Einleitung (S. 3-5):
Diese kleine Schrift ist aus Aufzeichnungen
hervorgegangen, die für den »Untergang des Abendlandes«
( ),
namentlich den zweiten Band bestimmt ( ),
die teilweise sogar der Kern waren, aus dem diese ganze Philosophie sich entwickelt
hat. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S.
3 ).Ist
Sozialismus ein Instinkt oder ein System? Das Endziel der Menschheit oder
ein Zustand von heute und morgen? Oder ist er nur die Forderung einer einzelnen
Klasse? Ist er mit dem Marxismus identisch? - Der Fehler aller Wollenden
ist, daß sie das, was sein sollte, mit dem verwechseln, was sein wird.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 3 ).Wenn
aber der Sozialismus nicht Marxismus ist - was ist er dann? Hier steht die Antwort.
Heute schon ahnt man sie, aber den Kopf voller Pläne, Standpunkte, Ziele
wagt man nicht, sie zu wissen. Man flüchtet vor Entscheidungen von der ehemaligen
energischen Haltung zu mittleren, veralteten, milderen Auffassungen, selbst zu
Rousseau, zu Adam Smith, zu irgend etwas. Schon ist jeder Schritt gegen Marx gerichtet,
aber bei jedem ruft man ihn an. Indessen ist die Zeit der Programmpolitik vorbei.
Wir späten Menschen des Abendlandes sind Skeptiker geworden. Ideologische
Systeme werden uns nicht mehr den Kopf verwirren. Programme gehören in das
vorige Jahrhundert. Wir wollen keine Sätze mehr, wir wollen uns selbst.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 4 ).Und
damit ist die Aufgabe gestellt: es gilt, den deutschen Sozialismus von Marx zu
befreien. Den deutschen, denn es gibt keinen andern. Auch das gehört zu den
Einsichten, die nicht länger verborgen bleiben. Wir Deutsche sind Sozialisten,
auch wenn niemals davon geredet worden wäre. Die andern können es gar
nicht sein. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919,
S. 4 ).Ich
zeichne hier nicht eine jener »Versöhnungen«, kein Zurück
oder Beiseite, sondern ein Schicksal. Man entgeht ihm nicht, wenn man die Augen
schließt, es verleugnet, bekämpft, vor ihm flüchtet. Das sind
nur andere Arten es zu erfüllen. Ducunt fata volentem, nolentem trahunt
( ).
Altpreußischer Geist und sozialistische Gesinnung, die sich heute mit dem
Hasse von Brüdern hassen, sind ein und dasselbe. Das lehrt nicht die Literatur,
sondern die unerbittliche Wirklichkeit der Geschichte, in der das Blut, die durch
nie ausgesprochne Ideen gezüchtete Rasse, der zur einheitlichen Haltung von
Leib und Seele gewordne Gedanke über bloße Ideale, über Sätze
und Schlüsse hinwegschreitet. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 4 ).Ich
zähle damit auf den Teil unserer Jugend, der tief genug ist, um hinter dem
gemeinen Tun, dem platten Reden, dem wertlosen Plänemachen das Starke und
Unbesiegte zu fühlen, das seinen Weg vorwärts geht, trotz allem; die
Jugend, in welcher der Geist der Väter sich zu lebendigen Formen gesammelt
hat, die sie fähig machen, auch in Armut und Entsagung, römisch im Stolz
des Dienens, in der Demut des Befehlens, nicht Rechte von andern, sondern Pflichten
von sich selbst fordernd, alle ohne Ausnahme, ohne Unterschied, ein Schicksal
zu erfüllen, das sie in sich fühlen, das sie sind. Ein wortloses Bewußtsein,
das den einzelnen in ein Ganzes fügt, unser Heiligstes und Tiefstes, ein
Erbe harter Jahrhunderte, das uns vor allen andern Völkern auszeichnet, uns,
das jüngste und letzte unsrer Kultur. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 4-5 ).An
diese Jugend wende ich mich. Möge sie verstehen, was damit ihrer Zukunft
auferlegt wird; möge sie stolz darauf sein, daß man es darf.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 5 ).
Die Revolution (S. 5-22):
Die Geschichte kennt kein
Volk, dessen Weg tragischer gestaltet wäre. In den großen Krisen kämpften
alle andern um Sieg oder Verlust; wir haben immer um Sieg oder Vernichtung gekämpft;
von Kolin und Hochkirch über Jena und die Freiheitskriege, wo noch auf französischem
Boden versucht wurde, durch eine Aufteilung Preußens die Verständigung
zwischen dessen Verbündeten und Napoleon zu erreichen, über jene verzweifelte
Stunde von Nikolsburg, in der Bismarck an Selbstmord dachte, und Sedan, das die
Kriegserklärung Italiens und damit eine allgemeine Offensive der Grenzmächte
eben noch abwandte, bis zu dem Gewitter furchtbarer Kriege über den ganzen
Planeten hin, dessen erste Schläge eben verhallt sind. Nur der Staat Friedrichs
des Großen und Bismarcks durfte es wagen, an Widerstand überhaupt zu
denken. In all diesen Katastrophen haben Deutsche gegen Deustsche gestanden. Es
gehört nur der Oberfläche der Geschichte an, daß es oft Stamm
gegen Stamm oder Fürst gegen Fürst war; in der Tiefe ruhte jener Zwiespalt,
den jede deutsche Seele birgt und der schon in gotischer Zeit, in den Gestalten
Barbarossas und Heinrich des Löwen zur Zeit von Legnano groß und düster
hervortrat. Wer hat das verstanden? Und wer durchschaut jene Wiederkehr
des Herzogs Widukind in Luther? Welcher dunkle Drang ließ all jene
Deutschen für Napoleon kämpfen und fühlen, als er mit französischem
Blute die englische Idee überd en Kontinent trug? Was verbindet in
der tiefsten Tiefe das Rätsel von Legnano (29.05.1176)
mit dem von Leipzig (16.-19.10.1813)? Weshalb
empfand Napoleon die Vernichtung der kleinen friderizianiscehn Welt als seine
ernsteste aufgabe - und im Grunde seines Geistes als eine unlösbare?
Der Weltkrieg ist, am Abend der westlichen Kultur, die große Auseinandersetzung
zwischen den beiden germanischen Ideen, Ideen, die wie alle echten nicht gesprochen,
sondern gelebt werden. Er trug seit seinem wirklichen Ausbruch, dem Vorpostengefecht
auf dem Balkan 1912, zunächst die äußere Form des Kampfes zweier
Großmächte, von denen die eine beinahe niemand, die andre alle auf
ihrer Seite hatte. Er endete zunächst im Stadium der Schützengräben
und verrotteten Millionenheere. Aber schon in diesem wurde eine neue Formel des
ungemilderten Gegensatzes gefunden, die augenblicklich mit den Schlagworten Sozialismus
und Kapitalismus in einem sehr flachen Sinne und mit der vom vorigen Jahrhundert
ererbten Überschätzung rein wirtschaftlicher Einzelheiten bezeichnet
wird. Hinter ihnen tritt die letzte große Seelenfrage des faustischen Menschen
zutage. In diesem Augenblick tauchte, den Deutschen selbst nicht bewußt,
das napoleonische Rätsel wieder auf. Gegen dieses Meisterstück von Staat,
unsre echteste und eigenste Schöpfung, so eigen, daß kein anderes Volk
es zu verstehen und nachzuahmen vermochte, daß man haßte wie alles
Dämonisch-Unergründliche, rannte das englische Heer Deutschland an.
... Was hier zum tödlichen Streich ausholte, war nicht notwendig ein Verrat
aus weltbürgerlichen Hange oder schlimmen Gründen; es war ein beinahe
metaphysisches Wollen, zäh und selbstlos, oft einfältig genug, oft begeistert
und ehrlich patriotisch, aber in seinem bloßen Dasein eine stets bereite
Waffe für jeden äußeren Feind von der praktischen Tiefe des Engländers;
ein verhängnisvoller Inbegriff von politischen Wünschen, Gedanken, Formen,
die in Wirklichkeit nur ein Engländer ausfüllen, meistern, nutzen kann,
für Deutsche trotz aller schweren Leidenschaft und ernsten Opferwilligkeit
nur ein Anlaß dilettantischer Betätigung, in seiner staatsfeindlichen
Wirkung vernichtend, vergiftend, selbstmörderisch. Es war die unsichtbare
englische Armee, die Napoleon seit Jena auf deutschem Boden zurückgelassen
hatte. Das, der bis zur Wucht eines Schicksals herausgebildete
Mangel an Tatsachensinn ist es, was von der Höhe der Stauferzeit an, wo diese
prachtvollen Menschen sich über die Forderung des Tages erhaben fühlten,
bis herab zur provinzialen Biedermännerei des 19. Jahrhunderts, die man auf
den Namen des deutschen Michel getauft hat, jenem andern Instinkt entgegenarbeitete
und ihm eine Entfaltung aufzwang, die seine äußere Geschichte zu einer
dichten Folge verzweifelter Katastrophen gestaltet hat. Das Micheltum ist die
Summe unserer Unfähigkeiten, das grundsätzliche Mißvergnügen
an überlegnen Wirklichkeiten, die Dienst und Achtung fordern, Kritik zur
unrechten Zeit, Ruhebedürfnis zur unrechten Zeit, Jagd nach Idealen statt
rascher Taten, rasche Taten statt vorsichtigen Abwägens, das »Volk«
als Haufe von Nörglern, die Volksvertretung als Biertisch höherer Ordnung.
Alles das ist englisches Wesen, aber in deutscher Karikatur. Und vor allem das
Stückchen privater Freiheit und verbriefter Unabhängigkeit, das man
genau dann aus der Tasche zieht, wenn John Bull es mit sicherm Instinkt beiseitelegen
würde. Der 19. Juli 1917 ist der erste Akt der deutschen Revolution. Das
war kein bloßer Wechsel der Führung, sondern, wie die brutale Form
namentlich dem Gegner verriet, der Staatsstreich des englischen Elements, das
seine Gelegenheit wahrnahm. Es war die Auflehnung nicht gegen die Macht eines
Unfähigen, sondern gegen die Macht überhaupt. Unfähigkeit der Staatsleitung
? Hatten diese Gruppen, in denen nicht ein Staatsmann saß, nur den
Splitter im Auge der Verantwortlichen gesehen? Hatten sie statt der Fähigkeiten,
die sie nicht bieten konnten, in dieser Stunde etwas andres einzusetzen als ein
Prinzip? Es war kein Aufstand des Volkes, das zusah, ängstlich, zweifelnd,
obwohl nicht ohne jene michelhafte Sympathie mit allem, was gegen die da oben
ging, es war eine Revolution in den Fraktionszimmern. Mehrheitspartei ist bei
uns ein Name für einen Verein von zweihundert Mitgliedern, nicht für
den größeren Teil des Volkes. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 5-8 ).Es
waren die Epigonen der Biedermeierrevolution von 1848, die Opposition als Weltanschauung
betrachteten, und die Epigonen der Sozialdemokratie, denen die eiseren Hand Bebels
fehlte, der mit seinem starken Wirklichkeitssinn dies schamlose Schauspiel nicht
geduldet, der eine Diktatur, von rechts oder links, gefordert und erreicht hätte.
Er hätte dies Parlament zum Teufel gejagt und die Pazifisten und Völkerbundschwärmer
erschießen lassen. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus,
1919, S. 8 ).Dem
Handstreich der englischen Staatsgegner folgte mit Notwendigkeit im November 1918
der Aufstand des marxistischen Proletariats. Der Schauplatz wurde aus dem Sitzungssaal
auf die Straße verlegt. Gedeckt durch die Meuterei der »Heimatarmee«
brachen die Leser der radikalen Presse los, von den klügeren Führern
verlassen, die nur noch halb von ihrer Sache überzeugt waren. Auf die Revolution
der Dummheit folgte die der Gemeinheit. Es war wieder nicht das Volk, nicht einmal
die sozialistisch geschulte Masse; es war das Pack mit dem Literatengeschmeiß
an der Spitze, das in Aktion trat. Der echte Sozialismus stand im letzten Ringen
an der Front oder lag in den Massengräbern von halb Europa, der, welcher
im August 1914 aufgestanden war und den man hier verriet. Es war die sinnloseste
Tat der deutschen Geschichte. Es wird schwer sein, in der Geschichte andrer Völker
Ähnliches zu finden. .... Wie flach, wie flau, wie wenig überzeugt war
das alles! Wo man Helden erwartete, fand man befreite Sträflinge, Literaten,
Deserteure, die brüllend und stehlend, von ihrer Wichtigkeit und dem Mangel
an Gefahr trunken, umherzogen, absetzten, regierten, prügelten, dichteten.
.... Die unbeschreibliche Häßlichkeit der Novembertage ist ohne Beispiel.
kein mächtiger Augenblick, nichts Begeisterndes; kein großer Mann,
kein bleibendes Wirt, kein küner Frevel, nur Kleinliches, Ekel, Albernheiten.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 9-11 ).
Sozialismus als Lebensform (S. 22-26):
Sechstausend
Jahre höherer Menschengeschichte liegen vor uns. Aus der Masse, die sich
über den ganzen Planeten verbreitet hat, sondert sich, Geschichte im tieferen
Sinne, das Schauspiel und Schicksal der großen Kulturen ab. ( ).
Sie liegen vor dem Auge des Betrachters als Formenwelten von gleichartigem Bau,
mächtiges Seelentum, das sichtbare Gestalt gewinnt, innerstes Geheimnis,
das sich in lebendig fortschreitender Wirklichkeit ausdrückt. Ein unveränderliches
Ethos wirkt in ihnen. Es prägt nicht nur je eine ganz bestimmte Art von Glauben,
Denken, Fühlen, Tun, von Staat, Kunst und Lebensordnung, sondern auch einen
antiken, indischen, chinesischen, abendländischen Typus »Mensch«
von vollkommen eigener Haltung des Leibes und der Seele, einheitlich in Instinkt
und Bewußtsein, Rasse in geistigem Sinne, aus. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 22 ).Und
so bezeichnet Sozialismus in diesem späten Sinne, nicht als dunkler Urtrieb,
wie er sich im Stil gotischer Dome, im Herrscherwillen großer Kaiser und
Päpste, in ... Gründung von Reichen auspricht, in denen die Sonne nicht
untergeht, sondern als politischer, sozialer, wirtschaftlicher Instinkt realistisch
angelegter Völker eine Stufe unserer Zivilisation, nicht mehr unsrer Kultur,
die um 1800 zu Ende ging. Aber in diesem nun ganz nach außen gewandten Instinkt
lebt der alte faustische Wille zur Macht, zum Unendlichen weiter in dem furchtbaren
Willen zur unbedingten Weltherrschaft im militärischen, wirtschaftlichen,
intellektuellen Sinne, in der Tatsache des Weltkrieges und der Idee der Weltrevolution,
in der Entschlossenheit, durch die Mittel faustischer Technik und Erfindung das
Gewimmel der Menschheit zu einem Ganzen zu schweißen. Und so ist der moderne
Imperialismus auf den ganzen Planeten gerichtet. .... Wir kennen keine Grenze.
Wir haben Amerika durch eine neue Völkerwanderung zu einem Teil Westeuropas
gemacht; wir haben alle Erdteile mit Städten unsres Typus besetzt, unsrem
Denken, unsren Lebensformen unterworfen. Es ist der höchste überhaupt
erreichbare Ausdruck unsres dynamischen Weltgefühls. Was wir glauben, sollen
alle glauben. Was wir wollen, sollen alle wollen. Und da Leben für uns äußeres
Leben, politisches, soziales, wirtschaftliches Leben geworden ist, sollen alle
sich unserm politischen, sozialen, wirtschaftlichen Ideal fügen oder zugrunde
gehen. Dies immer klarer werdende Bewußtsein habe ich modernen Sozialismus
genannt. Es ist das Gemeinsame in uns. Es wirkt in jedem Menschen von Warschau
bis San Franzisko, es zwingt jedes unsrer Völker in den Bann seiner Gestaltungskraft.
Aber auch nur uns. Antiken, chinesischen, russischen Sozialismus gibt es nicht.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 24-25 ).
Engländer und Preußen (S. 26-71):
Drei
Völker des Abendlandes haben den Sozialismus in einem großen Sinne
verkörpert: Spanier, Engländer, Preußen (nicht
zufällig die »östlichsten«
[»jüngsten«, »frischesten«] der Deutschen! Anm. HB).
Von Florenz und Paris aus formte sich der anarchische Gegensinn in zwei andern:
Italienern und Franzosen. Der Kampf beider Weltgefühle ist das Grundgerüst
dessen, was wir als neuere Weltgeschichte bezeichnen. (Oswald Spengler,
Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 26 ).
Die organisierte
Besiedlung der slawischen Ostmark erfolgte durch Deutsche aller Stämme. Beherrscht
aber wurde sie durch Niedersachsen, und so ist der Kern des preußischen
Volkes am nächsten dem englischen verwandt. Es sind dieselben Sachsen, Friesen,
Angeln, die in freien Wikingerscharen die keltischen Briten unterwarfen. ....
Aber es waren zwei sittliche Imperative gegensätzlicher Art, die sich aus
dem Wikingergeist und dem Ordensgeist der Deutschritter langsam entwickelten.
Die einen trugen die germanische Idee in sich, die andern fühlten sie über
sich: persönliche Unabhängigkeit und überpersönliche Gemeinschaft.
Heute nennt man sie Individualismus und Sozialismus. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 31-32 ).
Abgeschlossen auf seiner Insel, hat der Engländer eine Einheit
der äußern und innern Haltung erlangt wie kein anderes Volk Westeuropas:
es entstand die vornehme Gesellschaft, ladies and gentlemen, verbunden
durch ein starkes Gemeingefühl, ein durchaus gleichartiges Denken, Fühlen,
Sichverhalten. .... Es war ein Gemeingefühl des Erfolges, des Glücks,
nicht der Aufgabe wie das preußische. Es waren Olympier des Geschäfts,
heimgekehrte Wikinger beim Mahle, nicht Ritter im Felde: Reichtum war neben altem
Adel die Bedingung der Zugehörigkeit und der Stellung innerhalb dieser Gesellschaft,
Kennzeichen, Ziel, Ideal und Tugend. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 36-37 ).
Es ist bewunderungswürdig, mit welcher Sicherheit der englische
Instinkt aus der ... ganz doktrinären und kahlen Lehre Kalvins sein eignes
religiöses Bewußtsein formte. Das Volk als Gemeinschaft der Heiligen,
das englische insbesondere als das auserwählte Volk, jede Tat schon dadurch
gerechtfertigt, daß man sie überhaupt tun konnte, jede Schuld, jede
Brutalität, selbst das Verbrechen auf dem Wege zum Erfolg ein von Gott verhängtes
und von ihm zu verantwortendes Schicksal - so nahm sich die Prädestination
im Geiste Cromwells und seiner Soldaten aus. Mit dieser unbedingten Selbstsicherheit
und Gewissenlosigkeit des Handelns ist das englische Volk emporgestiegen.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 41 ).
Aus dem Weltgefühl des echten Siedlers der Grenzmark, des
kolonisierenden Ordens (vgl. Deutsch- Ritter-Orden )
ergab sich als notwendiges Prinzip die Wirtschaftsautorität des Staates.
Der einzelne erhält seine wirtschaftliche Aufgabe vom Schicksasl, von Gott,
vom Staate, von seinem eigenen Talent - das alles sind Worte für dieselbe
Tatsache. Rechte und Pflichten der Gütererzeugung und -nutzung sind gleichmäßig
verteilt. Das Ziel ist nicht die Bereicherung von einzelnen oder jedes einzelnen,
sondern die Blüte des Ganzen. .... In diesen Bahnen bewegte sich der Wirklichkeitssinn
des deutschen Arbeiters mit voller Entschiedenheit. Lediglich die Theorien von
Marx hinderten ihn, die nahe Verwandtschaft zwischen seinem und dem altpreußischen
Wollen zu erkennen. Der Seeräuberinstinkt des Inselvolkes versteht das Wirtschaftsleben
ganz anders. Es handelt sich da um Kampf und Beute, und zwar um den Beuteteil
einzelner. .... Gott hatte ihn den Wagemutigen (diesen seßhaft
gewordenen Piraten) gespendet. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 41 ).Das
englische Volk ist nach dem Unterschied von reich und arm, das preußische
nach dem von Befehl und Gehorsam aufgebaut. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 45 ).Das
souveräne Wort Freihandel gehört in eine Wikingerwirtschaft. .... Die
ganze moderne Nationalökonomie beruht auf dem Grundfehler, den Sinn des Wirtschaftslebens
überall in der Welt mit dem Händlerinteresse nach englischen Begriffen
gleichzusetzen, auch wo man dem Wortlaut nach die Manchesterlehre verwirft: der
Marxismus hat sich als reine Verneinung dieser Lehre ihr Schema vollständig
zu eigen gemacht. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus,
1919, S. 51 ).Nur
der Kapitalismus englischen Stils ist das Gegenstück zum Sozialismus marxistischen
Stils. Der preußische Gedanke der Verwaltung des Wirtschaftslebens aus einem
überpersönlichen Gesichtspunkt hatte den deutschen Kapitalismus seit
der Schutzzollgesetzgebung von 1879 unwillkürlich in sozialistische Formen
im Sinne einer Staatsordnung übergeführt. Die großen Syndikate
waren wirtschaftliche Staaten im Statsganzen, »der erste systematische und
großzügig durchgeführte und dabei ganz unbewußt entstandene
praktische Versuch der kapitalistischen Gesellschaft, hinter die Geheimnisse ihrer
eignen Produktion zu kommen und die gesellschaftlichen Gesetze, deren unbekannter
naturhafter Gewalt man sich bis dahin blind hatte fügen müssen, zu meistern«
(Paul Lensch, Drei Jahre Weltrevolution, 1917). Der deutsche Liberalismus,
das deutsche Engländertum aber huldigt außer der freien Menschenwürde
auch noch dem Freihandel. Hier erreicht die Komik seiner Erscheinung den Gipfel.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 51-52 ).Soll
die Weltwirtschaft eine Weltausbeutung (englisch; Anm. HB)
oder eine Weltorganisation (preußisch; Anm. HB)
sein? Sollen die Cäsaren dieses künftigen Imperiums Milliardäre
oder Weltbeamte, soll die Bevölkerung der Erde, solange dieses Imperium der
faustischen Zivilisation zusammenhält, Objekt der Politik von Trusts oder
der von Menschen sein, wie sie am Ende des zweiten Faust angedeutet werden?
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 53 ).Soll
die Welt sozialistisch oder kapitalistisch regiert werden? Diese Frage kann
nicht zwischen zwei Völkern entschieden werden. Sie ist heute in das Innere
jedes einzelnen Volkes gedrungen. Wenn die Waffen zwischen den Staaten ruhen,
wird man sie im Bürgerkrieg erheben. Heute gibt es in jedem Land eine englische
und eine preußische Wirtschaftspartei. Und wenn die Klassen und Schichten
des Krieges müde geworden sind, werden einzelne Herrenmenschen ihn im Namen
der Idee weiter führen. In den großen Entscheidungen der antiken Welt
zwischen der apollinischen und der dionysischen Idee ging der peloponnesische
Krieg aus dem Kriege zwischen Sparta und Athen in das Ringen zwischen Oligarchie
und Demos aller einzelnen Städte über. Was bei Philippi und Aktium ausgetragen
wurde, hat in der Gracchenzeit das Forum von Rom mit Blut überschwemmt. In
der chinesischen Welt dauerte der entsprechende Krieg zwischen den reichen Tsin
und Tsu, zwischen den Weltanschauungen des Tao und des Li ein Jahrhundert lang.
In der ägyptischen Welt verbergen sich ungeheure Ereignisse derselben Art
hinter dem Rätsel der Hyksoszeit, der Herrschaft östlicher Barbaren.
Hatte man sie gerufen oder kamen sie, weil die Ägypter sich in innern Kriegen
bis zur Ohnmacht erschöpft hatten? Wird das Abendland den Russen die
gleiche Rolle übertragen? Mögen unsre trivialen Friedensschwärmer
von Völkerversöhnung reden: die Ideen werden sie nicht versöhnen;
der Wikingergeist und der Ordensgeist ( )
werden den Kampf zu Ende führen, mag auch die Welt müde und gebrochen
aus den Blutströmen dieses Jahrhunderts hervorgehen. - Damit aber tritt der
englisch-preußische Gegensatz in den Bereich der politischen Formen ein.
Es sind die höchsten und mächtigsten des historischen Daseins überhaupt.
Weltgeschichte ist Staatengeschichte. Staatengeschichte ist die Geschichte von
Kriegen. Ideen, wenn sie zur Entscheidung drängen, verkleiden sich in politische
Einheiten, in Staaten, in Völker, in Parteien. Sie wollen mit Waffen, nicht
mit Worten ausgefochten werden. Wirtschaftskämpfe werden zu Kämpfen
zwischen Staaten oder innerhalb von Staaten. Religionen konstituieren sich als
Staaten, wie Judentum und Islam, Hugenotten und Mormonen, wenn es sich um ihr
Dasein oder ihren Sieg handelt. Alles was aus innerstern Seelentum Mensch und
menschliche Schöpfung geworden ist, opfert den Menschen. Ideen, die Blut
geworden sind, fordern Blut. Krieg ist die ewige Form höhern menschlichen
Daseins, und Staaten sind um des Krieges willen da; sie sind Ausdruck der Bereitschaft
zum Kriege. Und selbst wenn eine müde und entseelte Menschheit auf Kriege
und Staaten verzichten wollte, wie der antikt Mensch der spätesten Jahrhunderte,
der Inder und Chinese von heute, so würde er nur aus dem Führer von
Kriegen der Gegenstand werden, um den und mit dem von andern Kriege geführt
werden. Wäre selbst der faustische Weltfriedc erreicht, so würden Herrenmenschen
vom Schlage spätrömischer, spätchinesischer, spätägyptischer
Cäsaren sich um dies Imperium schlagen als Beute, wenn seine endgültige
Form eine kapitalistische, und um den ersten Rang in ihm, wenn sie eine sozialistische
geworden sein sollte. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus,
1919, S. 54-56 ).In
Wirklichkeit kann es, außer in Staaten vom Umfang weniger Dörfern,
etwas wie Volksregierung, Regierung durch das Volk, gar nicht geben. (Oswald
Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 59 ).Das
Wort Stimmvieh paßt auf den Durchschnitt der Abgeordneten sicherlich besser
als auf deren Wähler. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus,
1919, S. 60 ).Daß
Demokratie und allgemeines Stimmrecht erprobte Methoden des Kapitalismus sind,
haben alle Länder bewiesen, die diese Formen von England übernommen
haben. Wenn der liberale Professor die Verfassung von Weimar als Erfüllung
seiner Träume begrüßt, so begrüßt sie der Geschäftsliberalismus
als die bequemste und vielleicht billigste Methode, die Politik dem Kantor, den
Staat dem Schiebertum zu unterstellen. Dies alles kennzeichnet die Herrschaft
des Wikingergeistes über die abendländische Zivilisation, die bis jetzt
durchaus englische Zivilisation gewesen ist. Die Form, in welcher der unübertragbare
englische Parlamentarismus sich dem Festlande und schließlich der ganzen
Welt aufdrängte, ist die »Konstitution«, durch welche die Kritik
an den bestehenden Regierungen zu einem organischen Bestandteil der Regierung
selbst gemacht wird. Aber der staatlose Charakter der Regierung, welcher die englische
Gesellschaft aus sich selbst entwickelte, ging hier in den staatsfeindlichen Charakter
aller Verfassungen über, in denen ein fremdes, das englische Prinzip, enthalten
war. Damit wurden überall Parteisurrogate notwendig, welche den englischen
Stil, der die ausführende Gewalt zu einem Bestandteil der Parteihoheit gemacht
hatte, ohne seinen Gehalt nachahmten, und eine Opposition, die bei fortwährender
Reibung zwischen der höchsten Gewalt und dem Parteiprinzip oder zwischen
den Parteien wegen ihrer sehr verschiedenen Auffassung der Parteihoheit nicht
organisch fördernd, sondern zerstörend wirkte. Mirabeau, der klügste
Kopf Frankreichs in dem Augenblick, wo es den Wikingerideen erlag, wäre bei
längerem Leben sicherlich zum Absolutismus zurückgekehrt, um sein Land
vor dem Pseudoparlamentarismus der souveränen Klubs zu retten. Das Wort Intrige
gibt erschöpfend den Geist wieder, den der anarchische Franzose an Stelle
der planmäßigen Taktik des Engländers in jede Art von Regierung
einführt, um sie seinem Lebensstil anzugleichen. Infolgedessen ist es immer
wieder ein zufälliger Despotismus als die praktisch brauchbarste Form dieser
Anarchie, in welcher die französische Geschichte von Zeit zu Zeit überraschende,
aber flüchtige Höhepunkte des Erfolges erreicht hat. Das gilt bereits
von Mazarin und Richelieu, das ist seit 1789 das geheime Endziel jedes noch so
kleinen politischen Klubs, das hat endlich seinen klassischen Ausdruck in der
Diktatur eines landfremden Soldaten, Napoleons, gefunden. Etwas ganz Ähnliches
hatte Macchiavelli für den Wirrwarr der Renaissancepolitik von Cesare Borgia
erhofft. Frankreich und Italien allein haben, keine politische Idee hervorgebracht.
Der Staat Ludwigs XIV. ist ein Einzelfall wie das Reich Napoleons, kein System
der Dauer, und die absolute Monarchie des Barock als organische und entwicklungsfähige
Form ist habsburgischen, nicht bourbonischen Ursprungs. Habsburg ist von Philipp
II. bis Metternich für die Regierungsweise fast aller Höfe und Kabinette
vorbildlich gewesen; der Hof des Sonnenkönigs wirkte nur auf Zeremoniell
und Kostüm. Gerade die renaissancemäßige Erscheinung Napoleons
ist beweisend. Nur in Florenz und Paris konnte ein erfolgreicher Truppenführer
eine so untraditionelle Rolle spielen und einen Staat von so phantastischen und
vergänglichen Formen aufrichten. Es gab hier keine typische Staatsform. Rousseau,
der Theoretiker der politischen Anarchie, hat aus der Tatsache der fest in sich
begründeten und politisch mit voller Instinktsicherheit arbeitenden englischen
society den Begriff seines Gesellschaftsvertrages gezogen, der zuletzt
doch die Diktatur als gelegentliche und zufällige Rettung aus dem Kunterbunt
aller Einzelwillen forderte. In England hätte Napoleon im Falle einer Revolution
Premierminister, in Preußen Feldmarschall, in Spanien beides werden können,
und zwar mit unbeschränkter Vollmacht. Im Kostüm Karls des Großen
ist er nur in Frankreich und Italien denkbar. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 61-63 ).Es
ist bezeichnend und verrät die Stärke des nationalen Instinkts, daß
die beiden Parteien, welche man als spezifisch preußische bezeichnen darf,
die konservative und die sozialistische, eine illiberale und antiparlamentarische
Tendenz nie verloren haben. Sie sind beide in einem höheren Sinne sozialistisch
und entsprechen damit durchaus den beiden kapitalistischen Parteien Englands.
Sie erkennen eine private und parteigeschäftliche Leitung der Regierung nicht
an, sondern weisen dem Ganzen die unbedingte Autorität zu, die Lebensführung
des einzelnen im allgemeinen Interesse zu regeln. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 66-67 ).Die
beiden sozialistischen Parteien Deutschlands müssen sich zusammenfinden gegen
den Feind der gemeinsamen Idee, gegen das innere England, den kapitalistisch-parlamentarischen
Liberalismus. Eine sozialistische Monarchie (Lassalle war es, der 1862 in seiner
Schrift »Was nun?« die Verbindung des preußischen Königtums
mit der Arbeiterschaft zum Kampfe gegen den Liberalismus und die englische »Nachtwächtertheorie«
des schwachen Staates verlangt hat) denn der autoritative Sozialismus ist
monarchisch; die verantwortungsreichste Stelle in dem ungeheuren Organismus, der
Platz des ersten Dieners dieses Staates nach dem Worte Friedrichs des Großen
darf dem privaten Strebertum nicht ausgeliefert werden eine Einheit, in
der jeder nach seinem sozialistischen Range, seinem Talent zur freiwilligen Disziplin
aus innerer Überlegenheit, seinem organisatorischen Können, seiner Arbeitskraft,
Gewissenhaftigkeit und Energie, seinem intelligenten Gemeingefühl den ihm
zukommenden Platz erhält; die allgemeine Arbeitspflicht und daraufhin eine
berufsständische Gliederung, die zugleich Verwaltung ist und einen obersten
Verwaltungsrat statt des Parlaments besitzt wo alle arbeiten, Offiziere,
Beamte, Bauern, Bergleute, möge man ihn Arbeiterrat nennen das ist
ein Gedanke, der in der faustischen Menschenwelt langsam gereift ist und sich
seinem Menschentypus längst gezüchtet hat. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 69-70 ).Parlamentarismus
... hat seine beste Zeit vor Bismarck gehabt. Es war eine alte, reife, vornehme,
unendlich verfeinerte Form, die den ganzen Takt ... von guter Herkunft erforderte,
um in Vollendung beherrscht zu werden. Die Voraussetzung war eine selbstverständliche
Übereinstimmung in so vielen Fragen, daß Differenzen die Höflichkeit
nicht in Gefahr brachten. Der parlamentarische Kampf hatte etwas von den guten
Formen eines Duells unter Aristokraten an sich. Es ist wie mit der alten Musik
von Bach bis Beethoven: sie beruhte auf einer vollkommenen musikalischen Kultur
bis in die Fingerspitzen. Sobald die Strenge dieser Kultur nachließ, wurde
die Musik barbarisch. Niemand kann heute mehr eine Fuge alten Stils mit der alten
Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit der Beherrschung aller Regeln in
einem Zuge hinschreiben. Und so ist es mit dem fugierten Stil der parlamentarischen
Taktik. Gröbere Menschen, gröbere Fragen - und alles ist zu Ende. Aus
dem Duell wird eine Schlägerei. Mit den Menschen alter Zucht gehen auch die
Institutionen, die gefühlten Formen, der Takt zu Ende. Der neue Parlamentarismus
wird den Kampf ums Dasein in sehr wenig gezügelten Formen und mit sehr viel
schlechterem Erfolge darstellen. Das Verhältnis der Parteihäupter zur
Partei, der Partei zu den Massen wird roher, durchsichtiger, ungeschminkter sein.
Das ist der Anfang des Cäsarismus. In den englischen Wahlen von 1918 ist
er bereits angedeutet. Wir werden ihm ebensowenig entgehen. Er ist unser Schicksal
so gut wie das römische, das chinesische, das aller reifgewordnen Zivilisationen.
Aber Milliardäre oder Generale, Bankiers oder Beamte von größtem
Format - das ist die ewige Frage. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 70-71 ).
Marx (S. 71-86):
Dieser gewaltige Endkampf der beiden
germanischen Ideen wird nun von einem ganz anderen Faktor durchkreuzt: der Arbeiterfrage.
... Das Problem des »vierten Standes« taucht in jeder Kultur bei ihrem
Übergang zur Zivilisisation auf. .... Aber eine Lösung der Arbeiterfrage
für den Arbeiter allein und durch ihn allein gibt es nicht. Der vierte Stand
an sich ist eine bloße Tatsache, keine Idee. Einer Tatsache gegenüber
gibt es nur materielle Kompromisse, nicht als Wirkung und Verwirklichung irgendwelcher
Ideale, sondern als strategische Resultate eines langen Ringens um den Vorteil
auf Kosten andrer, das endlich zu einer Art Stillstand führt, in dem man
die Lage, wie sie sich nach allen Zufälligkeiten des Kampfes endlich eingestellt
hat, resigniert hinnimmt, um in ihr ein kleines Glück der Gewöhnung
zu finden, ein Cinesenglück, das Glück der römischen Kaiserzeit:
panem et circenses. Heute ist das schwer begreiflich, weil wir auf dem Höhepunkt
der großstädtischen Massenerregung stehen und der nahe Beobachter infolge
des Lärms der Schlagworte die einseitigen Aussichten des Klassenegoismus
überschätzt, aber in ein, zwei Jahrhunderten wird alles vorüber
sein, wenn nicht die Arbeiterbewegung in den Dienst einer allgemeinen Idee tritt.
Was war von den Leidenschaften der Gracchenzeit unter Augustus noch übrig
? Das Problem war nicht gelöst worden; es war zerfallen. (Oswald
Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 71-73 ).Marx
... stammte aus der preußischen Atmosphäre und siedelte sich in der
englischen an, der Seele beider Välker aber gleichmäßig fremd
geblieben. Als Mensch des naturwissenschaftlichen 19. Jahrhunderts war er
ein guter Materialist und ein schlechter Psychologe. Und so hat er schließlich
nicht die großen Realitäten mit dem Gehalt einer Idee erfüllt,
sondern die Ideen zu Begriffen, zu Interessen herabgedrückt. Statt des englischen
Blutes, das er nicht in sich fühlte, erblickte er nur englische Dinge und
Begriffe, und von Hegel, der ein gutes Stück preußischen Staatsdenkens
repräsentierte, war ihm nur die Methode zugänglich gewesen. Und so übertrug
er durch eine wahrhaft groteske Kombination den Instinktgegensatz der beiden germanischen
Rassen auf den materiellen Gegensatz zweier Schichten. Er schrieb dem »Proletariat«,
dem »vierten Stande«, den preußischen Gedanken des Sozialismus,
und der »Bourgeoisie«, dem dritten Stande, den englischen des Kapitalismus
zu. .... Aus der Umdeutung des Gegensatzes von Rassen in den von Klassen und alter
germanischer Instinkte in sehr junge Bedürfnisse großstädtischer
Bevölkerungen ergibt sich nun der entscheidende Begriff des Klassenkampfes.
Die horizontale Richtung der historischen Kräfte wird zur vertikalen: das
ist der Sinn der materialistischen Geschichtsauffassung. (Oswald Spengler,
Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 73-74 ).Klasse
ist ... aber ein rein wirtschaftlicher Begriff und von ihm aus wird der ethisch-politische
Begriff des Bürgertums von 1789 in den wirtschaftlichen von 1850 umgekehrt.
Das Standesideal ist zum Klasseninteresse geworden. Nur in England waren die Klassen
schon längst nach dem Reichtum abgestuft. Die Mittelklasse umfaßte
die, welche von ihrer Arbeit lebten, ohne arm zu sein. Die Oberklasse war reich,
ohne zu arbeiten. Die Unterklasse arbeitete und war arm. .... Marx denkt also
rein englisch. Sein Zweiklassensystem ist aus der Lage eines Händlervolkes
gezogen, das seine Landwirtschaft eben dem Handel aufopferte und das nie eine
staatliche Bematenschaft mit ausgeprägtem - preußischen - Standesbewußtsein
besessen hatte. Es gibt hier nur noch »Bourgeois« und »Proletarier«,
Subjekte und Objekte des Geschäfts, Räuber und Beraubte, ganz wikingermäßig.
Auf den Bereich des preußischen Staatsgedankens angewendet, sind diese
Begriffe Unsinn. Marx wäre nicht fähig gewesen, den aus dem Prinzip
»Alle für alle« folgenden Gedanken, daß jeder einzelne ohne
Unterschied der Stellung Diener des Ganzen, des Staates ist, von der Tatsache
der englischen Industriesklaverei zu unterscheiden. Er nahm das bloße Außenbild
des Preußentums: Organisation, Disziplin, Gemeinsamkeit, etwas, das von
einer Einzelklasse ganz unabhängig ist, eine technische Form, den Sozialismus,
um ihn als Ziel und Waffe der Arbeiterschaft in einer englisch geordneten society
zu überreichen, damit sie, wiederum ganz wikingermäßig, die Rollen
der Räuber und Beraubten umtauschen könne - Expropriation der Expropriateure
- noch dazu mit einem sehr egoistischen Programm der Beuteteilung nach dem Siege.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 75-76 ).Der
Marxismus verrät in jedem Satze, daß er aus einer theologischen und
nicht aus einer politischen Denkweise stammt. ( ).
Seine ökonomische Theorie ist erst die Folge eines ethischen Grundgefühls
und die materialistische Geschichtsauffassung bildet nur das Schlußkapitel
einer Philosophie, deren Wurzeln bis zur englischen Revolution mit ihrer seitdem
für das englische Denken verbindlich gebliebenen Bibelstimmung zurückreichen.
So kommt es, daß seine Grundbegriffe als moralische Gegensätze gefühlt
sind. Die Worte Sozialismus und Kapitalismus bezeichnen das Gute und Böse
dieser irreligiösen Religion. Der Bourgeois ist der Teufel, der Lohnarbeiter
der Engel einer neuen Mythologie, und man braucht sich nur ein wenig in das vulgäre
Pathos des kommunistischen Manifests zu vertiefen, um das independentische Christentum
hinter der Maske zu erkennen. Die soziale Evolution ist der »Wille Gottes«.
Das »Endziel« hieß früher die ewige Seligkeit, der »Zusammenbruch
der bürgerlichen Gesellschaft« das jüngste Gericht. Damit lehrt
Marx die Verachtung der Arbeit. Vielleicht hat er das nicht einmal gefühlt.
Arbeit, harte, lange, ermüdende Arbeit ist ein Unglück, müheloser
Erwerb ist ein Glück. Hinter der echt englischen Geringschätzung des
Mannes, der nur seine Hände hat, um leben zu können, steht der Instinkt
des Wikingers, dessen Beruf es ist, Beute zu machen und nicht - seine Segel zu
flicken. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919,
S. 77-78 ).
Hätte Marx den Sinn der preußischen Arbeit verstanden,
der Tätigkeit um ihrer selbst willen, als Dienst im Namen der Gesamtheit,
für »alle« und nicht für sich, als Pflicht, die adelt ohne
Rücksicht auf die Art der Arbeit, so wäre sein Manifest vermutlich nie
geschrieben worden. Aber hier unterstützt ihn sein jüdischer Instinkt,
den er selbst in seiner Schrift über die Judenfrage gekennzeichnet hat. Der
Fluch der körperlichen Arbeit am Anfang der Genesis, das Verbot, den Sonntag
durch Arbeit zu schänden, das machte ihm das alttestamentliche Pathos des
englischen Empfindens zugänglich. Und deshalb sein Haß gegen die, welche
nicht zu arbeiten brauchen. Der Sozialismus Fichtes würde sie als Faulenzer
verachten, als Überflüssige. Pflichtvergessene, Schmarotzer des Lebens,
der Instinkt von Marx aber beneidet sie. Sie haben es gut, und deshalb soll man
sich gegen sie auflehnen. Er hat dem Proletariat die Mißachtung der Arbeit
eingeimpft. Seine fanatischen Jünger wollen die Vernichtuzng der ganzen Kultur,
um die Menge der unentbehrlichen Arbeit möglichst herabzusetzen. Luther hat
die schlichteste Werktätigkeit als gottgefällig gerühmt, Goethe
die »Forderung des Tages«; vor den Augen von Marx aber schwebt das
Ideal des proletarischen Phäaken, der alles mühelos besitzt - das ist
der Endsinn jener Expropriation der Glückseligen. Und er hat recht dem englsicehn
Instinkt gegenüber. Was der Engländer Glück nennt, der geschäfliche
Erfolg, der körperliche Arbeit erspart, der den Menschen damit zum Gentleman
macht, sollte allen Engländern zukommen. Für uns ist das gemein,
der Geschmack von Mob und Snob (Oswald Spengler, Preußentum und
Sozialismus, 1919, S. 78 ).Arbeit
ist ihm eine Ware, keine »Pflicht«: das ist der Kern seiner Nationalökonomie.
Seine Moral wird zur Geschäftsmoral. Nicht daß das Geschäft unsittlich
ist, sondern daß der Arbeiter ein Narr war, es nicht zu machen, liest man
zwischen den Zeilen. Und der Arbeiter hat es verstanden. der Lohkampf wird Spekulation,
der Arbeiter wird Händler mit seiner Ware »Arbeit«. Das Geheimnis
der berühmten Phrase vom Mehrwert ist es, daß man ihn als Beute empfindet,
die der Händler der Gegenpartei davonträgt. Man gönnt sie ihm nicht.
Der Klasseneogoismus ist zum Prinzip erhoben. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 78-79 ).Marxismus
ist der Kapitalismus der Arbeiterschaft. Man denke an Darwin, der Marx geistig
ebenso nahe steht wie Malthus und Cobden. ( ).
Der Handel ist stets als Kampf ums Dasein gedacht. In der Industrie handelt der
Unternehmer mit der Ware »Geld«, der Handarbeiter mit der Ware »Arbeit«.
Marx möchte dem Kapital das Recht auf Privatinteressen entziehen, aber er
weiß es nur durch das Recht der Arbeiter auf Privatinteressen zu ersetzen.
Das ist unsozialistisch, aber echt englisch. Denn Marx ist auch darin Engländer
geworden: In seinem Denken kommt der Staat nicht vor. er denkt im Bilde der society,
staatlos. Es gibt wie im politisch-parlamentarischen Dasein Englands, so im wirtschaftlichen
Leben seiner Welt nur ein System zweier souveräner Parteien, nichts was überd
en Parteien steht. Es ist also nur Kampf. kein Schiedsgericht, nur Sieg oder Niederlage,
nur die Dikatur einer der beiden Parteien denkbar. Die Diktatur der kapitalistischen,
der bösen Partei, will das Manifest durch die der proletarischen, der guten,
ersetzen. Andre Möglichkeiten sieht Marx nicht. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 80 ).Aber
der preußisch-sozialistische Staat steht jenseits von diesem gut und böse.
Er ist das ganze Volk, und seiner unbedingten Souveränität gegenüber
sind beide Parteien nur - Parteien, Minderheiten, die beide der Allgemeinheit
dienen. Sozialismus ist, rein technisch gesprochen, das Beamtenprinzip. Jeder
Arbeiter erhält letzten Endes den Charakter eines Beamten statt eines Händlers,
jeder Unternehmer ebenso. Es gibt Industriebeamte und Handelsbeamte so gut wie
militärische und Verkehrsbeamte. Das ist im größten Stile in der
ägyptischen Kultur und wieder ganz anders in der chinesischen durchgeführt
worden. Es ist die innere Form der politischen Zivilisation des Abendlandes und
schon in den gotischen Städten mit ihren Zünften und Gilden, schon im
System gotischer Dome symbolisch ausgedrückt, wo jedes kleine Glied notwendiger
Teil eines dynamischen Ganzen ist. das hat Marx nicht verstanden. Sein Horizont
reicht nur so weit, um eine private Händlergesellschaft in eine private Arbeitergesellschaft
umzustülpen. Als Kritiker vom ersten range, ist er als Schöpfer ohnmächtig.
... Das Schöpferische lernt man nicht. Man hat es oder hat es nicht. Die
gesamte Sozialdemokratie des 19. jahrhunderts hat nur einen Schöpfer großen
Stils hervorgebracht, einen Politiker, der nicht zu schreiben, sondern zu regieren
wußte: Bebel, sicher nicht die erste Intelligenz seiner Partei, aber ihr
erster und einziger Organisator. Für einen Herrscher kommen ganz andere Talente
in Betracht als Intellignez im Literatursinne. Napoleon duldete keine »Bücherschreiber«
um sich. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919,
S. 80-81 ).Aus
dem wirtschaftlichen Darwinismus des Engländers und dem Zeiklassensystem
von Marx ergibt sich nun die natürliche Waffe im Kampf zwischen Händlertum
und handelnder Arbeiterschaft: der Streik. Durch den Streik wird dem Käufer
die Ware »Arbeit« verweigert. Durch den Streik der Gegnpartei, die
Aussperrung, wird dem Käufer die Ware wird dem »Geld« verweigert.
Eine Reservearmee von Arbeitern sichert den Käufern von Arbeit ihren Absatz.
der Streik ist das unsozialistische Kennzeichen des Marxismus, das klassische
Merkmal seiner Herkunft aus einer Händlerphilosophie, der Marx aus Instinkt
und Gewöhnung angehörte. Im Staate ist dagegen Arbeit keine Ware, sondern
eine Pflicht der Allgemeinheit gegenüber, und es gibt - das ist preußische
Demokratisierung - keinen Unterschied in der sittlichen Würde der Arbeit:
der Richter und Gelehrte »arbeiten« so gut wie der Bergmann und Eisendreher.
Es war deswegen englisch gedacht, daß in der deutschen Revolution der Handarbeiter
das übrige Volk ausbeutete, indem er für möglichst wenig Arbeit
möglichst viel Geld erpreßte und seine »Ware« an Bedeutung
über jede andre erheben wollte. Im Kampfmittel des Streiks liegt die Voraussetzung,
daß es kein Volk als Staat, sondern nur Parteien gibt. Marxistisch, also
englisch ist der Gedanke des freien Lohnkampfes und nach dem Siege der proletarischen
Partei die einseitig souveräne Festsetzung der Löhne. (Oswald
Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 81-82 ).Marx
hat nun das ohnehin stark schematische und von einem sehr fragwürdigen Blickpunkt
aus aufgenommene Bild des industriellen England durch einfache Verlängerung
der Perspektive über die gesamte Geschichte ausgedehnt. Er behauptet die
Gültigkeit seiner wirtschaftlichen Konstruktionen für die ganze »menschliche
Gesellschaft«, und zwar mit dem Zusatz, daß sie das einzig Wesenhafte
im Lauf der Geschichte seien. Er gleicht darin Darwin, der ebenfalls von Malthus
ausging und sein System für »alle Organismen« als gültig
behauptete ( ),
während es in der Tat nur auf die menschenähnlicheren Tiere paßt
und absurd wird, wenn man Einzelheiten wie Zuchtwahl, Mimikry und Vererbung auf
Spaltpilze und Korallentiere ernstlich anwendet. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 83-84 ).Die
materialistische Geschichtsauffassung, welche die ökonomische Lage als Ursache
(in der physikalischen Bedeutung des Wortes), und Religion, Recht, Sitte, Kunst,
Wissenschaft als Wirkungen ansetzt, hat in diesem späten Stadium ohne Zweifel
etwas Überzeugendes, weil sie sich an das Denken irreligiöser und traditionsloser
Großstadtmenschen wendet: Nicht etwa, daß die wirtschaftliche Situation
wirklich »Ursache«, sondern daß Kunst und Religion kraftlos,
leer, äußerlich geworden sind und nun in der Tat als Schatten der einzigen
kräftig entwickelten Ausdrucksform der Zeit wirken. Gerade das aber ist vor
allem englisch: die Religion als »cant«, die Kunst als »comfort«
der Oberklasse und als Almosen der Unterklasse (»die Kunst dem Volke«)
sind mit dem englischen Lebensstil in die andern Länder gedrungen.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 83-84 ).Aber
Hegel steht über, sein Schüler Marx unter der Ebene historischer Tatsächlichkeit.
Wenn man Hegels Metaphysik beseitigt, so erscheint ein Staatsdenker von so starkem
Wirklichkeitssinn, wie die neuere Philosophie keinen zweiten aufweist. Er stellt
als »Preuße« aus geistiger Wahlverwandtschaft den Staat mit
derselben Sicherheit in den Mittelpunkt seiner sehr tief, beinahe goethisch gefaßten
Entwicklung, wie Marx als Wahlengländer die Wirtschaft in den Mittelpunkt
seiner mechanisch-darwinistischen »Evolution« (zu deutsch »Fortschritt«).
Der Staat ist bei Hegel der Geschichtsbildner; Politik ist Geschichte. »Menschliche
Gesellschaft« ist nicht sein Wort. Die hohen Beamten der Generation Bismarcks
waren zum großen Teil strenge Hegelianer. Marx aber denkt die Geschichte
ohne Staat, Geschichte als Arena von Parteien, Geschichte als Widerstreit wirtschaftlicher
Privatinteressen. Materialistische Geschichtsauffassung ist englische Geschichtsauffassung,
der Aspekt eines ungebundenen Wikinger- und Händlervolkes. (Oswald
Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 84 ).Aber
die geistigen Voraussetzungen dieser Denkweise sind heute nicht mehr vorhanden.
Das 19. Jahrhundert war das der Naturwissenschaft; das 20. gehört der Psychologie.
Wir glauben nicht mehr an die Macht der Vernunft über das Leben. Wir fühlen,
daß das Leben die Vernunft beherrscht. Menschenkenntnis ist uns wichtiger
als abstrakte und allgemeine Ideale; aus Optimisten sind wir Skeptiker geworden:
nicht was kommen sollte, sondern was kommen wird, geht uns an; und Herr der Tatsachen
bleiben ist uns wichtiger als Sklave von Idealen werden. Die Logik des Naturbildes,
die Verkettung von Ursache und Wirkung scheint uns oberflächlich; nur die
Logik des Organischen, das Schicksal, der Instinkt, den man fühlt, dessen
Allmacht man im Wechsel der Dinge schaut, zeugt von der Tiefe des Werdens.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 84-85 ).
Der Marxismus ist eine Ideologie. Er trägt die Zeichen davon auch in
seiner Geschichtseinteilung, die der Materialist vom Christentum übrig behielt,
nachdem die Macht des Glaubens erloschen war. Vom Altertum über das Mittelalter
zur Neuzeit führt der Weg der Evolution, an dessen Ende der verwirklichte
Marxismus, das irdische Paradies steht. Es ist wertlos, dies Bild zu widerlegen.
Dem mordernen Menschen einen neuen Blick zu geben, aus dem von selbst, mit Notwendigkeit
ein neues Bild folgt, darauf kommt es an. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 85 ).Das
Leben hat kein »Ziel«. (     ).
Die Menschheit hat kein »Ziel«. Das Dasein der Welt, in welcher wir
auf unserm kleinen Gestirn eine kleine Episode abspinnen, ist etwas viel zu Erhabenes,
als daß Erbärmlichkeiten wie »das Glück der meisten«
Ziel und Zweck sein könnten. In der Zwecklosigkeit liegt die Größe
des Schauspiels. So empfand es Goethe. Aber dieses Leben, das uns geschenkt ist,
diese Wirklichkeit um uns, in die wir vom Schicksal gestellt sind, mit dem höchstmöglichen
Gehalt erfüllen, so leben, daß wir vor uns selbst stolz sein dürfen,
so handeln, daß von uns irgend etwas in dieser sich vollendenden Wirklichkeit
fortlebt, das ist die Aufgabe. Wir sind nicht »Menschen an sich«.
Das gehört zur vergangenen Ideologie, Weltbürgertum ist eine elende
Phrase. Wir sind Menschen eines Jahrhunderts, einer Nation, eines Kreises, eines
Typus. Das sind die notwendigen Bedingungen, unter denen wir dem Dasein Sinn und
Tiefe verleihen können, Täter, auch durch das Wort Täter sein können.
Je mehr wir diese gegebenen Grenzen füllen, desto weiter ist unsre Wirkung.
Plato war Athener, Cäsar war Römer, Goethe war Deutscher: daß
sie das ganz und zuerst waren, war die Voraussetzung ihrer welthistorischen Wirkung.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 85 ).Der
Sozialismus, das noch immer unverstandene Preußentum (Deutscher
Ritter-Orden )
ist ein Stück Wirklichkeit höchsten Ranges, Marx ist - Literatur. Eine
Literatur veraltet, eine Wirklichkeit siegt oder stirbt. Man vergleiche die sozialistische
Kritik auf den internationalen Kongressen mit einer sozialistischen Tatsache,
der Bebelpartei. Die Redensart, daß Ideen die Weltgeschichte machen, ist
so, wie sie verstanden sein sollte, interessiertes Literatengeschwätz. Ideen
spricht man nicht aus. Der Künstler schaut, der Denker fühlt, der Staatsmann
und Soldat verwirklichen sie. Ideen werden nur durch das Blut, triebhaft, nicht
durch abstraktes Nachdenken bewußt. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 85-86 ).Der
wirkliche, instinktive Sozialismus als Ausdruck altpreußischen Wesens, literarisch
nach England verirrt u d zu einer antienglischen Rheorie ausgedörrt, kehrt
heute zum Bewußtsein seines Ursprungs zurück. (Oswald Spengler,
Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 86 ).
Die Internationale (S. 87-105):
Später einmal
wird man auch das mit Ironie betrachten, was heute als internationaler Sozialismus
das politische Bild der Welt beherrscht. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 87 ).
Eine echte Internationale ist nur durch den Sieg der Idee einer
Rasse über alle andern möglich und nicht durch die Auflösung aller
Meinungen in eine farblose Masse. Seien wir endlich Skeptiker und werfen wir die
alte Ideologie fort. Es gibt keine Versöhnungen in der wirklichen Geschichte.
Wer an sie glaubt, muß ein ewiges Grauen vor dem Narrentanz der Ereignisse
empfinden, und er flüchtet sich nur in eine Selbsttäuschung, wenn er
meint, ihn je durch Verträge beschwören zu können. Es gibt nur
ein Ende des ewigen Kämpfens, den Tod. Den Tod des einzelnen, den Völkertod,
den Tod einer Kultur. Der unsrige liegt noch weit vor uns im ungewissen Dunkel
des nächsten Jahrtausends. Wir Deutsche, die wir in dieses Jahrhundert gestellt
sind, eingeflochten mit unserm Dasein in das der faustischen Zivilisation, haben
reiche, unverbrauchte Möglichkeiten in uns und ungeheure Aufgaben vor uns.
Zu der Internationale, die sich unwiderruflich vorbereitet, haben wir die Idee
der Weltorganisation, des Weltstaates, die Engländer die der Welttruste und
Weltausbeutung, die Franzosen nichts zu geben. Wir stehen dafür nicht mit
unsern Reden, sondern mit unserrn Dasein ein. Mit dem Preußentum steht und
fällt der Ordensgedanke des echten Sozialismus. Nur die Kirche trägt
noch den alten spanischen Universalgedanken in sich, die Hütung und Pflege
aller Völker im Schatten des Katholizismus. Aus den Tagen der Stauferzeit
droht das Bild eines riesenhaften Kampfes zwischen einem politischen und einem
religiösen Weltgedanken herüber. In diesem Augenblick aber triumphiert
in dem britischen Löwen der dritte, der Wikingergedanke: die Welt-nicht als
Staat, nicht als Kirche, sondern als Beute. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 89 ).
Die echte Internationale ist Imperialismus, Beherrschung der faustischen
Zivilisation, also der ganzen Erde, durch ein einziges gestaltendes Prinzip, nicht
durch Ausgleich und Zugeständnis, sondern durch Sieg und Vernichtung. Der
Sozialismus hat den Kapitalismus und den Ultramontanismus neben und gegen sich,
drei Arten sozialistischen Willens zur Macht: durch den Staat, das Geld, die Kirche.
Sie haben ihre Kräfte in der politischen, wirtschaftlichen und religiösen
Bewußtseinswelt, von denen jede die beiden andern sich einzuordnen sucht:
das sind die schöpferischen Instinkte des preußischen, des englischen
und des spanischen Menschen und sie reichen von der geistigen Kälte und Höhe
der modernen Zivilisation zurück bis zu jenen frühen triebhaften Menschen
..., die sich mit Schwert und Pflug die märkischen Sümpfe unterwarfen,
in ihren zerbrechlichen Kähnen das Nordmeer kreuzten und den Glaubenskampf
gegen die Mauren südlich der Pyrenäen führten. Märkische,
englische und spanische Gotik zeugen von einer andern Seele als die französische.
Diese Instinkte sind mächtiger als alles andere und können sogar die
Völker überleben, in denen sie sich sichtbare Symbole geschaffen haben.
Es gab einen römischen Geist noch zu einer Zeit, wo es echte Römer nicht
mehr gab. Der spanische Geist als Volk ist ohnmächtig, aber als Kirche steht
er in ungebrochner Kraft da. Das sind die Wirklichkeiten, welche die Internationale
der Kongresse mit den Schlagworten von Marx glaubt einebnen zu können.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 89-90 ).
Das schlimmste dieser Worte heißt Kommunismus. Mit seiner
Kritik wird die Kardinalfrage des Eigentums berührt. Es ist hier nicht der
Ort, eine so schwierige Frage auch nur im Umriß darzulegen und die tiefen
Zusammenhänge zwischen Eigentum und Ehe, Eigentum und politischem Ideal,
Eigentum und Weltanschauung in ihrer ganzen symbolischen Wucht zu beleuchten.
Jede der großen Kulturen hat auch hier ihre eigne Sprache. Der abendländische
Gedanke des Eigentums ist von dem antiken, indischen, chinesischen weit entfernt:
Eigentum ist Macht. Was nicht dynamisch wirkt, aller tote Besitz, das »Haben«
an sich gilt dem echt faustischen Menschen wenig. Darin liegt das Geheimnis des
produktiven Eigentums vor allem andern, der bloßen »Habe«. Die
sinnliche antike Freude an angehäuften Schätzen ist unter uns selten.
Der Stolz des Eroberers, des Kaufmanns und Spielers, selbst des Sammlers von Kunstwerken
ruht auf dem Bewußtsein, mit seiner Beute Macht erworben zu haben. Der spanische
Golddurst, der englische Landhunger richten sich auf werbenden Besitz. Gegen diesen
energischen Begriff des Eigentums erhebt sich in der Renaissance und in Paris
ein andrer: das Rentnerideal. Nicht Wirkung, sondern Genuß, nicht »alles«,
sondern »genung«, nicht »Tat«, sondern »Leben«
war das Endziel dieser Habsucht. Die Kondottieri (Anm.: die Borgias waren Spanier!)
wollten ihre Fürstentümer und Schätze haben, um die müßige
Kultur ihres Jahrhunderts in vollen Zügen zu genießen. Das Bankhaus
der Medici, eines der ersten Europas, war weit von dem Ehrgeiz entfernt, den Weltmarkt
beherrschen zu wollen. Ludwig XIV. sandte seine Generäle und Steuerpächter
aus, um eine gesicherte Unterlage für das olympische Dasein eines Sonnenkönigtums
zu schaffen. Der französische Adel von Versailles war durchaus von Renaissancegefühlen
beherrscht. Seine Kultur war nichts weniger als dynamischer Art. Reisende Engländer
wie Young waren kurz vor der Revolution erstaunt, wie schlecht er seine Güter
bewirtschaftete. Es genügte ihm, wenn er sie »hatte« und wenn
der Intendant die Summen für das Leben in Paris zusammenbrachte. Diese Aristokratie
des 18. Jahrhunderts bildete den strengsten Gegensatz zu der tätigen, erwerbenden
und erobernden englischen und preußischen. Der bloße Selbsterhaltungstrieb
des französischen Reichtums hat ihn zur Beherrschung des Weltmarktes und
zu echter Kolonisation selbst in den großen Augenblicken der französischen
Geschichte unfähig gemacht. Aber der Grandseigneur von 1750 ist als Typus
durchaus der Vorgänger des Bourgeois von 1850, jenes harmlosen Rentners,
den nur nationale Eitelkeit von Zeit zu Zeit gefährlich machte und dessen
Namen Marx wirklich nicht zur Bezeichnung der kapitalistischen Gesellschaft hätte
verwenden sollen. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus,
1919, S. 90-91 ).
Denn Kapital ist das große Wort, in dem die englische Auffassung
vom Eigentum liegt. Kapital bedeutet wirtschaftliche Energie; es ist die Rüstung,
in der man den Kampf um den Erfolg aufnimmt. .... Der Milliardär fordert
die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der
Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den
des Erfolges. Er kämpft mit allen Mitteln des Kredits und der Spekulation
den Gegner auf seinem Felde nieder. Der Trust ist sein Staat, seine Armee, und
der politische Staat ist nicht viel mehr als sein Agent, den er mit Kriegen, wie
dem spanischen und südafrikanischen, mit Verträgen und Friedensschlüssen
beauftragt. Die Vertrustung der ganzen Welt ist das Endziel dieser echten Herrenmenschen:
Mag das nominelle Eigentumsrecht des Durchschnittsmenschen unangetastet bleiben,
mag er sein Hab und Gut als Rentnerkapital in voller Freiheit vererben, verkaufen,
verteilen, die wirtschaftliche Kraft dieser Habe als Händlerkapital wird
doch von einem Zentrum aus unsichtbar in bestimmte Richtung geleitet; damit ist
der Geldmagnat Eigentümer in einem höheren Sinne und ganze Völker
und Staaten arbeiten unter seinem schweigenden Befehl und nach seinem allgegenwärtigen
Willen. Und diesem Eigentumsbegriff, in den sich der Liberalismus des Geschäfts
verkleidet hat, tritt nun der preußische entgegen: Eigentum nicht als private
Beute, sondern als Auftrag der Allgemeinheit, nicht als Ausdruck und Mittel persönlicher
Macht, sondern als anvertrautes Gut, für dessen Verwaltung der Eigentümer
dem Staate Rechenschaft schuldig ist; der nationale Wohlstand nicht als Summe
individueller Einzelvermögen, sondern die Einzelvermögen als Funktionen
der wirtschaftlichen Gesamtmacht. Das große Wort Friedrichs II. muß
immer wiederholt werden: Ich bin der erste Diener meines Staates. Wenn jeder einzelne
diese Anschauung zu seiner eignen macht, ist der Sozialismus eine Tatsache geworden.
Es gibt keinen stärkeren Gegensatz als Ludwig XIV. mit der Tatsache: Der
Staat bin ich. Preußentum und Jakobinismus, sozialistischer und anarchistischher
Instinkt sind, ob auf dem Thron oder in den Gassen, der stärkste überhaupt
denkbare Gegensatz innerhalb des Abendlandes, und auf ihm beruht die unauslöschliche
Feindschaft zwischen beiden Völkern. Napoleon hat auf St. Helena bemerkt:
»Preußen war ein Hindernis für Frankreich seit den Tagen Friedrichs
und wird es auch bleiben; es war das größte Hindernis in bezug auf
meine Absichten für Frankreich.« (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 92 ).
Denn in der Tat, die Form, in welcher das Revanchebedürfnis
der französischen Arbeiterschaft den Besitzenden entgegentritt, ist das Gegenteil
von Sozialismus: der Kommunismus im eigentlichen Sinne. Auch der Arbeiter will
Rentner sein. Er haßt die Muße der andern, die er selbst auf keine
Weise erreichen kann. Gleichheit des Genusses, gleiche Möglichkeit des Rentnerdaseins
für jedermann ist das Ziel, das auch der berühmten, echt französischen
Formel Proudhons zugrunde liegt: Eigentum ist Diebstahl. Denn hier bedeutet Eigentum
nicht Macht, sondern die erworbene Möglichkeit des Genusses. Gütergemeinschaft
und nicht Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Verteilung des Reichtums (»Alles
soll allen gehören«) und nicht Vertrustung der wertschaffenden Kräfte
- das ist ein französisches Ideal gegen ein englisches. Und dem entspricht
die sozialistische Utopie Fouriers: Auflösung der Staaten in kleine Gesellschaften,
Kommunen, »Phalansterien«, die sich zusammentun, um bei möglichst
geringer Arbeit einen möglichst reichen Lebensgenuß zu erzielen.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 92-93 ).
Was die englische Unterklasse will, um das Eigentumsideal der herrschenden
Oberklasse sich zugänglich zu machen, hat Owen in einer Art von Kapitalreform
zu zeichnen versucht. Aber man kennt die Macht jener Wikingerinstinkte schlecht,
wenn man glaubt, daß das englisch-amerikanische Kapital auch nur einen Schritt
auf dem Wege der absoluten wirtschaftlichen Weltherrschaft zurückweichen
werde. Die unbedingte persönliche Freiheit und die natürliche Ungleichheit,
die aus ihr auf Grund persönlicher Fähigkeiten folgt, ist die Voraussetzung.
An Stelle des autoritativen Sozialismus setzt der angelsächsische Milliardär
einen allerdings großartigen Privatsozialismus, eine Wohltätigkeit
und Fürsorge großen Stils, in der die eigne Macht noch einmal zum Genuß
und in der das empfangende Volk auch moralisch besiegt wird. Über der glänzenden
Art, in welcher diese Millionen ausgegeben werden, vergißt man, wie sie
erworben sind: es ist die Haltung jener alten Korsaren, die beim Festmahl in eroberter
Burg den Gefangenen die Brocken ihrer Tafel zuwarfen. Diese freiwillige Preisgabe
von Eigentum verstärkt die Kraft des übrigen. Und ob dieser freie Willensakt
zur gesetzlichen Pflicht gemacht wird oder nicht, ist im Grunde der prinzipielle
Streitpunkt zwischen den wirtschaftlichen Zukunftsparteien in England und Amerika.
Man ist heute bereit, weite wirtschaftliche Gebiete, die sich nicht zur Spekulation
eignen, wie Bergbau und Eisenbahn, der Regierung eines Scheinstaates zu überweisen,
aber man behält die stille Macht, diese Regierung selbst durch die demokratischen
Formen des Parlamentarismus, das heißt durch Bezahlung der Wahlen und Zeitungen
und also durch die Anwerbung der Wähler und Leser, zu einem ausführenden
Organ der eignen Geschäfte zu machen. Das ist die furchtbare Gefahr einer
Versklavung der Welt durch das Händlertum. Ihr Mittel ist heute der Völkerbund,
das heißt ein System von Völkern, die »Selbstregierung«
nach englischer Art besitzen, das heißt in Wirklichkeit ein System von Provinzen,
deren Bevölkerung von einer Händleroligarchie mit Hilfe erkaufter Parlamente
und Gesetze ausgebeutet wird, wie die römische Welt durch Bestechung der
Senatoren, Prokonsuln und Volkstribunen. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 93-94 ).
Dies werdende System hat Marx durchschaut, und dagegen richtet
sich der ganze Haß seiner Gesellschaftskritik. Er will diesen englischen
Begriff des allmächtigen Privateigentums stürzen, aber er weiß
wiederum nichts zu formulieren als eine Verneinung: Expropriation der Expropriateure,
Beraubung der Räuber. Und trotzdem ist in diesem antienglischen Prinzip das
preußische enthalten: mit der vollen germanischen Achtung vor dem Eigentum
doch die in ihm ruhende Macht nicht dem einzelnen, sondern der Gesamtheit, dem
Staate zuzuweisen. Das heißt Sozialisierung. Sie ist mit dem sicheren Instinkt
einer nicht durch Theorien verwirrten Regierung von Friedrich Wilhelm I. bis auf
Bismarck, von den Kriegs- und Domänenkammern des ersten bis auf die Sozialpolitik
des letzten fortschreitend entwickelt worden, bis die strenggläubigen und
die abtrünnigen Marxisten der deutschen Revolution den Gedanken um die Wette
verdarben. Sozialisierung heißt nicht Verstaatlichung auf dem Enteignungs-
oder Diebstahlswege. Sie ist überhaupt keine Frage des nominellen Beitzes,
sondern der Verwaltungstechnik. Dem Schlagwort zuliebe ohne Maß und und
Ziel Betriebe aufzukaufen und sie statt der Initiative und Verantwortung ihrer
Besitzer einer Verwaltung überliefern, die zuletzt alle Übersicht verlieren
muß, das heißt den Sozialismus zugrunde richten. Der altpreußische
Gedanke war, unter sorgfältiger Schonung des Eignetums- und Erbrechtes die
gesamte Produktivkraft in ihrer Form der Gesetzgebung zu unterstellen, die persönliche
Unternehmungslust, das Talent, die Energie wie den Geist eines geübten Schachspielers
unter Regeln und mit der Freiheit, welche gerade die Beherrschung der Regeln gewährt,
arbeiten zu lassen. Das war in weitgehendem Maße schon in den alten Kartellen
und Syndikaten der Fall und das müßte sich planmäßig auf
die Arbeitsweise, Arbeitswertung, Gewinnverteilung und die dienstlichen Beziehungen
zwischen dem anordnenden und dem ausführenden Element ausdehnen lassen. Sozialisierung
bedeutet die langsame, in Jahrzehnten erst sich vollendende Verwandlung des Arbeiters
in einen Wirtschaftsbeamten, des Unternehmers in einen Verwaltungsbeamten mit
sehr weitgehender Vollmacht, des Eigentums in eine Art erblichen Lehens im Sinne
der alten Zeit, das mit einer gewissen Summe von Rechten und Pflichten verbunden
ist. Der Wirtschaftswille bleibt frei wie der Wille des Schachspielers: nur die
Wirkung nimmt einen geregelten Verlauf. Den preußischen Beamtentypus, den
ersten der Welt, haben die Hohenzollern gezüchtet. Er bürgt für
die Möglichkeiten einer Sozialisierung durch seine ererbten sozialistischen
Fähigkeiten. Er ist seit 200 Jahren (Spengler schrieb
dies 1919! Anm. HB) als Methode das, was der Sozialismus als Aufgabe ist.
In diesen Typus muß der Arbeiter hineinwachsen, wenn er aufhört Marxist
zu sein und dadurch beginnt Sozialist zu werden. Der »Zukunftsstaat«
ist ein Beamtenstaat. Das gehört zu den unausweichlichen Endzuständen,
die aus den Voraussetzungen unsrer in ihrer Richtung festgelegten Zivilisation
folgen. Auch der Milliardärsozialismus würde ein Volk unvermerkt in
ein Heer von Privatbeamten verwandeln. Die großen Trusts sind heute schon
Privatstaaten, welche ein Protektorat über den offiziellen Staat ausüben.
Preußischer Sozialismus bedeutet aber die Einordnung dieser Wirtschaftsstaaten
der einzelnen Berufszweige in den Gesamtstaat. Die Streitfrage zwischen Konservativen
und Proletariern ist im Grunde gar nicht die Notwendigkeit dieses autoritativ-sozialistischen
Systems, dem man nur durch die Annahme des amerikanischen entgehen könnte
(der Wunsch des deutschen Liberalismus), sondern die Frage des Oberbefehls. Es
gibt heute scheinbar die Möglichkeiten eines Sozialismus von oben und von
unten, beide in diktatorischer Form. In Wirklichkeit würden beide allmählich
in dieselbe Endform auslaufen. Im Augenblick wird dies noch in dem Grade verkannt,
daß beide Parteien in der Verfassung das Entscheidende sehen. Es kommt aber
nicht auf Sätze, sondern auf Persönlichkeiten an. Gelingt es den Arbeiterführern
nicht, in kurzer Zeit die von ihnen erforderten hohen staatsmännischen Fähigkeiten
zum Vorschein zu bringen, so werden andre sie ablösen. In einer Organisation,
die den Unterschied von Arbeitern und Beamten grundsätzlich aufhebt, indem
sie jeden Befähigten eine geregelte Laufbahn von der Handarbeit untersten
Ranges über Aufsichtsämter bis zur Leitung eines Wirtschaftskörpers
eröffnet, werden unter der Hand eines gebornen Staatsmannes konservative
und proletarische Endziele: die vollkommene Verstaatlichung des Witrtschaftslebens
nicht durch Enteignung, sondern durch Gesetzgebung, schließlich doch zusammenfallen.
Die oberste Leitung aber kann nicht republikanisch sein. Republik bedeutet heute,
wenn man alle Illusionen beiseite setzt, die Käuflichkeit der ausübenden
Gewalt durch das Privatkapital. Ein Fürst gehorcht der Tradition seines Hauses
und der Weltanschauung seines Berufs. Mag man davon denken, wie man will: das
enthebt ihn der Interessenpolitik der Parteien heutigen Schlages. Er ist ihr Schiedsrichter,
und wenn in einem sozialistisch gedachten Staat die Berufsräte bis zum obersten
Staatsrat eine Auslese nach praktischen Fähigkeiten sind, so kann er eine
engere Auswahl nach sittlichen Eigenschaften treffen. Ein Präsident oder
Premierminister oder Volksbeauftragter aber ist die Kreatur einer Partei, und
eine Partei ist die Kreatur derer, die sie bezahlen. Ein Fürst ist heute
der einzige Schutz einer Regierung vor dem Händlertum. Die Macht des Privatkapitals
führt sozialistische und monarchistische Prinzipien zusammen. Das individualistische
Eigentumsideal bedeutet Unterwerfung des Staates unter die freien Wirtschaftsmächte,
das heißt Demokratie, das heißt Käuflichkeit der Regierung durch
den privaten Reichtum. In einer modernen Demokratie stehen die Massenführer
nicht den Führern des Kapitals, sondern dem Gelde selbst und dessen anonymer
Macht gegenüber. Die Frage ist, wie viele der Führer dieser Macht widerstehen
können. Wenn man wissen will, wie sich eine nicht mehr junge und deshalb
von ihrer eignen Vortrefflichkeit begeisterte Demokratie in Wirklichkeit von der
in ideologischen Köpfen vorhandenen unterscheidet, so lese man Sallust über
Catilina und Jugurtha. Es ist kein Zweifel, daß uns Römerzustände
bevorstehen, aber eine monarchisch-sozialistische Ordnung kann sie unwirksam machen.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 94-97 ).
Das sind die drei Eigentumsideale, die heute im Kampfe stehen: das kommunistische,
das individualistische und das sozialistische mit den Endzielen der Verteilung,
Vertrustung und Verwaltung des gesamten produktiven Eigentums der Welt.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 97 ).Ich
habe bis jetzt von Rußland geschwiegen; mit Absicht, denn hier trennen sich
nicht zwei Völker, sondern zwei Welten. Die Russen sind überhaupt kein
Volk wie das deutsche und englische, sie enthalten die Möglichkeit vieler
Völker der Zukunft in sich wie die Germanen der Karolingerzeit. Das Russentum
ist das Versprechen einer kommenden Kultur, während die Abendschatten über
dem Westen länger und länger werden. Die Scheidung zwischen russischem
und abendländischem Geist kann nicht scharf genug vollzogen werden. Mag der
seelische und also der religiöse, politische, wirtschaftliche Gegensatz zwischen
Engländern, Deutschen, Amerikanern, Franzosen noch so tief sein, im Vergleich
zum Russentum rücken sie sofort zu einer geschlossenen Welt zusammen. Wir
lassen uns durch manche westlich gefärbte Bewohner russischer Städte
täuschen. Der echte Russe ist uns innerlich so fremd wie ein Römer der
Königszeit oder ein Chinese lange vor Konfuzius, wenn sie plötzlich
unter uns erschienen. Er selbst hat das immer gewußt, wenn er zwischen dem
»Mütterchen Rußland« und »Europa« eine Grenze
zog. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S.
98 ).
Für uns ist die russische Urseele, hinter Schmutz, Musik,
Branntwein, Demut und seltsamer Trauer, etwas Unergründliches. Unsre Urteile,
die von späten, städtischen und geistig zur Höhe gereiften Menschen
einer ganz anders gearteten Kultur, sind von uns aus geformt. Was wir da »erkennen«,
ist nicht diese eben erst aufdämmernde Seele, von der selbst Dostojewski
nur in hilflosen Lauten redet, sondern unser geistiges Bild von ihr, das vom Oberflächen
bilde russischen Lebens und russischer Geschichte bestimmt und durch unsre aus
eigner innerer Erfahrung geschöpften Beziehungsworte wie Wille, Vernunft,
Gemüt gefälscht ist. Dennoch ist einigen unter uns ein kaum in Worte
zu fassender Eindruck von ihr vielleicht möglich, der wenigstens über
die unermeßliche Kluft keinen Zweifel läßt, die zwischen ihr
und uns liegt. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919,
S. 98 ).
Dies kindlich dumpfe und ahnungsschwere Russentum ist nun von »Europa«
aus durch die aufgezwungenen Formen einer bereits männlich vollendeten, fremden
und herrischen Kultur gequält, verstört, verwundet, vergiftet worden.
Städte von unsrer Art, mit dem Anspruch unsrer geistigen Haltung wurden in
das Fleisch dieses Volkstums gebohrt, überreife Denkweisen, Lebensansichten,
Staatsideen, Wissenschaften dem unentwickelten Bewußtsein eingeimpft. Um
1700 drängt Peter der Große dem Volk den politischen Barockstil mit
Kabinettsdiplomatie, Hausmachtpolitik, Verwaltung und Heer nach westlichem Muster
auf; um 1800 kommen die diesen Menschen ganz unverständlichen englischen
Ideen in der Fassung französischer Schriftsteller herüber, um die Köpfe
der dünnen Oberschicht zu verwirren; noch vor 1900 führen die Büchernarren
der russischen Intelligenz den Marxismus, ein äußerst kompliziertes
Produkt westeuropäischer Dialektik ein, von dessen Hintergründen sie
nicht den geringsten Begriff haben. Peter der Große hat das echt russische
Zarentum zu einer Großmacht im westlichen Staatensystem umgeformt und damit
seine natürliche Entwicklung verdorben, und die »Intelligenz«,
selbst ein Stück des in diesen fremdartigen Städten verdorbenen echt
russischen Geistes, verzerrte das primitive Denken des Landes mit seiner dunklen
Sehnsucht nach eignen, in ferner Zukunft liegenden Gestaltungen wie dem Gemeinbesitz
von Grund und Boden des »Mütterchen Rußland« zu kindischen
und leeren Theorien im Geschmack französischer Berufsrevolutionäre.
Petrinismus und Bolschewismus haben gleich sinnlos und verhängnisvoll mißverstandene
Schöpfungen des Westens, wie den Hof von Versailles und die Kommune von Paris,
dank der unendlichen russischen Demut und Opferfreude in starke Wirklichkeiten
umgesetzt. Dennoch haften ihre Einrichtungen an der Oberfläche russischen
Seins und die eine wie die andre ist der beständigen Möglichkeit plötzlichen
Verschwindens und ebenso plötzlicher Wiederkehr ausgesetzt. Das Russentum
selbst hat bis jetzt nur religiöse Erlebnisse gehabt, keine wirklich sozialen
und politischen. Man verkennt Dostojewski, einen Heiligen in der vom Westen her
erzwungenen widersinnigen und lächerlichen Gestalt eines Romanschriftstellers,
wenn man seine sozialen »Probleme« anders auffaßt als seine
Romanform. Sein Wirklichstes steht mehr zwischen als in den Zeilen .... Die revolutionäre
Politik aber stammt lediglich von einer kleinen, nicht mehr sicher russisch empfindenden
und auch der Abkunft nach kaum russischen Schicht der großen Städte
und bewegt sich deshalb in den Formen von doktrinärem Zwang einerseits und
instinktiver Abwehr andrerseits. (Oswald Spengler, Preußentum und
Sozialismus, 1919, S. 99-100 ).
Und daher jener furchtbare, tiefe, urrussische Haß gegen
den Westen, das Gift im eigenen Leibe, der aus dem innerlichen Leiden Dostojewskis
und den lauten Ausbrüchen Tolstois in derselben Stärke spricht wie aus
dem wortlosen Empfinden des kleinen Mannes; der oft unbewußte, oft hinter
einer aufrichtigen Liebe verborgene unstillbare Haß gegen alle Symbole faustischen
Willens, gegen die Städte, Petersburg voran, die sich als Stützpunkte
dieses Willens in das Bauerntum dieser endlosen Ebenen genistet haben, gegen Wissenschaften
und Künste, das Denken, das Fühlen, den Staat, das Recht, die Verwaltung,
gegen Geld, Industrie, Bildung, Gesellschaft, gegen alles. Es ist der Urhaß
der Apokalypse gegen die antike Kultur, und etwas von der finsteren Erbitterung
der Makkabäerzeit und viel später noch jenes Aufstandes, der zur Zerstörung
von Jerusalem führte, liegt sicherlich allem Bolschewismus zugrunde. Seine
doktrinären Konstruktionen würden die Wucht nicht erzeugt haben, mit
welcher die Bewegung heute noch fortdauert. Er selbst wird von den Instinkten
des unterirdischen Rußland gegen den Westen gedrängt, der sich zunächst
in dem Petrinismus darstellte, und er wird zuletzt, als Erzeugnis dieses Petrinismus,
auch noch vernichtet werden, um die innere Befreiung von »Europa«
zu vollenden. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919,
S. 100 ).
Der echte Russe ist ohne Unterschied Bauer, auch als Gelehrter,
auch als Beamter. .... Diese Stufe haben wir vor einem Jahrtausend (Spengler
schrieb dies 1919! Anm. HB) durchlebt. Wir verstehen einander nicht. Wir
Westeuropäer können gar nicht mehr in Verbundenheit mit dem Urboden
leben. Wenn wir aufs Land gehen, so tragen wir die Stadt mit uns samt allen ihren
seelischen Bedingungen, und zwar im Blute .... Der Russe aber trägt innerlich
sein Dorf in dise russischen Städte. .... Der russische Arbeiter ist trotz
aller Industrieschlagworte von Mehrwert und Expropriation kein Großstadtarbeiter,
kein Massenmensch wie der in Manchester, Essen und Pittsburg, sondern ein entlaufener
Pflüger und Mäher mit einem Haß gegen die fremde ferne Macht,
die ihn für seinen Beruf, von dem die Seele sich nicht lösen kann, verdorben
hat. (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S.
101 ).
Aber der Bolschewismus ... hat als gefährliches Gift für
raffinierte Geister im Westen eine größere Zukunft als im Osten.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 102 ).
Wir Menschen des Westens sind religiös fertig. In unsren Stadtseelen
hat die frühe Religiosität sich längst zu »Problemen«
intellektualisiert. Die Kirche ist mit dem Tridentinum vollendet. Aus dem Puritanismus
ist der Kapitalismus, aus dem Pietismus der Sozialismus geworden. Die anglo-amerikanischen
Sekten repräsentieren nur das Bedürfnis nervöser Geschäftsmenschen
nach einer Beschäftigung des Gemüts mit theologischen Fragen. Nichts
kann jämmerlicher sein als die Versuche eines gewissen Protestantismus, seinen
Leichnam mit bolschewistischem Kot wieder lebendig zu reiben. Anderswo ist dasselbe
mit Okkultismus und Theosophie versucht worden. Und nichts ist trügerischer
als die Hoffnung, die russische Religion der Zukunft werde die westliche befruchten.
Darüber sollte heute schon kein Zweifel bestehen: der russische Nihilismus
richtet sich mit seinem Haß gegen Staat, Wissen, Kunst auch gegen Rom und
Wittenberg, deren Geist sich in allen Formen westlicher Kultur ausgesprochen hat
und in ihnen getroffen werden soll. Das Russentum wird diese Entwicklung beiseite
schieben und über Byzanz wieder unmittelbar an Jerusalem anknüpfen.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 102-103 ).Damit
aber ist noch einmal gesagt, wie bedeutungslos der Bolschewismus, diese blutige
Karikatur westlicher Probleme, die ihrerseis einst aus westlicher Religiosität
hervorgegangen sind, für die große Weltfrag ist, die der Westen heute
zur Entscheidung stellt und die nur das Oberflächenrußland mit gestellt
ist: die Wahl zwischen preußischer oder englischer Idee, Sozialismus oder
Kapitalismus, Staat oder Parlament. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 103 ).
Ich fasse zusammen. Was in diesen kurzen Ausführungen zur
Sprache gekommen ist, sollte demjenigen Teil unsres Volkes, der durch Tatkraft,
Selbstzucht und geistige Überlegenheit zur Führung der nächsten
Generation berufen ist, ein Bild der Zeit geben, in der wir stehen, und der Richtung,
in welche unsre Bestimmung uns weist. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 103 ).Wir
wissen jetzt, was auf dem Spiele steht: nicht das deutsche Schicksal allein, sondern
das Schicksal der gesamten Zivilisation. Es ist die entscheidende Feage nicht
nur für Deutschland, sondern für die Welt, und sie muß in Deutschland
für die Welt gelöst werden: soll in Zukunft der Handel den Staat oder
der Staat den Handel regieren? (Oswald Spengler, Preußentum und
Sozialismus, 1919, S. 103 ).Ihr
gegenüber sind Preußentum und Sozialismus dasselbe. Bis jetzt haben
wir das nicht eingesehen. Wir sehen es auch heute noch nicht. Die Lehre von Marx
und die Klassenselbstsucht haben es verschuldet, daß beide, die sozialistische
Arbeiterschaft und das konservative Element, sich wechselseitig und damit den
Sozialismus mißverstanden haben. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 103 ).Heute
aber ist die Gleichheit des Ziels nicht länger zu verkennen. Preußentum
und Sozialismus stehen gemeinsam gegen das innere England, gegen die Weltanschauung,
welche unser ganzes Leben als Volk durchdringt, lähmt und entseelt. Die Gefahr
ist ungeheuer. Wehe denen, die in dieser Stunde aus Eigennutz und Unverstand fehlen!
Sie werden andre und sich selbst verderben. Die Vereinigung bedeutet die Erfüllung
des Hohenzollerngedankens und zugleich die Erlösung der Arbeiterschaft. Es
gibt eine Rettung nur für beide oder keinen. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 104 ).Die
Arbeiterschaft muß sich von den Illusionen des Marxismus befreien. Marx
ist tot. Der Sozialismus als Daseinsform steht an seinem Anfang, der Sozialismus
als Sonderbewegung des deutschen Proletariats aber ist zu Ende. Es gibt für
den Arbeiter nur den preußischen Sozialismus oder nichts. (Oswald
Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 104 ).Die
Konservativen müssen sich von der Selbstsucht befreien, um deren willen schon
der Große Kurfürst dem Hauptmann v. Kalckstein den Kopf vor die Füße
legte. Demokratie, mag man sie schätzen wie man will, ist die Form dieses
Jahrhunderts, die sich durchsetzen wird. Es gibt für den Staat nur Demokratisierung
oder nichts. Es gibt für die Konservativen nur bewußten Sozialismus
oder Vernichtung. Aber wir brauchen die Befreiung von den Formen der englisch-französischen
Demokratie. Wir haben eine eigne. (Oswald Spengler, Preußentum
und Sozialismus, 1919, S. 104 ).Der
Sinn des Sozialismus ist, daß nicht der Gegensatz von reich und arm, sondern
der Rang, den Leistung und Fähigkeit geben, das Leben beherrscht. Das ist
unsre Freiheit, Freiheit von der wirtschaftlichen Willkür des einzelnen.
(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 104 ).Was
ich erhoffe, ist, daß niemand in der Tiefe bleibt, der durch seine Fähigkeiten
zum Befehlen geboren ist, daß niemand befiehlt, der durch seine Begabung
nicht dazu berufen war. Sozialismus bedeutet Können, nicht Wollen. Nicht
der Rang der Absichten, sondern der Rang der Leistungen ist entscheidend. Ich
wende mich an die Jugend. Ich rufe alle die auf, die Mark in den Knochen und Blut
in den Adern haben. Erzieht euch selbst! Werdet Männer! Wir brauchen keine
Ideologen mehr, kein Gerede von Bildung und Weltbürgertum und geistiger Mission
der Deutschen. Wir brauchen Härte, wir brauchen eine tapfere Skepsis, wir
brauchen eine Klasse von sozialistischen Herrennaturen. Noch einmal: der Sozialismus
bedeutet Macht, Macht und immer wieder Macht. Pläne und Gedanken sind nichts
ohne Macht. Der Weg zur Macht ist vorgezeichnet: der wertvolle Teil der deutschen
Arbeiterschaft in Verbindung mit den besten Trägern des altpreußischen
Staatsgefühls, beide entschlossen zur Gründung eines streng sozialistischen
Staates, zu einer Demokratisierung im preußischen Sinne, beide zusammengeschmiedet
durch eine Einheit des Pflichtgefühls, durch das Bewußtsein einer großen
Aufgabe, durch den Willen zu gehorchen, um zu herrschen, zu sterben um zu siegen,
durch die Kraft, ungeheure Opfer zu bringen, um das durchzusetzen, wozu wir geboren
sind, was wir sind, was ohne uns nicht da sein würde. (Oswald Spengler,
Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 104-105 ).
Wir sind Sozialisten. Wir wollen es nicht umsonst gewesen sein. (Oswald
Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 105 ). |