordern. In dieser Hinsicht ist die Entwicklung reich an Überraschungen und spottet der Voraussagen. Wer hätte etwa geahnt, daß gerade China, das Land des Tao und des konfuzianischen Familienkultes, der Monotonie der Arbeitswelt mit einem Furor Opfer bringen würde, der im Westen seinesgleichen sucht?“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 449

„Die Revolutionen künden sich in den Sternen an. Das war längst so, ehe Menschen die Erde bewohnt haben. Dort sind die Maßstäbe zur Einteilung der Weltzeit, vom flüchtigen Augenblick bis zu den Lichtjahren. Daher deuten sich die tiefsten Veränderungen der menschlichen Ordnung in der Sternkunde an. Der Blick auf den gestirnten Himmel wirft die erste, die unsichtbare Bahn. Dem folgen die Erscheinungen. Die Moderne beginnt und endet mit der kopernikanischen Revolution. Jeder neue Blick auf das All hat einen metaphysischen Hintergrund. Das All und das Auge verändern sich gleichzeitig. Das gilt auch nach der Erfindung der Fernrohre und innerhalb komplizierter Berechnungen. In die Erfassung großer Zeitalter teilen sich heute Geschichte und Naturgeschichte, ohne uns zu befriedigen, obwohl ihnen nicht nur eine Fülle neuen Materials, sondern auch neuer Meßgeräte und Uhren zur Verfügung steht. Die Einteilung läßt sich auf eine Gerade oder auf einen Kreis abtragen, je nachdem, ob ein lineares oder ein zyklisches System angenommen wird. Eine Verbindung von beiden gibt die Spirale, in der die Entwicklung sich sowohl fortbewegt als auch wiederkehrt, wenngleich auf verschiedenen Ebenen. Es scheint, daß zyklische Systeme dem Geist gemäßer sind. Wir bauen auch die Uhren rund, obwohl kein logischer Zwang dazu besteht. Auch Katastrophen werden als wiederkehrend angenommen, so Fluten und Verwüstung, Feuer und Eiszeiten. Das periodische Wachsen und Schwinden der weißen Kappen hat etwas Pulsierendes. Man hat den Eindruck, daß es noch einer kleinen Änderung bedürfte, und ein indisches Philosophem würde konzipiert.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 451

„Der klassische Darwinismus zählt zu den linearen Systemen, doch dringen zyklische Vorstellungen in ihn ein. Die Darstellung der dürren Stammbäume in den Lehrbüchern beginnt sich zu belauben, nimmt Busch- und Kugelformen an. Das »biogenetische Grundgesetz« ist als Beleg des linear aufsteigenden Fortschreitens gedacht. Es läßt sich ebensogut als Wiederholung und Wiedervollzug des Schöpfungsgedankens im Einzelnen auffassen und als Dienst, den die gesamte Natur, ja das Universum selbst, an seiner Bildung zu leisten hat. Das große Theater kreist um ihn herum. Mit jedem Menschen wird die Welt neu konzipiert. In der Entwicklung der Tierstämme herrscht über dem lückenlosen Fortfließen des Bios die Wiederkehr von Bildungselementen, die von der Verwandtschaft unabhängig sind: der ideale Eingriff formender Prinzipien. Jeder der großen Stämme bildet in sich fliegende, schwimmende, landbewohnende Wesen aus, Parasiten und Nachahmer, Raubtiere und Pflanzenfresser, und es ist erstaunlich, welche Ähnlichkeit von Form und Wesen bei größter Fremdheit der Blutlinien auftreten kann. Ein Saurier lebt als Vogel, eine Eule nach Art des Murmeltiers. Wenn man »den Fisch« nicht mehr als eine Art Stafettenläufer im anatomischen System, sondern als Lebensform und -schicksal auffaßt, kann man sagen, daß es Würmer, Schlangen, Saurier, Vögel, Säugetiere und auch Menschen gibt, die Fische sind. Das setzt eine geringfügige Verschiebung der Optik voraus, die eintreten könnte, wenn der Nominalismusstreit in eine neue Instanz getrieben würde, worauf Anzeichen hinweisen. Es gibt viele mögliche Natursysteme neben, außer und über dem unseren.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 452

„Eine Ordnung der Menschheitsgeschichte unter Richtpunkten, die außerhalb der Kultur- und Völkergeschichte liegen, also etwa den astrologischen ähneln würden, scheint heute besonders schwierig, auch abgesehen von dem großen Anfall an Tatsachen. Dieser besteht nicht nur darin, daß sich, vor allem durch die Ausbildung der Archäologie, unsere Kenntnis der Frühgeschichte erweitert hat und noch fortwährend ausdehnt, so daß nicht nur neues Licht auf die uns bekannten Kulturen fällt, sondern auch ganz unbekannte auftauchen. Dazu kommt der erstaunliche Einblick in die Vorgeschichte, der nicht nur ein neues Feld, sondern eine neue Dimension erschließt. Je mehr Tatsachen anfallen, desto entschiedener muß der Geist auf seinem Herrschaftsanspruch, auf Ordnung und Benennung, bestehen. Vielleicht ist bereits der Andrang von Tatsachen ein Symptom der Schwächung, ein hellenistischer Zug. Der Geist wird zum Museumsdirektor, zum Kustos unkontrollierbarer Sammlungen. Bereits aus diesem Grunde ist Spenglers System mit seiner Einteilung in acht Kulturen dem Toynbees vorzuziehen, das sich auf deren einundzwanzig stützt. Auch diese Zahl könnte durch archäologische Ergebnisse und feinere Einteilung vermehrt werden. Es bleibt aber richtig, daß der Geist der Forschung die Aufträge erteilt, nicht umgekehrt. Tatsachen schaffen Belege, nicht Wahrheiten. Wo geforscht wird, wurde das Feld bereits durch geistige Vetos und Placets abgesteckt. Was gefunden wird, ist daher nicht zufällig.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 453

„Spengler bezeichnet seine morphologische Geschichtslehre als »kopernikanische Entdeckung« im Reich der Geschichte. Dem läßt sich zustimmen, was ihren Rang, nicht aber, was die Qualität betrifft. Hinsichtlich dieser ist Spenglers Auffassung anderen Systemen, wie dem tychonischen näher verwandt. Vor allem fehlt ihm die Unendlichkeit des kopernikanischen Raumes, den der Lichtstrahl geradlinig, ohne eine Grenze zu finden, durchfliegt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 453-454

„Spenglers Verdienst liegt darin, daß er den großen Gedanken der Entwicklung, wie Herder und Goethe sie verstanden, auf sein Geschichtsbild anwendet, und das zu einem Zeitpunkt, an dem dieser Gedanke durch Mißverständnis und Verflachung der Hegelschen Geschichtsphilosophie nicht nur im historischen Selbstbewußtsein der Gebildeten, sondern bis in die politische Praxis hinein zu einer Art von optimistischem Religionsersatz vereinfacht worden war. Demgegenüber ist Spenglers Geschichtsbild, vor allem hinsichtlich der Kulturprognose, mit Recht pessimistisch. Es führt von der Vorstellung der linearen und eo ipso aufsteigenden Entwicklung zu zyklischen Konfigurationen zurück. Dadurch übt es großen und wachsenden Einfluß aus.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 454

„Daß auch dieses Geschichtsbild letzthin nicht befriedigt, berührt eine der Schattenseiten seiner Vorzüge. Es ist ein organisches Geschichtsbild: die Kulturen werden in ihm gezeichnet als mächtige Bäume; ihr Leben wird verfolgt vom unbewußten Keim bis zur bewußten Reife und zum Tode, den ein langes Absterben einleitet. Sie sind nicht weiter ausdeutbare Urbilder. Sie haben »keine Fenster«, wie Leibniz von der Monade sagt. Im Anblick endet die Frage nach dem Warum. Wir fragen auch nicht, warum ein Baum an einer bestimmten Stelle wächst und alt wird und warum dieser Baum gerade ein Ahorn oder eine Linde ist, obwohl zwischen Art und Standort Relationen in Menge bestehen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 454

„Zuweilen verstärkt sich dieser Eindruck, wie beim Gang über eine Wiese, auf der Pilze in großen Individuen oder auch in Ringen aufwachsen und über Nacht vergehen. Der Anblick läßt fragen: Was war der Anflug, wo kommen die Sporen her?“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 454

„Die Weltgeschichte wird so zu einer Reihe von Auftritten, die einander nach unerklärlichem Belieben folgen und ohne inneren Zusammenhang. Das Verbindende liegt in der Periodizität der Abläufe und ihrer morphologischen Ähnlichkeit, die der physiognomische Blick erfaßt. Da wird auch Bedeutendes und Überraschendes gesehen, und zwar in einer Fülle, die sogleich verrät, daß es sich weniger um neue Funde handelt als um eine neue Optik, einen neuen Blick.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 454-455

„Wenn Spengler in der Einleitung zu seinem Hauptwerk sagt: »Das Mittel, lebendige Formen zu erkennen, ist die Analogie«, so rührt er damit das Wesen der physiognomischen Methodik an. Durch den Analogieschluß läßt sich in der Tat viel erreichen, unter anderem die Erfassung und Ordnung historischer Figuren unter der bloßen Oberflächenähnlichkeit der zeitlichen Gewänder und ferner die Einsicht in noch bevorstehende Abläufe aus der Kenntnis der Periodizität heraus: als Voraussage. Hier gewinnt der physiognomische Instinkt des Hinzutretenden prophetische Kraft.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 455

„Nun aber gehört es zu den Eigentümlichkeiten des menschlichen Geistes, daß ihn die Anordnung und Anreihung des Ähnlichen zwar stark beschäftigt, doch nicht befriedigt, solange die Frage nach der Quelle der Vergleiche und nach der gemeinsamen Komposition der Akte und Auftritte des großen Schauspiels offen bleibt. Die reine Vergleichung schafft Relationen, nicht Maßstäbe. Es bleibt die Frage nach der inneren Einheit der mannigfaltigen Erscheinungen und Abläufe über die Ähnlichkeit hinaus. Die Ähnlichkeit ist ja nicht nur ein unerschöpfliches Feld der Deutung, sondern weist auch auf unerschöpfliche Bedeutung hin, auf Schöpfung selbst.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 455

„Dieser zweiten Frage versagt sich Spengler; wir suchen vergebens eine Antwort bei ihm. So gleicht seine Morphologie der Weltgeschichte einem vorzüglichen Gruppenbild von acht Brüdern, die sowohl untereinander verschieden als einander ähnlich sind. Dürfte man noch den Vater kennen oder auch nur auf ihn schließen, so hätte man das innere Band.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 455

„Die Frage nach dem Weltplan oder dem Weltsinn, sei er göttlicher, sittlicher oder materieller Natur, wird also von Spengler nicht beantwortet. Seine Morphologie gleicht einem Palast, dem das oberste Stockwerk fehlt. Das nimmt ihr nichts von ihrer morphologischen Größe, führt aber nicht aus dem Vergleichbaren ins Unvergleichliche hinaus. Von dort, so vermuten wir, kommen die Aufträge.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 456

„Spengler zitiert in diesem Zusammenhang ein Goethewort: der Sinn des Lebens sei das Leben selbst. Das ist ein vieldeutiger Spruch. Die Vergleichung der Kulturen mit tausendjährigen Bäumen hätte vermutlich Goethes ungeteilten Beifall gefunden; in dieser Hinsicht beruft Spengler sich auf ihn mit Recht. Zudem jedoch ist Goethes morphologisches Genie durch ein synoptisches erhöht. Er hätte bei gleichem Unterfangen die Bäume nicht nur in ihrer Mannigfaltigkeit, sondern auch in ihrer Einheit, als Urpflanze, zu erfassen versucht. Die Hauptgefahr der Morphologie liegt darin, daß man den Wald vor Bäumen nicht sieht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 456

„Das Wort »Weltplan« wird von Spengler in Anführungszeichen gesetzt. Er wirft den Philosophen vor, daß sie als dessen Urheber »Gott bemühen«. Trotzdem bleibt der Weltplan der große Gedanke, der Herders Geschichtsbild sinnvoll zusammenhält. Das gleiche gilt für Hegels Deutung der Geschichte als der Selbstentfaltung des Weltgeistes.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 456

„In solchen Konzeptionen liegt mehr als die Befriedigung der betrachtenden Vernunft durch letzte Siegel - sie besitzen einen weisenden, fordernden Zug, der sie mit dem Verhalten des Menschen sinnvoll verknüpft, ihm Bahn und Richtung gibt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 456

„Diese Überlegenheit ist an Hegels System zu verfolgen bis zu den materialistischen Schulen, die sich von ihm abzweigen. Das ist einer der Gründe, aus denen der materialistische Optimismus sich im politischen Machtkampf den Kräften gegenüber durchsetzt, die ihr theoretisches Rüstzeug aus biologischen Vorstellungen beziehen. Eines festen Punktes, wie Archimedes, bedarf auch der, der die politische Welt aus den Angeln heben will, und diese Voraussetzung kündet sich bereits in den Denkstilen an.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 456-457

„Die Astrologie gibt das Muster einer Methodik, die das Leben mit größeren Abläufen verknüpft. Sie greift weit über die biologisch-historische Erfassung sowohl der Einzelnen als auch der Kulturen hinaus. Ihre Vorstellung, ihr Symbol, das Horoskop, ist zyklisch, und da es sich auf den größten und ältesten Umlauf bezieht, den wir kennen, genügt ihr eine einzige und unveränderliche Uhr zur Ablesung dessen, »was die Stunde geschlagen hat«. Dieser Zyklus setzt dem Astrologen zugleich die meßbare astronomische und die zu deutende Schicksalszeit. Logos und Nomos werden in Beziehung gesetzt, ja ausgetauscht, und schmelzen für den deutenden Blick ineinander ein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 457

„Die Zuversicht auf Wiederkehr bestätigt das Sein und auch die Sicherheit in ihm ganz anders als das Bild der endlosen, sei es auch aufsteigenden, Bahn. Sie läßt vermuten, daß andere Maße, andere Pläne als die der menschlichen Berechnung mitbestimmen, mitwirken und daß sich der menschliche Plan in einem größeren Rahmen bewegt. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen die Bewegung uferlos und höchst gefährlich zu werden scheint. Auch darin liegt ein Hinweis auf die wachsende Anziehungskraft der Sterndeutung.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 457

„Eine nicht näher zu berührende Frage ist die nach den Mächten, die die Deutung bestimmen oder von denen der Deuter bestimmt zu werden glaubt. Gleichviel ob er Gesetze oder prägende Mächte aus der Umdrehung des Schicksalsrades zu erraten meint - sein Blick richtet sich auf eine zwar verschleierte, doch ohne Zweifel wirksame Welt. Das ist erstaunlich in einer Zeit, in der die Theologie in immer größerem Umfang sich der reinen Ethik zuzuwenden beginnt. Noch erstaunlicher ist der Umstand, daß es sich nicht um wie Schnee in der Sonne der praktischen Vernunft dahinschmelzende Reste, um »Tibetanisches«, handelt, sondern um Auswachsendes.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 457-458

„An das Erscheinen, nicht an die Erscheinung dieser Bewegung knüpft sich die Untersuchung an, also an ihren Standort, der selbst ein sich regender ist, wie ein Grund, der aus der Tiefsee sich in die Höhe wölbt. Demgegenüber ist unbedeutend, was auf ihm wächst. Mißverständnissen läßt sich dabei nicht ausweichen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 458

„Der eigentliche Wert einer solchen Bewegung, einer solchen Beunruhigung liegt nicht darin, daß sie »stimmt«. Er liegt vielmehr darin, daß Geisteskräfte ins Treffen geführt werden, die lange brachgelegen haben, ja weithin verkümmert sind und deren Absterben den Planeten zu veröden droht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 458

„Darin, und nicht in der physischen Bedrohung, die sekundär ist, oft sogar heilsam, liegt die Gefahr.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 458

„Zu den Verdiensten Spenglers gehört, daß er eine Generation vom Vorurteil der Einmaligkeit, der Einzigartigkeit ihrer historischen Erscheinung und ihrer historischen Lage befreit hat, von jener Vorstellung des Niedagewesenen, wie sie besonders mit der Entwicklung der Technik und ihren überraschenden Phänomenen verbunden war.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 458

„Insofern verrät sein vergleichender Blick, etwa auf ein Fußballstadion von 1914 oder die Feststellung, daß es sich bei dem Weltkrieg nicht um eine der üblichen Auseinandersetzungen zwischen Völkern handelte, sondern um den Typus einer Zeitwende, die seit Jahrhunderten ihren vorbestimmten Platz hatte, eine Lagebeurteilung, die dem bloßen Wechsel der Prospekte innerhalb des historischen Bewußtseins weit überlegen ist. Das war von besonderer Wirkung zu einem Zeitpunkt, da seit langem die philosophische, vor allem die erkenntniskritische, Disziplin aus den Einzelwissenschaften geschwunden war, gewichen der Überschätzung empirischer Abläufe und experimenteller Phänomene - von theologischen Erwägungen ganz abgesehen. In dieser Hinsicht bleibt unumstößlich Prediger 1, Vers 9, 10.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 458-459

„Spenglers Geschichtsbild wurde vor dem Ersten Weltkrieg konzipiert. Inzwischen haben Beschleunigung und Anfall von Tatsachen sich weiterhin gesteigert, und das in einem Maße, das den Strom der Zeit und ihres Geschehens zuweilen als Katarakt erscheinen läßt, der die Schiffe weniger trägt als mitreißt und bedroht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 459

„Die Weisheit des Ben Akiba, daß alles schon dagewesen sei, wird durch die Ereignisse und Gebilde, die sich vorstellen, auf das härteste erprobt. Damit erhöht sich die Verantwortung des betrachtenden und ordnenden Geistes und seiner Lagebeurteilung. Es wirft sich, unter anderem, die Frage auf, ob es sich überhaupt noch um ein Geschehen handelt, das durch historische Betrachtung und aus historischer Erfahrung heraus beurteilt werden kann. Auch dann wäre das Wort Ben Akibas nicht hinfällig. Es müßte aber außerhalb der Geschichte belegt werden: Wir würden dann Dinge wiederholen, für die der historische Vorgang fehlt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 459

„Immerhin war es eine gute Feststellung, daß wir nicht »im Zeitalter der Punischen Kriege«, wie viele glaubten, sondern in dem der Schlacht von Actium stehen, und ein politisches Genie, das mit zwingender Schärfe die Konsequenzen durchdacht hätte, würde uns wahrscheinlich viel Unangenehmes, und vor allem Umwege, erspart haben.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 459

„»Ab 2000« würden wir demnach in einem weltfriedlichen Zeitalter mit Riesenstädten, hellenistischen Kunstwerken und machtvoll perfektionierter Technik stehen. Zum ersten Male wäre der Erdball in einer Hand; es gäbe keine »Ränder« im alten Sinne mehr. Die Parther dieses Imperiums würden an anderen, nur vermutbaren, Orten auftauchen. Schon Nietzsche sieht den Weltstaat und dann seinen Verfall voraus. Es kann nicht anders sein. Denn alles, was entsteht, // Ist wert, daß es zugrunde geht. Daher sind den Auskünften, die die reine Geschichtsbetrachtung gewähren kann, Grenzen gesetzt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 459-460

„Spengler hat ohne Zweifel einen Turnus erfaßt, obwohl, wie gesagt, sein pluralistisches Bild in letzter Instanz nicht befriedigen kann. Es war daher vorauszusehen, daß es an Versuchen nicht fehlen würde, die Einheit der Weltgeschichte in der Betrachtung wiederherzustellen. Das wird der Geschichtschreibung aus eigenen Mitteln nicht möglich sein, wie es ihr auch niemals möglich gewesen ist. Sie muß dazu einen außerhalb der Geschichtswelt gelegenen archimedischen Punkt finden, sei es in der Theologie, sei es in der Metaphysik, sei es in der Materie.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 460

„Der morphologischen Feststellung, die auch in unserem Zeitalter Wiederkehrendes erblickt, kann nur mit Einschränkung zugestimmt werden - insofern nämlich als, falls es sich um Wiederkehrendes handelt, der Turnus der historischen Zyklen dafür zu kurz ist und somit unsere geschichtliche Erfahrung zum Wiedererkennen nicht genügt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 460

„Es ist freilich immer gut und zeugt für geistigen Abstand, wenn man sich angesichts des Anfalls von Aktualitäten mit dem »Nil admirari« des Horaz oder dem »Alles ist dagewesen« des Ben Akiba rüstet, obwohl zugegeben werden muß, daß dieser Anfall, schon quantitativ gesehen, enorm ist, sowohl was die Masse als auch was den Schauplatz der Ereignisse betrifft. Dazu kommt ihre Beschleunigung in einer geometrischen Progression, die, wie der Sog eines Kataraktes, seit über hundertfünfzig Jahren die Ereignisse immer schneller, immer zwingender einander folgen läßt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 460

„Noch beunruhigender wirkt die Feststellung, daß dieser Anfall von Tatsachen ohne Zweifel auch eine qualitative Färbung besitzt. Die Dinge werden befremdend in einem Maße, für das der Vorgang fehlt. Das Wort »beunruhigend« ist hier nicht im gängigen Sinne gemeint; es muß zunächst von der Gefahr abstrahiert werden. Erst wo das gelingt, kann Stichfestes zur Zeit gesagt werden. Die Furcht vernebelt die Kontur. Auch Faszinierendes ist beunruhigend.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 461

„Daß weite Gebiete durch Kriege verheert, entvölkert oder von Unholden beherrscht werden, ist kein historisches Novum, und auch die Mittel, deren man sich dazu bedient, kann man als akzidentell ansehen. Tamerlan dürfte so leicht nicht zu überbieten sein. Die Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf die betroffenen Völker und ihre Kultur waren verhängnisvoller als die beider Weltkriege, während deren die Vermehrung der Erdbevölkerung sich fortsetzte und die Kapazität der zivilisatorischen Mittel und Methoden sich sprunghaft steigerte. Dieser Unterschied ist nicht zufällig.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 461

„Beunruhigend im Sinne des Erstaunlichen und »Eintretenden« sind andere Wahrnehmungen, wie etwa, um ein Beispiel zu nennen, jene, daß sich die Spezies sowohl an sich als auch im Verhältnis der Geschlechter offensichtlich zu verändern beginnt, und das in einer Weise, für die es weder im historischen Nacheinander noch im ethnographischen Nebeneinander Vorgänge gibt. Das deutet auf Veränderungen, die im Turnus nicht zu belegen sind, falls sie sich nicht auf Kreisläufen abzeichnen, deren Bewegungen langfristiger als die der Kulturen oder überhaupt der Geschichtszeit sind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 461

„Dem widerspricht nicht, daß auch der von Spengler aufgezeigte Turnus »stimmen« kann. Es bleibt aber evident, daß über die Möglichkeit des morphologischen Vergleichens und Wiedererkennens hinaus neuartige Elemente eintreten. Das läßt vermuten, daß zugleich mit dem historischen Turnus eine Spanne abgelaufen ist, die seinen Maßstab übergreift.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 461

„Man kann sich das durch Zahlen veranschaulichen: Zugleich mit einem Jahrzehnt kann ein Jahrtausend, ein Jahrzehntausend oder ein noch größerer Turnus abgelaufen sein. Will man es räumlich sehen, so kann man sich vorstellen, daß ein Grenzbewohner mit einem Schritte sowohl aus seinem Zimmer wie aus seinem Hause und sogar aus seinem Lande heraustreten kann. Wir geben uns über solche Verhältnisse meist wenig Rechenschaft. Wir können die Wirbel eines Tieres durchzählen, ohne wahrzunehmen, daß sie hier einen Teil des Kopf - und dort des Rücken- oder Schwanzskeletts ausmachen. Je mechanischer wir zählen, desto weniger bemerken wir Übergänge dieser Art. Ähnlich verhält es sich mit dem Wechsel der Schicksalszeit unterhalb der Chronologie. Wir zählen weiter, ohne zu bemerken, daß sich nicht nur die Zahl, sondern auch das Wesen der Jahre verändert hat. Sie folgen sich, aber sie gleichen sich nicht mehr.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 461-462

„Haben wir das Gefühl, in einer Spätzeit zu stehen? Das ist wohl vorbei; es war um 1900 stärker ausgeprägt. Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen man sich den Luxus der decadence leisten kann. Heut heißt es: »Friß, Vogel, oder stirb«.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 462

„Der ungeheure Zug, den wir erleiden, kann nicht allein aus schärferer Durchdenkung der Welt entspringen; er treibt andere Symptome hervor als der cäsarische Altersstil. Nach dieser Theorie müßten die Söldnerheere zunehmen; ihr widerspricht die Totale Mobilmachung. Der Gebildete würde sich durch einen ganz anderen Abstand von den Dingen auszeichnen, durch geistige Gelassenheit, sei es im Sinn der Stoa oder Epikurs. Die Machtfragen würden weniger mit Moralfragen verquickt werden, und umgekehrt. Im allgemeinen würde man angenehmer leben, wie fast immer in Spät- und Verfallszeiten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 462

„Von solcher Herbst- und Abendstimmung ist wenig zu bemerken - die Jahre fordern sowohl den Pessimismus wie den Optimismus stärker heraus. Auf der einen Seite werden sie nicht als Spät-, sondern als Endzeit gesehen, auf der anderen mit einem Jubel, einem Opfermut begrüßt, der nicht zu erklären, geschweige denn zu widerlegen ist. Beides zusammen deutete auf eine ungewöhnliche Zäsur.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 462-463

„Sollte etwa der Einschnitt, der so offensichtlich unsere Jahre zeichnet, nicht nur zwei Epochen menschlicher Geschichte trennen, sondern zugleich sowohl den Ablauf als auch den Beginn eines größeren Zyklus ankünden? Das würde bedeuten, daß selbst zur Erfassung grober Fakten die Mittel der Geschichtsbetrachtung nicht ausreichen. Das würde bereits der Fall sein, wenn es sich um einen verhältnismäßig kleinen Zyklus, etwa von zehn- oder zwanzigtausend Jahren, handelte. Ein solcher Zyklus ist winzig, verglichen etwa mit einem indischen Götterjahr oder auch mit den Abläufen, die unsere Astronomie, Geologie oder Paläontologie berücksichtigen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 465

„Ferner: Gab es immer, solange Menschen auf der Welt sind, Weltgeschichte in unserem Sinn? Ohne Zweifel nicht, da wir von Vor- und Urgeschichte sprechen, die wir entweder aus unserer Geschichtsbetrachtung ausklammern oder als Vorsaal in sie einbeziehen. Eine Person, eine Begebenheit muß ganz bestimmte Eigenschaften aufweisen, um »geschichtlich« zu sein. Dazu gehört sowohl die geschichtsbildende Kraft als auch die Fähigkeit, Gegenstand der Geschichtschreibung und des in ihr waltenden Eros, Objekt der historischen Anschauung zu sein. Diese heftet sich an bestimmte, nicht an beliebige Zeiten und Vorgänge.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 465-466

„Das war nicht immer der Fall. Wir nennen Herodot den »Vater der Geschichtschreibung«. In der Tat bietet er eine ungewöhnliche Lektüre; man durchwandert seine Bücher wie ein von der Morgenröte bestrahltes Land.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 466

„Vor ihm war etwas anderes, war mythische Nacht. Diese Nacht war aber nicht dunkel, sondern eher Traum und kannte eine andere Verknüpfung der Menschen und Ereignisse als das historische Bewußtsein und seine sondernde Kraft. Das bringt die Morgenröte in Herodots Werk. Er steht auf dem Grat eines Gebirges, dasTag und Nacht trennt: nicht nur zwei Zeiten, sondern zwei Zeitarten, zwei Arten von Licht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 466

„Ein wenig später, schon bei Thukydides, ist die Morgenröte verblaßt. Auf Menschen und Dinge fällt das klare Licht historischen Wissens, historischer Wissenschaft.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 466

„Es fragt sich nun: Hat auch dieses Licht seine Zeit? Stehen wir in einer ähnlichen Wende wie Herodot oder in einer noch bedeutsameren? Sind die Ereignisse, die sich darbieten, nicht mehr auf jene Art verknüpft, die wir gewöhnt sind, Geschichte zu nennen, sondern auf eine andere, die wir noch nicht benannt haben?“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 466

„Aus der Welt verschwindet mit den historischen Bindungen und Landschaften auch das Verhalten, das sich nach geschichtlichen Vorbildern beurteilen und prognostizieren läßt. Daher beginnen auch Wörter trügerisch zu werden, die zum eisernen Bestand des geschichtlichen Handelns und der Verträge gehörten, wie »Krieg« und »Frieden«, »Volk«, »Staat«, »Familie«, »Freiheit«, »Recht«.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 467

„In dieser babylonischen Verwirrung sucht die Geschichtschreibung Anleihen zumachen, sei es bei der Theologie, der Mythologie und Dämonologie, sei es bei der Psychologie und Moral, oder sei es einfach bei der Politik. In der Tat kann man kaum noch ein Buch zur Zeitgeschichte aufschlagen, bei dem nicht sein politischer Standort, und damit mehr Absicht als Ansicht, sogleich durchleuchtet.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 467

„Es muß aber dem, der wissen will, was vorgeht, mehr an einer Typologie unserer Welt und ihrer Vorgänge als an ihrer polemischen Beleuchtung gelegen sein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 467

„Die groben Einbrüche, die an vielen Stellen die Geschichtslandschaften in elementare verwandeln, verhüllen Veränderungen feinerer, aber durchdringenderer Art. Bedenklicher ist, daß sich der Mensch in seinem Wesen, als Wesen, zu verändern beginnt. Es tritt etwas Neues und Fremdartiges in ihn ein, und zwar generell, über Nationen, Rassen und Bildungsstufen hinweg, auf planetarische Art. Diese Veränderungen sind unsichtbarer als die der Technik, obwohl sie mit ihr zusammenhängen, und sind ursächlicher.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 467

„Von Jahr zu Jahr wird beklemmender, mächtiger spürbar, daß Dinge im Werden sind, vor denen auch Ben Akiba erstaunen würde – eben deshalb, weil sie im Geschichtlichen nicht unterzubringen sind. Das eben bezeugt auch die Tatsache der astrologischen Beunruhigung, von der wir ausgegangen sind. Daß Millionen ihr Horoskop verfolgen, mag als Faktum unwichtig sein. Das ändert wenig oder nichts. Höchst aufschlußreich dagegen ist es als Symptom.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 468

„Wenn wir annehmen, daß wir uns am Abschluß eines Zyklus befinden, der die Geschichte, ja vielleicht die menschliche Existenz auf dieser Erde übergreift und daß bereits ein neuer Zeitgroßraum auf den Menschen einwirkt, so dürfen wir folgern, daß Erscheinungen eintreten werden oder bereits eingetreten sind, wie sie geschichtlich oder selbst anthropologisch noch nicht fixiert wurden. Da Erdgeschichte aber die Menschengeschichte weit überdauert, könnte aus ihr als einer umfassenden Kategorie vielleicht Vergleichbares geschöpft werden.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 468

„Dabei ergibt sich eine nur anzudeutende Schwierigkeit. Es wiederholt sich die Lage des Herodot mit umgekehrten Vorzeichen. Herodot blickte aus dem historischen Raum, den er soeben betreten hatte, auf den mythischen zurück. Er tat es mit Scheu. Die gleiche Scheu ist heute dort geboten, wo sich jenseits der Zeitmauer Zukünftiges abzeichnet. In jeder Benennung schlummert Gefahr.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 468

„Wo Herodot sich, etwa während seiner Reise nach Ägypten, in die Mysterien, die noch überall begangen wurden, einweihen ließ, erwähnt er die Tatsache, aber verschweigt, was er erfahren hat. Das Mythische ist eine Macht für ihn, die sich in die Heiligtümer zurückgezogen hat, doch deren Grenzen zu beachten sind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 468-469

„Übrigens setzt sich dieses Verhältnis, wenn nicht in der späteren Geschichtschreibung, so doch in der Geschichte fort. Die Bilder, Personen, Ereignisse im Geschichtsfeld sind immer in Gefahr, vom Mythos angestrahlt und überwältigt zu werden, und das gerade in Augenblicken, in denen das Historische zu kulminieren scheint.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 469

„Eine der großen Anstrengungen der nachherodotischen, also der abendländischen Kultur im weiteren (nicht im Spenglerschen) Sinne besteht daher in der Wahrung ihrer geschichtlichen Struktur, sei es der des Staates, des Denkens oder der Person und ihres Freiheitsanspruchs, gegen den Angriff mythischer Mächte und ihrer Wiederkehr. Das, und nicht der Kampf zwischen Nationen und Wirtschaftsformen, gehört zur wesentlichen Erfassung des Abschnittes, der hinter uns liegt. Von Geschichtswahrung, von Geschichtsbewußtsein überhaupt in diesem Sinne, kann nur in ihm die Rede sein. Diese Geschichtswahrung ist das große Thema der abendländischen Kultur. Das unterscheidet sie von allen anderen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 469

„Diese Geschichtswahrung ist das große Thema der abendländischen Kultur. Das unterscheidet sie von allen anderen. Ihr gegenüber wird die Streitfrage, ob Geschichte als Staaten- und Kriegs- oder als Kulturgeschichte im engeren Sinn behandelt werden sollte, zweiten Ranges – das Wesentliche ist die Wahrung eines eigentümlichen Nomos, eines So-Seins, das sich in der Kultur bestätigt, im Kampf verteidigt wird. Es ist die Würde des historischen Menschen, die sich gegen Naturgewalten und Barbarenvölker einerseits, gegen die Wiederkehr mythischer und magischer Mächte andererseits zu behaupten sucht. Diese Würde ist eigentümlich; Bewußtheit, Freiheit, Recht, Personalität durchdringen sich in ihr auf besondere Weise oder strahlen von ihr aus als von einem Urphänomen. Sie bestimmt den Gang der schaffenden und handelnden Menschen, der »Großen«, der Vorbilder in Werken und Taten, und sie begrenzt, was dem leidenden Menschen zugemutet werden darf. Dieses Maß und dieses Maßhalten wird oft verletzt, wird oft vergessen, aber es zieht sich als Höhenlinie, als Maßstab der Menschen und Dinge durch das Massiv des Geschehens, und auch die große Geschichtschreibung setzt sich auf dieser Gratlinie fort.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 469-470

„Das alles tritt sogleich bei Herodot, besonders in seiner Schilderung der Perserkriege, auf das klarste hervor und macht sein Werk zu einer großen Lektüre an einer Wende, an der das So-Sein des historischen Menschen Verletzungen erlitten hat und noch erleidet, die vielleicht nie wieder herzustellen sind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 470

„Wir wollen zunächst von Art und Schwere dieser Verletzungen und von der naheliegenden Frage, ob sie heilbar sind oder nicht, absehen und uns mit ihrem Sinn beschäftigen. Im besonderen ist zu erwägen, ob es sich um eine Wiederkehr handelt, etwa um die Wiederkehr mythischer Mächte, die unter Verhüllungen in die zerbröckelnde Geschichtswelt und ihre Lücken eindringen, oder ob diese Möglichkeit ausgeschlossen ist.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 470

„An sich können mythische Mächte in der Geschichtswelt nicht entbehrt werden. Weder der Staat noch die Gesellschaft können rein dem politischen Plan folgen, ob er sich nun als Staatsräson oder als Sozialordnung darstelle.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 470

„Der Unterschied zwischen dem Menschen, der wie der Richter oder der Feldherr auf legale Weise über das Leben verfügt, gegenüber dem Henker und dem Mörder wird unscharf, kann diskutiert werden, während zugleich zahllose Unschuldige wegen geringfügiger sozialer oder ökonomischer Differenzen des Lebens beraubt werden oder als Sklaven dahinschmachten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 474-475

„Demgegenüber kann von Opfern weder im sakralen Sinne, etwa von Kreuzzügen, noch im heroischen noch selbst im praktischen, etwa der Staatsräson, mehr dieRede sein. Wir müssen dieser Tötung auch jene abstrakten Formen zurechnen, die wir als Unfall ansehen. Sie reichen nicht nur rein zahlenmäßig an frühere Kriegsverluste heran, sondern es zeichnet sich sogar die Gefahr von Massenkatastrophen ab. Auch das fällt unter die Verantwortung.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 475

„Allerdings hat noch keine Veränderung auf der Erde stattgefunden, die nicht Blut gefordert hätte. Wir wissen nicht, ob und in welchem Sinne gültige Opfer gebracht werden. Aber wir können nicht daran zweifeln, daß Blut gefordert wird. Daß es nicht den Sinn haben kann, den die Blutvergießenden meinen, ist nicht nur wahrscheinlich; es ist auch der einzige Gedanke, der Erlösung, Versöhnung verspricht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 470

„Wir sehen kein Opfer, aber wir zahlen einen Zoll.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 475

„Gewisse Dinge sind, zwar nicht tatsächlich, doch inder Anschauung, unmöglich, seit Christus, das »neue Licht«, erschienen ist. Die Kirchen können längst in Museen, Remisen oder Lichtspielhäuser verwandelt sein; es bleibt ein unausrottbares Bewußtsein für das, was im ethischen Sinne schön oder häßlich ist. Dieses Häßliche kann in mythischer Zeit schön gewesen sein – wie etwa das Schauspiel der Blutopfer auf den mexikanischen Pyramiden – es wurde im Augenblick zum Frevel, in dem christliche Augen es wahrnahmen. Damit ist nicht gesagt, daß Christen nicht ähnliches zuzutrauen wäre, aber es fehlt nun der Bluttat der mythische Glanz, die Weihe, das Selbstbewußtsein der antiken Macht. Das ist ein für alle Mal dem Menschen abgedungen und abgekauft.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 477

„Soviel, um anzumerken, daß Wiederkehr mythischer Figuren zur Herrschaft nicht zu erwarten ist. Dem widerspricht nicht, daß das historische Bewußtsein als geschichtsbildende Macht seinerseits aus der Herrschaft scheidet, vielleicht bereits geschieden ist, und zwar auf ähnliche Weise, wie es den Mythos ablöste.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 477

„Der Spaten ist für die Geschichte ein Hilfsmittel, für die Vorgeschichte das Hauptmittel.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 479

„Vieles läßt darauf schließen, daß der Abschied von der Geschichte einschneidender und folgenschwerer sein wird, als es jener vom Mythos war. Das läßt vermuten, daß ein noch größerer Zyklus abgelaufen ist. Wird der Mensch nicht noch mehr als damals opfern, nicht noch mehr zurücklassen müssen – am Ende das Menschentum selbst?“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 480-481

„Wenn wir Mythisches und Geschichtliches innerhalb der menschlichen Wirklichkeit abgrenzen, so treffen wir eine schärfere Unterscheidung als jene, die zwischen Geschichte und Vorgeschichte sich ziehen läßt. Das soll nicht heißen, daß mythische und vorgeschichtliche Zeit identisch sind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 481-482

„Auch zwischen Vorgeschichte und Urgeschichte schwanken die Abgrenzungen. Im Sinne, in dem das Wort oder ihm ähnliche seit Hesiod immer wieder verwandt wurden, verschmilzt die zeitliche Bedeutung mit einer idealen – gemeint ist die Idee des Menschengeschlechts. Wo sie sich rein verwirklicht, ist das Goldene Zeitalter, wie es immer wieder von Menschen gesucht und als Muster verwandt worden ist“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 482

„Hesiod sagt von den Menschen des Goldenen Zeitalters: »– Ganz nach Gefallen // Schufen sie ruhig ihr Werk und waren in Fülle gesegnet, // Reich an Herden und Vieh, geliebt von den seligen Göttern.« Erst von den Menschen des Erzenen Zeitalters heißt es: »– diese betrieben Ares’ Jammergeschäfte und Frevel.« Auch heute sind die Spiegelungen des Goldenen Zeitalters stärker als alle anderen. Ihm entstammt der Mensch Rousseaus, während der Norde das Erzene Zeitalter vertritt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 483

„Die Einteilung der Alten in ein goldenes, silbernes, erzenes und eisernes Zeitalter bezieht sich nicht auf die Metalle im materiellen Sinn. Sie ist eher der Art verwandt, in der die Alchimisten oder auch die Astrologen von den Metallen sprechen: die Eigenschaften sind Tugenden des Seins. Wir sagen noch heute: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«. Es handelt sich bei dieser Einteilung im Grunde um vier Jahreszeiten eines Weltalters von abnehmender Kraft. Gold ist hier Göttliches. Es bleibt in jeder Form Gold, was aus Gold besteht: »Nichts Göttliches in dem, // Was aus ihm ward, vergeht.« (Shankara). Auch der Brahmane kennt solche Weltalter von ungeheurer Ausdehnung, die durch partielle Weltuntergänge getrennt sind und von denen jedes seine Morgen- und seine Abenddämmerung besitzt. Jedes hat seinen eigenen Götterhimmel, sein neues Menschengeschlecht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 485-486

„Wenn unsere Wissenschaft Geschichte und Vorgeschichte bis zur Morgendämmerung des Menschen in Stein-, Bronze- und Eisenzeit einteilt, so sind damit die Stoffe im eigentlichen Sinn gemeint und erst in zweiter Linie die Stufen der Gesittung, die mit ihrer Anwendung verbunden sind. Hier finden wir entwicclungsgeschichtliche Perspektiven mit Zeitaltern von zunehmender Kraft. Hier meint »spät« Wachstum, nicht Schwund wie in der Bibel und bei Hesiod. Bei näherer Ansicht können uns jedoch gewisse Übereinstimmungen nicht entgehen. Wir führten das Ideal des Norden auf das Erzene Zeitalter zurück. Das ist die mythische Bezeichnung des Abschnitts, den der Historiker die Bronzezeit nennt. Es ist die Zeit, in der der Mythos herrschende Wirklichkeit gewann, in der das Handeln und Denken des Menschen durch ihn bestimmt wurde. Diese Wirklichkeit bleibt unerschütterlich in der Erinnerung, in den Sängen Homers und in den Sagas, sie kann aber nicht politisch wiederholt werden. Es ist kein Zufall, daß die Vorbilder der im Zweiten Weltkrieg geschlagenen Mächte der Bronze- und der frühen Eisenzeit entstammen: der Norde, der antike Römer, der japanische Samurai. Daß sie nicht siegen konnten, entspricht der Grundregel, daß der Mythos nicht wiederherzustellen ist, daß er zwar vulkanisch die Geschichtsdecke durchbrechen, nicht aber ein Weltklima schaffen kann. Diese Grundregel erklärt zahlreiche Einzelbeobachtungen, wie etwa die, daß der Krieg nicht mehr zwischen Völkern, nicht mehr durch Könige und auch nicht nach den Regeln des Duells geführt werden kann, daß er also sein mythisch-heroisches Ethos verliert, während tiefere Kennzeichen bleiben, wie die Hingabe, der Schmerz. Sie erklärt auch, warum der heroische Machthaber als Lenker, als Vater nicht mehr glaubwürdig erscheint. Er muß, wie schon Napoleon, als Führer, als Entfeßler von Energien,auftreten. Sein Vorbild ist der ewige Jüngling der mythischen Zeit. Daher kann er nicht alt werden. Seine Legitimation reicht vor der »Völkerversammlung« nicht aus. Sie gibt schon den homerischen Helden den Hintergrund.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 486-487

„Wenn wir nun das Erzene Zeitalter des Hesiod auf unsere Bronzezeit bezogen, so liegt die Frage nahe, ob nicht auch für das Goldene Zeitalter ein ähnlicher Bezug zu finden sei? Ihm, als der frühesten Epoche des Hesiod, böte sich dann die älteste der wissenschaftlichen Vorstellungen, die Steinzeit, an. In der Tat wurde das Goldene Zeitalter, wie der geschichtliche Mensch es zu erkennen glaubte, gern dort vermutet, wo steinzeitliche Kulturen bis auf unsere Tage erhalten geblieben sind. Der Einfluß, den die Südseereisen Cooks und Forsters auf die französische Revolution und ihr Menschenbild ausgeübt haben, ist bekannt. Die Gleichzeitigkeit ist hier ebensowenig zufällig wie die Tatsache, daß aus der Welt der Südseevölker grundlegende Begriffe in die Psychologie übergegangen, oder wie jene andere, daß die uralten Höhlen des Steinzeitmenschen gerade in unseren Tagen sichtbar geworden sind. Solchen Funden und solcher Art der Sichtbarwerdung geht anderes voran.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 487

„“Steinzeit: das ist nicht nur ein zeitlicher, sondern auch ein morphologischer Begriff. Steinzeit ist gegenwärtig, und zwar nicht nur ethnographisch, sondern auch individuell. Wenn Spengler daher sagte, daß man »den Neandertaler« in jeder Volksversammlung trifft, so war das eine richtige Feststellung. Ärgerlich daran ist nur der polemische Bezug, der beiden Parteien unrecht tut. Verglichen mit der unseren war die Steinzeit wahrscheinlich ein Goldenes Zeitalter. Vermutlich konnte man sich unendlich glücklicher fühlen, auch sicherer. Es gab weder Polis noch Politik. Das räumen selbst Autoren ein, die dem »Primitiven« gegenüber ein zivilisatorisches Grauen hegen, wie es der Reisende des 18. Jahrhunderts und noch Darwin gegenüber dem Feuerländer empfand. So sagt der Epikuräer Lucretius Carus in seinem Lehrgedicht über die Natur der Dinge, nachdem er ein düsteres Bild der Schutzlosigkeit des frühen Menschen gegenüber den Elementen und den reißenden Tieren entworfen hat: »Aber Tausende führte noch nicht ein Tag zum Verderben // Unter den Fahnen dahin; es wurden Männer und Schiffe // Nicht, von den stürmenden Wogen zerschellt, an Klippen geschleudert, // Denn die verderbliche Kunst der Schiffahrt war noch verborgen.« Die Stelle ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie bereits den Unfall in Rechnung zieht.
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 487-488

„Das eigentliche Kennzeichen der Kultur liegt nicht in der Bewußtseinshöhe, sondern in der unbewußten Harmonie, der Sicherheit des Lebenstraumes inmitten der Kreisläufe. Das Lied, die Kunst weisen sie aus.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 488

„Hesiod berichtet von Zeiten großen Überflusses, in denen ein Tag der Arbeit für ein Jahr der Ernte ausreichte. Auch in dieser Hinsicht nähert sich die Steinzeit am ersten dem Goldenen Zeitalter. Das beruht nicht auf der geringeren Zahl derMenschen, bei der ein größerer Anteil am Segen der Erde auf den Einzelnen entfiel. Die geringe Zahl gehört allerdings zum Bilde des Zeitalters, wie zu dem des unserendie Milliardenbevölkerung. Es beruht auch nicht auf dem besseren Klima und seiner Fruchtbarkeit. Wohl dürfen wir hier an Gewächse denken wie an den Brotbaum Polynesiens, der eine Familie ernährt, an die Banane, Musa paradisiaca, deren Früchte von den Entdeckern auch Adams- oder Paradiesfeigen genannt wurden, auch an den Mais mit seiner Riesenähre – an Zeugen eines reicheren Wachstums, die wie Zweige über die Mauer eines alten Gartens in unsere Zeit hereinragen. Wir müssen aber auch die unerschöpflichen Herden an den waldlosen Rändern der großen Vereisungen dazurechnen. Auch sie ragen in die Gegenwart hinein, als die gewaltigen Büffelherden der nordamerikanischen Prärien, die Rentierherdender Tundren und die Vogelberge der Arktis; dazu passen die Ströme, in denen der Lachs Rücken an Rücken steht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 488-489

„Daß es kein Licht ohne Schatten gibt, ist ... zu bedenken, wenn man der Vermutung nachgeht, daß die Steinzeit ein Goldenes Alter gewesen sei. Bilder eines Überflusses, wie er nie wieder erreicht wurde, dürfen wir mit Recht annehmen, auch eine Freiheit des Einzelnen, die nur beim Jäger anzutreffen ist und die bereits dem Hirten verloren geht. Man kannte nicht den Krieg, weder in den heroischen Formen des mythischen noch in den strategischen des geschichtlichen Zeitalters. Feindschaft und Streit gab es gewiß, aber keine Grenzen im heutigen Sinn. Vom Blutvergießen, wie im »männermordenden« Streit der homerischen Helden oder gar unserer Schlachten, konnte noch nicht die Rede sein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 493-494

„DieTierwelt führt nicht linear auf uns zu. Sie umschließt uns ringförmig.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 498

„Die Technik ist projizierter Geist, wie das Steinbeil verlängerte Faust gewesen ist.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 502

„Wo von Ökonomie auch nur die Rede ist, hat der Schwundbereits begonnen; er triumphiert, wo das ökonomische Denken den Vorrang gewinnt. Dort versiegt, neben anderen Zeichen des Überflusses, auch die Poesie.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 505

„Andererseits ist der Dichter nicht nur Künder, sondern auch Spender des Überflusses; daher ist er notwendiger als alle Ökonomen, und das Gedicht ist wichtiger als jede Wissenschaft. Der Dichter schöpft noch aus dem Unaufgeteilten; er leidet früher, wenn es sich vermindert, spürt aber eher auch seine Wiederkehr. Denn auch der Überfluß – das ist ein tröstlicher Gedanke – hat Wiederkehr. Es kann nicht anders sein, da ja das Universum sich nicht vermindert, stets unerschöpflich bleibt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 505-506

„Die Berichte über das Goldene Zeitalter stimmen darin überein, daß es ein schuldloses Zeitalter gewesen sei. Es muß also notwendig nicht nur ohne Theologie, sondern auch ohne Wissenschaft gewesen sein, nicht nur ohne Buchstaben-, sondern auch ohne Bilderschrift. Der ungebrochene Mensch hat Wissen, doch keine Wissenschaft. Er kennt weniger die Eigenschaften der Steine, Pflanzen und Tiere als ihre Tugenden. Sie sprechen zu ihm.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 510

„Daß die Götter ohne die Hilfe des Herakles die Titanen nicht besiegen können, ist eine Weisheit des Mythos; auch können sie sie nicht vernichten, nur einschließen. Bei jeder Wendeklopft es aus der Tiefe an.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 515

„Wir finden immer wieder, daß solche Wenden zugleich Aufgang und Untergang sind, zugleich die Abenddämmerung des alten und die Morgendämmerung des neuen Zeitalters.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 515

„Was helfen die besten Gewehre, wenn kein Wild mehr erscheint.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 518

„Nur der Jäger will auch nach dem Tode weitertreiben, was sein Leben ausmachte: in den Ewigen Jagdgründen. Das gibt es in keiner anderen Zeit.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 519

„Nichts ist wahrscheinlicher, als daß im frühen Überfluß der Welt, in einem Leben ohne Sparsamkeit und Grenzen, die Furcht geringer gewesen ist als je in Zeiten, die jenen folgten, in denen der erste Pflug die Erde ritzte und die erste Mauer eine tätte umgab.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 520

„Die Zähmung des Menschen wiederholt sich in den Einzelnen. Das Kind lebt noch im Märchen, im alten Überfluß. Der Knabe tritt in das heroische Zeitalter ein, das sich auch im Wechsel der Spiele, in seinen Plänen und seiner Lektüre abzeichnet. Wenn er davon träumt, auf See oder zu den Indianern zu gehen, wird eine alte Sehnsucht, eine vorbabylonische Erinnerung in ihm wach. Hierher gehört auch die Anziehungskraft des Kriminalromans, dessen tragischer Held nicht der Polizist, sondern der Verbrecher ist. Viele Verbrechen junger Menschen, auch ökonomisch gefärbte, sind ihrem Sinn nach Protestakte. Daß auch der Verbrecher nicht Urfreiheit hat, sondern im Rahmen spielt, zeigt sich, wo er zur Macht gelangt. Da versteht er sich gut mit dem Staat. Es gibt nur eine Freiheit, die dem Schach bieten kann, die des Dichters, der daher auch keinen Platz im platonischen Staat findet.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 521

„Nietzsche sieht weit in das Kommende. Er gehört nicht mehr zu den klassischen Philosophen; die denkerische Kraft schlägt unversehens, wie durch eine brüchig gewordene Isolierung, in dichterische um. Die Isolierung ist impressionistisch: »Abgerechnet nämlich, daß ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz« (»Ecce homo«). Den Eintritt in die Dichtung darf man auch so auslegen, daß der Gedanke nicht mehr genügt. Nietzsche sagt einmal, daß, wo er noch gehe, bald niemand mehr werde gehen können; später, in Turin, hätte er sagen können: wo ich jetzt gehe, ging niemand mir voraus. Dort ist sichtbarer Überfluß, sind Midas und Danae.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 525

„Der Mechanismus des Unterganges wird verschieden gesehen – es ist viel Temperamentssache dabei. Die Neptunisten haben andere Vorstellungen als die Plutonisten; im Ergebnis ist kein großer Unterschied. Die Unterhöhlung, etwa durch Auslaugung oder Auswaschung, kann lange unbemerkt bleiben. Wenn sie genug gewirkt hat, kommt es zum Einsturz, zur Katastrophe von tektonischer Gewalt. Nun sucht man die Schuldigen und hält sich an Strohmänner.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 525

„Die Untergangsvorstellungen anläßlich des Erscheinens des Halleyschen Kometen, 1910 .... Der Schock, den zwei Jahre später der Untergang der »Titanic« hervorrief .... Um diese Zeit muß Spengler den Satz konzipiert haben: »Der Untergang des Abendlandes ist nichts Geringeres als das Problem der Zivilisation.« Seitdem hat sich die Bedrohung durch die technische Katastrophe immer enger dem Bewußtsein der Völker und der Einzelnen verknüpft. Ununterbrochen ist die Zahl der Opfer angewachsen, die so gebracht werden. Auch kollektive Vorgänge wie Kriege, Bürgerkriege und Großexperimente nehmen die Form der technischen Katastrophen an. Da liegt es nahe, daß auch der Weltuntergang in dieser Form begriffen wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 525-526

„Die grauenvollste Aussicht ist die der Technokratie, einer kontrollierten Herrschaft, die durch verstümmelte und verstümmelnde Geister ausgeübt wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 528

„Je beschränkter, je mehr durch die bloße Ziffer geblendet ein Geist ist, desto sinnloser muß die Katastrophe ihm vorkommen. Die Katastrophe hat aber ihren Platz und ihre Aufgabe in der Welt. Sie ist nicht nur ein Zeichen dafür, daß die Ordnung gestört ist, sondern auch dafür, daß sie sich wiederherstellen will. Wir dürfen annehmen, daß es immer einen Ort gibt, von dem aus gesehen sie im Plan liegt, selbst wenn es sich um Ausbrüche in einer unvorstellbaren Größenordnung handelt, einer Supernova etwa.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 531

„Hinsichtlich des Schicksals des Menschen speziell, als eines staatenbildendenGeschöpfes, eines politischen Wesens, sind verschiedene Prognosen möglich, darunter folgende: 1. Es kommt zu großen Zerstörungen. Die Maschine wird zerschlagen oder gerät ins Stocken, sei es durch Kriege oder auf andere Art. Es fehlt an Mitteln, vielleicht auch an der Neigung, sie wieder aufzubauen. Der Schleier der Maja hat sich bewegt. Stark verminderte Populationen mit neuen Ideen und andersartiger Ökonomie erscheinen als nachsintflutliches Geschlecht. Sie sind kräftiger, naturhafter, denn die Ausmerzung hat gerade jene Gebiete betroffen, die der homo faber in seinen schärfsten Ausprägungen besiedelte. Er hat sich, wie es sich in der Naturgeschichte oftmals wiederholte, durch hypertrophe Bewaffnung ad absurdum geführt. Diese Aussicht ist am unwahrscheinlichsten. 2. Welteinheit wird durch Verträge konstituiert, sei es durch friedliche Vereinbarung, sei es unter Zwang oder durch beide zugleich. Das setzt ein oberstes Gremium voraus. Es könnte erreicht werden: a) Durch Rationalisierung in Form von Zusammenlegung: Die Staaten verzichten auf Teile ihrer Souveränität. Diese werden zugunsten der Gesellschaft, der societas humana, abgebaut. Die Armeen werden zu Polizeikräften, die Großkampfmittel zum Weltregal. Sie liegen, ähnlich wie das Gold, im Depot, ohne de facto zu erscheinen, und garantieren die Ordnung existentiell. Die Konkurrenz erlischt sowohl auf dem Gebiete des Krieges als auch auf dem der Ökonomie. Formen und Mittel werden perfekt, die Staatspläne durch Erd- und kosmische Pläne ersetzt. b) Durch einen dritten Weltkrieg ohne umfassende Folgen, wie sie oben erwähnt wurden. Eine Macht bleibt im Besitze der Souveränität und der entsprechenden Ausstattung. Sie gibt nach Ermessen Teile davon ab. Sie müßte Staat bleiben. Im Ersten Weltkrieg wurden die Monarchien ausgeschieden, im Zweiten die Nationalstaaten, im dritten bliebe einer der kontinentalen Großräume intakt. Die so gewonnene Ordnung wäre schwächer als die durch Evolution erreichte, das Risiko enorm. c) Durch Überanstrengung. Gesteigerte Rotation und innere Schwächung wirken derart zusammen, daß Teile der Maschinerie verschleißen oder in die Luft fliegen. Pressionen, Unterdrückung, Propaganda, Rüstungsaufwand auf Kosten der Lebenshaltung, Drohung, Panik, Unruhen erledigen einen oder mehrere Partner auf kaltem Wege und lassen sie aus der Konkurrenz ausscheiden. Die großen Parolen büßen an Zugkraft ein. Es kommt zu einer mehr oder minder nachdrücklichen pénétration pacifique. Im Grunde hat man ja dasselbe gewollt. Der Sog wirkt von vorne, vom zukünftigen Ergebnis her. Dort liegt die Einheit des Vorganges, nicht in der Verständigung. Nicht die klügste Ideologie ist die beste, sondern jene, die am leichtesten der Erdströmung folgt, mit ihr harmoniert. d) Durch Positionsgewinn. Hier nähert sich der Krieg, wie das Schachspiel, den reinen Intelligenzakten. Der Feldherr erkennt die strategische Überlegenheit an und zieht die Konsequenzen, wie in gewissen Händeln der Renaissance. Die besten Aufstellungen sind tangential, flankierend - prinzipiell gesehen: aus dem System fallend. Sie liegen außerhalb des umkämpften Objekts.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 532-534

„Nicht nur hat jedes Licht seinen Schatten, sondern jeder Schatten hat auch sein Licht. Wir leben in einer Zeit großer Spannungen, aber gemeinsamer Tendenz. Diese Spannungen haben zwar ihre Geschichte, erklären sich aber nicht durch die Geschichte allein, gleichviel ob man sie in ihrer geistigen, politischen oder technischen Entwicklung zurückverfolgt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 534

„Daß etwa Raumfahrt in der Spanne praktisch wird, in der sich der Planet miteiner neuen, einheitlichen Garnitur und ihrer Formensprache ausstattet, gehört nicht nur zu den weltgeschichtlichen, sondern darüber hinaus zu den erdgeschichtlichen Überraschungen. Es ist ein Zeichen der Aufladung. Daher greift die Tatsache, obwohl politisch von hoher Bedeutung, über die Staatengeschichte und ihre Probleme hinaus. Sie betrifft den Menschen an sich als den zur Zeit mächtigsten Sohn der Erde, und nicht ihn allein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 534

„Von einer rationalen Behandlung der Tatsachen dürfen wir uns auf alle Fälle mehr versprechen als von der moralischen. Daß das Moralische sich von selbst verstehe, ist ein gutes Wort. Außerdem liegt das Moralische dichter an den Leidenschaften als die Vernunft. Der Mensch hat zu allen Zeiten ziemlich genau gewußt, was gut und was böse ist, aber durchaus nicht immer das Vernünftige erkannt. Das gilt vor allem dort, wo der Gang der Tatsachen schneller ist als ihre Erfassung und wo eine Überraschung die andere jagt. Wenn der Geist sie als unsinnig empfindet, bekennt er, daß er nicht Schritt gehalten, daß er die Herrschaftverloren hat. Es hat seine Logik, daß hier weder Mühen noch Milliarden gespart werden. Der Wettlauf wird auf größte Entfernungen und um geringsten Zeitgewinn geführt. Die Raumfahrt ist eines der Indizien dafür, daß der Arbeiter in den Herrenstand getreten ist. Sie gehört zu seinen Vergnügungen, wie früher Krieg und Architektur zu denen der Könige.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 534

„Von einer rationalen Behandlung der Tatsachen dürfen wir uns auf alle Fälle mehr versprechen als von der moralischen. Daß das Moralische sich von selbst verstehe, ist ein gutes Wort. Außerdem liegt das Moralische dichter an den Leidenschaften als die Vernunft. Der Mensch hat zu allen Zeiten ziemlich genau gewußt, was gut und was böse ist, aber durchaus nicht immer das Vernünftige erkannt. Das gilt vor allem dort, wo der Gang der Tatsachen schneller ist als ihre Erfassung und wo eine Überraschung die andere jagt. Wenn der Geist sie als unsinnig empfindet, bekennt er, daß er nicht Schritt gehalten, daß er die Herrschaft verloren hat. Das bedeutet nicht, daß die Tatsachen nicht auch ihr Ziel haben. Daher werden sie auch heute unterhalb der Konflikte, unterhalb der moralischen Erwägung und der Panik vom Menschen bejaht. Sie sind objektivierter Geist, und daher genießen sie mehr oder minder verborgene Sanktion.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 536-537

„Daß die Mittel zu stark geworden seien, ist ein Halbzeiturteil; sie immer mächtiger zu machen, ist offensichtlich die Welttendenz. Der Energiehunger ist heute stärker als jeder andere. Angesichts dieses Schauspiels erhebt sich die Frage, ob es seiner Konsequenz und innersten Absicht nach zur Explosion führen soll, oder ob es in sich Genüge finden wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 537

„Begrenzung kann sich erst ergeben, wenn die Gestalt des Arbeiters den Rahmen, den die Welt bietet, ohne Hohlraum ausfüllt, das heißt: zur Weltherrschaft gekommen ist. Dem entspricht eine auch heute noch unvorstellbare Energiefülle, die umein Zentrum geordnet ist. Die Mittel verlieren ihren unheilvollen Glanz nicht etwa dadurch, daß ihre friedliche Kapazität entwickelt, herausgezüchtet wird, sonderndadurch, daß sie in ihrer Gesamtpotenz den legitimen Souverän gefunden haben, auf den sie angelegt gewesen sind. Damit erfahren sie zugleich in ihrem energetischen Charakter eine Änderung. Sie können gehegt werden.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 537

„Die Welt wird von Uhren erfüllt, wird selbst zum Uhrwerk; die Zeit wird kostbarer und unerträglicher. All diese Uhren zählen und messen, aber sie sind auch, wie die Furcht vermutet, auf eine Stunde gestellt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 539

„Die Technik ist in diesem Sinne Umstand, Kulisse, ist, nach dem Ausdruck von Martin Heidegger, Gestell. Ihre ökonomische, lokomotorische und ihre Machtseite ist ohne innere Bedeutung für den Menschen; ihre eigentliche Aufgabe ist einweisend und hinleitend. Dazu rechnet auch die Zerstörung, die man ihr vorwirft, die Verflachung, das Entleerende. Es hängt eng mit der Monotonie zusammen, jedoch im Sinne einer Umgruppierung, eines Schwundes, dem nachzuforschen ist. Der Raum wird ohne Zweifel leerer, unfreundlicher – zugleich verstärkt sich das Pochen an der Tür.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 539

„Bei dieser Umgruppierung ist zu unterscheiden zwischen einer bloßen Verschiebung des Gleichgewichtes und absolutem Wertverlust. Wenn die Individuen unter dem Zwang der Monotonie zugunsten von Kollektiven Substanz abgeben, so bleibt das eine Gleichgewichtsverschiebung innerhalb eines größeren Systems. Es gehört zur Uniformierung und Typisierung, die mit der Monotonie verbunden ist, zur ersten Phase des Arbeiters, zu seinem Austritt aus der bürgerlichen Welt. Der Verdacht, daß sich das nicht auszahlt, daß damit ein Verlust verschleiert wird, ist ebenso berechtigt wie allgemein. Wäre dem anders, so müßte nicht nur ein Macht-, sondern auch ein Wertgewinn des Kollektivums festzustellen sein. Es müßten also Dichter, Theologen, Philosophen innerhalb des Kollektivums auftreten, und zwar nicht als Nachzügler oder Propheten, sondern als seine gewachsenen Organe und Fürsprecher. Das ist aber nicht der Fall. Was als Ersatz geboten wird, kann nicht überzeugen; es hält weder dem historischen Vergleich noch einem unausrottbaren Bedürfnis stand. Der Hunger nach Substanz ist zwingender und weniger einfach zu befriedigen als der nach Brot. Was der »höhere Mensch« zubieten hat, genügt nicht – ein ander Ding ist, daß es im Zuge der Bewegung nicht genügen kann und, was wichtiger ist, nicht genügen darf. Das gäbe nutzlosen Aufenthalt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 539-540

„Der Schwund, bis zum Überdruß als Nihilismus gesehen, bezeichnet und beschrieben, ist also durchgehend. Er betrifft nicht nur die Individuen, sondern auch ihre Konfigurationen und Bildungen. Unbestreitbar und nicht zu übersehen ist nur der technische Gewinn. In ihm verbergen sich andere Gefahren als die grob auf der Hand liegenden – so etwa die, daß der metaphysische Hunger in der Tat abstürbe und mit ihm die enge Verknüpfung von Glück und Freiheit, die heute noch unabdingbar scheint. Der »Letzte Mensch« würde dann als intelligenter Insektentypus die Welt bevölkern; seine Bauten und Kunstwerke würden Perfektion gewinnen, als Ziel des Fortschrittes und der Evolution, auf Kosten der Freiheit; sie würden wie Falterflügel oder Muschelschalen in großer, aber unfreier Pracht aus dem technischen Kollektiv hervorwachsen, vielleicht für Jahrtausende. Auch die Kunst würde sich von der Freiheit ablösen, könnte technisch produziert werden. Diese Absicht kündet sich unverkennbar in einer der Sprossen, der Augentriebe unseres Stammbaums an.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 540

„Dem Tief, das sich durch wachsende Depression ankündet, kann man nicht ausweichen, weder tatsächlich noch moralisch noch intellektuell – gleichviel ob es sichum die persönliche Katastrophe handelt oder um die kosmische, den Weltuntergang. Nur so lassen sich beide bestehen. Der Weg führt über den Nullpunkt hinweg, führt über die Linie, über die Zeitmauer und durch sie hindurch.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 545

„In der Krisis schwinden die Dimensionen; auch das ist Augentrug. Die Todesnähe verändert Zeit und Raum.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 545

„Es bleibt die Vermutung, daß andere Größen einspielen, etwa astronomische. Dabei sei wieder auf die Astrologie verwiesen, nicht etwa deshalb, weil diese Lehre buchstäblich genommen wird, sondern weil sie solche Größen zugleich praktisch messend und unter Beziehung auf metaphysische Qualitäten anwendet. Damit gibt sie nicht ein Verfahren, aber das Modell eines Verfahrens, das sowohl unserer historischen als auch unserer naturwissenschaftlichen Methodik überlegen ist, ja dessen Synoptik ihnen auf verhängnisvolle Weise fehlt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 546

„Die nunmehr zu stellende Frage ist die, ob der Einschnitt zwei geologischeAbschnitte trennt und ob eine in diesem Sinne neue Epoche mit ihren Mustern auf uns übergreift.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 546

„Nach entsprechenden Anzeichen wurde früher, als noch eine ausgeprägte Mantik bestand, schärfer Ausschau gehalten. Man bemühte sich, jede Veränderung, und vor allem solche, die am Himmel beobachtet wurden, im Zusammenhang zu sehen. Hierfür ist der Blick immer mehr verlorengegangen. Auch in der Naturwissenschaft weichen Theorien von harmonischem Charakter solchen von mechanistischer Rasanz. Daher kommt es, daß großartige Zusammenfassungen wie Humboldts »Kosmos« nicht mehr möglich sind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 546

„Es ist anzunehmen, daß das Leben selbst auf Extreme noch eine Antwort, noch Reserven hat. Wir finden es in den Wüsten, in kochenden Quellen, an Eisrändern (und sogar in der Erdkruste! HB). Natürlich könnte auch die Vernichtung seiner organischen Formen das Leben nicht beeinträchtigen. Das Universum lebt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 548

„Wenn wir, um im Bereiche der Messung ein Beispiel zu wählen, uns der des Eises zuwenden, so gibt es zwei Hypothesen: Die Masse des als Eis auf dem Planeten gebundenen Wassers kann quasi konstant bleiben, oder es lassen sich Veränderungen beobachten. Veränderungen sind wiederum nach zwei Richtungen hin möglich: Die Vereisung kann, grob gesprochen, zu- oder abnehmen. Wenn wir der Wissenschaft, die sich mit der Messung der Meerestiefen, der Gletscher und Poleismassen beschäftigt, glauben wollen, und es besteht kein Grund, an ihr zu zweifeln, so sind Anzeichen einer Abschmelzung zu beobachten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 550

„In der Tat sind die Anthropologen der Meinung, daß wir ohne die großen Winter nicht da stünden, wo wir stehen. Sie vermuten, daß gerade die Eiszeit eine entscheidende Rolle spielt in dem Prozeß, den sie die »Hominisation« nennen. Sie wäre also, wenn wir progressiv, und vor allem, wenn wir dynamisch werten, ein Glücksfall für uns. Freilich erhebt sich hier sogleich die Frage: »Was ist Glück?« Die Wanderung einer reichen Flora in Richtung auf den Äquator läßt sich als Ausdruck einer großen Veränderung deuten, die man als Glücksverschiebung bezeichnen kann. Damals muß in den Keimen ein Prozeß begonnen haben, der bis in unsere Tage fortläuft: Umwandlung des Glückes in Aktion. Wahrscheinlich läßt sich das auch an den Schädeln ablesen. Aber wir suchen anderes in diesem Mosaik, das wir aus Scherben zusammensetzen, und unser Blick ist uns willfährig. Das Eis war einer unserer großen Lehrmeister, wie es der Winter noch heute ist. Er hat unseren ökonomischen, technischen, moralischen Stil bestimmt. Er hat den Willen gestählt, uns denken gelehrt. Wahrscheinlich gehören die Zeiten, seit denen es auf unserem Planeten Eis gibt, und jene, seit denen hier in unserem Sinn gedacht wird, demselben Weltstil an. Er mag eine Minute des Weltjahrs ausfüllen. Wo heute das Eis in Bergen ansteht, grünten vor kurzem subtropische Wälder, und warum soll nicht, noch ein wenig früher, die Victoria regia dort geblüht haben, die vielleicht wiederum, weil es ihr auf der Welt zu kühl wird, entschwindet in den platonischen Raum.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 551-552

„Der menschliche Plan wirkt in den Schöpfungsplan hinein. In diesem Wirken erreicht er zugleich die Grenze und die Höhe des Bewußtseins, auf der das Wissen der Verehrung weicht. So leuchtet das Gewebe der Kulturen, schimmern die Städte: sie bilden den Weltenteppich nach.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 552-553

„Das Hineinwirken des menschlichen Planes ist eigentlich ein Hinauswirken; es ist ein Mit- und Gegenspiel, in dem auch das gewaltige Schauspiel der Freiheit sich ausdrückt, das Hegel auf geniale Weise durchdrungen hat. Diese Freiheit beruht auf der Vorgabe eines mächtigen Schachspielers: er verzichtet auf die stärkste Figur.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 553

„Wenn der Staatsplan in den Weltplan hinauswirkt und, wie wir es jetzt erleben,sprunghaft die Grenzen des Geschichtsfeldes und der dort erlernten Regeln überschreitet, so führt er in einen neuen Limbus der Harmonie und erfährt dort seine Ausrichtung. Er zahlt auch Eingangszoll. Während der menschliche Plan begrenzt ist, ist der Weltplan grenzenlos; er ist immer und überall. Das bedeutet, daß er auch innerhalb der Menschenpläne und ihrer Wissenschaft wirkt. Das ist ein verborgener Anteil der Pläne, der sich der Planung entzieht. Der Mensch treibt und erfindet Dinge, deren Bedeutung sich ihm versteckt. Die Alten pflegten das einfacher auszudrücken: »Der Mensch denkt und Gott lenkt.« Man braucht indessen die Theologie noch nicht zu bemühen, wenn man feststellt, daß in jedem Plan ein Regulativ verborgen ist, ein Anteil an jener Weltvernunft, die gerade das Unerwartete, ja das Absurde zu bevorzugen scheint, den Ausgang, den keine Phantasie sich erträumt hätte – indem sie etwa bei einemTier, das das Wasser verläßt, die Kiemen nicht, wie der Verstand der Verständigenes täte, zu Lungen, sondern zu ganz anderer Verwendung umbildet. Hierher gehört, was man als das Kentern, aber auch, was man als die Metamorphose des Planes überall und in unserem Zeitalter im besonderen beobachtet. Es ist zu unterscheiden zwischen dem Ziel und der Absicht des Planes; das Ziel kann in ganz anderer Richtung und auch Entfernung liegen, als der planende Geist beabsichtigte. Auch wir verlassen ein Element. Wir werden Organe einbüßen, andere werden sich umbilden. Das Kleid der Erde ändert sich. Daß eine Harmonie gestört und eine neue noch nicht gewonnen ist, verrät sich auch in der antaiischen Beängstigung. Die Gefahren wachsen; es wächst aber auch Sicherheit zu. Sie kann nur jenem Potential entspringen, das sich als unsichtbarer Anteil des Weltplans im Menschenplan verbirgt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 553-554

„Der faustische Plan zerstört in seinem Fortschreiten die Hütte von Philemon und Baucismit den Linden davor. Diese Vernichtung ist hinreichend beschrieben, beklagt, als unvermeidlich erkannt worden. Wir wissen heute, wie es schon Goethe wußte, daß auch Philemons Rat sie nicht aufhalten kann: »Laßt uns läuten, knieen, beten // Und dem alten Gott vertraun.« Fausts Mißbehagen an der Hütte ist nicht nur rational, es ist spezifisch, ihn verdrießt die alte Art. Mephisto als sein Gehilfe vernichtet sie. Fausts Absicht ist, anstelle der alten Linden eine Warte zu errichten, »um ins Unendliche zu schaun«.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 555-556

„Die antaiische Unruhe hat weniger mit dem Verlust an historischem Bestand zu tun als mit Veränderungen, die den faustischen Plan selbst bedrohen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 556

„Wenn in einem unermeßlichen Waldgebiet wie dem des Amazonas kahle Stellen erscheinen, auf denen einige Hütten Platz finden, so ist das für den großen Haushalt bedeutungslos. Eine einzige Insektenart kann tiefer eingreifen. Wenn diese Flecke sich aber ineiner Weise ausbreiten, die den Wald verschwinden läßt, so hat die Axt, haben Werkzeuge das Bild der Oberfläche bestimmt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 558

„Jenseits der Linie, jenseits der Zeitmauer kann als Freiheit empfunden werden, was heute als Zwang geduldet wird, und umgekehrt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 563

„Es erübrigt sich, die Symptome der antaiischen Unruhe und ihre Objekte im einzelnen aufzuführen; Bibliotheken darüber entstehen, und die Zeitungen sind davon erfüllt. Der Mensch fühlt sich unsicher auf der alten Erde; er traut den klassischen Elementen nicht mehr. Erde, Wasser und Luft werden verdächtig, das Feuer wirdfürchterlich. Es ist ein guter ... Gedanke, daß sich hinter der rastlos gesteigerten Beschleunigung, der Erfindung immer schnellerer Maschinen, eine Fluchttendenz verbirgt. Man könnte hinzufügen, daßdiese Tendenz ein fünftes Element, den Äther, sucht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 565

„Die Errichtung des ersten Blitzableiters, 1752, ist, wie gesagt, als wichtiges Ereignis anzusehen. Es ist nicht nur weltgeschichtlicher, sondern auch erdgeschichtlicher Natur. Die Kontroversen darüber sind vergessen; die Errichtung würde aber, auch wenn man sie als theologisches Datum wertet, nicht viel früher denkbar gewesen sein. Mythologisch gesehen, ist sie ein erstes Signal des titanischen Aufstandes, ein neues Aufbegehren der Urmutter gegen den Allvater. Warum die Erde sich zu diesem Aufstand der Intelligenz ihres mächtigen Sohnes bedient, dürfte im Vorausgeschickten hinreichend deutlich geworden sein. Sie ruft den historischen Menschen, weil diese Wandlung in jenen Abschnitt der Erdgeschichte fällt, die der Mensch als Weltgeschichte zu bezeichnen pflegt. Sie ruft aber nicht ihn allein. Architektonisch gesehen, hat der Blitzableiter am Bild unserer Städte wenig geändert; er ist kaum wahrnehmbar, obwohl sein symbolischer Rang von nun an den der alten Türme und Mauern übertrifft. Ein wenig später werden die Stadtmauern geschleift. Eine neue Großmacht pflanzt ihre Zeichen auf. Ein dynamisches Alter beginnt. Das unscheinbare Eintreten der Elektrizität und ihrer praktischen Verwendungsteht in merkwürdigem Gegensatz zu dem der Dampfkraft, deren umwälzender Charakter sogleich bemerkt wurde. Ihm schlossen sich nicht nur starke Umschichtungen in der ökonomischen und sozialen Welt, sondern auch politische Theorien und Fakten an. In diese Betrachtung der Dampfkraft kann man die Explosionstechnik einbeziehen. Ein Automobilmotor, ein Maschinengewehr, eine Rakete setzen Urheber voraus, die von der Dampfmaschine bereits einen Begriff hatten als von einern notwendigen Vorstufe. Den großen Industrierevieren, die in der Nähe der Kohlen- und Erzlager im Laufe eines Jahrhunderts aufschossen, haftet ein brutal titanischer Charakter an. Daß hier die Ausbeutung als ein Hauptkennzeichen auftrat, kann nicht wundernehmen; der rücksichtslose Zugriff trifft nicht nur die am Werk Beschäftigten: er ruht in der Anlage. Er erstreckt sich auf die Ausschlachtung der Bodenschätze, die Aussaugung der Landschaft durch die Dynamisierung ihrer Kräfte, und neue Formen der Konkurrenz. Die Anlage ist nicht nur häßlich, sondern häßlich sind auch die Theorien, die in ihrem Umkreis entstehen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 567-568

„Wir besitzen kein spezielles Sinnesorgan für elektrische Wahrnehmungen oder gar Sendungen. Die Natur war bei der Ausstattung der Geschöpfe in dieser Hinsicht überhaupt zurückhaltend, obwohl die Elektrizität im mikro- und makrokosmischen Haushalt eine Hauptrolle spielt. Als ein erstaunliches, nicht fortgeführtes, vielleicht in Reserve gehaltenes Experiment darf man die elektrische Ausrüstung gewisser Fische auffassen. Es wären Welten denkbar, die auf solchen Organismen aufbauen, sie auch vergeistigen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 569-570

„Während die Dampfmaschine und, ihr folgend, der Motor in jenen Teil der menschlichen und tierischen Tätigkeit eintreten, der den Muskeln vorbehalten war, offenbart sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zwingender die Verwandtschaft der elektrischen Einrichtung mit den Nervenbahnen und Sinnesorganen, mit der feineren organischen Ausstattung. Das fällt in der Form und Anlage der Apparaturen nicht minder auf als im Unterschied der ihnen zugewiesenen Aufgaben. Hier werden Last und Weg mit immer größerer Macht, in immer kürzerer Frist bezwungen, es wird verrichtet, was Hand und Fuß zu leisten hatten und mit ihnen die einfachen Werkzeuge. Dort ist die Technik auf feinere Übermittlung und Wahrnehmung gestimmt. Die Apparate ahmen Augen, Ohren, Kehlköpfe nach. Sie senden Signale, Worte, Bilder, Farben auf astronomische Entfernungen. Sie machen die Materie in ihren feinsten Strukturen wirkend und rezeptiv. Hier wird die Muskelkraft, dort werden die Sinnesorgane bei weitem überflügelt, und zwar auf eine Weise, die ein gemeinsames Wachstum verrät, als ob den Muskelmassen sich Nerven anlegten. Daher wächst auch, wo die Mechanik in einen höheren Rang tritt, der Anteil der elektrischen Ausstattung. Sie führt zu einem Raffinement, zu einer Vergeistigung innerhalb der technischen Welt sowohl in ihren liliputanischen wie in ihren titanischen Bildungen, im unsichtbaren wie im sichtbaren Bereich.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 572-573

„Würden wir, ähnlich den Lichtaugen, Augen für die Wahrnehmung elektrischer Ströme und Felder besitzen, so würde uns die große Verwandlung unmittelbar sichtbar sein. Daß unsere Städte zu Lichtburgen werden, ist nur ein Abglanz, eine Abzweigung davon. Wir würden sehen, daß die Erdhülle nach kurzer Dämmerung leuchtend geworden ist. Wir würden unter dieser Aura ein glühendes Netz sehen und überall webende und rotierende Bewegungen. Ihr Schimmer würde durchbrochen werden durch die Emanationen einer Unzahl von Vulkanen, die, besonders von den gemäßigten Gürteln des Planeten, einen immer stärkeren Glanz, eine blendende Kraftflut aussendeten. Es würde greifbar, daß hier mehr als Weltgeschichtliches, daß Erdgeschichtliches vor sich geht und das Geschichtsbild übergreift.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 576

„Daß der Mensch sich als historisches Wesen und aus seinem historischen Wesenhinaus verändert, ist evident. Daher können die aus historischer Erfahrung gewonnenen Begriffe und Verhaltungsweisen nicht oder nur auf Sektoren ausreichen. Der alte Satz, daß der Mensch das Maß aller Dinge sei, wird fragwürdig. Er war es übrigens seit Anbeginn.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 579

„Es rückt nun die Frage näher, ob nicht auch in dieser Hinsicht ein Einschnitt erlitten wird und ob, indem der Mensch sein historisches Wesen verläßt oder aus ihm hinausgepreßt wird, mehr auf dem Spiel steht als diese seine historische und selbst seine prähistorische Form – ob also die Veränderung ihn darüber hinaus als biologisches Wesen betrifft. Die Frage rückt nicht nur näher, sie ist auch bereits mehr oder minder in das Bewußtsein und damit in meßbare Bereiche eingetreten; sie ist aktuell. In dieser Hinsicht nimmt die antaiische Beunruhigung anthropologischen Charakter an. “
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 579

„Es wiederholt sich auch das tragische Bild des Aussterbens der Zeugen versinkender Zeitalter. Dieses Aussterben hat von jeher ökonomische Züge getragen, es folgt einer neuen Bewirtschaftung des Erdhaushaltes. Das ist die sichtbare Seite, auf der sich die Ausrottung vollzieht. Man kann sich schwer vorstellen, wie die mächtigen Saurier bezwungen wurden; es mußten wohl Erdkräfte mitwirken. Die andere Seite ist die der Dekadenz, des Alterstodes; ein Blatt der Geologie ist abgeschlossen, die Erde fordert ihre Geschöpfe wieder ein. Das rührt uns, wie bei der Betrachtung eines Elefanten, unmittelbar als Trauer an. Neuartig ist das Bestreben, die Lebensdauer dieser Zeugen zu verlängern, sei es in Gärten oder Territorien. Das kann nur ein Aufschub sein. Ihr Ende ließe sich verzögern, wenn es gelänge, ihnen Urzeit zuzuweisen, indem man sie auf unberührte Gründe übersiedelte, wie sie etwa das Amazonasbecken noch darbietet. Hier wäre Spielraum für gewaltige Tierherden.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 584

„Wenn wir den Übergang der Lebensformen aus dem stationären Zustand in dieBewegung als klimatische Erscheinung und im Zusammenhang mit einemKlimawechsel betrachten, so besagt das nichts über die Länge und Dauer der Fahrt.Es handelt sich zunächst um eine Änderung des Fahrplanes.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 588

„Die Auffassung über die Art und Reihenfolge, in der sich die Passagiere ablösen,kann davon unberührt bleiben. Dem entspricht, daß Darwins Theorie auch heutenoch im wesentlichen als unerschüttert gilt. Ebenso unerschüttert bleibt die bereits von Schopenhauer an ihr vollzogene metaphysische Kritik.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 588

„Die Verfeinerung von Darwins Anschauung, der Einbau von neuen Elementen in ihr Gerüst, betrifft im wesentlichen nicht den Stammbaum als solchen, sondern seine Verzweigung und ihren Periodus. Hier wirkt offenbar ein ähnlicher Wechsel der Auffassung wie jener, der Spenglers Geschichtsbild zugrunde liegt. Er betrifft weniger die Inhalte als den Wandel ihrer Abläufe. Hier wie dort fällt die Anwendung von Vergleichen auf, die dem vegetativen Leben entnommen sind. Die Pflanze folgt sichtbarer den kosmischen Bewegungen, hat feinere Organe für ihre Abläufe als Mensch und Tier. Fechner hat das vorzüglich beobachtet.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 588

„Daß dieser Wechsel der Anschauung sich alten Universaltheorien zu nähern scheint, geschichtsphilosophisch Herderschen, zoologisch Cuvierschen Auffassungen, ist nicht als Rücklauf zu betrachten, sondern gehört zu den Erscheinungen des Spiralganges, der das Fortschreiten des menschlichen Denkens kennzeichnet. Die großen Ideen wiederholen sich in stets erneuter Abwandlung und folgen damit einem Grundprinzip der organischen Bildung überhaupt, wie denn auch Einzelorgane, etwa Flossen und Flügel, aus den verschiedensten Stämmen immer wieder hervortreiben.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 588

„In diesem Sinne lassen sich neue Erwägungen an Cuviers Katastrophentheorieanknüpfen. Die Lehre hat demiurgische Züge; der Weltbaumeister reißt hin und wieder sein Gebäude ein und errichtet es in einer neuen Stilart unter Anwendung anderer Prinzipien. Ähnlich verfährt schon Jehova im Alten Testament. Ererwägt immer wieder, ob er den Menschen nicht ausrotten soll.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 588-589

„Aus Gründen, die noch erörtert werden, versperrt sich indessen dem Denkenund auch dem Glauben das Wort »Schöpfung« immer offensichtlicher. Das ist eine paradoxe, aber nicht zu leugnende Entwicklung eines Wesens von wachsenderIntelligenz und einer ausgeprägten Vorliebe für planmäßige Anlagen. Man darf ihmindessen eher von Genen sprechen als von Genesis. Es zeigt sich weit eher bereit,einen Ursprung anzunehmen als einen Schöpfungsakt. Im Grunde bleibt das ein Streit um Worte, um Perspektiven, die sich aber in gewaltigen Verzweigungenrealisieren, wie in denen der Weltreligionen und ihrer Verschiedenheit.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 589

„Wenn Heberer, unsere Kapazität auf dem Gebiete der Hominisation, sagt, daß sich »etwa seit dem Mesolithikum eine Veränderung in der Kausalität der Phylogenie der Hominiden abzuzeichnen beginnt«, und sie darauf zurückführt, daß der Mensch immer entschiedener in seine eigene Evolution eingreift und ihr die Ziele setzt, so ist das eine treffende Beobachtung an der Grenze paläontologischer, anthropologischer und historischer Disziplinen, die zu einer neuen Wissenschaft einschmelzen. Und offenbar ist der Prozeß der Hominisation nicht abgeschlossen, sondern gerade jetzt in eine Krisis eingetreten, in der Geschichte und Naturgeschichte, Welt- und Erdhistorie, Freiheit und Determination in Kollision kommen. Der Strom beschleunigt sich, und unerwartete Figuren, auch »Ungeheuer der Tiefe«, tauchen auf.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 590-591

„An den Weltkriegen ist ... nicht der Umfang das Novum, sondern die Qualität, die sie zu Operationen der Erdbevölkerung macht und uns damit vor die Frage stellt, ob sie rechtlich, politisch, ethisch überhaupt noch als Kriege im alten Sinne aufzufassen sind. Wäre die Qualitätsveränderung nicht, sondern nur die des Umfanges, so würden solche Fragen nicht einmal auftauchen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 599

„Der Anspruch auf den Vater geht den Ansprüchen an den Vater voraus. Dieser Anspruch bestand nicht nur dem Recht, sondern auch der Natur nach; die Stoiker haben das gut zum Ausdruck gebracht, indem sie sagten, daß die Natur verpflichtet sei, uns einen Vater zu geben – ob einen guten oder schlechten, das gehe bereits über ihre Verpflichtung und unsere Ansprüche hinaus. Im vorliegenden Falle geht es weder um einen guten noch um einen schlechten, weder um einen legitimen noch um einen illegitimen, sondern um den Vater und seine Zeugung überhaupt. Daher können auch weder moralische noch juristische Erwägungen das Novum befriedigend angreifen. Der Entscheidung bietet sich keine neue Moral- oder Rechts-, sondern eine neue Menschenkategorie dar, ein neuer Stand, dessen Entwicklung problematisch ist. Sie kann aber auch nicht auf diesen Stand beschränkt bleiben. Sein Erscheinen gehört vielmehr zu den sichtbaren Zeichen dafür, daß der Mensch als solcher in eine neue Phase eintritt, in eine Phase, in der nicht nur sein Recht, sondern auch seine Natur sich ändert und in der auch der Anspruch auf den Vater nicht mehr zu seinen natürlichen Voraussetzungen gehört – sei es, daß er sich seiner im Rahmen des Planes und seiner Willensfreiheit entäußert, sei es, daß zwingende Gesetze mitwirken.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 601-602

„Was die Praxis ergibt und was durch sie gewollt wird, kann sich erst nach Generationen herausstellen. Vorläufig darf man sagen, daß sie sich im Zwischenfeld, an der Zeitmauer, bewegt und daß sie reich an unkontrollierbaren und undefinierbaren Zügen ist. Wie bei den Eisbergen überwiegt der unsichtbare Anteil bei weitem den sichtbaren.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 602

„Das genetische Experiment, auf den Menschen bezogen, beansprucht große Zeiträume. Das hat seine Vor- und Nachteile. Zu den Nachteilen gehört, daß Unübersehbares in die Wege geleitet wird und daß es nicht rückgängig gemachtwerden kann, wie etwa beim Tierversuch, wobei allerdings vorauszusetzen ist, daßdas wissenschaftliche Denken nicht völlig triumphiert. Ein Vorteil ist, daß rasanteVeränderungen der Individuen und der Gesellschaft auf diesem Wege ausgeschlossen sind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 604

„Daß das Experiment verhindert wird, ist zwar nicht möglich, aber vorstellbar. Die Kirche sieht hier mit Recht eine ihrer Aufgaben, wie denn überhaupt ihr Schicksal davon abhängt, inwieweit sie sich von den Ergebnissen der Wissenschaftimponieren läßt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 604

„Es handelt sich aber bei der Diskussion über das Experiment nur umSpitzenbegegnungen. Im Hintergrunde wirkt, unfaßbar und ungesondert, nichtetwa das experimentelle Denken, sondern die proteushafte Macht, die dieses Denken bewegt. Daher sehen wir die Diskussion um das Experiment nicht nur auf diesem einen, sondern auf vielen und wechselnden Gebieten entbrannt. Sie füllt einen Teil der Tagespolemik aus. Hierin liegt der Grund dafür, daß zahlreiche undverständige Verbote erlassen werden und daß sie am Schube nichts ausrichten, ihnoft noch beschleunigen. Er liegt darin, daß das Experiment und die mit ihm verbundene spezielle Intelligenz bei der Entstehung der neuen Welt nur Hilfestellungleisten, nicht unmittelbar hervorbringen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 604

„Das heißt, daß diese Intelligenzform Merkmal einer Speziesänderung ist, nichtaber ihre Ursache. Sie ist ein zoologisches Kennzeichen, ist im Grunde unfrei und muß, wo sie herrschend wird, sei es als Technokratie, sei es als »biologischeWeltanschauung«, ihrer Natur nach als Widersacherin der Freiheit auftreten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 604

„Das gilt natürlich nicht für die Vernunft, für den menschlichen Geist und seine Residenz in den obersten Stockwerken. Sonst würde auch die Kritik unmöglich sein. An ihm liegt es, auf Rangordnungzu halten, sie wiederherzustellen und zu vertiefen, wo es nottut, und dieser eminenten und notwendigen Bewegung einen Sinn zu geben, der sie über die bloße Tatsache der zoologischen, technischen und dämonischen Veränderung erhöht. Ohne Zweifel wird das geschehen. Dafür ist eine hinreichende Lagebeurteilung,die sich nicht unnötig bei den Symptomen aufhält, die erste Voraussetzung.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 604-605

„Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Veränderung auf das Experiment und die mit ihm operierende spezifische Intelligenz nicht angewiesen ist. Diese ist vielmehr eines ihrer zahlreichen Kennzeichen. Die verändernde Macht kann unter, mit oder über der Intelligenz angreifen. Offenbar aber geht sie, wie der Strom durch einen Transformator, durch sie hindurch. Es sei hier an das erinnert, was über die antaiische und insbesondere über die atmosphärische Unruhe gesagt wurde.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 605

„Hinsichtlich des Punktes, an dem unsere Untersuchung sich befindet, heißt das, daß sich der Mensch auch unabhängig vom genetischen Experiment verändern wird. Es wäre müßig, Einflüsse der Umwelt, wie sie soziologisch als Milieu, faunistisch als Biotop, kulturhistorisch als Stil bezeichnet werden, zur Erklärung heranzuziehen. Das alles gehört dazu, mit seiner Technik, seiner Ökonomie. Mit dem, was die Astrologen als den Eintritt in ein Neues Haus bezeichnen, verändert sich auch die Einrichtung.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 605

„Gewiß wird das hier früher, dort später offenbar. Das läßt sich schon bei Ortswechseln beobachten. In Städten und Landschaften, in denen sich die speziellen Arbeitscharaktere der Perfektion nähern, verändert sich deutlich außer der Lebensform und -führung der Habitus, und zwar nicht nur physiognomisch und charakterologisch, sondern auch auf anthropologisch meßbare Art. Wie etwa im Zuge der Klimaänderung das Abschmelzen der Gletscher meßbar geworden ist, so sind es hier anatomische und morphologische Details, vom Psychologischen ganz abgesehen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 605-606

„Hier wäre nochmals die Frage zu streifen, inwieweit es sich um Erscheinungen der Spätzeit handelt, um weltstädtische Kennzeichen. Der Untergang des römischen Reiches hat ja von jeher als Schulbeispiel gedient. Es gibt allerdings eine Reihe von Merkmalen, die übereinstimmen: Cäsarismus, Bedrohung des Bauernstandes, Latifundienwirtschaft, Sittenverfall, wachsende Konzentration und Unwiderruflichkeit der großen Entscheidungen, hellenistische Kunstwerke und technische Großbauten; das sind Gesichtspunkte. Verändert sich jedoch der Standort des Beobachters um ein Geringes, so eröffnen sich Perspektiven, die durchaus nicht in Spenglers System passen. Hier tauchen nicht weniger zwingende Anzeichen einer Frühzeit auf. Daß Rußland, dessen Stand er dem des Reiches Karls des Großen vergleicht, auszuklammern sei, hat Spengler scharfsichtig bemerkt. Es handelt sich indessen nicht um regionale Unterschiede, sondern um das Auftreten eines neuen Typus, der die Nationen und selbst die Rassen formt. Dem entspricht auch das herrschende Welt- und Lebensgefühl, der wachsende Optimismus des Arbeiters, sein theoretisch so dürftig gestütztes Vertrauen auf seine zeitwendende Macht, das dennoch von Grund auf berechtigt ist und prognostischen Wert besitzt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 606

„Der Frage des Fortschrittes gegenüber nimmt der Metaphysiker eine andere Haltung ein als der Geschichtsphilosoph. Metaphysisch gesehen, bleibt die Potenz des Kosmos ein und dieselbe; kein Vor- oder Rückschreiten, kein Auf- oder Untergang verändert sie. Sein Wert bleibt stets der gleiche; er ruht in sich. Auch die Freiheit ist ewig und unzerstörbar, gleichviel ob sie in der Zeit sichtbar wird oder nicht. Dort wird sie stets hinfällig sein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 608

„Der Geschichtsphilosoph dagegen beschäftigt sich mit einem Reich, in dem die Zeit gerichtet abläuft; er muß die Freiheit auf die Zeit beziehen und auf die Art, inder sie sichtbar wird. Fortschreiten kann für ihn im wesentlichen nur ein Fortschreiten in der Freiheit sein. Das ist die große Evolution, die das rechtliche, politische, ökonomische Fortschreiten fundiert. Der Freiheit folgen Freiheiten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 608

„Es erhebt sich nun die Frage, ob die Beleuchtung von Geschichtsvorgängen an der Zeitmauer, also von außergeschichtlichem Standort aus, die Idee eines solchen Fortschreitens nicht illusorisch macht. Diese Frage berührt einmal das Verhältnis von Schicksal und Freiheit, das immer wieder erwogen wurde in der Kontroverse,»ob die Sterne zwingend sind«. Sie berührt zum anderen das Verhältnis von Freiheit und Instinkt, das allzu häufig verwischt wird dadurch, daß man den Verstand als Vergleichsmittel nimmt. Unfreiheit ist möglich bei jedem Stande der Intelligenz.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 608-609

„Unfreiheit ist möglich bei jedem Stande der Intelligenz.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 609

„Während der Revolutionen wird die Freiheit geringer; der Schub konsumiert. Zunächst war Freiheit als Ziel gemeint. Dann beschleunigt sich die Entwicklung auf schmalerer Bahn, macht jähe Wendungen. Das sind die Kurven, in denen dieLiberalen abspringen. Das Ziel ist stets ein anderes als das gemeinte; in ihm realisieren sich tiefere als die politischen Absichten. Nun verblassen die konstituierenden Elemente; die Konstitution tritt hervor. Die beweglichen, verändernden Kräfte werden schwächer; eine neue Harmonie wird gewonnen, ein neues Gleichgewicht stellt sich her. Dabei können die sich bildenden Typen den überwundenen recht ähnlich sein. Das führt zu, oft verblüffenden, Wiederholungen innerhalb der Stufungen, zu einerAuffrischung alter Prinzipien. Das wiederum ist die Strecke, auf der die Revolutionäre abspringen oder die Revolution ihre Kinder verschlingt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 609

„Inwiefern ist der Mensch für seine Evolution verantwortlich? Inwieweit kann erkontrollieren, ob, vor allem hinsichtlich der Freiheit, sein Fortschreiten ein Aufwärtsschreiten, ein Stillstand oder ein Rückschreiten ist? Und woran kann dieseVerantwortung sich heften inmitten der Einsamkeit der Wüste, im götterleeren Raum? Erwägungen, Hoffnungen, Befürchtungen, Konzepte dieser Art haben Nietzsche als ersten bewegt und heftig erschüttert; das war sein Schicksal, bleibt sein Verdienst. Die Verantwortung behielt er dem »höheren« Menschen vor.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 609

„Kehren wir nochmals zum Bild des Bahnhofes zurück. Es wäre denkbar, daß der Zug ohne den Menschen weiterfährt, der über seinen Geschäften die Abfahrt versäumt. Es wäre auch denkbar, daß der Mensch auf ein Nebengeleis geschobenwird. Das wäre eine Bewegung, wie sie im Lauf der Erdgeschichte schon oftmals stattgefunden. Befürchtungen in dieser Hinsicht mehren sich - Vermutungen, daß Formen der Verhärtung, Verholzung, Versteinerung drohen. Das Leben läßt in solchen Fällen seine Maske zurück. In jedem Tiergarten hat man diesen Eindruck starrer, oftwundervoller, unwandelbarer Perfektion.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 609-610

„Erstarrung droht heute durch die Ratio mit ihrer präzisen, unbarmherzigenMaßgebung, vor allem im technischen Bereich. Der Vergleich mit dem Insektenreich und insbesondere mit seinen staatenbildenden Arten liegt daher nah. Er gibt einen guten Beleg für die erwähnte Wiederkehr der Prinzipien.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 610

„Auf den verschiedensten Stufen setzt das Leben zu solchen Lösungen an. Zu den gemeinsamen Kennzeichen gehören Staaten-, Stock- und Koloniebildung, Schaffung von biologischen Klassen, die stärker differenzieren als soziale und ökonomische, Spezialisierung und Sozialisierung des Geschlechtlichen, kollektive Brutfürsorge, Großbauten, Speicherwirtschaft und anderes. Es muß sich hier um ein großes undständiges Anliegen handeln, das sich bereits an den frühesten Formen erprobt undmit ihnen experimentiert.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 610

„Wir berühren die Gene der Pflanzen, der Tiere und auch des Menschen vorerst wie Einzelsteinchen, wie Tasten eines Instruments, doch ist vorauszusehen, daß es bei diesem Spiel zu ungeahnten Kompositionen kommen wird. Vorerst scheint die Konstanz, die genetische Unantastbarkeit der Arten nochdurch sehr starke Riegel geschützt. Sie würden wohl kaum zu brechen sein, wennnicht das Ungesonderte von der anderen Seite der Mauer aus mit anhöbe. Wenn hier die Sonderungen fallen, werden Dinge möglich, von denen man sich auchheute noch nichts träumen läßt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 612-613

„Möglich ist bereits heute, daß ein Vater mehr Kinder als der König Priamus hat. Die Lösung ist auch in den Insektenstaaten vorgebildet, wo ein Männchen die Königin begattet, die Tausende gebiert. Daß nach einem unausgesprochenen, aberstarken Gesetz der Name des Vaters verheimlicht, tabuiert werden muß, gehört in eine andere Kette von Erwägungen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 613

„Zu den Kriterien des Staatsplanes zählt auch Friedrich Georg Jüngers »Perfektion der Technik«, ein unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossenes Werk (weil die Hanseatische Verlagsanstalt die Publikation nicht hatte riskieren wollen, erschien das Werk erst 1946! HB), das den technischen Fortschritt vor allem nach der Glücksseite hindurchrechnet.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 613

„Das Gemeinsame dieser Verwahrungen liegt darin, daß der musische Mensch aus der ihm eingeborenen Freiheit heraus gegen die reine Anwendung des logischen Kalküls Einspruch erhebt, wobei er sich eines starken wissenschaftlichen Rüstzeuges bedient. Hinzu kommt, was beim Kalkül vermißt wird: die Wahrnehmung des Verlustes und seine Wertung vom musischen, metaphysischen oder theologischen Standort aus.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 613

„Wie bei den staatenbildenden Tieren einige für alle Geschlechttragen, so haben einige für viele Freiheit im Menschenstand. Sokrates war nicht für sich allein frei; seine Freiheit wirkte für viele und wirkt bis heute nach.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 615

„Der Mensch als Spezies bewegt sich in der unsichtbaren Masse des Eisberges,determiniert, instinkthaft, wobei im Sinne der Determination auch die Intelligenz,selbst in ihren schärfsten Ausprägungen, zu den Instinkten zählt. Um das paradox zur Anschauung zu bringen, hat Dostojewski seinen »Idioten« zur Darstellung des höheren Typus gewählt. Die Intelligenz kann Freiheit, die viel tiefer und höherwohnt, nicht schaffen, wohl aber ihr Arsenal füllen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 615-616

„Geistige Freiheit kennzeichnet die Menschenart. Man findet sie bei ihr allein. Politisches Wesen, Staatenbildung dagegen ist kein dem Menschen vorbehaltenes Kennzeichen. Der Mensch hat lange ohne Staaten gelebt und wird vielleicht wiederdazu fähig sein. Die Fähigkeit zur Staatenbildung ist an einem gewissen Punkte seiner Entwicklung an ihn als Bildungsprinzip herangetragen worden, so wie das auch bei anderen Spezies geschehen ist.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 616

„Die Bildungsprinzipien wiederholen sich, wenn sie einmal mit dem Leben verknüpft waren. Sie schweben als Keime, als Möglichkeiten in seinem ungesonderten Fluß. So erklären sich die stets wiederholten Ansätze zur Staatenbildung von den Coelenteraten, ja von den Urtieren an. Freiheit im geistigen Sinne trat erst mit dem Menschen in den Fluß des Lebens ein. Von nun an kann auch die Freiheit nichtverloren gehen. In dieser Hinsicht dürfen wir Hegel zustimmen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 616

„Andererseits ist die Wahrung der Freiheit menschliche Aufgabe. Sie geht, da sie das Humane stärker kennzeichnet als die Staatenbildung, der Wahrung des Staates voran. Nicht der Staat kann daher die Freiheit garantieren, sondern nur der Mensch selbst. Das schließt nicht aus, daß er sich auch des Staates in dieser Absicht bedient.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 616

„Wenn der Zug abfährt, ist es möglich, daß er nur wenige Reisende mitführt –nur jene, die die Stunde nicht versäumt haben. Es wäre auch möglich, daß die meisten die Stunde versäumen wollen, weil ihnen die Station angenehmer, heimischer, vertrauter erscheint als die Fahrt. Ein ähnliches Schema muß Nietzsche vorgeschwebt haben, als er das Bild vom »Übermenschen« und vom »Letzten Menschen« entwarf. Daß er das Mitleid alsUnterscheidungsmerkmal einführte, ist ein genialer, weidlich mißverstandener Zug. Terminologisch gesehen ist das Wort vom Letzten Menschen glücklicher als das vom Übermenschen gewählt, unter dem wir hier den Typus verstehen, dem der Austritt aus der Geschichte gelingt. Das ist die Aufgabe, um sie dreht sich die Bewegung an der Zeitmauer.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 616-617

„Der Übermensch kann nicht ohne den Letzten, das heißt: den reduzierten Menschen gedacht werden. Es kommt darauf an – um ein allzu bekannt geworden es Wort Gottfried Benns zu verwenden – was einer aus seinem Nihilismus macht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 617

„Um zur Station zurückzukehren: Der Zug wird abfahren, gleichviel ob wenig inihm sitzen oder viele; die Bremsen sind gelöst. Er wird auch abfahren, wenn überhaupt kein Mensch in ihm sitzt. Das entspräche einem Großteil der heutigen Befürchtungen. Aber dann kann auch von der Station keine Rede mehr sein. Der Geschichtsphilosoph kann seine Betrachtungen abschließen. Nicht so der Metaphysiker. Sein Standort kann von bloßen Kategorien der Bewegung, von Fortschritt und Rückschritt, Revolution und Reaktion, Aufgang und Untergang nicht berührt werden, falls er seinen Namen verdient. Darin gleicht er dem Christen in seiner besten Zeit.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 617

„Es konnte nicht ausbleiben, daß das Verhältnis des »Übermenschen« zu den »Vielzuvielen« als Versuch einer Wiedereinführung der Sklaverei interpretiert wurde. Abgesehen davon, daß solche Versuche heute aus ganz anderer Richtung kommen, hat man über Nietzsche alle Dummheiten gehört, die denkbar sind, und dazu noch eine Anzahl solcher, die unausdenkbar sind. Daß er durch Deutschlands Schicksalsstunde in Mitleidenschaft gezogen, nach jeder Richtung verfälscht, verdächtigt wurde, berührt sein Werk nicht; es bleibt ein Intelligenztest an der Zeitwende, und noch einiges mehr. Ihn ortet nicht die Kritik, sie rangiert sich an ihm.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 617-618

„Der neue Typus ist nicht der kommende Großherr, sondern er gibt den »Vielzuvielen« ihre Würde, ihre Bedeutung zurück. Ein Gerechter hätte Sodom gerettet – und säße in unserem Zuge nur ein Einzelner, der ein neues Ziel erreichte, so wäre damit auch Myriaden auf der Station Verbliebener gedient.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 618

„Noch einmal zum Eisberg: Der große Schub findet im Unsichtbaren, im Unbewußten, in der blinden Masse statt. Das gilt auch dort, wo der Staat als Promotor erscheint. Vielen, die sich mit Nietzsches Vision beschäftigt haben, wird seine Mißachtung des Staates aufgefallen sein. Wie kann ein Krieger staatsfeindlich sein? Er sah im Staat den Drachen, das tausendschuppige Ungeheuer, also Hobbes’ Leviathan.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 618

„Indessen gehört die Rolle, die wir dem Staat zuschreiben, zu den optischen Täuschungen auf der Station. Es sind nicht die Staaten, die den Schub bewirken, sondern der Schub treibt auch die Staaten vor. Der Geist erstaunt über die Funktionen und Blendwerke, die diese Bewegung hervorzubringen scheinen, aber er staunt auchüber die Wirkungen, und er erschrickt bei dem Gedanken, daß diese Mischung sich im Weltstaat noch akkumulieren wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 618

„Auch das sah Nietzsche voraus, und auch die Zersprengung des Weltstaates infolge der Akkumulation. Doch das sind fernere Sorgen, sie berühren uns nicht. Da sich Wörter wie »Krieg« und »Frieden« ändern, ist es wahrscheinlich, daß sich jenseits der Zeitmauer auch Wörter wie »Staat« ändern. Vermutlich wird der Weltstaat einen Status, eine Station bezeichnen, deren Formen und deren Dauer nicht abzusehen sind. Die absolute Zeitrechnung kennt längere Rhythmen als die historische. Es ist zu vermuten, daß die »Große Fahrt« nur Augenblicke in Anspruch nimmt, zwischen die sich unvorstellbar lange Pausen einschieben. Die Erde trägt, wie Bohrungen erwiesen haben, Korallenstöcke, deren Gründung bis auf das Eozoikum (heute nennt man es Proterozoikum; HB) zurückgeht, die Morgenröte nicht der Geschichte, sondern des Lebens überhaupt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 618-619

„Daß Nietzsche dem Staat abhold sein mußte – und darin trifft er sich mit einem Antipoden wie Rousseau – ist eine Frage des Standortes. Im Staate kann und darf nicht volle Willensfreiheit sein. Wer letzte Dinge zu sagen hat, muß außerhalb des Staates stehen, das ist sein Kennzeichen. Es ist sein Schicksal und, wo die Sterne zwingen, sein Untergang.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 619

„Bei Nietzsche wird das deutlich; er hat das Leben eines Unbehausten, in Hölderlins Sinne Unstädtischen, geführt. Er hat sich inmitten des 19. Jahrhunderts in der Landschaft bewegt, in der erdgeistige Seher wie Chiron und Melampus heimisch gewesen sind. Adler und Schlange: das ist kentaurischer Geist, ist große, erdgeistige Wiederkehr.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 619

„Das ist das Schauspiel am Abgrund, hoch auf der geschichteten Mauer, die »Geschichte« heißt: daß der Mensch sich nicht nur zum Sprung gezwungen sieht, sondern daß er ihn sogar wagen will. Damit verändern sich sowohl Determination wie Evolution.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 619

„Der Mensch fühlt, daß ihm als Menschen die Vernichtung droht. Oft zeichnete der Mythos dieses Schicksal vor. Legt aber der Mensch das Menschliche ab wie eine verbrauchte Maske, ein verschlissenes Gewand, so droht ihm Schlimmeres. Es droht das Schicksal der Ehernen Schlange, droht die Vererzung in zoologischen, magischen, titanischen Ordnungen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 619

„Wir sahen, daß von Willensfreiheit nur auf einer schmalen Kuppe gesprochen werden kann. Doch gerade hier wird entschieden, was unentbehrlich ist bei der Verwandlung, wertvoller als Leben, und nicht geopfert werden darf. Solange in dieser Hinsicht Zweifel herrschen, aber auch solange sie noch nicht geherrscht haben, sind wir noch innerhalb der nihilistischen Passage, diesseits der Linie.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 619

„Der Mensch kann nicht darüber entscheiden, was an archaischer und mythischer Substanz, wohl aber darüber, was an geschichtlich-humanem Erbe mitgenommen wird. Hier spricht Bewußtsein mit, und damit Verantwortung. Das kann auch Reinigung bedeuten, indem es zugleich möglich erscheint, daß historisch-politische Elemente der Selektion zum Opfer fallen und als überwunden zurückbleiben, vielleicht sogar der Staat. Darin vollzieht sich mehr und Schmerzhafteres als im bloßen Wechsel moralischer Anschauungen, wie ihn die Panik erzeugt. Sie ist kein Zoll für den Eintritt in die transhistorische Welt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 620

„In einem Hause, das für tausend Jahr gebaut wird, herrscht größere Sicherheit als in einem anderen, das kaum ein kurzes Menschenalter währt. Da sind Türme und starke Gerüste; die Zeit läuft dort langsamer. Man hat es wieder gesehen. Und wo die Zeit bewegt wird, wo sie, wie an der Zeitmauer, brandet, werfen sich die Menschen in den Glauben wie auf ein Rettungsfloß. Ob den Kirchen damit gedient ist, bleibt eine andere Frage; zu ihrem Verdienst gehört es auf jeden Fall, auch wenn diese neuen Gläubigen nicht für sie in die Arena treten wie Polykarp.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 624

„Was Spengler die »Zweite Religiosität« nannte, ist eng mit der décadence verflochten .... Es gibt nicht nur eine zweite Religiosität; es gibt auch eine zweite décadence. In ihrer ersten Phase beschleunigt décadence die Katastrophe, indem die feineren Geister in ihrer Verantwortung ermatten und sich von den Führungsdisziplinen abwenden. Sie wenden sich esoterischen und exotischen Dingen zu und folgen höheren Spieltrieben. Huysmans’ »A Rebours« ist dafür eine Fundgrube. Ohne Zweifel hat Plato aus solchen Gründen den Künstler ungern in seinem Staate gesehen. Spengler folgt ihm darin. In ihrer zweiten Phase jedoch, nach den Kulminationspunkten, nimmt die décadence retardierenden Charakter an. .... In ihrer zweiten Phase sträubt sich die décadence dagegen, daß alles bis in die letzte Faser politisiert und in Bewegung verwandelt wird. Sie trägt durch ihr Werk dazu bei. Einfach gesprochen: die Müdigkeit ist vor Mittag bedenklich, am Abend begrüßenswert.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 624

„Wo der Arbeiter zur Herrschaft vordringt, werden die Dinge einfacher. Es sei daran erinnert, daß unter diesem Worte keine empirisch-historische Größe verstanden wird, sondern eine metaphysische Gestalt. Sie prägt die neue Welt und ihre Formen in einem Auftrag, der zunächst nur aus den Übergängen zu erraten ist, aus der Werkstättenlandschaft, den Plänen der Bauhütte. Oder, um auf das Bild des Zuges zurückzugreifen: der rasche Wechsel der Perspektive erklärt sich daraus, daß wir in Fahrt gekommen sind. Ein solches Zeitalter kann nicht ohne Zerstörung sein. Daher gehört der Schmerz zu seinen Kennzeichen. Er gibt der Bewegung Widerstand und Schatten, baut Opfer in die Fundamente, erteilt Sanktionen und tritt auf Strecken in die Stelleder Werte ein.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 631-632

„Mit Recht hat man im Rationalismus von jeher die zerstörende Hauptmacht gesehen. Er wirft die Flutwelle mit dem leuchtenden Kamm, der kein Gebäude standhält und in der sich Aufklärung und Wissen vereinigen. Von hier aus wird der erste Angriff geführt, der innere Leere schafft und der Entzauberung, Entweihung, Entheiligung bringt. Er kann aber nicht aus sich wirken, sondern nur nach erfüllter Zeit, sowohl abräumend wie voreilend. Die Aufklärung eilt wie eine Luftwelle dem Materialismus voran, bewegt Danton wie Friedrich, zerstört die feineren Gefüge; die sichtbaren Gebäude stürzen nach. Es ist nur der erste Streich, der ... das Standbild des Königs trifft. Die anderen fallen auf den Marmorblock. Wenn wir heute die herrschende Lehre als Materialismus bezeichnen, so drückt sich darin aus, daß die Aufklärung im großen und ganzen ihre Rolle beendet hat. Sie spielt sie auf Randflächen, in »un- und unterentwickelten Gebieten« in Form blitzschneller Abräumungen fort. Das ist nicht nur ein Zeichen vorgeschrittener Zeit und der Schwerkraft von Großräumen, sondern an sich und in sich gesteigerter und ununterbrochen sich steigernder Macht, von Erdmacht schlechthin. Der Materialismus ist Gürtel und Gorgonenhaupt des Arbeiters. Die mythischen Bilder sind am Platze; keine historische Macht kann der Erdmacht standhalten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 632

„Auch am Materialismus ist zu unterscheiden zwischen seiner sichtbaren und seiner unsichtbaren Macht, zwischen seiner Oberflächen- und seiner Grundströmung, zwischen der Art, in der er durch Menschen vertreten und begründet wird, und seinem schicksalhaften Zug. Die große Gewalt, mit der er auf dem Erdkreis »mit dem Hammer« die alten Gesetze bricht, deutet auf einen stärkeren Auftrag als den rationalen hin. Daraus eben erklärt sich, daß er mit stets wachsender Gewalt seinen Siegeszug fortsetzt, obwohl die Theorien, die ihn vertreten, so oft und so gründlich durch glänzende konservative Geister widerlegt worden sind. Aber widerlegt man denn ein Erdbeben? Eher baut man die Städte um. Hier wiederholt sich das Schauspiel, daß der Geist, und insbesondere der gebildete Geist, eine Veränderung deshalb unterschätzt, weil sie nicht in seine Kategorien paßt. Aber er kann nicht durchdringen, weil die Kategorien selbst, etwa seine Kultur oder sein Geschichtsbild, erschüttert sind. Nun greifen die bewährten Mittel nicht mehr. So sah der Mandarin die weißen Teufel in den Häfen landen, so sah dergebildete Grieche die ersten Christen, das Zeichen des Fisches, an.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 634

„Bei einer Sintflut gewinnt die Unterhaltung über die Statik historischen Charakter; man muß sich jetzt mit der Nautik beschäftigen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 634

„Der Materialismus wird von seinen Gegnern mit den Beinamen »flach« oder »platt« versehen. Das gilt auch für seine Oberfläche, seinen sichtbaren Teil, auf dem er als eine Kategorie des Rationalismus erscheint. Jedoch in der also erkannten und auch geglaubten Materie verbirgt sich mehr
und anderes. Sie scheint notwendig flacher, wo sie »begründet« wird. Sie spricht durch Tatsachen, durch Wunder sogar. Der Verstand hat sich hier auf eine Begegnung, auf ein Abenteuer eingelassen, dessen Folgen unabsehbar sind. Sie sind auch unausweichlich, und zwar deshalb, weil die Materie, die Erde als Mutter, von sich aus sich zu regen beginnt und der Mensch als ihr Sohn diese Regung begreift. Diese Regung und dieses Begreifen dürfen wir nicht in Ursache und Wirkung auflösen. Wir müssen es eher im spiegelbildlichen Nebeneinander als im zeitlichen Nacheinander sehen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 635

„Daß beides den Vater gefährdet, leuchtet ein. Von hier aus erklärt sich, daß die personalen Götter auf dem Rückzug sind, und zwar nicht, wie oftmals, in Regionen, sondern auf dem Erdball überhaupt. Es erklärt sich, daß die wiederhergestellte Monarchie ein immer schlechteres augurium hat und daß demokratische Formen auf unabsehbare Zeit vorherrschen werden, vom Weltregiment bis hinab in die kleinsten Zellen, bis in die Familie. Es erklärt sich, daß die Gefahr der Nationalkriege sich verringern, die der Bürgerkriege und Rassenzwiste dagegen wachsen wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 635

„Die vaterrechtlichen Bindungen müssen zugunsten der matriarchalen an Macht verlieren, und das schon deshalb, weil die Mutter von sich aus den Urgrund verkörpert, aus ihm gebiert. Entsprechend müssen der Heroenkult und die Bedeutung der geschichtlichen Person abnehmen. Titanische Kräfte nehmen zu; eines der Anzeichen dafür ist, daß der Techniker den Soldaten aus seiner Rolle drängt. Die Todesstrafe verliert ihre Begründung, während der Mord ohne Gründe gedeiht. Mächtige Mörder tauchen auf.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 635

„Die Grenzen schwinden, und damit schmelzen sehr alte Sonderungen ein. Die Menschen werden sich ähnlicher, nicht nur im Weltstil des Denkens und Handelns, sondern auch im Habitus. Das Wort »Mensch« gewinnt eine Bedeutung, die ihm bisher nur in der Idee, im Kultus oder im Mythos zugeteilt werden konnte, auf unmittelbare, tatsächliche Art. Zugleich verliert es andere, historische Bedeutungen. Die dynamischen, auch die eruptiven, Vorgänge nehmen zu; die Strahlung dringt tief in den Kosmos ein. In der Raumfahrt wird die Beschleunigung astronomisch, die Erde zum Mutterschiff. Überhaupt wird die Erscheinung ambivalent in der Weise, daß statistische und dynamische Vorstellungen ununterscheidbar werden, wie das besonders in der Theorie des Lichtes sich vexierend ausdrückt – das entspricht der Situation an der Zeitmauer. Ein Wissen, das sich stündlich ändert, zeugt nicht für Fortschritt, sondern für Übergang.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 636

„Um das Nichts zu wollen, muß man zunächst nicht wollen. Das trifft nicht für unseren Nihilismus zu. Er will nicht das Nichts, er will ein Etwas nicht: die väterliche Macht.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 636-637

„Ist der Umsturz gelungen, so folgt ihm eine kurze, aber bedeutende Spanne, in der alles möglich ist. Der Urgrund stellt sich als Chaos dar. Dieser Begegnung ist wohl der Anarchist gewachsen als Sohn der Erde und als Erdverehrer, nicht aber der Nihilist, dessen Trachten an der Institution haftet, die er ... zu zerstören vermag, doch die ihn unter ihren Trümmern begräbt. Das ist der Unterschied zwischen dem Natürlichen und dem Verlorenen Sohn, zwischen Mutter- und Vaterkind.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 637

„Daß darüber hinaus der Nihilismus sich sehr wohl mit den entleerten und zu reinen Apparaturen gewordenen Institutionen verträgt, hat die jüngste Erfahrung gezeigt. Er kann dort freilich immer nur interimistisch auftreten – so lange, wieAbräumung zum Weltplan gehört. Ist diese vollzogen, so endet auch sein Auftrag – das wird besonders deutlich in jenen Fällen, in denen er sich als Letzten selbst aus dem Weg räumt und tabula rasa hinterläßt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 637

„Wir wiederholen das, weil es hinsichtlich der den Staat als die Institution der Institutionen betreffenden Prognosen wichtig ist. Wenn es nämlich zutrifft, daß der Urgrund sich aufwölbt, so müßte notwendig die Bedeutung des Staates, wie die jeder Heroengründung, im Verhältnis abnehmen. Augenscheinlich ist aber das Gegenteil der Fall.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 637

„Der Widerspruch löst sich, wenn wir die Gebilde, die uns zur Zeit erstaunen und beunruhigen, als Verdichtung finaler Anstrengungen sehen. Im Augenblick, in dem die Erde als solche ihre Ordnung findet, muß sowohl die Bedeutung der Grenzen wie auch der Staaten dahinschwinden. Das Wesen des Staates wird vor allem dadurch bestimmt, daß es andere Staaten gibt. Das führt, besonders an den Grenzen, zu spiegelbildlichen Erscheinungen. Wenn wir die planetarische Ordnung den Weltstaat nennen, so ist das ein Name ohne Inhalt, denn es ist vorauszusehen, daß er mit den historischen Staaten wenig gemein haben wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 637

„Wenn man den Staat als die Institution der Institutionen betrachtet, so braucht er deswegen nicht die machina machinarum zu sein. Die technische Entwicklung ist auf den Staat nicht angewiesen, vor allem, wenn sie von der Rüstung entlastet wird.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 637-638

„Daß Nietzsche in dieser schwierigen Frage schon früh zwischen seinem Übermenschen und dem Staat als Ungeheuer unterschieden hat, spricht, wie gesagt, für die Schärfe seines prognostischen Blicks.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 638

„Wo der Verstand dem Urphänomen begegnet, stößt er auf Stärkeres. Hier muß er haltmachen; hier kann ihm ein Damaskus zuteil werden. Erst hier erfährt der Trieb, der ihn bewegte, die wahre Befriedigung. »Denn alle Lust will Ewigkeit.« Das gilt auch für das Wissen und seine Unersättlichkeit. Dort endet die faustische Welt.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 641

„Die Erde hat aus ihrem Urgrund schon oftmals neue Gestalten hervorgebracht.Wenn sie sich dazu nun des Menschen als ihres klügsten Sohnes bedient, ist die Gefahr prometheischer Bildungen und ihres Schicksals groß. Sie wächst im götterleeren Raum, der zu den Voraussetzungen eines großen Gestaltwandelsgehört.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 643-644

„Der echte Partner der Erde ist nicht der Verstand mit seinen titanischen Plänen, sondern der Geist als kosmische Macht. Bei allen Erwägungen des Zeitgeschehens spielt daher eine große Rolle die mehr oder minder ausgesprochene Hoffnung, daß höhere Geisteskräfte die gewaltige Bewegung zügeln und sich ihrer wohltätig bemächtigen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 644

„In diesem Zusammenhange stößt man immer wieder auf einen der großen Seher des Abendlandes, Joachim von Fiore, und seine Lehre von den Weltaltern. Joachim von Fiore lebte von 1130 bis 1202. Seine Weissagung hat auf theologische und geschichtsphilosophische Systeme, bis zu dem von Spengler, bedeutend gewirkt. Den großen Zeitaltern des Vaters und des Sohnes soll ein drittes folgen, in dem der Geist als neue, unmittelbare Manifestation des Göttlichen auf das Geschehen wirkt. Erst dieser dritten Phase, die große Wirren einleiten, folgt das Weltende. In dieser joachitischen Dreizeitenlehre beginnt die initiatio einer Epoche bereits um viele Generationen früher, so die des Geistes mit den abendländischen Mönchsorden. In der ersten Phase der Trilogie geschehen die Dinge carnaliter, in der zweiten literalter und in der dritten spiritualiter. Für die erste gilt das Alte, für die zweite das Neue Testament, während der dritten Phase das geschriebene Evangelium fehlt. In unserem Zusammenhang ließe sich für »literaliter« das Wort »historisch« einsetzen.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 644

„Eine neue Phase des Christentums verkündet auch Schubart, der im letzten Krieg in Rußland verschollen ist. In seinem Buche »Europa und die Seele des Ostens« entwickelt er die Ansicht, daß die Ostkirche ein drittes, das johanneische, Christentum hervorbringen wird. Ein Drittes Testament mit dem Bild einer neuen Erde deutet sich in der Johannesoffenbarung an. Rußland soll eine große Rolle dabei spielen; die Namen von unbekannten Märtyrern werden wie Sterne in der Dunkelheit aufleuchten.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 644

„Desgleichen sind die Astrologen vom Anbruch einer geistigen Epoche überzeugt. Nach ihnen steht das Zeitalter des Vaters unter dem Zeichen des Widders, das des Sohnes unter dem der Fische, während mit dem Zeichen des Wassermannes, in das wir jetzt eingetreten sein sollen, eine Großzeit des Geistes beginnt. Die Aufklärrung ging ihm als Morgendämmerung voraus.“
Ernst Jünger, An der Zeitmauer, 1959, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 644-645

„Die Parteien wechseln, und die Verfolgung bleibt. Die Justiz folgt der Politik wie die Geier den Heerzügen. Mutig sind alle gegen den, der am Boden liegt.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 323

„Die Parteien wollen nicht wissen, was ihnen gemeinsam ist; sie wollen in ihren Irrtümern bestärkt werden.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 324

„Die Arbeitswelt erwartet, erhofft ihre Sinngebung.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 325

„Nicht die romantische Auflehnung, sondern die Skepsis innerhalb der Technik wäre ihr Krebsschaden. In irgendeiner Zukunft beginnen die Naturwissenschaften zu langweilen oder setzen sich andere Aufgaben. Ein Schleierder Maja verblaßt.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 325-326

„Der »Weltstaat« behandelt das Problem des Überganges der Gestalt des Arbeiters von planetarischer Macht zu planetarischer Ordnung – einer Konsolidierung, die sich mit Sicherheit voraussagen läßt. Sie wird das Zeitalter der kämpfenden Staaten abschließen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 332

„Kant kam über die Bannmeile von Königsberg nicht hinaus. Schopenhauer wähnte die kantische Philosophie zuvollenden, indem er den Willen als das Ding an sich setzte. Daher rührt sein enormer Einfluß auf im klassischen Sinn atypische Geister wie Burckhardt, Huysmans, Nietzsche, Wagner und zahllose andere, die schon verschollen sind. Ihn zu zitieren, gehört heute in unserem geistigen Mezzanin zum schlechten Stil. Das bestätigt unter anderem einige seiner Aphorismen, wie jenen, daß alle Dummköpfe einig werden, sobald ein Mensch von überlegener Intelligenz auftaucht.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 343

„Nach jeder großen Niederlage meinen die Söhne, daß der Vater sie umsonst geopfert hat. Der Unmut der deutschen Jugend nach dem Ersten Weltkrieg gegen den »Bürger« erklärt sich indessen nicht aus der Situation allein. Mehr oder weniger deutlich wurde gesehen, daß nicht neue Konstellationen, sondern neue Prinzipien nottaten. Daß sie weder von der Rechten noch von der Linken verwirklicht wurden, gehört zum deutschen Schicksal und bestätigt die Erfahrung, daß hier seit jeher die großen Fragen in der Schwebe geblieben sind, wie Nietzsche uns das in heftigster Weise vorgeworfen hat.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 344

„Angesichts eines Versagens, das sich seit den Staufern so offensichtlich wiederholt, wäre zu fragen, ob hier nicht weniger Eigenschaften des Charakters als solche der Lage mitsprechen. So wirken die Gesetze der Waage in der Mitte anders als anden Rändern, und auch verborgener. Viel von dem, was hier geplant, entworfen, entdeckt, erfunden wurde, sah man an anderen Orten ausgeführt. Dem großen Haushalt kommt das hier wie dort zugut.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 345

„Nietzsches »Ecce homo« vom Jahre 1888 gibt mehr als eine großartige Lagebeurteilung. Ein Schicksal wird erfaßt, erlitten, nicht nur durch Einsicht, sondern in den Atomen, auf atmosphärische Art. Die Luft wird dünner, schwerer zu atmen, doch die Gebirge treten deutlicher heran. Grandiose Fehlurteile halten sich im Stil. Dazwischen Reminiszenzen an Zeitungskritiken, ein versäumtes Rendezvous. Das ist ein Erdenrest, ein menschlicher Zug.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 346

„Man sieht den einen, der dem tausendfachen Mörder kein Haar zu krümmen wagt, als Zeitgenossen des andern, dessen Gewissen der tausendfache Mord nicht trübt – und weiß dann, was die Stunde geschlagen hat.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 348

„Hierher der Heilsarmeestil der Generale, der Altetantenstil der Philosophen, der Sammethandschuhstil der Pädagogen in einer Welt der Gewalt, der Gehässigkeit, der unbarmherzigen Prüfungen – als genaue Entsprechung von Nichthandeln und Handeln oder von Furcht und Schrecken überhaupt. Dies aber sine ira et studio, letzthin mit Wohlwollen und ohne in Nietzsches Fehler zu verfallen, als Amoralist dreimal soviel zu moralisieren wie alle anderen. Vor dieser Flut, in dieser Wende handelt keiner ganz richtig und keiner ganz verkehrt. Viel wichtiger als nachzurechten ist nachzurechnen – wie Forschung der Wertung vorangeht, so topographisches Bemühen der Rechtsordnung.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 348

„Man muß entweder eine Position ausbauen oder im Sprung eine neue erreichen; man kann Zeit gewinnen, indem man sie dehnt oder indem man sie komprimiert. Nach Clausewitz ist die Verteidigung die stärkere Form. Diese These gilt jedoch nur von Abschnitt zu Abschnitt, denn die absolute Zeit läuft weiter, und wohl oder übel muß jeder nach ihr die Uhr stellen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 349

„Es mag als Verlust erscheinen, daß die geistige Souveränität vereinzelt wurde und daß, wenn man noch sagen will, daß Denken die Welt regiere, es doch ein sehr spezielles Denken geworden ist. Die Ausmünzung der Hegelschen Philosophie und die dominierende, ja schicksalhafte Bedeutung, die die exakten Naturwissenschaften gewonnen haben, sind Beispiele.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 356

„Das Denken schafft ohne Zweifel Tatsachen; aber dann sind es Tatsachen, die zu denken geben und immer näher rücken, bis ihnen das Denken den Vortritt gibt. Es folgt den Ereignissen, zuletzt dem Tageslauf. So nehmen die Philosophen das Atom an, wie es ihnen von den Physikern geliefert wird. Schon Nietzsche überlegte, und zwar in einem ziemlich späten Abschnitt, ob er nicht noch zehn Jahr Naturwissenschaften studieren sollte – ohne Zweifel in einem schwachen Augenblick. Man zäumt das Pferd nicht am Schwanze auf.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 356

„Wenn Overbeck sagte: »Nietzsche ist als Gelehrter gar nicht ernst zu nehmen, als Denker gar sehr«, so war das kritisch gemeint. Es ist aber das Beste, was man von einem Geist sagen kann, der sich nicht von den Texten, sondern aus der Quelle nährt. Entweder bleibt der Philosoph auf der Grundlinie des Denkens, von der auch die stärksten Entwicklungen der Wissenschaften nur Seitentriebe sind, oder er degradiert sich zum bloßen Handlanger von Banausen, zuletzt auch der politischen Freibeuter. Durch bloßes Wissen hält keiner stand.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 356

„Geistige Freiheit wird nicht gewährt; sie ist vorhanden oder fehlt. Geistige Freiheit wird auch nicht gefordert, sondern sie wird bewiesen, und davon lebt die Welt. Nichts ist einfacher als dieser Nachweis, doch auch nichts schwieriger. Was jeder könnte, wer vermags?“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 356

„Alle drängen sich, mit Sokrates auf der Bank der Spötter zu sitzen, doch werden die Reihen lichter, wenn es gilt, ihn wie Xenophon mit Schild und Schwert zu begleiten, und wenn gar der Becher gereicht wird, leert sich der Saal.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 356-357

„Daß Einzeldisziplinen direkt und unkontrolliert eingreifen, ist ein Zeichen dafür, daß sich das Zentrum der Aktion verschoben hat. Sie läßt sich daher auch mit den klassischen Mitteln nicht mehr einfangen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 357

„In jedem großen Mathematiker verbirgt sich ein Metaphysiker.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 360

„Daß Arbeits- und Freizeit, Produktion und Konsum sich immer weniger auf verschiedene Schichten verteilen, sondern von ein und demselben Typus getragen werden, ist eine Tatsache, der sich die Verwendung der Zeit und auch der Mittel allmählich, aber von Grund auf anpassen wird.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 367

„Heinrich der Löwe und Barbarossa, Luther und Erasmus, Ritter und Bauern, Kaiser und Landesfürsten, Union und Liga, Paulskirche und Krone, Ost und West - alte und neue Fragen, doch immer zu spät oder ungenügend und nie ohne Einbuße beantwortet. Jedes Jahrhundert stellt sie auf seine Weise in neuen überraschenden Gewändern - und die des unseren lautet, ob die Gestalt des Arbeiters überzeugend vertreten wird oder nicht. Auch sie wurde weder 1918 noch 1933 noch 1945 hinreichend beantwortet.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 373

„Zunächst muß das Wort »Arbeiter« neu konzipiert, es muß in und hinter ihm die Mutation erkannt werden, die viele Begriffe und Einrichtungen des 19. Jahrhunderts erleiden - eine Verwandlung, die der Entfaltung der Imago aus der Puppe gleicht.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 373

„Allerdings ist es viel leichter, einem denkenden Menschen einen neuen Gedanken mitzuteilen als die Ansicht eines Bildes, das überraschend erscheint. Er sieht dasselbe, doch nicht auf gleiche Art. Das gilt auch für Köpfe vom Range Oswald Spenglers, wie ich durch einen Brief vom 25. September 1932 erfuhr, der inzwischen in seiner Korrespondenz veröffentlicht worden ist. Er beurteilte darin den »Arbeiter« vom antimarxistischen, also von einem überholten, Standort aus, indem er sich speziell auf den Bauern und dessen Zukunft berief. Das war wohl mehr als eine Generationsfrage. Es ist ein Unterschied von Anbeginn, ob man Ideen oder Gestalten sieht. Dessen haben mich die dreißig Jahre, die seit dem Erscheinen des Buches verstrichen sind, zur Genüge belehrt.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 373

„Der Hinweis auf den Bauern gab mir insofern zu denken, als er Spenglers System und dessen Grundzügen widersprach. Jedes imperialistische Wollen muß sich wohl oder übel mit der Aufopferung des Bauernstandes abfinden. Weltmacht verwirklicht sich auf dessen Kosten, wie man es in Rom und England erfahren hat und heute nicht nur in Rußland erfährt, sondern, der Entwicklung zum Weltstaat gemäß, auch in den entferntesten Winkeln der Erde, in jedem Hof und jeder Eingeborenenhütte, an jedem Pflug und jedem Pferd.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 373-374

„Hier stellt sich die Zwischenfrage, auf wen denn im Falle des Weltstaates die grobe Arbeit abzuwälzen sei? In ihm kann es seiner Natur nach weder Kolonien noch Ausbeutung eroberter Kornkammern noch den Unterschied zwischen »weißer« und »farbiger« Arbeit geben - all jenen Gewinn, den seit der Antike hochentwickelte Staaten dank ihrer technischen, militärischen und politischen Überlegenheit aus den Ernten und Produkten eroberter Gebiete ziehen: Vorteile aus schlecht- oder unbezahlter Arbeit mit einem Wort. In dieser Frage begegnen sich politische und moralische, technische und wirtschaftliche Systeme; sie wird noch über den Rest des Jahrhunderts hinaus nicht nur die Geister, sondern auch den Willen beschäftigen. Als Modell der sich aus ihr entwickelnden Händel darf man den amerikanischen Sezessionskrieg betrachten - das macht sein Studium lehrreich, ja fast unumgänglich auf ähnliche Weise, wie das der Dreyfusaffäre unentbehrlich ist zur Beurteilung der Imponderabilien innerhalb der modernen Demokratie.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 374

„Daß die Frage der Abwälzung der Sklavenarbeit auf technische Art gelöst werden wird, und zwar quantitativ durch die Entwicklung von Robotern und Automaten, qualitativ durch eine Verfeinerung und Verwandlung der Rohprodukte auf eine Weise, deren Ziel und Umfang noch kaum zu ahnen sind - das muß als eine der möglichen Leistungen unter vielen begriffen werden, doch nicht als Absicht, sondern als eines der Mittel der sich bildenden Welt. Es zählt zum Eingebrachten, zur Mitgift der Gestalt des Arbeiters. Das Ziel der Technik ist Erdvergeistigung.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 374

„Die Reduktion des Bauernstandes ist der spürbarste Ausdruck dafür, daß der angestammte Nomos, die eingesessene Rasse aufs Spiel gesetzt werden. Jede räumliche Ausdehnung zehrt an ihr, wie das im Lauf der römischen Geschichte Zug um Zug zu verfolgen ist.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 374

„Innerhalb der Arbeitswelt wird nicht nur die Mechanik, sondern auch die Chemie in ungeahnter Weise zu dieser Reduktion beitragen - nicht mehr Böden werden erschlossen, sondern Erde schlechthin.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 374-375

„Die Kriegsverluste, selbst die von Cannä, fallen weniger ins Gewicht als die Verwässerung einerseits durch Expansion, andererseits durch das Hereinströmen des Fremdartigen. Die Besiegten bringen nicht nur ihre Arbeitskraft, sie bringen auch ihre Eigenart, ihre Sitten, ihre Kulte und ihren Luxus mit. Die Sklaven haben eine eiserne Stirn; sie beobachten scharf und sind schwer zu durchschauen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 375

„Wer erobert, wird selbst erobert - das ahnten die Makedonen bei Alexanders Hochzeit mit Roxane, in der er zugleich die Verschmelzung Europas mit Asien feierte.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 375

„Für die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts sagt Spengler schwere Kämpfe zwischen Weißen und Farbigen voraus: »Sie nehmen das Schwert auf, wenn wir es niederlegen. Sie haben den Weißen einst gefürchtet, sie verachten ihn nun. .... Der Farbige durchschaut den Weißen, wenn er von ›Menschheit‹ redet .... Wie, wenn sich eines Tages Klassenkampf und Rassenkampf zusammenschließen ? .... Das schwarze Frankreich würde in einem solchen Falle nicht zögern, die Pariser Szenen von 1792 und 1871 zu übertreffen. Und würden die weißen Führer des Klassenkampfes je verlegen sein, wenn farbige Unruhen ihnen den Weg öffneten ...?«“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 375

„Heute, nach dreißig Jahren, ist nicht zu leugnen, daß sich in diese Visionen konkrete Züge einzeichneten. Was in Afrika, vom Nordrand bis zur Südspitze, in Ost- und Südasien, in Nord- und Südamerika in so kurzer Spanne geschah und geschieht - in China, Algerien, Indien, Ägypten, am Kongo, auf Kuba, um einige Brennpunkte zu nennen - das geht weit über eine Reihe von Aufständen und Befreiungskämpfen hinaus. Das Feuer, das nicht mehr, und vor allem nicht mit Blut, zu löschen ist, greift indessen auch über den Gegensatz von Weißen und Farbigen hinaus. Es trägt alle Kennzeichen des Weltbrandes. Nicht diese oder jene Rasse, die Spezies wird in Frage gestellt. Diesen seinen wahren Umfang, aus dessen Kenntnis allein nicht nur richtige Schlüsse, sondern auch Entschlüsse, Entscheidungen, zu gewinnen sind, hat Spengler nicht gesehen. Er konnte ihn nicht sehen und würde, wenn er noch lebte, heute weniger denn je dazu imstande sein. Er sah Symptome, und da diese sich inzwischen krisenhaft verstärkten, würden sie ihm die Diagnose bestätigen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 375-376

„Wenn ein so scharfsinniger Kopf den Umfang eines Phänomens verkennt, so kann das nicht an seiner Intelligenz, es muß an seiner Position liegen. Er gleicht dem Jäger auf seinem Anstand, von dem aus er die Ungeheuer früher als die meisten anderen auftauchen sieht und mit passionierter Schärfe erkennt. Aber sie ziehen in ungeahnter Richtung vorbei und verlieren sich in unerforschten Dickichten. Trotzdem wurde ein Abschnitt der großen Jagd in ungewöhnlichem Denkstil erfaßt. Das gilt auch für Spenglers System. Die Kulturen werden im Nach- und Nebeneininder gesehen, nicht aber, wie von Herder, Goethe, Hegel, architektonisch und symphonisch oder, wie von Nietzsche, als Ouvertüre eines neuen Weltalters. Entscheidung, Kampf um die Vormacht, Zeitalter der kämpfenden Staaten - das alles ist nicht der Sinn; es sind die Wehen, in denen die Erde eine ihrer großen metahistorischen Phasen abschließt und eine andere beginnt. Dann werden die Grenzen fallen und auch räumlich »Orient und Okzident ... nicht mehr zu trennen« sein.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 376

„Für die Gestalt des Arbeiters, des mächtigsten Sohnes der Erde, ist der Aufstand der farbigen Rassen ein antaiischer Akt unter anderen; er gleicht der Einberufung einer Reservearmee. Gebührend zu würdigen wird das erst im Ergebnis sein, also innerhalb der Gesamtrechnung. Verständlich ist, daß zunächst die Negativposten ins Auge fallen, die Verluste und Einbußen, der Rückfall in primitive Denkformen, die virulent werden.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 376

„Das gilt auch für andere, nahe verwandte Erscheinungen, wie das sprunghafte Anwachsen der Erdbevölkerung. Es hat seine Gründe, warum gerade China sich dem im »Untergang des Abendlandes« entworfenen Schema der Spätkultur entzieht. Das alles kann behutsam gedeutet, vielleicht sogar beeinflußt, doch nicht gemeistert, geschweige denn gehemmt werden.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 376-377

„Es ist ein Unterschied, ob man mit ererbtem, erspartem, geliehenem oder fiktivem Geld handelt und ob man die Geschäfte, aus denen man Gewinn zieht, mit Augen sieht, ob sie entfernt liegen oder in der Luft hängen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 379

„Der Konservative, falls es noch Kräfte gibt, die diesen Namen verdienen, gleicht jemandem, der in einem immer schneller dahinrollenden Fahrzeug Ordnung schaffen, die Dinge am gewohnten Ort halten will. Gerade dadurch wird die Gewalt der Katastrophe verstärkt. Die künstlich befestigten Objekte bilden einewachsende Gefahr. Das gilt besonders dort, wo der Nationalstaat in seinem Ethos und seinen Einrichtungen erhalten werden soll, im weiteren Sinn für die Ideen von 1789 überhaupt. Was davor liegt, ist museal. Darauf beruht die wachsende Sympathie für die Fürsten, auch dort, wo sie noch regieren, der soziale Natur- und Denkmalschutz überhaupt.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 381-382

„Die Einebnung, die der Nationalstaat, verglichen mit der vorrevolutionären Ordnung, bewirkt hat, betrifft nicht nur die Gesellschaft und ihre Mannigfaltigkeit, sondern auch die Künste einschließlich der Kriegskunst, die Architektur, die Handwerke, jede gewachsene Gliederung überhaupt. Hierher gehört die Angleichung der Landschaften auf Kosten ihrer Eigenart, ihre wachsende Abhängigkeit von den Zentralen, ihre Durchschneidung mit Bahnen, Kanälen und Heerstraßen.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 383

„Der Nationalstaat ist vorgeformt, sowohl geistig wie institutionell. Sein Jahrhundert wiederum formt die Arbeitswelt mit ihrem Vulkanismus und ihren Titanen vor – speziell durch die Wissenschaft. Auch hier kann kein Ziel sein; das Provisorische bezeugt es hinreichend. Oft wird, wie beim Aufschlagen von Zeltlagern, bereits auf Abbruch gebaut.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 383

„Die Vermutung, daß es noch zu großen Zerstörungen kommen wird, gründet sich weniger auf die Gewalt der Mittel als auf den Vorrat von abgelebten Ideen und Einrichtungen. Nicht in der Flamme, im Zunder ruht die Gefahr. Sowohl die historischen als auch die primitiven Mächte, die sich emanzipieren, durchlaufen nicht nur feurige Zonen, sondern auch Phasen erhöhter Brennbarkeit. Vergeistigung, die unablässig den Prozeß begleitet und in toto zu beurteilen sucht, ist dahereiner der Hauptfaktoren der Auslese.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 383

„Mit der wachsenden Beschleunigung muß die Zentralisierung zunehmen. Beide sind voneinander abhängig. Zugleich muß sich die Eigenart vermindern, gleichviel wo sie auftritt, sei es in Landschaften, Städten, Kunstwerken oder bei Völkern, Geschlechtern, Berufen, Individuen. Die formalen Charaktere mindern sich zugunsten dynamischer Macht.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 383

„Falls wiederkehrende Zyklen eine Rolle spielen, so währt ihr Umlauf jedenfalls bedeutend länger als jeder geschichtlich zu erfassende Zeitraum, auch wenn wir die Vorgeschichte einbeziehen. Wir müssen den Mythos zu Hilfe nehmen, sodann das geologische, zoologische, astronomische Wissen, dazu die Astrologie als eben erst sich entfaltende Wissenschaft.“
Ernst Jünger, Maxima - Minima, 1964, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 384

„Wo der Liberalismus seine äußersten Grenzen erreicht, schließt er den Mördern die Tür auf. Das ist Gesetz!“
Ernst Jünger, 1960er Jahre

„Wie hat der deutsche Soldat zweimal hintereinander unter einer unfähigen politischen Führung gegen die ganze wider ihn verbündete Welt sich halten können? Das ist die einzige Frage, die man meiner Ansicht nach in 100 Jahren stellen wird.“
Ernst Jünger, im „Le-Monde“-Interview am 22.02.1973

„Alles, was sie heute von sich weisen, wird eines schönen Tages zur Hintertüre wieder hereinkommen.“
Ernst Jünger, im „Le-Monde“-Interview am 22.02.1973

„Auf welches Wagnis ich mich mit der Konzeption eingelassen hatte, konnte ich damals nicht voraussehen. Die antimarxistische Auslegung muß ich ablehnen. Marx paßt in das System des ›Arbeiters‹, doch füllt er es nicht aus. Ähnliches läßt sich über sein Verhältnis zu Hegel feststellen.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.09.1978, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 390

„Ich darf vermuten, daß Hegel mit der »Gestalt« des Arbeiters eher einverstanden wäre als mit dessen Reduktion auf die Ökonomie, die einer der Sektoren bleibt. Die »Gestalt« (schon das Wort ist schwer übersetzbar) repräsentiert den Weltgeist für eine bestimmte Epoche, und zwar herrschend, unter anderem auch hinsichtlich der Ökonomie. Das Grundproblem ist die Macht; sie bestimmt das Detail. Das bestätigt sich bereits heute: überall, wo Arbeiterparteien regieren, von China über Rußland bis zu den Ostdeutschen, haben Machtfragen den Vorrang vor den ökonomischen. Wenn diesen Staaten, auch von westlichen Kommunisten, vorgehalten wird, daß sie von Marx abweichen, so ist der Einwand begründet, doch antiquiert.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.09.1978, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 390

„Hinter der Repräsentation des Weltgeistes steht die Materie, nicht die Idee. Die Theorie bestimmt nicht, wie Hegel oft und entschieden betont, die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit gebiert Ideen und ändert sich aus sich selbst. Sogar die technische Erfindung folgt ihrem Zwang. Sie ist letzthin weder erdacht noch zufällig.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.09.1978, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 390

„Dem entspricht eine Auffassung der Materie, die hinter Plato zurückführt – sie ist nicht materialistisch, sondern materiell. Ich gehe darauf in der »Zeitmauer« ein. Die Gestalt ist der Monade von Leibniz verwandter als der platonischen Idee, und Goethes Urpflanze näher als Hegels Synthesis.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.09.1978, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 390

„Der Arbeiter ist ein Titan und damit Sohn der Erde; er folgt, wie Nietzsche es ausdrückt, ihrem Sinn, und zwar auch dort, wo er sie zu zerstören scheint. Der Vulkanismus wird zunehmen. Die Erde wird nicht nur neue Arten, sondern neue Gattungen hervorbringen. Der Übermensch zählt noch zu den Spezies.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.09.1978, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 390-391

„Was den »Arbeiter« angeht, so ist das von Ihnen berührte Problem oft bedacht worden, nicht nur von mir und meinen Freunden, sondern auch von anderen. Es stehen Publikationen bevor, die sich auch mit dem Seminar beschäftigen, das Martin Heidegger über das Buch gehalten hat. Wohin das führen wird, weiß ich nicht.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.03.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 393

„Wichtig ist an der Konzeption nur der Augenblick der Sicht auf die »Gestalt« als mythische Größe, die in die Geschichte eintritt, zunächst als Titan, sie zerstörend vielleicht.“
Ernst Jünger, Brief vom 24.03.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 393

„Nach Heidegger hat die Metaphysik ihr Ende erreicht. Das von ihr Gemeinte oder Anvisierte kann indessen nicht verschwinden; ein Indiz dafür ist die gesteigerte Bedeutung der Physik, die ihrerseits irrational zu werden beginnt.“
Ernst Jünger, Brief vom 10.10.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 395

„Der Mensch könnte einen Fehlsprung gewagt haben wie Nietzsches Seiltänzer. Es wäre aber verfehlt, den Arbeiter als den Übermenschen zu sehen oder als platonische Idee – eher schon als Gestalt im Sinne von Goethes Urpflanze. Sie ist auch kein Typus, sondern hat typenbildende Kraft.“
Ernst Jünger, Brief vom 10.10.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 395

„Von der Gestalt aus, die selbst ruht, wird die Welt als Bewegung begriffen, von den Atomen bis zu den Galaxien. Wir sehen, was Maß und Zahl betrifft, die Einzelheiten ungemein scharf, während Sinn und Ziel des Ganzen uns immer mehr zu entgleiten scheint. Doch gerade Präzision und Ineinandergreifen der Einzelheiten lassen vermuten, daß etwas »dahinter steckt«, nicht etwa im Sinn von »Hinterwelten«, sondern des »Innern der Natur«.“
Ernst Jünger, Brief vom 10.10.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 395

„Die Gestalt steht in ihren titanischen Anfängen. Wer sich mit ihr beschäftigt,muß sich über jedes historische System hinauswagen. Die Umwertung der Werte genügt dazu nicht mehr. Die alte Moral vermag die Tatsachen nicht zu bewältigen, doch vor einer neuen Moral, die den Tatsachen entspräche, schrecken wir mit Recht zurück. Das führt in ein fatales Zwielicht – etwa im Hinblick auf Krieg und Frieden, die Atomkraft, die Geburtenbeschränkung, das gute Gewissen überhaupt.“
Ernst Jünger, Brief vom 10.10.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 395-396

„Mit diesen Notizen will ich andeuten, daß sich in dem, was ich als Gestalt bezeichnet habe, noch viel Ahnung verbirgt. Sie ist also schwer festzulegen, nicht historisch und noch weniger politisch – wo sich dort anknüpfen läßt, dürfte ich mich noch nicht genügend von überkommenen Vorstellungen gelöst haben. Die Entwicklung seit 1932 verläuft programmatisch, wenn auch nicht angenehm.“
Ernst Jünger, Brief vom 10.10.1980, in: Sämtliche Werke, 2. Abteilung, Band 8, S. 396

„Ich bin ja nie mit Staatsformen zurechtgekommen, sondern schon als Unterprimaner in die Fremdenlegion ausgerissen, offenbar, weil mir die bürgerlichen Umstände nicht zusagten, und das ist eben mein Elend bis heute. Aber im Zusammenhang mit dem Goethe-Preis habe ich zahllose Briefe bekommen, und da heißt es immer weider, mit dem Preis gerade an mich deute sich eine »Tendenzwende« an. Daher wohl auch die Aufregung. Ich wünsche aber gar keine Tendenzwende.“
Ernst Jünger, im „Spiegel“-Interview aus Anlaß der Verleihung des Goethe-Preises, 1982

„Was darf man denn heute? Die Sachen, die man darf, sind doch, sagen wir mal, dem Barock gegenüber, gewaltig reduziert. .... Zum Beispiel dürfen Sie heute nicht mehr sagen: »Ich bin ein Faschist.« Dann sind Sie schon gleich der Unterste.“
Ernst Jünger, im „Spiegel“-Interview aus Anlaß der Verleihung des Goethe-Preises, 1982

Wilflingen, 4. Februar 1991. - An Hans Crome: »Für Ihre Erinnerungen herzlichen Dank. ich dachte bei der Lektüre auch an unsere gemeinsame Zeit in Paris. Sie haben dort am 20. Juli gefehlt. Gewiß hätten Sie damals die Dinge besser in den Griff bekommen .... Wir haben während Ihrer Langen Gefangenschaft oft von Ihnen gehört und den Widerstand bewundert, den Sie sowohl den Drohumngen der Sieger wie den Verlockungen der Besiegten gegenüber leisteten. - Ich glaube mich zu entsinnen, daß wir noch kurz miteinander telephoniert haben, während ich bei Kleist im Kaukasus war: Sie aus Stalingrad, ich aus Woroschilowsk. Gerade jetzt während des widrigen Golfkrieges werden diese Erinnerungen wider aktuell auch engesichts der Gefangenen, die vin beiden Seiten präsentiert werden. .... - Es ist zu bedauern, daß uns ein Clausewitz des Bürgerkrieges fehlt, spezielle des Weltbürgerkrieges, in dem wir seit 1917 begriffen sind. Der klassische Krieg ist degeneriert. Zum Beispiel ist ein Ultimatum eher schädlich als angebracht. Auch meine ich, daß der Soldat für den Fall der Gefangenschaft vom Fahneneid zu entbinden ist. Anstand im alten Sinne darf bis zu einem gewissen Punkt erwartet werden, nicht aber Matyrium. - Ich würde gern meinen beiden Büchern ›Der Waldgang‹ und ›der Gordische Knoten‹ einen dritten Band anfügen - das wird ein Wunsch bleiben. - Die Ambivalenz unserer Pariser Jahre bestand darin, daß wir halb in einen National- und halb einen Bürgerkrieg verwickelt waren - der eine wurde tagsüber im ›Majestic‹, der andere nachts im ›Raphael‹ geführt. In dieser Hinsicht war unsere Lage schwieriger als die aller anderen kriegführenden Parteien.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 15-16

Wilflingen, 30. März 1991. - Im 21. jahrhundert wird der Drogenkosum noch zunehmen. Diese Voraussage stützt sich auf den Rückzug der Götter und den Triumph der Titanen über den Olymp. Wähend der Herrschaft der »Eisernen« wächst d8ie Sehnsucht nach dem zeitlosen Sein. Apoll rückt ferner, und das Gedicht wird schwächer; Dionysos erscheint als Titan und spendet Erscheinungen. - Zu erwarten ist aber auch eine Domestizierung der Räusche gleich jener des Weines und seiner Ekstasen, als er aus Indien kam. - Der Adept wird »eingestellt« von Ärzten und Pharmakologen udn andererseits von Gurus und Traumführern durch Tabus gehemmt. Er wird zu höherer Einsicht geleitet wie einst durch die Hierophanten der Eleusinen. So wurde auch der Wein dem Exzeß entzogen - dakramental. - Dabei sind Verluste nicht zu vermeiden; sie sind seit jeher normal.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 22

Wilflingen, 13. Mai 1991. - Nachmittags bei aufklarendem Wetter zum Spezgarter Tobel mit Gesprcäh über die Sorge, die uns bedrückt. Wir sahen Spezgart leigen; dort hatte Ernstel die Schule besucht. Als er dann in Wilhelmshaven als Flakhelfer verhaftet wurde, kamen wir knapp am Todesurteil vorbei. Erschwerend war noch, daß er und sein Freund Wolf Jobst Siedler während der Verhandlung »keine Reue gezeigt hatten«. Auch seine Lehrer waren über ihn entrüstet; ich bewahre noch ihre Briefe auf. - Als er dann be Carrara fiel, bekam ich trotz meiner Bitte keine Auskunft über die näheren Umstände. Es mußten doch Kameraden dabei gewesen sein. Nach dem Kkriege fragte ich Gretha, ob wir uns Klarheit verschaffen sollten - sie meinte, wir heimsten dadurch vielleicht nur einen zweiten Treffer ein. - Nun ist es Alexander; eine mißglückte Untersuchung verursachte einen Schlaganfall, dem linksseitige Lähmung nachfolgte.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 25-26

Wilflingen, 15. Juni 1991. - Meine Gedanken kreisen um meinen Sohn Alexander, der nach einem Schlaganfall darniederliegt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 30

Wilflingen, 2. August 1991. - Der »Figaro« bringt einen Artikel ... über meine Pariser Jahre während der Okkupation. Er ist in freundlicher Absicht ein wenig zeitgemäß frisiert. So sage ich nur »Nationalsozialismus« und nicht »Nazis« - wie auch »Sozis« und »Stasi« nicht zu meinem Vokabular zählen.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 36

Wilflingen, 21. August 1991. - Da unserem Zeitalter die Technik essentiell ist, könnte sie sehr lange, bis zur Begegnung mit der Mutter, wie seine Waffe dem Urjäger, vorhalten. Ein ausführlicher Bericht Max Himmelhebers an Hans Jonas regt mich zu dieser Vermutung an: »1935 hatte ich als leitender Technischer Offizier einer Luftwaffeneinheit eine Aufgabe von außerordentlicher Bedeutung zu erfüllen, die mich ständig zwischen Werkstatt, Flugplatz und Dienstzimmer in Bewegung hielt. Die Arbeit begann am Montag früh um 6 Uhr und endete am Mittwoch gegen 11 Uhr. In denmehr als 50 Stunden habe ich zunächst, einfach aus Zeitmangel, keine Nahrung zu mir genommen, sondern nur Kaffee. .... - Ich erhielt am 6. September 1940 bei einem Luftkampf südlich von London einen Kühlertreffer, so daß die Kühlflüssigkeit meines Motors langsam ausfloß und die Temperatur stieg. ich versuchte im gestreckten Motorflug noch bis zu einem der Rotkreuzrettungsflöße zu gelangen, die damals vor den Einsätzen über dem Kanal abgeworfen wurden. Dann aber spürte ich die Geschoßeinschläge auf der Rückenpanzerplatte und erkannte im Rückspiegel zwei feindliche Jäger, vor denen es kein Entkommen mehr gab. Ich warf das Kabinendach ab, ging in Rückenflug und ließ mich herausfallen bzw. versuchte es. Dabei ging die Maschine in senkrechten Sturzflug, für den mir bis zum Aufschlag, wie ich heute schätze, etwa 30 Sekunden blieben. Ich suchte den Fallschirm, der an der linken Hüfte sein mußte, fand ihn aber nicht. - In diesem Augenblivk verließ meine Seele (»Seele«?!; HB) den Körper. Obwohl ich abstürzend die Augen geschlossen halten mußte, sah ich weiterhin optisch eindeutig die überflogene englische Landschaft mit braunen Äckern und grünen Wiesen. Ferner sah ich genau im rechten Winkel von mir auf gleicher Höhe in schätzungsweise 500 Meter Entfernung rechts eine abstürzende ME 109 auch ganz genau in fotographischer Deutlichkeit. Es bestand keinerlei Verbindung mehr mit meinem körperlichen Ich, weder Schmerz noch Angstgefühle. Die Trennung ging so weit, daß ich einmal in der dritten Person von ›mir‹ dachte,etwa: ›Der soll das doch bleiben lassen‹. Zugleich dachte ich: ›ob man den Aufschlag wohl spürt?‹ und sagte mir, der dauert eine Millionstel Sekunde, und in der Zeit gelangt kein Nervenreiz vom Rückenmark bis ins Gehirn. Nun aber kommt das Entscheidende: Ich war von einem nie vorher erlebten Glücksgefühl erfüllt. Wenn für irgend etwas der Ausdruck Glückseligkeit paßt, dann für den Zustand, in dem ich (»ich«!?; HB) mich befand. Ich kann das heute nur erzählen, ohne auch nur irgendwie mir auch nur eine Ahnung jenes Glücks wieder vergegenwärtigen zu können, aber daß es durch nichts jemals übertroffen werden kann, ist fürmich seither Gewißheit. - Mein Ich (»Ich«!?; HB) war also weit von meinem Körper getrennt in vollem Unterbewußtsein mit vollem Seh- und Denkvermögen und eindeutig ohne jegliche Verbindung mit meinem Körper. - Was dieser inzeischen tat, habe ich erst Sekunden später erfahren. Mein physisches Ich suchte nach dem Fallschirmgriff an der linken Hüfte, fand ihn dort nicht und sagte sich, dann muß er nach hinten verrutscht sein. Ich suchte mit der linken Hand an der Gürtellinie, fand den griff, faßte mit dem Daumen darunter und zog die Leine. In diesem Augenblick hatte ›ich‹ das Gefühl (»Gefühl«?!; HB), wunderbar weich zu liegen, das heißt, der Schirm hatte sich entfaltet, und im gleichen Augenblick war die Seele (»Seele«?!; HB) in den Körper zurückgekehrt.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 38-40

Wilflingen, 14. September 1991. - Zu den Notizen über Nietzsches wachsendes Mißbehagen an Descartes und insbesondere an dessen Fehlgriff, daß die Tiere belebte Maschinen seien, kommt mir zufällig bei Leibniz eine bezügliche Stelle vor Augen - freilich gibt es kaum einen Zufall ihne Bezug. - Leibniz erwähnt, daß sich in Holland selbst das Volk über die cartesianischen Narren amüsiere, »weil sie sich einbilden, daß ein Hund, den man schlägt, aufschreie wie etwa ein Dudelsack, auf dem man spielt«. - Auch Nietzsches Verhältnis zu Leibniz wird, freilich nicht in dem Maße wie jenes zu Descartes, mit der Zeit ambivalent. Zwar bewundert er die »unvergelichliche Einsicht«, mit der Leibniz sich gegen die Cartesianer durchsetzt, erkennt in ihm aber als typischen Deutschen ... eine Vermittlerrolle zwischen dem Platonismus und dem Christentum. (Wir sollten aber nicht vergessen, daß Nietzsche zu dieser Zeit schon vom Wahnsinn beherrscht wurde, auf dem Wege war zum völligen Versagen seines Geistes, zur geistigen Umnachtung, wie man auch sagt; HB.)“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 44

Wilflingen, 3. Oktober 1991. - Zum ersten Mal wird der enue Nationalfeiertag begangen ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 45

Wilflingen, 3. Oktober 1991. - Auch eine Art von Parasitismus: den Achtungsverlust eines anderen, besonders bei tiefem Sturz, ausbeuten. Die meisten reiben sich die Hände, viele leben davon. Das war schon immer so und selbst bei den Hühnern, wenn eines sich mauserte. Merkwürdig ist es angesichts einer Gesellschaft, in der die Menschenwürde angeblich den Vorrang genießt. Dazu der »Schutz der privaten Sphäre« zu einer Zeit, in der man noch nie so gründlich durchleuchtet werden konnte wie jetzt und hier. Die Angst vor den Schnüfflern und Ausgräbern ist verständlich, vielleicht prophetisch sogar. Siehe Orwells Vision.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 45-46

Wilflingen, 5. November 1991. - Sein oder Nichsein? Eher beides. Unsere Scheinwelt wird auf der Rückseite eines Spiegels beobachtet. Dieser Spiegel ist die Zeitmauer.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 48

Wilflingen, 20. November 1991. - Beim Blick in die Morgenzeitung beschleicht diesen und jenen das Gefühlt, der letzte Deutsche zu sein.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 50

Wilflingen, 20. November 1991. - Die Zeitmauer als Spiegel im Sinne des Korintherbriefes wird durchsichtig und auch schon durchlässig. Ist hier noch Ironie möglich? Rückwärts gewendet wohl. Sie findet sich nicht selten in den »Letzten Worten«, doch vor der Brandung: dem »heiligsten der Stürme«, den Hölderlin erhofft. Und mit ihm Novalis:
»Ich fühle des Todes
Verjüngende Flut
Und harrin den Stürmen
Des lebens voll Muth.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 50

Wilflingen, 1. Januar 1992. - Genese des Kreises.
1. Der Punkt hat sich erweitert, realisiert.
2. Die Gerade hat sich gebogen und sich wiederentdeckt.
Das war der schwächere Weg insofern, als der Punkt, wenn er zu atmen beginnt, auch eine Kugel bilden kann.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 52

Wilflingen, 1. Januar 1992. - Um Alexander bin ich immer besorgt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 53

Wilflingen, 3. Januar 1992. - Gespräche über Gesundheit, vor allem Alexanders, der dieser Tage nach berlin fliegen wird.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 53

Wilflingen, 11. Januar 1992. - »Ansonsten«. Auch eines der Modewörter. Warum nicht einfach »sonst«. Ähnlich auch »zögerlich«.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 56

Wilflingen, 11. Januar 1992. - Ich lese jetzt, selbst bei Philosophen: »das macht Sinn«. Bedeutung wird zugemessen und zugebilligt, doch Sinn wird nicht »gemacht«. Sinn existiert.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 56

Wilflingen, 10. Februar 1992. - Und kein Tag ohne einen mindestens ein-, beseer noch: zweistündigen Gang. Gern gehe ich von der Goldbacher Höhe durch die Felsschlucht zur Gletschermühle und über die tausendjährige Kapelle zurück. Gut ist auch der Weg zwischen dem See und der Felswand entlang, der 1846 für die Eisenbahn gesprengt wurde, wodurch ein Teil der Heidenhöhen verloren ging. Auf der Sipplinger Straße rollen fast pausenlos die Autos; ich zähle gestern deren in fünf Minuten über hundert - aber ich entdecke auch immer neue Seitenpfade und Unterführungen. Dabei ist das Fernglas unentbehrlich - sowohl der Vögel, die auf dem See schwimmen, als auch jener wegen, die im Fels nisten. Die Landschaft bietet also sowohl historisch als (immer noch) ornithologisch reiche Ausbeute.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 57

Wilflingen, 10. Februar 1992. - Wolfgang Dufner ist jetz Generaldirektor der Welt-Pfadfinderstiftung, die nun, »nach Gorbi« (für die Jüngeren unter den Lesern: »nach Gorbatschow«; HB), neu zu organisieren ist (ja, und die Gründe dafür sind bekannt; HB).“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 58

Wilflingen, 14. Februar 1992. - Sklaverei gibt es in jedem Jahrhundert, wenn gleich unter verschiedenen Namen ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 61

Wilflingen, 23. Februar 1992. - Beim Gegensatz von Staat und Gesellschaft vergißt man allzuleicht den Einzelnen. Theoretisch wird er von beiden gehätschelt, praktisch um die Wette gerupft. Selbst von den Anarchisten wird er angezapft. Jedes neue System beginnt mit einem Aderlaß. Es bleibt eine Sache, wie er sich zwischen all dem hindurchschwindet. Als Hauptproblem wird es zwar von denmeisten ampfunden, doch nur von wenigen erkannt. In dieser Hinsicht hat Stirner merh zu bieten als Karl Marx.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 63

Wilflingen, 7. März 1992. - The Times Lierary Supplement, No 4638,21. Februar 1992, S. 11:
Ultima Ratio
From the German of Friedrich Georg Jünger
Wie der Titanenwitz
Hinweg nun siedet,
Wie alles rostig wird,
Was er geschmiedet.
Sie hoffen töricht toll,
Daß es gelänge.
Nun brechen überall
Blech und Gestänge.
Die Uniform liegt umher
In rohen Haufen.
Geduld! Auch dieser Rest
Wird sich verlaufen.
Sie schaffen stets ja mit,
Was sie vernichtet,
Und fallen mit der last,
Die sie errichtet.
Like vapour, the titanic scheme
is dissapated,
everything grows rusty now
that they created.
They hoped to make their craze
the lasting plan,
now it falls apart everywhere,
sheet steel and span.
Raw chaos lies heaped up
on wide display.
Be patient. Even the fag endes
will crumble away.
Everything they made contained
what brought their fall
and the great burden they wear
crushes them all.
Eines der Gedichte des Bruders, das ich seit langem schätze - die »Perfektion der Technik« in einige Verse konzentriert.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 64

Wilflingen, 29. April 1992. - Bei der dritten Verleihung des Ernst-Jünger-Preises für Entomologie im Wilflinger Schloß ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 65

Wilflingen, 1. Mai 1992. - Ernstels Geburtstag.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 68

Leisnig, 31. Mai 1992. - Nach fast genau 50 Jahren stand ich wieder am Grab des Vaters, neben dem inzwischen die Mutter und Bruder Physikus beerdigt worden sind. Seit Tagen beschäftigt mich die ordnung von Papieren, die ich aus Sachsen heimholte. Wir fuhren im Wagen und waren außer in Leisnig auch in Dresden, Meißen und Moritzburg, Dresden machte mir einen stattlicheren Eindruck als ich befürchtet hatte; es präsentierte sich wie jede andere Großstadt auch. Die Masse von Automobilen mochte dazu beitragen. Wenn mich mein Instinkt nicht trügt, wird das »Elbflorenz« sich im nächsten Jahrhundert zu einer bedeutenden Kapitale des Ostens, vielleicht sogar zur zentralen, entwickeln - sowohl der geographischen Lage wie seiner Geschichte nach. Die Konstellation ist in jeder Hinsicht günstig; die Stadt hat sich nach den Kriegen Friedrichs (gemeint ist Friedrich der Große; HB), Napoelons und Bismarcks kräftiger entfaltet - diesmal wird es nicht anders sein trotz einer Katastrophe, die Hiroshima an Opfern noch übertrifft.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 69-70

Wilflingen, 1. Juni 1992. - In Montezuma und Cortez messen sich auch Stein- und Eisenzeit. Das setzt ein Datum ex negativo für die vermutete Einwanderung über dei Beringstraße - die Neulinge haben noch nicht einmal über Kupfer verfügt. Und welche Götter brachten sie mit?
Höchst seltsam erscheint mir diese Ausbildung einer sich von allen anderen unterscheidenden Hochkultur, die jede Vorstellung und selbst jeden Tarum übertrifft. Wir sind unerschöpflich, und wenn es hundert Kontinente gäbe, erwüchse aus jedem eine andere Kultur.
Das gibt auch Hoffnung angesichts der Jahrtausendwende - selbst mit dem Untergang des Abendlandes wäre längst nicht alles vorbei.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 72

Wilflingen, 2. Juni 1992. - Es gibt nur eine Sünde, der alle möglichen entwachsen wie dem Kopf der Hydra und der sie entfliegen wie der Büchs der Pandora, wenn sie geöffnet wird. Das ist Undankbarkeit.
Und es gibt nur eine Tugend: Dankbarkeit. Sie zelebriert der Säugling, wenn er schlummert, nachdem er sich an der Brust genährt hat, und die Sonnenblume, die ihr Haupt zum Licht wendet.“

Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 73

Wilflingen, 12. Juni 1992. - Roon zählt wie auch Moltke zu jebnen Generälen, für deren Laufbahn der Vermessungsdienst mit der topographischen Ausbildung günstig gewesen ist.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 74

Péronne, 16. Juli 1992. - Wir folgten der Einladung zur Eröffnung eines Museums, das der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg gewidmet ist. der vulkanische Beginn des Jahrhunderts ist hier gründlich und würdig von den ersten Telegrammen bis zum Waffenstillstand dokumentiert. Das ist nur möglich, weil sich die Wunden schließen und das Erlebnis historisch zu werden beginnt. (Vor allem aber deshalb, weil genug Gelder von Deutschland an die Sieger, die sich druch Kriegsanleihen extrem verschuldet hatten, und also noch mehr an die Gewinner geflossen sind; HB.)
Péronne bildet auch für mich persönlich den Mittelpunkt der Landschaft, in der ich mich, abgesehen von auf Urlaub oder in Lazaretten verbrachten Wochen, währende jener Jahre habe. ich hatte ein Wiedersehen bislang vermieden und fand sie unverändert bis auf die Neubauten und die riesigen Friedhöfe.
Die Stimmung war harfmonisch; unter den französischen und deutschen Freunden konnten wir auh Hans Speidel begrüßen, der wie einst sein Vater als Militär-Attaché in Paris Dienst leistet. Er war in Uniform; wir gingen mit ihm am Abend, ohne aufzufallen, durch die Stadt und blieben in Amiens über Nacht, nachdem wir unterwegs noch lange auf einem der Friedhöfe geweilt hatten.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 75

Wilflingen, 16. August 1992. - Am Weiher. Die Schwalben netzen im Fluge ihre Brust. Die Reduplikation des Wortes steht nur Göttinnen und der Menschenfrau zu.
Ich esse eine Pfirsich, werfe den Kern ins Wasser - er versinkt. Die Kokosnuß higegen bringt ein nautische Ausrüctung für Ozean-Überquerungen mit, ein Kontiki-Modell, genial konstruiert. Das mit Millionen Jahren ins System zu zwängen fiele selbst darwin schwer. Doch nichts gegen ihn. Auch ihn zu konstruieren war ein Meisterstück.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 76

Wilflingen, 16. August 1992. - Im Busen bewahre ich unter anderem auch Aussprüche von Mächtigen, die ich gehört habe und deren Notierung ihr Ansehen nochmehr schmälern würde als ohnehin.
Gewalttaten sind mir nicht vor Augen gekommen. Anfängen habe ich gewehrt. Wie kam mein Feldwebel, sonst ein redlicher Niedersachse, dazu, sich vor mir aufzustellen und zu sagen »herr Hauptmann - der Führer wünscht, daß die Franzosen hart behandelt werden.«? Es hatte ihm vor Laon mißfallen, daß ich Gefangene verpflegen und mit Fuhrwerk versehen ließ. Dem schob ich einen Riegel vor.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 76-77

Wilflingen, 16. August 1992. - »Nehem Sie Haltung an!« Das war bei den Preußen mehr als ein Befehl - nämlich der Hinweis auf eine außer Diskussion stehende Rangordnung.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 77

Magadino, 23. August 1992. - Lektüre während dieser Tage: das Journal, das Drieu la Rochelle von 1939 bis 1945 geführt hat, zumeist in Paris. Julien Hervier hat die Eidtioen besorgt und mit Anmerkungen versehen. Sie ist bei Gallimard erschienen - einer der Gründe, aus denen der Verlag sie Hervier anvertraute, war dessen »Thèse sur Jünger et Drieu«, deren Existenz ich entweder vergessen habe oder die mir unbekannt geblieben ist. Der Vergleich liegt nahe, da ich mich zur seIben Zeit wie Drieu und auch in Paris mit Aufzeichnungen beschäftigte, die nach dem Kriege unter dem Titel »Strahlungen« publiziert worden sind.
Ich lese den Text einmal als Muster schonungsloser Selbstkritik, die Rousseau übertrifft, dann als bewußte Annäherung an die Transzendenz und meditative Vorbereitung des Freitodes, der nach einigen Versuchen endlich gelungen ist. Auch begegne ich fast auf jeder Seite Bekannten, da wir uns während dieser Jahre im gleichen Milieu bewegt haben. Ich vermute, daß Drieus Antisemitismus, der ihm jetzt aus triftigen Gründen mit besonderer Schärfe verübelt wird, sich aus den Kontroversen um Dreyfus entwickelt hat. Sie wurden damals auch am Familientisch geführt. Das hinderte ihn nicht, ein reiches jüdisches Mädchen zu heiraten, dessen Vermögen er während der kurzen Ehe verschwendete. Er erwähnt, daß er seine Frau nie geküßt habe, auch verschweigt er weder seine Exzesse in Bordellen noch seine Syphilis.
Drieus politischen Standort zu bestimmen ist einfach, ihn zu präzisieren dagegen schwer. Zeitströmungen haben stark, doch diffus auf ihn gewirkt. Gewiß hat er in der Geschichte des Faschismus eine Rolle gespielt. Dessen Katastrophe war auch die seine - er wollte sie nicht überleben, obwohl ihm das mit Hilfe Malraux’ und anderer Freunde leicht gewesen wäre - er zog den Selbstmord vor. Zunächst ist Drieu von Hitler begeistert, doch wechseln im Verlauf des Krieges seine Wertungen, bei denen letzthin Nietzsches Einfluß überwiegt. Er hält es für wichtig, »den Grund der Dekadenz zu erreichen« - damit kehre man zur Erde zurück. Ähnlich sagt Nietzsche, er habe den Nihilismus hinter sich gebracht (hat er aber nicht! HB).
Obwohl Drieu seine Hoffnung auf die Nordvölker setzt, wird Stalin, als sich die Wende andeutet, für ihn zur Leitfigur. Der Wille zur Macht und das Gelingen wird entscheidend für ihn. Das klingt nach Nietzsche, führt aber hinter ihn zurück, für den Darwin als Beispiel »englischer Mittelmäßigkeit« mit billigen Wahrheiten hausiert. Ich notiere aus diesem Zusammenhange einen Gedanken Drieus, der auch mich nächtlich beschäftigt und betrübt: »Das Verbrechen gegen Europa ist das anglo-deutsche Duell. - Der Bruderkampf der beiden nordischen und germanischen Völker kommt den Slawen zugute. Hitler ist ebenso schuldig wie Churchill.«
Hier müssen wir schon auf Wilhelm II. und das verhängnisvolle Karzinom Friedrichs III. zurückgreifen. Wilhelms Haß auf seinen Onkel ist ein Shakespeare-Drama im Jugendstil. Daß die Seerüstung scheitern würde, haben viele, unter anderem auch Bebel, früh erkannt. Sie führte am Skagerrak zu einem Schauspiel, das den Einheriern behagt hätte, doch beiden Partnern Wunden zufügte, die nie wieder geheilt wurden.
Drieu berührt von Dreyfus bis Stalingrad die Wunden unseres Jahrhunderts und läßt sie offen, auch seines labilen Charakters wegen; der Selbstmord ist programmiert. Drieu hat ihm ein gutes Kapitel gewidmet: Er spielte mit dem Gedanken, sich zu töten, schon als Kind.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 77-79

Wilflingen, 8. September 1992. - Am Vormittag begrub ich Idris, der gestern abend gestorben ist. Er weilte elf Jahr lang im Haus. Die Redpoints sind ein vornehmes Geschlecht. Idris war zutraulich. Seine Schwester A'ischa, mit der er wie ein Pharao Kinder zeugte, wollte wenig von uns wissen; sie hatte Scheu vor uns. In unserer Nähe stellte sie sich immer so, daB sie die Tür im Rücken hatte, und wenn sie sich einmal auf den Schoß bequemte, hielt sie das Pfötchen nicht unter, sondern über unserem Arm. So konnte sie jederzeit abspringen. Auch ihr Abschied war nobel; als es zum Letzten kam, verschwand sie und starb so einsam, daB wir sie nicht wiederfanden, obwohl wir das Haus und die Nachbarschaft absuchten.
Idris dagegen wurde während seiner langen Krankheit täglich zärtlicher. Er magerte durch Monate hin ab. Die späten Lesestunden der Hausfrau am Kachelofen - das war seine Lieblingszeit.
Er zog sich »stufenweise aus der Erscheinung zurück«: Er sonnte sich noch im Garten, aber wir mußten ihn auf das Geländer heben, an dem er die Krallen zu schärfen pflegte, endlich auch auf den Schoß. Dort konnte er nicht einmal mehr schnurren, aber noch den Kopf wenden.
Ich begrub ihn unter dem Haselbusch. Er hatte sich dort in den Schatten gelegt, wenn ihm die Sonne zu warm wurde. Er bekam Zinnien und einen Grabstein aus der Schwäbischen Alb. Monika Miller, die neben mir stand, fand den Aufwand gut. Ich sagte:
»Idris kommt auch eher in den Himmel als wir.«
»Wieso denn das?«
»Kein Umweg über die Erbsünde.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 79-80

Wilflingen, 8. September 1992. - Descartes’ Behauptung, daß die Tiere belebte Maschinen seien, hat selbst seine Freunde verstimmt. Es taucht dann leicht der Verdacht auf, daß nicht nur dieser Satz, sondern das ganze System schief sein könnte - daß also etwa das berühmte »cogito« den Grundstein zu einem Turm von Pisa darstelle.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 80

Wilflingen, 8. September 1992. - Und: »Was Männer denken, möchte ich mit dem ganzen Körper tun.« Sie wollte Tänzerin werden. (Die verstorbene Frau Henri Thomas'.) Wilflingen, 15. September 1992 Cezanne will im Bild eine neue Wirklichkeit schaffen »parallel zur Natur«. Gut. Der Kritik liegt dann ob, zu prüfen, ob seine Parallelen sich im Unendlichen schneiden oder nicht.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 81

Wilflingen, 16. September 1992. - Im Garten. Admirale und Tagpfauenaugen wetteifern am Fliederspeer. Ich esse Weintrauben und werfe hin und wieder eine Beere den Schildkröten vor. Sie greifen zu und heben dankbar den Kopf. Daß sie den Cargo-Kult nicht kennen, steigert noch ihre Dankbarkeit. Auf ihrem Studium ließe sich ein System errichten - doch wozu ?“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 83

Wilflingen, 16. September 1992. - Das Dunkelfeld belebt sich auf neue Art und Weise, seitdem die Befruchtung in vitro möglich geworden ist. An sich ist diese Paarung von Ei und Samen nichts Neues; sie findet in jedem Tümpel statt. Wird sie in die Technik und dann in die menschliche Praxis einbezogen, übertrifft sie Huxleys Vision. Sie stellt ein Kapitel der Erdrevolution dar. Die Erdrevolution ist ein titanisches Ereignis, das die tote und die organische Natur bewegt. Damit ist auch der Mensch betroffen, nicht nur in seiner historischen, sondern auch in seiner zoologischen Existenz. Er spielt insofern eine besondere Rolle, als ihm der Hebel der Erdrevolution zugewiesen ist: die Naturwissenschaft, die zunächst gegen die Kulte angesetzt wird (Lamettrie, Voltaire, Darwin). Dann gegen die Gesellschaft (Marx, Lenin) und endlich gegen die Art an sich (Atom- und Gentechnik).“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 83-84

Wilflingen, 16. September 1992. - Der Kampf zwischen Göttern und Titanen hat begonnen, als es weder Geschichte noch Naturgeschichte gab - ja selbst vor der Schöpfung, die erst durch diesen Zwiespalt möglich geworden ist. Er wiederholt sich in der Zeit. Das Schauspiel der Gegenwart ist der verzweifelte Kampf gegen den Triumph der Naturwissenschaft, der sich mehr oder minder heimlich in den Laboratorien vorbereitet und mit dem neuer Wein in die alten Schläuche gegossen werden wird. Der Überwindung des klassischen Krieges folgt jene der klassischen Moral.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 84

Wilflingen, 24. September 1992. - Je weiter wir im Alter fortschreiten, desto mehr bewegen wir uns im Urteil über die Vergangenheit zurück, und zwar in drei Schritten - im Tripudium. Der dritte Schritt ist stärker, doch umsonst. Wir holen den Augenblick nicht wieder ein.
Zum Beispiel die Kolonien: Ich war Vorschüler, als wir uns am Herero-Krieg begeisterten. Fünfzig Jahre später stand er in üblem Geruch. Auch Cortez und selbst Kolumbus werden demontiert.
Dann kündet sich wieder eine Wendung an. Mißstände lassen sich trotz großem Optimismus nicht verschweigen, nicht übersehen. Ganz Indien soll, als die Engländer abzogen, nach Leichen gerochen haben, an denen sich die Geier mästeten. In Afrika und Asien fielen befreite Stämme übereinander her. Mißwirtschaft, Krankheiten und Hungersnöte breiteten sich aus. In Sarajewo geht es zur Zeit schlimmer als einst unter den Türken zu: ein vergebliches Heimweh nach dem Habsburger Osterreich erwacht.
Die Polemik der Söhne richtet sich gegen die Väter und das, was sie anrichteten. Dafür gewinnen die Großväter an Ansehen. Und umgekehrt ziehen die Großväter die Enkel vor. Das hörte ich einmal persönlich von einem unserer großen Historiker, Eduard Meyer, als ich kurz vor seinem Tode (1930) zwischen ihm und Hans Blüher am Tische saß.
Ich komme darauf durch die Bemerkung Drieus, in der er die britisch- deutschen Kriege als Ursache der Vernichtung des Abendlandes beklagt. Der Kaiser hatte, als er die Regierung antrat, gute Karten in der Hand. Die alte Queen liebte ihren Enkel; sie fand ihn großartig ....
Ich glaube, es war Houston Stewart Chamberlain, der sagte, daß durch ein Bündnis von England, Deutschland und Amerika der Weltfriede nicht zu erschüttern sei. Andererseits ist der Bruderkrieg ein germanisches Erbübel. (Das Geld verfolgt allerdings eine ganz andere Zweckursache - das Geld hat ein mächtiges Interesse an Kriegen, insbesondere an modernen Kriegen; HB.)“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 84-85

Wilflingen, 1. Oktober 1992. - Die Gräfin denkt über ein Schmetterlingsparadies nach, das sie einrichten möchte, und frug mich um Rat. Dazu wären Vorbereitungen in den Tropen und ein großes Treibhaus nötig, das rege besucht werden würde, nach allem, was ich darüber gehört habe. Es sollte aber nicht auf der Insel stehen, die jetzt schon überlaufen ist. Selbst ihre einheimischen Falter werden rar. Mein Prüfstein ist ein dunkler Rosenkäfer: Liocola. Wenn ich früher mit dem Bruder von Überlingen aus die Insel besuchte, sahen wir die schöne Art nicht selten; 1957 finde ich sie in meinen Notizen zum letzten Mal erwähnt.
Tischgespräch mit dem Leitenden Gärtner über Natur und Welt. Die apokalyptische Stimmung der Jahrtausendwende verführt zur Schwarzmalerei. Viel ist leider begründet, wie der Artenschwund beweist. Aber die Erde hält unerschöpfliche Reserven im Hintergrunde - heilende Kräfte auch. Das Ozonloch soll sich bedrohlich vergrößert haben; katastrophale Folgen der planetarischen Erwärmung werden vorausgesagt. Andererseits wird die Bewölkung zunehmen und einen Teil der Strahlung abfangen. Vielleicht wiederholt sich das Klima der Steinkohlenzeit mit ihrem Wachstum, das uns noch heute zugute kommt. Dann über Aids. »Die Schlange wird sich, auch ohne Medizin, in den Schwanz beißen.« Das ist wie jede Prophezeiung zweideutig. Auch für unsere Ulrich von Huttens kein Trost.
Paläontologen vermuten, daß der Stammbaum der Wirbeltiere viel weiter zurückreicht als bislang gelehrt wurde. Die Annahme stützt sich auf die Conodonten, winzige Fossilien, die eine Art von Rückenstrang aufweisen oder denen er zugesprochen wird. Damit wäre der Lanzettfisch entthront, den ich in Leipzig seziert habe.
Warum verstimmen mich solche Mitteilungen? Weil sie am Lehrgebäude rütteln, das in mir errichtet worden ist. Der Amphioxus hat mir genügt. Er stand als Denkmal dicht neben dem Archaeopterix in meinem inneren Tiergarten. Dort lasse ich ihn auch stehen.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 85-86

Wilflingen, 2. Oktober 1992. - Die Zeitungslektüre wird mit jedem Monat widriger. Die Differenz zwischen den Nachrichten und dem Feuilleton wird paradox. Tatsachen und Meinungen stimmen immer weniger überein.
Im Maß, in dem die Grenzen sich verwischen, nimmt die regionale und epochale Entfremdung zu. Man rückt sich auf den Leib - und leider nicht nur freundlich, wie es, unter vielen auch von mir, gehofft wurde.
Das alte Haus, durch zwei Erdbeben rissig geworden, wird weiterhin geschüttelt; in den Stockwerken werden Tapeten gewechselt, nur in den Kellern ist Betrieb.
Das Ungefähre wirkt sich von der Physik in jeder Richtung aus. Das ist keine Entdeckung, sondern eine seismographische Wahrnehmung, der Entdeckungen nachfolgen. Das Experiment, das die Griechen den Banausen Überließen, entscheidet; die Materie wird abgehorcht. Newton brauchte den Apfel nicht fallen zu sehen; das ist der Unterschied zwischen ihm und Otto Hahn.
Mit dem Triumph der Titanen wird auch das politische Gewicht der Massen zunehmen, die ihrerseits dem Chaos gegenüber auf Eliten angewiesen sind. Auch in dieser Hinsicht war unser Jahrhundert experimentell.
Fachleute fordern die Abschaffung der Großschreibung. Eine Konferenz ist für 1995 geplant. Falls der Heckenschnitt und der Primat der Verkehrsordnung fortschreiten, ist das Ergebnis vorauszusehen. Damit entfiele der Respekt vor den Hauptwörtern, der unsere Rechtschreibung auszeichnet. Man liest dann schneller über sie hinweg. Sie hemmen die Bewegung durch eine besondere Qualität.
Deshalb gelten sie als überflüssig und sogar schädlich wie für den Autofahrer die Alleebäume.
Der Autor wird sich damit abfinden - um so mehr, als der eigentliche Konflikt erst nach dem eventuellen Erfolg der Reform zu erwarten ist. Ein Zwang zur Orthographie kann nur auf der Schule ausgeübt werden - sonst darf jeder so schreiben, wie er will. Er stellt sich damit vor.
Auch ein Verleger kann in jeder beliebigen Schriftart drucken lassen, und es ist möglich, daß es dabei zur Konkurrenz oder auch zu einer Auslese auf dem Buchmarkt kommt. Desgleichen steht jedem Autor frei, nicht nur die Type, sondern auch die Grammatik zu wählen, die ihm behagt.
Die klassischen Texte lesen sich am besten so, wie sie gedruckt wurden. Das trägt zur Zeitstimmung bei. So gefällt mir bei Nietzsche sein schon veraltetes th.
Dagegen, daß die Brüder Grimm in ihrem Wörterbuch die Kleinschreibung bevorzugten, ist nichts einzuwenden - wohl aber dagegen, daß sie in ihr zitiert haben. Ein vertrautes Gedicht verliert die Frische, mit der es aus der Feder floß.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 87

„Wojciech Kunicki schrieb mir in einem seiner Briefe: » Wir Slawen sind Genies des Leidens« ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 88

Wilflingen, 28. Oktober 1992. - An Frank Schirrmacher: ».... War mir der Eifer, mit dem Marschall Keitel darauf gedrungen hatte, daß ich meinen Abschied nehmen solle, um so seltsamer vorgekommen,als ich das nicht beabsichtigte und mich gesund fühlte. Es war aber schon ein Arzt bestellt, und in zwei Stunden war ich Zivilist.
Warum aber das und in solcher Eile dazu? Wollte man mich unbedingt loswerden, hätte ein Kommandierung an die Ostfront genügt. Der Brief nun erklärte mir Keites Eifer - er hatte Angst vor einer unmittelbar gegen mich bevorstehenden Prozeß und wollte sich und die Armee aus drer Affäre heraushalten. Im Falle meines Ordensbruders Rommel wurde das problem mit einer Pille und einem Staatsbegräbnis gelöst. Aber so wichtig war ich nun auch wieder nicht. Übrigens hatte Rommel meine Friedensschrift gelesen und gesagt: ›Damilt läßt sich arbeiten‹.
.... Hätte ich mich damals zurückgehalten und die Leute an sich selbst zugrunde gehen lassen, würde vielleicht mein Sohn noch am Leben sein. Doch das ist ein Kapitel für sich, und hoffentlich bleibt es das auch - - -. Zum Verhalten im Bürgerkriege gebe ich im ›Waldgang‹ einige Ratschläge, und meiner Prognose kommender Dinge in der ›Schere‹ füge ich nichts mehr hinzu«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 92-94

Wilflingen, 1. November 1992. - Historisch gesehen, geht dem Weltstaat ein »Actium« voraus. Darin sind sich die Auguren einig, und diese Erwartung hat zu den ungeheuren Rüstungen der Großreiche während der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts geführt.
Allerdings scheint sich die Vermutung, die ich vor kurzem in der »Schere« notiert habe, daß Actium vielleicht »flach ausfallen« werde, durch die überraschende Beendigung des »Kalten Krieges« zu bestätigen.
Das könnte bedeuten, daß der Übergang zum Weltstaat, ohne daß er wahrgenommen wurde, bereits stattgefunden hat. Die Politik ist durch die Naturwissenschaft überholt und durch die Technik uniformiert worden. »Die Technik ist die Uniform des Arbeiters« (»Der Arbeiter«, 1932).
Daß ein Actium, nicht nur zur See, auf dem Lande und in der Luft, sondern auch im Universum uns hoffentlich erspart bleiben wird, setzt freilich nicht der Gewalt ein Ende, sondern verlagert sie. Das ist ein Kapitel für sich.
Einer der Gründe für Nietzsches Wahnisinn könnte darin liegen, daß ihm die Vision des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu stark wurde.
Neben der Geschichtsperiodik in Spenglers Sinne gibt es auch rein kausale Einschübe. Die Begegnung mit einem riesigen Boliden soll sich innerhalb einer Million von Jahren wiederholen, wenn man den Astronomen gluaben darf. Selbst Meteore von mittlerer Größe verändern schon die Natur. Ebensowenig läßt sich das Auftreten von Genies und Propheten voraussagen, von Göttern ganz abgesehen. Wo die Geschichte endet, führt sie zur Natur oder zum Mythos zurück . mit oder ohne menschliche Präsenz.
Bis zur Erschöpfung geführten Bürgerkriegen folgt brutalisierende Konformität mit dynamischen Effekt. In dieser Hinsicht ist das heutige Europa chronologisch dem Rom vor Actium, doch morphologisch dem Griechenland nach dem Peleponnesischen Kriege verwandt.
Er hat die Polis, insbesondere Athen und Sparta, politisch und moralisch ruiniert. Für Alexander und dann für Cäsar was das Feld planiert. Unsere heutigen Händel entsprechen den Diadochenkriegen - sie werden als Bürgerkriege in einem zwar nicht politisch, doch bereits praktisch bestehenden Weltstaat geführt - zum Teil noch unter nationalen Vorzeichen. Das ließe ich bis zu den kämpfenden Staaten ud sogar personell ausführen.
Oswald Spengler beschränkt seine zyklische Betrachtung auf die Geschichte und im besonderen auf die Kulturen - also auf eine winzige Spanne, verglichen mit jenen der belebten oder gar unbelebten Natur. Es ist aber möglich und sogar wahrscheinlich, daß größere Zyklen rotieren ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 95-96

Wilflingen, 1. Januar 1993. - »Lieber Eric Jacolliot, Sie bitten mich um ›quelques mots de votre main‹ als Vorwort zu meiner Schrift ›Über die Linie‹, deren Übersetzung bei Christian Bourgois erschienen ist und deren Neuausgabe Sie beabsichtigen. Um diesem Wunsche wenigstens in bescheidenem Maß entsprechen zu können, mußte ich mich zunächst bei mir selbst informieren und meinen Text von 1950 nebst den ihn betreffenden bibliographischen Notizen zu Rate ziehen. Schließlich sind über vierzig Jahr verflossen seit jener Zeit. Und sie waren an Ereignissen reich.
Die Lektüre war weniger eine Wiederholung als eine Neuentdeckung verlorener Zeit. Der Essay war mir so weit aus dem Gedächtnis entschwunden, daß ich ihn für den kurzen Beitrag zu einer Festschrift gehalten hatte, wie man sich dessen unter Autoren mehr oder minder pflichtgemäß unterzieht - diesmal anläßlich des 60. Geburtstages von Martin Heidegger.
Vielleicht hatte ich mir besondere Mühe gegeben, denn die Angriffe gegen den Philosophen gewannen bereits an Form. Daß er vor dem Kriege ein Seminar über meinen ›Arbeiter‹ gehalten hatte, war mir damals noch nicht bekannt.
Immerhin verwunderte mich der Umfang der ›Linie‹ im Vergleich zum vergänglichen Anlaß - es handelte sich dabei also wohl auch um ein eigenes Anliegen.
Läßt sich dieses Anliegen nun in einen einzigen Satz fassen? Vielleicht als den Versuch eines Betroffenen, der nach zwei Erdbeben wieder festen Fuß fassen will. Das Besondere an diesem Versuch ist seine optimistische Natur. Nicht, daß es mir ›letzthin‹ an Optimismus mangelte. In meinen Maximen finde ich: ›'Was mich nicht umbringt, macht mich stärker' - und was mich umbringt, macht mich äußerst stark.‹ Hierzu die Formel, die ich nach einem mit Heisenberg, dem Bildhauer Hans Wimmer und meinem Bruder Friedrich Georg verbrachten Abend zum Selbstgebrauch notierte:
X
(X als das Beliebige, etwa eine Amöbe, ein Embryo, der Bäckermeister Meier oder selbst ein Leonardo bei der Exposition über die Zeitmauer: ).
Im Grunde kann also nichts ›schief gehen‹. Die schiefe Ebene ist die Zeit. Die Kugel rollt auf ihr beliebig, doch über die ultima ratio hinaus. Der Kopf der Schlange ist ein Sinnbild auf dem Weg. Hier führt die Hoffnung weiter als die Furcht.
Zum Pessimismus war reichlich Grund vorhanden - um so mehr, als sich neue Konflikte abzeichneten. Es fehlte daher bald nach dem Erscheinen der ›Linie‹ nicht an Einwänden so meinte Gerhard Nebel, daß es sich hier um einen persönlichen Optimismus handle, der nicht zu verallgemeinern sei. Wenn ich diesen Einwand zunächst akzeptiere, muß ich hinzufügen, daß jene Lagebeurteilung sich für mich persönlich offenbar befruchtend auswirkte. Im chronologischen Verzeichnis meiner Schriften, das ich meiner lieben Frau und Hausarchivarin verdanke, finde ich bald nach dem Erscheinen der ›Linie‹ den ›Waldgang‹ und den ›Gordischen Knoten‹ - die eine behandelt das Verhalten des Einzelnen innerhalb der Diktaturen, die andere die historischen Konfrontationen zwischen Ost und West.
1959: ›Die Zeitmauer‹. Wir befinden uns nicht nur am Ende einer Welt-, sondern im Beginn einer Erdrevolution im Sinne von Cuviers Katastrophentheorie. Die Mittel der klassischen Physik, Politik und Moral sind unzureichend geworden; notwendig ist, zu wissen, ›was die Erde will‹.
Damals hatte ich mich noch nicht gründlich genug mit Hölderlin beschäftigt, und die vortreffliche Studienausgabe der beiden Italiener, Colli und Montinari, von Nietzsches Werken, insbesondere der nachgelassenen Fragmente, konnte mir noch nicht bekannt sein, da sie erst 1967 erschienen ist. Sie waren mir wichtig zur Konzeption der ›Schere‹, deren Übersetzung durch Julien Hervier abgeschlossen ist.
Die aphoristisch gefaßte Vision der ›Schere‹ führt die Linie Hölderlin-Schopenhauer-Nietzsche fort. Sie richtet sich im Wesentlichen auf das nächste Jahrhundert, das im Triumph des Titanismus unerhörte Überraschungen zeitigen wird. Die Herrschaft der ›in eherner Wiege Gewachsenen‹ wurde von Hölderlin, als dem Dichter feindlich, gefürchtet, von Schopenhauer pessimistisch betrachtet, von Nietzsche, der das 21. Jahrhundert als seine geistige Heimat ansah, mit Leidenschaft bejaht.
Hölderlin geht um ein weiteres Jahrhundert über Nietzsche hinaus. Er hält die ›dürftige Zeit‹ für notwendig, weil ›göttliche Fülle der Mensch nur selten erträgt‹. Aber er weiß, daß sie wiederkehren wird - ›zur richtigen Zeit‹. Inzwischen tröstet der Dichter sich im Schlaf, das heißt: mit den Träumen, und mit dem Wein.
Dionysos ist für Hölderlin vor allem im Interim mächtig, für Nietzsche als Festherr absolut. Für ihn ist, wenn Apollo schließlich die Sprache des Dionysos redet, das höchste Ziel der Kunst erreicht (›Geburt der Tragödie‹).
Die Befürchtung, daß von den Titanen nur Unheil drohe, liegt nahe, doch sie wird selbst von Hölderlin nicht geteilt. Prometheus ist Götterbote und menschenfreundlich; bei Hesiod ist das titanische das Goldene Zeitalter. Die Ablösung der Eisenzeit durch die Strahlung findet zunächst in den Naturwissenschaften statt. Die Macht ihrer Formeln erweist sich in der Technik und ihrer Apparatur. Sie wird von einer Vergeistigung begleitet, welche die Astrologen dem Sternzeichen ›Wassermann‹ zuschreiben. Der Energiehunger wird wachsen; die Kern- und Gentechnik wird die Gesellschaft in einer Weise formen, die selbst Huxley nicht vorausgesehen hat. Jules Vernes Utopien sind maschinell - und inzwischen weit überholt. Nur in der ›Idee des Doktor Ox‹ wird eine Geistesänderung erwogen, die an unsere Drogenszene gemahnt. Die eigentliche Frage ist nicht, wie die ›Neue Welt‹ zu bewältigen wäre, sondern wie sie sich formiert. Sie schafft Einblicke kultischen Ranges, so in den Dualismus des Lichtes - philosophisch ebenbürtig Leibniz' Monaden und theologisch der Transsubstantiation. Das ist prometheischer Stil.
Auf Auguren und ihre Auspizien ist wenig Verlaß. ›Kopf oder Wappen?‹ Beides kann stimmen, je nachdem, wie die Münze fällt. Das hängt jetzt von dem ab, was die Erde will, und von der Tiefe des Einblicks in die Materie. Die Hoffnungen am Neujahrstage unseres Jahrhunderts waren glänzend, doch sie sind enttäuscht worden. Die Welt hat sich verdüstert, während der Zustrom an Energie fortwährend und bedrohlich schwillt. Und doch ist es möglich, daß Phoebus nach den Wolken erscheint. Die Aufgaben sind planetarisch - wohl zu groß für nur eine Generation.
Doch zur ›Linie‹ zurück. Selbstkritisch muß ich sagen, daß der Text für mich nicht einfach zu lesen war. Über manche Sätze leuchten Maximen wie Glühwürmchen hilfreich hinweg. Dabei nimmt mich wunder, daß diese Schrift eine Reihe von Auflagen erlebt hat und immer noch gelesen wird. Ähnliche Erfahrungen wurden mir jetzt mit der ›Schere‹ zuteil. Eine Leserin schreibt mir, daß ihre alte Mutter, eine einfache Frau, sich noch vor dem Hinscheiden an dem Buch tröstete. Das höre ich von manchem meiner Texte, so von der ›Zollstation‹ - und damit sollte ich zufrieden sein.
Trotz allem scheint mir auch nach vierzig Jahren die zuversicht auf das nächste Jahrhundert begründet, wenngleich sich die Perspektive geändert hat. Die Schlange als Sinnbild der Erkenntnis ist erdmächtig geworden, und die Frage erhebt sich, ob sie sich hinter der Wissenschaft verbirgt. Das entspricht ihrem titanischen Charakter - ob es dem Menschen nützt oder ihn schädigt, bleibt ein Kapitel für sich.« “
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 97-101

Wilflingen, 16. Januar 1993. - Das Jahr beginnt wie in einem Fahrzeug, dessen Bremsen erheblich gelockert sind. Es schlottert auf den Geraden, wird in den Kurven riskant. Säße man im Ballon, müßte man Ballast abwerfen - Ansprüche, die zu Unrecht, Urteile, die zu Vorurteilen geworden sind.
Zum Geleit: »Impavidum ferient ruinae«. Das zur Umwelt. Und als beständiger Trost: Vom Zeitlosen trennt uns nur ein Atemzug. “
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 101

Wilflingen, 5. Februar 1993. - »Die Politik ist die Lustseuche der Autorschaft.« Paul Morand. Eine gute Maxime, die er, und merh noch seine gattin, nicht beachtet hat. Ich hatte sie gewarnt. Als sie gegen Ende der Okkupation Paris verließen, notierte ich: »Rs wird Herbst; die Schwalben ziehen davon.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 102

Wilflingen, 8. Februar 1993. - Ein Wandel, außergeschichtlich und (zum mindesten!) naturgeschichtlich im Sinne der Cuvierschen Katastrophentheorie, bedeutet auch, daß er mit politischen, ja selbst geschichtlichen Kräften nicht mehr zu bremsen ist.
Zum Beispiel kann die elektronische Ummantelung und Ausstrahlung des Erdballs nicht ohne Konsequenz bleiben. Ihr gegenüber sind die Inhalte, etwa die Bilder und Nachrichten, sekundär.
Eine politisch-moralisch schwankende Gesellschaft verfügt über Uhren, Fernrohre und Mikroskope von unübertrefflicher Präzision.
Auch von der Moral abgesehen, die häufig als lästiger Hemmschuh empfunden wird, hat sich das Urteil über den reinen Nutzen noch nicht stabilisiert. Die Atombombe etwa (auch sie ein Kind des Vaters aller Dinge) hat wenigstens den klassischen Krieg ad absurdum geführt. Daß dem so bleibe, macht allerdings den Weltstaat notwendig.
Daß mit der Abschaffung des Krieges die Gewalt nicht beendet, sondern verlagert wird, versteht sich am Rand. Siehe dazu das Gespräch, das ich hier im Hause darüber mit Moravia geführt habe.
Die Präzision der Meßkunst erstreckt sich auf viele Gebiete und fördert Mängel zutage, die man seit jeher gehabt hat und denen man wie der Alzheimerschen Krankheit oder dem Ozonloch erst einen Namen geben muß.
An der Veränderung des Klimas ist der Mensch unbeteiligt und weniger schuldig, als er denkt. Allerdings ist er unentbehrlich, freilich nur wie im Kampf der Götter und Titanen Prometheus unentbehrlich war.
Das heißt wiederum, daß er auf seinen Einsatz (dabei denkt er vor allem an die Technik) nur bescheiden rechnen darf, obwohl er dazu verpflichtet ist.
Diese Konfrontation ist vor-adamitisch und nicht nur irdischem, sondern kosmischem Walten gemäß. Sie wird das nächste Jahrhundert beschäftigen. Zudem regt sie zur Frage an, ob nicht die Erde das einzige Gestirn ist, auf dem ein diesem Walten adäquates Bewußtsein besteht. Die bisherigen Ergebnisse der Raumfahrt widersprechen dem nicht.
Um auf das »Ozonloch« zurückzukommen: wir wissen nicht, ob es derartiges in der Witterung schon einmal gegeben hat, oder ob es sich rhythmisch wiederholt. Jedenfalls ist es die Folge einer Eruption. Die Erde verausgabt und verwandelt den Vorrat ihrer Energie. Ihr Haushalt wird sich dem anpassen.
Der Energiehunger wird zunehmen. Er ist sowohl naturwie kulturfeindlich und wird bei jeder Entscheidung den Ausschlag geben, gleichviel in welchem Umfang er das Recht und die Moral transformiert. Abzuwarten ist, inwieweit er sich selbst reguliert.
Unterentwickelt ist, wer technisch nicht mithalten kann. Das schließt die Bildung kleiner und mächtiger Eliten nicht aus, erfordert sie sogar.
Die Freiheit schwindet im Maß, in dem die Motorik wächst. Der Verlust wird kaum bemerkt, ja begrüßt und zugleich nostalgisch gefühlt.
Wenn die Erde der einzige von »fühlender Brust« bewohnte Planet ist, wird sie wieder in vorkopernikanischem Sinne zur Mitte der Welt.
Jede Jahrtausendwende bringt apokalyptische Visionen -diesmal, dem Zeitalter entsprechend, technischer Natur.
Astrologisch gesehen, ist das Zeitalter der Fische abgeschlossen -hat Golgatha seine Aufgabe erfüllt?“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 110-111

Saulgau, 4. Mai 1993. - Magnifizenz, lieber Alfred Toepfer, meie sehr geehrten Damen und Herren, die Verleihung des Robert Schumann-Preises der Stiftung F.V.S. bedeutet für mich eine hohe Auszeichnung. Mein herzlicher Dank gilt dem großherzigen Stifter, den Mitgliedern des Kuratoriums dieses Preise, der Universität Bonn und allen, die sich zur mehr oder minder weiten Reise hierher bemüht haben. - Schon der Ort unserer Zusammenkunft hat eine diesbezüglcihe Bedeutung: das Hotel, einstens Poststation, befindet sich seit über dreihundert Jahren im Besitz der Familie Kleber, der auch der berühmte napoleonische General dieses Namens angehört hat. .... Der Schuman-Preis wird verliehen für markante Verdienste um die europäische Vereinigung. Sie basiert in erster Linie auf der deutsch-französischen Verständigung oder, besser gesagt: Freundschaft, da die Erbfeindschaft seit langem begraben ist. .... Ich danke den Mitgliedern des Kuratoriums dafür, daß sie nach einer Reihe hervorragender Politiker und Wirtschaftler nun mich, einen Schiftsteller, auszeichnen. Im Vergleich zu den Leistungen der Vorgänger ist mein Beitrag zu Europa bescheiden und eher symbolischer Natur. Zudem frage ich mich, wie weit wir mit unseren Bemühungen inzwischen gediehen sind - gewiß nicht so weit, wie wir gehofft hatten. In meiner Jugend, vor 1914, gab es für Reisende keine Grenzen. Nur für Rußland brauchte man einen Paß. ....
.... Ich denke beim heutigen Anlaß an ein Gespräch zurück, das ich vor fast genau 50 Jahren, am 13. Juli 1943, mit meinem Freund Alfred Toepfer geführt habe .... Die Schrift, die Alfred Toepfer Ihnen hier überreichen läßt, hat eine lange Geschichte; sie geht mehr als ein Jahr hinter das Gespräch zurück, das ich soeben erwähnt habe. Persönlich hatte ich sie zunächst nur als Stütze für meinen Optimismus gedacht. Ich mußte mich kurz fassen, beendete sie vor einem Kommando in den Kaukasus und verschloß sie mit anderen Geheimsachen in meinem Panzerschrank. Nun, auf Drängen Toepfers, nahm ich sie wieder vor.
Man versuchte auch auf andere Weise an mich heranzutreten. Erst jetzt, nach Öffnung der russischen Archive, ist mir der Aufruf bekannt geworden, den Johannes R. becher, später Kulturminister der ehemaligen DDR, mir aus meiner Berliner Zeit bekannt, am 23. Oktober 1943 von Moskau aus durch Rundfunk an mich gerichtet hat. Er forderte mich auf, im Westen daruf hinzuwirken, daß der Krieg beendet werde, er wolle es im osten tun. Darin der Satz: »Getrennt sind wir marschiert viele Jahre lang, nur gilt es, vereint zu schlagen.« Damit überschätzte er freilich meine Möglichkeiten. Schon der Aufruf kam mir nicht zu Ohren, und die Generäle im Osten, deren Stimmung ich während meines Kaukasus-Kommandos zu erkunden beauftragt gewesen war, kämpften damals schon ums nackte Überleben ihrer Truppen und waren, auch bei negativer Einstellung zum Regime, in einer solchen Situation nicht zum Aufstand bereit. Wäre es dazu gekomen, hätten wir heute ein sowjetisches Europa, oder auch schon wieder keines mehr.
Ich beschränke mich hier auf meine Beziehung zu Frankreich, weil es mir das früheste Erleben seit meinem Aufenthalt als Austauschschüler in Buironfosse im Jahre 1909 ist (das Programm für Austauschschüler war also schon lange vor dem Beginn des 1. Weltkrieges gängige Praxis! HB). Doch bschränkt sich meine Zuneigung nicht auf dieses nachbarland. Was wäre ich ohne die Landschaften des Mittelmeeres, dessen Küsten ich wieder und wieder besucht habe, was ohne die Dichtung Italiens, Spaniens, Rußlands, Englands, Skandinaviens? ich hoffe, daß das, was ich von überall her empfangen durfte, durch meine Bücher zurückwirkt, die in diese Sprachen übersetzt sind.
Dem Autor kommt ein hohes Alter insofern zugute, als er ein Fazit ziehen kann. .... Doch es fragt sich, was bleibt. Von meinen drei Leuchttürmen: Hölderlin, Schopenahuer, Nietzsche - war nur dem mittleren der Blick auf eine postume Morgenröte gewährt. “
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 112-116

Wilflingen, 3. April 1993. - Auf dem Sessel neben dem Kamin ein helles Kissen mit schwarzem Muster - es verwandelt sich in Idris auf diesem Platz, den er im Winter bevorzugte. - Ein Augentrug? Gewiß - dooch andererseits nur möglich als Gruß des platonischen idris - nicht das Kissen hat ihn: er hat das Kissen belebt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 117

Wilflingen, 5. April 1993. - Bei der französischen Post ein Brief mit einer Marke, die mein Photo trägt. Sie ist gestempelt - dazu die Unterschrift: »Ernst Jünger, Chasseur subtil«. - Ich hatte das Kuriosum zunächst übersehen, wurde aber durch ein Zitat des Adressanten darau aufmerksam hemacht: »Heute gibt es nichts SChädlicheres als Ehrungen. wenn man erst auf den Hund gekommen ist, kommt man auch auf die Briefmarken (E. J. am 17. November 1973).«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 118

Wilflingen, Anfang Juni 1993. - Im Weltstaat wird sich die gegenseitige Befruchtung fortsetzen; er ist undenkbar ohne sie.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 119

Wilflingen, Anfang Juni 1993. - Hölderlin sieht im Zeitalter der Titanen, die er die Eisernen nennt, eine Ermattung der Künste, und vor allem der Dichtkunst, voraus. Die Rüstung der Titanen ist vor allem technischer Natur. Doch Hölderlin ist von der Rückkehr der Götter überzeugt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 120

Wilflingen, Anfang Juni 1993. - Der Anarch ist autark. Er ist weder Anarchist noch Nihilist und von der Gesellschaft unabhängig, obwohl e. um seine Ruhe zu haben, deren Sitten und Riten befolgt. Als Bäcker z.B. wird er guetes Brot backen, und dann ist Feierabend für ihn. Sollte er zufällig ein Genie sein, so wird der anarch inkeine Stilrichtung eintreten, sondern einen eigenen Stil gründen. In diesem Sinne war Goethe zugleich Minister und Anarch.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 120

Wilflingen, 21. Juni 1993. - »Die beste Monarchie ist jene, die der Republik, und die beste Republik jene, die der Monarchie am ähnlichsten ist.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 122

Wilflingen, 28. Juni 1993. - Zu Schopenhauers handschriftlichem Nachlaß zählen die »Cogitata«, die anfangs 1830 in Berlin begonnen worden sind. Indem ich sie aufschlug, stieß ich auf die Notizen des Philosophen zu Kerners »Seherin von Prevorst«. Der Eindruck, den dieser Bericht auf ihn geübt oder, wie zeitgenössische Kritiker meinten, verübt hat, ist bedeutend; gewisse Absonderlichkeiten legt er der »Leichtgläubigkeit und dem schwachen Urtheil« Kerners zur Last.
Ich entsinne mich, daß ich, durch die »Parerga« angeregt, das Buch vor sehr langer Zeit gelesen, aber nicht beendet habe - wahrscheinlich weil mich der christliche Weihrauch à la Görres störte, von dem auch Schopenhauer abrückte. Er bezeichnet den Text als höchst verfänglich, geht aber unbeirrt auf den Kern ein - inwiefern Geistererscheinungen beachtlich und ernstzunehmen sind. Dabei entlastet er sich in rationaler Hinsicht, indem er sie an das Gangliensystem delegiert. Die Seherin meint, daß die Begegnungen in ihrern »inneren Ringe« oder in ihrer »Herzgrube« stattfänden. Dabei konnte sie in ihren täglichen Gewohnheiten fortfahren - etwa ihre Suppe essen, während eine Erscheinung sie in Anspruch nahm. Ihr Zustand läßt sich also, auf die Moderne übertragen, dem eines Reisenden vergleichen, der im Flugzeug sein Menü verzehrt, während er durch das Fenster auf eine phantastische Landschaft blickt.
Es versteht sich, daß Schopenhauers Notizen zum »Geistersehen« zu ihrer Zeit und irn Jahrhundert, das folgte, eher als feuilletonistische Exkurse gewertet worden sind. Der Philosoph wagte eine Grenzüberschreitung unter gebotener Vorsicht, nicht aber den Abweg zum populären Mystizismus, wie es ihm vorgeworfen wird.
Was mich nun nach eigenen Erfahrungen daran fesselt , das ist die besondere Form der Wahrnehmung, die ich weder dem Traum noch dem Wachsein zurechne und den »Dritten Gang« nenne. Von beiden unterscheidet sich ein Sehen durch die geschlossenen Augenlider, in dem selbst belanglose Dinge eine außerordentliche Schärfe annehmen. Um auf die Moderne zurückzukommen: nach einem Blick durch das Fenster auf die Alpen gewinnen Messer und Gabel eine schattenlose Plastik - die Turbulenz kontrastiert. Daher die Vorliebe für Stilleben. Die Dinge, seien es auch nur ein Bleistift und eine Streichholzschachtel, schmücken sich zum Fest. Allmählich leuchten sie schwächer, als ob eine Batterie sich erschöpfte oder eine Erwartung ermüdete. Erscheinungen künden sich an, doch sie lassen sich nicht erzwingen - sie sind autonom.
Schopenhauer selbst wirkt in seinem Werk, als ob der Leser immer wieder auf einen Ganglienknoten stieße; das reicht über die bloße Lektüre hinaus. Der Meister ist anwesend. Daher stiftet er nicht nur Gemeinden, sondern auch Freundschaften. Man erkennt sich dank ihm.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 125-127

Wilflingen, 27. Oktober 1993. - Trouvaillen beim Ablegen von Zeitungen:
»Ich, Daniela K., nehme am Mittwoch, den 24. März 1993, amläßlich meines 30. Geburtstages trostspendende Worte, die mich mein hohes Alter vergessen lassen, ganztägig entgegen.
P.S.) Suche Anschluß an aktive Seniorengruppe!«
Soll ich mich melden? .... Der dreißigste Geburtstag ist eine Wegmarke; in der Tat rückt das Alter heran.
....
Ferner: Ein vierzehnjähriger Gymnasiast in der Zeitschrift »Neue deutsche Schule«:
»Lesen muß der Mensch erst lernen, Fernsehen ist eine angeborene Fähigkeit. Also ist Fernsehen viel natürlicher als das umständliche Lesen.« (Das Im-Wald-vor-sich-hin-Dösen ist auch viel natürlicher als das umständliche Im-Gymnasium-Pauken für einen späteren hochbezahlten Beruf; ich schlage daher vor, diesen vierzehnjährigen Gymnasiasten des umständlichen Gymnasiums zu verweisen, ihn überhaupt von jeder Art von Schule zu »befreien«, also auch von jeder Art von Hilfsschule [Sonderschule], Privatschule und Unterricht in der Familie, damit er endlich nur gemäß seiner »angeboren Fähigkeit« für den Rest seines Lebens ausschließlich im Wald leben kann; HB.)
Der Gedanke ist gut. Er berührt nicht nur eine neue Methode der Unterrichtung, sondern auch einen fundamentalen Unterschied der Wahrnehmung.
Dazu Goethe: »Der Dichter bringt seine Werke nur vor die Phantasie, der Maler unmittelbar vor die Sinne« (Ich verdanke das Zitat einem Leserbrief von Sofie Nabholz, Ravensburg).
Goethe setzt hinzu: »Was einem Dichter erlaubt ist, ist einem Maler noch lange nicht erlaubt«.
Dieser Maxime widerspricht das Fernsehen täglich und nächtlich zu jeder Stunde: Im Fernsehen ist alles erlaubt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 127-128

Wilflingen, 23. Dezember 1993. - Daß Titanisches unvermeidlich heransteht, wird täglich deutlicher. Es versagen nicht nur die politischen Formen, sondern die historischen auch.
Wie sollen wir uns die Reihenfolge göttlicher und titanischer Entfaltung vorstellen, die uns nur am Rande betrifft? Ist sie zyklischer oder linearer Natur? Wenn wir mit Hesiod das Chaos als Anfang setzen, muß der Titan dort stehen. Doch vor dem Wüsten und Leeren muß noch ein anderes gewesen sein: Zeitlosigkeit. in ihm ist Göttliches anwesend. Imsofern ist anzunehmen, daß Göttliches, sei es bemerkt oder unbemerkt, verehrt oder verachtet, immer vorhanden ist. Sein Ort bleibt der Traum, der wein und das Gedicht.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 129-130

Wilflingen, 9. Mai 1994. - Johannes Gross im »Frankfurter Allgemeine Magazin« vom 6. Mai 1994:
Zwei Bundespräsidenten, Walter Scheel und Karl Carstens, haben als Protektoren des Ordens Pour le mérite [für Wissenschaft und Künste] die Anregung gegeben, Ernst Jünger, unsereb größten lebenden Schriftsteller, aufzunehmen; Jünger war im Ersten Weltkrieg der militärische Pour le mérite für hervorragende Tapferkeit verliehen worden. Bisher ist nur eine vergleichbare Zelebrität Mitglied beider Orden, des zivilen wie des miltärischen, gewesen, Helmuth von Moltke (d.Ä.; HB), gleich ausgezeichnet als Feldherr wie als Schriftsteller (Träger dieser beiden Orden ist aber nicht nur dieser eine, sondern es sind vier: [1. ] Helmuth von Moltke, [2.] Otto von Bismarck, [3.] Julius de Verdy du Vernois, [4.] Hermann von Kuhl; HB). Der Orden ist der Anregung der Präsidenten nicht gefölgt. Ernst Jünger darf sich sagen: der heutige Orden hätte auch Molke abgelenht.
An Johannes Gross: »Ihre Glosse zum ›Pour le Mérite‹ trifft ein Paradoxon meiner Existenz insofern, als ich der Letzte bin, der zur preußischen Krone noch ein legitimes Verhältnis besitzt. Deshalb haben Heuss und Speidel mich seinerzeit auch befragt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 138

Wilflingen, 12. Juni 1994. - Gerd Tellenbach stellte die Frage,ob »nichtgeschehene Ereignisse« sich auf lange Sicht oder gar weltgeschichtlich hätten auswirken können - also etwa ein Freispruch Jesu Christi durch Pontius Pilatus oder die Vernichtung des fränkischen Heeres 712 durch die Araber bei Tours und Poitiers?
DAs ist eine Frage, die auch mich allnächtlich bewegt. Ganz allgemein ist zu sagen, daß der Schicksalsdruck so stark werden kann, daß er, wenn nicht zur gleichen, so doch zu ähnlichen Lösungen führt. Um das jahr Null war die Ablösung der Götter durch den Menschen fällig, und ein Sieg der Araber über Karl Martell hätte nur ein Datum innerhalb ihres unvermeidlichen Rückzuges aus Europa gesetzt.
Mich behelligen eher Quisquilien. Wie wäre es, wenn Wilhelm II. statt der Animösität gegen seinen Onkel sich auf die englische Verwandtschaft gestützt oder wenn Hitler einen Juden wie Valeriu Marcu als Graue Eminenz gehabt hätte?
Das sind Gedankenspiele für schlaflose Nächte - in der Geschichte gelten nur Tatsachen. Dazu gehört die Mittellage eines reiches, das nicht nur durch eigene Spaltungen bedroht ist, sondern auch durch fremde Heere, die auf seinem Boden Krieg führen. Aus jeder Himmelsrichtung lädt man den Unrat darauf ab.
Diese Lage kann sich verschieben und (wahrscheinlich nach Osten) delegiert werden.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 144

Wilflingen, 18. Juni 1994. - Zur »Zeitmauer«. Konsequenzen:
Fische
Sohn
Eisenzeit
Zweites Testament
Merkur
Nationalstaaten
Demos
Chaos
Titanen
Prometheus
Zyklopen
Ewig
Wassermann
Heiliger Geist
Strahlungszeit
Drittes Testament (
Beginn mit Apokalypse)
Uranos
Weltstaat
Chaos
Ordnung
Götter
Zeus
Odysseus
Zeitlos
und so fort.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 144-145

Wilflingen, 19. Juni 1994. - Mein Verhältnis zur Autorschaft ist dürftig - ich vergesse meine Bücher bis auf den Titel: »denn alles, was entsteht, ist ert, daß es zugrunde geht«. Was aber ist der Grund? Wichtig ist einmal die Konzeption, also der Einfluß oder die Eigabe aus der Umwelt, wenn man sie bis zur Grenze der Zeitmauer begreift. Dem entspricht vom Eigenen her die Intuition. Wir existieren nicht nur im Realen, sondern auch in einer Welt, in der wir möglich sind. Wir schöpfen mit einem Becher aus dem Meer und werfen den Becher zurück.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 145-146

Wilflingen, 19. Juni 1994. - Ein Leser aus Kanada bedankt sich bei mir. In einem meiner Bücher habe ich ein Gebirge beschrieben, in dessen Labyrinthen und Katakomben ein Unternehmer Gräber mit »ewiger Ruhe« verspricht. Da das Bedürfnis danach eminent ist, macht er ein gutes Geschäft. Dieser Leser, Inhaber einer Bestattungsfirma, schreibt mir, daß er, dadurch angeregt, mit großem Profit Gräber im arktischen Permfrost anbiete.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 146

Wilflingen, 20. Juni 1994. - Das Werk »Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt« erschien im Herbst 1932, also kurz vor dem Dritten Reich, weshalb es auch gern der » Wegbereitung zum Nationalsozialismus« bezichtigt wird.
Daß einem Buche, welches nach über sechzig Jahren auch heute noch nicht seinen Stellenwert gefunden hat, eine so fulminante Wirkung zugeschrieben wird, scheint um so merkwürdiger, als es von der Partei und ihren Gremien entweder unbeachtet geblieben oder unfreundlich aufgenommen worden ist. Das versteht sich angesichts von Sätzen wie:
»Der Nationalismus und der Sozialismus sind zu erkennen als Prinzipien, die dem 19. Jahrhundert zugeordnet sind.
Die Ordnungen der nationalen Demokratie treiben in demselben Maße, in dem sie an Allgemeingültigkeit gewinnen, Zuständen der Weltanarchie zu.
Ebenso ist der Sozialismus außerstande, gültige Ordnungen zu verwirklichen.
Diese beiden Prinzipien scheitern an sich selbst, indem jede beliebige Macht sich ihrer Spielregeln bedient.« (»Der Arbeiter«, 1932, S. 316; HB).
Abgesehen davon, daß der »Arbeiter« zu den Büchern gehört, die mehr kritisiert als gelesen werden, paßten solche Thesen weder in den Rahmen des Nationalsozialismus noch der Weimarer Demokratie. Sie stießen aber auch auf das Befremden von Geistern, auf deren Urteil ich Wert legte. Sowohl Carl Schmitt wie Oswald Spengler lehnten die Gestalt des Arbeiters als eine »Lobpreisung des Proleten« ab. Das war insofern ein Mißverständnis, als sie ihr den marxistischen Maßstab anlegten. Marx hat den Begriff der Arbeit für eine Klasse usurpiert. Als Gestalt repräsentiert der Arbeiter jedoch weder eine ökonomische Klasse noch eine biologische Rasse, sondern bildet in planetarischer Auslese einen Typus aus. Sein Reich ist die Erde mit der Technik als Weltsprache.
Diese Gestalt durchdringt und zerstört die alten Stände, also das Priester-, Krieger- und Bauerntum. Es hat mich verwundert, daß ausgerechnet Spengler sich in seinem Brief auf den Bauern als Gegenfigur berief. Ihm, der den Cäsarismus wiederkehren sah, konnte die Verwandtschaft der Kollektive mit den antiken Latifundien nicht entgangen sein. Allerdings ist das Wort »Arbeiter« im bürgerlichen Zeitalter zu einem Stigma geworden, das auch dieser geniale Historiker nicht überwunden hat.
Als einzige Koryphäe hat Martin Heidegger der »Gestalt« von Anfang an Beachtung gezollt. Er hat auch ein Seminar darüber abgehalten; ich hörte davon nur die Tatsache. Nicht vergessen will ich jedoch ein bedeutsames Gespräch mit Leopold Ziegler in Überlingen; die Zustimmung des Philosophen (»Gestaltwandel der Götter«) berührte den Kern.
Die Aufnahme des Buches durch kleine Zirkel von jungen und älteren Lesern war impulsiv. Sie beschränkte sich zunächst auf Debatten und Briefe - so von meinen Brüdern Hans und Friedrich Georg, Hugo Fischer, Gerhard Nebel, Friedrich Hielscher, Paul Weinreich und Benno Ziegler von der Hanseatischen Verlagsanstalt. Einen besonderen Fürsprecher gewann »Der Arbeiter« in Ernst Niekisch im » Widerstand«. Im großen und ganzen blieb das Echo verworren, obwohl es bald zu einer zweiten Auflage kam.
An speziell dem Thema gewidmeten Büchern sind zu erwähnen Marcel Decombis’ »Le Travailleur« (Paris 1943) und ein gründliches Werk von Erich Brock, dem, wie er sagte, »Der Arbeiter« die Augen öffnete. Es wurde kurz nach Stalingrad in Basel veröffentlicht und vom Verleger als die »endgültige Entlarvung eines Faschisten« präsentiert. So schwanken die Meinungen.
Habent sua fata libelli - das erfuhr ich auch von Freunden in diesem Fall. Heinrich von Stülpnagel, der das Buch für nationalbolschewistisch hielt, sagte mir vor meinem Kommando an die Ostfront, das ich aus verschiedenen Gründen antreten sollte: ich würde nun auch erfahren, wie das in Wirklichkeit aussehe.
Auch heut hat sich, wie gesagt, das Urteil nicht präzisiert. Ich möchte das eigene nicht ausschließen. Damals bin ich mehr einer Ahnung als einem Plan gefolgt. Wie ist die Drohung apokalyptischer Katastrophen mit einem Fortschritt, der in der Naturwissenschaft und der Technik jede Utopie übertrifft, zu vereinigen? »Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode« - es muß eine ordnende Kraft dahinterstehen. Hier bietet sich dem Denken die neuplatonische Wendung an.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 146-148

Wilflingen, 14. August 1994. - Andererseits ist nicht zu leugnen, daß das Geburtsdatum zu unserem Karma gehört.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 149

Wilflingen, 6. September 1994. - Leonardo ist, wie jeder Große, zeitlos, zeitgemäß unf unzeitgemäß.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 151

Wilflingen, 16. September 1994. - Umwelt. .... Der Geldfluß wird rasant. Das ist eine Tatsache. Ideen laufen nebenher.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 153

Wilflingen, 20. September 1994. - »Als Carl Schmitt Statsrat werden sollte, habe ich ihm abgeraten .... Noch auf dem Sterbebette habe er gesagt: »Ernst Jünger ist ein zuverlässiger Freund‹. .... Obwohl katholisch, wurde er Alexanders Taufpate. Wenn er mich in Goslar besuchte - er hatte natürlcih eine Freikarte -, standen die Beamten an der Sperre stramm. Professoren sind für dergleichen besonders anfällig. Seine gesitige und seine persönliche Ausstrahlung waren für mich belebend - er bleibt in meinem Gedächtnis ein guter und unergründlicher Freund.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 154

Wilflingen, 14. Oktober 1994. - Schachautomaten. Wie mancher unserer frühen Träume ist auch der Philodor realisiert. Die Enttäuschung kann nicht ausbleiben.
Das Spiel ist halbautomatisch geworden, als ob man Tennis gegen die Wand spielte. Die Technik entmythisiert.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 155

Wilflingen, 17. Dezember 1994. - Seitdem ich lesen konnte, ist kaum ein Tag vergangen, in dem mich nicht ein Buch oder deren mehrere beschäftigten. Ich war ein schlechter Schüler, weil ich bis spät in die nacht und manchmal bis zum Morgengrauen Bände verschlang, wie sie mir in die Hand fielen, seien es Schundromane oder klassische Werke, sogar solche, deren Inhalt ich nicht verstand. Das Lesen war für mich eine kultische Handlung, wie es als solche geehrt wurde, als es innerhalb der Völker nur kleine Eliten von Schriftkundigen gab.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 156

Wilflingen, 17. Dezember 1994. - Die Schrift kristallisiert das Mannigfaltige; sie macht es begreiflich, bringt es in Griff.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 156

Wilflingen, 17. Dezember 1994. - Die platonische Kraft einer Dichtung ist stärker als die historische Realität.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 156

Wilflingen, 17. Dezember 1994. - Der Arbeiter, Herrschaft und Gestalt. Der neuplatonische Versuch, die Technik als zeitgemäße Form des Titanismus zu begreifen und entsprechend einzustufen; ohne kultisches Äquivalent würde der Weltstaat nur eine Seifenblase sein.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 157

Wilflingen, 25. Dezember 1994. - Gegen zwei Uhr morgens erwachend, brauche ich zum Wiedereinschlafen etwas Gemütliches. Etwa:
Wilhelm II. (*1859) lädt August Bebel (*1840) zu einer Teestunde ein.
Freundliche Unterhaltung; der Kaiser fragt seinen Gast, warum er unsere Kolonien nicht nur für unnötig, sondern sogar für schädlich hält. Gerade ihn sollte die Hottentottenwahl doch belehrt haben.
Wilhelm raucht Zigaretten; Bebel nimmt von ihm eine Havanna an. lehnt aber eine gefüllte Zigarrentasche ab.
Ein gutes Schlafmittel.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 157

Wilflingen, 4. Mai 1995. - An Frank Schirrmacher: »Unsere Wünsche für 1995 zuvor.
Wenn ich, wie jetzt durch Ihre Feder, meine Vita erfahre, kommt sie mir selbst fast unglaubwürdig vor. Der Nativität wäre hinzuzufügen, daß in meinem Geburtsjahr Röntgen die nach ihm benannten Strhalen entdeckte und Dreyfus degradiert war.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 160

Wilflingen, 10. Januar 1995. - Friedrich Nietzsche fühlte sich, wie er sagte, im 21. Jahrhundert zu Haus, vor dessen Schwelle wir stehen. Dort ist auch das Zeitalter des Übermenschen zu erwarten, dessen Ankunft sein Prophet verkündete.
Vom Übermenschen ist keine Annäherung an das Göttliche zu erhoffen, wie sie Leonardo als Künstler oder Alexander als Feldherr verkörperte. Der Übermensch ist ein Titan. In ihm triumphiert der Wille zur Macht. Seine Lust will Ewigkeit, aber sie reicht nicht an das Zeitlose hinan. Die Weltgeschichte wird von Menschen und ihren Völkern ausgetragen; sie stellt im geologischen Maßstab nur eine winzige Spanne dar. Die Erdgeschichte dagegen übergreift den Zeitraum, in dem es Menschen gab und geben wird. Und vor ihr wechselten sich Götter und Titanen in der Herrschaft ab. Ihr Kampf greift immer wieder in die Geschichte ein. Im Übermenschen zeichnet sich wieder einmal eine der Wenden dieses Streites ab.
Nietzsche hat sich gründlich mit Darwin beschäftigt - er kommt zu dem Schluß, daß dieser den Typus »der englischen Mittelmäßigkeit« repräsentiert: »Es gibt Wahrheiten, die nur von mittelmäßigen Köpfen erkannt werden können - wir wollen die Nützlichkeit davon, daß solche Geister zeitweilig herrschen können, nicht anzweifeln.«
In diesem Sinne hat Darwins »Entstehung der Arten« Nietzsche wohl den Anstoß zur Konzeption des übermenschen gegeben, ihm jedoch letzthin nicht genügt. Der Übermensch ist für ihn keine Variante, sondern eine neue Spezies. Er ist weniger eine zoologische als eine geistige Mutation. Mit ihr verknüpfen sich große Erwartungen. Das 21. Jahrhundert wird nach der Ablösung der Götter (»Gott ist tot«) ein titanisches Zeitalter sein. Heimat und Spielraum des Übermenschen ist der Kosmos; er ist ein Raumfahrer. Und auch als Art wird er zu einem neuen Geschöpf der Erde; sie streift wieder einmal die Haut ab und wechselt ihr Kleid. Dabei leistet der Mensch mit seinem Wissen ihr Beistand - das ist sein Schicksal -, er kann, ob es ihm nützt oder schadet, nur zu dem beitragen, was die Erde will.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 163-164

Wilflingen, 20. Februar 1995. - An Dr. Domenico Conte: »Ich danke Ihnen für die Zusendung Ihrer wichtigen Schrift. Sie haben recht in der Vermutung, daß Oswald Spengler einen bedeutenden Einfluß auf meine geistige Entwicklung ausgeübt hat. Meinem Bruder Friedrich Georg, der nach seiner schweren Verwundung Muße zum Lesen gefunden hatte, verdanke ich den ersten Hinweis auf den ›Untergang des Abendlandes‹. Auch mich hat die Lektüre fasziniert. Die Folge war ein Brief an den Autor, dem ich auch mein Kriegstagebuch sandte - er lud mich daraufhin nach München ein. Ich war damals sehr beschäftigt - daß ich der Einladung nicht gefolgt bin, bedauere ich noch heut.
Im Herbst 1932 kam es noch zu einem kurzen Briefwechsel anläßlich meines Buches »Der Arbeiter«. Spengler hat das Wort im Sinn des 19. Jahrhunderts, also des Klassenkampfes, verstanden - damit war ihm, ähnlich wie Carl Schmitt, schon der Titel suspekt. Beide hielten die Absicht des Werkes für ein Lob des Proleten im marxistischen Sinne - für mich ist es ein neuplatonischer Rückgriff auf die prometheische Substanz. Das wird mir erst heute deutlicher. Dazu empfehle ich Ihnen die Lektüre des großartigen Kapitels, das mein Bruder Friedrich Georg in seinen ›Griechischen Mythen‹ dem Prometheus gewidmet hat. Die Götter schöpfen aus der Fülle - Prometheus schafft. ›Prometheus ist stolz auf die Werke seines Geistes und seiner Hand, und dieser Stolz kehrt bei dem prometheischen Menschen wieder, bis in die Verkrümmung hinein, bis in jene Selbsteinschätzung der Arbeit und des Arbeiters, die den Sisyphismus wieder in das Leben einführt.‹«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 165-166

Wilflingen, 24. Februar 1995. - An Albrecht Kiel: »Zu Ihrer Anfrage: Karl Jaspers bin ich nur einmal begegnet - war es in Basel oder in Konstanz?
Das Datum kann ich bestimmen, weil er mir damals seine ›Psychopathologie‹ schenkte: am 5. Oktober 1949.
Seine Äußerung bezog sich auf Schüler und auf Sekretäre speziell. Damit war aber nicht Armin Mohler gemeint, dessen Promotion er ja gegen den Widerstand der Fakultät durchsetzte.
Wir unterhielten uns in einem ziemlich großen Raume, und Jaspers setzte sich in eine Ecke - vielleicht, weil er eine Ansteckung befürchtete. Der allgemeine Eindruck: timid. Auch darin ein Gegensatz zu Heidegger, der annäherungsfreudig war.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 166

Wilflingen, 14. März 1995. - Die Post kommt des herandrohenden Hundertsten wegen in Körben - zahllose Erinnerungen flechten sich ein. Manche davon würden erdrücken - in der Menge stützen sie sich ab. Inge Dahm fischte den Brief eines von Ernstels Kameraden heraus, der am Gefecht teilgeommen hat, in dem der Sohn gefallen ist.
Gefallen oder ermordet - das ist im Weltbürgerkrieg die Frage, die sich stellt, wenn die Todesnachricht kommt. Der Kompanieführer hat, angeblich wegen Überlastung, keine näheren Angaben gemacht. Ich war mit Gretha der Meinung, daß wir nicht näher nachforschen sollten. - und das nicht ohne Grund. Ernstel hatte sich bei dem Regiment gemeldet, das die Tradition der Gibraltar - Füsiliere übernommen hatte - das war jedoch, wie wir nachträglich erfuhren, dem berüchtigten Heinrich Himmler unterstellt worden.
Dem Brief dieses Kameraden kann ich nun entnehmen, daß an jenem 29. November eine Abteilung deutscher Soldaten in einem Winkel des Marmorgebirges eingeschlossen und verlustreich beschossen worden war.
Also doch gefallen - daß der unvergeßliche Henry Furst ihn in seinem Sarg nach Wilflingen brachte, war besonders für Gretha ein ungemeiner Trost.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 166-167

Saulgau, 29. März 1995. - »Verehrte Gäste, liebe Freunde, die Sie hier zu meinem Hundertsten versammelt sind: Ein solches Alter zu erreichen, hat mir selbst in meinen Träumen fern gelegen - es schien mir nicht einmal wünschenswert. Ich habe mein Leben unter anderen Auspizien geführt.
Ich bin 1895 geboren - in einem Jahrhundert, von dem Valeriu Marcu mir auf einem unserer Berliner Spaziergänge sagte, daß man sich nach ihm noch alle zehn Finger lecken wird. Trotzdem begann das unsere mit großen Hoffnungen - besonders hinsichtlich der technischen und politischen Fortschritte. Darin sind wir auch nicht enttäuscht worden. Im Jahr 1895 hat Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdeckt, die bislang Unsichtbares sichtbar machten und damit neue Messungen innerhalb der anorganischen und der organischen Welt ermöglichten.
Das Jahr ist auch insofern bedeutend, als in ihm die Dreyfus-Affäre noch hohe Wogen schlug, die entscheidende Begegnung der konservativen Mächte mit der Demokratie.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, so scheint mir, daß ich es als Leser verbracht habe. Das mag verwunderlich klingen - doch habe ich von Werken und Taten zuerst durch Bücher erfahren, also platonisch - den Ariost habe ich in der Kartentasche mitgeführt - , und bin dann durch die Realität enttäuscht worden. So auch durch die Kriege. Karl Marx hat es auf die Formel gebracht: ›Ist eine 'llias' möglich mit Schießpulver?‹ Das ist mein Problem.
Die Zahl Zwei hat in meinem Leben eine besondere Rolle gespielt. Ich habe zwei Weltkriege erlebt, zwei Mal den Halleyschen Kometen gesehen. Ich habe zwei Söhne überlebt. Mein geistiger Zwillingsbruder war Friedrich Georg. Vor allem zwei Ehen - ich wurde mit Gretha in der Leipziger Thomaskirche, mit Liselotte im oberschwäbischen Heiligkreuztal getraut.
Nun hat sich für mich der Zyklus von fünfzig Jahren wiederholt. Kurz vor seinem Anfang, Ende März 1945, hat Joseph Goebbels die Presse angewiesen, von meinem Geburtstag keine Notiz zu nehmen - wenige Wochen vor seinem Tod. Das hat sowohl politisch wie privatim eine Vorgeschichte gehabt.
Noch einmal zur Ambivalenz. Hundert Jahre wiederholen sich nicht. Aber es darf gefragt werden, ob sich das Leben wiederholt. Das wäre eine Wiedergeburt. Dank meinen Freunden, und meinen Gegnern auch. Beide gehören zum Karma - ohne sie kein Profil.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 168-169

Wilflingen, 1. Mai 1995. - Einer setzt Marken. Ob Paulus, ob Kant, ob Thomas von Kempen (Thomas Hemerken; HB) - alle führen auf Plato zurück.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 173

Wilflingen, 8. Mai 1995. - Ich lese als Anzeige in der »Welt«:
»
VAE VICTIS
8. Mai 1945 8. Mai 1995

Zum Gedenken an alle Landsleute, die als Folge der ›Befreiung‹ von Hab und Gut, Heimat und in vielen Fällen auch von ihrem Leben befreit wurde. Merke: Die Würde eines ›jeden‹ Menschen ist unantastbar.

August Kaiser

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Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 174

Wilflingen, 4. Juli 1995. - Ich habe im Escorial zu tun - Verleihung des zweiten Ehrendoktorhutes in Spanien, diesmal der Universität Complutense Madrid-Alcalá, der ältesten im Land.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 175

Wilflingen, 4. Juli 1995. - »Vielmehr haben die beiden Male, während deren ich in Frankreich als Soldat weilte, Freundschaften gestiftet, die sich bis zum heutigen Tage bewährt haben. Das gilt nicht nur für meine Quartierwirte, sondern auch für den Maire der Stadt (Paris; HB), der mich zum fünfundsiebzigsten Jubiläum der Schlacht einlud, die ihren Namen trägt: Combrai. Dazu schrieb er; ›Als Autor der ,Orages D'Acier‘ behalten Sie einen unvergessenen Ruhm in unserer Stadt, Deshalb wurde schon im Jahre 1987 eine Allee des Stadtgartens auf Ihren Namen getauft, einer öffentlichen Anlage, in der Sie damals spazierengegangen sind und die Sie in Ihrem Buch erwähnt haben.‹

Die Frucht zweier Kriege war für mich meine Friedensschrift, in der ich ein künftiges Europa und selbst den Weltstaat als notwendig gefordert habe. Längst schon war mir klar geworden, daß mir ein gelungener Satz wichiger war als ein gewonnenes gefecht.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 180

Wilflingen, 18. August 1995. - Carl Schmitt ist in meiner und ich bin in seiner Biographie unvermeidlich, er unter andere, als Alexanders Taufpate. “
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 186

Wilflingen, 20. August 1995. - Die Triebe der Schlingpflanzen führen kreisförmige Bewegungen aus. Sie suchen, um sich anzuheften,einen Halt.
Ich frage mich, ob sie außerdem ein Gefühl, etwa eine magnetische Wahrnehmung, besitzen, die sie dem Halt zustreben läßt. Nach Mesmer ist der tierische Magentismus universal.
Allgemein betrachtet, führen wir alle diese zyklische Bewegung aus - im Tages-, Jahres- und Lebenslauf. Das Datum wiederholt sich an den Geburtstagen.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 187

Wilflingen, 25. August 1995. - Gleichzeitig mit Karl May entdeckte ich Ariost. Orlando hat sich erhalten, Old Shatterhand ist verblaßt.
Der »Orlando furioso« in der kongenialen Übersetzung von Hermann Kurz und Paul heyse, illustriert von Gustav Doré, stand als Prachtwerk in der Rehburger Bibliothek. Das Buch war so schwer, daß ich es nur kniend lesen konnte, wie es sich gebührt. Während des Ersten Weltkrieges war der »Orlando« meine Einführung in die heroische Welt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 18-189

Wilflingen, 24. September 1995. - Wenn ich als Anarch auf mein Verhalten im Dritten Reich zurückblicke, fällt mir ein, daß ich nie mit »Heil Hitler« gegrüßt habe.
Das war ein Fehler, der mir nur Scherereien einbrachte. Einmal, als wir im Harz die Waldluft genossen, kam ein Wanderer vorbei, dessen kräftigen Heilgruß ich mit einem freundlichen »Guten Morgen« erwiderte. Vor dem Bahnhof sahen wir uns wieder - er deutete mit dem Finger auf mich und rief: »Habt Ihr schon mal einen gesehen, der dem Führer die Ehre verweigert hat?« Ein anderes Mal kam in Kirchhorst der Gendarm ins haus und beschwerte sich darüber, daß Ernstel ihn unvorschriftsmäßig gegrüßt habe. Die Leibziger Arbeiter waren klüger - sie sprachen sowieso undeutlich und antworteten mit einem »Drei Liter«, daß die Wandeln wackelte. Heut gil es löblich, gegen den Strom zu schwimmen (obwohl, nein weil ein noch viel höherer Prozentsatz an Menschen als früher mit dem Strom schwimmen; HB), aber das sind nur Pißrinnen.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 193

Sigmaringen, 30. September 1995. - Nachmittags im Sigmaringer Staatsarchiv. »Preußen ín Hohenzollern«. In den Dokumenten manche Beziehungen zu meinem Lebenslauf - nicht nur als Ritter des Hohenzollernschen Hausordens, den ich nach Cambrai bekam.
Nachher an der Donau entlang. Abgesehen von den Schwänen und Bläßhühnern fallen dort verschiedene Entenarten ein. Am häufigsten ist die Stockente.
Auf den Kalk eines Brückenpfeilers waren mehr oder weniger obszöne Sgrafitti gepinselt - darunter:
»Warum sagt deine Frau immer Ludwig zu dri?«
»Weil ich ihr Vierzehnter bin.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 194

Wilflingen, 9. Oktober 1995. - Prometheus im »Arbeiter« ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 195

Wilflingen, 3. November 1995. - Das Denken kennt keine Pause, nicht einmal im Schlaf. Doch gibt es zeitlose Augenblicke wie einen Stromausfall. Sie führen vor das Nichts, den größten Türöffner. Orgasmus und Ekstase vor dem Tod.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 197

Wilflingen, 3. November 1995. - In Braunschweig führte mein Schulweg durch die Sperlingsgasse, in der Wilhelm Raabe (1831-1910) noch lebte, von seinen beiden Schwestern betreut. Sie hatten noch nicht sein letztes Wort (»Is he noch nich dode?«) gehört.
Ich kam auch an der Bäckerei vorbei, in der Eulenspiegel Eulen und Meerkatzen buk.
In Hameln durchquerte ich die Straße, in der die Inschrift eines Erkers an den Auszug der Kinder erinnerte. »Unter dem Koppen verloren.« Ein Pfeifer in macherlei farben hatte sie verführt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 198

Wilflingen, 9. November 1995. - Heideggers »Gestell möchte ich das »Geschirr« zuordnen. Das Sein in der Ruhe und in der Bewegung.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 198

Wilflingen, 20. November 1995. - Ich war in der Fremdenlegion 13 314 - so wurde ich zum Dienst aufgerufen, und wenn ich Post bekam.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 199

Wilflingen, 20. November 1995. - Hugo reicht in der Schilderung des satanisch Bösen fast an Klopstock heran ....“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 200

München, 26. November 1995. - Im Grunde kommt nichts leichter zusammen als ein alter Priester und ein alter Soldat. Der eine hat sich für das Vaterland unen, der andere für das oben aufgeopfert; kein weiterer Unterschied.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 200

München, 26. November 1995. - Hugo sagt: ».... Was uns fehlt, zieht uns an.«“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 201

Wilflingen, 14. Dezember 1995. - Jeder Punkt ist auch ein Ziel, wenigstens potentiell. Wir können in jedem Moment umfallen. Ein Dahlschlag, wie man in Niedersachsen sagt.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 202

Wilflingen, 14. Dezember 1995. - Meine speziellen Anreger, man könnte sie auch Erwecker nennen, die den Charakter formen und sich ihm einprägen:
•  Rimbaud als Dichter
•  Schopenhauer als Denker
•  Hamann als Magier
Die Bekanntschaft mit dem Magus war unsausweichlich; ich schloß sie in Leipzig während meines Studiums. Vor dem Zoologischen Institut begegnete ich dem Sohn des Leisniger Gutsbesitzers, der einen Sack Kartoffeln auf der Schulter trug. Ich hörte von ihm, daß er ihn einem Philosophen bringen wolle, der in der Nähe wohne - da machte mich neugierig; ich begleitete ihn. Auf diese Weise lernte ich Hugo Fischer kennen, der zusammen mit seiner Freundin und späteren Frau Alma in der Dachwohnung eines Arbeiterhauses, was damals in Deutschland noch ungewöhnlich war. .... In der Mansarde lagen Hamanns »Brocken« auf dem Tisch. Einige Stichproben genügten zur Einstimmung.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 202-203

Wilflingen, 15. Dezember 1995. - Titanen und Götter lösen einander ab. Das war längst vor uns und wird nach uns sein. .... Prometheus hat sich von den Ketten befreit.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 203

Wilflingen, 15. Dezember 1995. - Der Tag beginnt mit Autogrammen; da Stierlein sortiert die Desiderata aus der post. Die Briefe haben das doppelte Gewicht. Die Handschrift ist noch präsentabel - »ein alter Kriegr zittert nicht«.“
Ernst Jünger, Siebzig verweht, Band V, 1997, S. 204

 

 

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- Literaturverzeichnis -