Wenn nach dem "Denkhebel" verlangt wird, weil man mit ihm
das "Denkspiel" ideenreich noch einmal herumreißen
will, dann ist die Zeit der Spätdenker gekommen. Sie beginnt
mit dem Idealismus, erreicht ihren Höhepunkt (Tiefpunkt) mit
dem Nihilismus und ihre Spät- bzw. Endphase mit dem vernetzenden
Globalismus, der sowohl einen Abschluß als auch eine vielversprechende,
"adventische Geistesgeburt" darstellt. Erwachsen und zivilisiert
geworden, schaffen die Frühmodernisten ein die Endgültigkeit
visionär vorwegnehmendes Philosophiesystem, das die Hochmodernisten
auf den Kopf stellen oder neostilistisch ausbauen und die Spätmodernisten
noch einmal zusammenfassen, weil sie es allen, jedem und keinem recht
machen wollen. Sie alle sind Spätdenker, denn die "Wissensräume"
sind eng geworden, seitdem sich die Systeme und Disziplinen als Wissenschaften
von der Philosophie getrennt haben. Aus der mehr Wissen vermittelnden
rationalen Philosophie der Hochdenker, durch die tatsächlich die
Trennung von Philosophie und Wissenschaft vollzogen wurde, kann nur noch
eine systematisierende, mit dem Leben und dem Tod der Wissenden, mit deren
Geistesgeburt sich beschäftigende Philosophie werden. Doch nur diese
Neu-Theologie kann die Spätdenker in die Lage versetzen, die
Vordenker der Vordenker zu werden. Sie wären dann die Neu-Urdenker,
d.h. die wirklich zum Nachdenken gekommenen wahren Denker.
Das ist so, als wolle man das Unmögliche möglich machen. Spätdenker
müssen es schaffen, Retrospektive und Prospektive so in Übereinstimmung
zu bringen, daß sogar das "Denken im Uterus" vorstellbar,
weil vordenkbar, wird. Sie müssen "das Spiel lesen" können.
Die Spätdenker können Philosophie nur noch betreiben, indem
sie, vom letzten Stand der Hochdenker-Dinge - der Neu-Theologie - ausgehend,
eine Neu-Religion schaffen. So wie die "Fußballgötzen"
in der demokratischen Alltäglichkeit, wie die "Mediengötzen"
in der plutokratischen Wirklichkeit, so haben die "Denkgötzen"
nur noch im religiösen Glauben eine Chance, sich zu behaupten. Der
Modernismus ist die eine (kirchliche), die Modernistik die andere (weltliche)
Seite einer Neu-Theologie bzw. Spätphilosophie. Der Idealismus kann
nur durch seine streng realistische Antithese, sofern ihn der Nihilismus
nicht doch noch untergehen läßt, auf ein erhöhtes Niveau
gebracht werden, und in dieser Phase der Befruchtung
muß die sich daraus ergebende Synthese die These in erhöhter
Form in sich aufbewahren (= aufheben, ganz im Sinne Hegels). Mit
Platon und Arsitoteles ist der Antike diese denkerische Leistung gelungen.
Und dem Abendland?
Idealismus als Frühmodernistik
?
Idealismus als eine philosophische Phase jeder Kulturgeschichte scheint
auf Langfristigkeit, wenn nicht sogar auf Endgültiglkeit abzielen
zu wollen. Bereits im frühen Herbst
beginnt auch jede denkende Kultur "instinktiv" für den
späteren Winter so viel (Geistes-) Nahrung wie möglich anzulegen.
Bekanntlich muß für ein Lebewesen bis zum Ende des Winters
zumindest noch ein kleiner Teil der Nahrung vorhanden sein, der ihm das
Überleben trotz der vielen anderen Todesgefahren sichern kann. Auch
eine angesammelte Geistesnahrung bedeutet nicht gesichertes Überleben,
aber immerhin trägt sie erheblich dazu bei. Was die abendländische
Kultur erst zukünftig beweisen kann, ist der antiken Kultur zumindest
nahrungstechnisch gelungen. Obwohl die Antike noch im kulturellen
Winter verstarb, sollten nämlich zwei ihrer Philosophie-Schulen
ihn überdauern und in der neuen Kultur des christlichen Abendlandes
auf Linie gebracht werden: Platon
(427-347) und Aristoteles
(384-322) waren deren Begründer. Sie verhalten sich zueinander wie
z.B. Kant
() und Hegel
(). Aber man muß zwei zeitlich gegeneinander austauschen,
um auch die inhaltliche Übereinstimmung zu bekommen. Der Grund dafür
liegt in der Tiefe der beiden Kulturseelen, in zwei gegensätzlichen
Seelenbildern.
Wer einzelkörperlich und punktuell denkt, der bringt auch die großen
politischen Visionen in eine entsprechende Körperordnung (Platon)
und erst danach bezüglich der Einzelheiten in eine Epistemologie
(Aristoteles). Wer aber vom unendlichen Raum ausgeht, agnostizierend
und indem er jedem wahrnehmungslosen, bloß spekulativ-konstruktiven
Denken die Fähigkeit zu irgendeiner Wirklichkeitserkenntnis abspricht
(Kant),
der läßt das Göttliche als Transzendenz außen
vor und konzentriert sich zunächst auf das Wesentliche und die Erfahrungen,
die ihm eine faustische Kultur bereits als Grundlage liefert; erst
danach widmet sich der Nachfolger den Ideen
und dem All-Einen, abendländisch ausgedrückt: der Phänomenologie
des Geistes und dem Panlogismus (Hegel).
Deshalb folgten in der Antike die Einzelwissenschaften den Ideen und im
Abendland die Ideen den Einzelwissenschaften. Hierdurch wird der Gegensatz
Antike-Abendland deutlich erkennbar: die Antike ging in ihrer Kindheit
und Jugend durch die familiäre und schulische Lehre
der Kosmos-Idee und verpaßte die eigene experimentelle
Erfahrungswissenschaft, das Abendland ging in seiner Kindheit und
Jugend durch die familiäre und schulische Lehre der experimentellen
Erfahrungswissenschaft und verpaßte die eigene Kosmos-Idee.
Jetzt versuchten beide deshalb über den zweiten Bildungsweg
das nachzuholen, was sie zuvor verpaßt hatten. Das Schicksal hatte
ihnen zuvor via Seelenbild
andere Wege vorgezeichnet. Man kann sich das auch klar machen, wenn man
sich die Begriffe Kosmos und Universum auf der Zunge zergehen
läßt: in der Antike bedeutete Kosmos Ordnung, während
wir unter Universum eher Chaos als Ordnung verstehen, jedenfalls
assoziativ. (Vgl. Kosmos).
Den Kosmos experimentell- wissenschaftlich zu untersuchen, kam
den antiken Menschen gar nicht in den Sinn, und wenn doch, dann nur über
eben diesen zweiten Bildungsweg. Der fällt aber, wie erwähnt,
in den meisten Fällen so aus, daß er das Seelenbild einer Kultur
eher bestätigt als verändert. Der faustische Abendländer
weiß schon aus Erfahrung der klösterlichen und wissenschaftlichen
Vergangenheit heraus, was ihm zu tun übrig bleibt. Die Dinge, die
wahrnehmbar sind, werden verändert, und erst in Reaktion darauf
wird über den Rest der Dinge spekuliert. Wenn also die Antike wie
das Abendland gewesen wäre, dann wäre aus Platon ein Kant
und aus Aristoteles ein Hegel geworden. Weil sie aber kulturell
sozialisiert waren - die Enkulturation und primäre Sozialisation
(6-12)
lagen längst hinter ihnen -, verliefen die Dinge auf umgekehrte Weise.
Ein Antike-Abendland-Tausch sähe dann Kant, der platonisch erschienen
wäre, und Hegel, der aristotelisch um die Säulen gewandert
wäre. Analog gesehen kommt Platon natürlich eher Hegel und Aristoteles
eher Kant gleich. Elterliches Erbgut sowie primäre und sekundäre
Sozialisation sind also nicht nur für sogenannte Individuen
das alles Entscheidende, sondern auch für Kulturen.
Platon
(eigtl. Aristokles, 427-347) Sohn des Ariston
und der Periktione, stammte mütterlicherseits aus reicher und vornehmer
Familie Athens. Nach dem Tod des Sokrates
(399), dessen Schüler Platon 8 Jahre lang war und dessen Prozeß
er erlebte, hielt er sich eine Zeitlang bei dem Eleaten
Eukleides von Megara auf, der ebenfalls ehemaliger Schüler des Sokrates
war. Eukleides' megarische Schule war eine der an Sokrates orientierten
Philosophenschulen, die eine Synthese zwischen dem sokratischen Begriff
des Guten und dem unbeweglichen, unveränderlichen Sein der eleatischen
Philosophie zum Ziel hatte. Auf Reisen nach Unteritalien und Sizilien
lernte Platon auch die Denkweise der Pythagoreer
kennen. Platon war zu Beginn seiner Karriere Dichter, wandte
sich von der Dichtung jedoch ab, weil sie seit 387 v. Chr. laut Gesetz
ziemlich grausame Theaterstücke aufführen durfte und deshalb
u.a. zu einer Götter-Blasphemie herabsank. Platon gründete wahrscheinlich
deshalb 385 v. Chr. eine Schule, die (dem altattischen Heros) Akademos
gewidmet war; und diese Akademie
sollte sich bis 529 n. Chr. halten. Die Ältere Akademie war
stark pythagoreisch beeinflußt: das Problem von "Idee"
und "Zahl" spielte erkenntnistheoretisch eine große Rolle.
Später sollten noch die Mittlere Akademie, seit 270 v. Chr.,
und die Neuere Akademie, seit 160 v. Chr., folgen: vgl. die Akademien
im Altplatonismus,
den Mittleren
Platonismus, die Auswirkungen auf die Gnosis,
den Neuplatonismus,
die Patristik.
Platon setzte sich mit der Ideenlehre
von Sokrates ab, obwohl er sie in den (mittleren und späteren) Dialogen
seinem Dialoghelden Sokrates in den Mund legte. Für ihn waren die
unveränderlichen Ideen die Urbilder der veränderlichen Dinge,
ihr Programm, ihr Ziel und Zweck. Er nahm bei seiner Ideenlehre die Mathematik
(Geometrie) zum Vorbild aller anderen Wirklichkeit, wie schon vor ihm
Pythagoras (580-500) und seine Schüler. ( ).
Platon schrieb Dialoge, tatsächliche und fiktive Gespräche mit
Sokrates (469-399), seinem Lehrer. Platon lehrte, daß die Sinnenwelt
scheinhaft sei und von archetypischen Urbildern oder Ideen abstamme. Ein
nicht sinnlich erfahrbares geometrisches Gebilde, z.B. ein gleichseitiges
Dreieck, wird hinter dem sinnlich erfahrbaren Dreieck, dessen Darstellung
es ist, "gedacht" oder in nicht sinnlicher, formaler Anschauung
vorgestellt. Die gerade Linie, der Punkt, eine Fläche: das sind alles
mathematische Gegenstände. Es gibt sie nicht in Wirklichkeit. Aber
die Wirklichkeit ist durch sie erkennbar, rekonstruierbar. Über dem
Eingang der Akademie Platons soll deshalb der Satz gestanden haben:
"KEIN DER GEOMETRIE UNKUNDIGER SOLL DIESEN ORT BETRETEN"
Das platonische Denken entwickelte sich vor dem Horizont einer
doppelten Krisensituation: zunehmender Zerfall des Gemeinwesens
und Verlust der Verbindlichkeit mythischer Weltbilder. Der Mythos
bot keine lebendige Orientierung mehr. Er war zum formelhaften Ritual
erstarrt und zum Spielball inhaltloser und nur noch auf Überredung
angelegter Rhetorik (der Sophisten)
geworden. Das Schlimmste daran war für Platon, daß kein
Bewußtsein darüber vorhanden war. Hier, bei der Bewußtseinsbildung,
wollte Platon eingreifen. Die Methode seines Helden Sokrates
besteht darin, zunächst einmal ein Bewußtsein für
das Gute bzw. für das Schlechte bei seinen Gesprächsteilnehmern
zu wecken, indem er ihnen z.B. zeigt, daß sie nicht wissen,
wovon sie reden, wenn sie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit
usw. im Munde führen. Die Verbindlichkeit ihrer Rede zerfällt
in dem Maße, in dem Sokrates als ihren Grund private Interessen
und Willkür erweist. Ihrer schützenden ideologischen Haut
entledigt, muß die Gewalt letztlich ihr wahres Gesicht zeigen:
sie muß den Sokrates vernichten. Insofern gehörte der
Tod des Sokrates (399) mit zu seiner Beweisführung. Sein Tod
war geradezu der letzte Beweis dafür, daß er Recht hatte.
Platon bestimmte die Philosophie als Einüben
ins Sterben. Für ihn war Philosophie die
Erkenntnis des Seienden oder des Ewigen und Unvergänglichen.
Er definierte: Philosophen sind die, welche mit dem, was sich
für ewig als dasselbe unwandelbar verhält, in Berührung
kommen wollen. Es gelingt ihnen durchs Denken, d.h. durch die Begriffe.
(Vgl. Ideenlehre
und Meta-Sprache)
- (  ).
Wir sind gewiß weiter als Hippokrates (460-370), der griechische
Arzt; wir dürfen kaum sagen, daß wir weiter seien als
Platon (427-347). Nur im Material wissenschaftlicher Erkenntnisse,
die er benutzt, sind wir weiter. Im Philosophieren selbst sind wir
vielleicht noch kaum wieder bei ihm angelangt. ( ).
Aber auch Mythos und Religion standen Pate bei Platons
Ideenlehre. Die Idee, so Platon, im "Timaios", ist
gewissermaßen der Vater oder das Original eines Dings, das,
wie das Kind, mit dem Namen des Vaters benannt wird. Die Mutter ist
der abstrakte Raum, in dem die Zeugung der Dinge, d.h. der Kinder
des Vaters, stattfindet und in dem sich die Dinge dann auch bewegen.
Jede Art oder Rasse besitzt nur eine Form oder Idee. Im "Staat"
(Politeia) heißt es: "Gott hat also nur jenes
eine wesentliche Bett hergestellt. Zwei dieser Art oder noch mehr
wurden weder von Gott erschaffen, noch werden sie je von ihm erzeugt
werden; auch wenn er zwei einzelne schüfe und nicht mehr, dann
würde doch ein weiteres zutage treten, nämlich die eine
gemeinsame Form, die sich in beiden darstellt. Sie, und nicht jene
beiden, wäre dann das wesentliche Bett". Die Ähnlichkeit
der Dinge ist ihrer Idee verdankt, ihrem Ursprung, wie die Ähnlichkeit
der Kinder ihrem Vater. Harte Dinge haben an der Idee der Härte
teil, weiße an der Idee des Weißen. Sie haben an jenen
Ideen teil im gleichen Sinne, in dem die Kinder an den Besitztümern
und Gaben der Väter Anteil haben. Platons Ideenlehre ermöglicht
Wissen, das sich auf die veränderlichen Dinge anwenden läßt,
von denen sich, weil sie sich ständig verändern, eigentlich
nichts Bestimmtes aussagen läßt. Platon nahm an, daß
es innere Kräfte, unwandelbare Wesenheiten der wahrnehmbaren
Dinge gibt, und von denen ist wahres Wissen möglich. (Vgl. dagegen:
Kant).
Die Ideenlehre ermöglicht eine Theorie der Veränderung und
des Verfalls. Die Ideen sind Urbilder, die selbst durch Verfall (Degeneration)
der höchsten Idee entstehen. Entsprechend ist die historische
Tendenz der Gesellschaft die des Zerfalls und der Degeneration. Außerdem
bietet die Ideenlehre den Weg zu einer Sozialtechnik, zur Herstellung
des besten, idealen Staates, der sich nicht verändert und nicht
zugrunde gehen kann, und zwar durch Anhalten der politischen Veränderung
und Rückkehr zum idealeren Anfang, der alten Stammesfrom des
sozialen Lebens (Stammesaristokratien). Platons Philosophie, die er
selbst auch Weltverabschiedung und Einübung ins Sterben
nannte, lehrt die Notwendigkeit einer "zweiten Geburt",
insbesondere seine Lehre von der Umkehr durch Ausstieg aus der Höhle
("Höhlengleichnis").
Durch die natürliche, die physische Geburt gelangen wir aus einer
Höhle (der Uterus-Höhle der Mutter) ans Licht der (sichtbaren)
Welt. Aber diese Welt ist nach Platons Meinung nur Schein, nur vituell.
Wir bedürfen einer zweiten metaphysischen Geburt, um aus der
Scheimwelt in die wirkliche (unsichtbare) Welt der Ideen zu gelangen.
Für diese "zweite Geburt" ist der Philosoph der "Geburtshelfer".
|
Platons Schriftwerke:
"Protagoras"
Kritik der Sophistik bezüglich der Einheit und Lehrbarkeit
der Tugend.
"Apologie"
Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht.
"Euthyphron"
Über die Frömmigkeit.
"Gorgias"
Gegen die Sophistik, für das absolute sittliche Gute, über
die Seele im Jenseits.
"Kratylos"
Über die Sprache.
"Menon"
Erkenntnis als Wiedererinnerung.
"Phaidon"
Über die Unsterblichkeit der Seele und die Philosophie als
Einüben ins Sterben.
"Symposion"
Über den homoerotischen Eros und seine Sublimierung in der
Philosophie.
"Politeia"
Über den Idealstat und die Seele.
"Phaidros"
Über die Seele und die Ideen.
"Theaitetos"
Über das Wissen.
"Parmenides"
Über die Einheit und Vielheit, Sein und Nichtsein.
"Sophistes"
Über das Wesen des Sophisten.
"Nomoi"
Über den Staat und die Erziehung der Bürger.
"Timaios"
Naturphilosophie.
|
Das "Höhlengleichnis" ist
laut Platons "Staat" (7.Buch) ein Vergleich des menschlichen
Daseins mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen Behausung. Gefesselt,
mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, erblickt der Mensch
nur die Schatten der Dinge, die er für die alleinige Wirklichkeit
hält. Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle
in die lichte Welt mit ihren wirklichen Dingen, so würden ihm zuerst
die Augen wehtun, und er würde seine Schattenwelt für wahr,
die wahre Welt für unwirklich halten. Erst allmählich, Schritt
für Schritt, würde er sich an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte
er aber in die Höhle zurück, um die anderen Menschen aus ihrer
Haft zu befreien und von ihrem Wahn zu erlösen, so würden sie
ihm nicht glauben, ihm heftig zürnen und ihn vielleicht sogar töten.
In seinem "Liniengleichnis" unterschied Platon den Bereich
des Sichtbaren von dem des Unsichtbaren. Er veranschaulichte das durch
die Teilung der Strecke im Verhältnis a:b. Er wiederholte diese Teilung
in den beiden Bereichen a und b und veranschaulichte damit die vier Wissensbereiche
bzw. Wissensarten: Gerücht (eikasia), Meinung (doxa), Wissenschaft
und Philosophie. Im Sonnengleichnis sah Platon die Analogie zwischen der
Sonne und der Idee (des Guten) einerseits und zwischen Auge und Seele
andererseits: So wie die Sonne durch ihr Licht dem Auge ermöglicht,
etwas zu sehen und den Gegenständen ihre Sichtbarkeit verleiht, so
ermöglicht die Idee des Guten durch das Licht der Ideen der Seele
die Erkenntnis und den Dingen ihre Erkennbarkeit und Wahrheit. Dabei ist
die Sonne selbst "Sprößling des Guten".
Der Mensch gehört beiden Welten an: der Welt der Ideen und der
Welt der wandelbaren Dinge, deren Vorbilder die Ideen sind. Er gehört
der Ideenwelt an durch seine Seele mit ihrer Vernunft. Der Körperwelt
gehört er an durch den Leib. Mit dem Tode trennt sich die Seele vom
Leib. Entscheidend ist, in welchem Zustand sie dann ist. Philosophie hat
ihr Motiv in der Sorge um die Seele oder im Tod. Die Sorge um den Staat
ist darin eingeschlossen. Der ideale Staat ist nämlich beschaffen
wie die Seele, dreiteilig. Lehrstand, Wehrstand und Nährstand im
Staate entsprechen den drei Seelenteilen: dem vernünftigen, dem mutigen
und dem begehrenden Teil. Hier wie da kommt es auf die Harmonie der drei
Teile an - durch Hierarchie. Die Vernunft soll herrschen in der Seele,
so wie im idealen Staate die Philosophen die Könige sein sollten.
Sinn des Staates ist, die Seelen der Bürger zu retten, ihre Heimführung
bzw. Rückführung ins Ideenreich zwecks Reinkarnation zu ermöglichen.
Durch Platon wurde die antike Philosophie
erwachsen. 
Platon bildete den geistigen Übergang von jugendlicher zu erwachsener
Kultur.
Dieser Denkarchitekt baute die Brücke zwischen Hochdenkern und Spätdenkern.
Der jüngere Platon war ein Hochdenker, der ältere Platon war
ein Spätdenker.
Nach ihm wurde die Philosophie zu einer Denkgeschichte der Fußnoten
zu ihm.
Aristoteles
(384-322), in Stageira als Sohn des Leibarztes am Makedonischen Hof geboren,
studierte seit seinem 19. Lebensjahr bei Platon,
ohne eigentlich so richtig dessen Schüler zu werden. Aristoteles
war der Erzieher Alexander
d. Gr. (356-323), gründete 335 v. Chr. die sogenannte "Peripatetische
Schule", wurde nach Alexanders Tod der Gottlosigkeit angeklagt
und floh nach Chalkis. Aristoteles begründete die wissenschaftliche
Philosophie und die philosophiedurchleuchteten (Einzel-) Wissenschaften.
Neben Platon war er der wirkungsmächtigste antike Philosoph. Sein
philosophisch-wissenschaftliches Disziplinensystem wurde wohl nur teilweise
ausgearbeitet - so ist es jedenfalls überliefert. Er machte die Logik
und die Metaphysik zu seinen Grundlagen und wurde zum Schöpfer der
Logik im Sinne einer "Analytik", wie er sie nannte: eine Lehre
von den logischen Grundgesetzen, von Begriff,
Urteil, Schluß, von Definition, Beweis sowie setzender bzw. widerlegender
Methode. Die Kategorienlehre
(Substanz, Beziehung, Raum, Zeit, Qualität, Quantität, Tun,
Leiden, Haltung, Lage) steht auf der Grenze zwischen Logik und Metaphysik.
In dieser unterschied Arsitoteles Stoff (Materie) und Form (Kraft, Denken).
Oberste Wirklichkeit ist Gott: Denken des Denkers, reine Form, unbewegter
Beweger. Die inhaltlichen Disziplinen der Philosophie teilte Aristoteles
ein in die theoretischen ("1. Philosophie", später Metaphysik
genannt; Mathematik, Physik einschließlich Psychologie), die praktischen
(Ethik, Politik, Ökonomik) und die poiëtischen (Technik, Ästhetik,
Rhetorik). Die Physik bzw. Naturphilosophie war für Aristoteles zunächst
die Lehre von der endlichen, ewig unbewegt inmitten des Fixsternhimmels
schwebenden Erde, von den vier Elementen ( ):
Feuer, Erde, Luft,
Wasser, von den vier Qualitäten bzw.
Kräften: Kalt-Warm, Trocken-Feucht, von den sechs Arten der Bewegung:
Entstehen-Vergehen, Wachsen-Sichrückbilden, Qualitäts- und Orständerung,
von den zwei Arten der Kräfte: anorganische Energie und organische
Entelechie (Ziel in sich selbst Habendes; die Form, die sich im
Stoff verwirklicht), von den drei "Ursach"-Arten: Substanz,
Kausalität, Finalität. Besonders die Naturphilosophie des Organischen
war bei Aristoteles weit entfaltet: im Menschen ist das Denken, die Vernunft
das eigentlich Menschliche; er hat an den Grundfunktionen des Tieres,
z.B. Reizbarkeit (Empfindung) und willkürlichen Ortswechsel durch
Leibesbewegung, Anteil, diese schließlich an denen der Pflanze:
Ernährung und Fortpflanzung. Die Seele des Menschen reicht in seine
pflanzenhaften und seine tierhaften Grundlagen hinein als "erste
Entelechie des Leibes", von ihnen frei ist der Intellekt, der passiv
ist als Behältnis der Ideen,
aktiv und zugleich unsterblich als forschendes Denken. Diese "theoretische
Leben" ist zugleich auch, wie Aristoteles' Ethik
lehrt, der Sitz des höchsten, der theoretischen (dianoeëtischen)
Tugenden und der wahren Glückseligkeit. Die praktischen Tugenden
sind dagegen der Herrschaft der Vernunft unterworfen; hier gilt deshalb
die Regel: vermeide die Extreme und halte Mitte ein. Für die Entwicklung
der abendländischen philosophischen Ethik blieb Aristoteles, der
für seinen Sohn Nikomachos die "Nikomachische Ethik"
geschrieben hatte, richtungsweisend bis Kant
(!). Aristoteles ging in seiner Poltitik vom Menschen als "Zoon politikon"
aus, der in den Lebenskreisen Familie, Gemeinde, Staat lebt. Den Staat
(ebenso die Wirtschaft) faßte Arsitoteles bürgerlich und sehr
realistisch auf: der Staatsmann darf nie ideale politische Verhältnisse
erwarten, sondern soll mit der bestmöglichen Verfassung die Menschen,
wie sie einmal sind, auf bestmögliche Weise regieren, vor allem die
Jugend leiblich und sittlich ertüchtigen. Gute Staatsformen sind:
Monarchie, Aristokratie, gemäßigte Demokratie, schlechte deren
Kehrseiten: Tyrannis, Oligarchie, Ochlokratie (Pöbelherrschaft).
Aristoteles wirkte über seine Älteren und Jüngeren
Aristoteliker (Peripatetiker)
sowie über die Aristotelische
Stoa über die Antike hinaus. Dieser antike Universalgelehrte
bestimmte mit seinen Klassifikationen und Begriffsprägungen
die gesamte nachfolgende Philosophie, dominierte später insbesondere
die Scholastik.
Die sich auf Aristoteles stützende Art des Philosophierens,
der Aristotelismus,
wurde danach auch von den Arabern (z.B. Averroes, )
und Juden (z.B. Maimonides, ) gepflegt und beherrschte
insbesondere seit dem 13. Jh. das philosophische Denken des Abendlandes,
vermittelt vor allem durch Albert
dem Deutschen (den Großen, ) und Thomas
von Aquino (), allerdings mit wesentlichen, durch das Christentum
bedingten Änderungen. Dieser oft auch "Thomismus"
genannte Aristotelismus wurde (als Neuthomismus)
die Grundlage der katholischen Neuscholastik
(bis heute!). In der Zeit der Renaissance
wurde der Aristotelismus in unscholastisch-humanistischer
Art von nach Italien gelangten byzantinischen Gelehrten neu belebt:
in Deutschland fußten also sowohl die protestantische
Neuscholastik (z.B. durch Melanchthon, ) als auch die katholische
Neuscholastik (z.B. durch Suárez, ) auf dem Aristotelismus.
Der Name Aristoteles steht in
besonderer Weise für Logik bzw. logisches Denken, denn die
von ihm begründete Disziplin "Logik" erfuhr bis ins
19. Jahrhundert kaum Veränderungen. Hier herrschte Aristoteles
am längsten mit seiner auf vier Formen allgemeiner Urteile
(alle sind, keiner ist, einige sind, einige sind nicht) beschränkten
Prädikatenlogik. Die Logik, wie sie von Aristoteles entwickelt
und in der Scholastik noch etwa ausgebaut wurde, handelt von den
Bedingungen der Gültigkeit von Argumenten. Diese Bedingungen
sind nach Aristoteles richtige Begriffe, Urteile, Schlüsse,
Beweise bzw. Widerlegungen. Die Lehre von den Begriffen formulierte
Aristoteles in der Kategorienschrift. Kategorien sind Hinblicke
für die begriffliche Bestimmung von etwas. Bestimmt werden
kann z.B. das, was etwas ist (Substanz), seine Menge (Qualität),
die Beziehung (Relation), zudem Ort und Zeitpunkt. Erst Kant
deduzierte eine "vollständige" Tafel der Kategorien
des Arsitoteles - von den Urteilsformen her.
Nach Aristoteles' Lehre vom Satz sind die Urteilsformen zu unterscheiden
in bejahende (p wird von S ausgesagt, oder: S ist p) und verneinende,
allgemeine (alle S sind p) und besondere, und in solche, die Mögliches,
Wirkliches und Notwendiges (als Sein) aussagen. In der Lehre vom
Schluß (Syllogistik, in der 1. Analytik) steht ein
axiomatisches System aller gültigen Schlüsse, d.h. der
Möglichkeiten der Begründung eines Urteils durch zwei
Prämissen. Eine brillante Leistung! Denn dieses Stück
hält, anders als die Lehre vom Begriff oder Beweis, der Prüfung
durch die moderne Logik im Wesentlichen stand. Aber die aristotelische
Syllogistik ist theoretisch wegen ihrer Beschränktheit auf
nur vier Formen allgemeiner Urteile eine Sackgasse. Und praktisch
ist sie bedeutungslos. ( ).
Erst mit der Begriffsschrift
(1879) des Philosophen und Mathematikers G. Frege
(), d.h. seiner Einführung einer formalisierten
Sprache mit symbolischer Wiedergabe von Sprachausdrücken, konnten
die Probleme gelöst werden, die eine Weiterentwicklung der formalen,
nicht symbolischen Logik des Aristoteles hin zu einer Logik aller
allgemeinen Urteile verhindert hatten. Beispielsweise konnte ein gültiges
Argument wie "Alle Gelehrte sind Menschen => Alle Gelehrtenköpfe
sind Menschenköpfe" bis dahin nicht abgehandelt werden,
weil die hier vorkommenden Prädikate nicht als Beziehungsprädikate
begriffen werden konnten. Das ging erst mit der Einführung von
Existenzquantor (es gibt mindestens ein x, für das gilt ...)
und Allquantor (für jedes x gilt) durch Frege. (Vgl. Logistik).
|
Aristoteles' Schriften
(Auswahl):
1.) Logik (Organon)
Katgorien
Lehre vom Satz
1. und 2. Analytik
Topik
Sophistische Widerlegungen
2.) Naturwissenschaft
Physik
Die Seele
Bau der Tiere
Astronomie
3.) Metaphysik
Bücher 1-14
4.) Ethik
Nikomachische Ethik
Eudemische Ethik
Magna Moralia
Politik
Staat der Athener
5.) Rhetorik
Rhetorik 1-8
Poetik
Kants Tafel der von Arsitoteles entdeckten Kategorien:
1.) Quantität
Einheit
Vielheit
Allheit
2.) Qualität
Realität
Negation
Limitation
3.) Relation
Substanzialität
Kausalität
Wechselwirkung
4.) Modalität
Möglichkeit
Wirklichkeit
Notwendigkeit
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Durch Platon wurde die antike
Philosophie erwachsen. 
Durch Aristoteles wurde diese zivil-moderne Reife eine Spätlese,
eine Herbsternte.
Für Platon war Wissen Wiedererinnerung und deshalb eigentlich nichts
Neues möglich. Für Aristoteles aber war neues Wissen möglich,
allerdings hatte auch er eine Vollendung des Wissens im Sinn: die Erkenntnis
des Göttlichen oder das göttliche Wissen selbst. Doch diese
Gotteserkenntnis ist mit der Welterkenntnis verbunden, geht von ihr aus.
So konnte man in der Christenwelt auf Aristoteles zurückgreifen,
sich mit ihm der Welt öffnen; man nannte ihn "Wegbereiter
Christi im Felde des Natürlichen". Im Abendland (besonders
im angelsächsischen Raum) gab man Aristoteles wegen seiner realistischeren
Einstellung meist den Vorrang vor Platon. Bis an die Schwelle der Neuzeit
galt Aristoteles' Lehre in allen Stücken, wie sonst nur bei der Bibel,
als "unfehlbar". Arsitoteles war der Lehrer des (jungen) Abendlandes.
Er begann seine Metaphysik mit der Bemerkung, daß alle Menschen
natürlicherweise nach Wissen streben, das beweise die Freude an der
Sinneswahrnehmung. Bei Platon war das anders. Bei ihm mußten die
Menschen durch bereits eingeweihte Philosophen zur Wissenserlangung gezwungen
werden, d.h. von ihren bereits in die Haut eingewachsenen Ketten befreit
und aus der Höhle
heraus in die blendende Helle geführt werden. Dies, obwohl sie auch
Freude an der Sinneswahrnehmung hatten. Denn bei Platon galt es, sich
von dieser abzuwenden. Doch für Aristoteles führte der Weg vom
Sinnlichen ausgehend hin zum an sich Wahren. Es galt, den Erscheinungen
folgsam zu sein. Daß die Welt existiert und kein Schein ist, war
für ihn Tatsache. Das Streben nach Wissen selbst verlor durch Aristoteles
seine transzendente Verankerung, es wurde rein immanent erklärt aus
einer lebensdienlichen Funktion. Aber auch Aristoteles suchte, wie Platon,
nach dem Wesen von allem, was ist, nach dem Wesen des Einzelseienden.
Für Aristoteles konnte das nichts anderes als das Einzelne selbst
sein, also nichts abgehobenes Allgemeines wie Platons Ideen.
Es mußte etwas mit dem Einzelseienden Verbundenes sein. Denn das
Einzelne sollte ja, wie schon bei Platon, durch es seine Existenz haben.
Das Wesen konnte für Aristoteles nur als Wesen des Einzelnen, d.h
in diesem selbst und durch es hindurch erscheinen.
Nach Platons
Gründung der Akademie (385 v. Chr.) und Aristoteles' Peripatetiker-Schule
(335 v. Chr.) entstanden Pyrrhons Skeptiker-Schule (312 v. Chr.), Zenons
Stoiker-Schule (um 300 v. Chr.), Epikurs Schule (um 300 v. Chr.) und
die bereits erwähnten 13-bändigen Elemente des Mathematikers
Euklid (um
312/300), dessen Parallelenaxiom genau einen Weltmonat lang
Gültigkeit haben sollte, bis Gauß
(um 1801/1830) die erste nicht-euklidische Geometrie entwickelte. ( ).
Ebenfalls einen Weltmonat nach den antiken sehen wir neue abendländische
Denkschulen, wobei man hier immer wieder auf den apollinisch-austischen
Gegensatz zurückkommen muß, um zu verstehen, weshalb Form
und Inhalt dieser Schulen Oppositionen darstellen, in der Genetik
einer Kultur aber immer wieder analoge Kriterien der Evolution
am Werk sind. Im Vergleich zu Platon, der seinen Idealismus auch politisch
zu verwirklichen suchte (im Reich des Tyrannen Dionysios I. in
Sizilien), blieb Kant
praktisch ziemlich apolitisch und entwickelte stattdessen seinen kategorischen
Imperativ. Auch Aristoteles kann in praktischer Hinsicht als apolitisch
gelten, auch und gerade wegen der Tatsache, daß er Alexander den
Großen erzogen hatte, denn seine Beweggründe waren nicht das,
was man ihm nach Alexanders Tod zu unterstellen versucht hat: Gottlosigkeit.
Für Hegel
und (sein eigentliches Analogon) Platon bedeutete erkennen sich
erinnern und begreifen rekonstruieren; diese beiden großen
Idealisten hatten auch ähnliche Staatsideen. Hegel sah im
Staat den erscheinenden Gott, weil die Einheit rechtlichen Verhaltens
und moderner Gesinnung das Entscheidende und im Staat höchste Form
Erreichende sei - das Ideal schlechthin, weil es allgemeiner Natur
sei. Diese allgemeine Form sollte Inhalt werden.
Ob sie es dann wurde, war eine andere Frage. Man hatte die Idee,
und das war entscheidend. In einer antiken körperlichen
Polis war die Idee anderer Natur. Man ertrug hier keinen Inhalt,
weil er nur Chaos zu bedeuten schien, und ging gleich zur Form über.
Die Antike war stets populär, was wir populistisch nennen
würden, weil wir die Antike nicht wirklich verstehen können
und wollen. Das Abendland war stets unpopulär, was die Antike
unfertig oder nicht vorhanden genannt hätte, weil sie
uns nicht wirklich hätte verstehen können und wollen. Das liegt
an der antiken arch.
Der Unterschied zwischen Form
und Inhalt zeigt ebenfalls den Gegensatz zwischen apollinischer
und faustischer Kultur an. Für derartige Gegenpole gilt, daß
hier Inhalt ist, wenn dort Form war und daß hier Form ist, wenn
dort Inhalt war. Wahrscheinlich ist diese Polarität der Grund dafür,
daß wir uns jede antike Form zum Inhalt und jeden antiken Inhalt
zur Form machen. Da aber in der Antike auch der Inhalt förmlich gedacht
wurde, als Substanz oder Urstoff (arch),
so kann man zu der Vermutung gelangen, daß es im Abendland eigentlich
kein Formdenken geben könne. Und in der Tat wird hier jede Form so
lange analysiert oder ins Grenzenlose idealisiert, bis man auf jene mathematischen
Formen trifft, die Gauß
() geometrisch begründet hat und später in der Physik
auf andere Weise durch Heisenbergs
Unbestimmtheitsrelation wieder auftauchen sollten. (20-22).
Über lange wissenschaftliche Wege ist man also zu einem Gedanken
gelangt, den Platon auf ähnliche Weise schon vertreten hatte, ohne
naturwissenschaftlich zu experimentieren. Er experimentierte nur mit seinen
Gedanken und denen seiner Akademieschüler. Als Platon seine Akademie
betrieb, d.h. sich und seine Schüler aus der athenischen Grausamkeit
nahm, sollte eine Philosophieschule in Gang gesetzt werden, die die Antike
bis dahin nicht gekannt hatte. Als Kant im fernen Königsberg, das
er nie verließ, wirkte, geschah durch die idealistisch-romantischen
Bewegungen Ähnliches auf abendländische Weise.
Immanuel Kant
() stammte aus einer Handwerkerfamilie mit 12 Kindern, studierte
in Königsberg Mathematik und Naturwissenschaften, Philosophie bei
dem Wolff-Schüler Martin Knutzen. Kant verbrachte
sein ganzes Leben in Königsberg, wirkte ab 1756 als Privatdozent,
ab 1770 als ordentlicher Professor der Logik und Metaphysik mit großem
Lehrerfolg, und er lehrte auch Naturwissenschaften, insbesondere Geographie.
1794 wurde der Begründer
des Kritizismus bzw. der Transzendentalphilosophie durch eine königliche
Kabinettorder verwarnt: wegen Entstellung und Herabwürdigung mancher
Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums.
Kant hat den Begriff der Metaphysik geändert, den der Erkenntnistheorie
neu geschaffen, beides in der Kritik der reinen Vernunft (1781).
Er sah in der Metaphysik nicht mehr die Wissenschaft vom Absoluten,
wie noch die dogmatischen Philosophen, besonders die Wolff-Schule,
sondern die Grenzen der menschlichen Vernunft. Die Erkenntnistheorie
sollte die Grenzpolizei gegen alle Anmaßungen und Grenzüberschreitungen
über das Erfahrbare hinaus sein. Erkenntnisse beruhen nach Kant einzig
und allein auf Erfahrung, auf Sinneswahrnehmung. Die Sinne allein geben
Kunde von einer realen Außenwelt. Kant begründet das in etwa
so: Erkenntnis entspringt nicht vollständig aus der Erfahrung, vielmehr
wird sie geformt durch die apriori bereitliegenden Anschauungsformen
des Raumes und der Zeit und die Denk- bzw. Verstandesformen der Kategorien.
Die Kategorien sind einerseits die allgemeinsten
Wirklichkeits-, Aussage- und Begriffsformen, also die Stammbegriffe, von
denen die übrigen Begriffe ableitbar sind (Erkenntniskategorien),
andererseits die Ur- und Grundformen des Seins der Erkenntnisgegenstände
(Seins- oder Realkategorien). Die Erforschung der Kategorien nannte Kant
transzendental. Die Erkenntnistheorie als spezialisierte Untersuchung
der Erkenntnis gliedert sich in Erkenntniskritik, die von einem vorher
bestehenden Erkenntnistypus ausgeht, an dem sie die vorhandenen Kenntnisse
kritisch mißt, so Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781),
und die Erkenntnismetaphysik, die das Wesen der Erkenntnis erforscht.
Kant erschütterte aber eine Art von Metaphysik, die wahrnehmungslos
und bloß spekulativ-konstruktiv vorgeht, indem er ihr die Fähigkeit
zu irgendeiner Wirklichkeitserkenntnis absprach. Freilich räumte
er ein, daß auch die durch Erfahrung gegründete Erkenntnis
nicht auf die Dinge
an sich, sondern nur auf deren Erscheinungen (Phänomene)
zurückgeht. Reine Gedankenkonstruktionen hinsichtlich der Dinge
an sich aber sind nach Kant erst recht keine Erkenntnisse. Dies versuchte
er zu beweisen an der psychologischen, kosmologischen und theologischen
Idee der bisherigen scholastischen, ontologischen, rationalistischen,
damit als dogmatische Scheinwissenschaft entlarvten Metaphysik und natürlichen
Theologie: der Unsterblichkeit der Seele, der Entstehung der
Welt, der Existenz Gottes. ( ).
Kritizismus
heißt nach Kant das Verfahren, Möglichkeit, Ursprung, Gültigkeit,
Gesetzmäßigkeit und Grenzen des menschlichen Erkennens festzustellen.
Kant parallelisierte geistig das "Kindesalter" mit dem
"Dogmatismus", das "Jünglingsalter"
mit dem "Skeptizismus", das "reife Mannesalter"
mit dem "Kritizismus". Systematisch hält der Kritizismus
die Mitte zwischen Rationalismus
und Sensualismus.
Kants Kritizismus wendet sich
1.) gegen die Mißachtung der Wahrnehmung beim Erkennen,
2.) gegen die Behauptung, man könne aus bloßen Begriffen (Kategorien)
ohne Grundlegung durch wahrnehmung Erkenntnisse bilden,
3.) gegen die Behauptung, Gott, Seele, Welt seien erkennbare Gegenstände,
während sie in Wirklichkeit (systembildende) Ideen sind.
Der Hauptsatz des Kritizismus:
Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen leer.
Der tranzendentale Idealismus Kants besagt,
daß nicht die Dinge
an sich, sondern die Dinge nur als Erscheinungen erfaßbar
sind. Transzendent bedeutet demzufolge, daß Erfahrungen bzw. Erkenntnisse
überstiegen werden, wenn sie jenseits des Bewußtseins liegen,
dieses also überschreiten. Transzendental dagegen bedeutet nicht
etwas, was über alle Erfahrung hinübersteigt (= transzendent),
sondern was vor ihr (a priori) zwar hervorgeht, aber doch zu nichts weiterem
bestimmt ist, als lediglich Erfahrungserkenntnis möglich zu machen.
Der Begriff des Transzendentalen bezeichnet somit offenbar das Problem
der Erkenntnislehre, aber auch die Erkenntnislehre selbst und ihrer Methoden.
Die tranzendentale Idee ist nach Kant ein Vernunftbegriff, ein Begriff,
der nur in der Sehnsucht des Verstandes, das ihm Gegebene zu überschreiten,
seinen Ursprung hat und die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt,
aber für die formale Anordnung der Begriffe
und Erkenntnisse in einer vollständigen Wissenschaft unentbehrlcih
ist. Die 3 Ideen der Metaphysik sind nach Kant:
Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Platons Begriff der Ideen ist dagegen
ein urtypischer (urkultureller), weil er methodisch in genau die andere
Richtung zeigt: Ideen sind aufgrund vorgeburtlicher Erinnerung erfaßbare,
Realität besitzende Urbilder der Dinge. Nach Platon sind sie nicht
sinnlich, sondern nur geistig erfaßbar, und zwar mit eben jener
Anamnese: der vorgeburtlichen Erinnerung. Anamnese sei, so Platon, eine
Wiedererinnerung als Erkenntnis, weil jede Erkenntnis ein Sicherinnern
der Seele an die Ideen sei, in deren Nähe sie vor ihrer Verbindung
mit dem Körper weilte. Ideen sind nach Platon ewige und unveränderliche
Urbilder. Das Ding bilde die Ideen ab und hat an der Idee teil. Somit
ist die Idee in ihm gegenwärtig und demzufolge das Eigentlich-Seiende.
Das Abendland hatte sich mit der platonischen Ideenlehre seit ihrem
Bekanntwerden immer schon auseinandergesetzt, und mit Fichte,
Schelling
und Hegel
erhielt sie jetzt erneut Bedeutung, aber an die eigentliche platonisch-antike
Bedeutung kamen selbst diese 3 Hauptvertreter des Deutschen
Idealsimus und auch Goethes Urphänomene
nicht heran. Keinem Menschen ist es möglich, kulturell gegensätzliche
Seelenbilder und Ursymbole zu überwinden. Auch eine Synthese muß
aufheben, wenn auch auf erhöhter Ebene. (Vgl. Aufheben
und Dialektik).
Antinomie nennt man den Widerstreit zwischen mehreren Sätzen, deren
jeder für sich Gültigkeit hat. Kant stellte 1781 in seiner Kritik
der reinen Vernunft eine besondere Antinomienlehre auf, in der er
4 Antinomien - 2 mathematische und 2 dynamische - unterschied, die jeweils
aus Thesis (Behauptung) und Antithesis (Gegenbehauptung) bestehen. Kant
erblickte die Hauptleistung des Verstandes in der "Synthesis der
transzendentalen Apperzeption", wodurch empirische Anschauungen
zur Einheit einer Erkenntnis werden.
Rationalismus
und Empirismus
zusammengebracht zu haben, ist das Verdienst der Kritik der reinen
Vernunft (1781): Kants Buch wurde damit zum Buch der Bücher der
neueren Philosophie (Spätdenker). Kant definierte einerseits,
was die Vernunft von sich her an Erkenntnis mitbringt (was a priori
ist) - im Rationalismus schien das nahezu alles zu sein -, und andererseits,
was die Vernunft sich durch die sinnliche Erfahrung geben lassen muß
(was später als die Vernunft ist, oder a posteriori) - das
schien dem Empirismus fast alles zu sein. Objektive Erkenntnis sei nämlich
immer ein Zusammengesetztes aus beiden. Damit geht es allerdings der Metaphysik
an den Kragen, denn ihre Gegenstände gehen ja nicht selten über
alle sinnliche Erfahrung hinaus. Wenn es stimmt, daß von der Metaphysik
seit Kant nichts anderes übrig geblieben ist als die theoretische
Basis sicherer Naturwissenschaft und das Gewissen, dann hätten ja
die metaphysischen Ideen - z.B. Gott, Freiheit, Unsterblichkeit - nichts
Antinomisches, Widersprüchliches, die Vernunft Zerbrechendes mehr
an sich. ( ).
Hier findet man Kants zündende Idee, die stark an Platon erinnert:
er unterscheidet nämlich die Welt, wie sie unabhängig von unserer
Anschauung und unserem Verstand ist (die Dinge
an sich), von der Welt, die uns als räumlich-zeitlicher Geschehenszusammenhang
erscheint (die Dinge als Erscheinungen). Dann ist jedes Ding zweierlei:
1) Gedankending oder Ding an sich
selbst (noumenon)
2) Erscheinung oder Ding als Gegenstand
der Erfahrung (phainomenon)
Kant konnte, anders als der skeptische Hume, der Naturwissenschaft Sicherheit
verschaffen: die Realität ist Meßbares, Empfindbares, kausal
Erfolgendes in Raum und Zeit, aber das Ganze, diese Realität, ist
nur Erscheinungswelt, Vorstellungswelt des Ich. Sie richtet sich in ihrer
Erkennbarkeit nach dem Ich. Das nennt man die kopernikanische Wende
in der Philosophie durch Kant. Die Dinge an sich, die Welt ohne das vorstellende
Ich mit seinen Kategorien (Quantität, Qualität und Kausalität)
und Anschauungsformen (Raum und Zeit), sind unerkennbar, aber eben denkbar.
Und nun kommt das Entscheidende: zu dieser Welt der Dinge an sich gehört
auch das Ich, sofern es sich selbst nicht sinnlicher oder "intelligibler
Gegenstand" sein kann. Und das geschieht, wenn er spürt,
daß er soll. Sollen kommt in der ganzen Welt nicht vor, so Kant,
nur im Menschen. Hier also, in der Freiheit, im Sollen, in der Moral,
ist der Punkt, wo sich das Ich hinein ins Jenseits rettet, in eine intelligible
Welt. Unsterblichkeit ist Verdienst der sittlichen Anstrengung:
"Wir sind und jetzt durch die Vernunft schon als in einem intelligiblen
Reiche befindlich bewußt,
nach dem Tode werden wir das anschauen und erkennen und dann sind wir
in einer ganz anderen Welt,
die aber nur der Form nach verändert ist, wo wir nämlich die
Dinge erkennen, wie sie an sich selbst sind."
Kant, 1781
Kant äußerte sich also auch (pflichtgemäß)
zum Sollen, zur Moral, kurzum: zur Ethik,
deren Erörterung schon in der letzten Hochdenker-Phase
zur Höchstform aufgelaufen war (antik wie abendländisch). Pflicht
ist die verbindliche Pflege, für etwas zu sorgen. Diese als inneres
Erlebnis auftretende Nötigung muß er vor Augen gehabt haben,
um den von ethischen Werten ausgehenden Forderungen entsprechen und das
eigene Dasein diesen Forderungen gemäß gestalten zu können.
Kant kam in seiner Kritik der praktischen Vernunft (1788) zu einer
autonomen Pflicht-Ethik, die als eine bedeutende philosophische Leistung
gelten kann. Kants Gedankengang ist in etwa folgender: Der Vernunft ist
es zwar unmöglich, Gegenstände rein apriori, d.h. ohne Erfahrung
theoretisch zu erkennen, wohl aber den Willen des Menschen und sein praktisches
Verhalten zu bestimmen. Seinem empirischen Charakter nach, d.h.
als Person, steht der Mensch unter dem Naturgesetz, folgt er den Einflüssen
der Außenwelt, ist er unfrei. Seinem intelligiblen Charakter gemäß,
d.h. als Persönlichkeit, ist er frei und nur nach seiner (praktischen)
Vernunft ausgerichtet. Das Sittengesetz, dem er dabei folgt, ist ein "Kategorischer
Imperativ". Nicht auf äußere Güter gerichtetes
Streben nach Glück, nicht Liebe oder Neigung machen ein Tun moralisch,
sondern allein die Achtung vor dem Sittengesetz und die Befolgung der
Pflicht. Getragen ist diese Ethik der Pflicht von der nicht theoretischen,
sondern praktischen Überzeugung von der Freiheit des sittlichen Tuns,
von der Unsterblichkeit des sittlich Handelnden, da dieser in diesem Leben
den Lohn seiner Sittlichkeit zu ernten nicht befugt ist, von Gott als
dem Bürgen der Sittlichkeit und ihres Lohnes. Diese 3 Überzeugungen
sind nach Kant die praktischen Postulate von Gott, Freiheit und
Unsterblichkeit. Von religiöser Heteronomie - Fremdbestimmung usw.
- ist nach Kant die Sittlichkeit frei, weil sie autonom ist. In diesem
Zusammenhang sah Kant seine Auffassungen über Recht, Staat, Politik
und Geschichte, deren Wirklichkeit er sehr skeptisch gegenüberstand,
besonders der des von ihm als ethisch-politisches Ideal anerkannten Ewigen
Friedens.
Mit der Kritik der Urteilskraft (1790) schloß Kant seine
Darlegungen zu seinem System des Kritizismus ab. Nach Kant ist Urteilskraft
1) das Vermögen, unter Regeln zu subsummieren, d.h.
zu unterscheiden, ob etwas
unter einer gegebenen Regel stehe oder nicht (subsummierende Urteile).
2) das Vermögen (die Fähigkeit), das Besondere als enthalten
unter dem Allgemeinen
(Regel, Prinzip, Gesetz) zu denken (reflektierende Urteile).
Synthetisch heißt nach Kant ein Urteil, dessen Prädikats-Inhalt
noch nicht im Subjekt-Inhalt enthalten ist, vielmehr durch den
Urteilsvollzug erst neu hinzukommt. Synthetische Urteile, von Kant in
synthetische Urteile a posteriori und synthetische Urteile a
priori (z.B. mathematisch) eingeteilt, bringen also zu dem Begriff
des Subjekts ein Prädiakt hinzu, welches in jenem noch gar nicht
gedacht war (alle Körper sind schwer). Kant machte sie zu
seinem sachlichen Ausgangspunkt für seine kritische Untersuchung
der Erkenntnis. Daß sie möglich sind, ja vorhanden sind, wird
dabei vorausgesetzt. Analytische Urteile dagegen sind nach Kant solche
Urteile, deren Prädikat im Subjekt bereits enthalten ist (alle
Körper sind augedehnt).
Kants Philosophie, in Fachkreisen seine theoretische, in weiteren Kreisen,
z.B. bei Goethe und Schiller, seine praktische, rief schon zu seinen Lebzeiten
eine starke Bewegung hervor. Auf Schiller wirkte Kant vor allem durch
seine Sittenlehre, wenn auch Schiller die Härte der Kantschen Pflichtethik
bekämpfte. Goethes anschauender Natur war zwar Kants Kritik der
reinen Vernunft in ihrer Abstraktheit fremd, doch beeindruckte ihn
Kants Kritik der praktischen Vernunft mit ihrer strengen Pflichtethik,
und Kants Kritik der Urteilskraft habe ihm sogar die philosophische Grundlage
für sein "Schaffen, Tun und Denken" gegeben. Hamannn, Herder
und Jacobi traten als Gegner Kants auf. Fichte, Hegel, Schelling knüpften
mit ihrer (aber nicht mehr kritizistischen !) spekulativ-idealistischen
Metaphysik an Kant an. (Vgl. Idealismus).
Das Ganze der "Drei
Kritiken" - die Transzendentalphilosphie - besteht also aus den
Bedingungen der Möglichkeit allgemeingültiger Naturerkenntnis
(Wissenschaft), allgemeingültiger Willensbestimmung (Moral) und allgemeingültigen
Geschmacks (Ästhetik). Neben dieser Durchführung seiner Philosophie
betrieb Kant auch noch "Philosophie in weltbürgerlicher Bedeutung".
Darunter verstand er praktische Menschenkenntnis. Er publizierte sie 1798
unter dem Titel Anthropologie in pragmatischer Hinsicht und in
zahlreichen kleineren Schriften über die Menschheitsgeschichte, über
Politik und Moral. Auf Kants Vernunftidee einer friedlichen Völkergemeinschaft
(in der Schrift Zum ewigen Frieden, 1795) sollten sich später
der Völkerbund (1919) und die UNO (1945) berufen.
Durch Kant wurde die abendländische Philosophie erwachsen. 
Kant bildete den geistigen Übergang von jugendlicher zu erwachsener
Kultur.
Dieser Denkpolizist fand den Grenzraum zwischen Hochdenkern und Spätdenkern.
Als jüngerer Vorkritiker war er Hochdenker, als älterer Nachkritiker
war er Spätdenker.
Durch Kant erhielt auch das Abendland seine eigenen denkgeschichtlichen
Fußnoten.
Friedrich Heinrich Jacobi () war der Philosophielehrer
der Romantiker
und der Verkünder des modernen Individualismus. Er leitete die Philosophie
der Menschen aus ihren Handlungen ab. Nicht nur alle Personen, sondern
auch alle Dinge sind "im Leben", das "Gott"
ist, behauptete er. Bei Jacobi finden sich sowohl lebens- als auch
existenzphilosophische Ansätze. ( ).
Großes Aufsehen erregte seine Schrift "Über die Lehre
des Spinoza in Briefen an Moses Mendelssohn" (1785); er teilte
darin ein Bekenntnis Lessings zum Spinozismus wie aller Verstandesphilosophie,
während die wahre Philosophie auf Gefühl und Glauben beruhe
und erst anfange, wo der Spinozismus aufhöre. In seiner Jugend war
Jacobi mit Lessing und Goethe befreundet, von 1807 bis 1813 war er Präsident
der bayrischen Akademie der Wissenschaften in München.
Die Überzeugung, daß das Bewußtsein
einer dinglichen Welt außer uns absolut nichts weiter sein soll
als das Produkt unseres eigenen Vorstellungsvermögens, soll uns zugleich
die Gewißheit unserer Freiheit geben. Nicht als bestimmt durch die
Dinge, sondern als die Dinge bestimmend ist das Ich zu denken. Für
Johann Gottlieb Fichte
() war die Welt nichts anderes als das Material unserer Tätigkeit,
das versinnlichte Material unserer Pflicht.
Alles, was zur Tätigkeit gefordert ist, ist auch sittlich gefordert.
Dahin gehört vor allem die Ausbildung des Körpers und des Geistes
und die Eingliederung in die menschliche Gemeinschaft, denn die Arbeit
an der Sinnenwelt, die Kulturarbeit, kann nur eine gemeinsame sein. Andererseits
haben alle Staatsbürger nicht nur das Recht auf formale Freiheit
und Schutz vor Vergewaltigung, sondern auch auf Eigentum, Arbeitsgelegenheit
und Teilnahme an den Erträgen der Staatswirtschaft, wie Fichte in
seinem Geschlossenen
Handelsstaat (1800) dargelegt hat. Fichte, dessen Versuch einer
Kritik aller Offenbarung (1792) zunächst als ein Werk Kants angesehen
worden war und ihn, nachdem er sich als ihr Verfasser herausgestellt hatte,
mit einem Schlage berühmt gemacht hatte, wurde weiterhin bekannt
durch seine Reden an die deutsche Nation ().
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