Die
Regeln der Physik, die physikalischen Grundgesetze, sind zeitsymmetrisch. Sie
gelten für vorwärts und rückwärts laufende Zeit gleichermaßen.
Also müssen Vergangenheit und Zukunft doch gleich sein. Warum erleben wir
trotzdem die Zeit als asymmetrisch, die Ausnahme von der Regel als Regel, das
Unnatürliche als das Natürliche? Warum verläuft in unserem Universum
die Zeit von einem geordneten Anfangszustand zu einem ungeordneten Endzustand?
Denn die Zeitasymmetrie verstößt gegen die Grundgesetze der Physik.
Vielleicht ist die Asymmetrie der Zeit nur ein lokales Problem.
Der kosmische Ursprung des Zeitpfeils
(von
Sean M. Carroll, in: Spektrum der Wissenschaft, August 2008, S. 26-34 )Zu
den grundlegenden Tatsachen unseres Lebens gehört, daß die Zukunft
anders aussieht als die Vergangenheit. Doch unter kosmologischen Gesichtspunkten
ist diese Asymmetrie der Zeit vielleicht nur ein lokales Phänomen.
Die
physikalischen Grundgesetze sind zeitsymmetrisch. Sie gelten gleichermaßen
für vorwärts und rückwärts verlaufende Zeit. Doch wir erleben
stets nur eine Richtung, von der Vergangenheit in die Zukunft. Warum? Der
Grund verbirgt sich in der Vergangenheit des Universums - in einer Epoche vor
dem Urknall. Vielleicht ist unser Universum Teil eines viel größeren,
insgesamt zeitsymmetrischen Multiversums, in dem die Zeit anderswo rückwärts
läuft. |
Das
Universum sieht irgendwie nicht aus, wie es sollte. Das hört sich seltsam
an, wenn man bedenkt, daß die Kosmologen wenig Vergleichsmöglichkeit
besitzen. Woher wissen wir, wie das Universum aussehen soll? Dennoch haben wir
mit der Zeit ein starkes Gespür dafür entwickelt, was »natürlich«
ist und das uns umgebende Universum wird diesem Anspruch nicht gerecht. Wohlgemerkt,
das kosmologische Standardmodell beschreibt unerhört erfolgreich, woraus
das Universum besteht und wie es sich entwickelt. Vor ungefahr 14 Milliarden Jahren
war der Kosmos heißer und dichter als das Innere eines Sterns. Seither expandiert
das All, kühlt sich ab und verliert an Dichte. Dieses Modell erklärt
zwar praktisch jede bisher gemachte Beobachtung, doch eine Reihe ungewöhnlicher
Eigenschaften vor allem des frühen Universums läßt uns vermuten,
daß wir die Geschichte noch nicht ganz verstehen.Eine besonders
unnatürliche Eigenschaft des Universums ist die Asymmetrie der Zeit. Die
Gesetze der Mikrophysik, die allen Vorgängen im Universum zu Grunde liegen,
unterscheiden nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, und trotzdem ist das frühe
Universum - heiß, dicht, homogen - völlig verschieden vom heutigen:
kühl, verdünnt, klumpig. Es begann geordnet und ist seither immer unordentlicher
geworden. Dieser asymmetrische Zeitpfeil, der von der Vergangenheit in die Zukunft
weist, spielt in unserem Alltag eine zentrale Rolle. Er ist der Grund, warum wir,
ein Omelett nicht in ein Ei verwandeln können, warum sich in einem Glas lauwarmen
Wassers nicht spontan Eiswürfel bilden, und warum wir uns an die Vergangenheit
erinnern, nicht aber an die Zukunft. Der Ursprung dieser Asymmetrie läßt
sich bis zur Ordnung des Universums zurückverfolgen. Jedes Mal, wenn man
ein Ei aufschlägt, betreibt man beobachtende Kosmologie.Der Zeitpefeil
ist wohl das krasseste Beispiel für ein universelles Merkmal, das die Kosmologen
derzeit überhaupt nicht zu erklären vermögen. Doch dieses Geheimnis
des beobachtbaren Universums verweist immer deutlicher auf die Existenz einer
viel größeren Raumzeit, die sich unserer Beobachtung entzieht. Es stützt
die These, daß wir Teil eines Multiversums sind, aus dessen Dynamik die
scheinbar unnatürlichen Eigenschaften unserer Nachbarschaft hervorgehen.
Für Physiker steckt die Zeitasymmetrie im berühmten zweiten Hauptsatz
der Thermodynamik ( ):
In einem abgeschlossenen System nimmt die Entropie niemals ab. Grob gesagt ist
die Entropie ein Maß für die Unordnung eines Systems. Im 19. Jahrhundert
erklärte Ludwig Boltzmann die Entropie, indem er den makroskopischen Zustand
eines Objekts von dessen mikroskopischen Zuständen unterschied. Eine Tasse
Kaffee läßt sich zunächst durch ihren Makrozustand beschreiben,
mit allgemeinen Eigenschaften wie Temperatur und Druck. Der Mikrozustand spezifiziert
hingegen exakt Ort und Geschwindigkeit jedes einzelnen Atoms in der Flüssigkeit.
Zu einem speziellen Makrozustand gehören viele unterschiedliche Mikrozustände:
Wir könnten hier und da ein Atom verschieben, ohne daß ein Beobachter
des Makrozustands den Unterschied bemer kenwürde.
Wenn
die Entropie immerfort wächst, wie können dann überhaupt Gegenstände
niedriger Entropie - beispielsweise Eier - entstehen? Das
Gesetz der Entropie bezieht sich auf geschlossene Systeme. Es schließt
eine Verringerung der Entropie in einem offenen System nicht aus. Ein Huhn
nimmt Energie auf und unternimmt große Anstrengungen, um ein Ei hervorzubringen. Haben
einige Teilchenprozesse nicht ihren eigenen Zeitpfeil? Seltene
Elementarteilchen wie die neutralen Kaonen zerfallen ein wenig öfter in einer
Zeitrichtung als in der anderen. Auf diese Verletzung der Zeitsymmetrie schließen
die Physiker aus der Beobachtung gewisser Teilcheneigenschaften. Doch im Gegensatz
zum Wachstum der Entropie sind solche Zerfallsprozesse reversibel. Aus dem Standardmodell
der Teilchenphysik läßt sich keine Erklärung für die niedrige
Entropie des frühen Universums ableiten. |
Das
Rätsel der EntropieDie Entropie ist nach Boltzmann die Anzahl
der unterschiedlichen Mikrozustände, die ein und demselben Makrostatus entsprechen;
genauer gesagt ist sie der Logarithmus dieser Zahl. Demnach gibt es mehr Möglichkeiten,
aus einer bestimmten Anzahl von Atomen eine Konfiguration mit hoher Entropie zu
bilden als eine mit niedriger Entropie. Angenommen, wir gießen Milch in
den Kaffee. Die einzelnen Moleküle lassen sich auf sehr viele Arten zu einem
homogenen Gemisch aus Milch und Kaffee anordnen, aber nur auf relativ wenige Arten
so, daß die Milch vom sie umgebenden Kaffee säuberlich getrennt bleibt.
Gut umgerührter Milchkaffee hat also höhere Entropie als Caffé
Latte.So gesehen überrascht es nicht, daß die Entropie die
Tendenz hat, mit der Zeit zu wachsen. Da Zustände hoher Entropie viel zahlreicher
sind als solche mit niedriger, wird fast jede Veränderung des Systems einfach
aus Gründen der Wahrscheinlichkeit seine Entropie erhöhen. Deshalb vermischt
sich Milch allmählich mit Kaffee, entmischt sich aber niemals ganz von selbst.
Zwar ist es physikalisch nicht unmöglich, daß sämtliche Milchmoleküle
sich spontan direkt beieinander anordnen, doch statistisch gesehen ist das extrem
unwahrscheinlich. Bis ein totaler Entmischungszustand von selbst durch zufällig
Umsortieren der Moleküle eintritt, muß man viel länger warten,
als das beobachtbare Unversum existiert. Der Zeitpfeil ist nichts anderes als
die Tendenz von Systemen, sich zu einem der zahlreichen natürlichen Zustände
mit hoher Entropie zu entwickeln.Die Erklärung für den Trend
einzelner Zustände zu höherer Entropie erklärt aber noch nicht,
warum die Entropie in unserem Universum zunimmt. Die Frage bleibt: Warum war die
Entropie anfangs niedrig? Das erscheint sehr unnatürlich angesichts der Tatsache,
daß Zustände niedriger Entropie so selten sind. Selbst wenn man unterstellt,
daß unser Universum heute mittlere Entropie hat, erklärt das nicht,
warum die Entropie früher noch niedriger war. Von allen möglichen Anfangsbedingungen,
aus denen ein Universum wie das unsere hervorgehen könnte, haben die allermeisten
weit höhere Entropie, nicht niedrigere.Mit anderen Worten, die große
Frage ist nicht, warum die Entropie des Universums morgen höher sein wird
als heute, sondern wieso die Entropie gestern niedriger war und vorgestern noch
niedriger. Wir können diese Überlegung bis zum Ursprung des für
uns beobachtbaren Universums zurückverfolgen. Letztlich ist die Asymmetrie
der Zeit ein Problem, das die Kosmologie lösen muß.Das frühe
Universum war in einem höchst ungewöhnlichen Zustand. Alle Teilchen,
aus denen das unserer Beobachtung zugängliche All heute besteht, drängten
sich in einem extrem heißen und dichten Volumen zusammen. Vor allem waren
sie in diesem winzigen Volumen fast gleichförmig verteilt. Im Mittel schwankte
die Dichte von Ort zu Ort nur um ein Hunderttausendstel. Im Lauf der Expansion
und Abkühlung des Universums verstärkte die Gravitationsanziehung allmählich
diese Unterschiede. Regionen, die ein paar Teilchen mehr enthielten, bildeten
Sterne und Galaxien, während aus Gebieten mit etwas weniger Teilchen intergalaktische
Leerräume entstanden.Offensichtlich prägt die Schwerkraft die
Evolution des Universums in entscheidender Weise. Leider verstehen wir die Entropie
nicht ganz, sobald die Gravitation ins Spiel kommt. Die Schwerkraft entsteht aus
der Form der Raumzeit, aber eine umfassende Theorie der Raumzeit wird erst aus
einer künftigen Quantentheorie der Gravitation hervorgehen. Zwar können
wir die Entropie einer Flüssigkeit mit dem Verhalten ihrer Moleküle
in Zusammenhang setzen, aber da wir im Grunde nicht wissen, wie der Raum beschaffen
ist, wissen wir auch nicht, wie die Mikrozustände der Gravitation mit einem
bestimmten Makrozustand zusammenhängen.Immerhin können wir
uns ungefähr vorstellen, wie die Entropie sich entwickelt. In Situationen,
in denen die Schwerkraft vernachlässigt werden kann - wie bei der Tasse Milchkaffee
-, hat eine gleichförmige Partikelverteilung hohe Entropie. Dieser Zustand
ist im Gleichgewicht: Selbst wenn Teilchen sich umgruppieren, sind sie doch schon
so stark vermischt, daß sich makroskopisch betrachtet nichts ändert.
Doch sobald die Schwerkraft ins Spiel kommt und das Volumen konstant gehalten
wird, besitzt eine gleichmäßige Verteilung relativ niedrige Entropie.
In diesem Fall hält sich das System weit entfernt vom Gleichgewicht auf.
Die Gravitation klumpt die Teilchen zu Sternen und Galaxien zusammen, und die
Entropie nimmt in Übereinstimmung mit dem zweiten Hauptsatz ( )
deutlich zu.Wenn Schwarze Löcher
verdampfen Tatsächlich wissen wir, was entsteht, wenn wir die
Entropie eines - genügend großen -Volumens unter Schwerkrafteinfluß
maximieren: ein Schwarzes Loch. In den 1970er Jahren bestätigte Stephen Hawking
eine provokante These von Jacob Bekenstein; demnach gehorchen auch Schwarze Löcher
dem zweiten Hauptsatz ( ).
Wie die heißen Objekte, für deren Beschreibung dieses thermodynamische
Grundgesetz ursprünglich formuliert wurde, emittieren Schwarze Löcher
Strahlung und haben Entropie - und zwar eine ganze Menge. Ein einziges
Schwarzes Loch wie jenes, das im Zentrum unserer Galaxis sitzt, hat 100-mal so
viel Entropie wie alle gewöhnlichen Teilchen im beobachtbaren Universum.
Letzten Endes verdampfen sogar Schwarze Löcher, indem sie Hawkingstrahlung
emittieren. Ein Schwarzes Loch besitzt noch nicht höchstmögliche Entropie
- nur die maximale Entropie, die sich in ein bestimmtes Volumen packen läßt.
Doch das Volumen des Universums wächst anscheinend unbegrenzt. 1998 entdeckten
Astronomen, daß die kosmische Expansion sich beschleunigt.Die einfachste Erklärung ist die Existenz
einer so genannten Dunkklen Energie, die den leeren Raum erfüllt und sich
mit der Expansion des Universums anscheinend nicht abschwächt. Das ist zwar
nicht die einzige, aber die derzeit favorisierte Erklärung für die kosmische
Beschleunigung.Wenn die Dunkle Energie sich nicht verflüchtigt,
wird das Universum immerfort expandieren. Ferne Galaxien werden aus dem astronomischen
Blickfeld verschwinden. Die übrigen werden zu Schwarzen Löchern kollabieren,
die ihrerseits in das umgebende Dunkel verdampfen wie Pfützen an eineml hejien
Tag. Übrig bleibt ein praktisch leeres Universum. Dann und nur dann wird
das Universum-wirklich das Maximum seiner Entropie erreicht haben; es wird im
Gleichgewicht sein und sich nicht mehr verändern. Es mag seltsam
anmuten, daß der leere Raum derart riesige Entropie besitzt - als wäre
ein völlig leerer Schreibtisch der unordentlichste der Welt. Die Eptropie
erfordert Mikrozustände, und auf den ersten Blick hat der leere Raum keine;
Doch in Wirklichkeit enthält der leere Raum unzählige Zustände:
die mikroskopischen Quantengravitationszustände der Raumstruktur. Wir wissen
weder, wie sie genau beschaffen sind, noch, welche Mikrozustände die Entropie
eines Schwarzen Lochs ausmachen. Aber wir wissen, daß in einem beschleunigt
expandierenden Universum die Entropie des beobachtbaren Volumens gegen einen konstanten
Wert strebt, der proportional zur Größe seiner Grenzfläche ist.
Dieser wahrlich enorme Entropiebetrag übersteigt bei weitem die Entropie
der Materie innerhalb dieses Volumens. Am auffälligsten an dieser
Geschichte ist der deutliche Unterschied zwischen Verganenheit und Zukunft. Das
Universum beginnt in einem Zustand sehr niedriger Entropie: gleichmäßig
dicht gepackter Teilchen. Es durchmischt einen Zustand mitrlerer Entropie: die
klumpige Verteilung von Sternen und Galaxien, die wir heute rund um uns sehen.
Schließlich erreicht es einen Zustand hoher Entropie: fast leerer Raum,
in dem nur da und dort ein Teilchen mit niedriger Entropie vorkommt.Warum
sind Vergangenheit und Zukunft so verschieden? Es genügt nicht, einfach eine
Theorie der Anfangsbedingungen aufzustellen und damit zu begründen, warum
das Universum mit niedriger Entropie begann. Wie der Philosoph Huw Price betont
hat, sollte jede Überlegung, die für die Anfangsbedingungen gilt, auch
für die Endbedingungen gelten; sonst würden wir irrtümlich voraussetzen,
was wir beweisen wollen, daß die Vergangenheit etwas Besonderes war. Entweder
müssen wir die grundlegende Asymmetrie der Zeit schlicht als uperklärliche
Eigenschaft des Universums hinnehmen, oder wir müssen tiefer in die wechselhafte
Geschichte von Raum und Zeit eindringen.Viele Kosmologen haben versucht, die Asymmetrie
auf die kosmische Inflation zurückzuführen. Die Inflation liefert für
viele grundlegende Merkmale des Universums eine attraktive Erklärung. Dieser
Idee zufolge war das sehr frühe Universum - oder zumindest ein Teil davon
- nicht von Teilchen erfüllt, sondern von einer vorübergehenden Form
Dunkler Energie, deren Dichte unermeßlich höher war als heute. Diese
Energie trieb die Expansion des Universums mit fantastischer Beschleunigung an;
danach zerferfiel sie in Materie und Strahlung und hinterließ jenen winzigen
Rest Dunkler Energie, der gegenwärtig wieder beschleunigend wirkt. Darauf
folgt einfach die übrige Geschichte des Urknalls, vom gleichförmigen
primordialen Gas zu Galaxien und so fort.Ursprünglich sollte die
Inflation eine plausible Erklärung für die Feinabstimmung der Bedingungen
im frühen Universum liefern, insbesondere für die bemerkenswert gleichförmige
Dichte der Materie in weit voneinander getrennten Regionen. Die von der zeitweilig
enormen Dunklen Energie angetriebene Beschleunigung glättet fast alle Untegelmäßigkeiten.
Die vorhergehende Verteilung von Materie und Energie wird bedeutungslos; sobald
die Inflation einsetzt, entfernt sie alle Spuren der vorherigen Bedingungen. Zurück
bleibt ein frühes Universum, das heiß, dicht uhd gleichförmig
ist.
Enthält
die Quantenmechanik keinen Zeitpfeil? Nach
der gängigsten Deutung führt die Messung eines Quantensystems zum Kollaps
seiner Wellenfunktion, und dieser Vorgang ist nicht zeitsymmetrisch. Kollabierte
Wellenfunktionen »entkollabieren« nicht wieder zu Quantensuperpositionen.
Das hat aber denselben Grund wie beim irreversibel zerbrochenen Ei: Der Kollaps
erhöht die Entropie des Universums. Die Quantenmechanik liefert keine Erklärung
für die ursprünglich niedrige Entropie. Warum
erinnern wir uns an die Vergangenheit, aber nicht an die Zukunft? Ein
zuverlässiges Gedächtnis erfordert eine geordnete Vergangenheit - das
heißt, niedrige Entropie. Bei hoher Entropie wären alle vermeintlichen
Erinnerungen nur zufällige Fluktuationen, die mit wirklichen Ereignissen
nichts gemein hätten. |
Inflation
ist kein Zufall Das Inflationsmodell erweist sich in vieler Hinsicht
als sehr erfolgreich. Seine Vorhersage leichter Abweichungen von der perfekten
Gleichförmigkeit stimmt mit beobachteten Dichteunterschieden im Universum
überein. Doch als Erklärung für die Asymmetrie der Zeit kommt es
Forschern wie Roger Penrose wie ein fauler Trick vor. Damit der Prozeß wie
gewünscht funktioniert, muß die ultradichte Dunkle Energie in einer
sehr speziellen Korfiguration beginnen. Tatsächlich sollte ihre Entropie
um einen fantastischen Betrag kleiner sein als die Enfropie des heißen,
dichten Gases, in das sie zerfallt. Das bedeutet, die Inflation erklärt eigentlich
nichts. Sie »erklärt« einen Zustand ungewöhnlich niedriger
Entropie - ein heißes, dichtes, gleichförmiges Gas -, indem sie einen
vorhergehenden Zustand noch geringerer Entropie beschwört: ein glattes Stück
Raum, in dem ultradichte Dunkle Energie vorherrscht. Das verschiebt das Rätsel
nur eine Stufe zurück: Warum kam es überhaupt zur Inflation?Ein
Grund, warum viele Kosmologen die Inflation zur Erklärung für die Zeitasymmetrie
heranziehen, ist, daß die anfangliche Konfiguration der Dunklen Energie
gar nicht so unwahrscheinlich aussieht. Zur Zeit der Inflation war unser beobachtbares
Universum weniger als einen Zentimeter groß. Da ein derart winziges Gebiet
vermeintlich nicht viele Mikrozustände hat, erscheint es gar nicht so unwahrscheinlich,
daß das Universum zufällig in den Mikrozustand gerät, welcher
der Jnflation entspricht. Leider ist diese Meinung falsch. Selbst wenn
das frühe Universum nur einen Zentimeter mißt, birgt es genau dieselbe
Anzahl von Mikrozuständen wie das gesamte heute beobachtbare Universum. Nach
den Regeln der Quantenmechanik ändert sich die Gesamtzahl der Mikrozustände
in einem System niemals. Die Entropie wächst nicht, weil die Anzahl der Mikrozustände
zunimmt, sondern weil das System zum wahrscheinlichsten Makrostatus tendiert.
Tatsächlich ist das frühe Universum dasselbe physikalische System wie
das späte; immerhin geht das eine aus dem anderen hervor.Unter all
den verschiedenen Möglichkeiten, die den Mikrozuständen des Universums
offenstehen, entspricht nur ein unglaublich winziger Bruchteil eine rgleichmäßigen
Konfiguration ultradichter Dunkler Energie in einem winzigen Volumen. Die Bedingungen
für den Beginn der Inflation sind extrem speziell und beschreiben deshalb
eine Konfiguration mit dehr niedriger Entropie. In einer zufälligen Auswahl
unter den Konfigurationen des Universums stößt man nur mit äußerst
geringer Wahrscheinlichkeit auf die richtigen Anfangsbedingungen für Inflation.
Die Inflation an sich erklärt nicht, warum das frühe Universum geringe
Entropie besitzt: das wird einfach vorausgesetzt.Somit hilft uns auch
die Inflation nicht, den Untershied zwischen Vergangenheit und Zukuift zu erklären.
Darum versuchen wir es einfach mit folgender kühner Behauptung: Die allerfernste
Vergangenheit unterscheidet sich eigentlich nicht von der Zukunft. Vielleicht
ist die ferne Vergangenheit ebenso wie die Zukunft in Wahrheit ein Zustand hoher
Entropie. Dann wäre der heiße, dichte Zustand, den wir »frühes
Universum« genannt haben, gar nicht der echte Ursprung des Universums, sondern
nur ein Zwischenstadium seiner Geschichte. Einige Kosmologen stellen
sich vor, daß das Universum einen Rückprall« durchgemacht hat.
Vor diesem Ereignis zog sich der Raum zusammen, kollabierte aber nicht einfach
zu einem Punkt unendlicher Dichte. Statt dessen kam irgendeine neuartige Physik
ins Spiel - Quantengravitation, Extradimensionen, String-Theorie ( )
oder andere exotische Phänomene - und verhinderte im allerletzten Moment
den endgültigen Kollaps. Das Universum prallte quasi vor dem Zermalmen zurück
und begann scheinbar von vorn mit dem, was wir Urknall nennen. Prallkosmologien
sind zwar faszinierend, erklären aber nicht den Zeitpfeil. Entweder nahm
die Entropie zu, als das vorherige Universum sich dem Zermalmen näherte;
in diesem Fall erstreckt sich der Zeitpfeil unendlich weit in die Vergangenheit.
Oder die Entropie nahm vor dem Zermalmen ab; daraus folgt ein unnatürlicher
Zustand niedriger Entropiemitten in der Geschichte des Universums, zum Zeitpunkt
des Rückpralls. In beiden Fällen landen wir wieder bei der Frage, warum
die Entropie zur Zeit des sogenannten Urknalls klein war.Nehmen wir statt
dessen einmal an, das Universum habe mit hoher Entropie begonnen, das heißt,
in seinem natürlichsten Zustand. Ein guter Kandidat dafür ist der leere
Raum. Wie jeder Zustand hoher Entropie neigt der leere Raum dazu, einfach da zu
sein, ohne sich zu verändern. Das Problem ist jetzt: Wie bringen wir diese
trostlos dahinvegetierende Raumzeit dazu, unser gegenwärtiges Universum hervorzubringen?
Die Lösung steckt vielleicht in der Existenz der Dunklen Energie.
Ist
die Multiversumstheorie überprüfbar? Die
Idee, das das Universum weit über den beobachtbaren Bereich hinaus reicht,
ist eigentlich keine Theorie, sondern eine Vorhersage aufgrund bestimmter Theorien
der Quanten- und Gravitationsphysik. Freilich ist die Vorhersage schwer zu überprüfen.
Andererseits zwingen uns alle physikalischen Theorien, die Grenzen der unmittelbaren
Anschauung zu überschreiten. Zum Beispiel wirft das derzeit beste Modell
für die Entstehung der kosmischen Struktur, das Inflationsszenario, die Frage
auf, welche Bedingungen vor Beginn der Inflationsphase herrschten. |
D a s
U n i v e r s u m b e g a n n
l e e r u n d w i r d
l e e r e n d e n . | | (1) | | (2) | | (3) | | (4)
| | (5) | | (6) | | (7) | | (8) | | (9) | |
(1)
Der Raum ist fast leer. (2) Die Quantenfelder einer Region fluktuieren. (3)
Der Raum dehnt sich inflationär aus. (4) Die Inflation endet und erfüllt
den Raum mit einem fast gleichförmigen primordialen Gas. (5) Aus Gasklumpen
bilden sich Galaxien. (6) Das heutige Universum. (7) Die beschleunigte
Expansion entfernt die Galaxien aus dem beobachtbaren Universum. (8) Jede Galaxie
kollabiert zu einem Schwarzen Loch, das zu einem dünnen Gas verdampft. (9)
Der Raum ist fast leer. |
Nach dem Standardmodell der Kosmologie
begann das Universum als nahezu gleichförmiges Gas und wird als fast leerer
Raum enden. Es emtwickelt sich von niedriger zu hoher Entropie - bis zum sogenannten
Wärmetod. Doch dieses Modell vermag nicht zu erklären, wodurch der anfängliche
Zustand niedriger Entropie zustande kam. Das Modell des Autors fügt eine
kosmologische Vorgeschichte hinzu (vgl. 1 und 2 mit heller Färbung in der
Abbildung ).
Das Universum begann leer und wird leer enden. Das Auftauchen von Sternen und
Galaxien ist eine vorübergehende Abweichung vom normalen Gleichgewichtszustand.
Die Darstellung der kosmischen Geschichte, die in der Abbildung ( )
durch eine Folge einzelner Standbilder veranschaulicht wird, ist schematisch:
Sie zeigt nicht, daß der Raum insgesamt expandiert.Wie
ein Babyuniversum entstehtMit Dunkler Energie ist der leere Raum
nicht vollständig leer. Fluktuationen von Quantenfeldern verursachen eine
sehr niedrige Temperatur - sehr viel tiefer als die des heutigen Alls, aber nicht
ganz am absoluten Nullpunkt. In einem solchen Universum treten bei allen Quantenfeldern
gelegentlich thermische Fluktuationen auf; das heißt, es vegetiert nicht
absolut regungslos dahin. Wenn wir lange genug warten, werden einzelne Teilchen
oder sogar nennenswerte Partikelmengen wie aus dem Nichts auftauchen und sich
wieder ins Vakuum verflüchtigen. Dabei handelt es sich - im Unterschied zu
den kurzlebigen »virtuellen« Teilchen, die der leere Raum sogar ohne
Dunkle Energie enthält - um reale Teilchen.Unter anderem können
durch solche Fluktuationen auch kleine Flecken ultradichter Dunkler Energie entstehen.
Bei geeigneten Bedingungen kann das Fleckchen inflationär expandieren, sich
abschnüren und ein separates, eigenständiges Babyuniversum bilden.Oberflächlich
betrachtet ähnelt dieses Szenario dem Standardschema der Inflation. Auch
dort postulieren wir, daß zufällig ein Fleck ultradichter Dunkler Energie
entsteht, der die Inflation auslöst. Der Unterschied besteht in der Art der
Anfangsbedingungen. Im Standardszenario entsteht der Fleck in einem heftig fluktuierenden
Universum, in dem fast alle Fluktuationen nichts hervorbringen, was auch nur entfernt
einem Inflationsprozeß ähnelt. Viel wahrscheinlicher wäre, daß
das Universum die Inflationsphase einfach ausläßt und direkt in einen
heißen Urknall fluktuiert. Soweit es die Entropie betrifft, sollte das Universum
noch wahrscheinlicher gleich in seine heutige Konfiguration fluktuieren und die
vergangenen 14 Milliarden Jahre kosmischer Evolution komplett überspringen.
In unserem neuen Szenario hat das zuvor existierende Universum niemals zufällig
fluktuiert. In jener Vorzeit herrschte ein sehr spezieller Zustand - leerer Raum.
Diese Theorie enthält eine derzeit noch unbewiesene Behauptung: Der wahrscheinlichste
Vorgang, der aus jenem vorherigen Zustand ein Universum wie das unsrige hervorbringt,
ist nicht irgendeine Fluktuation, sondern durchläuft eine Periode der Inflation.
Mit anderen Worten, unser Universum ist zwar eine Fluktuation, aber keine zufällige.
Erinnerungen an die Zukunft Dieses Szenario, das Jennifer Chen
und ich 2004 vorschlugen, liefert eine originelle Erklärung für den
Ursprung der Zeitasymmetrie in unserem Universum: Wir sehen nur einen winzigen
Ausschnitt des großen Ganzen, und diese Gesamtheit ist völlig asymmetrisch.
Die Entropie kann durch die Erzeugung neuer Babyuniversen unbegrenzt wachsen.Diese
Geschichte hat den Vorteil, daß sie sich zeitlich vorwärts und rückwärts
erzählen läßt. Angenommen, wir beginnen zu einem bestimmten Zeitpunkt
mit dem leeren Raum und beobachten, wie er sich in die Zukunft und die Vergangenheit
entwickelt. Beides geht, denn wir setzen keinen einseitig gerichteten Zeitpfeil
voraus. In beiden Zeitrichtungen tauchen durch Fluktuation Babyuniversen auf,
entleeren sich und setzen ihrerseits Babys in die Welt. In extrem großem
Maßstab sieht ein solches Multiversum im Mittel zeitsymmetrisch aus - sowohl
in der Vergangenheit wie in der Zukunft entstehen neue Universen und pflanzen
sich unbegrenzt fort. Zu jedem von ihnen gehört ein Zeitpfeil, doch in der
Hälfte aller Fälle weist er in die zu den übrigen entgegengesetzte
Richtung.Die Vorstellung eines Universums mit rückwärts gerichtetem
Zeitpfeil wirkt verwirrend. Angenommen, wir begegnen Wesen aus einer solchen Welt:
Erinnern sie sich an die Zukunft? Zum Glück besteht die Gefahr eines solchen
Zusammentreffens nicht. Gemäß dem hier beschriebenen Szenario liegen
die Orte, an denen die Zeit rückwärts zu laufen scheint, unermeßlich
weit in unserer Vergangenheit - lange vor unserem Urknall. Dazwischen erstreckt
sich ein weites Universum, in dem die Zeit scheinbar überhaupt nicht vergeht;
es gibt fast keine Materie, und die Entropie verändert sich nicht. Etwaige
Wesen, die in einer dieser zeitverkehrten Regionen lebten, würden nicht alt
zur Welt kommen und jung sterben, oder was es sonst an Skurrilem geben mag. Auch
für sie würde die Zeit auf ganz gewöhnliche Weise vergehen. Nur
wenn wir ihr Universum mit unserem vergleichen, scheint etwas nicht zu stimmen
- unsere Vergangenheit ist ihre Zukunft und umgekehrt. Doch solch ein Vergleich
ist rein hypothetisch, denn wir können nicht zu ihnen gelangen und sie nicht
zu uns. Gegenwärtig ist über unser Modell das letzte Wort nicht
gesprochen. Kosmologen denken seit vielen Jahren über die Möglichkeit
von Babyuniversien nach, aber wir verstehen den Geburtsvorgang nicht. Falls Quantenfluktuationen
neue Universen zu schaffen vermögen, können sie auch viele ander Dinge
hervorbringen - zum Beispiel eine ganze Galaxie. Wenn unser Szenario das Universum
erklären soll, muß es vorhersagen, daß die meisten Galaxien im
Gefolge urknallähnlicher Ereignisse entstehen und nicht als einsame Fluktuationen
in einem sonst leeren All. Andernfalls erschiene unser Universum höchst unnatürlich.
Aber letztlich geht es nicht um dieses oder jenes Modell für die
Struktur der Raumzeit in größtem Maßstab. Wirklich faszinierend
ist die Idee, daß eine auffällige Eigenart unseres Universums - der
Zeitpfeil als Folge der niedrigen Entropie im frühen Universum - Auskunft
über das Wesen des nicht beobachtbaren Universums zu geben vermag.
Wie anfangs erwähnt ist es zwar erfreulich, wenn ein Modell den Daten entspricht,
aber die Kosmologen wollen mehr: Wir möchten die Naturgesetze und unser spezielles
Universum so verstehen, daß alles darin einen Sinn hat. Wir wollen die seltsamen
Eigenschaften unseres Universums nicht einfach als nackte Tatsachen hinnehmen.
Die Zeitasymmetrie des beobachtbaren Kosmos scheint auf etwas Tieferes hinzuweisen
- auf das grundlegende Zusammenwirken von Raum und Zeit. Unsere Aufgabe als Physiker
ist, aus solchen Indizien ein schlüssiges Bild zusammenzusetzen.Wäre
das beobachtbare Universum alles, was überhaupt existiert, dann gäbe
es kaum eine natürliche Erklärung für den Zeitpfeil. Doch wenn
das uns umgebende All nur der winzige Ausschnitt in einem weit größeren
Bild ist, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Wir können uns unser
Universum als Teil eines Puzzles vorstellen, eines größeren Systems,
das seine Entropie in tiefer Vergangenheit und ferner Zukunft unbegrenzt steigert.
Um den Physiker Edward Tryon zu zitieren: Unser Universum ist einfach eines der
Dinge, die sich von Zeit zu Zeit ereignen.Andere Forscher arbeiten an
verwandten Ideen, denn immer mehr Kosmologen nehmen das Problem des Zeitpfeils
ernst. Es ist kinderleicht, den Pfeil zu beobachten; ein wenig Milch im Kaffee
genügt schon. Doch dieser scheinbar simple Vorgang führt zurück
bis zum Beginn unseres Universums - und vielleicht noch weit darüber hinaus.
(Zitat-Ende).
Mathematisch,
ja überhaupt logisch gesehen ist es viel wahrscheinlicher, daß unser
Universum einem Zyklus folgt. Die meisten der heutigen Physiker wollen das allerdings
nicht wahrhaben.  Dabei
bestätigen alle Naturwisenschaften, daß die Bewegung aller
Entwicklung - also auch aller Evolution und Geschichte - keine progressive
(z.B. eine nach oben hin offene fortschrittliche), sondern eine runde ist: Alles,
was ist, vergeht wieder und wird wieder neu oder anders (verwendet).Die
Anzahl der Atome ist endlich. Atome und deren Bestandteile können neu kombiniert
werden, aber sie gehen nicht verloren; sie können zwar zerfallen, aber sie
lösen sich nur insofern auf, als daß sie sich umwandeln.Ironischerweise
bilden augerechnet die beiden brennbarsten Elemente - Wasserstoff und Sauerstoff
- zusammen eine feuerlöschende chemische Verbindung: Wasser.In
der Natur scheint alles möglich zu sein, aber es werden bestimmte Kombinationen
bevorzugt bzw. selektiert - und das bedeutet doch, daß die Evolution ihre
Wirkung auch bereits im Bereich von Physik und Chemie zeigt (vgl. in der Abbildung:
Anorganische Ordnung und Anorganische Materie). |