Vorwort (S. V-VI):
Ich lege auf den folgenden Seiten
eine kleine Anzahl von Gedanken vor, die ich einem größeren Werk entnommen
habe, an dem ich seit Jahren arbeite. ( ).
Es war meine Absicht, die Betrachtungsweise, welche ich im »Untergang des
Abendlandes« ( )
ausschließlich auf die Gruppe der hohen Kulturen ( )
angewandt hatte, nun an deren historischer Voraussetzung, der Geschichte des
Menschen von seinem Ursprung an, zu erproben. (Oswald Spengler, Der
Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S.
V ).Es
ist nach wie vor meine Überzeugung, daß man das Schicksal des Menschen
nur verstehen wird, wenn man alle Gebiete seines Wirkens zugleich, vergleichend,
betrachtet und nicht den Fehler begeht, etwa von der Politik, der Religion oder
der Kunst allein aus einzelne Seiten seines Daseins zu erleuchten in dem
Glauben, damit alles erschlossen zu haben. (Oswald Spengler, Der
Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S.
V-VI ).
Die Technik als Taktik des Lebens (S. 1-13):
Um
das Wesen des Technischen zu verstehen, darf man nicht von der Maschinentechnik
ausgehen, am wenigsten von dem verführerischen Gedanken, daß die Herstellung
von Maschinen und Werkzeugen der Zweck der Technik sei. In Wirklichkeit ist die
Technik uralt ( ).
Sie ist auch nichts historisch besonderes, sondern etwas ungeheuer Allgemeines.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 6-7 ).
Die Technik ist die Taktik des ganzen
Lebens. Sie ist die innere Form des Verfahrens im Kampf, der mir dem Leben
selbst gleichbedeutend ist. Das ist der andre Fehler, der hier vermieden werden
muß: Technik ist nicht vom Werkzeug her zu verstehen. Es kommt nicht
auf die Herstellung von Dingen an, sondern auf das Verfahren mit ihnen,
nicht auf die Waffe, sondern auf den Kampf. Und wie im modernen Krieg die
Taktik, also die Technik der Kriegführung das Entscheidende ist, und die
Techniken des Erdenkens, des Herstellens, der Anwendung von Waffen nur als Elemente
des Gesamtverfahrens gelten dürfen, so ist es überall. Es gibt zahllose
Techniken ohne irgendwelche Werkzeuge: die Technik eines Löwen, der eine
Gazelle überlistet, und die diplomatische Technik. Die Verwaltungstechnik
als das In-Form-Halten des Staates für die Kämpfe der politischen Geschichte.
Es gibt chemische und gastechnische Verfahren. Es gibt bei jedem kampf um ein
Problem eine logische Technik. .... (Oswald Spengler, Der Mensch und
die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 7-8 ).Zur
Entwicklung gehört die Vollendung..., zur Jugend gehört das Alter,
zum Entstehen das Vergehen, zum Leben der Tod. Das Tier, mit seinem Denken an
die Gegenwart gebunden, kennt und ahnt den Tod als etwas Zukünftiges, ihm
Drohendes nicht. Es kennt nur die Todsangst im Augenblick des Getötetwerdens.
Der Mensch aber, dessen Denken sich von dieser Fessel des Jetzt und Hier befreit
hat und über das Gestern und Morgen, das »Einst« von Vergangenheit
und Zukunft grübelnd hinschweift, kennt ihn im voraus, und es hängt
von der Tiefe seines Wesens und seiner Weltanschauung ab, ob er die Furcht vor
dem Ende überwindet oder nicht. (Oswald Spengler, Der Mensch und
die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 10 ).
Man war - und ist - zu flach und feige, die Tatsache der Vergänglichkeit
alles Lebendigen zu ertragen, man wickelt sie in einen rosaroten Fortschrittsoptimismus,
an den im Grunde selbst niemand glaubt, man deckt sich mit Literatur zu, man verkriecht
sich hinter Idealen, um nichts zu sehen. Aber Vergänglichkeit, Entstehen
und Vergehen, ist die Form alles Wirklichen, von den Sternen an, deren Schicksal
für uns unberechenbar ist, bis herab zu dem flüchtigen Gewimmel auf
diesen Planeten. Das Leben des einzelnen - ob Tier, Pflanze oder Mensch - ist
ebenso vergänglich wie das von Völkern und Kulturen. Jede Schöpfung
unterliegt dem Verfall, jeder Gedanke, jede Erfindung, jede Tat dem Vergessenwerden.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 11 ).
Überall ahnen wir verschollene
Geschichtsabläufe von großem Schicksal. Ruinen gewesener Werke
abgestorbener Kulturen liegen überall vor unseren Augen. Zur Hybris des Prometheus,
der in den Himmel greift, um die göttlichen Mächte dem Menschen zu unterwerfen,
gehört der Sturz. Was soll und das Geschwätz von den »ewigen Errungenschaften
der Menschheit«? Die Weltgeschichte sieht sehr viel anders aus ....
Die Geschichtedes Menschen ist, an der Geschichte der Pflanzen- und Tierwelt gemessen,
um von der Lebensaduer der Sternenwelten zu schweigen, kurz, ein jäher Aufstieg
und Fall von wenigen Jahrtausenden, etwas ganz Belangloses im Schicksal der Erde,
aber für uns, die wir da hineingeboren sind, von tragischer Größe
und Gewalt. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu
einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 11-12 ).
Und wir Menschen ... steigen
sehend hinab. Unser Blick für Geschichte, unsere Fähigkeit, Geschichte
zu schreiben, ist ein verräterisches Zeichen dafür, daß sich der
Weg abwärts senkt. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik
- Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 12 ).
An und für sich ist es belanglos, welches Schicksal unter
den Scharen »ewiger« Sterne dieser kleine Planet hat, der irgendwo
im unendlichen Raume für kurze Zeit seine Bahnen zieht; noch belangloser,
was auf seiner Oberfläche für ein paar Augenblicke sich bewegt. Aber
jeder einzelne von uns, an und für sich ein Nichts, ist für einen unerkennbar
kurzen Augenblick, eine Lebensdauer, in dieses Gewimmel hineingeworfen. Und deshalb
ist sie für uns über alle Maßen wichtig, diese Welt im Kleinen,
diese »Weltgeschichte«. Und darüber hinaus ist es das Schicksal
jedes einzelnen, daß er durch seine Geburt nicht nur in diese Weltgeschichte
überhaupt versetzt ist, sondern in ein bestimmtes Jahrhundert, ein bestimmtes
Land, ein bestimmtes Volkstum, eine bestimmte Religion, einen bestimmten Stand.
... Diesem Schicksal - oder Zufall (  )
- hat man sich zu fügen. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik
- Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 12-13 ).Es
gibt keinen »Menschen an sich«, sondern nur Menschen zu einer Zeit,
an einem Ort, von einer Rasse, einer persönlichen Art, die sich im Kampfe
mit einer gegebenen Welt durchsetzt oder unterliegt, während das Weltall
göttlich unbekümmert ringsum verweilt. Dieser Kampf ist das Leben, und
zwar im Sinne Nietzsches ( )
als ein Kampf aus dem Willen zur Macht, grausam, unerbittlich, ein Kampf ohne
Gnade. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer
Philosophie des Lebens, 1931, S. 13 ).
Pflanzenfresser und Raubtiere (S. 14-25):
Denn
der Mensch ist ein Raubtier. Feine Denker wie Montaigne ( )
und Nietzsche ( )
haben das immer gewußt. Die Lebensweisheit in alten Märchen und Sprichwörtern
aller Bauern- und Nomadenvölker, die lächelnde Einsicht großer
Menschenkenner - Staatsmänner, Feldherren, Kaufleute, Richter - auf der Höhe
eines reichen Lebens, die Verzweiflung gescheiterter Weltverbesserer und das Schelten
erzürnter Priester waren weit davon entfernt, das zu verschweigen oder leugnen
zu wollen. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu
einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 14 ).Das
Raubtier ist die höchste Form des freibeweglichen Lebens. Es bedeutet
das Maximum an Freiheit von andern und für sich, an Selbstveranntwortlichkeit,
an Alleinsein, das Extrem der Notwendigkeit, sich kämpfend, siegend, vernichtend
zu behaupten. Es gibt dem Typus Mensch einen hohen Rang, daß er ein Raubtier
ist. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer
Philosophie des Lebens, 1931, S. 17 ).Die
Welt ist die Beute, und aus dieser Tatsache ist letzten Endes die menschliche
Kultur erwachsen. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag
zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 20 ).Es
gibt, wenn man es richtig versteht, eine Raubtier- und eine Pflanzenfresserethik.
Niemand ist imstande, etwas daran zu ändern. Es ist die innere Form, der
Sinn, die Taktik des ganzen Lebens. Es ist eine einfache Tatsache. Man kann das
Leben vernichten, aber nicht in seiner Art verändern. Ein gezähmtes,
gefangenes Raubtier - jeder zoologische Garten bietet Beispiele dafür - ist
seelisch verstümmelt, weltkrank, innerlich vernichtet. Es gibt Raubtiere,
die freiwillig verhungern, wenn sie gefangen sind. Pflanzenfresser geben nichts
auf, wenn sie Haustiere werden. Das ist der Unterschied zwischen dem Schicksal
von Pflanzenfressern und dem Raubtierschicksal. .... Jenes erleidet man, dieses
ist man selbst. Der Kampf der Natur drinnen gegen die Natur
draußen wird nicht mehr als Elend empfunden - so dachten sich Schopenhauer
( )
und Darwin ( )
den struggle for life -, sondern als großer Sinn des Lebens (     ),
der es adelt - so dachte Nietzsche ( ):
amor fati. ( ).
Und der Mensch gehört zu dieser Art. Er ist kein Simpel, »von Natur
gut« und dumm .... Im Gegenteil, die Taktik seines Lebens ist die eines
prachtvollen, tapfern, listigen, grausamen Raubtiers. Er lebt angreifend, tötend
und vernichtend. Er will Herr sein, seitdem es ihn gibt. .... Es ist ein ungeheurer
Unterschied zwischen dem Menschen und allen andern Tieren. Die Technik dieser
Tiere ist Gattungstechnik. .... Es ist nicht wahr, daß Tierweibchen für
ihre Jungen »sorgen«. Die Sorge ist ein Gefühl,
das ein Wissen in die Ferne hinaus voraussetzt, um das, was kommen wird, wie die
Scham ein Wissen um das, was es war. Ein Tier kann weder bereuen noch verzweifeln.
Die Brutpflege ist wie alles andere ein dunkles, wissensloses Getriebensein in
vielen Typen von Leben. Sie gehört zur Art und nicht zum Einzelwesen. Die
Gattungstechnik ist nicht nur unveränderlich, sondern auch unpersönlich.
Die Menschentechnik und sie allein aber ist unabhängig vom Leben der Menschengattung.
Es ist der einzige Fall in der gesamten Geschichte des Lebens, daß das Einzelwesen
aus dem Zwang der Gattung heraustritt. .... Der Mensch ist der Schöpfer seiner
Lebenstaktik geworden. Sie ist seine Größe und sein Verhängnis.
Und die innere Form dieses schöpferischen Lebens nennen wir Kultur, Kultur
besitzen, Kultur schaffen, an der Kultur leiden. Die Schöpfungen des Menschen
sind Ausdruck dieses Daseins in persönlicher Form. (Oswald Spengler,
Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931,
S. 21-25 ).
Die Entstehung des Menschen: Hand und Werkzeug (S. 26-36):
Seit
wann gibt es diesen Typus des erfinderischen Raubtiers? das ist gleichbedeutend
mit der Frage: Seit wann gibt es den Menschen? - Was ist der Mensch?
Wodurch ist er zum Menschen geworden? Die Antwort lautet: Durch die Entstehung
der Hand. Das ist eine Waffe ohnegleichen in der Welt des freibeweglichen Lebens.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 26 ).Die
Darwinianer sagen, daß der Besitz solcher ausgezeichneten Waffen die Art
im Kampf ums Dasein begünstigt und erhalten habe. Aber erst die fertig ausgebildete
Waffe wäre ein Vorteil; die in Entwicklung begriffene - und diese Entwicklung
soll ja Jahrtausende gedauert haben - ist eine unnütze Last, die das Gegenteil
bewirken müßte. Und wie stellt man sich den Anfang einer solchen Entwicklung
vor? Diese Jagd auf Ursachen und Wirkungen, die schließlich Formen
des menschlichen Denkens sind und nicht des Weltwerdens, ist ziemlich töricht,
wenn man glaubt, damit in die Geheimnisse der Welt eindringen zu können.
Die unbewaffnete Hand für sich allein ist nichts wert. Sie fordert die Waffe,
um selbst Waffe zu sein. Wie sich das Werkzeug aus der Gestalt der Hand gebildet
hat, so umgekehrt die Hand an deet Gestalt des Werkzeugs. Es ist sinnlos, das
zeitlich trennen zu wollen. Es ist unmöglich, daß die ausgebildete
Hand auch nur kurze Zeit hindurch ohne Werkzeug tätig war. (Oswald
Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens,
1931, S. 28-29 ).Zum
»Denken des Auges«, dem verstehenden scharfen Blick der großen
Raubtiere -- ist ... das »Denken der Hand« getreten. (Oswald
Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens,
1931, S. 30 ).Tätigkeit
gibt es mit dem Dasein der Tiere, Taten erst mit dem Dasein des Menschen. Nichts
ist so bezeichnend für den Unterschied als das Anzünden des Feuers.
( ).
Man sieht - Ursache und Wirkung - wie Feuer entsteht. Auch viele Tiere sehen es.
Aber der Mensch allein denkt - Zweck und Mittel - ein Verfahren aus, um es herzustellen.
Keine zweite Tat macht so den Eindruck des Schöpferischen. Es ist die Tat
des Prometheus. Eine der unheimlichsten, gewaltigsten, rätselhaftesten Erscheinungen
der Natur - der Blitz, der Waldbrand, ein Vulkan - wird vom Menschen selbst ins
Leben gerufen, gegen die Natur. Wie mag das auf die Seele gewirkt haben, der erste
Blick in die selbst entzündete Flamme! ( ).
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 32-33 ).Unter
dem gewaltigen Eindruck der freien, bewußten Einzeltat, die sich aus dem
gleichförmigen, triebhaften, massenhaften »Tun der Gattung« heraushebt,
hat sich nun die eigentliche Menschenseele gestaltet, sehr einsam selbst im Vergleich
zu anderen Raubtierseelen, mit dem stolzen und schwermütigen Blick des Wissenden
über sein eignes Schicksal hin, dem unbändigen Machtgefühl in der
tatgewohnten Faust, jedermanns Feind, tötend, hassend, zu Sieg oder Sterben
entschlossen. Diese Seele ist tiefer und leidenvoler als die irgendeines Tieres.
Sie steht in unversöhnlichem Gegnsatz zur gesamten Welt, von der sie durch
ihr eigenes Schöpfertum getrennt ist. Es ist die Seele eines Empörers.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 33 ).Künstlich,
widernatürlich ist jedes Werk vom Anzünden des Feuers bis zu den Leistungen,
die wir in hohen Kulturen als eigentlich künstlerische bezeichnen. Der Natur
wird das Vorrecht des Schöpfertums entrissen. Der »freie Wille«
schon ist ein Akt der Empörung, nicht anderes. Der schöpferische Mensch
ist aus dem Verbande der Natur herausgetreten, und mit jeder neuen Schöpfung
entfernt er sich weiter und feindseliger von ihr. Das ist seine »Weltgschichte«,
die Geschichte einer unaufhaltsam fortschreitenden, verhängnisvollen Entzweiung
zwischen Menschenwelt und Weltall, die Geschichte eines Empörers, der dem
Schoße seiner Mutter entwachsen die Hand gegen sie erhebt. Die Tragödie
des Menschen beginnt, denn die Natur ist stärker. Der Mensch bleibt abhängig
von ihr, die trotz allem auch ihn selbst, ihr Geschöpf, umfaßt. Alle
großen Kulturen sind ebenso viele Niederlagen. Ganze Rassen bleiben, innerlich
zerstört, gebrochen, der Unfruchtbarkeit und geistigen Zerrüttung verfallen,
als Opfer auf dem Platze. Der Kampf gegen die Natur ist hoffnungslos, und trotzdem
wird er bis zum Ende geführt werden. (Oswald Spengler, Der Mensch
und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 35-36
).
Die zweite Stufe: Sprechen und Unternehmen (S. 37-59):
Nur
von der Seele aus läßt sich die Geschichte des Menschen erschließen.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 38 ).Der
ursprüngliche Zweck des Sprechens ist die Durchführung einer tat nach
Absicht, Zeit, Ort, Mitteln. Die klare, eindeutige Fassung derselben ist das Erste,
und aus der Schwierigkeit, sich verständlich zu machen, den eigenen Willen
anderen aufzuerlegen, ergibt sich die Technik der Grammatik, die Technik der Bildung
von sätzen und Satzarten, des richtigen Befehlens, Fragens, Antwortens, der
Ausbildung von Wortklassen auf Grund der praktischen, nicht der theoretischen
Absichten und Ziele. .... Alles Sprechen ist praktischer Natur und geht vom »Denken
der Hand « aus. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik -
Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 43-44 ).Das
Tun zu mehreren nennen wir Unternehmen. Sprechen und Unternehmen setzen sich in
genau derselben Weise gegenseitig voraus wie früher Hand und Werkzeug. Sprechen
zu mehreren hat seine innere, grammatische Form an der Durchführung von Unternehmungen
entwickelt, und die Gewohnheit des Unternehmens ist von der Methode des sprachgebundenen
Denkens geschult worden. Denn Sprechen heißt, sich anderen denkend mitzuteilen.
... Das Denken, der Geist, der Verstand oder wie man das nennen will, was sich
durch die Sprache von der Verbundenheit mit der tätigen Hand emanzipiert
hat, tritt der Seele und dem Leben ... als eine Macht für sich entgegen.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 44-45 ).Das
Raubtier Mensch will seine Überlegenheit bewußt steigern, weit über
die Grenzen seiner Körperkraft hinaus. .... Das Denken, das Berechnen der
größeren Wirkung ist das erste. Ihr zuliebe versteht man sich darauf,
ein wenig von seiner persönlichen Freiheit aufzugeben. Innerlich bleibt man
ja unbahängig. Aber kein Schritt in der Geschichte läßt sich zurücktun.
Die Zeit und also das Leben sind nicht umkehrbar. Einmal an die Tätigkeit
zu mehreren gewöhnt und an ihre Erfolge, verwickelt sich der Mensch immer
tiefer in diese verhängnisvolle Bindungen. Das unternehmende Denken greift
immer stärker in das Seelenleben ein. Der Mensch ist Sklave seines Gedankens
geworden. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer
Philosophie des Lebens, 1931, S. 45-46 ).Es
gibt ... einen natürlichen Rangunterschied zwischen Menschen, die zum Herrschen
und die zum dienen geboren sind, zwischen Führern und Geführten des
Lebens. Er ist schlechthin vorhanden und wird in gesunden Zeiten und Bevölkerungen
von jedermann unwillkürlich anerkannt, als Tatsache, obgleich sich in Jahrhunderten
des Verfalls die meisten zwingen, das zu leugnen oder nicht sehen. Aber gerade
das Gerede von der »natürlichen Gleichheit aller« beweist, daß
es hier etwas fortzubeweisen gibt. (Oswald Spengler, Der Mensch und die
Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 52 ).In
dieser wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit liegt die stille und tiefe Rache
der Natur an dem Wesen, das ihr das Vorrecht auf Schöpfertum entriß.
Dieser kleine Schöpfer wider die Natur, dieser Revolutionär in der Welt
des Lebens ist der Sklave seiner Schöpfung geworden. Die Kultur, der Inbegriff
künstlicher, persönlicher, selbstgeschaffener Lebensformen, entwickelt
sich zu einem Käfig mit engen Gittern für diese unbändige Seele.
Das Raubtier, das andere Wesen zu Haustieren machte, um sie für sich auszubeuten,
hat sich selbst gefangen. Das Haus des Menschen ist das große Symbol dafür.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 55-56 ).Je
fruchtbarer die Führerarbeit ist, desto größer wird der Bedarf
an ausführenden Händen. Deshalb beginnt man die Gefangenen feindlicher
Stämme, statt sie zu töten, hinsichtlich ihrer Körperschaft auszubeuten.
Das ist der Beginn der Sklaverei, die genau so alt sein muß wie die Sklaverei
der Haustiere. Diese Völker und Stämme vermehren sich gewissermaßen
nach unten. Nicht die Zahl der »Köpfe« wächst, sondern die
der Hände. Die Gruppe der Führernaturen bleibt klein. Es ist das Rudel
der eigentlichen Raubtiere, das Rudel der Begabten, das über die wachsende
Herde der andern in irgendeiner Weise verfügt. (Oswald Spengler, Der
Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S.
57 ).Die
Verachtung blickt aus der Höhe herab, der Neid schiebt von unten herauf -
es sind die welthistorischen Gefühle der zu Staaten und Ständen organisierten
Menschheit, deren friedliche Exemplare ohnmächtig an den Stäben des
Käfigs rütteln, der sie zusammen einschließt. Von dieser Tatsache
und ihren Folgen kann nichts befreien. So war es, so wird es sein - oder es wird
gar nichts mehr sein. Es hat einen Sinn, diese Tatsache zu achten oder zu verachten.
Sie zu verändern ist unmöglich. Das Schicksal des Menschen ist im Laufe
und muß sich vollenden. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik
- Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 59 ).
Der Ausgang: Aufstieg und Ende der Maschinenkultur (S. 60-89):
Die
»Kultur« der bewaffneten Hand ( )
hatte einen langen Atem und hat die ganze Gattung Mensch ergriffen. Die »Kulturen
des Sprechens und Unternehmens« ( )
- es sind bereits mehrere, die sich deutlich unterscheiden lassen -, diese
Kulturen des beginnenden seelischen Gegensatzes zwischen Persönlichkeit und
Masse, des herrschsüchtig werdenden »Geistes« und des von ihm
vergewaltigten Lebens ergreifen nur noch einen Teil der Menschenwelt und sind
heute, nach wenigen Jahrtausenden, längst alle erloschen und zersetzt. Was
wir »Naturvölker« und »Primitive« nennen, sind nur
die Reste des lebenden Materials, Ruinen einstiger durchseelter Formen, Schlacken,
aus denen die Glut des Werdens und Vergehens entschwunden ist. (Oswald
Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens,
1931, S. 60 ).Aus
diesem Boden wachsen ... hier und dort die hohen Kulturen auf ... ( ).
.... Es ist Weltgeschichte im eigentlichsten, anspruchvollsten Sinne. Diese Gruppe
von leidenschaftlichen Lebensläufen hat als ihr Symbol und ihre »Welt«
die S t a d t erfunden, gegenüber dem Dorf der voraufgehenden
Stufe, die steinerne Stadt als das Gehäuse des ganz künstlichen, von
der mütterlichen Erde getrennten, vollkommen gegennatürlich gewordenen
Lebens, die Stadt des wurzellosen Denkens, welche die Ströme des Lebens vom
Lande an sich zieht und verbraucht. ( ).
Dort entsteht die »Gesellschaft« ( )
mit ihrer ständischen Rangordnung Adlige, Priester, Bürger
gegenüber dem »groben Bauerntum« als die künstliche Stufung
des Lebens ... und als Sitz einer vollkommen durchgeistigten Kulturentwicklung.
... (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 60-61 ).Die
faustische, westeuropäische Kultur ist vielleicht nicht die letzte, sicherlich
aber die gewaltigste, leidenschaftlichste, durch ihren inneren Gegensatz zwischen
umfassender Durchgeistigung und tiefster seelischer Zerissenheit die tragischste
von allen. Es ist möglich, daß noch ein matter Nachzügler kommt,
etwa irgendwo zwischen Weichsel und Amur und im nächsten Jahrtausend, hier
aber ist der Kampf zwischen der Natur und dem Menschen, der sich durch sein historisches
Dasein gegen sie aufgelehnt hat, praktisch zu Ende geführt worden.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 63 ).Die
faustische Naturwissenschaft und diese allein ist Dynamik, gegenüber der
Statik der Griechen und der Alchymie der Araber. Nicht auf Stoffe, sondern auf
Kräfte kommt es an. Die Masse selbst ist eine Funktion der Energie.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 67 ).Selbst
eine Welt erbauen, selbst Gott sein - das war der faustische Erfindertraum, aus
dem von da an alle Entwürfe von Maschinen hervorgingen, die sich dem unerreichbaren
Ziel des Perpetuum mibile so sehr als möglich näherten. Der Begriff
der Beute des Raubtieres wird zu Ende gedacht. Nicht dies und das, ..., sondern
die Welt selbst wird mit dem geheimnis ihrer Kraft als Beute davongeschleppt,
hinein in den Bau dieser Kultur. (Oswald Spengler, Der Mensch und die
Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 69 ).Mit
dem Rationalismus endlich wird der »Glaube an die Technik« fast zur
materialistischen Religion: Die Technik ist ewig und unvergänglich wie Gott
Vater; sie erlöst die Menschheit wie der Sohn; sie erleuchtet uns wie der
Heilige Geist. Und ihr Anebeter ist der Fortschrittsphilister .... In Wirklichkeit
hat die Leidenschaft des Erfinders mit ihren Folgen gar nichts zu tun. Sie ist
sein persönlicher Lebenstrieb, sein persönliches Glück und Leiden.
Er will für sich den Triumph über schwierige Probleme genießen,
den Reichtum und Ruhm, den ihm der Erfolg einbringt. Ob seine Erfindung nützlich
oder verhängnisvoll ist, schaffend oder zerstörend, das ficht ihn nicht
an, selbst wenn irgendein Mensch imstande wäre, das von Anfang an zu wissen.
Aber die Wirkung einer »technischen Errungenschaft der Menschheit«
sieht niemand voraus, abgesehen davon, daß »die Menschheit«
nie etwas erfunden hat. Chemische Erfindungen wie Synthese des Indigo und in kurzer
Zeit wahrscheinlich die des künstlichen Gummi zerstören die Lebensbedingungen
ganzer Länder, die elektrische Kraftübertragung und die Erschließung
der Wasserkräfte haben die alten Kohlengebiete Europas samt ihrer Bevölkerung
entwertet. Haben solche Überlegungen je einen Erfinder dahin gebracht, sein
Werk zu vernichten? Dann kennt man die Raubtiernatur des Menschen schlecht.
Alle großen Erfindungen und Unternehmungen stammen aus der Freude starker
Menschen am Sieg. Sie sind Ausdruck der Persönlichkeit und nicht des Nützlichkeitsdenkens
der Massen, die nur zusehen, aber die Folgen hinnehmen müssen, wie sie auch
sind. Und diese Folgen sind ungeheuerlich. .... Man versteht die Geheimnisse der
natur so wenig als je, aber man kennt die Arbeitshypothese, die nicht »wahr«,
sondern nur zweckmäßig ist, mit deren Hilfe man sie zwingt, dem menschlichen
Befehl, dem leisesten Druck auf einen Knopf oder hebel zu gehorchen. (Oswald
Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens,
1931, S. 71-72 ).Seit
der Erfindung der Maschine, der listigsten aller Waffen gegen die Natur, die überhaupt
möglich ist, haben Unternehmer und Erfinder die Zahl der Hände, deren
sie bedürfen, im wesentlichen auf deren Herstellung verwendet. Die Arbeit
der Maschine wird von der anorganischen Kraft geleistet, der Spannkraft von Dampf
oder Gas, der Elektrizität und der Wärme, die aus oder durch Kohle,
Erdöl und Wasser befreit werden. Aber damit ist die seelische Spannung zwischen
Führern und Geführten gefährlich gewachsen. Man versteht einander
nicht mehr. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu
einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 73 ).In
der Tat aber vermögen weder die Köpfe noch die Hände etwas an dem
Schicksal der Maschinentechnik zu ändern, die sich aus innerer, seelenhafter
Notwendigkeit entwickelt hat und nun der Vollendung, dem Ende entgegenreift. Wir
stehen heute auf dem Gipfel, dort, wo der fünfte Akt beginnt. Die letzten
Entscheidungen fallen. Die Tragödie schließt. Jede hohe Kultur ist
eine Tragödie; die Geschichte des Menschen im Ganzen ist tragisch. Der Frevel
und Sturz des faustischen Menschen aber ist größer als alles, was Äschylus
und Shakespeare je geschaut haben. Die Schöpfung erhebt sich gegen den Schöpfer:
Wie einst der Mikrokosmos Mensch gegen die Natur, so empört sich jetzt der
Mikrokosmos Maschine gegen den nordischen Menschen. Der Herr der Welt wird zum
Sklaven der Maschine. Sie zwingt ihn, uns, und zwar alle ohne Ausnahme, ob wir
es wissen wollen oder nicht, in die Richtung ihrer Bahn. (Oswald Spengler,
Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931,
S. 74-75 ).Gegenüber
den Massen ausführender Hände, die der mißgünstige »Blick
der Kleinen« allein sieht, wird der steigende Wert der Führerarbeit
weniger schöpferischer Köpfe, der Unternehmer, Organisatoren, Erfinder,
Ingenieure, nicht mehr begriffen und gewürdigt, am meisten noch im praktischen
Amerika, am wenigsten in Deutschland der »Dichter und Denker«. Der
alberne Satz: »Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«
umnebelt die Gehirne von Schwätzern und Schreibern. Das kann auch ein Ziegenbock,
der ins Getriebe gerät. Aber diese Räder erfinden und beschäftigen,
dami jener »starke Arm« sich ernhähren kann, das vermögen
nur wenige, die dazu geboren sind. (Oswald Spengler, Der Mensch und die
Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 76-77 ).Aber
das gehört zur Tragik dieser Zeit, daß das entfesselte menschliche
Denken seine eigenen Folgen nicht mehr zu erfassen vermag. Die Technik ist esoterisch
geworden wie die höhere Mathematik, deren sie sich bedient, wie die physikalische
Theorie, die bei ihrem Zerdenken von Abstraktionen der Erscheinung bis zu den
reinen Grundformen menschlichen Erkennens vorgedrungen ist. ohne es recht zu bemerken.
Die Mechanisierung der Welt ist in ein Stadium gefährlichster Überspannung
eingetreten. Das Bild der Erde mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen hat sich
verändert. In wenigen Jahrzehnten sind die meisten großen Wälder
verschwunden, in Zeitungspapier verwandelt worden und damit Veränderungen
des Klimas eingetreten, welche die Landwirtschaft ganzer Bevölkerungen bedrohen;
unzählige Tierarten sind wie der Büffel ganz oder fast ganz ausgerottet,
ganze Menschenrassen wie die nordamerikanischen Indianer und die Australier beinahe
zum Verschwinden gebracht worden. (Oswald Spengler, Der Mensch und die
Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 78 ).Alles
Organische erliegt der um sich greifenden Organisation. Eine künstliche Welt
durchsetzt und vergiftet die natürliche. Die Zivilidation ist selbst eine
Maschine geworden, die alles maschinenmäßig tut oder tun will. Man
denkt nur noch in Pferdekräften. Man erblickt keinen Wasserfall mehr, ohne
ihn in Gedanken in elektrische Kraft umzusetzen. Man sieht kein Land voller weidender
Herden, ohne an die Auswertung ihres Fleischbestandes zu denken, kein schönes
altes Handwerk einer urwüchsigen Bevölkerung ohne den Wunsch, es durch
ein modernes technisches Verfahren zu ersetzen. Ob es einen Sinn hat oder nicht,
das technische Denken will Verwirklichung. Der Luxus der Maschine ist die Folge
eines Denkzwanges. Die Maschine ist letzten Endes ein Symbol, wie ihre geheimes
Ideal, das Perpetuum mobile, eine seelisch-geistige, aber keine vitale Notwendigkeit.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 78-79 ).Es
ist Torheit, wie es im 19. Jahrhundert Mode war, von der drohenden Erschöpfung
der Kohlenlager in wenigen Jahrhunderten und deren Folgen zu reden. Auch das war
materialistisch gedacht. Abgesehen davon, daß heute schon Erdöl und
Wasserkraft als anorganische Kraftreserven von grötem Umfang herangezogen
sind, würde technisches Denken sehr bald ganz andere Quellen entdecken und
erschließen. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag
zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 80 ).Das
faustische Denken beginnt der Technik satt zu werden. Eine Müdigkeit verbreitet
sich, eine Art Pazifismus im Kampfe gegen die Natur. (Oswald Spengler, Der
Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S.
81 ).Nur
die Zahl hat noch Wert. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik
- Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 83 ).Die
Führer können fliehen, aber die überflüssig gewordenen Geführten
sind verloren. Ihre Zahl bedeutet ihren Tod. (Oswald Spengler, Der Mensch
und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 84 ).Das
dritte und schwerste Symptom des beginnenden Zusammenbruchs aber liegt in dem,
was ich den Verrat an der Technik nennen möchte. .... Da beginnt am Ende
des Jahrhunderts der blinde Wille zur Macht entscheidende Fehler zu begehen. Statt
das technische Wissen geheim zu halten, den größten Schatz, den die
»weißen« Völker besaßen, wurde es auf allen Hochschulen,
in Wort und Schrift prahlerisch aller Welt dargeboten, und man war stolz auf die
Bewunderung von Indern und Japanern. Die bekannte »Industriezerstreuung«
setzt ein, auch aus der Überlegung, daß man die Produktion dem Abnehmer
nähern müsse, um größere Gewinne zu erzielen. Es beginnt
statt des Exports ausschließlich von Produkten der Export von Geheimnissen,
von Verfahren, Methoden, Ingenieuren und Oraganisatoren. Selbst Erfinder wandern
aus. Der Sozialismus, der sie in sein Joch spannen möchte, vertreibt sie.
Alle »Farbigen« ( )
sahen in das Geheimnis unserer Kraft hinein, begriffen es und nützten es
aus. Die Japaner wurden binnen 30 Jahren technische Kenner ersten Ranges und bewiesen
im Kriege gegen Rußland eine kriegstechnische Überlegenheit, von welcher
ihre Lehrmeister lernen konnten. Heute sind allenthalben in Ostasien, Indien,
Südamerika, Südafrika; Industriegebiete entstanden oder in Bildung begriffen,
die infolge ihrer niedrigeren Löhne eine tödliche Konkurrenz darstellen.
Die unersetzlichen Vorrechte der weißen Völker sind verschwendet, verschleudert,
verraten worden. Die Gegner haben ihre Vorbilder erreicht, vielleicht mit der
Verschmitztheit farbiger Rassen und der überreifen Intelligenz uralter Zivilisationen
übertroffen. Wo es Kohle, Erdöl und Wasserkräfte gibt, kann eine
neue Waffe gegen das Herz der fasustischen Kultur geschmiedet werden. Hier beginnt
die Rache der ausgebeuteten Welt gegen ihre Herren. Mit den unzähligen Händen
der Farbigen, die ebenso geschickt und viel anspruchsloser arbeiten, wird die
Grundlage der weißen wirtschaftlichen Organsiation erschüttert. Der
gewohnte Luxus des weißen Arbeiters gegenüber dem Kuli wird zu seinem
Verhängnis. Die weiße Arbeit selbst wird überflüssig. Die
gewaltigen Massen auf der nordischen Kohle, die Industrieanlagen, das angelegte
Kapital, ganze Städte und Landstriche drohen der Konkurrenz zu erliegen.
Das Schwergewicht der Produktion verlagert sich unaufhaltsam, nachdem der Weltkrieg
auch der Achtung der Farbigen vor dem Weißen ein Ende gemacht hat. Das ist
der letzte Grund der Arbeitslosigkeit in den weißen Ländern, die keine
Krise ist, sondern eine Katastrophe. (Oswald Spengler, Der Mensch und
die Technik - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 84-87 ).Die
Zeit läßt sich nicht anhalten; es gibt keine weise Umkehr, keinen klugen
Verzicht. Nur Träumer glauben an Auswege. Optimismus ist Feigheit.
(Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer Philosophie
des Lebens, 1931, S. 88 ).Wir
sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns
bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne
Hoffnung, ohne Rettung ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat,
dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man
beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe,
das heißt Rasse haben. ( ).
Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen
kann. (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik - Beitrag zu einer
Philosophie des Lebens, 1931, S. 88-89 ). |