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Ernst Jünger
(1895-1998)

Lob, Kritik, Skepsis.

- Seiten -
Aphorismen
Schreibraum
Spengler, Heidegger, Jünger
Verweise
Verweise zu den bedeutendsten Zitaten u.a.
Werke-Verzeichnisr
Zur Person
Einleitung
Biographie (einschließlich Lebenslauf-Tabelle)
 
Erläuterung der Lebenslauf-Tabelle
Konservative Revolution
Textausschnitte aus dem Buch „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ von Armin Mohler und Karlheinz Weißmann
Zweiter Weltkrieg:
Zur Erinnerung an die deutsche Besatzung in Frankreich

 

NACH OBEN Einleitung.

Es ist kaum zu glauben, was Ernst Jünger so alles geleistet hat. Ich kann und werde im folgenden Text gar nicht auf alles, was Jünger geschafft hat, eingehen und verweise in diesem Zusammenhang auf die oben angebenen Seiten (**), besonders auf jene Seite, die u.a. bereits Ausschnitte aus dem Lebenslauf Jüngers enthält (**), wozu diese Seite lediglich eine Ergänzung darstellt.

Ernst Jünger hat schon früh und bis an sein Lebensende immer wieder bedeutsame Fragen der Philosophie aufgegriffen und sich dabei der Zeitadiagnostik, der Sprach- und Naturphilosophie sowie der Geschichtsphilosophie zugewandt. Er war Soldat, Zoologe, Schriftsteller und Philosoph. Er war Soldat, Zoologe, Schriftsteller und Philosoph. Beeinflußt haben ihn vor allem Schopenhauer, Nietzsche und Spengler. Mit seinem Bruder Friedrich Georg Jünger und mit Heidegger verband ihn eine enge Zusammenarbeit: „Freie Heroengemeinschaft“ (**) nannte Ernst Jünger dieses Dreiergespann.

Niemals ließ Jünger sich vom Nationalsozialismus beeindrucken, und in seinem Roman „Auf den Marmorklippen“ (1939) karikierte er Hitler als Oberförster. Aufgrund seiner Popularität, die in allen Jünger-Epochen ungeheuer war, wagte die Regierung nicht, ihn anzutasten. In der französischen Gegenwartsliteratur zählt Jünger neben Nietzsche und Heidegger zu den beliebtesten deutschen Autoren. Jünger bekam den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Jünger war es, der den Zeitgeist der Moderne auf den Begriff „Mobilmachung“ in seiner Schrift „Die Mobilmachung des Planeten durch die Gestalt des Arbeiters“ (1930) brachte. Von Jünger übernahm später übrigens Sloterdijk diesen Begriff, um ihn zu einer der tragenden Säulen in seiner Gedankenwelt zu machen. Jünger meinte nämlich, daß die moralisch wichtige Differenz zwischen Krieg und Frieden praktisch neutralisiert wird. Denn wie im Krieg wird auch bei technischen Großprojekten in der Arbeit alles intensiviert und dynamisiert und die letzten Reserven an die Front gebracht. Dieser politisch-dynamische Prozeß ist Jünger zufolge die Signatur der Moderne. Ironisch sollte Sloterdijk später feststellen, daß kapitalistische Staaten im Modus potentieller Mobilmachung leben. Eine kleine Ferienreise in dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen übersteigt das kinetische Volumen der mobiliserten deutschen Armee von 1914, wobei hier die großen Ferien - die Sommerferien - noch nicht einmal gemeint sind. Genau dieser Prozeß soll gemäß Sloterdijk zum Stillstand gebracht (vgl. Peter Sloterdijk, Eurotaoismus, 1989) und ein Menschentypus beschrieben werden, der nicht mehr für Mobilmachungsprozesse mißbraucht werden kann (vgl. Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, 1993). Übrigens benutzt Sloterdijk nicht immer nur ein Fahrrad (**). Es wollen ihn Leute im Flugzeug gesehen haben.

 

•   Biographisches   •

NACH OBEN Biographie.

Lebenslauf mit Tabelle dazu
Erläuterung der Lebenslauf-Tabelle

 

Biographie Lebenslauf mit Tabelle dazu.

‹—  Ernst Jünger —›
1. Stadium („Winter“) 2. Stadium („Frühling“) 3. Stadium („Sommer“) 4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Jüngers
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Jüngers
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Jüngers
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Jüngers
„Spätphilosophie“
(Dauer: 19 Jahre) (Dauer: 18 Jahre) (Dauer: 19 Jahre) (Dauer: 47 Jahre)*
1895 bis 1914 1914 bis 1932 1932 bis 1951 1951 bis 1998 *
Geburt
(29.03.)
DER
ARBEITER“
Tod  
(17.02.)
Übergang
                                  Schule / Fremdenlegion bzw. Krieg
| „Der
Waldgang“
Frühe
Kindheit
Grund-
schule
Gym-
nasium
1914
- 1918
1918
- 1926
1926
- 1932
1932
- 1939
1939
- 1944
1944
- 1951
1951
- 1957
1957
- 1960
1960
- 1998 *
Erläuterung Erläuterung

Ernst Jünger wurde am 29. März 1895 in Heidelberg als ältestes von sieben Kindern des Chemikers Dr. Ernst Georg Jünger (1868-1943) und dessen späterer Frau Karolina (geborene Lampl; 1873-1950) geboren. Er wurde protestantisch getauft. Seine Kindheit verbrachte Jünger unter anderem in Hannover, wo sich sein Vater ein Labor als Lebensmittelchemiker eingerichtet hatte, in Schwarzenberg und schließlich ab 1907 in Rehburg. Sein Vater hatte zuvor als Bergwerksunternehmer beträchtliche Einkünfte erzielt. 1901 wurde Ernst Jünger am Lyceum II in Hannover eingeschult. Nicht zuletzt wegen der häufigen Umzüge der Familie war er zunächst ein schlechter Schüler. 1905 bis 1907 verbrachte Ernst Jünger auf Internaten in Hannover und Braunschweig. Ab 1907 lebte er wieder bei seiner Familie in Rehburg und besuchte gemeinsam mit seinen Geschwistern die Scharnhorst-Realschule in Wunstorf. In dieser Zeit entdeckte der mittelmäßige Schüler neben seiner Vorliebe für Abenteuerromane auch die Liebe für die Insektenkunde. 1911 trat Jünger gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Georg (**) dem Wunstorfer Wandervogel-Club bei. Dort fand er den Stoff für seine ersten Gedichte, die in einer Wandervogel-Zeitschrift veröffentlicht wurden. Dem Außenseiter brachten sie die Anerkennung seiner Lehrer und Mitschüler ein. Er genoß von diesem Zeitpunkt an den Ruf des Poeten und Dandys.

Im Sommer 1913 trat Ernst Jünger als Schüler, der inzwischen ein Gymnasium in Hameln besuchte, in Verdun der Fremdenlegion bei. Aus dem Ausbildungslager in Sidi bel Abbès (Algerien) floh er mit einem Kameraden, doch in Marokko wurde er aber schnell aufgegriffen und zur Legion zurückgebracht. Doch schon bald darauf konnte er nach einer von seinem Vater betriebenen Intervention des Auswärtigen Amtes wieder entlassen werden. Diese Episode seines Lebens wird übrigens vor allem in dem Buch Afrikanische Spiele (**) verarbeitet.

„Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr.“ (Ernst Jünger, In Stahlgewittern, 1920**).

Ernst Jünger
Als Kriegsfreiwilliger meldete sich Ernst Jünger am 1. August 1914 - 4 Tage nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges - beim Füsilier-Regiment 73 in Hannover. Nach dem Notabitur absolvierte er die militärische Ausbildung und kam im Dezember mit einem Ersatztransport an die Champagne-Front in Frankreich. (**). Am 24. April 1915 wurde er erstmals verwundet. Im Heimaturlaub schlug er auf Anraten seines Vaters die Offizierslaufbahn ein. Wieder zurück in Frankreich, wurde er bald Leutnant und Zugführer und machte sich durch spektakuläre Aktionen bei Patrouillen und Stoßtrupps einen Namen. Im Laufe des dritten Kriegsjahres 1916 war Jüngers Regiment an sämtlichen Brennpunkten der Westfront eingesetzt. Während der zweiten Somme-Schlacht wurde Jünger am Vorabend der Offensive verwundet und kam ins Lazarett. In der Folgezeit wurde sein gesamter Zug aufgerieben. Ende 1916 erhielt Jünger für ein besonders waghalsiges Unternehmen das Eiserne Kreuz. 1917 wurde Jünger zum Chef der 7. Kompanie befördert und rettete durch einen Zufall seinem Bruder Friedrich Georg (**) auf dem Schlachtfeld von Langemarck das Leben. Daraufhin folgten weitere Auszeichnungen. Im März 1918 überlebte Ernst Jünger einen Granateinschlag, der fast seine gesamte Kompanie vernichtet hatte. Am 22. September 1918 erhielt Jünger den Pour le Mérite und damit die höchste militärische Auszeichnung, die im Deutschen Reich vergeben wurde. Dazu beigetragen hatten vor allem seine vielen verschiedenen tollkühnen Aktionen und seine insgesamt 14 Verwundungen. Das Kriegsende erlebte Jünger nach einer im August 1918 vor Cambrai erlittenen Verwundung im Lazarett.

Von den ca. 12 Millionen deutschen Soldaten, die im Verlauf des Ersten Weltkrieges Dienst taten, erhielten nur 687 die höchste Tapferkeitsauszeichnung - den Pour le Mérite. Selbst unter der Maßgabe, daß der Orden nur an Offiziere verliehen werden konnte, war eine Verleihung extrem unwahrscheinlich. Außerdem betraf der Großteil der Verleihungen höhere Dienstgrade. Lediglich 11 Führer einer Infanteriekompanie haben diese Auszeichnung erhalten, darunter Ernst Jünger (gleichzeitig mit Erwin Rommel und Ferdinand Schörner), der zudem noch einer von 15 Soldaten war, die sich neben dem Pour le Mérite auch das Goldene Verwundeten-Abzeichen (nach 6 Verwundungen) verdient hatten.

Während des gesamten Kriegsverlaufes notierte Jünger seine Erlebnisse im Tagebuch, das er ständig mit sich führte. Seinen Frontalltag verbrachte er vor allem am Ende des Krieges damit, in den Gefechtspausen Werke von Nietzsche (**), Schopenhauer (**) und Kubin (**) zu lesen. Außerdem ließ er sich aus der Heimat entomologische Zeitschriften schicken.

Nach dem Ersten Weltkrieg diente Jünger zunächst noch in der Reichswehr, in der er unter anderem mit der Ausarbeitung von Dienstvorschriften für den Infanteriekampf befaßt war. Unter anderem nahm er 1920 an Einsätzen zur Niederschlagung des Kapp-Putsches teil. Bald profilierte er sich als entschiedener Gegner der Republik, hielt sich aber aus den politischen Auseinandersetzungen weitgehend heraus und überarbeitete seine Kriegsaufzeichnungen, die in die Werke In Stahlgewittern (**), Der Kampf als inneres Erlebnis (**), Sturm (**), Das Wäldchen 125 (**) und Feuer und Blut (**) einflossen. Jüngers Erstlingswerk - In Stahlgewittern - wurde von der rechten Presse mit Begeisterung aufgenommen und als „Siegfried-Buch“ bezeichnet, andererseits aber auch von der Linken wegen der Drastik und Realistik der Darstellung beachtet.

Jünger studierte Zoologie und Philosophie in Leipzig, nachdem er aus der Reichswehr 1923 ausgetreten war. Dennoch war er noch in diesem Jahr 1923 für kurze Zeit in das Freikorps von Gerhard Roßbach eingetreten und vor allem als reisender Verbindungsmann zu anderen Teilen der nationalen Bewegung aktiv. Am 3. August 1925 heiratete er Gretha von Jeinsen. Er schrieb zahlreiche Artikel für nationalrevolutionäre Publikationsorgane wie Die Standarte, Arminius, Der Vormarsch oder Ernst Niekischs (**) Widerstand - Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik.

„Wir Nationalisten glauben an keine Wahrheiten. Wir glauben an keine allgemeine Moral. Wir glauben an keine Menschheit als ein Kollektivwesen mit zentralem Gewissen und einheitlichem Recht. Wir glauben vielmehr an ein schärferes Bedingtsein von Wahrheit, Recht und Moral durch Zeit, Raum und Blut. Wir glauben an den Wert des Besonderen.“ (Ernst Jünger, Das Sonderrecht des Nationalismus, in: Ders., Publizistik, 1926, S. 280**)

Das Studium brach Jünger am 26. Mai 1926 ohne Abschluß ab und wandte sich ganz der Schriftstellerei zu. Er schrieb zahlreiche Artikel für nationalrevolutionäre Publikationsorgane wie Die Standarte, Arminius, Der Vormarsch oder Ernst Niekischs Widerstand - Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik. 1927 zog die Familie Jünger nach Berlin. Im selben Jahr lehnte er ein von der NSDAP angebotenes Reichstagsmandat ab. In den folgenden Jahren wechselte Jünger mehrfach seine Publikationsorgane und rief eigene, kurzlebige nationalistische Zeitschriften ins Leben. Grund dafür waren wiederkehrende Auseinandersetzungen innerhalb des nationalistischen Lagers über einen möglichen Legalitätskurs der Weimarer Republik gegenüber.

–  WEITER  –

Biographie Erläuterung der Lebenslauf-Tabelle (**).

Erläuterung der Jünger-Tabelle () - Denk-Biographie von Ernst Jünger (1895-1998):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1895-1914) und seine 3 „Stufen“: Jüngers frühe Kindheit (1. Stufe); Grundschulzeit (2. Stufe); Gymnasialzeit (3. Stufe), also bis zum Übergang von der Schule in den Weltkriegsdienst (1914).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1914-1932) und seine 3 „Stufen“: Jüngers Reichswehrzeit während des 1. Weltkrieges, also die Zeit von 1914 bis 1918 (4. Stufe); die Reichswehrzeit nach dem 1. Weltkrieg und die Studiumszeit, also die Zeit von 1918 bis 1926 (5. Stufe); die Zeit nach seinem abgebrochenen Studium bis zum Erscheinen seines Buches Der Arbeiter, also die Zeit von 1926 bis 1932 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1932-1951) und seine 3 „Stufen“: Jüngers Buch Der Arbeiter  bis zur Einberufung zur Wehrmacht, also die Zeit von 1932 bis 1939 (7. Stufe); seine Wehrmachtszeit, also die Zeit von 1939 bis 1944 (8. Stufe); vom Ende seiner Wehrmachtszeit bis zum Erscheinen des Buches Der Waldgang, also die Zeit von 1944 bis 1951 (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 1951-1969 [1998]) und seine 3 „Stufen“: Jüngers Buch Der Waldgang bis zum Erscheinen seines Buches Gläserne Bienen, also die Zeit von 1951 bis 1957 (10. Stufe); vom Erscheinen seines Buches Gläserne Bienen bis zum Tod seiner ersten Frau Gretha, also die Zeit von 1957 bis 1960 (11. Stufe); vom Tod seiner ersten Frau Gretha bis zum Ende der folgenden 9 bzw. 38 Jahre, also die Zeit von 1960 bis 1969 bzw. 1998 (12. Stufe).
5. „Stadium“ („Winter“ - 1969-1998), wenn man es berücksichtigen will, betrifft die Zeit von 1969 bis 1998 (13. Stufe) - eine Zeit, die man als die Zeit nach Jüngers zweiter Geburt bezeichnen kann.

 

•   Konservative Revolution  •

NACH OBEN Textausschnitte aus dem Buch „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ von Armin Mohler und Karlheinz Weißmann.

Jünger gehörte nicht zu den Nationalrevolutionären der ersten Stunde. Er schloß sich der Bewegung erst Mitte der zwanziger Jahre an, als ihre Konjunktur bereits vorbei zu sein schien. Allerdings ging es ihm weniger um praktische Handlungsmöglichkeiten als um eine nationalistische »Weltanschauung«. Damit unterschied sich Jünger sehr deutlich von der nationalrevolutionären Szene, die trotz der Niederlagen von 1923 weiterbestand. Die Feme- und Geheimbünde, vor allem die aus der Marinebrigade Ehrhardt hervorgegangene »Organisation Consul« (OC), existierten weiter, konnten aber ohne die Deckung staatlicher Organe,552 die sie im »Nachkrieg« besessen hatten, kaum noch Wirkung entfalten.
Was bis dahin durchaus als Vorzug hatte gelten können - das Fehlen einer »eigengearteten Ideologie« -erwies sich jetzt als Nachteil. Das erklärt das Tempo, in dem Jünger zur Zentralfigur eines »Neuen Nationalismus« aufstieg. Er betrachtete den Nationalismus nicht nur als ein notwendiges und heilsames Fieber, das jeden erfaßte, der am Wiederaufstieg Deutschlands mitwirken wollte. Er hielt ihn wie Barrès für die notwendige Konsequenz der nihilistischen Lage, in die die Moderne durch das Zerbrechen ihrer eigenen Verheißungen geraten war. Vermochte man nicht mehr an die innerweltlichen Religionen des Fortschritts zu glauben und konnte auch die Selbstverständlichkeit älterer Lebensformen nicht zurückgewonnen werden, blieb nur die Öffnung nach vorn. Der Nationalismus mußte selbst »modern« sein, wenn er Wirksamkeit entfalten wollte. Er war aus einem Maschinenkrieg geboren und hatte sich in einer Welt der Technik zu bewähren. Trotzdem durfte die Modernität des Nationalismus nicht dahin führen, die Illusionen der Moderne um eine weitere zu ergänzen: »Wir Nationalisten glauben an keine allgemeinen Wahrheiten. Wir glauben an keine allgemeine Moral. Wir glauben an keine Menschheit als an ein Kollektivwesen mit zentralern Gewissen und einheitlichern Recht. Wir glauben vielmehr an ein schärfstes Bedingtsein von Wahrheit, Recht und Moral durch Zeit, Raum und Blut. Wir glauben an den Wert des Besonderen.« (Ernst Jünger, Das Sonderrecht des Nationalismus, in: Ders., Publizistik, 1926, S. 280).
In dieser Abkehr des Nationalismus von den Universalien des 18. und 19. Jahrhunderts wurde auch eine »alte Wahrheit« wiedergefunden, aber nicht durch die nostalgische Rückkehr in die heile Welt der Vergangenheit, sondern durch ein neues Denken, das sich bewußt der Rationalität als Methode bediente, ohne dabei die Macht des Irrationalen zu verkennen und ohne die Täuschung, daß alle Erkenntnis für alle zugänglich sein kann. Jünger postulierte damit erneut, was Barrès als te sens du relatif bezeichnete. Bis Mitte der zwanziger Jahre hatte Jünger eine durchaus konventionelle Vorstellung vom« Vaterland« vertreten. Erst sein verstärktes politisches Interesse führte ihn über diesen Punkt hinaus. Nach einern kurzen Intermezzo im Freikorps Roßbach ttat er 1925 dem Stahlhelm bei. Irn September des Jahres wurde er Mitarbeiter an der Standarte, einer Beilage der Stahlhelm-Zeitung. Er karn damit in Kontakt zu einern Kreis junger Männer, darunter Helmut Franke, Franz Schauwecker, Friedrich Wilhelm Heinz, Wilhelm Weiß und Wilhelm Kleinau, später noch Friedrich Hielscher, die alle - und eben anders als Jünger - durch den Nachkrieg geprägt waren. Etwas von der gewaltsamen Atmosphäre der revolutionären Jahre zwischen 1919 und 1923 hatte sich hier erhalten.
In diesern Milieu gab es neben der verständlichen Forderung nach Anerkennung des Frontsoldaten eine diffuse Mischung aus Rachebedürfnis, Landsknechtsromantik und Verschwörerturn. Aber erst durch Jünger bildete sich eine konsistente nationalistische, genauer: nationalrevolutionäre Ideologie. Manches darin war schon vorgedacht worden -von Stadtler, Moeller und anderen aus dem Kreis des Juni-Klubs -, aber Jünger durchdrang den Nationalismus neu und verlieh ihm erst die Dynamik, die ihn in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, gerade als die Republik zur Ruhe zu kommen schien, kennzeichnen und zu einer politischen und intellektuellen Potenz machen sollt.
Dabei war keineswegs deutlich, was die Nationalisten konkret anstrebten, aber Frankes Postulat, man müsse den Stahlhelm zum Kern des »deutschen Faschismus« machen, hätte wahrscheinlich allgemeine Zustimmung gefunden. Unter »Faschismus« wurde allerdings keine Kopie des italienischen Vorbildes verstanden, sondern eine nationale Variante der antiparlamentarischen Bewegungen, die damals in vielen Ländern an Einfluß gewannen. Jünger hat vom Auftreten eines bestimmten neuen »Menschenschlages bei allen Völkern Europas« gesprochen. (Vgl. Ernst Jünger, Vorwort des Herausgebers, in: Ders., Publizistik, 1926, S. 184). Durch den Krieg sei der alte Optimismus der Aufklärung und des wissenschaftlichen Positivismus dahin, die »Frontgeneration« melde ihr Recht darauf an, die Welt nach ihrem Willen zu formen, die Jungen hätten in den großen Schlachten ihren »...eigenen Stil erkannt«. (Vgl. Ernst Jünger, ebd.). Der Krieg sei ihr Vater und an soldatischen Tugenden wollten sie auch die politische Ordnung messen. Ihr Zukunftsstaat werde vor allem durch vier Merkmale charakterisiert sein: »national, sozial, wehrhaft und autoritativ«. (Vgl. Ernst Jünger, Schließt euch zusammen! , in: Ders., Publizistik, 1926, S. 175). Die Diktatur bejahte man als Mittel, aber nicht als Zweck.
Der »Neue« oder »Soldatische Nationalismus« war trotz des Pathos der Tat vor allem ein literarisches Phänomen. Seine Protagonisten hatten eigene Zeitschriften, wie die erwähnte Standarte, die aber von der Stahlhelm-Führung bald als untragbar angesehen wurde, dann das Blatt Arminius, es folgten Der Vormarsch und Die Kommenden. Die meisten dieser Organe waren kurzlebig, die Zahl ihrer Abonnenten klein, niemals genügte die finanzielle Basis. Trotzdem drangen die nationalistischen Ideen durch ein kapillarisches System in die bündische Jugend und Wehrorganisationen ein. Dagegen gab es .unter den Nationalrevolutionären starke Vorbehalte gegenüber der bürgerlichen Rechten und eine deutliche Affinität zur Programmatik der Nationalsozialisten.
Spannungsfrei war das Verhältnis aber nie, und ausgerechnet als die NSDAP zu ihrem Siegeszug durch die Parlamente antrat, verschärfte Ernst Jünger seine Kritik an Hitler und der Partei bis zum offenen Bruch und wandte sich dann sukzessive von jeder politischen Aktivität im unmittelbaren Sinne ab. Auf diesem Weg folgte ihm allerdings nur ein Teil der Nationalrevolutionäre. Einige resignierten, andere schlossen sich dem Nationalsozialismus Hitlers oder dessen untalentierten Konkurrenten an, eine dritte Gruppe wechselte auf die Seite jenes Mannes, der mit einem gewissen Recht als Hitlers feindlicher Zwilling bezeichnet worden ist: Ernst Niekisch.
So wenig wie Jünger gehörte Niekisch zu den ftühen Nationalisten, und seine Entwicklung bis zu dieser Position war noch ungleich schwieriger und überraschender als die Jüngers. Niekisch hatte ursprünglich der SPD angehört und schon vor dem Krieg gewisse Aussichten, eine Karriere als Funktionär zu durchlaufen. In der Phase des Umsturzes von 1918 wandte er sich aber von der Mehrheits-Sozialdemokratie ab und spielte eine gewisse Rolle für die radikale Linke in Bayern. Seine Stellung als Vorsitzender des Zentralrats der (ersten) Räterepublik in München brachte ihm sogar zwei Jahre Festungshaft ein. Nach seiner Entlassung im Sommer 1921 deutete wenig auf einen Bruch mit seiner politischen Vergangenheit hin. Niekisch, der sich zwischenzeitlich der USPD angeschlossen hatte, kehrte nach deren Selbstauflösung in die SPD zurück, sah seinen Ehrgeiz durch Partei- und Gewerkschaftsarbeit aber kaum befriedigt. Hinzu kamen immer stärkere Zweifel an der Tragfähigkeit linker Schlüsselvorstellungen. In seiner 1925 erschienenen Schrift Der Weg der deutschen Arbeiterschaft zum Staat vertrat er bereits die Forderung, daß »die Idee der sozialen Demokratie, bevor sie sich des Staates zu ermächtigen vermag, zuerst noch im Element des Nationalen untertauchen müßte« (ebd., 1925, S. 22).
Die Veröffentlichung dieser Schrift löste bei der sozialdemokratischen Führung eine gewisse Beunruhigung aus und führte mittelfristig zum Konflikt zwischen Niekisch und der Partei.
Am 14. Oktober 1930 dankte Jünger Schmitt für die Übersendung von Der Begriff des Politischen mit der Bemerkung, er »schätze das Wort zu sehr, um nicht die vollkommene Sicherheit, Kaltblütigkeit und Bösartigkeit [des] ... Hiebes zu würdigen, der durch alle Paraden geht«.
Jünger
Während Schmitt dem politischen Geschehen näher zu kommen trachtete, hatte sich Jünger nach Erscheinen des Abenteuerlichen Herzens im Jahr 1929 von seinem politischen Aktivismus immer weiter entfernt. Die Feststellung: »Man kann sich heute nicht in Gesellschaft um Deutschland bemühen« (ebd., S. 94) konnte nur als Absage an alle Versuche praktischer Einflußnahme verstanden werden. Auffällig war auch, daß Jünger begann, die nationalistischen Passagen aus seinen Büchern zu tilgen. Dieser Prozeß der Distanzierung erreichte 1932 mit dem Erscheinen von Der Arbeiter - Herrschaft und Gestalt seinen Höhepunkt.
Der Arbeiter war wie schon der zwei Jahre zuvor erschienene Essay Die totale Mobilmachung ein apokalyptischer Text: die Beschwörung einer Krise, die über die konkrete politische, wirtschaftliche, soziale und moralische Krise hinausging und »große« Lösungen anbot. Technokratische Modelle, »Pläne« für die Reorganisation von Staat und Gesellschaft hatten in dieser Zeit Konjunktur, da das freie Spiel in Politik und Wirtschaft so offensichtlich versagte. Für die äußerste Linke gewannen die gerade eingeführten »Fünfjahrespläne« der Sowjetunion Vorbildfunktion, Teile der professionellen Ökonomie folgten John M. Keynes, und in Deutschland gab es Kreise von Nonkonformisten, in denen sich Linke, Liberale und Rechte, Sozialdemokraten, Bankiers, Konservative und Nationalsozialisten zum Gedankenaustausch trafen.
Ihre Vorstellungen fanden ebenso Eingang in den »W.T.B.-Plan« des Gewerkschaftsbundes, in Gregor Strassers »Wirtschaftliches Sofortprogramm der NSDAP« oder in das »Sofortprogramm« Günther Gerekes, der noch als Reichskommissar für die Arbeitsbeschaffung in das Kabinett Schleicher eintrat. Mit dem Appell an die »antikapitalistische Sehnsucht« konnte Strasser die Juliwahlen von 1932 zum Triumph für die NSDAP machen, und der ADGB-Vorsitzende Theodor Leipart sammelte die Befürworter der nationalen Autarkie, die die freien Gewerkschaften aus der »Umklammerung« der SPD lösen wollten. In seiner berühmten Bernauer Rede vom 14. Oktober des Jahres erklärte er, die Aufgabe des Arbeiters sei »Dienst am Volk«, und er sprach vom »soldatischen Geist der Einordnung und der Hingabe für das Ganze«, der das Proletariat zukünftig beseelen müsse.
Die Vermutung, daß Leipart durch Jüngers Arbeiter inspiriert wurde, hat vieles für sich. Das Buch traf den Nerv der Zeit und erlebte in kurzer Zeit mehrere Auflagen. Aber es rief auch eine Reihe von Mißverständnissen und scharfe Ablehnung hervor. Einige betrachteten den Arbeiter als Plädoyer für sowjetische Methoden, andere als unpolitische Technikverherrlichung und wieder andere als Niederschlag einer nihilistischen Philosophie des Sachzwangs. Gerade die Anhänger Jüngers aus den nationalrevolutionären Bünden fühlten sich irritiert. Eine Irritation, die kaum zu beseitigen war, wenn man den Arbeiter als neue Verkörperung von Nietzsches »Übermenschen« oder als Programm eines »deutschen Bolschewismus« las, nur vergrößert wurde durch Jüngers Bejahung der Modernität und kaum gemildert durch die Betonung des inneren Zusammenhangs von »totaler« und »nationaler« Mobilmachung.
Die Wirkung von Jüngers Arbeiter war in vielem derjenigen von Spenglers Untergang ähnlich. Im einen wie im anderen Fall erlebten gerade die »konservativen Menschen ... eine außerordentliche Erschütterung«, weil ihnen die Einsicht abverlangt wurde, daß der »Nomos der Ahnen erlischt«. Diese Gemeinsamkeit war auch insofern kein Zufall, als die Spenglersche Geschichtsphilosophie eine außerordentliche Bedeutung für Jüngers Denken besaß; Jünger gehörte zu den wenigen im Lager der Konservativen Revolution, die bereit waren, die Diagnose Spenglers grundsätzlich anzuerkennen. (Jünger bekannte sich vor allem zu Spenglers Schicksalsbegriff. .... Zu den wenigen anderen, die Spengler diesbezüglich folgten, gehörten neben Jünger Albrecht Erich Günther. .... Allerdings hat Spengler Jüngers Vorstellung vom „Arbeiter“ offenbar nicht interessiert, vgl. den Brief in Reaktion auf die Übersendung eines Exemplars vom 5. September 1932, in: Spengler, „Briefe“, S. 667 f. [**]). Seine Forderung nach »organischer Konstruktion« (Ernst Jünger, Der Arbeiter, 1932, S. 313) war auch eine Konsequenz aus der Einsicht, daß sich die »Kultur« nicht wiederbeleben ließ und jetzt die Gestaltung der »Zivilisation« gefordert war. Die paradoxe Formel bezeichnete eine äußerste Möglichkeit dessen, was die Konservative Revolution überhaupt erstrebte.
Jünger hatte sein Konzept damit sehr stark auf die Zukunft gerichtet, aber er war kein Utopist. Gerade auf der Gegenseite erkannte man, daß für die »Herrschaft« seiner »Gestalt« Hegels Idee des »Weltgeistes« Pate gestanden hatte. Jüngers Modell einer »organischen Konstruktion » im Politischen war Preußen, dieser seinem Wesen nach künstliche Staat, der dem naturhaften des deutschen Volkes entgegenstand, ihm aber die letzte gültige Gestalt gegeben hatte. Das verband Jünger nach wie vor mit der nationalrevolutionären Programmatik, die ein »drittes Preußen« nach dem friderizianischen und bismarckschen forderte, zwar auf dem alten Boden jenseits des Limes erwachsen, aber modern, fast avantgardistisch in seinem politischen Stil. Die Frage, auf welchem Weg man »Preußen treiben« sollte, hätte Jünger 1932 wohl kaum schlüssig beantworten können. Nach den enttäuschten Erwartungen in den Stahlhelm, den vergeblichen Bemühungen um einen Zusammenschluß der Bünde und dem Scheitern des Landvolks zählte er sich 1930 noch unter die »Freunde der nationalsozialistischen Partei« (Ernst Jünger, Reinheit der Mittel, in: Ders., Publizistik, S. 516), aber gerade der Erfolg Hitlers und die Art dieses Erfolges trugen zur wachsenden Entfremdung bei.
Jüngers erster Kontakt zur NSDAP läßt sich aufden Januar 1923 datieren. Damals war er von Hitlers Redetalent außerordentlich beeindruckt worden, und unmittelbar nach dem Putsch hatte er ihm (wie übrigens auch Ludendorff) seinen Respekt für den Versuch eines Umsturzes bekundet. Dann allerdings wandelte sich die Einschätzung. Möglicherweise hat Hitlers gewachsenes Selbstbewußtsein dazu beigetragen, der Übergang vom« Trommler« zum »Führer«. Jedenfalls neigte Jünger, nachdem er sich selbst der Politik zugewandt hatte, dazu, in der NSDAP lediglich die »deutsche Arbeiterbewegung der Zukunft« (Ernst Jünger, Nationalismus und Nationalsozialismus, in: Ders., Publizistik, S. 318) zu sehen, deren Vorsitzender gut beraten war, seinen und den Hinweisen seiner Freunde zu folgen.
Gerade das zu tun, war Hitler aber nicht bereit. Weder wollte er an dem ursprünglichen Plan eines Putsches festhalten, noch hätte er jene Einschränkung seiner Propaganda auf »reine Mittel« akzeptiert, die Jünger vorschlug. Jünger und sein Kreis sehnten sich nach einem »sauberen« (keineswegs unblutigen) Kampf, bei dem Revolutionäre und Konterrevolutionäre offen gegeneinander antraten. Das war ebenso realitätsblind wie die Forderung an Hitler und seine Anhänger, in der Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik auf alle Parolen - «Novemberverrat«, »Dolchstoß«, »Jüdische Verschwörung« - zu verzichten, die, eben weil sie Verkürzungen oder Verfälschungen enthielten, massenwirksam sein konnten.
Auch als Nationalist war Jünger ein Intellektueller und litt an dieser Eigenschaft, der Entfernung vom Leben, von der Gefahr, von der Tat. Er konnte diesen Mangel überspielen, aber zuletzt blieb nur die Wahl zwischen der Existenz des Berufsrevolutionärs - Jüngers Sympathie für Trotzki wies in diese Richtung - oder dem Zurück in die Position des Analytikers. Jünger hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden, ein Sachverhalt, den man nicht völlig davon trennen kann, daß er, der in vielem als Protagonist der Antiromantik gelten darf, die prinzipielle Verwerfung der Romantik ablehnte, die Carl Schmitt in seiner bereits 1919 erschienenen Untersuchung Politische Romantik vollrogen hatte.
Für das Auftreten der neuen »Gestalt«, die Jünger erwartete, ließ sich mit politischen Mitteln wenig erreichen. Seine frühe und deutliche Distanzierung von der Regierung Hitler - Zurückweisung eines Reichstagsmandats und der Aufnahme in die »Deutsche Akademie der Dichtung« - war im Kern moralischer Natur. Das im genauen Sinne politische Interesse Schmitts, der vor 1933 keinerlei Sympathie für Hitler oder die NSDAP erkennen ließ, erklärt dagegen viel von dessen Bereitschaft, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren und den Schritt auf die Seite der Nationalsozialisten zu vollzieben, gerade weil er keine anderen als politische Erwartungen in sie setzte.
Das dann mit der Regierungsübernahme Hitlers und den Märzwahlen installierte neue Regime betrachtete Jung wie viele Konservativ-Revolutionäre von Anfang an mit Mißtrauen. Umgekehrt galt den Nationalsozialisten gerade diese politische Strömung als gefahrlicher Konkurrent. Vor allem die Nationalrevolutionäre, in deren Reihen sich seit dem Beginn der dreißiger Jahre auch abtrünnige Parteimitglieder der NSDAP gesammelt hatten, waren verdächtig, und daß sich die »Schwarze Front« Otto Strassers der Parole der »Konservativen Revolution« bediente, förderte die Feindseligkeit noch. Schon im Februar 1933 wurde die Wohnung Ernst Jüngers ein erstes Mal von der Gestapo durchsucht. Es folgten Verhaftungen (Josef »Beppo« Römer, Harro Schulze-Boysen, erst mit Verzögerung traf dieses Schicksal Niekisch und die Widerstands-Bewegung) oder die Flucht ins Ausland (Karl O. Paetel, Otto Strasser). Emigration war über kurz oder lang auch das Schicksal derjenigen Jungkonservativen, die man aus rassischen Gründen zurücksetzte und dann entrechtete (Rudolf Borchardt, Ernst Kantorowicz, Hans Rothfels, HansJoachim Schoeps). Für die übrigen - abgesehen von den Neophyten (Alfred Baeumler, Ernst Krieck, Otto Westphal, Kleo Pleyer, in gewissem Sinne auch Friedrich Gogarten, Emanuel Hirsch, Gottftied Benn und Martin Heidegger) - blieben Anpassung, »innere Emigration« oder Widerstand. Wie in der ganzen Bevölkerung war auch im Lager der Konservativen Revolution der Anteil jener am größten, der sich zur Anpassung entschloß (die Mehrheit paßt sich immer an - das ist noch nie anders gewesen! HB).
Ein sehr frühes Beispiel für die kaschierte Auseinandersetzung mit den neuen Verhältnissen war auch die 1934 (in Niekischs Widerstandsverlag) erschienene Sammlung von Gedichten Friedrich Georg Jüngers, darunter ein Stück mit dem Titel Der Mohn, das sogar im Exil als Signal eines freien Geistes vermerkt wurde. Noch bedeutsamer dürfte das 1939 (in der Hanseatischen Verlagsanstalt) veröffentlichte Werk Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen gewesen sein, wobei die Prominenz des Autors ihn vor Maßnahmen staatlicher Stellen schützte, denen durchaus bewußt war, daß man es mit einer verschlüsselten Generalkritik an den Verhältnissen zu tun hatte. Neben diesen bekannteren Fällen wären noch einige Romane zu nennen, die von Schriftstellern geschrieben wurden, die der Konservativen Revolution nahe standen, so Werner Bergengruen (Der Großtyrann und das Gericht, 1935), Jochen Klepper (Der Vater; 1937), Reinhold Schneider (Las Casas vor Karl V.:, 1938) oder Friedrich Reck-Malleczewen (Bockelson - Geschichte eines Massenwahns, 1937). Obwohl diese Schriften keine direkten Attacken auf das nationalsozialistische System oder seine Repräsentanten enthalten durften, vielmehr die Sprache der Herrschenden benutzten, konnte man sie wie »Palimpseste« auf ihre verborgene Bedeutung hin lesen.
Jünger hatte kurz nach der Machtübernahme Hitlers in einem Kreis junger, radikaler Nationalsozialisten aus Österreich um Edgar Traugott und Meinhart Sild begeisterte Anhänger gefunden, die den Arbeiter als Manifest des neuen Deutschland lasen. Sie traten mit ihm in Verbindung und wurden wohlwollend gehört, stellten aber mit wachsender Erbitterung fest, daß der Autor nicht bereit war, ihren ideologischen Vorgaben zu folgen.
Seit dem Erscheinen der Marmorklippen beschränkten sich Sild und Traugott nicht mehr darauf, den »Bruch« (Ernst Jünger an Meinhart Sild, 7. Juli 1942) im Werk Jüngers zu beklagen, der Ton wurde teilweise bedrohlich. Jünger blieb trotzdem verständnisvoll. Auf den Vorwurf mangelnder ideologischer Folgerichtigkeit antwortete er, daß ein »geradliniges Fortschreiten« in jene Richtung, die er im Arbeiter entworfen habe, wohl möglich gewesen wäre, aber das hätte »in eine reine Masken- und Automatenwelt geführt«. In dem Brief, aus dem dieser Passus stammt und den Jünger am 21. September 1942 an Traugott schickte, heißt es abschließend: »Unter ihren Bemerkungen fiel mir der Satz auf; daß Sie und Ihre Freunde die Menschen nur nach ihrem funktionalen Charakter werteten. Wichtig ist aber ohne Zweifel nur, was übrig bleibt. wenn man den Menschen seiner Funktion beraubt, sei es seiner technisch-politischen, sei es der des Lebens überhaupt. Das ist sein metaphysischer, unteilbarer und unorganisierbarer Rest.« (Ernst Jünger an Edgar Traugott, 21. September 1942).
Ein Bewußtsein von der Existenz dieses »Restes« gab es im Denken Hitlers und seiner Anhänger nicht.
Wenn nach 1945 keine Fortsetzung der Konservativen Revolution möglich war, dann ist das ganz wesentlich aus der Art der Niederlage Deutschlands zu erklären. Auch der Zweite Weltkrieg war ein »Verfassungskrieg«, und die neuen Ordnungen, die in den Reststaaten installiert wurden, hatten Vorgaben zu folgen, die nicht nur ein Wiederaufleben des Nationalsozialismus verhindern sollten, sondern auch jede Anknüpfung an die spezifisch deutsche Tradition des politischen Denkens erschwerten. Zwar gab es in der Bundesrepublik durchaus aktive Politiker, die noch durch die Ideen der Konservativen Revolution geprägt worden waren (Eugen Gerstenmaier, Hermann Ehlers, Jakob Kaiser), und übten Denker wie Ernst Jünger, Martin Heidegger und Gottfried Benn erheblichen geistigen Einfluß aus, die in gewissem Sinn diese Übetlieferung fortsetzten. Auch gab es unterirdische Wirkungen, aber intellektuelle Sammlungsversuche blieben ohne Resonanz. Die Erschütterung durch den Zusammenbruch war eben nicht nur eine politische und materielle, sondern auch eine geistige gewesen. Eine Reihe der Protagonisten brach auf spektakuläre Weise mit den alten Überzeugungen. Das bekannteste Beispiel dürfte Ernst Niekisch gewesen sein, der schwer versehrt aus dem Zuchthaus befreit worden war und dann nach Ostberlin ging, um sich der SED zur Verfügung zu stellen. Weniger bekannt ist der Fall Günther Gereke, Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung im Kabinett Schleicher, von den Nationalsozialisten abgesetzt und verurteilt, im Zusammenhang mit dem Attentat von 1944 erneut inhaftiert, nach Kriegsende Mitbegründer der CDU, in verschiedenen Funktionen der niedersächsischen Landesregierung, dann von seiner Partei wegen Ostkontakten ausgeschlossen und 1952 in die DDR übergesiedelt.
Armin Mohler und Karlheinz Weißmann, „Die Konservatiev Revolution in Deutschland 1918-1932“, 1950 bzw. 2005, S. 146-149, 183-187, 197, 201, 207-208.

 

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