Herbst / Abend

18 Uhr 24
Uhr

Spätkultur und Zivilisation



(18-20 Uhr) Ehe oder Napoleonismus

Brandenburger Tor in Potsdam, 1770 Löwenburg im Bergpark Kassel, 1793-1801 Friedenskirche im Park Sanssouci, 1845-48 Neuschwanstein, 1868 Baubeginn

Die geistige Keimlegung einer später werdenden Kultur erfolgt bereits im Herbst zweier älterer Kulturkreise, also zweier Zivilisationen. Sie sind die Erwachsenen, die Vollendeten, aber auch die werdenden Eltern, die Älteren, die ihr Dasein und Sosein offenbar auf einen Nenner gebracht haben und sich deshalb vom oberen Zähler nicht mehr geprägt fühlen, weil sie sich selbst dazu rechnen, trotz der Gefahr, daß auch Zähler gelegentlich ins Unendliche wachsen. Etwas zu prägen liegt ihnen am Herzen, sich prägen zu lassen dagegen nicht. Sie sind Kulturen am Abend, wie die Spätkulturen des Herbstes: eine Weinlesekultur und Abenddämmerung zugleich. Sie sind romantisch - gar keine Frage. Eigenes zustande bringen wollen sie und vergessen dabei leicht, daß sie einmal Kinder waren, geprägt wurden. Sie sind demokratisch - gar keine Frage. Das müssen werdende Eltern sein. Als Ehepartner und Selbständige ersinnen sie Planungen für den Lebensabend, bauen Häuser, gehen einer Arbeit und einem Berufsziel nach. Sie sind Industrialisierte - gar keine Frage. Als Klassiker unter den Menschen haben sie die Reife, die nötig ist, um für alles Folgende die eigene Verantwortung und Leistung immer wieder repräsentiert zu bekommen. Sie sind die Vertreter der diplomatischen Kritik, weil sie nörgelnde Kritik nicht mögen. Ihre Liebe zur Partnerschaft ist fast grenzenlos und deshalb gefährlich. Dieser Idealismus führt oft zu Ungleichgewichten, weil die Gleichheit ständig angestrebt wird. Allen wollen sie es recht machen, weshalb für sie juristische Fragen nur demokratisch zu lösen sind. Abgesehen davon, daß ihnen das Geld immer wichtiger zu werden hat, weil die Hypothekenzinsen für ihr Eigenheim gestiegen sind, befinden sie sich in einer Phase der Konsolidierung und Routine. Wären da nur nicht immer die schlechten Nachrichten, die ihnen, wie eine andere Presse, die Gefühle der Einengung vermitteln. Aber sie lieben die Medien - gar keine Frage.

Zum Anfang der Waage In der Kulturgeschichte stellt eine Partnerschaft im frühen Erwachsenenalter einer Kultur die kaum bewußte Anziehung zu einer anderen Kultur, aber auch die sehr bewußte Gefährdung einer solchen Vermählung dar: den masochistischen oder den sadistischen Kulturtransfer. Eine Kultur kommt wegen der anderen nicht in Form, weil diese jene aushöhlt. Oswald Spengler () nennt diesen Prozeß Pseudomorphose, die zunächst die eine, dann die andere Partnerkultur erfassen kann. So wie Ägypter und Sumerer für die Antike, so waren Antike und die magische Kultur die Eltern des Abendlandes. Das Abendland nennt sie Antike und Christentum, liebevoller: römisch-katholisch. Ob und wessen Eltern Abendland und Eurasien einmal sein werden, ist noch nicht zu erkennen, aber deren Kind könnte später wohl vom Wesen eines global-kosmischen und tiefebenen Charakters sein. Eine Ehe ist gewöhnlich zunächst einmal eine reine Partnerangelegenheit. Solche Kulturpartner sprechen nun auf sehr eigenartige Weise über ihre Kinderwünsche; meistens sind sie reine Ideen, z.B. die Alexanders des Großen (356-323), Griechen und Perser verschmelzen zu wollen, oder die Idee Napoleons, die Welteinwohner mit den Revolutionsideen der Franzosen zu vermählen. Kulturtransfer meint tiefensoziologisch immer Eroberung und Verzicht zugleich.

Über den Verlust der Freiheit oder der jugendlichen Unbekümmertheit klagen Verheiratete erst, nachdem die Heirat vollzogen worden ist. Deshalb beginnt die Ehe in der Phase des Übergangs von der Kultur zur Zivilisation. Dies ist nicht wertend gemeint, sondern der Versuch zur Beschreibung einer Ehesituation, die ja bekanntlich auch von real existierenden Erwachsenen meistens nicht wehleidig oder anklagend geäußert wird. Aber, und das ist entscheidend, sie wird zu spät bemerkt. Erst wird die Ehe fast bedingungslos angestrebt, um danach durch Krisen überstanden werden zu müssen. Genau auf diese Weise verläuft auch das dritte Quartal, das herbstliche Kulturquartal.

Zum Anfang der Waage Eine Ehe ist nur zwischen zwei verschiedenen Kulturen möglich, ansonsten heißt sie Verwandtschaft. Die Zeit der Jugendliebe ist vobei, vorbei die Zeit der ersten Welteroberer, als die abendländischen Kolonialmächte Portugal, Spanien, Holland und England den überseeischen Kolonien den ersten Kuß gaben. Auch Schwedens Liebesspiel mit Rußland, der Nordische Krieg (), gab dem Partner einen ersten Geschmack für Gelüste nach Ostseegroßmacht (1721). Die Ehen aber sind etwas aggressiver und gelten in der Regel ewig (ahd. "ewa" = ewig geltendes Gesetz , Ehe). Sie äußern sich durch aggressive Eroberungskriege. Der Ring des Krieges beginnt. Diesen Ehering ergriffen 334 bis 323 Makedonien und Vorderasien (magische Kultur) und 1812 bis 1814 Frankreich und Rußland (eurasische Kultur), ohne zu wissen, auf wen oder was sie sich da eingelassen hatten und wer sich dazu später als Krisenmanager herausstellen sollte. (20-22). War der mit der Trauung beauftragte Standesbeamte vielleicht auch der Eheberater? Trauzeugen waren ja genug vorhanden. Die eine Ehe hieß fortan Hellenismus, die andere Europäismus. Solche Ehen sind tatsächlich Pseudomorphosen: eine Formgebung durch Dominanz und eine Formübernahme durch Anpassung. Durch Kristallisation bleibt die vorher schon vorhandene Form erhalten, während die inhaltliche Substanz verändert wird. Man steckt nicht mehr in der eigenen Haut. Es entstehen gefälschte Formen: Haßgeliebte und Liebgehaßte. Wenn wir die Chemie auf die Soziologie übertragen, bedeutet dieser Vorgang, daß sich in einer Partnerschaft immer ein gewisses Dominanzverhältnis herauskristallisiert und daß sich dieses Verhältnis auch umkehren kann. Das ist im Falle der Antike und dem Morgenland auch so gewesen, wie wir später noch sehen werden. (0-2).

Zum Anfang der Waage Eroberungen führen zur Ehe, die immer wieder bestätigt werden will und muß. Auch deshalb sind Zivilisation und Expansion nicht voneinander zu trennen. In unserem Kulturkreis haben wir eine Phase, wenn nicht sogar ein ganzes epochales Quartal mit dem Begriff Imperialismus belegt. Der Beginn solcher Imperien, wie es sie so zuvor in den Kulturen nicht gegeben hatte, ist mit eindeutigen Daten zu belegen: 358 v. Chr. begann unter Phillip II. (359-336) die Einigung Makedoniens, 1792 die Uneinigkeit in Frankreich, d.h. die Schreckensherrschaft der Revolutionäre; beide, antike Einigung und abendländische Uneinigkeit, führten jeweils zu einer Persönlichkeit, die die Herrschaft nicht ohne Gewaltanwendung an sich riß. Alexander der Große (356-323) kam nach der Ermordung Phillips II., 336 v. Chr., Napoleon () durch unterschätzte Popularität mit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire des Jahre VIII () an die Macht. Beide Imperien waren von kurzer Dauer, aber beide haben Kulturwerte über den eigenen geographischen Kulturkreis hinaus verbreitet und in ihm alte Systeme beseitigt, z.B. die poliartige Einzelstädterei in Griechenland oder die fürstliche und kurfürstliche Kleinstaaterei im Deutschen Reich. (Vgl. 10-12 und 14-16). Aber beide haben es nicht vermocht, den Westen ihres Kulturkreises zu bezwingen. Sie konnten ihn nicht überzeugen.

Kurz vor diesen beiden Prozessen etablierten sich zwei neue, zukünftige Mächte: die Vereinigten Stadtstaaten von Latinien (Rom) und die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort sind es die Ständekämpfe, die zu den licinisch-sextischen Gesetzen (367/366) und damit zur Etablierung des römischen Amtsadels, der Nobilität (Patrizier und Plebejer) führten, hier war es der Unabhängigkeitskrieg (), der zur Unabhängigkeitserklärung (1776) und letztlich zur Unabhängigkeit der USA von England führte. Dort stand man noch unter den Eindrücken der Etrusker-Hegemonie und der Gallier-Gefahr, hier unter denen der England-Hegemonie und der französisch unterstützten Indianer-Gefahr. Tatsächlich waren diese Prozesse inzestuöse Vermählungen unter homoerotischem Vorzeichen. Die Partner waren zu verwandt. Sie konnten inzuchtartig nicht funktionieren, denn die Scheidung von England und die Scheidung vom griechsich-etruskisch beeinflußten Teil Italiens bedeuten in Wirklichkeit eine Fortsetzung der Gepflogenheiten der früheren Vormächte unter neuen Bedingungen der zukünftigen.

 

Zum Anfang der Waage

Entwicklungen im 18. und 19. Jahrhundert bzw. im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr.

Zum Anfang der Waage Nach Alexanders Tod (323 v. Chr.) setzten die Kämpfe um seine Nachfolge ein, die Diadochenkämpfe. 301 v. Chr. sollten vier Reiche, am Ende dieser Kriege (280) nur noch drei Reiche übrig bleiben: Makedonien unter den Antigonen, Vorderasien unter den Seleukiden und Ägypten unter den Ptolemaiern. In der westlichen Antike, die zuvor nur als Kolonie bedeutend gewesen war, wurde Rom nach dem Ständekampf durch die licinisch-sextischen Gesetze von 367/366 und durch die drei Samnitenkriege Herrscher in Mittelitalien. Wenn man sich die Geschichte im Abendland nach Napoleons Niederlage ansieht (1814/1815), tritt die Analogie offen zutage: die Restaurationspolitik, hinter der vor allem die englische Gleichgewichtspolitik stand, um selber freie Hand in Übersee zu haben, garantierte in Europa eine Pentarchie der Großmächte England, Preußen, Österreich, Frankreich und Rußland. Genau wie in der Antike, so legten sich auch im Abendland die Diadochenkämpfe, hier Revolutionen genannt, erst nach etwa 40 Jahren, bis Napoleon III. () durch Putschversuche (1836 und 1840) und Präsidentschaftswahlen (1848) das Parlament auflöste (1851), diktatorische Befugnisse übertragen bekam und 1852 erblicher Kaiser wurde, aber am Ende (1870/1871) scheiterte, weil Preußen ihn nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg gefangen nahm, Frankreich wieder Republik und Preußen in Frankreich (Spiegelsaal von Versailles) wieder zum Deutschen Reich wurde (Zweites Deutsches Reich). Im fernen westlichen Abendland, das zuvor nur als Kolonie bedeutend gewesen war, wurden die U.S.A. ebenfalls nach einem Ständekampf, nach dem Unabhängigkeitskrieg durch die Unabhängigkeitserklärung von 1783 und durch die Eroberungen im Westen Herrscher in der Mitte Nordamerikas. Gleichzeitig erreichte dort die erste große Einwanderungswelle ihren Abschluß. Iren (38%) und Deutsche (33%) übertrafen dabei die zur Minderheit herabgerutschten Angloamerikaner (16%), die dennoch herrschend blieben. Ein Omen!

 

Zum Anfang der Waage Dem abendländischen Klassizismus in Baustil, Kunst, Malerei und Musik entspricht die antike Klassik. Hier sind die Bildhauer Praxiteles (4. Jh. v. Chr.), Skopas (4. Jh. v. Chr.) und Lysippos (4. Jh. v. Chr.) sowie die Musiktheoretiker, z.B. Platon (427-347), Aristoteles (384-322), Aristoxenos (um 354/350) und Euklid (um 312/300), zu nennen.

Kompositkapitell (Römische Ordnung) Die römische Kunst war von Beginn an von der etruskischen und griechischen Kunst beeinflußt. Die Griechen nahmen insbesondere durch die unteritalienischen und sizilianischen Kolonien Einfluß auf die Römer. (Vgl. 10-12, 12-14 und 14-16). Infolge der Siege über die östlichen Mittelmeerländer drangen auch hellenistische Formelemente in die römische Kunst ein. Die Säulenordnung wurde der griechischen immer ähnlicher. (Vgl. 20-22 und 22-24). Die römische Ordnung, eine Mischung oder Zusammenstellung aus ionischen und korinthischen Elementen, entwickelte auch das Kompositkapitell, das sich später als Erbe im Abendland großer Beliebtheit erfreuen sollte. Beispielsweise übernahm die spätere karolingisch-ottonische Kunst die römischen Kapitelle in stark vereinfachter Form, während Romanik und Gotik eigenwilligere abendländische Formen fanden und erst die Renaissance, der Barock und das Rokoko die antiken Formen wieder reintegrierten, bevor sie in der jetzigen Phase in aller Klarheit veredelt werden konnten: im Klassizismus und in der Romantik.

Klassisch heißt vollkommener, idealer Ausgleich von Inhalt und Form, den der deutsche Archäologe und Kunstgelehrte Johann Joachim Winckelmann (), Begründer der klassischen Archäologie und der neueren Kunstwissenschaft, in erster Linie der antiken Kunst zuschrieb. Daraus entstand der Begriff der Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven) und der Weimarer Klassik (Goethe, Schiller). Goethe und Beethoven waren diejenigen, die die Klassik zu einer unübertreffbaren Reife führten. Nicht zufällig war die Klassik die Zeit des erwachsenen Goethe und endete mit seinem Tod (1832); nicht zufällig kann man an Beethovens Lebensdaten die Zeit der Klassik ablesen: . Er war der Vollender der deutschen musikalischen Klassik und Kronzeuge der europäischen Musikromantiker. Fast gleichzeitig mit der Klassik begann die (Früh-) Romantik in Instrumentalmusik, Oper und Lied, z. B. durch Franz Schubert (). Bloße Nachahmung des klassischen Stils ohne dessen Geist nennt man dagegen klassizistisch, doch ist dieser Ausdruck nicht immer als Tadel zu verstehen. Das ist jedoch der Fall, wenn er für einen leeren Formalismus steht. Der nicht zu tadelnde Klassizismus umfaßt in etwa die Zeit von 1770 bis 1830 und trat damals in allen künstlerischen Erscheinungsformen auf. Er war auch eine Gegenbewegung zu Barock und Rokoko: ein Umschlagen ins Gegenteil von solcher Schroffheit, wie sie in der abendländischen Kunst noch nicht vorgekommen war. Die Neuentdeckung der Größe der antiken Kunst war nicht so sehr Ausgangspunkt als vielmehr Folge der schon seit der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts da und dort spürbaren klassizistischen Neigungen, zu edler und klarer Form zurückzukehren. (Vgl. 16-18). Man fand dieses Ideal verwirklicht in der antiken Kunst, wandte sich dieser mit neuer Liebe zu und suchte im eigenen künstlerischen Schaffen auf gleichen und ähnlichen Wegen das Ziel zu erreichen, das in der antiken Kunst erreicht worden war. Die gelehrten Vertreter der klassizistischen Bewegung waren in Deutschland vor allem der bereits erwähnte J. J. Winckelmann und G. E. Lessing () sowie die zu Beginn dieser Zeit noch jungen J. W. Goethe () und F. Schiller (). Die Baukunst zeigt deutlich, daß nicht bloße Nachahmung einer als vergangen empfundenen Kunst gewollt wurde - wie z. B. in den späteren Neo-Stilen des Historismus oder Eklektizismus (vgl. 20-22) -, sondern eine Erneuerung im Sinne der Antike, die in dieser Zeit ein lebendiges Gegenwartserlebnis darstellte. In Deutschland waren die ersten Vertreter Erdmannsdorf (Schloß Wörlitz, ), Langhans (Brandenburger Tor in Berlin, ), F. Gilly (Entwürfe zu Nationaldenkmal für Friedrich d. Gr., 1796, und Nationaltheater, 1800), Weinbrenner (Bauplan für Karlruhe, ), Klenze (Glyptothek, Pinakothek, Propyläen u. a. in München; Walhalla bei Regensburg, ) und vor allem K. Fr. Schinkel (in Berlin und anderen Orten Deutschlands, seit 1803).

Die Hauptleistungen des Klassizismus fallen in die Zeit der Romantik. In der Baukunst gibt es als Nebenerscheinung die Neugotik, die aus der Liebe der Romantik zum Mittelalter (Höhepunkt: Gotik) entstand und vom Eklektizismus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts (bis 1914/1918) beibehalten und auf andere Stile ausgeweitet wurde. (Vgl. 20-22). Doch trägt auch sie klassizistische Merkmale. Aus der romantischen Empathie des Menschen mit der Natur, aus dem romantischen Sinn für gleitende Übergänge, für Kontinuität, für Verbindung aller Erscheinungen untereinander ergab sich auch eine innige Einordnung des Bauwerks in die Landschaft. Neben dieser bauwerklichen Natureinschmiegung gelten die Malerei und die Dichtkunst als eigentliche Domäne der Romantik als bildende Kunst, weil sie es ermöglichten, die neuen Inhalte romantischen Erlebens zu gestalten. Dieses Zusammengehen von Dichtkunst und Malerei war in der Geschichte der abendländischen Kunst bis dahin noch nie vorgekommen. Mit besonderer Stärke trat romantische Haltung und Stimmung in der Landschaftsmalerei hervor. Menschen und Natur wurden zu einander in innige Beziehung gesetzt, Schwebungen landschaftlicher Stimmungen erfaßt, wie sie Maler zuvor nie beachtet hatten. Nicht die klare statische Ordnung alles Seienden, sondern das beziehungsreiche Ineinanderweben der Erscheinungen wurde darstellungswert. Gelehrte und Dichter bemühten sich, den vergessenen Schatz deutscher Sagen, Märchen und Volkslieder wieder zu heben und zugänglich zu machen. Zu lebenden Symbolen auf diesem Gebiet wurden die Gebrüder Grimm ( bzw. ). Die Hauptmeister der romantischen Illustration, die zugleich den Unterschied zwischen der ernsten norddeutschen und der heiteren süddeutschen Romantik verkörpern, waren C. D. Friedrich () und Ph. O. Runge () einerseits und M. von Schwind () andererseits. Weil die Romantik ihren schöpferischsten Ausdruck in Deutschland fand, darf man sie als eine Deutsche Bewegung bezeichnen. Sturm und Drang , Klassik, Romantik heißen die stilistischen Merkmale dieser ersten Phase der Zivilisation. Die Romantik war der Erfinder der modernen Tiefenpsychologie. Sie stellte die Seele und das Ich in den Zusammenhang mit der Natur. Der eben erwähnten Fühlweise entspricht eine Denkweise idealistisch-pantheistischer Art. (Vgl. Geist der Romantik).

Zum Anfang der Waage Die führenden abendländischen Bauherrn, Bildhauer und Maler des Klassizismuss sollen hier noch einmal erwähnt werden, um anzudeuten, wie umfangreich die Regungen dieser Zeit waren: Winckelmann () als theoretischer Wegbereiter, von Erdmannsdorf (), Langhans (), J. L. David (), J. H. W. Tischbein (), Carstens (), Dannecker (), Gilly (), Weinbrenner (), von Klenze (), K. Fr. Schinkel (), Schadow (), Rauch (), J. A. Koch (); bekannt sind als Romantiker C. D. Friedrich (), Runge (), von Schwind (), der Nazarener Overbeck () sowie der Garten- und Landschaftsbaumeister Lenné (). In der Dichtung glänzten Wegbereiter wie Gottsched () und der pietistische Klopstock (), der sich vom Pietismus lösende und dem Klassizismus sich nähernde Wieland (), J. G.Herder (), J. W. Goethe (), F. Schiller (), romantisch dann: Hölderlin (), Wackenroder (), Tieck (), Novalis (), F. Schlegel (), A. W. Schlegel (), Schleiermacher (), H. von Kleist (), C. Brentano (), von Eichendorff (), Görres (), Creuzer (), der Naturwissenschaftler Ritter (, J. Grimm (), W. Grimm (), Uhland (), Heine (), Mörike () und die in der Übersicht angegebenen Denker.

 

Pariser Triumphbogen, 1808

 

In der Zeit des ausgehenden 18. und der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren E.T.A. Hoffmann () Robert Schumann () sowohl Komponisten als auch Musikkritiker und -theoretiker. Praxisorientierter waren die Vor-Klassiker, z.B. der Sohn des Barockmeisters Bach: Philipp E. Bach (), Gluck (), Stamitz (1757), Hiller () u. a. (vgl. Rokoko). Die Hochklassiker Haydn (), Mozart () und Beethoven () bedürfen hier wohl keiner näheren Erläuterung. Sie waren das für die Musik, was andere Klassiker für Bau, Kunst und Dichtung waren: die Vollender. Das galt und gilt insbesondere für den grandiosen Beethoven, der Unterricht nahm bei C. G. Neefe (), einem Vorläufer Mozarts. Haydn, J. Schenk () und J. G. Albrechtsberger () waren ebenfalls seine Lehrer. Beethoven war der erste frei schaffende Musiker. Er stand in keinem Abhängigkeitsverhältnis, Mozart jedoch schon noch. Weber (), Meyerbeer (), Rossini (), Marschner (), Loewe (), Schubert (), Bellini (), Lortzing (), Mendelssohn (), Nicolai (), Robert Schumann (), Chopin () und Berlioz () zählen bereits zur Frühromantik, Liszt (), Wagner (), Offenbach (), Clara Schumann (), Johann Strauß (), Brahms (), Bruckner (), Franck (), Smetana (), Bizet () zur Spätromantik. (Vgl. 20-22).

Beethoven litt seit 1800 an Gehörstörungen, die 1819 zu völliger Taubheit führten. 1812 begegneten sich Beethoven und Goethe in Teplitz (sudet. Erzgebirge) und in Karlsbad, es sollte nicht die letzten Treffen bleiben: Beethoven war noch mehrfach Abendgast bei Goethe, der insbesondere von seinem Klavierspiel stark beeindruckt war. "Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehen muß", schrieb Goethe am an Christine von Goethe. Beethovens Grundlage des Schaffens war ein ausgeprägter Individualismus und entsprang allein dem seelischen Erlebnis und (faustischen) Gestaltungswillen. Sind so seine Werke zutiefst Bekenntnisse, sind sie deshalb noch nicht Einzelfall; vielmehr spiegelt sich in ihnen Erlebnis und Schicksal des Menschen schlechthin. Was Beethoven in Tönen sagt, ist Menschheitsausdruck. So tritt zur ästhetischen die ethische Wirkung im weitesten Sinne der Katharsis (vgl. Aristoteles) und des kantischen Pflichtgefühls (vgl. Kant). Von Beethovens unermüdlicher Arbeit am Werk zeugen die Skizzenbücher. Die Wandlung seines Stils vom Rokoko der Bonner Zeit über die Ausprägung der Eigensprache bis zur letzten Vergeistigung und Transzendenz der Spätwerke ist einzigartig in der Musikgeschichte. Beethovens Größe offenbart sich in der ungeheuren Fülle der Formen, in der Meisterschaft der thematischen Arbeit, in der lebendigen Ausdruckskraft seiner Rhythmik und Dynamik in der polyphonen Auflockerung der Mittelstimmen und nicht zuletzt in dem unerschöpflichen Reichtum seiner alle Ausdruckssphären umfassenden Melodik. Die Werke sind ebensosehr ein Sieg der Logik wie der seelischen Verkündigung, in der Synthese der rationalen und psychischen Kräfte liegt ihre Einmaligkeit.

Zum Anfang der Waage Auf geistiger Ebene der Kulturkreise tummeln sich in dieser frühen Erwachsenenphase viele Denkrichtungen, als wären sie die frühen Kurse einer Abendschule auf dem zweiten Bildungsweg. Waren es in der Antike in der vorletzten Phase (14-16) nur 6 und in der letzten Phase (16-18) 8, so waren es jetzt 12 Schulen, die sich fast alle, mehr oder weniger erfolgreich, mindestens ein halbes Jahrtausend halten sollten. Das ist eine ganze Jahreszeit, ein ganzes Quartal. Den Auslöser für den erneuten Prestigegewinn der antiken Philosophie gaben die Attiker.

Analoge Philosophien
(18-20): 390-280 und
(12-14, 14-16, 16-18, 20-22, 22-24)

3) Pythagoreer Rel.-pol.-arist. Rationalismus seit -550
4) Atomisten Naturph. Leukipp-Demokriter seit -490-460
5) Sophisten Anthropologie/Aufklärung seit -475-450
6) Sokratiker Maieutiker seit -440
7) Megariker Eristiker (Disputierer) seit 430
8) Kyniker Selbstgenügsame (Autarkisten) seit -400
9) Kyrenaiker Hedonisten seit -400
10) Platoniker Alte Akademiker seit -385
11) Aristoteliker Peripatetiker seit -335
12) 2. Kyniker seit -330
13) Skeptiker Zweifler/Pyrrhonisten seit -315
14) 2. Alt-Platonismus Mittlere Akademie seit -315
15) Stoiker seit -300
16) Epikureer seit -300

17) 3. Kyniker seit -300
18) 2. Aristoteliker Jüngere Peripatetiker seit -287

3) Pol.-rel. Empirismus Polit. Rationalismus seit 1600
4) Atomismus Subjektivismus/Infinitesimal. seit 1635-65
5) Aufklärung seit
6) Naturalismus-Subjektivismus seit 1710
7) Naturalismus/Deismus Freidenker seit 1720
8) Revoltik/Sturm-und-Drang seit 1750
9) Sensualismus Positivisten/Materialisten seit 1750
10) Idealismus-Klassiker seit )
11) Realismus-Klassiker seit )
12) 2. Revoltik Biedermeier/Nationalisten seit 1815
13) Lebensphilosophen seit )
14) Neu-Idealismus seit 1835
15) Soziologisten seit 1850
16) Psychologisten seit 1850
17) 3. Revoltik Anarchisten/Kommunisten seit 1850
18) Neu-Realismus seit 1860

Sokratiker, Kyniker, Kyrenaiker, Platoniker, Aristoteliker, Skeptiker, Stoiker und Epikureer heißen die antiken Vertreter dieser Schulen, von denen zwei sogar den kulturellen Winter überdauern und in der neuen Kultur des christlichen Abendlandes auf Linie gebracht werden sollten. Platon (427-347) und Aristoteles (384-322) waren deren Begründer. Sie verhalten sich zueinander wie Kant und Hegel (oder Goethe, wie Spengler meint; vgl. Spengler, 1917). Aber man muß zwei zeitlich gegeneinander austauschen, um auch die inhaltliche Übereinstimmung zu bekommen. Der Grund dafür liegt in der Tiefe der Seelen beider Kulturen, im Seelenbild. Wer einzelkörperlich und punktuell denkt, der versucht auch die großen politischen Visionen in eine solche Körperordnung zu bringen (Platon) und sie erst danach bezüglich der Einzelheiten zu betrachten (Aristoteles). Wer hingegen vom unendlichen Raum ausgeht, agnostizierend und indem er jedem wahrnehmungslosen, bloß spekulativ-konstruktiven Denken die Fähigkeit zu irgendeiner Wirklichkeitserkenntnis abspricht (Kant), der läßt das Göttliche als Transzendenz außen vor und konzentriert sich zunächst auf das Wesentliche und die Erfahrungen, die ihm eine faustische Kultur bereits als Grundlage liefert; erst danach widmet sich der Nachfolger den Ideen und dem All-Einen, abendländisch ausgedrückt: der Phänomenologie des Geistes und dem Panlogismus (Hegel). Deshalb folgten in der Antike die Einzelwissenschaften den Ideen und im Abendland die Ideen den Einzelwissenschaften. Auch hierdurch wird der Gegensatz Antike-Abendland deutlich erkennbar: die Antike ging in ihrer Kindheit (6-12) und Jugend (12-18) durch die familiäre und schulische Lehre der Kosmos-Idee und verpaßte die eigene experimentelle Erfahrungswissenschaft, das Abendland ging in seiner Kindheit und Jugend durch die familiäre und schulische Lehre der experimentellen Erfahrungswissenschaft und verpaßte die eigene Kosmos-Idee. Jetzt versuchten beide deshalb über den zweiten Bildungsweg das nachzuholen, was sie zuvor verpaßt hatten. Das Schicksal hatte ihnen zuvor via Seelenbild andere Wege vorgezeichnet. Man kann sich das auch klar machen, wenn man sich die Begriffe Kosmos und Universum auf der Zunge zergehen läßt: in der Antike bedeutete kosmos Ordnung, während wir unter Universum eher Chaos als Ordnung verstehen, jedenfalls assoziativ. (Vgl. Kosmos). Den Kosmos experimentell- wissenschaftlich zu untersuchen, kam den antiken Menschen gar nicht in den Sinn, und wenn doch, dann nur über eben diesen zweiten Bildungsweg. Der fällt aber, wie erwähnt, in den meisten Fällen so aus, daß er das Seelenbild einer Kultur eher bestätigt als verändert. Der faustische Abendländer weiß schon aus Erfahrung der klösterlichen und wissenschaftlichen Vergangenheit heraus, was ihm zu tun übrig bleibt. Die Dinge, die wahrnehmbar sind, werden verändert, und erst in Reaktion darauf wird über den Rest der Dinge spekuliert. Wenn also die Antike wie das Abendland gewesen wäre, dann wäre aus Platon ein Kant und aus Aristoteles ein Hegel geworden. Weil sie aber kulturell sozialisiert waren - die Enkulturation und primäre Sozialisation (6-12) lagen längst hinter ihnen -, verliefen die Dinge auf umgekehrte Weise. Ein Antike-Abendland-Tausch sähe dann Kant, der platonisch erschienen wäre, und Hegel, der aristotelisch um die Säulen gewandert wäre. Analog gesehen kommt Platon natürlich eher Hegel und Aristoteles eher Kant gleich. Elterliches Erbgut sowie primäre und sekundäre Sozialisation sind also nicht nur für sogenannte Individuen das alles Entscheidende, sondern auch für Kulturen.

Immanuel Kant ()
4 Entwicklungsstufen
(2 vorkritische und 2 kritische)
Platon (427-347)
4 Entwicklungsstufen
(2 vorakademische und 2 akademische)

Natur-
wissen-
schaft-
liche Stufe

1747
-
1755

Meta-
physi-
sche
Stufe

1755
-
1781

Kritisch-
philoso-
phische Stufe

1781
-
1793

Nach-
kritische Stufe

1793
-
1804

Sokrates-
Schüler

407
-
399

Studien
bei den Eleaten-Megariker
(Synthese aus eleat. und sokrat. Lehren)

Reisen
nach
Sizilien
und
Unteritalien:

Pythagoreer -Studien

Akademie

Gründung:

385

Kritik der
Sophistik
Systematik
Erkenntnis-
theorie
Metaphysik
Ethik & Politik
Ideenlehre

Spätzeit

Weiter-
führung
der
Ideen-
lehre
&
Natur-
philosophie
Gesetz gebung

Idealismus
Transzend.

z.B.
Kant
 Subjektiv 

z.B.
Fichte
Objektiv

z.B.
Platon
Schelling
Hegel
Magisch

z.B.
Schlegel
Schelling
(Romantik)
Platon (eigentlich: Aristokles), Sohn des Ariston und der Periktione, stammte mütterlicherseits aus reicher und vornehmer Familie Athens. Nach dem Tod des Sokrates (399), dessen Schüler Platon 8 Jahre lang war und dessen Prozeß er erlebte, hielt er sich eine Zeitlang bei dem Eleaten Eukleides von Megara auf, der ebenfalls ehemaliger Schüler des Sokrates war. Eukleides' megarische Schule war eine der an Sokrates orientierten Philosophenschulen, die eine Synthese zwischen dem sokratischen Begriff des Guten und dem unbeweglichen, unveränderlichen Sein der eleatischen Philosophie zum Ziel hatte. Auf Reisen nach Unteritalien und Sizilien lernte Platon auch die Denkweise der Pythagoreer kennen. 385 v. Chr. gründete er die Platonische Akademie. Hier wurde der Platonismus geprägt, die Lehre Platons durch mittelbare und unmittelbare Schüler augebaut und die platonische Philosophie, insbesondere die Ideenlehre, auf andere philosophische Systeme übertragen.

Aristoteles
(384-322)
Trichotomie

Georg Wilhelm Friedrich Hegel ()
Dialektik

Begriff (e)
(Außen- & Mittel-)

Urteil (e)
(Prämisse (n))

Schluß
(Konklusion)

These
(Gesetztes)

Antithese
(Negation)

Synthese
(Negat. Negation)

Metaphysik
(1. Theoretische Philosophie)

Mathematik
(2. Theoretische Philosophie)

Physik
(3. Theoretische Philosophie)

Natur-Seele
(Anthropologie)

Bewußtsein
(Phänomenologie)

Identität
(Subj. Geist)

Politik
(1. Praktische Philosophie)

Ökonomik
(2. Praktische Philosophie)

Ethik
(3. Praktische Philosophie)

Familie
 

Gesellschaft
 

Staat
(Obj. Geist)

Technik
(1. Poietische Philosophie)

Ästhetik
(2. Poietische Philosophie)

Rhetorik
(3. Poietische Philosophie)

Subjekt
(Objekt)

Objekt
(Subjekt)

Gott
(Sub -Obj.-Einheit)

Pflanzenhaft.
Mensch

Tierhafter
Mensch

Intellektueller
Mensch

Anschauen
(Kunst)

Vorstellen
(Religion)

Wissen
(Unendl. Einheit)

Monarchie
(Tyrannis)

Aristokratie
(Oligarchie)

Demokratie
(Ochlokratie)

These
(wird gesetzt)

Antithese
(hebt auf)

Synthese
(hebt erhöht auf )


Zum Anfang der Waage Fichte () ging von Kants ethischem Rigorismus und Aktivismus aus. Philosophie ist nach Fichte die wissentliche Selbstbeobachtung der schöpferisch-ethischen Aktivität der Persönlichkeit, des Ich. Deshalb nannte er seine Philosophie Wissenschaftslehre (1794). Fichte stellte in diesem Sinne 3 Tathandlungen des Ich fest: 1.) Ich setzt sich; 2.) Ich setzt Nicht-Ich; 3.) Ich setzt im Ich dem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen. Das Ich war für Fichte der Inbegriff des gegen die Trägheit ringenden Willens der Menschen. Demnach gäbe es ursprünglich nur eine absolute Tätigkeit: das Ich. So betrachtet stellen wir uns Dinge außer uns dadurch vor, daß das Ich eine Realität in sich aufhebt, d.h. außer sich setzt, und diese aufgehobene Realität in ein Nicht-Ich setzt, das ja auch eine Tathandlung des Ich ist.
Ich-Idealismus
1.)
Ich
setzt Ich
2.)
Ich
setzt Nicht-Ich
3.) Ich setzt im Ich dem teilbaren Ich ein teibres Nicht-Ich entgegen

Die Überzeugung, daß das Bewußtsein einer dinglichen Welt außer uns absolut nichts weiter sein soll als das Produkt unseres eigenen Vorstellungsvermögens, soll uns zugleich die Gewißheit unserer Freiheit geben. Nicht als bestimmt durch die Dinge, sondern als die Dinge bestimmend ist das Ich zu denken. Die Welt war für Fichte nichts anderes als das Material unserer Tätigkeit, das versinnlichte Material unserer Pflicht. Alles, was zur Tätigkeit gefordert ist, ist auch sittlich gefordert. Dahin gehört vor allem die Ausbildung des Körpers und des Geistes und die Eingliederung in die menschliche Gemeinschaft, denn die Arbeit an der Sinnenwelt, die Kulturarbeit, kann nur eine gemeinsame sein. Andererseits haben alle Staatsbürger nicht nur das Recht auf formale Freiheit und Schutz vor Vergewaltigung, sondern auch auf Eigentum, Arbeitsgelegenheit und Teilnahme an den Erträgen der Staatswirtschaft, wie Fichte in seinem Geschlossenen Handelsstaat (1800) dargelegt hat. Fichte, dessen Versuch einer Kritik aller Offenbarung (1792) zunächst als ein Werk Kants angesehen worden war und ihn, nachdem er sich als ihr Verfasser herausgestellt hatte, mit einem Schlage berühmt gemacht hatte, wurde weiterhin bekannt durch seine Reden an die deutsche Nation ().

Der tranzendentale Idealismus Kants besagt, daß nicht die Dinge an sich, sondern die Dinge nur als Erscheinungen erfaßbar sind. Transzendent bedeutet demzufolge, daß Erfahrungen bzw. Erkenntnisse überstiegen werden, wenn sie jenseits des Bewußtseins liegen, dieses also überschreiten. Damit ist gleichzeitig und scheinbar paradoxerweise das Problem der Erkenntnislehre und ihrer Methoden, aber auch die Erkenntnislehre selbst als Problem gegeben. Die tranzendentale Idee ist nach Kant ein Vernunftbegriff, ein Begriff, der nur in der Sehnsucht des Verstandes, das ihm gegebene zu überschreiten, seinen Ursprung hat und die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, aber für die formale Anordnung der Begriffe und Erkenntnisse in einer vollständigen Wissenschaft unentbehrlcih ist. Die 3 Ideen der Metaphysik sind nach Kant: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Platons Begriff der Ideen ist dagegen ein urtypischer (urkultureller), weil er methodisch in genau die andere Richtung zeigt: Ideen sind aufgrund vorgeburtlicher Erinnerung erfaßbare, Realität besitzende Urbilder der Dinge. Nach Platon sind sie nicht sinnlich, sondern nur geistig erfaßbar, und zwar mit eben jener Anamnese: der vorgeburtlichen Erinnerung. Anamnese sei, so Platon, eine Wiedererinnerung als Erkenntnis, weil jede Erkenntnis ein Sicherinnern der Seele an die Ideen sei, in deren Nähe sie vor ihrer Verbindung mit dem Körper weilte. Ideen sind nach Platon ewige und unveränderliche Urbilder. Das Ding bilde die Ideen ab und hat an der Idee teil. Somit ist die Idee in ihm gegenwärtig und demzufolge das Eigentlich-Seiende. Das Abendland hatte sich mit der platonischen Ideenlehre seit ihrem Bekanntwerden immer schon auseinandergesetzt, und mit Fichte, Schelling und Hegel erhielt sie jetzt erneut Bedeutung, aber an die eigentliche platonisch-antike Bedeutung kamen selbst diese 3 Hauptvertreter des Deutschen Idealsimus und auch Goethes Urphänomene nicht heran. Keinem Menschen ist es möglich, kulturell gegensätzliche Seelenbilder und Ursymbole zu überwinden. Auch eine Synthese muß aufheben, wenn auch auf erhöhter Ebene. (Vgl. Aufheben und Dialektik).

Zum Anfang der Waage Der Unterschied zwischen Form und Inhalt zeigt ebenfalls den Gegensatz zwischen apollinischer und faustischer Kultur an. Für derartige Gegenpole gilt, daß hier Inhalt ist, wenn dort Form war und daß hier Form ist, wenn dort Inhalt war. Wahrscheinlich ist diese Polarität der Grund dafür, daß wir uns jede antike Form zum Inhalt und jeden antiken Inhalt zur Form machen. Da aber in der Antike auch der Inhalt förmlich gedacht wurde, als Substanz oder Urstoff (arch), so kann man zu der Vermutung gelangen, daß es im Abendland eigentlich kein Formdenken geben könne. Und in der Tat wird hier jede Form so lange analysiert oder ins Grenzenlose idealisiert, bis man auf jene mathematischen Formen trifft, die Gauß () geometrisch begründet hat und später in der Physik auf andere Weise durch Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation wieder auftauchen sollten. (20-22). Über lange wissenschaftliche Wege ist man also zu einem Gedanken gelangt, den Platon auf ähnliche Weise schon vertreten hatte, ohne naturwissenschaftlich zu experimentieren. Er experimentierte nur mit seinen Gedanken und denen seiner Akademieschüler. Als Platon seine Akademie betrieb, d.h. sich und seine Schüler aus der athenischen Grausamkeit nahm, sollte eine Philosophieschule in Gang gesetzt werden, die die Antike bis dahin nicht gekannt hatte. Als Kant im fernen Königsberg, das er nie verließ, wirkte, geschah durch die idealistisch-romantischen Bewegungen Ähnliches auf abendländische Weise.

Nach Platons Gründung der Akademie (385 v. Chr.) entstanden Aristoteles' Peripatetiker-Schule (335 v. Chr.), Pyrrhons Skeptiker-Schule (312 v. Chr.), Zenons Stoiker-Schule (um 300 v. Chr.), Epikurs Schule (um 300 v. Chr.) und die bereits erwähnten 13-bändigen Elemente des Mathematikers Euklid (um 312/300), dessen Parallelenaxiom genau einen Weltmonat lang Gültigkeit haben sollte, bis Gauß (um 1801/1830) die erste nicht-euklidische Geometrie entwickelte. (Vgl unten). Ebenfalls einen Weltmonat nach den antiken sehen wir neue abendländische Denkschulen, wobei man hier immer wieder auf apollinischen und faustischen Gegensatz zurückkommen muß, um zu verstehen, weshalb Form und Inhalt dieser Schulen Oppositionen darstellen, aber in der Genetik einer Kultur immer wieder analoge Kriterien der Evolution am Werk sind. Während Platon versuchte, seinen Idealismus auch politisch zu verwirklichen (im Reich des Tyrannen Dionysios I. in Sizilien), blieb Kant ziemlich apolitisch und entwickelte stattdessen seinen kategorischen Imperativ. Auch Aristoteles kann als apolitisch gelten, auch und gerade wegen der Tatsache, daß er Alexander den Großen erzogen hatte, denn seine Beweggründe waren nicht das, was man ihm nach Alexanders Tod zu unterstellen versucht hat: Gottlosigkeit. Hegel, das eigentliche Analogon zu Platon, war Idealist und hatte auch ähnliche Staatsideen wie jener. Hegel sah im Staat den erscheinenden Gott, weil die Einheit rechtlichen Verhaltens und moderner Gesinnung das Entscheidende und im Staat höchste Form Erreichende sei - das Ideal schlechthin, weil es allgemeiner Natur sei. Diese allgemeine Form sollte Inhalt werden. Ob sie es dann wurde, war eine andere Frage. Man hatte die Idee, und das war entscheidend. In einer antiken körperlichen Polis war die Idee anderer Natur. Man ertrug hier keinen Inhalt, weil er nur Chaos zu bedeuten schien, und ging gleich zur Form über. Die Antike war stets populär, was wir populistisch nennen würden, weil wir die Antike nicht wirklich verstehen können und wollen. Das Abendland war stets unpopulär, was die Antike unfertig oder nicht vorhanden genannt hätte, weil sie uns nicht wirklich hätte verstehen können und wollen. Das liegt an der antiken arch.

Zum Anfang der Waage Wenn wir also Parallelen zwischen Platon und Hegel (oder Goethe) einerseits und zwischen Aristoteles und Kant andererseits feststellen, dann können wir auch welche zwischen den antiken und abendländischen Richtungen annehmen, die auf die Klassiker folgten, auf sie reagierten. Für die Antike (rot gefärbt) und für das Abendland, insbesondere für Deutschland, das hier absolut führend war, sind das:

Musik und andere Kunst sind hier aus
Platzgründen nicht berücksichtigt
Vgl. (16-18) -390/370) Atomismus (Demokrit), Einzelgänger-Philosophen (Hippokrates)
Vgl. (16-18) -390/370) Späte Sophisten (Gorgias, Hippias)
Vgl. (16-18) -390/350) Späte Pythagoreer (Archytas von Tarent)
bis 1760/78) Rousseauismus (Alter Rousseau und Anhänger). Vgl. (16-18) -390/350) Sokratiker (Xenophon)
1760/80) Rousseau-pietist. bew. Sturm & Drang. Vgl. (16-18)     -390/350) Kyniker (Antisthenes, Diogenes)
             (Herder, junger Goethe, junger Schiller). Vgl. (16-18)  -390/350) Kyrenaiker (Hedon.: Aristippos)
             
Früh-Positivismus (Hume, d' Alembert) und Sensualismus (Condillac)
1766/70) Ende der Aufklärung bis Kritizismus (wolffscher bis kritischer Kant)     -385) Akademie (Platon)
1767/69) Spinnmaschine / Dampfmaschine (Hargreaves / Watt)
1766/71/72) Wasserstoff / Sauerstoff / Stickstoff (Cavendish / Scheele / Rutherford)
) Auf seiner 2. Reise beweist J. Cook die Nichtexistenz der Terra australis und überquert
1773/1774) zweimal den südlichen Polarkreis: Entdeckung der Antarktis
1776) Liberale Nationalökonomie (Adam Smith)
1778/80) Taucherglocke (zum Bau unter Wasser) / Verbrennungstheorie (Smeaton / Lavoisier)
um - 370) Demokrit erklärt alles Geschehen aus dem Atomaufbau (Atomismus-Lehre)
Hier endet der Übergang, der den Anfang bildete für die jetzige Phase (Klassik und Romantik)
1781) Kritizismus (Transzendental-Idealismus, -Erkenntnistheorie: Kant)
1781/83) Entdeckung: Uranus (Herschel) / Eigenbewegung des Sonnensystems (Herschel)
1783/85) Heißluftballon / Mechanischer Webstuhl (Mongolfier / Cartwright)
1790) Berührungselektrizität (Galvani)
1790) Morphologie (Ganzheitliche Gestaltlehre, Struktur-Idealismus: Goethe)
1780/92) Neuhumanismus (Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Humboldt)
1794) Ethik-Idealismus (Fichte)
1795) Menschenbildungs-Idealismus (Schiller)
1795/99) Individuell-ästhetischer Idealismus (Schlegel)
1799) Ästhetisch-religiöser Idealismus (Kant)
1799/1801) Absoluter Idealismus (Identitätsphilosophie: Schelling)
um 1800) 83% der Erde (60% ihrer Landfläche) sind bekannt (Vgl. 10-12, 14-16, 22-24)
um 1800) Hochklassisches Neuhochdeutsch (Höhepunkt der deutschen Sprache)
                (Vgl. AHD, Früh-MHD, Klassisches MHD, Spät-MHD,
                         Früh-NHD, Klassisches NHD, Spät-NHD)
1801/07/17) Logischer Idealismus (Panlogismus: Hegel)                                    -335) Peripatetiker (Aristoteles)
1800) Papiermaschine (Robert)
1801/30) Nicht-euklidische Geometrie (Gauß)                                       um -315) Euklidische Geometrie (Euklid)
1800/04/07) Drehbank / Netzstrickmaschine / Dampfschiff (Maudsley / Jayquard / Fulton)
1807/11) Neue Nomenklatur und Symbole in der Chemie (Berzelius)
1808) Vergleichende Sprachwissenschaft (Wegbereiter: Schlegel, Begr.: Gebr. Grimm)
1812) Germanische Altertumswisenschaft, Germanische Sprachwissenschaft, Deutsche Philologie (Grimm)
1812) Schnellpresse (König, Bauer)
1815) Polarisation des Lichts / Wellentheorie des Lichts (Malus / Fresnell)
1818) Atom-Gewichte (Berzelius)
1819) Lebensphilosophie (Willensmetaphysik: Schopenhauer)                          um -315) Skeptiker (Pyrrhon)
1824) Realismus-Philosphie (Psychologie: Herbart)
1827) Ohmsches Gesetz (Ohm)
1828) Organische Chemie (Organische Substanzen auch ohne Lebenskraft: Wöhler, Liebig)
1828) Positivismus (Atheismus: Feuerbach; Comte, St. Mill). Vgl. auch (16-18)
1831/33) Elektrisches Induktionshesetz, Elektrolyse (Faraday)
1834) Elektromotor (Jacobi)                 seit -315 ) Neu-Akademie (2. oder Mittlere Akademie: Arkesilaos)
1836) Amerikanischer Transzendentalismus als Neu-Idealismus (Emerson)

1837/39) Schreib-Telegraf (Morse) / Fotografie (Daguerre)

) A. von Humboldt und K. F. Gauß fördern Erforschung der Antarktis (d'Ueville, Wilkes, Ross)

1841/42) Samenfäden / Periodische Eireifung ( Kölliker / Bischoff)

1843) Absoluter Existenz-Subjektivismus (Kierkegaard)
1846) Entdeckung des Neptun (Galle)

1846/48) Äther-Narkose / Blinddarm-Operation (Morton / Haucook)

1845) Radikal-Individualismus bzw. Anarchismus (Stirner)
1845/46) Anarchismus (Proudhon)
1847) Algebraische Logik (Boole)
1848) Kommunismus/Marxismus (Marx, Engels)
1851/54) Soziologie (Comte)                                                                               um -300) Stoiker (Zenon der Stoiker)
1852) Zellteilung (Remak)
1853/55) Rassen-Ideologie (Gobineau)
1854) Vierdimensionales Kontinuum von Raum und Zeit (Riemann)
1855) Sinnespsychologie (Helmholtz)
1855) Materialismus (Materialismus-Bibel "Kraft und Stoff": Büchner). Vgl. auch (16-18)
1856) Vollendete Theorie des Elektromagnetismus (Maxwell und Boltzmann)
1859) Historischer Materialismus (Marx)

1856/64) Vereinigung Mechanik-Theorie mit Idealismus (Lotze)

1860) Psychophysik (Fechner)                                                                 um -300) Epikureer (Epikur)

1859) Spektral-Analyse (Kirchhoff / Bunsen)
1860) Fernsprecher / Kindbettfieber (Reis / Semmelweis)
1860) Darwinismus (Evolutionstheorie: Darwin)                    -287) Gründung der Bibliothek in Alexandria
1862-96) Evolutionismus (Spencer)                          -287) Neu-Peripatos (Jüngere Aristoteliker: Straton)

1865) Milieutheorie (Taine) / Mendelsche Gesetze (Vererbungslehre: Mendel)

1866/67) Torpedo / Dynamit, Eisenbeton (Whitehead / Nobel, Monier)
1869) Lichtdruck ( Albert) / Periodensystem der Elemente (Meyer, Mendelejew)

) Konzil (21) von Rom (Vatikan I): Definition des Primats und der Unfehlbarkeit des Papstes   

- (!) Vor 406 Jahren war das letzte Ökumensische Konzil (!) - (Vgl. 12-14).


Letzte Tabelle
und Nächste Tabelle

Zum Anfang der Waage In der obigen Übersicht fehlen einige Einzelwissenschaftler, insbesondere die antiken, die häufig auch Aristoteles-Anhänger waren wie der Botaniker und Charakerologe Theophrast (372-287), der Musiktheoretiker Aristoxenos (um -350) und der Historiker und Politiker Dikaiarchos (um -320), um einige Beispiele zu nennen. Sie gehörten dem älteren Peripatos (Peripatetiker seit -335; siehe oben) an, der für diese Phase sehr entscheidend werden sollte. Der Philosophie-Einzelgänger Demokrit (460-371), erklärte um 372 v. Chr. alles Geschehen aus dem Atomaufbau der Materie. Das ist typisch antik. Aus der Übersicht wird aber auch ersichtlich, daß die Akademie Platons, wenn man von einer Totalanalogie ausgehen wollte, den gesamten abendländischen Idealismus umfaßt. Die Platon-Anhänger laufen unter der Bezeichnung alte (348-270) und mittlere Akademie (315-241), während die neue Akademie und auch die Fortsetzung der mittleren Akademie bereits in spätere Zeiten bzw. Phasen fällt. (20-22) und (22-24). Die neue Akademie wird dann mittlerer Platonismus, der dritte und folgenreichste Platonismus Neuplatonismus genannt werden. Platons Neffe Speusippos (405-334) war auch Platons Nachfolger, also Leiter der Akademie (348/347-339/338). Er entwarf, unabhängig von Aristoteles, eine eigene Systematik der Pflanzen und Tiere. Xenokrates (396-314), seit 339/338 Vorsteher der Akademie, begründete die Dreiteilung der Philosophie in Dialektik (Logik), Physik (Naturphilosophie) und Ethik. Über diesen Dreien thronte die höchste Gottheit, zugleich als Zeus und als Nous (Geist). Von 315 bis 241 war Arkesilaos Scholarch der zweiten (mittleren) Akademie, der der Schule durch Einführung der Urteilsenthaltung (epoch) eine skeptische Richtung gab. Er meinte, daß nur Wahrscheinlichkeit erreichbar sei und diese zum Leben genüge. In der Zeit von 287 bis 270 war der Physiker Straton (um 340-270) Vorsteher der peripatetischen Schule, der zweiten, die auch jüngerer Peripatos heißt. Er bildete Aristoteles' Weltanschauung zu einem naturalistischen Pantheismus um - antik-positivistisch. (Vgl. 20-22).

 

Johann Wolfgang Goethe
()
10 Entwicklungsstufen

1) Frankfurter Zeit
(bis 1765)

Jugendzeit und Frühwerke

2) Leipziger Zeit
()

Jura-Studium
Lyrik im Stil des Rokoko

3) Frankfurter Zeit
()

Pietistischer
und mystischer Einfluß

4) Straßburger Zeit
()

Jura-Studium
Freundschhaft mit Herder
führt zum
Sturm und Drang

5) Frankfurter Zeit
()

Advokat
Rezensent der kritischen Zeitschrift "Frankfurter gelehrte Anzeigen"
Hymnische Dichtung

6) Wetzlarer Zeit
()

Praktikant am Reichskammergericht
Weitere Lyrik im Stil des
Sturm und Drang
und "Urfaust"

7) Weimarer Zeit
()

Erzieher und Minister
Werke der Reifezeit
Naturwisenschaft, Autobiographie

Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens

8) Italien-Reise
()

Umorientierung der früheren Elementen zum Klassischen
Vertiefungen in Dichtung, Naturwissenschaft, Ästhetik
Idee der "Urpflanze"

9) Weimar-Klassik
()

Leiter des Weimarer Hoftheaters
Beziehungen zur Universität Jena Freundschaft mit Schiller: Hochklassik und Morphologie

10) Romantik
()

Nach dem Tod Herders, Schillers und Wielands
Beziehungen zum Kreis der Romantik in Jena
Freundschaft mit Schelling

Was im Abendland mit dem Sturm und Drang, dem freien Gefühl gegenüber der Vernunft begann (16-18), das begann in der Antike mit Platons periagoge. Beide Bewegungen sind Umdrehungen, d.h. Revolutionen der Seele, was ich Erwachsenwerden nenne. Platons Höhlengleichnis und seine Abwendung von der immer schrecklicher werdenden griechischen Tragödie, die ihn die Akademie erst zu gründen veranlaßte (385 v. Chr.), ist zu vergleichen mit dem räumlichen Pendant der Deutschen Bewegung, die durch die Vergangenheit in das Innerste schaut. Fast gleichzeitig beginnt mit ihr die Industrialisierung, die Bevölkerungsexplosion: Ruhrpott und Romantik gehören doch irgendwie zusammen. Die Idealismus-Romantik ähnelt der platonischen Akademie, während die wissenschaftlichen Einzelgänger und Kant-Anhänger in der abendländischen Klassik den wissenschaftlichen Einzelgängern und Aristoteles-Anhängern gleichen, auch in den weiteren Entwicklungen. Als idealistischen Universalismus und Enzyklopädismus kann man die Romantik ansehen, insbesondere den Jenaer Romantik-Kreis um die Brüder Schlegel. In Friedrich Schlegel () hat sich das Schicksal der Romantik philiosophisch am deutlichsten ausgedrückt. Der gebürtige Hannoveraner begann nach seiner Kaufmannslehre in Leipzig ein geisteswisenschaftliches Studium in Göttinegn und Leipzig und war mit Schleiermacher () befreundet. Er arbeitete mit Fichte (), Schelling (), Novalis () und Tieck () zusammen. Von 1820 bis 1823 gab Schlegel die konservative Zeitschrift Concordia heraus. Als Ästhetiker, Literaturtheoretiker, Literaturhistoriker, Dichter und Kritiker war er geistiger Mittelpunkt der Frühromantik.

Friedrich Schlegel ()
- Schicksal der Romantik-


Dunkles Sehnen und Suchen


Künstlerischer und philosophischer Gestaltungstrieb
Philosophie des allumfassenden Ich


Übertritt zum Katholizismus
Gehorsam und Unterwerfung der Vernunft unter die kirchlichen Wahrheiten


Mystisches Eigenleben
bei kirchlichem Gehorsam

Schlegel begründete mit seinen Schriften die Theorie der romantischen Dichtkunst (1825) und verstand die Romantik als progressive Universalpoesie, d.h. als Erschließung der transzendental-poetischen Struktur der Schöpfungswirklichkeit. Goethe und Schlegel lernten sich 1797 in Jena kennen und trafen sich auch später des öfteren. Goethe las Schlegels Aufsätze (z.B. Die Griechen und die Römer), seine Geschichte der Poesie und seinen Roman Lucinde; Schlegel stellte in seinen Fragmenten, vornehmlich in der Zeitschrift Athenäum veröffentlicht, die Goethesche Dichtung als musterhaft hin. Insbesondere erschien ihm Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre und nicht mehr die Tragödie als Höhepunkt der Dichtung überhaupt. Er nannte ihn neben der Französischen Revolutuion und Fichtes Wissenschaftslehre eine der 3 größten Tendenzen des Zeitalters. Mit der Charakteristik des Wilhelm Meister (1798) und dem Gespräch über die Poesie (1800) setzte Schlegel den Beginn einer wissenschaftlichen Literaturgeschichtsschreibung. 1802 brachte Goethe Schlegels Tragödie Alarcos (1802) in Weimar zur Aufführung und las ohne Zustimmung Schlegels Schrift Über die Sprache und Weisheit der Inder (1808). Schlegel war der Begründer des Sanskrit-Studiums und Wegbereiter der vergleichenden Sprachwissenschaft. (Vgl. Schlegel/Grimm).

Zum Anfang der Waage Die abendländische Romantik kann als Versuch einer Nationalisierung des humanistisch-idealistiscn Universalismus und als eine Verknüpfung des schon erwähnten Neuplatonismus mit dem Germanischen bezeichnet werden, in der eine idealistisch-pantheistische Denkweise vorherrschend ist. Sie war eine Deutsche Bewegung. Die Verteter ihrer Entwicklungsstufen, Sturm und Drang, Klassik und Romantik, kennt wohl jeder. Eine Romantisierung des von der humanistischen Generation geschaffenen Werkes (10-12 und 12-14) sowie die Erfahrung des Ich und der Tiefen der menschlichen Seele ist ihr Wesenszug. In Goethe und Schelling trat der stoffgläubig-mechanistischen Naturwissenschaft des Westens eine schöpferische Naturlehre gegenüber. Auf diesen Wesensgegensätzen beruht auch die starrdogmatische Ablehnung der Newton'schen Farbenlehre durch Goethe. Im Mittelpunkt der Naturauffassung Goethes stehen die Begriffe Urphänomen, Typus, Metamorphose und Polarität. Nüchtern und realistisch dachte Goethe über die Möglichkeit gegenständlicher Erkenntnis: "Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre". Zusammengefaßt ist dies das erste erwachsene, frühherbstliche oder frühabendliche Projekt zum Selbstverständnis und zur Feststellung der eigenen (Kultur-) Geschichte. Nicht umsonst haben die historische Methodik durch Leopold von Ranke () und u.a. die sprachwissenschaftliche Methodik durch die Märchen sammelnden Gebrüder Grimm ( und ) gerade in dieser Zeit ganz entscheidende Impulse erhalten. Und während sich Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Verkehrstechnik, Nachrichtentechnik, Drucktechnik, Kriegstechnik und die Fotografie rasant weiter entwickelten und das Licht angeknipst wurde, ging den Menschen jenes Licht noch nicht auf, welches die mit Geld und Geist gerüstete Technik benutzt, wenn sie Massenmeinungen unter Kontrolle bringen will. Und sie wollte schon damals. Analog dazu kann man für die Antike die Errungenschaften nennen, die seit der Gründung der Bibliothek in Alexandria (287 v. Chr.) zu deren Geistesblitze führten. Der Geist denkt und Gott lenkt, hatte es früher geheißen. Jetzt hieß es: der Geist denkt und das Geld lenkt. Die Menschen mußten jetzt immer mehr das denken, was die freie Meinungsäußerung ihnen vorgab. Sie ahnten, aber wußten noch nicht so recht, wer der Lenker sein sollte. Die klassisch-romantische Eisenbahn fuhr noch eingleisig.

Die Übersicht zeigt, vielleicht deutlicher als mein Text, daß, analog zu Pyrrhon (360-270) und seiner Skeptiker-Schule, ein abendländischer Skeptizist ein eher pessimistisch gestimmter Lebensphilosoph wie der Willensmetaphysiker Schopenhauer () wäre und ein neuer, also mittlerer Platoniker in etwa ein Existenzsubjektivist namens Kierkegaard (). In einer abendländischen Stoa dieser erwähnten Zeit hätte man dann den das allgemeine Wohl fördernden sensumotorischen Material-Positivisten zu sehen, zu dem ich neben den beiden älteren, Materialismus und Positivismus (16-18) auch den Anarchismus, Sozialismus, Kommunismus und die zum ersten Mal von Comte () bezeichnete Soziologie rechne. Epikureisch auf abendländisch wären somit die Realismus-Philosophie, z.B. eines Herbart (), er hat die Psychologie als Wissenschaft begründet, weil er sie auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik zurück- und an die Naturwissenschaft so nah wie möglich heranführte, während Comte, der stoische Positivist, sie auf Biologie und Soziologie verteilte. Fechner () gehört jedoch sicherlich in die Reihe der epikureischen Abendländer. Zwecks Naturerkenntnis und zur Glückseligkeit und zum zurückgezogenen Leben (ataraxia) von Staat und Kultur zu kommen, ist der Rat des Epikur (342/341-271/270); und so hat sich auch die Psychologie entwickelt. In Übereinstimmung mit der Natur leben, das allgemeine Wohl fördern und Gentleman bleiben, könnte die Devise der Stoiker lauten. Ihr Begründer Zenon (336-264) war zunächst Schüler der Kyniker (16-18). Der heute wohl bekannteste Kyniker ist Diogenes von Sinope (412-323), obwohl nicht er, sondern Antisthenes (444-368) der Gründer der Kyniker-Schule war. Antisthenes predigte Bedürfnislosigkeit (autarkie) und Charakterstärke; er forderte Rückkehr zur Einfachheit des Naturzustandes, während Diogenes den Begriff der sokratischen Selbstgenügsamkeit zur inneren Askese, die äußerste Bedürfnislosigkeizt zur Pflicht machte, jeder verfeinerten Lebensart abhold. Er erkannte die geltenden Sittengesetze nicht an und wurde zum Urbild der kynischen Schamlosigkeit, der unser Ausdruck für Zynismus geworden ist. Diogenes ließ sich gehen. Aristippos von Kyrene (435-355) und seine hedonistische Schule der Kyrenaiker gehören anfänglich wie die ersten Sokratiker und Kyniker noch in die letzte Phase der Aufklärung (16-18). Abendländisch gilt das für die Sensualisten (erste Materialisten oder Protopositivisten) Condillacs (), Rousseau () und den auf Gefühle statt Vernunft setzenden Sturm und Drang, der allerdings für den Übergang zur Klassik und damit zum Idealismus sowie zur Romantik eine fast unentbehrliche Voraussetzung schuf, die ansonsten Kant allein hätte meistern müssen. (Vgl. Übersicht).

Zum Anfang der Waage Die Schule des Skeptizismus, der sachlich auch viele Akademiker angehörten, vertrat in praktischer Hinsicht eine relativistische Ethik, die auch Pyrrhonismus genannt wird. Pyrrhon war der Ansicht, daß nichts in Wirklichkeit schön oder häßlich, gerecht oder ungerecht sei, denn an sich sei alles gleichgültig (ununterschieden), weil es ebensosehr und ebensowenig das eine wie das andere sei. Alles Nichtgleichgültige, Unterschiedliche nämlich sei willkürliche menschliche Satzung und Sitte. Die Dinge seien unserer Erkenntnis unzugänglich, darum gezieme dem Weisen Urteilsenthaltung (epoch). Als praktisch-sittliches Ideal des Weisen aber folge daraus die Unerschütterlichkeit (ataraxia). Der Skeptizismus erhebt den Zweifel zum Prinzip des Denkens, besonders den Zweifel an einer sicheren Wahrheit. Der gemäßigte Skeptizismus beschränkt sich auf die Erkenntnis der Tatsachen, während er sich gegenüber allen Hypothesen und Theorien Zurückhaltung auferlegt. Dieser antike Skeptizismus enstand als Rückschlag auf den metaphysischen Dogmatismus der vorhergehenden philosophischen Schulen. Man sieht also leicht ein, daß der Skeptizismus, wie die anderen neuen Schulen, als Reaktion auf die beiden großen von Platon und Aristoteles, einen Mittelweg darstellte, der als Ausweg gedacht war. Demzufolge müßte es im Abendland auch eine oder mehrere Alternativen zu Transzendental-Idealimus und Romantik-Idealismus gegeben haben, die sich als überlebensfähig herausstellen sollten. In der Tat war die eben erwähnte Lebensphilosophie - Schopenhauers Willensmetaphysik - nicht nur eine Modephilosophie des 19. Jahrhunderts, sondern auch ein Wegbereiter für Nachfolger und Nachahmer. Bereits Kierkegaard mit seinem Existenz-Subjektivismus ist ein solcher. Aber die Schulen der Stoa und der Epikureer haben sich auch lange gehalten, was man für die Zukunft der abendländischen Soziologie- und Psychologierichtungen auch annehmen darf. Auch nicht zu vergessen sind die Schulen aus vergangenen Phasen, die reanimiert worden sind. (12-18). Die klassische Moderne der Antike, die Platon und Aristoteles einleiteten, hat also, wie ihre abendländische Entsprechung, eine enorme Reaktion erfahren.

Zum Anfang der Waage Was Alexander der Große und Napoleon auf politischer Seite sind, das sind Euklids Parallelenaxiom und die nicht-euklidische Geometrie von Gauß auf geistiger Seite, denn sie vertreten das jeweilige Ursymbol auf zivilgeistiger Ebene. Sie repräsentieren das jeweilige erwachsene, zivile Ursymbol am ehesten, weil sie es aus der rein kulturellen in die Ebene der Zivilisation brachten und durch die Ehe mit einer anderen Kultur transferierten. Sie haben die antike begrenzte Körperlichkeit bzw. den abendländischen unbegrenzten Endlosraum der geistigen Nachwelt erst verdeutlicht, Euklid auf typisch antik-populäre Weise, Gauß auf typisch abendländisch-esoterische Weise, denn er veröffentlichte seine nicht-euklidischen Erkenntnisse nicht; seine Ergebnisse waren offenbar für ihn selbst bestimmt. Er hat dreißig Jahre lang seine Entdeckung der nicht-euklidischen Geometrie verschwiegen, weil er das Geschrei der Böoter fürchtete. (Vgl unten). Die Antike nannte sich schließlich seit ihrer Ehe mit dem Osten hellenistisch, das Abendland seit seiner europäisch. Neben der politischen gab es also auch eine geistige Heirat - durch Euklid mit antik-hellenistischem Geist um 350/300 und mit Gauß und abendländisch-europäischem Geist um 1800/1850. Vielleicht ist ein geistiger Napoleonismus (Alexandrinismus) immer auch die ideale, idealistisch-romantische Version einer Heirat mit gutem Geschmack.

Wenn ein etwa 30jähriger Mensch beginnt, sich über sein bis dahin verlaufenes Leben kritisch Rechenschaft abzulegen und ungeliebte Gewohnheiten eventuell abzuändern oder in die Lebensleitlinien positiv einzugliedern, dann ist das so, als wenn sich eine Kultur über die Vergangenheit eine im erwachsenen Sinne verstandene Rechenschaft abzulegen beginnt. Es ist wie eine durch die herabfallenden herbstlichen Blätter auftretende Erinnerung an den Frühling, als diese Blätter sich herausbildeten, oder an den Sommer, als sie mit jener oft als Normalfall angesehen grünen Blattfarbe die ersten Hitze-Proben zu bestehen hatten. Warum nur mußte dieses oder jenes gerade auf diese oder jene Art passieren? könnte die historische Generalfrage nicht nur der einzelnen Erwachsenen, sondern auch der erwachsenen Kulturen lauten. Aus diesem Grunde gab es in dieser Phase eine sehr intensive Auseinandersetzung der Nationen mit der eigenen Geschichte. Der abendländische Nationalismus war wie der antike Hellenismus auch ein Versuch, sich und der gesamten dazugehörigen Kultur mittels einer Rückbesinnung eine zivilisierte Identität zu geben und eine Eigenbilanz zu erstellen, die nicht von der eigenen Kultur wegführen sollte, wie es die Renaissance versucht hatte, sondern zu ihr hin. Deshalb mußten solche Entwicklungsvertreter stark historisierend vorgehen. Sie leiteten so die nächste Phase ein: den Historismus. Um 1800 entstand eine Historische Schule, die zunächst eher als Kritik an der Rechtswsisenschaft durch sie selbst zu verstehen war und die Lehrmeinung vertrat, das Recht könne nicht nur aus allgemein gültigen abstrakten Prinzipien (Naturrecht) deduziert werden, sondern entstehe als Produkt des kollektiven Unbewußten in einem historischen Prozeß (Volksgeist) und könne daher nur historisch verstanden werden. Einer der Wegbereiter dieser Schule war Johann Gottfried Herder (), ihr Begründer jedoch Friedrich Karl von Savigny (). Leopold von Ranke () war der Begründer der mit hohen Objektivitätsansprüchen zu Werke gehenden modernen Geschichtswissenschaft, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts dem von ihm geprägten Historismus stark verpflichtet blieb. Ranke brachte die methodischen Grundsätze der Quellenforschung und -kritik im akademsichen Lehrbetrieb zu allgemeiner Geltung über Deutschland hinaus, besonders groß war der Einfluß auf Großbritannien und die U.S.A.. Eine andere Folge war die allmähliche Politisierung der Historiker. 1851 wurde z.B. Theodor Mommsen () wegen seines Engagements für die Märzrevolution amtsenthoben. Er machte dennoch eine grandiose Karriere und saß von 1863 bis 1866 im Preußischen Abgeordnetenhaus für die Deutsche Fortschrittspartei, von 1873 bis 1879 für die Nationalliberalen und im Deutschen Reichstag als Sezessionist. (Vgl. 20-22).

Klick zur Fortsetzung der Geschichte: Krise (20-22 Uhr)

Zum Anfang der Waage Waage (18-20 Uhr) Ehe oder Napoleonismus

Oswald Spengler (), Der Untergang des Abendlandes, 1917 (Band I), 1922 (Band II) .

Oswald Spengler, 1917, S.784ff.. "Historische Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen eine fremde Kultur so mächtig über dem Lande liegt, daß eine junge, die hier zu Hause ist, nicht zu Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener Ausdrucksformen, sondern nicht einmal zur vollen Entfaltung ihres Selbstbewußtseins gelangt. (Ebd. S. 784).

Urphänomen ist nach Goethe das empirische Phänomen, das jeder Mensch in der Natur erkennen kann und das durch Versuche zum wisenschaftlichen Phänomen erhoben wird, indem man es unter anderen Umständen und Bedingungen und in einer mehr oder weniger glücklichen Folge darstellt, so daß zuletzt das reine Phänomen als Resultat aller Erfahrungen und Versuche dasteht. Es ist ideal als das letzte Erkennbare, real als erkannt, symbolisch identisch mit allen Fällen, weil es alle Fälle begreift. (Vgl. Urpflanze).

Urpflanze ist ein Begriff aus der Naturbetrachtung Goethes für das Urbild (Idee, begriffliche Urgestalt), nach dem alle anderen Pflanzenarten durch Abwandlungen entstanden sein sollen. Goethe suchte die Urpflanze in der Natur als eine noch unbekannte Art, oder auch etwa in der Grundgestalt eines Blattes oder eines Stammes zu finden, während Schiller in einem Gespräch mit ihm darüber auf den platonischen Ideencharakter der Urpflanze hinwies. (Vgl. Urphänomen)

Vorderasien oder Morgenland: diese Begriffe sind nicht ganz zutreffend, weil zum magischen Kulturkreis (Spengler nennt ihn "arabisch") auch der ehemalige (griechische) Osten der Antike gehört, wenn auch nur pseudomorph. Mit Vorderasien bzw. Morgenland meine ich die Kultur der späteren Religionskulturformen, z.B. des manichäischen Babyloniens, des neuen parsistischen (mazdaistischen) Persertums, des Judentums, des Arabertums, des Urchristentums u.a. magischer Elemente.

Eurasien ist eine durch die orthodox-islamische Opposition gekennzeichnete Mentalitätskultur, die, wenn man sie sich einen Moment lang geeint vorstellt, einen gemeinsamen Feind (Ehepartner) hat. Sie ist eine Mischung aus morgenländischer (magischer) und abendländischer (faustischer) Weltseele, somit eine noch junge Kultur, die sich im Dualismus zwischen Orthodoxie und Islam ausdrückt. Jede Kultur trägt in sich Oppositionen, wie auch jeder menschliche Körper aus typisch männlichen und typisch weiblichen Kreisläufen (Nerven- und Blutkreislauf) und hormonellen Androgynen (Androgene und Östrogene) besteht. Durch sie wird der Mensch ein Mensch, die Kultur eine Junktur. Konflikte aus früheren und heutigen Zeiten auf dem Balkan und Kulturrandgebieten Eurasiens sind Indizien für die Existenz eines halbmagischen (morgenländischen) und halbfaustischen (abendländischen) Kulturbereiches, der sich von den rein morgen- und abendländischen Kulturteilen unterscheidet, auch wenn dies manchem noch nicht so sichtbar erscheinen will.

Europa, Europäismus oder Eurozentrismus sind komplexe Begriffe für den Versuch, aus der Welt eine europäische zu machen. Daß nicht Frankreich oder Deutschland, sondern England bzw. die USA die treibenden Kräfte dieses Prozesses sein würden, nämlich durch die Ausschaltung der Konkurrenten, war zum Zeitpunkt dieser Phase noch nicht entschieden, ändert aber nichts an der Tatsache, daß Frankreich und (später) Deutschland in Wirklichkeit mit ihrem wütenden Anstürmen für den Anglismus kämpften. Letzten Endes haben sich nämlich die Angelsachsen durchgesetzt, mit den wichtigen Kulturelementen Volk (Puritanismus) und Sprache (Anglizismus). (Vgl. 20-22).

Phase ist für mich der Inbegriff einer wohltemperierten Abrundung durch geistig-politische Tätigkeiten in einer bestimmten Zeitspanne, oft ausgedrückt durch Kunstrichtungen, aber auch durch ökonomisch-politische und geistig-metaphysische Richtungen. Sie kann nur 60 Jahre andauern, wie im Falle des Rokoko, oder 250-300 Jahre, die jeweils Karolingik, Romanik und Gotik ausmachten. Eine Phase umfaßt im Mittel 165-180 Jahre. Ein Kulturquartal jedoch umfaßt 3 Phasen und damit durchschnittlich 500-600 Jahre, manchmal auch nur 300-350 Jahre, wie im Falle der abendländischen Jugend ( Renaissance, Barock und Rokoko). Ein Kulturquartal ist eine Jahreszeit in dem Sinne, daß an ihr erkennbar wird, was sie ist, wenn sie gewissermaßen innehält. Winter, Frühling, Sommer und Herbst sind wie unterirdisches Wachstum, zarte Blüten, Hochblüte und Verfall, wie die pflanzliche Welt immer wieder bezeugt, aber nicht nur sie: die 4 Jahreszeiten sind wie uterines, kindliches, jugendliches und erwachsenes Leben , vergleichbar mit dem der Säugetiere. Das erwachsene Leben kann mehrere Quartale umfassen; in dem Falle teilen die Älteren (Elteren) ihr Leben mit den Kindern, Enkelkindern oder gar Urenkelkindern. In Kulturen war und ist dies auch möglich: China, Indien und die magische Kultur existieren als Zivilisationen (Erwachsene) schon länger als das Abendland.

Im frühen Erwachsenenalter ist man von der Chance, über den zweiten Bildungsweg die Karriere auszubauen, noch überzeugter als im mittleren oder späten Erwachsenenalter. Das heißt aber nicht, daß diese Chancen tatsächlich immer zu besseren oder effektiveren Ergebnissen führen, sondern als eine Art Orientierungssinn Wahrnehmungen der sich jetzt häufenden Möglichkeiten erlauben: man weiß jetzt, daß der jugendliche Gedanke nicht in jedem Fall der richtige war und drängt zu neuen Ideen (Idealismus). Es ist die klassische Zeit, die Zeit der letzten Experimente, wie der frühe Herbst die Zeit der letzten Früchte und Ernte ist. Auf gewöhnliche Tageszeit übertragen ist jetzt die Zeit des Abendmahls (18-20 Uhr) und der Beginn von Trinkgelagen. Wegen zu starker Belastung der Leber und Nieren sollte von späteren Mahlzeiten abgesehen werden (Ausnahmen bestätigen natürlich diese Regel). Dagegen ist gute Lektüre oder andere Unterhaltung sowie Sex und andere Spielarten von jetzt an von größtem Interesse. Die Tiere draußen wissen das auch. Der Herbst und der Abend gleichen sich in diesen Dingen. Beide sind Ausdrücke für ein vorerst letztes Beisammensein, meistens verbunden mit Genuß und Mahlzeit, der letzten Ernte vor dem Winter, der Nacht.

Quartal meint eine Jahreszeit (= 3 Phasen) oder ein Viertel der Uhrzeit (z. B. 0-6, 6-12, 12-18, 18-24 Uhr).

Seelenbild der Antike und Seelenbild des Abendlandes sind gegensätzliche Attribute: apollinisch und faustisch. Einzelkörper und Unendlicher Raum heißen ihre Ursymbole. Euklid hat in seinen "Elementen" (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung für das antike Seelenbild gegeben und Gauß 2150 Jahre später die für das abendländische. Das Seelenbild der magischen Kultur ist ein dualistisches: Geist und Seele, ihr Ursymbol die Welthöhle. (Vgl. Spengler, 1917, S. 155, 227ff., 234, 390 und 1922, S. 847f.). Vgl. dazu auch das Germanentum.

Attische Philosophie meint die Philosophie der in Athen (Zentrumspolis in Attika) lebenden und lehrenden Philosophen Sokrates (469-399), Platon (427-347) und Aristoteles (384/383-322/321) sowie ihre Schulen und Zeitgenossen im Unterschied z.B. zu der ionischen, vorsokratischen und hellenistisch-römischen Philosophie.

Polyphonie ist die Vielstimmigkeit, eine musikalische Setzweise, in der die Stimmen ein melodisches Eigenleben führen (linear), das den Zusammenklang (vertikal) übergeordnet ist. Der Gegensatz dazu ist die Homophonie (der einheitliche Klang): der Kompositionsstil, der einer Hauptstimme alle anderen Stimmen unterordnet. Die Hauptzeit der Homophonie beginnt im 17. Jahrhundert, mit Monodie und Generalbaß. Es ist irreführend, die Musik des 19. Jahrhunderts homophon zu nennen, weil ihr Schwerpunkt im Harmonischen liegt; vielmehr zeigen die Werke der großen Meister von Franz Joseph Haydn und Ludwig v. Beethoven bis zu Richard Strauß das Streben nach einem Ausgleich zwischen Homophonie und Polyphonie, wie er vorbildlich von Johann Sebastian Bach erreicht worden war. Seit dem 14. Jahrhundert haben alle großen Komponisten neben der kontrapunktischen Selbständigkeit der Stimmen dem Zusammenklang Beachtung geschenkt, und der vollkommene Ausgleich von linearen und vertikalen Rücksichten (Bach) muß als Ideal bezeichnet werden. Bei heutigen linearen Versuchen wird oft vergessen, daß das Ohr des Hörers seit dem 17. Jahrhundert ebensosehr (wenn nicht mehr!) auf das harmonische wie auf das polyphone Hören eingestellt ist. (Vgl. 22-24). Schlicht volkstümliches Singen, das sich in Terzen und Sextenfolgen abspielt, ist nicht kontrapunktisch, sondern harmonisch ergänzend. Für den Kontrapunkt sind strenge Regeln aufgesetzt (reiner Satz), die die Stimmführung betreffen und Gattungen aufstellen.

Der Kontrapunkt (lat. punctus contra punctum = Note gegen Note) stellt ein Verfahren dar, mehrere selbständige und doch aufeinander bezogene Stimmlinien zu übergeordneter künstlerischer Einheit zu binden. Er ist die Kunst, ein mehrstimmiges Tonstück aus melodisch selbständigen Stimmen aufzubauen. Dabei wird praktisch von einem c. f. ausgegangen, indem man die anderen Stimmen nach und nach hinzufügt, obwohl auch gleichzeiges Entwerfen möglich, künstlerisch wertvoller, aber auch wesentlich schwieriger ist. Man spricht bei kontrapunktischen (polyphonen) Werken auch von linearem (horizontal zu hörendem) Stil im Gegensatz zum harmonischen (vertikal zu hörendem), jedoch muß eine rigorose Linearität zur Atonalität bzw. zu einer Art Heterophonie führen. Im übrigen ist es keine Kunst, mehrere Stimmen so zu kontrapunktieren, daß es schlecht klingt. Seit dem 14. Jahrhundert haben alle großen Komponisten neben der kontrapunktischen Selbständigkeit der Stimmen dem Zusammenklang Beachtung geschenkt, und der vollkommene Ausgleich von linearen und vertikalen Rücksichten (Bach) muß als Ideal bezeichnet werden. Die Kontrapunktlehre entwickelte sich aus der ursprünglich improvisierten Erfindung einer überwiegend in Gegenbewegung verlaufenden Stimme, die seit dem beginnenden 14. Jahrhundert in Anweisungen zum Discantus in feste Regeln gefaßt wurde. Seine beherrschende Stellung gewann der Kontrapunkt in der (süd-) niederländischen Musik des 15. und 16. Jahrhunderts bis zu seiner Vollendung (im 16. Jh.) bei Palestrina und Orlando di Lasso , die für mehre Jahrhunderte in Kontrapunkt- und Kompositionslehren maßgebend wurden. Seit dem Frühbarock galt er jedoch als konservative Praxis gegenüber der moderneren, an der Sprache orientierten Ausdruckskunst der Monodie. Als strenge Schreibart blieb er bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts verbindlich. Bei heutigen linearen Versuchen wird oft vergessen, daß das Ohr des Hörers seit dem 17. Jahrhundert ebensosehr (wenn nicht mehr!) auf das harmonische wie auf das polyphone Hören eingestellt ist. (Vgl. 22-24). Schlicht volkstümliches Singen, das sich in Terzen und Sextenfolgen abspielt, ist nicht kontrapunktisch, sondern harmonisch ergänzend. Für den Kontrapunkt sind strenge Regeln aufgesetzt (reiner Satz), die die Stimmführung betreffen und Gattungen aufstellen. Die Anzahl der Stimmen im kontrapunktischen Satz ist theoretisch nicht begrenzt, praktisch sind jedoch nur wenige Ohren fähig, einen mehr als 4stimmigen Satz wirklich linear aufzunehmen. Unter doppeltem Kontrapunkt versteht man einen Satz, in dem sich die Stimmen vertauschen lassen, ohne daß dadurch schlechte Stimmführung (Parallelen) entsteht. Er ist eines der wichtigsten Mittel der thematischen Arbeit und ist in neuerer Zeit besonders genial von Johannes Brahms und Anton Bruckner angewandt worden (innerhalb eines an sich harmonisch-vertikalen Satzes). Die Hauptformen des kontrapunktischen Stils sind Fuge und Kanon, die Haupttechnik die der Nachahmung.

Fuge (lat. fuga = Flucht). Die Fuge ist die wichtigste Form der kontrapunktisch-polyphonen Setzweise. (Vgl. Kontrapunkt und Polyphonie) Erste echte Fuge mit Zwischenspielen und formgerechter Antwort sind bei A. Gabrieli (1580) vorhanden, höchste Ausbildung bei Johann Sebastian Bach im Wohltemperierten Klavier und in der Kunst der Fuge. Das Interesse an der Fuge ist nie erlahmt und ist jüngst neu belebt worden. Das Wesen der Fuge liegt in ihrer Einthemigkeit, die eine strenge ästhetische Einheit verleiht. Das Charakteristische des Fugenthemas ist seine Fortspringungstendenz, d. h. es trägt in sich den Keim zur Weiterbildung seiner melodischen Linie. Das Fugenthema ist dynamisch - im Gegensatz zum statischen Thema der Sonate. Die Eigenart der Fuge liegt darin, daß sich in ihr das Dynamische (Thema) mit dem Statischen (Gesamtaufbau) verbindet. Das Thema (auch Dux oder Führer genannt) wird in der 2. Stimme im Quintabstand beantwortet (d. h. wiederholt). Die Antwort heißt auch Comes oder Gefährte. Mit ihr zusammen erklingt die kontrapunktische Fortspinnung des Themas.

Kanon (griech. =Vorschrift) ist eine kontrapunktische Form auf der Grundlage strenger Nachahmung. Jede Folgestimme nimmt das Thema notengetreu auf, in wechselnden Abständen (Kanon im Einklang, in der Sekunde usw.). Historisch geht diese Form bis ins 13. Jahrhundert (Sommerkanon) zurück, erlebt ihre erste Blüte in der Caccia (Jagd) der Ars nova und ihren Höhepunkt in der Zeit der Niederländer (z. B. bei Okeghem). Hier wurde der Gipfel kunstvoller, aber auch überkünstelter Kanonkompositionen erreicht. Es gab nicht nur Kanons in Vergrößerung und Verkleinerung, Umkehrung und Rücklauf (Krebskanon), sondern auch sogenannte Rätselkanons, bei denen zuweilen nur eine Stimme notiert wurde und eine kryptische Überschrift den Scharfsinn anspornte, die Art der Ausführung zu finden. So muß z. B. ein Kanon mit der Überschrift in more hebraeorum von hinten nach vorn gelesen und gesungen werden. Das hat natürlich kaum noch etwas mit mit wirklicher Kunst zu tun, wie überhaupt der Kanon besonders bei denen beliebt ist, die in der Musik weniger ein seelisches Erlebnis als eine mathematische Tonkonstruktion rationaler Art sehen.

Katharsis (griech. Reinigung) ist die Läuterung, besonders die mystische Reinigung der Seele von den Schlacken der Sinnlichkeit bzw. Leiblichkeit; nach Aristoteles (384/383-322/321) ist es Zweck der Tragödie, eine Katharsis der Seele, eine Läuterung der Leidenschaften bzw. eine Läuterung von den Leidenschaften (und zwar durch Erregung von Mitleid unf Furcht) herbeizuführen. Methoden der Katharsis werden in der modernen Psychotherapie angewandt, wodurch Abreaktionen und Befreiung von verdrängten traumatischen Erlebnissen bewirkt werden.

Begriff wird in der Logik verstanden als einbfachster Denkakt im Gegensatz zu Urteil und Schluß. Urteil meint einen Akt der Bejahung oder Verneinung, in dem 2 Begriffe (Subjekt und Prädikat) in Beziehung zueinander gesetzt werden. Im Urteil bezieht das Denken einen Begriff auf einen gegenstand und setzt diesen zugleich mitsamt seinen Prädikaten, und zwar durch dioe Kopula "ist", die stets auf absilute geltung des behaupteten sachverhalts abzielt. Der Schluß (conclusio) ist das formale logische Verfahren, aus mehreren Urteilen (als Voraussetzungen oder Prämissen) ein einziges Urteil, die Schlußfolgerung, begrifflich abzuleiten. (Vgl. Syllogismus bei Aristoteles).

Pflicht ist die (verbindliche Pflege, für etwas zu sorgen) als inneres Erlebnis auftretende Nötigung, den von den ethischen Werten ausgehenden Forderungen zu entsprechen und das eigene Dasein diesen Forderungen gemäß zu gestalten. Kant () kam in seiner Kritik der praktischen Vernunft (1788) zu einer autonomen Pflicht-Ethik, die als eine bedeutende philosophische Leistung gelten kann. (Vgl. Ethik). Kants Gedankengang ist in etwa folgender: Der Vernunft ist es zwar unmöglich, Gegenstände rein apriori, d.h. ohne Erfahrung theoretisch zu erkennen, wohl aber den Willen des Menschen und sein praktisches Verhalten zu bestimmen. Seinem empirischen Charakter nach, d.h. als Person, steht der Mensch unter dem Naturgesetz, folgt er den Einflüssen der Außenwelt, ist er unfrei. Seinem intelligiblen Charakter gemäß, d.h. als Persönlichkeit, ist er frei und nur nach seiner (praktischen) Vernunft ausgerichtet. Das Sittengesetz, dem er dabei folgt, ist ein kategorischer Imperativ. D.h. konkret: Nicht auf äußere Güter gerichtetes Streben nach Glück, nicht Liebe oder Neigung machen ein Tun moralisch, sondern allein die Achtung vor dem Sittengesetz und die Befolgung der Pflicht. Getragen ist diese Ethik der Pflicht von der nicht theoretischen, sondern praktischen Überzeugung von der Freiheit des sittlichen Tuns, von der Unsterblichkeit des sittlich Handelnden, da dieser in diesem Leben den Lohn seiner Sittlichkeit zu ernten nicht befugt ist, von Gott als dem Bürgen der Sittlichkeit und ihres Lohnes. Diese 3 Überzeugungen sind nach Kant die praktischen Postulate von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Nach Fichte (), dem die ganze Welt das Material der Pflichterfüllung ist, gibt es nur einen Endzweck: die Pflicht.

Ethik meint hier die Sittenlehre als praktische Philosophie, die nach einer Antwort sucht auf die Frage: was sollen wir tun? Beide Kulturen - Antike und Abendland - suchen die Antwort zunächst im Selbst bzw. in der Selbsterkenntnis. Aber dieser Subjektivismus hatte in der Antike wegen des Seelenbildes (und Ursymbols) eine andere, entgegengesetzte, Richtung als im Abendland. Die Antike suchte auch ethisch die Antwort am Außen des Körpers (in der begrenzten Äußerung), weil es für sie kein Geheimnis im Innen geben durfte; das Abendland suchte im Innen des faustischen Willens und kategorischen Imperativs (im Raum der unendlichen Verinnerlichung), weil es hier nur Geheimnisse gab. In beiden Fällen stelle man sich in den Dienst einer sozialanthropologischen Ethik. Ein Angebot, das man auch Hilfe zur Selbsthilfe (Selbsterkenntnis) nennen könnte. Wie kann ich dienen? ist eine typische Frage der letzten (dienerischen) Phase. (16-18).

Der kategorische Imperativ oder Imperativ der Sittlichkeit wurde von Kant folgendermaßen formuliert: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Ob ein Mensch als Persönlichkeit das prinzipiell wollen kann oder nicht auch (oder vielleicht eher) etwas Eigenes in seinem Verhalten liegt, sollten später die Kritikpunkte an Kants Imperativ sein, z.B. von N. Hartmann (; vgl. 20-22).

Ding an sich ist das Ding, wie es unabhängig von einem erkennenden Subjekt für sich selbst besteht, das wahre Sein, dessen Erscheinungen die empirischen Dinge sind, auf welches eben die Erscheinungen hinweisen. Wir erkennen ein Ding als Gegenstand unserer Wahrnehmung nur so, wie es uns - eingekleidet in den Ausbauungsformen von raum und Zeit, in den Kategorien und Verstandesgesetzen - so erscheint. Wie es an sich beschaffen ist, werden wir niemals erfahren. (frei nach: Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781)

Immanuel Kant (). Man unterscheidet den vorkritischen Kant (etwa ; vgl. 16-18) vom kritischen Kant.
: Kants kritische Philosophie (Werke):
- Kritik der reinen Vernunft (1781),
- Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik (1783),
- Ideen zur einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784),
- Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785),
- Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786),
- Kritik der praktischen Vernunft (1788),
- Kritik der Urteilskraft (1790) ,
- Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793)
: Kants nachkritische Phase (Bindeglied zwischen Kants Kritizismus und Deutschem Idealismus)

Georg Friedrich Wilhelm Hegel (), "Phänomenologie des Geistes", 1807.

Aufheben bedeutet in der Dialektik Hegels, der Mehrdeutigkeit des Wortes entsprechend, sowohl emporheben als auch bewahren, als auch vernichten (negieren). Das in der Thesis Gesetzte wird in der Antithesis aufgehoben, d.h. negiert, und dann durch Negation der Negation von neuem gesetzt, jetzt aber auf einem erhöhten, über den Ausgangspunkt der dialektischen Bewegung emporgehobenen Niveau. Daraus ergibt sich die Synthesis, die die Thesis in erhöhter Form in sich bewahrt, d.h. aufhebt. (Vgl. Dialektik).

Deutscher Idealismus meint die Entwicklung der deutschen Philosophie von Kant (um 1780) bis Hegel (um 1830), aber auch die philosophische Grundhaltung der deutschen Romantik (Jenaer Frühromantik-Kreis um die Brüder Schlegel und Heidelberger Romantik um Brentano, Görres, Grimm u.a.). Schelling z.B. stand auf dem Boden des deutschen Idealismus, war mit Fichte und Hegel zusammen deren Hauptvertreter und bildete den Übergang des Idealismus zur Romantik. Er wurde wegen seiner steten Wandlung auch der Proteus der Philosophie genannt. Im Anschluß an Kant und Fichte entwarf Schelling eine spekulative Naturphilosophie der Hierarchie der Naturkräfte (Potenzen), die schließlich in eine Identitätsphilosophie mündete: Die Gegensätze von Subjekt und Objekt, von Realem und Idealem, Natur und Geist lösen sich für ihn im Absoluten auf als Identität von Idealem und Realem. Nach Schelling ist dieses Absolute unmittelbar erfaßbar durch die intellektuelle Anschauung und in der Kunst. (Vgl. Tabelle).

Karl Friedrich Gauß () veröffentlichte seine nicht-euklidischen Geometrien nicht, weil er das Geschrei der denkfaulen, schwerfälligen und unkultivierten Menschen fürchtete. Er nannte sie Böoter, weil die Einwohner dieser antiken Landschaft (Hauptstadt: Theben) von den Einwohnern anderer Griechenstädte als denkfaul und schwerfällig beschrieben worden waren. Gauß meinte zu recht, daß man die Menschen nicht wirklich würde überzeugen können. Die erste der nichteuklidischen Geometrien entdeckte Gauß nach Vollendung seines Hauptwerkes Disquisitiones Aritmeticae (1801), durch deren in sich widerspruchslose Existenz bewiesen wurde, daß es mehrere streng mathematische Arten einer dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich a priori gewiß sind, ohne daß es möglich wäre, eine von ihnen als die eigentliche Form der Anschauung herauszuheben.

Leopold von Ranke (), Werke u.a.:
- Die römischen Päpste (1834-36)
- Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation (6 Bde., 1839-47)
- 9 Bücher preußischer Geschichte (1847/48)
- Französische Geschichte, vornehmnlich des 16. und 17. Jahrhunderts (5 Bde., 1852-61)
- Englische Geschichte, vornehmnlich des 16. und 17. Jahrhunderts (7 Bde., 1859-68)
- 12 Bücher preußischer Geschichte (5 Bde., 1874)
- Weltgeschichte (9 Teile in 16 Bden, 1881-86)
- Sämtliche Werke (1854 Bde., 1867-86)

Theodo Mommsen (), Nobelpreis für Literatur (1902). Werke u.a.:
- Römische Geschichte (3 Bde., 1854-56)
- Römische Geschichte (5. Band, 1885)
- Römisches Staatsrecht (1871-88)
- Römisches Strafrecht (1899)

Ente will nach oben