Die
Zeit ist das Tragische, und dem gefühlten Sinne der Zeit nach unterscheiden
sich die einzelnen Kulturen. Deshalb hat sich eine Tragödie großen
Stils nur in den beiden entwickelt, welche die Zeit am leidenschaftlichsten bejahten
oder verneinten. Wir haben eine antike Tragödie des Augenblicks und
eine abendländische der Entwicklung ganzer Lebensläufe vor uns.
So empfand eine ahistorische und eine extrem historische Seele sich selbst. Unsere
Tragik entstand aus dem Gefühl einer unerbitterlichen Logik des Werdens.
Der Grieche fühlte das Alogische, das blinde Ungefähr des Moments.
(Ebd., S. 170 ).
Die
Archäologie fehlt der echten Antike ebenso wie deren seelische
Umkehrung, die Astrologie. (Ebd., S. 173 ).Der
alltägliche Mensch sämtlicher Kulturen bemerkt von der Physiognomie
allen Werdens, seines eigenen und dessen der lebendigen Welt rings um sich, nur
den unmittelbar greifbaren Vordergrund. Die Summe seiner Erlebnisse, der inneren
wie der äußeren, füllt als bloße Reihenfolge von Tatsachen
den Lauf seiner Tage. Erst der bedeutende Mensch fühlt hinter dem volkstümlichen
Zusammenhang der historisch bewegten Oberfläche eine tiefe Logik des Werdens,
die in der Schicksalsidee hervortritt und die eben jene oberflächlichen bedeurtungsarmen
Bildungen des Tages als zufällig scheinen läßt. (Ebd., S.
180-181 ).Zwischen
Schicksal und Zufall scheint zunächst nur ein Grad an Gradunterschied zu
bestehen. Man empfindet so etwa als Zufall, daß Goethe nach Sesenheim, und
als Schicksal, daß er nach Weimar kam. ( ).
Das eine scheint Episode, das andre Epoche zu sein. Indessen wird daraus deutlich,
daß die Unterscheidung vom iunern Range des Menschen abhängt, der sie
trifft. Der Menge wird selbst das Leben Goethes als eine Reihe anekdotischer Zufälle
erscheinen; wenige werden mit Erstaunen empfinden, welche symbolische Notwendigkeit
in ihm auch noch dem Unbedeutsamsten innewohnt. Aber war vielleicht die Entdeckung
des heliozentrischen Systems durch Aristarch für die Antike ein belangloser
Zufall, die vermeintliche Wiederentdeckung durch Kopernikus dagegen ein Schicksal
für die faustische Kultur? War es ein Schicksal, daß Luther im
Gegensatz zu Calvin kein Organisator war - und für wen? .... Hier bleibt
das Gebiet der begrifflichen Verständigung weit zurück; was Schicksal,
was Zufall ist, das gehört zu den entscheidenden Erlebnissen der einzelnen
Seele wie derjenigen ganzer Kulturen. Hier schweigt alle gelehrte Erfahrung, jede
wissenschaftliche Einsicht, jede Definition; und wer auch nur den Versuch wagt,
beides erkenntnistheoretisch fassen zu wollen, der kennt es gar nicht. .... Wer
urteilend an die Geschichte herantritt, wird nur Daten finden. (Ebd.,
S. 181 ).Schicksal
und Zufall bilden jederzeit einen Gegensatz, in den die Seele zu kleiden versucht,
was nur Gefühl, nur Erlebnis und Schauen sein kann und was
allein durch die innerlichsten Schöpfungen von Religion und Kunst denen verdeutlicht
wird, die zur Einsicht berufen sind. Um dies Urgefühl des lebendigen
Daseins, das dem Weltbilde der Geschichte Sinn und Gehalt verleiht, heraufzurufen
- Name ist Schall und Rauch -, weiß ich nichts Besseres als eine Strophe
von Goethe, dieselbe, die an der Spitze dieses Buches dessen Grundgesinnung bezeichnen
soll:Wenn im Unendlichen dasselbe Sich wiederholend
ewig fließt, Das tausendfältige Gewölbe Sich kräftig
ineinander schließt; Strömt Lebenslust aus allen Dingen, Dem
kleinsten wie dem größten Stern, Und alles Drängen, alles
Ringen Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn. An der Oberfläche
des Weltgeschehens herrscht das Unvorhergesehene. Es haftet als Merkmal
an jedem Einzelereignis, jeder Einzelentscheidung, jeder Einzelpersönlichkeit.
(Ebd., S. 182 ).Daß
in den Wirbeln des Werdens ein Element nur ein Schicksal erlitt und ein andres
zum Schicksal wurde und oft geung für alle Zukunft, so daß jenes im
Wellenschlag der historischen Oberfläche dahinschwand, dieses aber Geschichte
schuf, das ist mit keinem Darum und Deshalb zu erklären und doch von
innerster Notwendigkeit. Und deshalb gilt auch vom Schicksal, was Augustinus in
einem tiefen Augenblick von der Zeit gesagt hat: Si nemo ex me quaerat, scio;
si quaerenti explicare velim, nescio. (Ebd., S. 182-183 ).Geschichte
ist die Verwirklichung einer Seele, und der gleiche Stil beherrscht die Geschichte,
die man macht, und die, welche man schaut. Die antike Mathematik schließt
das Symbol des unendlichen raumes aus, die antike Geschichte mithin auch. Micht
umsonst ist die Szene des antiken Daseins die kleinste von allen: die einzelne
Polis. Es fehlen ihm Horizont und Perspektiven - trotz der Episode des Alexanderzuges
- genau wie der Szene des attischen Theaters mit der flach abschließenden
Rückwand. Man vergleiche damit die Fernwirkungen der abendländischen
Kabinettsdiplomatie wie des Kapitals. .... Niemals ist in Korinth, Athen und Sikyon
eine Landschaft mit Gebirgshorizont, ziehenden Wolken, fernen Städten entstanden.
Man findet auf allen Vasengemälden nur Figuren von euklidischer Vereinzelung
und künstlerischem Selbstgenügen. Jede Giebelgruppe eines Tempels ist
von reihenweisem, niemals von kontrapunktischem (soll heißen:
abendlänischem; Anm. HB) Aufbau. .... Schicksal war es, was dem Menschen
plötzlich zustieß, nicht der »Lauf des Lebens«, und so
hat Athen neben dem Fresko Polygnots und der Geometrie der platonischen Akademie
die Schicksalstragödie ganz im berüchtigten Sinne der »Braut
von Messina« geschaffen. Der vollkommene Unsinn des blinden Verhängnisses,
verkörpert z.B. im Atridenfluch, offenbarte dem ahistorischen antiken Seelentum
den ganzen Sinn seiner Welt. (Ebd., S. 192 ).Der
Zufall wählte die ... Geste ...; die innere Logik ( )
... blieb davon unberührt. (   ).
(Ebd., S. 193 ).Die
französische Revolution konnte durch ein Ereignis von anderer Gestalt und
an anderer Stelle, in England oder Deutschland etwa, vertreten werden. Ihre »Idee«,
der Übergang der Kultur in die Zivilisation, der Sieg der anorganischen Weltstadt
über das organische Land, das nun »Provinz« in geistigem Sinne
wird, war notwendig, und zwar in diesem Augenblick. .... Ein Ereignis macht Epoche,
das heißt: es bezeichnet im Ablauf einer Kultur eine notwendige, schicksalshafte
Wendung. Das zufällige Ereignis selbst, ein Kristallisationsgebilde der historischen
Oberfläche, konnte durch entsprechende andre Zufälle vertreten werden;
die Epoche ist notwendig und vorbestimmt. Ob ein Ereignis den Rang einer
Epoche oder einer Episode in bezug auf eine Kultur und deren Gang einnimmt, das
hängt ... mit den Ideen vom Schicksal und Zufall ( )
... zusammen. (Ebd., S. 193-194 ).Kant
hatte sehr vorsichtig die Kausalität als notwendige Form der Erkenntnis festgestellt,
und es kann nicht oft genug betont werden, daß damit ausschließlich
die verstandesmäßige Betrachtung der menschlichen Umwelt gemeint
war. Das Wort Notwendigkeit hörte man gern, aber man überhörte
die Einschränkung des Prinzips auf ein einzelnes Erkenntnisgebiet, die gerade
das Schauen und Erfühlen lebendiger Geschichte ausschloß. Menschenkenntnis
und Naturerkenntnis sind dem Wesen nach ganz unvergleichbar. Aber das ganze 19.
Jahrhundert war bemüht, die Grenze von Natur und Geschichte zugunsten der
ersten zu verwischen. Je historischer man denken wollte, desto mehr vergaß
man, wie hier nicht gedacht werden durfte. Indem man das starre Schema
einer räumlichen und zeitfeindlichen Beziehung, Ursache und Wirkung, gewaltsam
auf Lebendiges anwandte, trug man in das sinnliche Oberflächenbild des Geschehens
die konstruktiven Linien des physikalischen Naturbildes ein, und niemand fühlte
- inmitten später, städtischer, an kausalen Denkzwang gewöhnter
Geister - die tiefe Absurdität einer Wissenschaft, welche ein organisches
Werden durch methodisches Mißverstehen als dem Mechanismus eines Gewordenen
begreifen wollte. Aber der Tag ist nicht Ursache der Nacht .... (Ebd., S.
197-198 ).Aber
der Tag ist nicht Ursache der Nacht, die Jugend nicht die des Alters, die Blüte
nicht die der Frucht. Alles was wir geistig erfahren, hat eine Ursache;
alles was wir als organisch mit innerer Gewißheit erleben, hat eine Vergangenheit.
Jene kennzeichnet den »Fall«, der überall möglich ist und
dessen innere Form feststeht, gleichviel wann, wie oft und ob er überhaupt
eintritt; diese kennzeichnet das Ereignis, das einmal war und nie wiederkehrt.
(Ebd., S. 198 ).Es
gibt also keine Wissenschaft der Geschichte, aber eine Vorwissenschaft
für sie, welche das Dagewesene ermittelt. (Ebd., S. 201 ).»Alles
Vergängliche ist nur ein Gleichnis«. Hier liegen Lösungen und
Fernblicke verborgen, welche noch nicht einmal geahnt worden sind. Dunkle Fragen,
die den tiefsten aller menschlichen Urgefühle, aller Angst und Sehnsucht
zugrunde liegen und vom Verstehenwollen in die Probleme der Zeit, der Notwendigkeit,
des Raumes, der Liebe, des Todes, der ersten Ursachen verkleidet worden sind,
werden aufgehellt. Es gibt eine ungeheure Musik der Sphären, die gehört
sein will, die einige unsrer tiefsten Geister hören werden. Die Physiognomik
des Weltgeschehens wird zur letzten faustischen Philosophie. (Ebd.,
S. 209 ).
Makrokosmos (S. 210-281):
I. Die
Symbolik des Weltbildes und das Raumproblem (S. 210-234)
Der Makrokosmos als Inbegriff der Symbole in bezug auf eine Seele [S. 210]
Raum und Tod [S. 214] Alles Vergängliche ist nur ein
Gleichnis [S. 217] Das Raumproblem: Nur die Tiefe ist raumbildend
[S. 218] Die Raumtiefe als Zeit [S. 223] Geburt der Weltanschauung
aus dem Ursymbol einer Kultur [S. 225] Das antike Ursymbol der Körper,
das arabische die Höhle, das abendländische der unendliche Raum [S.
226] II. Apollinische,
faustische, magische Seele (S. 234-281)
Ursymbol, Architektur und Götterwelt [S. 234] Das ägyptische
Ursymbol der Weg [S. 241] Ausdruckssprache der Kunst: Ornamentik oder Imitation
[S. 245] Ornament und Früharchitektur [S. 252] Architektur
des Fensters [S. 257] Der große Stil [S. 258] Stilgeschichte
als Organismus [S. 265] Zur Geschichte des arabischen Stils [S. 268]
Psychologie der Kunsttechnik [S. 277].
Die Symbolik des Weltbildes und das Raumproblem
Und
so erweitert sich der Gedanke einer Weltgeschichte physiognomischer Art zur Idee
einer allumfassenden Symbolik. Die Geschichtsforschung in dem hier geforderten
Sinne hat nur das Bild des einst Lebendigen und nun Vergangenen zu prüfen
und dessen innerste Form und Logik festzustellen. Der Schicksalsgedanke ist der
letzte, bis zu dem sie vordringen kann. (Ebd., S. 210 ).Aber
selbst dem reinen Reich der Zahlen fehlt das Symbolische nicht, und gerade ihm
entstammen die Zeichen, in welche das grüblerische Denken unaussprechliche
Bedeutungen legt: das Dreieck, der Kreis, die Sieben, die Zwölf. Dies ist
die Idee des Makrokosmos, der Wirklichkeit als dem Inbegriff aller Symbole
in bezug auf eine Seele. Nichts ist von dieser Eigenschaft des Bedeutsamen
ausgenommen. Alles, was ist, ist auch Symbol. (Ebd., S. 212 ).Symbole,
als etwas verwirklichtes, gehören zum Bereich des Ausgedehnten. Sie sind
geworden, nicht werdend - auch wenn sie ein Werden bezeichnen - mithin starr begrenzt
und den Gesetzen des Raumes unterworfen. Es gibt nur sinnlich-räumliche
Symbole. Schon das Wort Form bezeichnet etwas Ausgedehntes im Ausgedehnten, und
davon machen auch, wie wir sehen werden, die inneren Formen der Musik keine Ausnahme.
Ausdehnung aber ist das Merkmal der Tatsache »Wachsein«, die nur eine
Seite des Einzeldaseins bildet und mit dessen Schicksalen innerlichst verbunden
ist. (Ebd., S. 214 ).Alles
Gewordne ist vergänglich. Vergänglich sind nicht nur Völker,
Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten keine westeuropäische
Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr geben, wie es zur zeit
Justinians keinen Römer mehr gab. Nicht die Folge menschlicher Generationen
war erloschen; die innere Form eines Volkes, die eine Anzahl von ihnen zu einheitlicher
Gebärde zusammengefaßt hatte, war nicht mehr da ( ).
Der civis Romanus, eines der mächtigsten Symbole antiken Seins, war
gleichwohl als Form nur von Dauer einiger Jahrhunderte. Aber das Urphänomen
der großen Kultur überhaupt wird einmal wieder verschwunden sein, und
mit ihm das Schauspiel der Weltgeschichte, und endlich der Mensch selbst und darüber
hinaus die Erscheinung des pflanzlichen und tierischen Lebens an der Erdoberfläche,
die Erde, die Sonne und die ganze Welt der Sonnensysteme. .... Und so läßt
sich der Gedanke des rein menschlichen Makrokosmos wieder an ein Wort knüpfen,
dem die ganze fernere Darstellung gewidmet sein soll: Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis (Goethe; Anm. HB ).
(Ebd., S. 216-217 ).So
führt diese Einsicht unvermerkt auf das Raumproblem, allerdings in einem
neuen und überraschenden Sinne. Seine Lösung - oder bescheidener, seine
Deutung - erscheint erst in diesem Zusammenhang möglich, so wie das Zeitproblem
erst aus der Schicksalsidee faßlicher wurde. Das schicksalhaft gerichtete
Leben erscheint, sobald wir erwachen, im Sinnenleben als empfundene Tiefe. Alles
dehnt sich, aber es ist noch nicht »der Raum«, nichts in sich Verfestigtes,
sondern ein beständiges Sich-dehnen vom bewegten Hier zum bewegten Dort.
Das Welterlebnis knüpft sich ausschließlich an das Wesen der Tiefe
- der Ferne oder Entfernung - deren Zug im abstraken System der Mathematik neben
Länge und Breite als »dritte Dimension« bezeichnet wird.
Diese Dreizahl gleichgeordneter Elemente ist von vornherein irreführend.
Ohne Zweifel sind sie im räumlichen Welteindruck nicht gleichwertig,
geschweige denn gleichartig. (Ebd., S. 217-218 ).Wie
das Werden dem Gewordnen, die unaufhörlich lebende Geschichte der vollendeten
und toten Natur zugrunde liegt, das Organische dem Mechanischen, das Schicksal
dem kausalen Gesetz, dem objektiv Gesetzten, so ist die Richtung der Ursprung
der Ausdehnung. Das mit dem Worte Zeit berührte Geheimnis des sich vollendenden
Lebens bildet die Grundlage dessen, was als vollendet durch das Wort Raum weniger
verstanden als für ein inneres Gefühl angedeutet wird. Jede wirkliche
Ausgedehntheit wird in und mit dem Erlebnis der Tiefe erst vollzogen ....
(Ebd., S. 223 ).Die
Zeit gebiert den Raum, der Raum aber tötet die Zeit. (Ebd., S. 224 ).Der
starre Raum selbst, aber, der ebenfalls vergänglich ist und mit jedem Nachlassen
des geistigen Gespanntseins aus dem farbigen Dehnen unsrer Umwelt verschwindet,
ist eben damit Zeichen und Ausdruck des Lebens selbst, das ursprünglichste
und mächtigste seiner Symbole. (Ebd., S. 224-225 ).Denn
die wahllose Deutung der Tiefe, die mit der Wucht eines elementaren Ereignisses
das Wachsein beherrscht, bezeichnet zugleivh mit dem Erwachen des Innenlebens
die Grenze von Kind und - Mensch. Das symbolische Erlebnis der Tiefe ist es, welches
dem Kinde fehlt, das nach dem Monde greift, das noch keinen Sinn der Außenwelt
kennt und gleich der urmenschlichen Seele in traumhafter Verbundenheit mit allem
Empfmdungshaften hindämmert. Nicht als ob ein Kind keine Erfahrung einfachster
Art vom Ausgedehnten hätte; aber eine Weltanschauung ist noch nicht
da; die Ferne wird empfunden, aber sie redet noch nicht zur Seele. Erst mit dem
Wachwerden der Seele erhebt sich auch die Richtung zum lebendigen Ausdruck. Und
da ist antik das Ruhen in der nahen Gegenwart, das sich allem Fernen und Künftigen
verschließt, faustisch die Richtungsenergie, die nur für die fernsten
Horizonte einen Blick hat, chinesisch das Wandeln vor sich hin, das doch einmal
zum Ziele führt, und ägyptisch der entschlossene Gang auf dem einmal
eingeschlagenen Wege. So offenbart sich die Schicksalsidee in jedem Lebenszuge.
Erst damit gehören wir einer einzelnen Kultur an, deren Glieder ein gemeinsames
Weltgefühl und aus ihm eine gemeinsame Weltform verbindet. Eine tiefe Identität
verknüpft beides: Das Erwachen der Seele, ihre Geburt zum hellen Dasein im
Namen einer Kultur, und das plötzliche Begreifen von Feme und Zeit, die Geburt
der Außenwelt durch das Symbol der Dehnung, die von mun an das Ursymbol
dieses Lebens bleibt und ihm seinen Stil und die Gestalt seiner Geschichte als
der fortschreitenden Verwirklichung seiner innem Möglichkeiten gibt. Erst
aus der Art des Gerichtetseins folgt das ausgedehnte Ursymbol, nämlich für
den antiken Weltblick der nahe, fest umgrenzte, in sich geschlossene Körper,
für den abendländischen der unendliche Raum mit dem Tiefendrang der
dritten Dimension, für den arabischen die Welt als Höhle. Hier löst
sich eine alte philosophische Frage in Nichts auf: Angeboren ist diese
Urgestalt der Welt, insofern sie ursprüngliches Eigentum der Seele dieser
Kultur ist. deren Ausdruck unser ganzes Leben bildet; erworben ist sie, insofern
jede einzelne Seele jenen Schöpfungsakt für sich noch einmal wiederholt
und das ihrem Dasein vorbestimmte Symbol der Tiefe in früher Kindheit,
wie ein ausschlüpfender Schmetterling seine Flügel, entfaltet. Das erste
Begreifen der Tiefe ist ein Geburtsakt, ein seelischer neben dem leiblichen. Mit
ihm wird eine Kultur aus ihrer Mutterlandschaft geboren, und das wird in ihrem
ganzen Verlauf von jeder einzelnen Seele wiederholt. Dies nannte Plato, indem
er an einen hellenischen Urglauben anknüpfte, die Anamnesis. Die Bestimmtheit
der Weltform, die für jede ertagende Seele plötzlich da ist,
wird aus dem Werden gedeutet, während Kant, der Systematiker, mit seinem
Begriff der apriorischen Form bei der Deutung desselben Rätsels vom
toten Ergebnis, nicht vom lebendigen Wege zu ihm ausgeht. (Ebd., S. 225-226 ).Die
Art der Ausgedehntheit soll von nun an das Ursymbol einer Kultur genannt
werden. Die gesamte Formensprache ihrer Wirklichkeit, ihre Physiognomie im Unterscliede
von der jeder anderen Kultur und vor allem von der beinahe physiognomielosen Umwelt
des primitiven Menschen ist aus ihr abzuleiten; denn die Deutung der Tiefe erhebt
sich nun zur Tat, zum gestaltenden Ausdruck in Werken, zur Umgestaltung
des Wirklichen. die nicht mellr wie bei Tieren einer Not des Lebens dient, sondern
ein Sinnbild des Lebens aufrichten soll, das sich aller Elemente der Ausdehnung,
der Stoffe, Linien, Farben, Töne, Bewegungen bedient, und oft noch nach,
Jahrhunderten, indem es im Weltbild späterer Wesen auftaucht und seinen Zauber
übt, von der Art zeugt, wie seine Urheber die We verstanden haben.
(Ebd., S. 226 ).Aber
das Ursymbol selbst verwirklicht sich nicht. Es ist im Formgefühl jedes Menschen,
jeder Gemeinschaft, Zeitstufe und Epoche wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher
Lebensäußerungen. Es liegt in der Staatsform, in den religiösen
Mythen und Kulten, den Idealen der Ethik, den Formen der Malerei, Musik und Dichtung,
den Grundbegriffen jeder Wissenschaft, aber es wird nicht durch sie, dargestellt.
Folglich ist es auch durch Worte l1icht begrifflich darstellabr, denn Sprachen
und Erkenntnisformen sind selbst abgeleitete Symbole. Jedes Einzelsymbol
redet von ihm, aber zum inneren Gefühl, nicht zum Verstand. (Ebd.,
S. 226-227 ).Wenn
das Ursymbol der antiken Seele fortan als der stoffliche Einzelkörper, das
der abendländischen als der reine, unendliche Raum bezeichnet wird, so darf
nie übersehen werden, daß Begriffe das nie zu Begreifende nicht darstellen,
daß vielmehr die Wortklänge nur ein Bedeutungsgefühl davon entwickeln
können. (Ebd., S. 227 ).
Der unendliche Raum ist das Ideal, welches die abendländische
Seele immer wieder in ihrer Umwelt gesucht hat. Sie wollte es in ihr unmittelbar
verwirklicht sehen, und dies erst gibt den unzähligen Raumtheorien der letzten
Jahrhunderte jenseits aller vermeintlichen Resultate ihre tiefe Bedeutung als
den Symptomen eines Weltgefühls. Inwiefern liegt die grenzenlose Ausgedehntheit
allem Gegenständlichen zugrunde? Kaum ein zweites Problem ist so ernsthaft
durchdacht worden, und fast hätte man glauben sollen, es hinge jede andre
Weltfrage von dieser einen nach dem Wesen des Raumes ab. Und ist es nicht für
uns in der Tat so? Warum hat denn niemand bemerkt, daß die gesamte
Antike kein Wort darüber verlor, ja daß sie nicht einmal das Wort besaß,
um dies Problem genau umschreiben zu können ? Warum schwiegen die großen
Vorsokratiker? Übersahen sie etwa in ihrer Welt gerade das, was uns
als das Rätsel aller Rätsel erscheint? Hätten wir nicht längst
einsehen sollen, daß in diesem Schweigen gerade die Lösung lag?
Wie kommt es, daß unserem tiefsten Gefühl nach »die Welt«
nichts anderes ist als jener durch das Tiefenerlebnis ganz eigentlich geborene
Weltraum, dessen erhabene Leere durch die in ihm verlorenen Fixsternsysteme
noch einmal bestätigt wird? Hätte man dies Gefühl
einer Welt einem antiken Denker auch nur begreiflich machen können?
Man entdeckt plötzlich, daß dies »ewige Problem«, das Kant
im Namen der Menschheit mit der Leidenschaft einer symbolischen Tat behandelte,
ein rein abendländisches und im Geiste der andern Kulturen gar nicht
vorhanden ist. (Ebd., S. 227-228 ).
Apollinische, faustische, magische Seele
Die
ägyptische Seele sah sich wandernd auf einem engen und unerbittlich vorgeschriebenen
Lebenspfad, über den sie einst den Totenrichtern Rechenschaft abzulegen hatte.
Das war ihre Schicksalsidee. Das ägyptische Dasein ist das eines Wanderers
in einer und immer der gleichen Richtung; die gesamte Formensprache seiner Kultur
dient der Versinnlichung dieses einen Motivs. Sein Ursymbol läßt sich,
neben dem unendlichen Raum des Nordens und dem Körper der Antike, durch das
Wort »Weg« am ehesten faßlich machen. (Ebd., S. 242 ).Trotzdem
gab es eine Kultur, deren Seele bei aller tiefinnerlichen Verschiedenheit zu einem
verwandten Ursymbol gelangte: die chinesische mit dem ganz im Sinne der Tiefenrichtung
empfundenen Prinzip des Tao. ( ).
Aber während der Ägypter den mit eherner Notwendigkeit vorgezeichneten
Weg zu Ende schreitet, wandelt der Chinese durch seine Welt; und deshalb
geleiten ihn nicht steinerne Schluchten mit fugenlos geglätteten Wänden
der Gottheit oder dem Ahnengrabe zu, sondern die freundliche Natur selbst. Nirgends
ist die Landschaft so zum eigentlichen Stoff der Architektur geworden. .... Der
Tempelbau ist kein Einzelbau, sondern eine Anlage, in welcher Hügel und Wasser,
Bäume, Blumen und bestimmt geformte und angeordnete Steine ebenso wichtig
sind wie Tore, Mauern, Brücken und Häuser. Diese Kultur ist die einzige,
in welcher die Gartenkunst eine religiöse Kunst großen Stils ist. Es
gibt Gärten, die das Wesen bestimmter buddhistischer Sekten widerspiegeln.
Aus der Architektur der Landschaft erst erklärt sich die der Bauten, ihr
flaches Sich-erstrecken und die Betonung des Daches als des eigentlichen Ausdrucksträgers.
Und wie die verschlungenen Wege durch Tore, über Brücken, um Hügel
und Mauern doch endlich zum Ziel führen, so leitet die Malerei den Betrachter
von einer Einzelheit zur anderen, während das ägyptische Relief ihn
herrisch in eine strenge Richtung verweist. »Das ganze Bild soll nicht mit
einem einzigen Blick umfaßt werden. Die zeitliche Abfolge setzt eine Folge
von Raumteilen voraus, durch die der Blick vom einen zum anderen wandern soll.«
Die ägyptische Architektur überwältigt das Bild der Landschaft,
die chinesische schmiegt sich ihm an; in beiden Fällen aber ist es die Tiefenrichtung,
die das Erlebnis des Raumwerdens immer gegenwärtig erhält. (Ebd.,
S. 244-245 ).Man
begreift nun, gerade aus dem Unterschied von Dom und Pyramidentempel trotz aller
tiefinnerlichen Verwandtschaft, das gewaltige Phänomen der faustischen Seele,
deren Tiefendrang sich nicht in das Ursymbol des Weges bannen ließ, sondern
von den frühesten Anfängen an über alle Grenzen optisch gebundener
Sinnlichkeit hinausstrebt. Kann etwas dem Sinne des ägyptischen Staates,
dessen Tendenz man als eine erhabene Nüchternheit bezeichnen möchte,
fremder sein als der politische Ehrgeiz der großen Sachsen-, Franken- und
Staufenkaiser, die am Überfliegen aller staatlichen Wirklichkeiten zugrunde
gingen? Die Anerkennung einer Grenze wäre ihnen gleichbedeutend mit
der Herabwürdigung der Idee ihres Herrschertums gewesen. Hier tritt der unendliche
Raum als Ursymbol in seiner ganzen unbeschreiblichen Macht in den Umkreis tätigpolitischen
Daseins, und man könnte zu den Gestalten der Ottonen, Konrads II., Heinrichs
VI. und Friedrichs II., die Normannen als Eroberer Rußlands, Grönlands,
Englands, Siziliens und beinahe auch Konstantinopels, und die großen Päpste
Gregor VII. und Innocenz III. fügen, die alle ihre sichtbare Machtsphäre
mit der damals bekannten Welt gleichsetzen wollten. Dies unterscheidet die homerischen
Helden mit ihrem geographisch so genügsamen Gesichtskreis von den stets im
Unendlichen schweifenden Helden der Grals-, Artus- und Siegfriedsage. Dies unterscheidet
auch die Kreuzzüge, zu denen die Krieger von den Ufern der Elbe und Loire
bis zu den Grenzen der bekannten Welt ausritten, von den geschichtlichen Ereignissen,
welche der Ilias zugrunde liegen und auf deren örtliche Enge und Übersehbarkeit
man aus dem Stil des antiken Seelentums mit Sicherheit schließen darf.
(Ebd., S. 255-256 ).Eine
Wahlverwandtschaft zwischen der russischen und magischen Seele ( )
ist wohl zu fühlen, aber das Ursymbol des Russentums, die unendliche Ebene,
findet wie religiös, so auch architektonisch noch keinen sicheren Ausdruck.
Das Kirchendach hebt sich hügelartig kaum von der Landschaft ab, und auf
ihm sitzen die Zeltdachspitzen mit den »Koschnicks«, welche das Aufstreben
verschleiern und aufheben sollen. Sie steigen nicht auf wie gotische Türme
und decken nicht zu wie die Kuppeln der Moschee, sondern sie »sitzen«
und betonen damit das Horizontale des Baus, der lediglich von außen
aufgefaßt sein will. Als der Synod um 1670 die Zeltdächer verbot und
die orthodoxen Zweibelkuppeln vorschrieb, wurden die schweren Kuppeln auf schlanke
Zylinder aufgesetzt, die in beliebiger Zahl (auf der Kirche in Kishi sind es 22)
auf der Dachebene »sitzen«. Das ist noch kein Stil, aber das Versprechen
eines Stils, der erst mit der eigentlich russischen Religion erwachen wird.
(Ebd., S. 259-260 ).Das
Meisterwerk aber, die früheste aller Moscheen, ist der Neubau des
Pantheon durch Hadrian, der hier sicherlich, wei es seinem Geschmack entsprach,
Kultbauten nachahmen wollte, die er im Orient gesehen hatte ( ).
(Ebd., S. 273 ).
Musik und Plastik (S. 282-380):
I. Die
bildenden Künste (S. 282-330) Musik
eine bildende Kunst [S. 282] Einteilung nach andern als historischen Gesichtspunkten
unmöglich [S. 284] Die Auswahl der Künste als Ausdrucksmittel
höherer Ordnung [S. 286] Apollinische und faustische Kunstgruppe [S.
288] Die Stufen der abendländischen Musik [S. 294] Die Renaissance
als antigotische (antimusikalische) Bewegung [S. 300] Charakter des Barock
[S. 307] Der Park [S. 310] Symbolik der Farben. Farben der Nähe
und Ferne [S. 317] Goldgrund und Atelierbraun [S. 320] Patina [S.
327] II. Akt
und Portrait (S. 330-380) Arten der Menschendarstellung
[S. 330] Portrait, Bußsakrament, Satzbau [S. 335] Die Köpfe
antiker SStatuen [S. 338] Kinder- und Frauenbildnisse [S. 341] Hellenistische
Bildnisse [S. 343] Das Barockbildnis [S. 345] Lionardo, Raffael
und Michelangelo als Überwinder der Renaissance [S. 351] Sieg der
Instrumentalmusik über die Ölmalerei um 1670 (entsprechend dem Sieg
der Rundplastik über das Fresko um 460 v. Chr.) [S. 361] Impressionismus
[S. 366] Pergamon und Bayreuth: Ausgang der Kunst [S. 374].
Die bildenden Künste
Das Weltgefühl des höheren
Menschen hat seinen symbolischen Ausdruck, wenn man von den mathematisch-naturwissenschaftlichen
Vorstellungskreisen und der Symbolik ihrer Grundbegriffe absieht, am deutlichsten
in den bildenden Künsten gefunden, deren es unzählige gibt. Auch
die Musik gehört dazu, und hätte man ihre sehr verschiedenen Arten
in die Untersuchungen über den Gang der Kunstgeschichte einbezogen, statt
sie vom Gebiet der malerisch-plastischen Künste zu trennen, so wäre
man im Verstehen dessen, um was es sich in dieser Entwicklung handelt, sehr viel
weiter gekommen. Aber man wird den Gestaltungsdrang der in den wortlosen
( )
Künsten am Werke ist, niemals begreifen, wenn man die Unterscheidung optischer
und akustischer Mittel für mehr als äußerlich hält. Das ist
es nicht, was Künste von einander scheidet. (Ebd., S. 282-283 ).Sobald
das Wort, ein Mitteilungszeichen des Verstehens, zum Ausdrucksmittel von Künsten
wird, hört das menschliche Wachsein auf, als Ganzes etwas auszudrücken
oder Eindrücke zu empfangen. Auch die künstlerisch gebrauchten Wortklänge
- um vom gelesenen Wort hoher Kulturen, dem Medium der eigentlichen Literatur,
zu schweigen - trennen unvermerkt Hören und Verstehen, denn die gewohnte
Wortbedeutung spielt mit, und unter der immer zunehmenden Macht dieser Kunst sind
auch die wortlosen Künste zu Ausdrucksweisen gelangt, welche die Motive mit
Wortbedeutungen verknüpfen. So entsteht die Allegorie, ein Motiv,
das ein Wort bedeutet, wie in der Barockskulptur seit Bernini; so wird
die Malerei sehr oft zu einer Art Bilderschrift wie in Byzanz seit dem 2. Konzil
von Nikäa (787), das den Künstlern Auswahl und Anordnung der Bilder
entzog, und so unterscheidet sich auch die Arie Glucks, deren Melodie aus dem
Sinn des Textes emporblüht, von derjenigen des Allessandro Scarlatti, dessen
an sich gleichgültige Texte die Singstimme nur tragen sollen. Ganz frei von
der Wortbedeutung ist der hochgotische Kontrapunkt des 13. Jahrhunderts, eine
reine Architektur von Menschenstimmen, in welcher mehrere Texte, selbst verschiedensprachige,
geistliche und weltliche, gleichzeitig gesungen wurden. (Ebd., S. 282 ).
 Alle
antike Baukunst beginnt außen, alle abendländische innen. Auch die
arabische beginnt im Innern, aber sie hält sich auch dort. Einzig und allein
die faustische Seele bedurfte eines Stils, der durch die Mauern in den grenzenlosen
Weltraum dringt und Innen- wie Außenseite zu entsprechenden Bildern ein
und desselben Weltgefühls macht. Basilika und Kuppelbau können draußen
architektonisch verziert sein, aber sie sind dort nicht Architektur.
Was man sieht, wenn man sich ihnen nähert, wirkt wie schützend und ein
Geheimnis verdeckend. Die Formensprache in der höhlenhaften Dämmerung
ist nur für die Gemeinde da, und darin besteht die Verwandtschaft zwischen
den höchsten Beispielen dieses Stils und den einfachsten Mithräen und
Katakomben. Das war der erste starke Ausdruck einer neuen Seele. Sobald der germanische
Geist diesen basilikalen Typus in Besitz nimmt, beginnt eine wunderbare Veränderung
aller Bauelemente nach Lage und Sinn. Hier im faustischen Norden bezieht sich
von nun an die äußere Gestalt des Bauwerkes, und zwar vom Dom bis zum
schlichten Wohnhause, auf den Sinn, in welchem die Gliederung des Innenraumes
erfolgt ist. Die Moschee verschweigt sie, der Tempel kennt sie nicht. Der
faustische Bau hat ein »Gesicht«, nicht nur eine Fassade -
dagegen ist die Frontseite eines Peripteros eben nur eine Seite, und der Zentralkuppelbau
besitzt der Idee nach nicht einmal eine Front -, und zum Gesicht, zum Haupt gesellt
sich ein gegliederter Rumpf, der durch die weite Ebene zieht wie der Dom von Speyer
oder sich zum Himmel aufreckt wie der von Reims mit den zahllosen Turmspitzen
des ursprünglichen Entwurfs. Das Motiv der Fassade, die den Betrachter anblickt
und vom inneren Sinn des Hauses zu ihm redet, beherrscht nicht nur unsre großen
Einzelbauten, sondern das gesamte fensterreiche Bild unsrer Straßen, Plätze
und Städte. (Ebd., S. 288-289 ).
Akt und Portrait
Hier beginnt die faustische Seele grammatische
Zustände verschiedenster Herkunft für sich umzuprägen. Dies hervortretende
»Ich« enthält die erste Morgenröte jener Idee der persönlichkeit,
die viel später das Sakrament der Buße und persönlichen
Lossprechung schuf. Dieses »ego habeo
factum«, die Einschaltung der Hilfszeitwörter haben und sein zwischen
einen Täter und eine Tat an Stelle des feci, eines bewegten Leibes,
ersetzt die Welt von Körpern durch eine solche von Funktionen zwischen Kraftmittelpunkten,
die Statik des Satzes durch Dynamik. (Ebd., S. 335-336 ).Der
Impressionismus ist der umfassende Ausdruck eines Weltgefühls, und es versteht
sich, daß er die gesamte Physiognomie unser späten Kultur durchdringt.
(Ebd., S. 366 ).Im
»Tristan« stirbt die letzte der faustischen Künste. Dies Werk
ist der riesenhafte Schlußstein der abendländischen Musik. Die Malelerei
hat es nicht zu einem so mächtigen Finale gebracht. Manet, Menzel und Leibl,
in deren Freilichtstudien die Ölmalerei alten Stils noch einmal wie aus dem
Grabe hervorkommt, wirken dagegen klein. Die apollinische Kunst ging »gleichzeitig«
mit der pergamenischen Plastik zu Ende. Pergamon
ist das Seitenstück von Bayreuth. Der berühmte Altar selbst ist zwar
ein späteres und vielleicht nicht das bedeutendste Werk der Epoche. Man muß
(etwa 330-220) eine lange, verschollene Entwicklung voraussetzen. Aber alles,
was Nietzsche gegen Wagner und Bayreuth, den »Ring« und den »Parsifal«
vorbrachte, läßt sich, unter Gebrauch ganz derselben Ausdrücke
wie Dekadenz und Schauspielerei, auf diese Plastik anwenden, von der uns im Gigantenfries
des großen Altars - auch einem »Ring« - ein Meisterwerk erhalten
ist. Dieselbe Theatralik, dieselbe Anlehnung an alte, mythische, nicht mehr geglaubte
Motive, dieselbe rücksichtslose Massenwirkung auf die Nerven, aber auch dieselbe
sehr bewußte Wucht, Größe und Erhabenheit, die dennoch einen
Mangel an innerer Kraft nicht ganz zu verbergen weiß. Der farnesische Stier
und das ältere Vorbild der Laokoongruppe stammen sicherlich aus diesem Kreise.
(Ebd., S. 374 ).Es
war die überpersönliche Regel, die absolute Mathematik der Form, das
Schicksal der langsam gereiften Sprache einer großen Kunst, hier
wie dort, was man nicht mehr ertrug. Lysipp (ca. 380-310) steht darin hinter Polyklet
(5. Jh v. Chr.), und die Schöpfer der Galliergruppen hinter Lysipp zurück.
Das entspricht dem Wege von Bach (1685-1750) über Beethoven (1770-1827) zu
Wagner (1813-1883). Die frühen Künstler fühlen sich als Meister
der großen Form, die späten als deren Sklaven. Was noch Praxiteles
(5./4. Jh.) und Haydn (1732-1809) innerhalb der strengsten Konvention in vollkommener
Freiheit und Heiterkeit zu sagen vermochten, brachten Lysipp und Beethoven nur
unter Vergewaltigungen zustande ( ).
Noch Mozart (1756-1791) und Cimarosa (1749-1801) beherrschten die Muttersprache
ihrer Kunst. Von da an beginnt man ihr radezubrechen, aber niemand empfindet das,
weil niemand mehr fließend sprechen kann. Freiheit und Notwendigkeit waren
einst identisch. Jetzt versteht man unter Freiheit Mangel an Zucht. (Ebd.,
S. 375 ).Wagner
wußte, daß er nur dann die Höhe erreichte, wenn er seine ganze
Energie zusammennahm und aufs peinlichste die besten Augenblicke seiner künstlerischen
Begabung ausnützte. (Ebd., S. 376 ).Zwischen
Wagner (1813-1883) und Manet (1832-1883) besteht eine tiefe Verwandtschaft, die
wenigen fühlbar sein wird, die aber ein Kenner alles Dekadenten wie Baudelaire
(1821-1867) schon früh herausfand. Aus farbigen Strichen und Flecken eine
Welt im Raume hervorzuzaubern, das war die letzte, sublimste Kunst der Impressionisten.
Wagner leistet das mit drei Takten, in denen sich eine ganze Welt von Seele zusammendrängt.
Die Farben der sternhellen Mitternacht, der ziehenden Wolken, des Herbstes, der
schaurig-wehmütigen Morgenfrühe, überraschende Blicke auf sonnenbelichtete
Fernen, die Weltangst, das nahe Verhängnis, das Verzagen, das verzweifelte
Durchbrechen, die jähe Hoffnung, Eindrücke, die vorher kein Musiker
für erreichbar gehalten hätte, malt er in vollkommener Deutlichkeit
mit ein paar Tönen eines Motivs. Hier ist der äußerste Gegensatz
zur griechischen Plastik erreicht. Alles versinkt in körperlose Unendlichkeit;
selbst eine linienhafte Melodie ringt sich nicht mehr aus den vagen Tonmassen
los, die in seltsamen Wogen einen imaginären Raum heraufrufen. Das Motiv
taucht aus dunkler und furchtbaerer Tiefe auf, flüchtig von einem großen
Licht überstrahlt; plötzlich steht es in schrecklicher Nähe; es
lächelt, es schmeichelt, es droht; bald ist es im Reiche der Streichinstrumente
verschwunden, bald nähert es sich wieder aus endlosen Fernen, von einer einzelnen
Oboe leise variiert, mit einer immer neuen Fülle seelischer Farben.
(Ebd., S. 376-377 ).Alles,
was Nietzsche von Wagner gesagt hat, gilt auch von Manet. Scheinbar eine Rückkehr
zum Elementarischen, zur Natur gegenüber der Inhaltsmalerei und der absoluten
Musik, bedeutet ihre Kunst ein Nachgeben vor der Barbarei der großen Städte.
(Ebd., S. 377 ).
Eine künstliche Kunst ist keiner organischen Fortentwicklung fähig.
Sie bezeichnet das Ende. Daraus folgt - eine bittere Erkenntnis -, daß es
mit der abendländischen bildenden Kunst unwiderruflich zu Ende ist. Die Krisis
des 19. Jahrhunderts war der Todeskampf. .... Was heute als Kunst betrieben wird,
ist Ohnmacht und Lüge, die Musik nach Wagner (1813-1883) so gut wie die Malerei
nach Manet (1832-1883), Cézanne (1839-1906), Leibl (1844-1900) und Menzel
(1815-1905). Man suche doch die großen Persönlichkeiten, welche die
Behauptung rechtfertigen, daß es noch eine Kunst von schicksalhafter Notwendigkeit
gebe. Man suche nach der selbstverständlichen und notwendigen Aufgabe,
die auf sie wartet. Man gehe durch die Ausstellungshallen, Konzerte, Theater und
man wird nur betriebsame Macher und lärmende Narren finden, die sich daran
gefallen, etwas - innerlich längst als überflüssig Empfundenes
- für den Markt herzurichten. Auf welcher Stufe der innern und äußern
Würde steht heute alles, was Kunst und Künstler heißt! In
der Generalversammlung irgendeiner Aktiengesellschaft oder unter Ingenieuren der
erstbesten Maschinenfabrik wird man mehr Intelligenz, Geschmack, Charakter und
Können bemerken als in der gesamten Malerei und Musik des gegenwärtigen
Europa. (Ebd., S. 377-378 ).Man
könnte heute alle Kunstanstalten schließen, ohne daß die Kunst
davon auch nur berührt würde. Wir dürfen uns nur in das Alexandria
des Jahres 200 v. Chr. versetzen, um den Kunstlärm kennen zu lernen, mit
dem eine weltstädtische Zivilisation sich über den Tod ihrer Kunst zu
täuschen versteht. Dort, wie heute in den Weltstädten Westeuropas, eine
Jagd nach den Illusionen einer künstlerischen Fortentwicklung, der persönlichen
Eigenart, des »neuen Stils«, der »ungeahnten Möglichkeiten«,
ein theoretisches Geschwätz, eine anspruchsvolle Haltung tonangebender Künstler
wie die von Akrobaten, die mit Zentnergewichten von Pappe hantieren (»hodlern«
), der Literat statt des Dichters, die scharmlose Farce des Expressionismus als
ein Stück Kunstgeschichte, das der Kunsthandel organisiert hat, das Denken,
Fühlen und Formen als Kunstgewerbe. Auch Alexandria hatte seine Problemdramatiker
und Regiekünstler, die man Sophokles (ca. 496-406) vorzog, und seine Maler,
die neue Richtungen erfanden und ihr Publikum verblüfften. (Ebd., S.
378 ).Jede
Modernität hält Abwechslung für Entwicklung. Die Wiederbelebungen
und Verschmelzungen alter Stile treten an die Stelle wirklichen Werdens. Auch
Alexandria hatte seine prärafaelitischen Hanswurste, mit Vasen, Stühlen,
Bildern und Theorien, seine Symbolisten, Naturalisten und Exprssionisten. In Rom
gibt man sich bald gräko-asiatisch, bald gräko-ägyptisch, bald
archaisch, bald - nach Praxiteles (5./4. Jh.) - neuattisch. Das Relief der 19.
Dynastie (1345-1200), der ägyptischen Modernität, das massenhaft, sinnlos
anorganisch Wände, Statuen, Säulen überzieht, wirkt wie eine Parodie
auf die Kunst des Alten Reiches. Der ptolemäische Horustempel in Edfu endlich
ist in der Leerheit willkürlich gehäufter Formen nicht mehr zu überbieten.
Das ist der prahlerische und aufdringliche Stil unsrer Straßen, monumentalen
Plätze und Ausstellungen, obwohl wir uns erst am Anfang dieser Entwicklung
befinden. - Endlich erlischt auch die Kraft, etwas anderes auch nur zu wollen.
Schon der große Ramses eignete sich Bauten seiner Vorgänger an, indem
er in Inschriften und Reliefszenen die Namen ausmeißeln und durch den eigenen
ersetzen ließ. (Ebd., S. 379 ).Denn
man man bemerke wohl: diese Kopisten waren die Künstler der Zeit.
(Ebd., S. 379 ).
Das letzte Ergebnis ist ein feststehender, unermüdlich kopierter
Formenschatz. (Ebd., S. 380).
Seelenbild und Lebensgefühl (S. 381-481):
I.
Zur
Form der Seele (S. 381-434) Das Seelenbild
eine Funktion des Weltbildes [S. 381] Psychologie eine Gegenphysik [S.
384] Apollinisches, magisches, faustisches Seelenbild [S. 386] Der
Wille im gotischen Seelenraum [S. 393] Die innere
Mythologie [S. 398] Wille und Charakter [S. 401] Antike Haltungs-
und faustische Charaktertragödie [S. 406] Symbolik des Bühnenbildes
[S. 413] Tages- und Nachtkunst [S. 416] Popularität und Esoterik
[S. 419] Das astronomische Bild [S. 424] Der geographische Horizont
[S. 427] II. Buddhismus,
Stoizismus, Sozialismus (S. 434-481)
Die faustische Moral rein dynamisch [S. 434] Jede Kultur besitzt eine eigne
Form von Moral [S. 439] Haltungs- und Willensmoral [S. 441] Buddha,
Sokrates, Rousseau als Wortführer anbrechender Zivilisationen [S. 448]
Tragische und Plebejermoral [S. 452] Rückkehr zur Natur, Irreligion,
Nihilismus [S. 455] Der ethische Sozialismus [S. 462] Gleicher Bau
der Philosophiegeschichte in jeder Kultur [S. 467] Die zivilisierte Philosophie
des Abendlandes [S. 471].
Zur Form der Seele
Jeder Philosoph von Beruf ist gezwungen,
ohne ernstliche Nachprüfung an das Dasein eines Etwas zu glauben, das sich
in seinem Sinne verstandesmäßig behandeln läßt, denn seine
ganze geistige Existenz hängt von dieser Möglichkeit ab. Es gibt deshalb
für jeden noch so skeptischen Logiker und Psychologen einen Punkt, an welchem
die Kritik schweigt und der Glaube beginnt, wo selbst der strengste Analytiker
aufhört, seine Methode - gegen sich selbst nämlich und auf die Frage
der Lösbarkeit, selbst des Vorhandenseins seiner Aufgabe - anzuwenden. Den
Satz: Es ist möglich, durch das Denken die Formen des Denkens festzustellen,
hat Kant nicht bezweifelt, so zweifelhaft er dem Nichtphilosophen erscheinen mag.
Den Satz: es gibt eine Seele, deren Struktur wissenschaftlich zugänglich
ist; was ich durch kritische Zerlegung bewußter Daseinsakte in Gestalt von
psychischen »Elementen«, »Funktionen«, »Komplexen«
feststelle, das ist meine Seele - hat noch kein Psychologe bezweifelt.
Gleichwohl hätten die stärksten Zweifel sich hier einstellen sollen.
Ist eine abstrakte Wissenschaft vom Seelischen überhaupt möglich? Ist,
was man auf diesem Wege findet, identisch mit dem, was man sucht? Warum
ist alle Psychologie, nicht als Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, sondern
als Wissenschaft genommen, von jeher die flachste und wertloseste aller philosophischen
Disziplinen geblieben, in ihrer völligen Leerheit ausschließlich der
Jagdgrund mittelmäßiger Köpfe und unfruchtbarer Systematiker?
Der Grund ist leicht zu finden. Die »empirische« Psychologie hat das
Unglück, nicht einmal ein Objekt im Sinne irgend einer wissenschaftlichen
Technik zu besitzen. Ihr Suchen und Lösen von Problemen ist ein Kampf mit
Schatten und Gespenstern. Was ist das - Seele? Könnte der bloße
Verstand darauf eine Antwort geben, so wäre die Wissenschaft bereits überflüssig.
(Ebd., S. 381-382 ).Keiner
der tausend Psychologen unsrer Tage hat eine wirkliche Analyse oder Definition
»des« Willens, der Reue, der Angst, der Eifersuchz, der Laune, der
künstlerischen Intuition geben können. Natürlich nicht, denn man
zergliedert nur systematisches und man definiert nur Begriffe durch Begriffe.
Alle Feinheitem des geistigen Spiels mit begrifflichen Distinktionen, alle vermeintlichen
Beobachtungen vom Zusammenhang sinnlich-körperlicher Befunde mit »inneren
Vorgängen« berühren nichts von dem, was hier in Frage steht. Wille
- das ist kein Begriff, sondern ein Name, ein Urwort wie Gott, ein Zeichen für
etwas, dessen wir innerlich unmittelbar gewiß sind, ohne es jemals beschreiben
zu können. (Ebd., S. 382 ).Dasjenige,
was hier gemeint ist, bleibt der gelehrten Forschung für immer unzugänglich.
Nicht umsonst warnt jede Sprache mit ihren tausendfach sich verwirrenden Bezeichnungen
davor, Seelisches theoretisch aufteilen, es systematisch ordnen zu wollen. Hier
ist nichts zu ordnen. Kritische - »scheidende« - Methoden beziehen
sich allein auf die Welt als Natur. (Ebd., S. 382 ).Wie
»die Zeit« ein Gegenbegriff zum Raum, so ist »die Seele«
eine Gegenwelt zur »Natur« und von deren Auffassung in jedem Augenblick
mitbestimmt. Es war gezeigt worden ( ),
wie »die Zeit« aus dem Gefühl der Richtung des ewig bewegten
Lebens, aus der inneren Gewißheit eines Schicksals heraus als gedankliches
Negativ zu einer positiven Größe entstand, als Inkarnation dessen,
was nicht Ausdehnung ist, und daß sämtliche »Eigenschaften«
der Zeit, durch deren abstrakte Zerlegung die Philosophen das Zeitproblem lösen
zu können glauben, als Umkehrung der Eigenschaften des Raumes im Geiste allmählich
gebildet und geordnet worden sind. Genau auf demselben Wege ist die Vorstellung
vom Seelischen als Umkehrung und Negativ der Weltvorstellung unter Zuhilfenahme
der räumlichen Polarität »außen-innen« und durch entsprechende
Umdeutung der Merkmale entstanden. Jede Psychologie ist eine Gegenphysik.
(Ebd., S. 383-384 ).
Ein »exaktes Wissen« von der ewig geheimnisvollen Seele
erhalten zu wollen, ist sinnlos. (Ebd., S. 384 ).
Aber der späte städtische Trieb, abstrakt zu denken, zwingt den
»Physiker der inneren Welt« gleichwohl dazu, eine Scheinwelt von Vorstellungen
durch immer neue Vorstellungen, Begriffe durch Begriffe zu erklären. Er enkt
das Nichtausgedehnte in Ausgedehntes um, er erbaut als Ursache dessen, was nur
physiognomisch in Erscheinung tritt, ein System, und in diesem glaubt er, die
Struktur »der Seele« vor Augen zu haben. Aber schon die Worte, welche
in allen Kulturen gewählt werden, um diese Ergebnisse gelehrter Arbeit mitzuteilen,
verraten alles. Da ist von Funktionen, Gefühlskomplexen, Triebfedern, Bewußtseinsschwellen,
von Verlauf, Breite, Intensität, Parallelismus der seelischen Prozesse die
Rede. Aber alle diese Worte stammen aus der Vorstellungsweise der Naturwissenschaft.
»Der Wille bezieht sich auf Gegenstände« - das ist doch ein Raumbild.
Bewußtes und Unbewußtes - da liegt allzu deutlich das Schema von überirdisch
und unterirdisch zugrunde. In den modernen Theorien des Willens wird man die ganze
Formensprache der Elektrodynamik finden. Wir reden von Willensfunktionen und Denkfunktionen
in genau demselben Sinne wie von Funktionen eines Kräftesystems. Ein Gefühl
analysieren, heißt ein raumartiges Schattenbild an seiner Stelle mathematisch
behandeln, es abgrenzen, teilen und messen. Jede Seelenforschung dieses Stils,
sie mag sich über Gehirnanatomie noch so erhaben dünkeln, ist voll von
mechanischen Lokalisationen und bedient sich, ohne es zu bemerken, eines eingebildeten
Koordiantensystems in einem eingebildeten Seelenraum. Der »reine«
Psychologe merkt gar nicht, daß er den Physiker kopiert. Kein Wunder, daß
sein Verfahren mit den albernsten Methoden der experimentellen Psychologie so
verzweifelt gut übereinstimmt. Gehirnbahnen und Assoziationsfasern entsprechen
der Vorstellungsweise nach durchaus dem optischen Schema: »Willens-«
oder »Gefühlsverlauf« ; sie behandelm beide verwandte, nämlich
räumliche Phantome. Es ist kein großer Unterschied, ob ich ein
psychisches Vermögen begrifflich oder eine entsprechende Region der Großhirnrinde
graphisch abgrenze. Die wissenschaftliche Psychologie hat ein geschlossenes System
von Bildern herausgearbeitet und bewegt sich mit vollkommener Selbstverständlichkeit
in ihm. Man prüfe jede einzelne Aussage jedes einzelnen Psychologen und man
wird nur Variationen dieses Systems im Stile der jeweiligen Außenwelt finden.
(Ebd., S. 384-385 ).Das
klare, vom Sehen abgezogene Denken setzt den Geist einer Kultursprache als Mittel
voraus, das, vom Seelentum einer Kultur als Teil und Träger ihres Ausdrucks
geschaffen, nun eine »Natur« der Wortbedeutungen, einen sprachlichen
Kosmos bildet, innerhalb dessen die abstrakten Begriffe, Urteile, Schlüsse
- Abbilder von Zahl, Kausalität, Bewegung - ihr mechanisch bestimmtes Dasein
führen. Das jeweilige Bild der Seele ist also vom Wortgebrauch und dessen
tiefer Symbolik abhängig. Die abendländischen - faustischen - Kultursprachen
besitzen sämtlich den Begriff »Wille« - eine mythische Größe,
die gleichzeitig durch die Umbildung des Verbums versinnlicht wird, die einen
entscheidenden Gegensatz zum aniken Sprachgebrauch und also Seelenbilde
schafft. Ego habeo factum statt feci ( )
- da erscheint ein numen der inneren Welt. Mithin erscheint, von der Sprache
bestimmt, im wissenschaftlichen Seelenbilde aller abendländischen Psychologien
die Gestalt des Willens als ein wohlumgrenztes Vermögen, das man in den einzemen
Schulen wohl verschieden bestimmt, dessen Vorhandensein an sich aber keiner Kritik
unterworfen ist. (Ebd., S. 385 ).Ich
behaupte also, daß die gelehrte Psychologie, weit entfernt, das Wesen der
Seele aufzudecken oder auch nur zu berühren - es ist hinzuzufügen, daß
jeder von uns, ohne es zu wissen, Psychologie dieser Art treibt, wenn er sich
eigne oder fremde Seelenregungen »vorzustellen« sucht -, zu allen
Symbolen, die den Makrokosmos des Kultmenschen bilden, ein weiteres hinzufügt.
Wie alles Vollendete, nicht sich Vollendende, stellt es einen Mechanismus
an Stelle eines Organismus dar. Man vermißt im Bilde, was unser Lebensgefühl
erfüllt und was doch gerade »Seele« sein sollte: das Schicksalhafte,
die wahllose Richtung des Daseins, das Mögliche, welches das Leben in seinem
Ablauf verwirklicht. Ich glaube nicht, daß in irgend einem psychologischen
System das Wort Schicksal vorkommt, und man weiß, das nichts in der Welt
weiter von wirklicher Lebenserfahrung und Menschenkenntnis entfernt ist als ein
solches System. Assoziationen, Apperzeptionen, Affekte, Triebfedern, Denken, Fühlen,
Wollen - alles das sind tote Mechanismen, deren Topographie den belanglosen Inhalt
der Seelenwissenschaft bildet. Man wollte das Leben finden und traf auf eine Ornamentik
von Begriffen. Die Seele blieb, was sie war, das weder gedacht noch vorgestellt
werden kann, das Geheimnis, das ewig Werdende, das reine Erlebnis.
(Ebd., S. 386 ).Die
russische, willenlose Seele, deren Ursymbol die unendliche Ebene ist, sucht in
der Brüderwelt, der horizontalen, dienend, namenlos, sich verlierend
aufzugeben. .... Etwas davon liegt auch dem magischen Seelenbild ( )
zugrunde. (Ebd., S. 394 ).Jede
Kultur hat ihren ganz bestimmten Grad von Esoterik und Popularität, der ihren
gesamten Leistungen innewohnt, soweit sie symbolische Bedeutung haben. (Ebd.,
S. 419 ).
Das Gemeinverständliche hebt den Unterschied
zwischen Menschen auf, hinsichtlich des Umfangs wie der Tiefe ihres Seelischen.
Die Esoterik betont ihn, verstärkt ihn. Endlich, auf das ursprüngliche
Tiefenerlebnis der zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschen angewandt und
damit auf das Ursymbol seines Denkens und den Stil seiner Umwelt bezogen: zum
Ursymbol des Körperhaften gehört die rein populäre, »naive«,
zum Symbol des unendlichen Raumes die ausgesprochen unpopuläre Beziehung
zwischen Kulturschöpfungen und den dazugehörigen Kulturmenschen.
(Ebd., S. 419-420 ).Die
antike Geometrie ist die des Kindes, die eines jeden Laien. Der Alltagsverstand
wird Euklids Elemente stets für die einzig richtige und wahre halten. Alle
anderen Arten natürlicher Geometrie, die möglich sind und die - in angestrengter
Überwindung des populären Augenscheins - von uns gefunden wurden, sind
nur einem Kreis berufener Mathematiker verständlich. Die berühmten 4
Elemente des Empedokles sind die jedes naiven Menschen und seiner »angeborenen
Physik«. Die von der radioaktiven Forschung entwickelte Vorstellung von
isotopen Elementen ist schon den Gelehrten der Nachbarwissenschaften kaum verständlich.
Alles Antike ist mit einem Blick zu umfassen, sei es der dorische Tempel, die
Statue, die Polis, der Götterkult; es gibt keine Hintergründe und Geheimnisse.
Aber man vergleiche daraufhin eine gotische Domfassade mit den Propyläen,
eine Radierung mit einem Vasengemälde, die Politik des athenischen Volkes
mit der ... Kabinettspolitik. Man bedenke, wie jedes unserer epochemachenden Werke
der Poesie, der Politik, der Wissenschaft eine ganze Literatur von Erklärungen
hervorgerufen hat, mit sehr zweifelhaftem Erfolge dazu. Die Parthenonskulpturen
waren für jeden Hellenen da, die Musik Bachs und seiner Zeitgenossen war
eine Musik für Musiker. Wir haben den Typus des Rembrandtkenners, des Dantekenners,
des Kenners der kontrapunktischen Musik, und es ist - mit Recht - ein Einwand
gegen Wagner, daß der Kreis der Wagnerianer allzu weit werden konnte, daß
allzu wenig von seiner Musik nur dem gewiegten Musiker zugänglich
bleibt. Aber eine Gruppe von Phidiaskennern? Oder gar Homerkennern?
Hier wird eine Reihe von Erscheinungen als Symptome des abendländischen Lebensgefühls
verständlich, die man bisher geneigt war als allgemein menschliche Beschränktheiten
moralphilosophisch oder wohl richtiger melodramatisch aufzufassen. Der »unverstandene
Künstler«, der »verhungernde Poet«, der »verhöhnte
Erfinder«, der Denker, »der erst in Jahrhunderten begriffen wird«
- das sind Typen einer esoterischen Kultur. Der Pathos der Distanz, in dem sich
der Hang zum Unendlichen und also der Wille zur Macht verbirgt, liegt diesen Schicksalen
zugrunde. Sie sind im Umkreise faustischen Menschentums ... ebenso notwendig,
als sie unter apollinischen Menschen undenkbar sind. (Ebd., S. 420-421 ).Alle
hohen Schöpfer des Abendlandes waren von Anfang bis zu Ende in ihren eigentlichen
Absichten nur einem kleinen Kreise verständlich. Michelangelo hat gesagt,
das sein Stil dazu berufen sei, Narren zu züchten. Gauß hat dreißig
Jahre lang seine Entdeckungen der nichteuklidischen Geometrien verschwiegen, weil
er das »Geschrei der Böoter« fürchtete. Die großen
Meister der gotischen Kathedralplastik findet man heute erst aus dem Durchschnitt
heraus. Aber das gilt von jedem Maler, jedem Staatsmann, jedem Philosophen. Man
vergleiche doch Denker beider Kulturen, Anaximander, Heraklit, Protagoras mit
Giordano Bruno, Leibniz oder Kant. Man denke daran, daß kein deutscher Dichter,
der überhaupt Erwähnung verdient, von Durchschnittsmenschen verstanden
werden kann und daß es in keiner abendländischen Sprache ein Werk vom
Range und zugleich der Simplizität des Homer gibt. Das Nibelungenlied ist
eine spröde und verschlossene Dichtung, und Dante zu verstehen, ist wenigstens
in Deutschland selten mehr als eine literarische Pose. Was es in der Antike nie
gab, hat es im Abendland immer gegeben: die exklusive Form. (Ebd., S. 421
).Man
betrachte ... unsere Wissenschaften, die alle, ohne Ausnahme, neben elementaren
Anfangsgründen »höhere«, dem Laien unverständliche
Gebiete haben - auch dies ein Symbol des Unendlichen und der Richtungsenergie.
Es gibt bestenfalls tausend Menschen auf der Welt, für welche heute die letzten
Kapitel der theoretischen Physik geschrieben werden. Gewisse Probleme der modernen
Mathematik sind nur einem noch viel engeren Kreis zugänglich. Alle volkstümlichen
Wissenschaften sind heute von vornherein wertlose, verfehlte, verfälschte
Wissenschaften. Wir haben nicht nur eine Kunst für Künstler, sondern
auch eine Mathematik für Mathematiker, eine Politik für Politiker -
von der das profanum vulgus der Zeitungsleser keine Ahnung hat (die
große Masse der Sozialisten würde sofort aufhören es zu sein,
wenn sie den Sozialismus der neun oder zehn Menschen, die ihn heute in seinen
äußersten historischen Konsequenzen begreifen, auch nur von fern verstehen
könnte), während die antike Politik niemals über den geistigen
Horizont der Agora hinausging - eine Religion für das »religiöse
Genie« und eine Poesie für Philosophen. Man kann den beginnenden Verfall
der abendländischen Wissenschaft, der deutlich fühlbar ist, allein an
dem Bedürfnis nach einer Wirkung ins Breite ermessen; daß die strenge
Esoterik der Barockzeit als drückend empfunden wird, verrät die sinkende
Kraft, die Abnahme des Distanzgefühls, das diese Schranke ehrfürchtig
anerkennt. Die wenigen Wissenschaften, die heute noch ihre ganze Feinheit,
Tiefe und Energie des Schließens und Folgerns bewahrt haben und nicht vom
Feuilletonismus angegriffen sind - es sind nicht mehr viele: die theoretische
Physik, die Mathematik, die katholische Dogmatik, vielleicht noch die Jurisprudenz
-, wenden sich an einen ganz engen, gewählten Kreis von Kennern. Der Kenner
aber ist es, der mit seinem Gegensatz, dem Laien, der Antike fehlt, wo jeder alles
kennt. Für uns hat diese Polarität von Kenner und Laie den
Rang eines großen Symbols, und wo die Spannung dieser Distanz nachzulassen
beginnt, da erlischt das faustische Lebensgefühl. - Dieser Zusammenhang gestattet
für die letzten Fortschritte der abendländischen Forschung - also für
die nächsten zwei, vielleicht nicht einmal zwei Jahrhunderte - den Schluß,
daß, je höher die weltstädtische ( )
Leere und Trivialität der öffentlich und »praktisch« gewordenen
Künste und Wissenschaften steigt, desto strenger sich der postume Geist der
Kultur in sehr enge Kreise flüchten und dort ohne Zusammenhang mit der Öffentlichkeit
an Gedanken und Formen wirken wird, die nur einer äußerst geringen
Anzahl von bevorzugten Menschen etwas bedeuten können. (Ebd., S. 422-423 ).Die
altnordischen Stämme, in deren urmenschlicher Seele das Faustische ( )
sich bereits zu regen begann, haben in grauer Vorzeit eine Segelschiffahrt
erfunden, die sich vom Festland befreite. Sie reichte im 2. Jahrtausend v. Chr.
von Island und der Nordsee über Kap Finisterre (spanische Nordwestküste)
nach den Kanarischen Inseln und Westafrika, wovon die Antlantissagen der Griechen
eine Erinnerung bewahrten. Das Reich von Tartessos an der Mündung des Guadalquivir
scheint ein Mittelpunkt gewesen zu sein. Vgl. Leo Frobenius (1873-1938 ),
Das unbekannte Afrika, S. 139. In irgendeinem Zusammenhang damit müssen
die »Seevölker« gestanden haben. Wikingerschwärme, die nach
langer Länderwanderung von Nord nach Süd im Schwarzen oder Ägäischen
Meer wieder Schiffe zimmerten und seit Ramses II. (1292-1225) gegen Ägypten
vorbrachen. (Ebd., S. 428 ).
Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus
Es
gibt so viel Moralen, als es Kulturen gibt, nicht mehr und nicht weniger. Niemand
hat hier eine frei Wahl. So gewiß es für jeden Maler und Musiker etwas
gibt, das ihm infolge der Wucht einer inneren Notwendigkeit gar nicht zum Bewußtsein
kommt, das die Formensprache seiner Werke von vornherein beherrscht und sie von
den künstlerischen Leistungen aller anderen Kulturen unterscheidet,
so gewiß hat jede Lebensauffassung eines Kulturmenschen von vornherein,
a priori in Kants strengstem Sinne, eine Beschaffenheit, die noch tiefer liegt
als alles augenblickliche Urteilen und Streben und die ihren Stil als den einer
bestimmten Kultur erkennen läßt. Der einzelne kann moralisch oder unmoralisch
handeln, »gut« oder »böse« aus dem Urgefühl
seiner Kultur heraus, aber die Theorie seines Handelns ist schlechthin gegeben.
Jede Kultur hat dafür ihren eigenen Maßstab, dessen Gültigkeit
mit ihr beginnt und endet. Es gibt keine allgemein menschliche Moral.
(Ebd., S. 439-440 ).Es
gibt also im tiefsten Sinne auch keine wahre Bekehrung und kann keine geben. Jede
bewußte Art des Sichverhaltens auf Grund von überzeugungen ist ein
Urphänomen, die zur »zeitlosen Wahrheit« gewordene Grundrichtung
eines Daseins. Unter was für Worten und Bildern man sie zum Ausdruck bringt,
ob als Satzung einer Gottheit oder als Ergebnis philosophischen Nachdenkens, ob
in Sätzen oder Symbolen, ob als Verkündung eigner Gewißheit oder
als Widerlegung einer fremden, macht wenig aus; genug, daß sie vorhanden
ist. Man kann sie wecken und theoretisch in eine Lehre fassen, ihren geistigen
Ausdruck verändern und verdeutlichen; erzeugen kann man sie nicht. So wenig
wir imstande sind, unser Weltgefühl zu ändern - so wenig, daß
selbst der Versuch einer Änderung schon in seinem Stile verläuft und
es bestätigt, statt es zu überwinden -, so wenig haben wir Gewalt über
die ethische Grundform unsres Wachseins. Man hat in den Worten einen gewissen
Unterschied gemacht und die Ethik eine Wissenschaft, die Moral eine Aufgabe genannt,
aber es gibt in diesem Sinne keine Aufgabe. So wenig die Renaissance fähig
war, die Antike wieder heraufzurufen, und so sehr sie mit jedem antiken Motiv
nur das Gegenteil apollinischen Weltgefühls zum Ausdruck brachte, eine versüdlichte,
eine »antigotische Gotik« nämlich, so unmöglich ist die
Bekehrung eines Menschen zu einer seinem Wesen fremden Moral. Mag man heute von
einer Umwertung aller Werte reden, mag man als moderner Großstädter
zum Buddhismus, zum Heidentum oder zu einem romantischen Katholizismus »zurückkehren«,
mag der Anarchist für individualistische, der Sozialist für Gesellschaftsethik
schwärmen, man tut, will, fühlt trotzdem dasselbe. Die Bekehrung zur
Theosophie oder zum Freidenkertum, die heutigen Übergänge von einem
vermeintlichen Christentum zu einem vermeintlichen Atheismus und umgekehrt sind
eine Veränderung der Worte und Begriffe, der religiösen oder intellektuellen
Oberfläche, nicht mehr. Keine unsrer »Bewegungen« hat den Menschen
verändert. (Ebd., S. 440-441 ).Eine
strenge Morphologie aller Moralen ist die Aufgabe der Zukunft. Nietzsche hat auch
hier das Wesentliche, den ersten, für den neuen Blick entscheidenden Schritt
getan. Aber seine Forderung an den Denker, sich jenseits von Gut und Böse
zu stellen, hat er selbst nicht erfüllt. Er wollte Skeptiker und Prophet,
Moralkritiker und Moralverkünder zugleich sein. Das verträgt sich nicht.
Man ist nicht Psycholog ersten Ranges, solange man noch Romantiker ist. Und so
ist er hier, wie in all seinen entscheidenden Einsichten, bis zur Pforte gelangt,
aber vor ihr stehen geblieben. Indes hat es noch niemand besser gemacht. Wir waren
bisher blind für den unermeßlichen Reichtum auch der moralischen Formensprache.
Wir haben ihn weder übersehen noch begriffen. Selbst der Skeptiker verstand
seine Aufgabe nicht; er erhob im letzten Grunde die eigene, durch persönliche
Anlage, durch den privaten Geschmack bestimmte Fassung der Moral zur Norm und
maß danach die andern. Die modernsten Revolutionäre, Stirner, Ibsen,
Strindberg, Shaw, haben nichts andres getan. Sie verstanden es nur, diese Tatsache
- auch vor sich selbst - hinter neuen Formeln und Schlagworten zu verstecken.
Aber eine Moral ist wie eine Plastik, Musik oder Malerei eine in sich geschlossene
Formenwelt, die ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, schlechthin gegeben,
in der Tiefe unveränderlich, von innerer Notwendigkeit. Sie ist innerhalb
ihres geschiahtlichen Kreises immer wahr, außerhalb seiner immer unwahr.
Es war gezeigt worden (vgl. a.a.O.), daß, wie für den einzelnen Dichter,
Maler, Musiker seine einzelnen Werke, so für die großen Individuen
der Kulturen die Kunstgattungen als organische Einheiten, die ganze Ölmalerei,
die ganze Aktplastik, die kontrapunktische Musik, die Reimlyrik Epoche machen
und den Rang großer Symbole des Lebens einnehmen. In beiden Fällen,
in der Geschichte einer Kultur wie im Einzeldasein, handelt es sich um die Verwirklichung
von Möglichem. Das innerlich Seelische wird zum Stil einer Welt. Neben
diesen großen Formeinheiten, deren Werden, Vollendung und Abschluß
eine vorbestimmte Reihe menschlicher Generationen umfaßt und die nach einer
Dauer von wenigen Jahrhunderten unwiderruflich dem Tode verfallen, steht die Gruppe
der faustischen, die Summe der apollinischen Moralen, ebenfalls als Einheit höherer
Ordnung aufgefaßt. Ihr Vorhandensein ist Schicksal, das man hinzunehmen
hat; nur die bewußte Fassung ist das Ergebnis einer Offenbarung oder wissenschaftlichen
Einsicht. (Ebd., S. 441-442 ).Es
gibt etwas schwer zu Beschreibendes, das von Hesiod und Sophokles bis zu Plato
und der Stoa alle Lehren zusammenfaßt und sie allem gegenüberstellt,
was von Franz von Assisi und Abaelard bis auf Ibsen und Nietzsche gelehrt worden
ist, und auch die Moral Jesu ist nur der edelste Ausdruck einer allgemeinen Moral,
deren andere Fassungen sich bei Marcion und Mani, Philo und Plotin, Epiktet, Augustinus
und Proklos fmden. Jede antike Ethik ist eine Ethik der Haltung, jede abendländische
eine Ethik der Tat. Und endlich bildet die Summe aller chinesischen und aller
indischen Systeme wiederum je eine Welt für sich. (Ebd., S. 442 ).Jede
überhaupt denkbare antike Ethik gestaltet den einzelnen ruhenden Menschen,
als Körper unter Körpern. Alle Wertungen des Abendlandes beziehen sich
auf den Menschen, sofern er Wirkungszentrum einer unendlichen Allgemeinheit
ist. Ethischer Sozialismus - das ist die Gesinnung der Tat, welche durch den Raum
in die Ferne wirkt, das moralische Pathos der dritten Dimension, als deren Zeichen
das Urgefühl der Sorge, für die Mitlebenden wie für die Kommenden,
über dieser ganzen Kultur schwebt. So kommt es, daß im Anblick der
ägyptischen Kultur für uns etwas Sozialistisches liegt. Auf der andern
Seite erinnert die Tendenz auf ruhevolle Haltlmg, Wunschlosigkeit, statische Abgeschlosscnheit
des einzellen für sich an die indische Ethik und den von ihr gestalteten
Menschen. Man denke an die sitzenden, »ihren Nabel beschauenden« Buddhastatuen,
denen Zenons Ataraxia nicht ganz fremd ist. Das ethische Ideal des antiken Menschen
war das, zu welchem die Tragödie hinleitete. Die Katharsis, die Entladung
der apollinischen Seele von dem, was nicht apollinisch, nicht frei von »Feme«
und Richtung war, offenbart hier ihren tiefsten Sinn. Man versteht sie nur, wenn
man den Stoizismus als ihre reife Form erkennt. Was das Drama in einer feierlichen
Stunde bewirkte, wünschte die Stoa über das ganze Leben zu verbreiten:
die statuenhafte Ruhe, das willensfreie Ethos. Und weiter: Eben jenes buddhistische
Ideal des Nirwana, eine sehr späte Formel, aber ganz indisch und schon von
den vedischen Zeiten an zu verfolgen: ist das nicht der Katharsis nahe verwandt?
Rücken vor diesem Begriff der ideale antike und der ideale indische Mensch
nicht eng zusammen, sobald man sie mit dem faustischen Menschen vergleicht, dessen
Ethik sich ebenso deutlich aus der Tragödie Shakespeares und ihrer dynamischen
Entwicklung und Katastrophe begreifen läßt? In der Tat: Sokrates, Epikur
und vor allem Diogenes am Ganges - das wäre sehr wohl vorzustellen. Diogenes
in einer der westeuropäischen Weltstädte wäre ein bedeutungsloser
Narr. Und andrerseits, Friedrich Wilhelm I., das Urbild eines Sozialisten in großem
Sinne, ist in dem Staatswesen am Nil immerhin denkbar. Im perikleischen Athen
ist er es nicht. (Ebd., S. 442-443 ).Hätte
Nietzsche vorurteilsfreier und weniger von einer romantischen Schwärmerei
für gewisse ethische Schöpfungen bestimmt seine Zeit beobachtet, so
würde er bemerkt haben, daß eine vermeintlich spezifisch christliche
Mitleidsmoral in seinem Sinne auf dem Boden Westeuropas gar nicht besteht. Man
muß sich durch den Wortlaut humaner Formeln nicht über ihre tatsächliche
Bedeutung täuschen lassen. Zwischen der Moral, die man hat, und derjenigen,
die man zu haben glaubt, besteht ein sehr schwer aufzufindendes und sehr schwankendes
Verhältnis. Eben hier wäre eine unbestechliche Psychologie am Platze
gewesen. Mitleid ist ein gefährliches Wort. Es fehlt, trotz der Meisterschaft
gerade Nietzsches, noch an einer Untersuchung darüber, was man zu verschiedenen
Zeiten darunter verstand und darunter gelebt hat. (Ebd., S. 443-444 ).Als
Nietzsche das Wort »Umwertung aller Werte« zum ersten Male niederschrieb,
hatte endlich die seelische Bewegung dieser Jahrhunderte, in deren Mitte wir leben
(* Spengler schrieb dies 1911 bis 1917), ihre Formel
gefunden. Umwertung aller Werte - das ist der innerste Charakter jeder
Zivilisation. Sie beginnt damit, alle Formen der voraufgegangenen Kultur umzuprägen,
anders zu verstehen, anders zu handhaben. Sie erzeugt nicht mehr, sie deutet nur
um. Darin liegt das Negative aller Zeitalter dieser Art. Sie setzen den eigentlichen
Schöpfungsakt voraus. Sie treten nur eine Erbschaft von großen Wirklichkeiten
an. .... Die Kultur wird dialektisch vernichtet. Lassen wir die großen Namen
des 19. Jahrhunderts vorüberziehen, an die sich für uns dies mächtige
Schauspiel knüpft: Schopenhauer, Hebbel, Wagner, Nietzsche, Ibsen, Strindberg,
so überblicken wir das, was Nietzsche in dem fragmentarischen Vorwort zu
seinem unvollendeten Hauptwerk beim Namen nannte, die Heraufkunft des Nihilismus.
Sie ist keiner der großen Kulturen fremd. Sie gehört mit innerster
Notwendigkeit zum Ausgang dieser mächtigen Organismen. Sokrates war Nihilist;
Buddha war es. Es gibt eine ägyptische, arabische, chinesische so gut wie
eine westeuropäische Entseelung des Menschlichen. Es handelt sich nicht um
politische und wirtschaftliche, nicht einmal um eigentlich religiöse oder
künstlerische Verwandlungen. Es handelt sich überhaupt nicht um Greifbares,
nicht um Tatsachen, sondern um das Wesen einer Seele, die ihre Möglichkeiten
restlos verwirklicht hat. Man wende nicht die gewaltigen Leistungen gerade des
Hellenismus und der westeuropäischen Modernität ein. Sklavenwirtschaft
und Maschinenindustrie, »Fortschritt« und Ataraxia, Alexandrinismus
und moderne Wissenschaft, Pergamon und Bayreuth, soziale Zustände, wie sie
die »Politeia« des Aristoteles und »Das Kapital« von Marx
voraussetzen, sind lediglich Symptome im historischen Oberflächenbilde. Es
handelt sich nicht um das äußere Leben, um Lebenshaltung, Institutionen,
Sitten, sondern um das Tiefste und Letzte, das innere Fertigsein des Weltstadtmenschen
und des Provinzlers. Für die Antike trat es zur Römerzeit ein.
Für uns gehört es der Zeit nach 2000 an. (Ebd., S. 448-450 ).Kultur
und Zivilisation - das ist der lebendige Leib eines Seelentums und seine Mumie.
So unterscheidet sich das westeuropäische Dasein vor und nach 1800, das Leben
in Fülle und Selbstverständlichkeit, dessen Gestalt von innen heraus
gewachsen und geworden ist, und zwar in einem mächtigen Zuge von den Kindertagen
der Gotik an bis zu Goethe und Napoleon, und jenes späte, künstliche,
wurzellose Leben unsrer großen Städte, dessen Formen der Intellekt
entwirft. Kultur und Zivilisation - das ist ein aus der Landschaft geborener Organismus
und der aus seiner Erstarrung hervorgegangene Mechanismus. Der Kulturmensch lebt
nach innen, der zivilisierte Mensch nach außen, im Raume, lmter Körpern
und »Tatsachen«. Was der eine als Schicksal fühlt, versteht der
andere als Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Man ist von nun an Materialist
in einem nur innerhalb einer Zivilisation gültigen Sinne, ob man es will
oder nicht, und ob buddhistische, stoische, sozialistische Lehren sich in religiösen
Formen geben oder nicht. (Ebd., S. 450-451 ).Dem
gotischen und dorischen Menschen, dem Menschen der Ionik und des Barock wird die
ganze ungeheure Formenwelt von Kunst, Religion, Sitte, Staat, Wissen, Gesellschaft
leicht. Er trägt und verwirklicht sie, ohne sie zu »kennen«.
Er besitzt dem Symbolischen der Kultur gegenüber dieselbe ungezwungene Meisterschaft,
wie sie Mozart in seiner Kunst besaß. Kultur ist das Selbstverständliche.
Das Gefühl einer Fremdheit unter diesen Formen, das einer Last, welche die
Freiheit des Schaffens aufhebt, die Nötigung, das Vorhandene verstandesmäßig
zu prüfen, um es bewußt anzuwenden, der Zwang eines für alles
geheimnisvoll Schöpferische verhängnisvollen Nachdenkens sind die ersten
Symptome einer ermattenden Seele. Erst der Kranke fühlt seine Glieder. Daß
man eine unmetaphysische Religion konstruiert und sich gegen Kulte und Dogmen
auflehnt, daß ein Naturrecht den historischen Rechten entgegengestellt wird,
daß man in der Kunst Stile »entwirft«, weil der Stil nicht mehr
ertragen und gemeistert wird, daß man den Staat als »Gesellschaftsordnung«
auffaßt, die man ändern könne, sogar ändern müsse (neben
Rousseaus »Contrat social« stehen völlig gleichbedeutende Erzeugnisse
der Zeit des Aristoteles), das alles beweist, daß etwas endgültig zerfallen
ist. Die Weltstadt selbst liegt als Extrem von Anorganischem inmitten der Kulturlandschaft
da, deren Menschentum sie von seinen Wurzeln löst, an sich zieht und verbraucht.
(Ebd., S. 451 ).Wissenschaftliche
Welten sind oberflächliche Welten, praktische, seelenlose, rein extensive
Welten. Sie liegen den Anschauungen des Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus
gleichmäßig zugrunde. Das Leben nicht mehr mit kaum bewußter,
wahlloser Selbstverständlichkeit leben, es als gottgewolltes Schicksal hinnehmen,
sondern es als problematisch betrachten, es auf Grund intellektueller Einsichten
in Szene setzen, »zweckmäßig«, »vernunftgemäß«
das ist in allen drei Fällen der Hintergrund. Das Gehirn regiert,
weil die Seele abdankte. Kulturmenschen leben unbewußt, zivilisierte Menschen
leben bewußt. Das im Boden wurzelnde Bauerntum vor den Toren der großen
Städte, die jetzt skeptisch, praktisch, künstlich allein
die Zivilisation repräsentieren, zählt nicht mehr mit. »Volk«
das ist jetzt Stadtvolk, anorganische Masse, etwas Fluktuierendes. Der
Bauer ist nicht Demokrat denn auch dieser Begriff gehört zum mechanischen
und städtischen Dasein , folglich übersieht, belächelt, verachtet,
haßt man ihn. Er ist nach dem Schwinden der alten Stände, Adel und
Priestertum, der einzige organische Mensch, ein Überbleibsel der frühen
Kultur. Er findet weder im stoischen noch im sozialistischen Denken einen Platz.
(Ebd., S. 451-452 ).So
ruft der Faust des ersten Teiles der Tragödie, der leidenschaftliche Forscher
in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teiles und des neuen
Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen, weitschauenden, nach außen
gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe psychologisch die ganze Zukunft Westeuropas
vorweggenommen. Das ist Zivilisation an Stelle von Kultur, der äußere
Mechanismus statt des inneren Organismus, der Intellekt als das seelische Petrefakt
an Stelle der erloschenen Seele selbst. So wie Faust am Anfang und Ende der Dichtung,
stehen sich innerhalb der Antike der Hellene zur Zeit des Perikles und der Römer
zur Zeit Cäsars gegenüber. (Ebd., S. 452 ).Solange
der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur einfach vor sich hin lebt, natürlich
und selbstverständlich, hat sein Leben eine wahllose Haltung. Das ist seine
instinktive Moral, die sich in tausend umstrittene Formeln verkleiden mag,
die man aber selbst nicht bestreitet, weil man sie hat. Sobald das Leben ermüdet,
sobald man auf dem künstlichen Boden großer Städte, die
jetzt geistige Welten für sich sind eine Theorie braucht, um es zweckmäßig
in Szene zu setzen, sobald das Leben Objekt der Betrachtung geworden ist, wird
die Moral zum Problem. Kulturmoral ist die Moral, welche man hat, zivilisierte
die, welche man sucht. Die eine ist zu tief, um auf logischem Wege erschöpft
zu werden, die andre ist eine Funktion der Logik. Noch bei Kant und Plato ist
die Ethik bloße Dialektik, ein Spiel mit Begriffen, die Abrundung eines
metaphysischen Systems. Man hätte sie im Grunde nicht nötig gehabt.
Der kategorische Imperativ ist lediglich die abstrakte Fassung dessen, was für
Kant gar nicht in Frage stand. Von Zenon und Schopenhauer an gilt das nicht mehr.
Da mußte als Regel des Seins gefunden, erfunden, erzwungen werden, was instinktiv
nicht mehr gesichert war. An dieser Stelle beginnt die zivilisierte Ethik, die
nicht der Reflex des Lebens auf die Erkenntnis, sondern der Reflex der Erkenntnis
auf das Leben ist. Man fühlt etwas Künstliches, Seelenloses und Halbwahres
in all diesen erdachten Systemen, welche die ersten Jahrhunderte aller
Zivilisationen füllen. Das sind nicht mehr innerlichste, beinahe überirdische
Schöpfungen, die ebenbürtig neben den großen Künsten stehen.
Jetzt verschwindet alle Metaphysik großen Stils, alle reine Intuition vor
dem einen, was plötzlich nottut, vor der Grundlegung einer praktischen
Moral, die das Leben regeln soll, weil es sich selbst nicht mehr regeln kann.
Die Philosophie war bis auf Kant, Aristoteles und die Lehren des Yoga und Vedanta
eine Folge mächtiger Weltsysteme gewesen, in denen die formale Ethik
einen bescheidnen Platz fand. Sie wird jetzt Moralphilosophie, mit einer Metaphysik
als Hintergrund. Die erkenntnistheoretische Leidenschaft tritt den Vorrang an
die praktische Notdurft ab: Sozialismus, Stoizismus, Buddhismus sind Philosophien
dieses Stils. (Ebd., S. 452-453 ).Die
Welt statt aus der Höhe, wie Aischylos, Plato, Dante, Goethe, unter dem Gesichtspunkt
der alltäglichen Notdurft und andrängenden Wirklichkeit betrachten:
das nenne ich die Vogelperspektive des Lebens mit der Froschperspektive vertauschen.
Und eben das ist der Abstieg von einer Kultur zur Zivilisation. Jede Ethik formuliert
den Blick der Seele auf ihr Schicksal: heroisch oder praktisch, groß oder
gemein, männlich oder greisenhaft. Und so unterscheide ich denn eine tragische
und eine Plebejermoral. Die tragische Moral einer Kultur kennt und begreift
die Schwere des Seins, aber sie zieht daraus das Gefühl des Stolzes, es zu
tragen. So empfanden Aischylos, Shakespeare und die Denker der brahmanischen Philosophie,
so Dante und der germanische Katholizismus. Das liegt in dem wilden Schlachtchoral
des Luthertums: »Ein' feste Burg ist unser Gott«, und das klingt selbst
noch in der Marseillaise nach. Die Plebejermoral des Epikur und der Stoa, der
Sekten der Buddhazeit, des 19. Jahrhunderts macht einen Schlachtplan zurecht,
das Schicksal zu umgehen. Was Aischylos groß tat, das tat die Stoa klein.
Das war nicht mehr Fülle, sondern Armut, Kälte und Leere des Lebens,
und die Römer haben diese intellektuelle Kälte und Leere nur zum Großartigen
gesteigert. Und dasselbe Verhältnis besteht zwischen dem ethischen Pathos
der großen Meister des Barock, Shakespeare, Bach, Kant, Goethe, dem männlichen
Willen, innerlich Herr der natürlichen Dinge zu sein, weil man sie
tief unter sich weiß, und dem Willen der europäischen Modernität,
sie sich in Gestalt der Fürsorge, der Humanität, des Weltfriedens,
des Glückes der meisten äußerlich aus dem Wege zu
schaffen, weil weil man sich mit ihnen auf derselben Ebene sieht. Auch das ist
Wille zur Macht im Gegensatz zur antiken Duldung des Unabwendbaren; auch darin
liegt Leidenschaft und Hang zum Unendlichen, aber es ist ein Unterschied zwischen
metaphysischer und materieller Größe im Überwinden. Die Tiefe
fehlt, das, was der frühere Mensch Gott nannte. Das faustische Weltgefühl
der Tat, wie es von den Staufen und Welfen bis auf Friedrich den Großen,
Goethe und Napoleon in jedem großen Menschen wirksam war, verflachte zu
einer Philosophie der Arbeit, wobei es für den inneren Rang gleichgültig
ist, ob man sie verteidigt oder verurteilt. Der Kulturbegriff der Tat und der
zivilisierte Begriff der Arbeit verhalten sich wie die Haltung des aischyleischen
Prometheus zu der des Diogenes. Der eine ist ein Dulder, der andere ist faul.
Galilei, Kepler, Newton brachten es zu wissenschaftlichen Taten, der moderne Physiker
leistet gelehrte Arbeit. Plebejermoral auf der Grundlage des alltäglichen
Daseins und des »gesunden Menschenverstandes« ist es, was trotz aller
großen Worte von Schopenhauer bis zu Shaw jeder Lebensbetrachtung zugrunde
liegt. (Ebd., S. 453-454 ).Jede
Kultur hat ihre eigene Art, seelisch zu verlöschen, und nur die eine,
die aus ihren ganzen Leben mit tiefster Notwendigkeit folgt. Deshalb sind Buddhismus,
Stoizismus, Sozialismus morphologisch gleichwertige Ausgangserscheiningen.
(Ebd., S. 455 ).Der
faustische Nihilist, Ibsen wie Nietzsche, Marx wie Wagner, zertrümmert die
Ideale; der apollinische, Epikur wie Antisthenes und Zenon, läßt sie
vor seinen Augen zerfallen; der indische zieht sich vor ihnen in sich selbst zurück.
Der Stoizismus ist auf ein Sichverhalten des einzelnen gerichtet, auf ein
statuenhaftes, rein gegenwärtiges Sein, ohne Beziehung auf Zukunft und Vergangenheit,
oder auf andre. Der Sozialismus ist die dynamische Behandlung des gleichen Themas:
dieselbe Verteidigung nicht auf die Haltung, sondern die Auswirkung des Lebens,
aber mit einem mächtig angreifenden Zug ins Ferne auf die gesamte Zukunft
und die gesamte Masse der Menschen erstreckt, die einer einzigen Methode unterworfen
werden sollen; der Buddhissmus, den nur ein Dilletant mit dem Christentum
verwechseln kann ( ),
ist durch die Worte abendländischer Sprachen kaum wiederzugeben. Aber es
ist erlaubt, von einem stoischen Nirwana zu reden und auf die Gestalt des Diogenes
zu verweisen; auch der Begriff eines sozialistischen Nirwana ist zu rechtfertigen,
sofern man die Flucht vor dem Kampf ums Dasein ins Auge faßt, wie die europäische
Müdigkeit sie in Schlagworte Weltfriede, Humanität und Verbrüderung
aller Menschen kleidet. (Ebd., S. 456-457 ).Jede
Seele hat Religion. Das ist nur ein anderes Wort für ihr Dasein. Alle lebendigen
Formen, in denen sie sich ausspricht, alle Künste, Lehren, Bräuche,
alle metaphysischen und mathematischen Formenwelten, jedes Ornament, jede Säule,
jeder Vers, jede Idee ist im Tiefsten religiös und muß es sein. Von
nun an kann sie es nicht mehr sein. (Ebd., S. 458 ).Das
Wesen aller Kultur ist Religion; folglich ist das Wesen aller Zivilisation
Irreligion. Auch das sind zwei Worte für ein und dieselbe Erscheinung.
Auch das sind zwei Worte für ein und dieselbe Erscheinung. Wer das nicht
im Schaffen Manets gegen Velasquez, Wagners gegen Haydn, Lysippos gegen Phidias,
Theokrits gegen Pindar herausfühlt, der weiß nichts vom Besten der
Kunst. Religiös ist noch die Baukunst des Rokoko selbst in ihren weltlichsten
Schöpfungen. Irreligiös sind die Römerbauten, auch die Tempel der
Götter. Mit dem Pantheon, jener Urmoschee mit dem eindringlich magischen
Gottgefühl ihres Innenraums, ist das einzige Stück echt religiöser
Baukunst in das alte Rom geraten. Die Weltstädte selbst sind den alten Kulturstädten
gegenüber, Alexandria gegen Athen, Paris gegen Brügge, Berlin gegen
Nürnberg, in allen Einzelheiten bis in das Straßenbild, die Sprache,
den trocken intelligenten Zug der Gesichter ( )
hinein irreligiös (was man nicht mit antireligiös zu verwechseln hat).
Und irreligiös, seelenlos sind demnach auch diese ethischen Weltstimmungen,
die durchaus zur Formensprache der Weltstädte gehören. Der Sozialismus
ist das irreligiös gewordene faustische Lebensgefühl; das besagt auch
das vermeintliche (»wahre«) Christentum, das der englische Sozialist
so gern im Munde führt und unter dem er etwas wie eine »dogmenlose
Moral« versteht. Irreligiös sind Stoizismus und Buddhismus im Verhältnis
zur orphischen und vedischen Religion, und es ist ganz Nebensache, ob der römische
Stoiker den Kaiserkult billigt und ausübt, der spätere Buddhist seinen
Atheismus mit Überzeugung bestreitet, der Sozialist sich freireligiös
nennt oder auch »weiterhin an Gott glaubt«. (Ebd., S. 458-459 ).
Dies Erlöschen der lebendigen inneren
Religiosität, das allmählich auch den unbedeutendsten Zug des Daseins
gestaltet und erfüllt, ist es, was im historischen Weltbild als die Wendung
der Kultur zur Zivilisation erscheint, als das Klimakterium der Kultur,
wie ich es früher nannte, als die Zeitwende, wo die seelische Fruchtbarkeit
einer Art von Mensch für immer erschöpft ist und die Konstruktion an
Stelle der Zeugung tritt. Faßt man das Wort Unfruchtbarkeit in seiner ganzen
ursprünglichen Schwere, so bezeichnet es das volle Schicksal des weltstädtischen
Gehirnmenschen, und es gehört zum Bedeutsamsten der geschichtlichen Symbolik,
daß diese Wendung sich nicht nur im Erlöschen der großen Kunst,
der gesellschaftlichen Formen, der großen Denksysteme, des großen
Stils überhaupt, sondem auch ganz körperlich in der Kinderlosigkeit
und dem Rassetod der zivilisierten, vom Lande abgelösten Scluchten ausspricht,
eine Erscheinung, die in der römischen und chinesischen Kaiserzeit viel bemerkt
und beklagt, aber notwendigerweise nicht gemildert worden ist. ( )
. (Ebd., S. 459 ).Nichts
ist für diese entschiedene Wendung zum äußeren Leben, das allein
übrig geblieben ist, zur biologischen Tatsache, der gegenüber das Schicksal
nur noch in der Form von Kausalitätsbeziehungen erscheint, bezeichnender
als das ethische Pathos, mit dem man sich nun einer Philosophie der Verdauung,
der Ernährung, der Hygiene zuwendet. Alkoholfragen und Vegetarismus werden
mit religiösem Ernst behandelt, augenscheinlich das Gewichtigste an Problemen,
wozu der »neue Mensch« sich aufschwingen kann. So entspricht es der
Froschperspektive dieser Generationen. Religionen, wie sie an der Schwelle großer
Kulturen entstehen, die orphische und vedische, das magische Christentum Jesu
und das faustische der ritterlichen Germanen hätten es unter ihrer Würde
gefunden, zu Fragen der Art auch nur für Augenblicke herabzusteigen. Jetzt
steigt man zu ihnen hinauf. Der Buddhismus ist ohne eine leibliche neben seiner
Seelendiät nicht denkbar. Im Kreise der Sophisten, des Antisthenes, der Stoiker
und Skeptiker gewinnt dergleichen immer größere Bedeutung. Schon Aristoteles
hat über die Alkoholfrage geschrieben, eine ganze Reihe von Philosophen über
den Vegetarismus, und es besteht zwischen der apollinischen und der faustischen
Methode nur der Unterschied, daß der Zyniker die eigne Verdauung, Shaw die
Verdauung aller »Menschen« in sein theoretisches Interesse zieht.
Der eine entsagt, der andere verbietet. Man weiß, wie selbst Nietzsche sich
im »Ecce homo« in Fragen dieser Art gefällt. (Ebd., S.
462 ).Überblicken
wir noch einmal den Sozialismus, unabhängig von der gleichnamigen Wirtschaftsbewegung,
als das faustische Beispiel einer zivilisierten Ethik. Was seine Freunde und Feinde
von ihm sagen, daß er die Gestalt der Zukunft oder daß er ein Zeichen
des Niedergangs sei, ist gleich richtig. Wir alle sind Sozialisten, ob wir es
wissen und wollen oder nicht. Selbst der Widerstand gegen ihn trägt seine
Form. Alle antiken Menschen der späten Zeit waren mit der gleichen inneren
Notwendigkeit Stoiker, ohne es zu wissen. Das ganze römische Volk, als Körper,
hat eine stoische Seele. Der echte Römer, gerade der, welcher es am entschiedensten
bestritten hätte, ist in einem strengeren Grade Stoiker; als es je ein grieche
hätte sein können. Die lateinische Sprache des letzten vorchristlichen
Jahrhunderts ist die mächtigste Schöpfung des Stoizismus geblieben.
(Ebd., S. 462-463 ).
Der ethische Sozialismus ist das überhaupt
erreichbare Maximum eines Lebensgefühls unter dem Aspekt von Zwecken.
( ).
Denn die bewegte Richtung des Daseins in den Worten Zeit und Schicksal fühlbar,
bildet sich, sobald sie starr, bewußt erkannt ist, in den geistigen Mechanismus
der Mittel und Zwecke um. Richtung ist das Lebendige, Zweck das Tote. Faustisch
überhaupt ist die Leidenschaft des Vordringens, sozialistisch im besonderen
der mechanische Rest, der »Fortschritt«. Sie verhalten sich wie der
Leib zum Skelett. Dies ist zugleich der Unterschied des Sozialismus vom Buddhismus
und Stoizismus, die mit ihren Idealen des Nirwana und der Ataraxia ebenso mechanisch
gestimmt sind, aber nicht die dynamische Leidenschaft der Ausdehnung, den Willen
zum Unendlichen, das Pathos der dritten Dimension kennen. (Ebd., S. 463 ).
Der etische Sozialismus ist - trotz seiner Vordergrund illusionen
- kein System des Mitleids, der Humanität, des Friedens und der Fürsorge,
sondern des Willens zur Macht. Alles andere ist Selbsttäuschung. Das Ziel
ist durchaus imperialistisch: Wohlfahrt, aber im expansiven Sinne, nicht der Kranken,
sondern der Tatkräftigen, denen man die Freiheit des Wirkens geben will,
und zwar mit Gewalt, ungehemmt durch die Widerstände des Besitzes, der Geburt
und der Tradition. Gefühlsmoral, Moral auf das »Glück« und
den Nutzen hin ist bei uns nie der letzte Instinkt, so oft es sich die
Träger dieser Instinkte einreden. (Ebd., S. 463 ).
Man wird immer an die Spitze der moralischen
Modernität Kant ... stellen müssen, dessen Ethik das Motiv des Mitleids
ablehnt und die Formel prägt: »Handle so, daß -.«
Alle Ethik dieses Stils will Ausdruck des Willens zum Unendlichen sein, und dieser
Wille fordert Überwindung des Augenblicks, der Gegenwart, der Vordergründe
des Lebens. .... Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist. Der Sozialist will sie
der Form, dem Gehalt nach organisieren, umprägen, mit seinem Geist
erfüllen. Der Stoiker paßt sich an. Der Sozialist befiehlt. Die ganze
Welt soll die Form seiner Anschauung tragen - so läßt sich die Idee
der »Kritik der reinen Vernunft« ins Ethische umsetzen. Das ist der
letzte Sinn des kategorischen Imperativs, den er aufs Politische, Soziale, Wirtschaftliche
anwendet: Handle so, als ob die Maxime deines Handelns durch deinen Willen
zum allgemeinen Gesetz werden sollte. Und diese tyrannische Tendenz ist selbst
den flachsten Erscheinungen der Zeit nicht fremd. Nicht die Haltung und Gebärde,
die Tätigkeit soll gestaltet werden. Wie in China und Ägypten kommt
das Leben nur in Betracht, insofern es Tat ist. Und erst so entsteht die Arbeit
im heutigen Sprachgebrauch als die zivilisierte Form des faustischen Wirkens.
Diese Moral, der Drang, dem Leben die denkbar aktivste Form zu geben, ist stärker
als die Vernunft, deren Moralprogramme, sie mögen noch so geheiligt, inbrünstig
geglaubt, leidenschaftlich verteidigt sein, nur insoweit wirken, als sie
in der Richtung dieses Dranges liegen oder in ihr mißverstanden werden.
Im übrigen bleiben sie Worte. Man unterscheide in aller Modernität wohl
die volkstümliche Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit,
Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich Christliche
von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den Massen - wie alles
Faustische - weder verständlich noch erwünscht ist, die großartige
Idealisierung des Zweckes und also der Arbeit. Will man dem römischen
»Panem et circenses«, dem letzten epikuräisch-stoischen und im
Grunde auch indischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol des Nordens und auch
wieder des alten China und Ägypten zur Seite stellen, so muß es das
Recht auf Arbeit sein, das bereits dem durch und durch preußisch
empfundenen, heute europäisch gewordenen Staatssozialismus Fichtes zugrunde
liegt und das in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der
Pflicht zur Arbeit gipfeln wird. (Ebd., S. 463-465 ).Es
bleibt noch ein Wort über die Morphologie der Philosophiegeschichte
zu sagen. Es gibt keine Philosophie überhaupt: jede Kultur besitzt ihre eigne;
sie ist Teil ihres symbolischen Gesamtausdrucks und bildet mit ihren Problemstellungen
und Denkmethoden eine geistige Ornamentik in strenger Verwandtschaft zu
derjenigen der Architektur und bildenden Kunst. Aus der Höhe und Ferne
betrachtet, ist es sehr nebensächlich, zu welchen sprachlich ausgedrückten
»Wahrheiten« diese Denker innerhalb ihrer Schulen überhaupt gelangt
sind - denn Schule, Konvention und Formenschatz sind hier wie in jeder großen
Kunst die grundlegenden Elemente. Unenedlich wichtiger als die Antworten sind
die Fragen, und zwar hinsichtlich ihrer Auswahl und inneren Form, denn die besondere
Art, wie ein Makrokokosmos vor dem verstehenden Auge des Menschen einer bestimmeten
Kultur daliegt, gestaltet im voraus die gesamte Not und Art des Fragens
(Ebd., S. 467 ).An
ihrem Ende stehen Kant und Aristoteles. ( ).
Was nach ihnen beginnt, ist Philosophie der Zivilisation. Es gibt in jeder großen
Kultur ein aufsteigendes Denken, das die Urfragen am Anfang stellt und sie mit
steigender Gewalt des geistigen Ausdrucks in immer neuen Antworten erschöpft,
... und ein absteigendes, für das die Erkenntnisprobleme irgendwie fertig,
überholt, bedeutungslos geworden sind. Es gibt eine metaphysische Periode,
zuerst von religiöser, zuletzt von rationalistischer Fassung, wo das Denken
und Leben noch Chaos in sich hat und aus einer Überfülle heraus weltgestaltend
wirkt, und eine ethische, in welcher das großstädtisch gewordenen Leben
sich selbst fragwürdig erscheint und den Rest philosophischer Gestaltungskraft
auf seine eigene Haltung und Erhaltung verwenden muß. In der einen offenbart
sich das Leben; die zweite hat das Leben zum Gegenstand. Die eine ist »theoretisch«,
schauend im großen Sinne, die andre notgedrungen praktisch. Noch das kantische
System ist in seinen tiefsten Zügen geschaut und danach erst
logisch und systematisch formuliert und geordnet worden. (Ebd., S. 468-469 ).Die
Ethik ist über ihren Rang als Teil einer abstrakten Theorie hinausgewachsen.
Von nun an ist sie die Philosophie, welche die andern Gebiete sich einverleibt;
das praktische Leben rückt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Leidenschaft
des reinen Denkens sinkt. Die Metaphysik, Herrin von gestern, wird zu Dienerin
von heute. Sie hat nur noch das Fundament zu liefern, das eine praktische Gesinnung
trägt. Und das Fundament wird immer überflüssiger. (Ebd.,
S. 470 ).Die
von Hegel und Schopenhauer ausgehende Philosophie ... ist Gesellschaftskritik.
.... Es ist kein Zufall, daß aus der Schule Hegels der Sozialismus (Marx,
Engels), der Anarchismus (Stirner) und die Problematik des sozialen Dramas (Hebbel)
hervorgingen. Der Sozialismus ist die ins Ethische, und zwar ins Imperativische
umgewandte Nationalökonomie. Solange es eine Metaphysik großen Stils
gab, bis auf Kant, blieb die Nationalökonomie eine Wissenschaft. Sobald
»Philosophie« gleichbedeutend mit praktischer Ethik wurde, trat sie
an Stelle der Mathematik als Unterlage des Weltdenkens. Darin liegt die
Bedeutung von Cousin, Bentham, Comte, Mill und Spencer. (Ebd., S. 471 ).Nietzsche
ist in allem und jedem, soweit nicht der verspätete Romantiker in ihm Stil,
Klang und Haltung seiner Philosophie bestimmt hat, ein Schüler materialistischer
Jahrzehnte gewesen. Was ihn an Schopenhauer leidenschaftlich anzog, ohne daß
es ihm oder irgend jemand anders zum Bewußtsein gekommen wäre, ist
dasjenige Element seiner Lehre, durch welches er die Metaphysik großen Stils
zerstört, durch das er seinen Meister Kant unfreiwillig parodiert hat, die
Wendung aller tiefen Begriffe des Barock ins Handgreifliche und Mechanistische.
Kant redet in unzulänglichen Worten, hinter denen sich eine gewaltige, schwer
zugängliche Intuition verbirgt, von der Welt als Erscheinung; Schopenhauer
nennt das die Welt als Gehirnphänomen. In ihm vollzieht sich die Wendung
der tragischen Philosophie zum philosophischen Plebejertum. Es genügt, eine
Stelle zu zitieren. In der »Welt als Wille und Vorstellung« (Band
II, Kapitel 19) heißt es: »Der Wille, als das Ding an sich, macht
das innere, wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus: an sich selbst
ist er jedoch bewußtlos. Denn das Bewußtsein ist bedingt durch den
Intellekt, und dieser ist ein bloßes Akzidenz unseres Wesens; denn er ist
eine Funktion des Gehirns, welches, nebst den ihm anhängigen Nerven und Rückenmark,
eine bloße Frucht, ein Produkt, ja insofern ein Parasit des übrigen
Organismus ist, als es nicht direkt eingreift in dessen inneres Getriebe, sondern
dem Zweck der Selbsterhaltung bloß dadurch dient, daß es die Verhältnisse
desselben zur Außenwelt reguliert.« Das ist genau die Grundansicht
des seichtesten Materialismus. Nicht umsonst war Schopenhauer, wie einst Rousseau,
zu den englischen Sensualisten in die Lehre gegangen. Dort lernte er Kant im Geiste
der großstädtischen, aufs Zweckmäßige gerichteten Modernität
mißverstehen. Der Intellekt als Werkzeug des Willens zum Leben (auch der
moderne Gedanke, daß die unbewußten, triebhaften Lebensakte Vollkommenes
bewirken, während der Intellektes nur zu stümperhaften Leistungen bringt,
findet sich bei ihm [Band II, Kap. 30]), als Waffe im Kampf ums Dasein, das, was
Shaw in eine groteske dramatische Forml gebracht hat (in »Mensch und Übermensch«,
1903), dieser Weltaspekt Schopenhauers war es, der ihn beim Erscheinen von Darwins
Hauptwerk (1859) mit einem Schlage zum Modephilosophen machte. Er war im Gegensatz
zu Schelling, Hegel und Fichte der einzige, dessen metaphysische Formeln dem geistigen
Mittelstand ohne Schwierigkeit eingingen. Seine Klarheit, auf die er stolz war,
ist in jedem Augenblick in Gefahr, sich als Trivialität zu enthüllen.
Hier konnte man, ohne auf Formeln zu verzichten, die eine Atmosphäre von
Tiefsinn und Exklusivität um sich breiteten, die gesamte zivilisierte Weltanschauung
sich zu eigen machen. Sein System ist antizipierter Darwinismus,
dem die Sprache Kants und die Begriffe der Inder nur zur Verkleidung dienten.
In seinem Buche »Über den Willen in der Natur« (1835) finden
wir schon den Kampf um die Selbstbehauptung in der Natur, den menschlichen Intellekt
als die wirksamste Waffe in ihm, die Geschlechtsliebe als die unbewußte
Wahl aus biologischem Interesse. (Im Kapitel »Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe«
[Band II, 44] ist der Gedanke der Zuchtwahl als des Mittels zur Erhaltung der
Gattung in vollem Umfang vorweggenommen.). Es ist die Ansicht, welche Darwin auf
dem Umweg über Malthus mit unwiderstehlichem Erfolg in das Bild der Tierwelt
hineingedeutet hat. ( ).
(Ebd., S. 473-474 ).Die
nationalökonomische Herkunft des Darwinismus wird bewiesen durch die Tatsache,
daß dieses System, von der Menschenähnlichkeit höherer Tiere aus
gedacht, schon auf die Pflanzenwelt nicht mehr paßt und in Albernheiten
ausartet, wenn man es mit seiner Willenstendenz (Zuchtwahl, mimicry) auch
auf primitive organische Formen ernsthaft anwenden will. Beweisen nennt der Darwinist,
eine Auswahl von Tatsachen so ordnen und bildhaft so erklären, daß
sie seinem historisch-dynamischen Grundgefühl »Entwicklung« entspricht.
Der »Darwinismus«, d.h. jene Summe sehr verschiedenartiger und einander
widersprechender Ansichten, deren Gemeinsames lediglich die Anwendung des Kausalprinzips
auf Lebendiges, also Methode, nicht Resultat ist, war schon im 18. Jahrhundert
in allen Einzelheiten bekannt. Die Affentheorie verteidigt Rousseau schon 1754.
Von Darwin stammt nur das manchesterliche System, dessen Volkstümlichkeit
sich aus dem latenten politischen Gehalt erklärt. Hier offenbart sich
die geistige Einheit des Jahrhunderts. Von Schopenhauer bis zu Shaw haben alle,
ohne es zu ahnen, dasselbe Prinzip in Form gebracht. Sie werden alle vom Entwicklungsgedanken
geleitet, auch die, welche wie Hebbel nichts von Darwin wußten, und zwar
nicht in seiner tiefen Goetheschen, sondern in seiner flachen zivilisierten Fassung,
mag sie nun nationalökonomisches oder biologisches Gepräge tragen. Auch
innerhalb der Entwicklungsidee, die durch und durch faustisch ist, die im strengsten
Gegensatz zur zeitlosen aristotelischen Entelechie einen leidenschaftlichen Drang
der unendlichen Zukunft entgegen offenbart, einen Willen, ein Ziel,
die a priori die Form unserer Naturanschauung darstellt und als
Prinzip gar nicht erst entdeckt zu werden brauchte, weil sie dem faustischen Geist
- und ihm allein - immanent ist, vollzog sich die Wandlung von der Kultur zur
Zivilisation. Bei Goethe ist sie erhaben, bei Darwin flach, bei Goethe organisch,
bei Darwin mechanisch, bei jenem Erlebnis und Sinnbild, bei diesem Erkenntnis
und Gesetz. Dort heißt sie innere Vollendung, hier »Fortschritt«.
Darwins Kampf ums Dasein, den er in die Natur hinein, nicht aus ihr herauslas,
ist nur die plebejische Fassung jenes Urgefühls, das in Shakespeares Tragödien
die großen Wirklichkeiten gegeneinander bewegt. Was dort als Schicksal innerlich
angeschaut, gefühlt und in Gestalten verwirklicht wurde, das wurde hier als
Kausalzusammenhang begriffen und in ein Oberflächensystem von Zweckmäßigkeiten
gebracht. Und dieses System, nicht jenes Urgefühl, liegt den Reden Zarathustras,
der Tragik der »Gespenster«, der Problematik des Nibelungenrings zugrunde.
Nur daß Schopenhauer, an den Wagner sich hielt, als der erste der Reihe
seine eigne kenntnis entsetzt wahrnahm - dies ist die Wurzel seines Pessimismus,
der in der Tristanmusik den höchsten Ausdruck fand -, während die Späteren,
Nietzsche voran, sich an ihr, etwas gewaltsam zuweilen, begeisterten. (Ebd.,
S. 474-475 ).In
Nietzsches Bruch mit Wagner, diesem letzten Ereignis des deutschen Geistes, über
dem Größe liegt, verbirgt sich sein Wechsel des Lehrmeisters, sein
unbewußter Schritt von Schopenhauer zu Darwin, von der metaphysischen zur
physiologischen Formulierung desselben Weltgefühls, von der Verneinung zur
Bejahung des Aspekts, den beide anerkennen, nämlich des Willens zum
Leben, der mit dem Kampf ums Dasein identisch ist. In »Schopenhauer als
Erzieher« bedeutet Entwicklung noch inneres Reifen; der Übermensch
ist das Produkt einer mechanischen »Evolution«. So ist der »Zarathustra«
ethisch aus einem unbewußten Widerspruch gegen den »Parsifal«,
künstlerisch durchaus von diesem bestimmt, aus der Eifersucht eines Verkünders
auf den anderen entstanden. (Ebd., S. 475-476 ).Aber
Nietzsche war auch Sozialist, ohne es zu wissen. Nicht seine Schlagworte, seine
Instinkte waren sozialistisch, praktisch, auf das physiologische »Heil der
Menschheit« gerichtet, woran Goethe und Kant nie gedacht hatten. Materialismus,
Sozialismus, Darwinismus sind nur künstlich und an der Oberfläche trennbar.
So war es möglich, daß Shaw den Tendenzen der Herrenmoral und der Züchtung
des Übermenschen nur eine kleine und sogar folgerichtige Wendung zu geben
brauchte, um im dritten Akt von »Mensch und Übermensch«, einem
der wichtigsten und bezeichnendsten Werke am Ausgang der Epoche, die eigentliche
Maxime seines Sozialismus zu erhalten. Shaw hat da nur ausgesprochen, aber
rücksichtlos, klar, mit dem vollen Bewußtsein einer Trivialität,
was ursprünglich, mit aller Theatralik Wagners und aller Verschwommenheit
der Romantik, in den nicht ausgeführten Teilen des Zarathustra gesagt werden
sollte. Man muß nur die notwendigen praktischen, aus der Struktur
des gegenwärtigen öffentlichen Lebens folgenden Voraussetzungen und
Konsequenzen der Gedankengänge Nietzsches zu finden wissen. Er bewegt sich
in unbestimmten Wendungen wie »neue Werte«, »Übermensch«,
»Sinn der Erde« und hütet oder fürchtet sich, das genauer
zu fassen. Shaw tut es. Nietzsche bemerkt, daß die darwinistische Idee des
Übermenschen den Begriff der Züchtung heraufruft, aber er bleibt bei
dem klangvollen Ausdruck stehen. Shaw fragt weiter - denn es hat keinen Zweck,
darüber zu reden, wenn man nichts tun will -, wie das zu geschehen
hat, und er kommt dazu, die Verwandlung der Menschheit in ein Gestüt zu verlangen.
Aber das ist lediglich die Konsequenz Zarathustras, zu der er selbst nur nicht
den Mut, sei es auch den Mut der Geschmacklosigkeit, hatte. Wenn man von planmäßiger
Züchtung redet, einem vollkommen materialistischen und utilitarischen Begriff,
so ist man eine Antwort darauf schuldig, wer zu züchten hat, wen, wo und
wie. Allein Nietzsches romantische Abneigung, die sehr prosaischen sozialen Folgerungen
zu ziehen, seine Furcht, poetische Gedanken durch Gegenüberstellung mit nüchternen
Tatsachen einer Kraftprobe auszusetzen, ließen ihn darüber schweigen,
daß seine ganze Lehre, wie sie aus dem Darwinismus stammt, auch den Sozialismus,
und zwar den sozialistischen Zwang als Mittel voraussetzt; daß
jeder systematischen Züchtung einer Klasse höherer Menschen eine streng
sozialistische Gesellschaftsordnung voraufgehen muß und daß diese
»dionysische« Idee, da es sich um eine gemeinsame Aktion und
nicht um eine Privatsache abseits lebender Denker handelt, demokratisch ist, mag
man sie wenden, wie man will. Damit hat die ethische Dynamik des »Du sollst«
ihren Gipfel erreicht: um der Welt die Form seines Willens aufzuerlegen, opfert
der faustische Mensch sich selbst. (Ebd., S. 476-477 ).Die
Züchtung des Übermenschen folgt aus dem Begriff der Zuchtwahl.
Nietzsche war, seit er Aphorismen schrieb, unbewußt ein Schüler Darwins,
aber Darwin selbst hatte den Entwicklungsgedanken des 18. Jahrhunderts durch
nationalökonomische Tendenzen umgeprägt, die er von seinem Lehrer Malthus
nahm und in das höchste Tierreich projizierte. ( ).
Malthus hatte die Fabrikindustrie von Lancaster studiert, und man findet das ganze
System, statt auf Tiere auf Menschen angewendet, schon in Buckles Geschichte der
englischen Zivilisation (1857). (Ebd., S. 477 ).Und
so stammt die »Herrenmoral« dieses letzten Romantikers auf einem merkwürdigen,
aber für den Sinn der Zeit bezeichnenden Wege aus der Quelle aller geistigen
Modernität, der Atmosphäre der englischen Maschinenindustrie. Der Macchiavellismus,
den Nietzsche als Renaissance-Erscheinung pries und dessen Verwandtschaft mit
Darwins Begriff der mimicry man nicht übersehen sollte, war tatsächlich
der im »Kapital« von Marx - dem andern berühmten Jünger
von Malthus - behandelte, und die Vorstufe dieses seit 1867 erscheinenden Grundbuches
des politischen (nicht des ethischen) Sozialismus, die Schrift »Zur Kritik
der politischen Ökonomie«, erschien gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk.
Das ist die Genealogie der Herrenmoral. Der »Wille zur Macht«, ins
Reale, Politische, Nationalökonomische übersetzt, findet seinen stärksten
Ausdruck in Shaws »Major Barbara« (1905). Sicherlich ist Nietzsche
als Persönlichkeit der Gipfel dieser Reihe von Ethikern, aber hier reicht
Shaw, der Parteipolitiker, als Denker an ihn heran. Der Wille zur Macht ist heute
durch die beiden Pole des öffentlichen Lebens, die Arbeiterklasse und die
großen Geld- und Gehirnmenschen, viel entschiedener vertreten als je durch
einen Borgia. Der Milliardär Undershaft in dieser besten Komödie Shaws
ist Übermensch. Nur hätte Nietzsche, der Romantiker, sein Ideal
nicht wiedererkannt. Er sprach stets von einer Umwertung aller Werte, von einer
Philosophie der Zukunft, also doch zunächst der westeuropäischen und
nicht chinesischen oder afrikanischen Zukunft, aber wenn seine immer in dionysischer
Ferne verschwimmenden Gedanken sich wirklich einmal zu greifbaren Gebilden verdichteten,
so erschien ihm der Wille zur Macht unter dem Bilde von Dolch und Gift und nicht
von Streiks und der Energie des Geldes. Trotzdem hat er erzählt, daß
die Idee ihm zuerst im Kriege von 1870 und beim Anblick preußischer Regimenter,
die zur Schlacht marschierten, aufgegangen sei. (Ebd., S. 477-478 ). Das
Drama dieser Epoche ist nicht mehr Dichtung im alten, im Kultursinne, sondern
eine Form der Agitation, Debatte und Beweisführung: die Schaubühne wurde
durchaus »als moralische Anstalt« betrachtet. Selbst Nietzsche neigte
wiederholt zu dramatischer Fassung seiner Gedanken. Richard Wagner hat in seiner
Nibdungendichtung, vor allem in der frühesten Fassung um 1850, seine sozialrevolutionären
Ideen niedergelegt, und Siegfried ist auf dem Umweg über künstlerische
und außerkünstlerische Einwirkungen noch im vollendeten »Ring«
ein Sinnbild des vierten Standes, der Fafnirhort eines des Kapitalismus, Brünhilde
das des »freien Weibes« geblieben. Die Musik zur geschlechtlichen
Zuchtwahl, deren Theorie, die »Abstanunung der Arten«, 1859 erschien,
findet sich eben damals im dritten Akte des Siegfried und im Tristan. Es ist kein
Zufall, daß Wagner, Hebbel und Ibsen beinahe gleichzeitig die Dramatisierung
des Nibelungenstoffes unternahmen. Hebbel, als er ... Schriften von Friedrich
Engels kennenlernt, drückt sein Erstaunen darüber aus (Brief vom 2.
April 1844), daß er das soziale Prinzip der Zeit, wie er es eben damals
in einem Drama, »Zu irgend einer Zeit« darstellen wollte, ganz ebenso
aufgefaßt habe wie der Verfasser des kommunistischen Manifestes, und bei
seiner ersten Bekanntschaft mit Schopenhauer (Brief vom 29. März 1857) überrascht
ihn auch die Verwandtschaft der »Welt als Wille und Vorstellung« mit
wichtigen Tendenzen, die er seinem Holofernes und »Herodes und Marianne«
zugrunde gelegt hatte. Hebbels Tagebücher, deren wichtigster Teil zwischen
1835 und 1845 niedergeschrieben wurde, sind eine der tiefsten philosophischen
Leistungen des Jahrhunderts, ohne daß er sich dessen bewußt gewesen
wäre. Man würde nicht erstaunt sein, ganze Sätze von ihm wörtlich
bei Nietzsche zu finden, der ihn nie gekannt und nicht immer erreicht hat.
(Ebd., S. 478-479 ). Ich
gebe hier eine Übersicht über die wirkliche Philosophie des 19. Jahrhunderts,
deren einziges und eigenstes Thema der Wille zur Macht in einer zivilisiert-intellektuellen,
ethischen oder sozialen Gestalt, als Wille zum Leben, als Lebenskraft, als praktisch-dynamisches
Prinzip, als Begriff oder dramatische Gestalt ist. Die mit Shaw abgeschlossene
Periode entspricht der antiken zwischen 350 und 250. Der Rest ist, mit Schopenhauer
zu reden, Professorenphilosophie von Philosophieprofessoren.| 1818 | Schopenhauer,»Die
Welt als Wille und Vorstellung«: der Wille zum Leben zum ersten Mal als
einzige Realität (»Urkraft«) in den Mittelpunkt gestellt, aber
noch unter dem Eindruck des voraufgegangenen Idealismus zur Verneinung empfohlen. | | 1835 | Schopenhauer,Ȇber
den Willen in der Natur«: Antizipation des Darwinismus, aber metaphysisch
verkleidet. | | 1840 |
Proudhon, »Quest-ce que la propriété«:
Grundlage des Anarchismus. - Comte, »Cours de philosophie positive«:
die Formel »ordre et progrès«. | | 1841 | Hebbel,
»Judith«: erste dramatische Konzeption des »neuen Weibes«
und des Übermenschen (Holofernes). - Feuerbach, »Wesen des Christentums«. | | 1844 | Engels,
»Urnriß einer Kritik der Nationalökonomie«: Grundlage der
materialistischen Geschichtsauffassung. - Hebbel, »Maria Magdalena«:
das erste soziale Drama. | | 1847 | Marx,
»Das Elend der Philosophie« (Synthese von Hegel und Malthus). Diese
Jahre sind die entscheidende Epoche, mit welcher die Nationalökonomie die
Sozialethik und Biologie zu beherrschen beginnt. | | 1848 | Wagner,
»Siegfrieds Tod«: Siegfried als sozialethischer Revolutionär,
der Fafnirhort als Symbol des Kapitalismus. | | 1850 | Wagner,
»Kunst und Klima«: das Sexualproblem. | | 1850-'58 | Wagners,
Hebbels und Ibsens Nibelungendichtungen. | | 1859 | ein
symbolisches Zusammentreffen: Darwin, »Entstehung der Arten durch natürliche
Zuchtwahl« (Anwendung der Nationalökonomie auf die Biologie) und Wagner,
»Tristan und Isolde«. Marx, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«. | | 1863 |
J. St. Mill, »Utilitarianism«. | | 1865 |
Dühring, »Wert des Lebens«, selten genannt, aber von höchstem
Einfluß auf die nächste Generation. | | 1867 |
Ibsen, »Brand« und »Das Kapital« von Marx. | | 1878 | Wagner,
»Parsifal«: erste Auflösung des Materialismus in Mystizismus. | | 1879 | Ibsen,
»Nora«. | | 1881 | Nietzsche,
»Morgenröte«: Übergang von Schopenhauer zu Darwin, die Moral
als biologisches Phänomen. | | 1883 | Nietzsche,
»Also sprach Zarathustra«: der Wille zur Macht, aber romantisch verkleidet. | | 1886 |
Ibsen, »Rosmersholm« (die »Adelsmenschen«) und Nietzsche,
»Jenseits von Gut und Böse«. | | 1887/'88 |
Strindberg, »Vater« und »Fräulein Julie«. | | 1890 |
der nahende Abschluß der Epoche: die religiösen Werke Strindbergs,
die symbolistischen Ibsens. | | 1896 |
Ibsen, »John Gabriel Borkman«: der Übermensch. | | 1898 | Strindberg,
»Nach Damaskus«. | | Seit
1900 | die letzten Erscheinungen | | 1903 |
Weininger, »Geschlecht und Charakter«: der einzige ernste Versuch,
Kant durch Beziehung auf Wagner und Ibsen innerhlb dieser Epoche wiederzubeleben. | | 1903 | Shaw,
»Mensch und Übermensch«: letzte Synthese von Darwin und Nietzsche.
| | 1905 | Shaw,
»Major Barbara«: der Typus des Übermenschen auf einen wirtschaftspolitischen
Ursprung zurückgeführt. | Der
ethische Sozialismus, von Fichte, Hegel, Humboldt vorbereitet, hatte die Zeit
seiner leidenschaftlichen Größe um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
An dessen Ende war er bereits im Stadium der Wiederholungen engelangt, und das
20. Jahrhundert hat unter Beibehaltung des Wortes Sozialismus, an Stelle
einer ethischen Philosophie, die nur Epigonen als unvollendet erscheint, eine
Praxis wirtschaftlicher Tagesfragen gesetzt. Die ethische Weltstimmung des Abendlandes
wird eine »sozialistische« bleiben, aber die Theorie hat aufgehört,
Problem zu sein. (Ebd., S. 479-481 ).Es
besteht die Möglichkeit einer dritten und letzten Stufe westeuropäischer
Philosophie: die eines physiognomischen Skeptizismus. Das Geheimnis der Welt erscheint
nacheinander als Erkenntnisproblem, Wertproblem, Formproblem. Kant sah die Ethik
als Erkenntnisgegenstand, das 19. Jahrhundert sah die Erkenntnis als Gegenstand
der Wertung. Der Skeptiker würde beides lediglich als historischen
Ausdruck einer Kultur betrachten. (Ebd., S. 481 ).
Faustische und apollinische Naturerkenntnis (S. 482-553):
Die Theorie als Mythos [S. 482] Jede Naturwissenschaft von einer
voraufgegangenen Revolution abhängig [S. 487] Statik, Alchymie, Dynamik
als Theorien dreier Kulturen [S. 489] Atomlehren [S. 492] Unlösbarkeit
des Bewegungsproblems [S. 497] Stil des kausalen Geschehens,
der Erfahrung [S. 502] Gottgefühl und Naturerkenntnis
[S. 506] Der große Mythos [S. 512] Antike, magische, faustische
numina [S. 517] Der Atheismus [S. 525] Die faustische Physik
als das Dogma von der Kraft [S. 530] Grenzen ihrer theoretischen
nicht technischen Fortentwicklung [S. 538] Selbstzerstörung
der Dynamik; Eindringen geschichtlicher Vorstellungen [S. 543] Ausgang
der Theorie: Auflösung in ein System morphologischer Verwandtschaften [S.
547].In einer berühmt gewordenen Rede sagte Helmholtz
( )
1869: »Das Endziel der Naturwissenschaft ist, die allen Veränderungen
zugrunde liegenden Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich
in Mechanik aufzulösen.« In Mechanik, das bedeutet die Zurückführung
aller qualitativen Eindrücke auf unveränderliche quantitative Grundwerte,
auf Ausgedehntes also und dessen Ortsveränderung; das bedeutet
weiterhin, wenn man sich des Gegensatzes von Werden und Gewordnem, Erlebtem und
Erkanntem, von Gestalt und Gesetz, Bild und Begriff erinnert, die Zurückführung
des gesehenen Naturbildes auf das vorgestellte Bild einer einheitlichen,
zahlenmäßigen Ordnung von meßbarer Struktur. Die eigentliche
Tendenz aller abendländischen Mechanik geht auf eine geistige Besitzergreifung
durch Messung; sie ist deshalb genötigt, das Wesen der Erscheinung in
einem System konstanter, der Messung restlos zugänglicher Elemente zu suchen,
deren wichtigstes nach der Definition von Helmholtz mit dem - der täglichen
Lebenserfahrung entnommenen - Worte Bewegung bezeichnet wird.
(Ebd., S. 482 ).Die
heutige Physik, als Wissenschaft ein ungeheures System von Kennzeichen
in Gestalt von Namen und Zahlen, das es gestattet, mit der Natur wie mit einer
Maschine zu arbeiten, mag ein genau bestimmbares Endziel haben; als ein Stück
Geschichte mit allen Schicksalen und Zufällen im Leben der beteiligten
Personen und im Gang des Forschens selbst ist die Physik nach Aufgabe, Methode
und Resultat Ausdruck und Verwirklichung einer Kultur, ein organisch sich entwickelnder
Zug ihres Wesens, jedes ihrer Ergebnisse ein Symbol. (Ebd., S. 483-484 ).Die
»Natur« des antiken Menschen fand ihr höchstes künstlerisches
Sinnbild in der nackten Statue; aus ihr erwuchs folgerichtig eine Statik von
Körpern, eine Physik der Nähe. Zur arabischen Kultur gehört
die Arabeske und die höhlenhafte Wölbung der Moschee; aus diesem Weltgefühl
ist die Alchymie entstanden mit der Vorstellung von geheimnisvoll wirkenden
Substanzen wie dem »Merkur der Philosophen«, der weder ein Stoff ist
noch eine Eigenschaft, sondern etwas, das in magischer Weise dem farbigen Dasein
von Metallen zugrunde liegt und ihre Verwandlung ineinander bewirken kann. Die
»Natur« des faustischen Menschen endlich hat eine Dynamik des unbegrenzten
Raumes, eine Physik der Ferne hervorgebracht. Zur ersten gehören
die Vorstellungen von Stoff und Form, zur zweiten gut spinozistisch die
von Substanzen und ihren sichtbaren oder geheimen Attributen, zur
dritten die von Kraft und Masse. Die apollinische Theorie ist ein
ruhiges Betrachten, die magische ein verschwiegenes Wissen um - man kann auch
da den religiösen Ursprung der Mechanik erkennen - die »Gnadenmittel«
der Alchymie, die faustische von Anfang an Arbeitshypothese. Der Grieche
fragte nach dem Wesen des sichtbaren Seins; wir fragen nach der Möglichkeit,
uns der unsichtbaren Triebkräfte des Werdens zu bemächtigen. Was für
jenen die liebevolle Versenkung in den Augenschein, das ist für uns die gewaltsame
Befragung der Natur, das methodische Experiment. (Ebd., S. 489-490 ).Die
olympische Götterwelt ist geschichtslos. Sie kennt kein Werden, keine Epoche,
kein Ziel. Faustisch aber ist der leidenschaftliche Zug in die Ferne. Die Kraft,
der Wille hat ein Ziel, und wo es ein Ziel gibt, gibt es für den forschenden
Blick auch ein Ende. .... Der Faust des zweiten Teils der Tragödie stirbt,
weil er sein Ziel erreicht hat. Das Weltende als Vollendung einer innerlich
notwendigen Entwicklung - das ist die Götterdämmerung; das bedeutet
also, als letzte, als irreligiöse Fassung des Mythos, die Lehre von der Entropie
( ).
(Ebd., S. 547 ).Auch
die Antike starb, aber sie wußte nichts davon. (Ebd., S. 547 ).Am
Ziele angelangt, enthüllt sich endlich das ungeheure, immer unsinnlicher,
immer durchscheinander gewordene Gewebe, das die gesamte Naturwissenschaft umspinnt:
es ist nichts andres als die innere Struktur des wortgebundenen Verstehens, das
den Augenschein zu überwinden, von ihm »die Wahrheit«der abzulösen
glaubte. Darunter aber erscheint wieder das Früheste und Tiefste, der Mythos,
das unmittelbare Werden, das Leben selbst. Je weniger anthropomorph die Naturforschung
zu sein glaubt, desto mehr ist sie es. Sie beseitigt nach und nach die einzelnen
menschlichen Züge des Naturbildes, um endlich als die vermeintliche reine
Natur die Menschlichkeit selbst, rein und ganz, in Händen zu halten. Aus
der gotischen Seele ging, das religiöse Weltgefühl überschattend,
der städtische geist hervor, das alter ego der irreligiösen Naturerkenntnis.
Heute, in der Abendröte der wissenschaftlichen Epoche, im Stadium des siegenden
Skeptizismus, lösen sich die Wolken und die Landschaft des Morgens ruht wieder
in vollkommener Deutlichkeit. (Ebd., S. 552-553 ).
|
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Band II - Welthistorische Perspektiven |
Ursprung und Landschaft  |
Städte und Völker  |
Probleme der arabischen Kultur  |
Der Staat |
Die Formenwelt des Wirtschaftslebens |
Ursprung und Landschaft (S. 557-655):
I. Das
Kosmische und der Mikrokosmos (S. 557-579)
Pflanze und Tier [S. 557] Dasein und Wachsein [S. 561] Empfinden,
Verstehen, Denken [S. 564] Bewegungsproblem [S. 573] Massenseele
[S. 577] II. Die
Gruppe der hohen Kulturen (S. 579-617)
Geschichtsbild, Naturbild [S. 579] Menschen- und Weltgeschichte [S. 586]
Zwei Zeitalter: Primitive und hohe Kulturen [S. 593] Überblick
der hohen Kulturen [S. 599] Der geschichtslose Mensch [S. 613] III. Die
Beziehungen zwischen den Kulturen (S. 617-655)
Einwirkung [S. 617] Das römische Recht [S. 624]
Magisches Recht [S. 634] Recht des Abendlandes [S. 644].
Das Kosmische und der Mikrokosmos
Betrachte
die Blumen am Abend ( ),
wenn in der sinkenden Sonne eine nach der andern sich schließt: etwas Unheimliches
dringt dann auf dich ein, ein Gefühl von rätselhafter Angst vor diesem
blinden, traumhaften, der Erde verbundenen Dasein. Der stumme Wald, die schweigenden
Wiesen, jener Busch und diese Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit
ihnen spielt. Nur die kleine Mücke ist frei; sie tanzt noch im Abendlichte;
sie bewegt sich, wohin sie will. Eine Pflanze ist nichts
für sich. Sie bildet einen Teil der Landschaft, in der ein Zufall ( )
sie Wurzel zu fassen zwang. .... Ein Tier aber kann wählen. Es ist aus der
Verbundenheit der ganzen übrigen Welt gelöst. Jener Mückenschwarm,
der noch am Wege tanzt, ein einsamer Vogel, der durch den Abend fliegt, ein Fuchs,
der ein Nest beschleicht - sie sind kleine Welten für sich in einer andern
großen. Ein Infusor, welches dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbar
im Wassertropfen ein Dasein führt, das eine Sekunde dauert und dessen Schauplatz
ein winziger Winkel dieses kleinen Tropfens ist - es ist frei und unabhängig
dem gesamten All gegenüber. Die Rieseneiche, an deren einem Blatt dieser
Tropfen hängt, ist es nicht. Verbundenheit und Freiheit:
das ist der tiefste und letzte Grundzug in allem, was wir als pflanzenhaftes und
tierhaftes Dasein unterscheiden. Doch nur die Pflanze ist ganz, was sie
ist. Im Wesen eines Tieres liegt etwas Zwiespältiges. Eine Pflanze ist nur
Pflanze, ein Tier ist Pflanze und noch etwas außerdem. (Ebd., S. 557-558 ).Der
Samen einer Blütenpflanze zeigt unter dem Mikroskop zwei Keimblätter,
welche den später dem Licht zugewandten Sproß mit seinen Organen des
Kreislaufs und der Fortpflanzung bilden und schützen, und gleichsam ein drittes,
den Wurzelschoß, welcher das unwiderrufliche Schicksal der Pflanze andeutet,
wieder den Teil einer Landschaft zu bilden. Bei höheren Tieren sehen wir,
wie das befruchtete Ei in den ersten Stunden des sich ablösenden Daseins
ein äußeres Keimblatt bildet, welches das mittlere und innere, die
Grundlage künftiger Kreislauf- und Fortpflanzungsorgane, also des pflanzenhaften
Elements im Tierleib, umschließt und gegen den mütterlichen Leib und
damit die ganze übrige Welt abhebt. Das äußere Keimblatt
ist das Sinnbild des eigentlich tierhaften Daseins. Es unterscheidet die beiden
Arten von Lebendigem, welche in der Erdgeschichte hervorgetreten sind. Es gibt
alte schöne Namen dafür: die Pflanze ist etwas Kosmisches, das
Tier ist außerdem ein Mikrokosmos in bezug auf einen Makrokosmos.
Erst damit, daß ein Lebewesen sich derart aus dem All absondert, daß
es seine Lage zu ihm bestimmen kann, ist es ein Mikrokosmos geworden. Selbst die
Planeten sind in ihrer Bahn an die großen Kreisläufe gebunden; nur
diese kleinen Welten bewegen sich frei im Verhältnis zu einer großen,
deren sie sich als ihrer Umwelt bewußt sind. (Ebd., S. 558 ).Alles
Kosmische trägt das Zeichen der Periodizität. Es besitzt Takt.
Alles Mikrokosmische hat Polarität, Das Wort »gegen« drückt
sein ganzes Wesen aus. Er besitzt Spannung. .... Kosmischer Takt aber ist
alles, was sich auch mit Richtung, Zeit, Rhythmus, Schicksal, Sehnsucht umschreiben
läßt, ... bis zum schweigenden Sichverstehen zweier Liebender, zum
gefühlten Takt einer vornehmen Gesellschaft und zum Blick des Menschenkenners,
den ich früher schon als physiognomischen Takt bezeichnet habe. Dieser Takt
kosmischer Kreisläufe lebt und webt noch unter jeder Freiheit mikrokosmischer
Bewegungen im Raume und löst zuweilen die Spannung aller wachen Einzelwesen
in einen großen gefühlten Einklang auf. (Ebd., S. 559 ).Wir
besitzen zwei Kreislauforgane des kosmischen Daseins: den Blutkreislauf
und das Geschlechtsorgan, und zwei Unterscheidungsorgane der mikrokosmischen
Beweglichkeit: Sinne und Nerven. Wir müssen annehmen, daß ursprünglich
der ganze Leib Organ des Kreislaufs und zugleich Tatsorgan gewesen ist.
(Ebd., S. 560 ).Wie
nun diese Wesen zeugen und empfangen, wie das Pflanzenhafte in ihnen danach drängt,
sich fortzupflanzen, den ewigen Kreislauf über sich selbst hinaus dauern
zu lassen, wie der eine große Pulsschlag durch entfernte Seelen hindurch
anziehend, treibend, hemmend und auch verníchtend wirkt, das ist jenes
tiefste aller Lebensgeheimnisse, das alle religiösen Mysterien und alle großen
Dichtungen zu durchdrinegn versuchen und dessen Tragik Goethe in dem Gedicht »Selige
Sehnsucht« und in den »Wahlverwandtschaften« angerührt
hat, wo das Kind sterben mußte, weil es aus entfremdeten Kreisen des Blutes
und also gleichsam durch eine kosmische Schuld ins Dasein gezogen worden war.
(Ebd., S. 560-561 ).Tatsachen
und Wahrheiten unterscheiden sich wie Zeit und Raum, wie Schicksal und Kausalität.
( ).
.... Das wirkliche Leben, die Geschichte kennt nur Tatsachen. Lebenserfahrung
und Menschenkenntnis richten sich nur auf Tatsachen. .... Für den echten
Staatsmann gibt es nur politische Tatsachen, keine politischen Wahrheiten. Die
berühmte Frage des Pilatus ist die eines jeden Tatsachenmenschen. (Ebd.,
S. 569 ).Es
ist eine der gewaltigsten Leistungen Nietzsches, das Problem vom Werte
der Wahrheit, des Wissens, der Wissenschaft aufgestellt zu haben - eine frivole
Lästerung in den Augen jedes geborenen Denkers und Gelehrten, der damit den
Sinn seines ganzen Daseins angezweifelt sieht. (Ebd., S. 570 ).Der
Wille zum System ist der Wille, Lebendiges zu töten. Es wird festgestellt,
starr gemacht, an die Kette der Logik gelegt. Der Geist hat gesiegt, wenn
er sein Geschäft des Erstarrenmachens zu Ende geführt hat. (Ebd.,
S. 570 ).Was
man mit den Worten Vernunft und Verstand zu unterscheiden pflegt, ist das pflanzenhafte
Ahnen und Fühlen, das sich der Sprache des Auges und Wortes nur bedient,
und auf der anderen Seite das tierhafte, sprachgeleitete Verstehen selbst. Die
Vernunft ruft Ideen ins Leben, der Verstand findet Wahrheiten, Wahrheiten sind
leblos und lassen sich mitteilen, Ideen gehören zum lebendigen Selbst ihres
Urhebers und können nur mitgefühglt werden. Das Wesen des Verstandes
ist Kritik, das Wesen der Vernunft ist Schöpfung. Die Vernunft erzeugt das,
worauf es ankommt, der Verstand setzt es voraus. Das besagt jener tiefe Ausspruch
..., daß der Verstand nur ausreiche, um Irrtümer zu entdecken, nicht
um Wahrheiten zu finden. (Ebd., S. 570-571 ).Erst
mit dem reinen Verstehen, das sich durch die Sprache vom Wachsein des Auges abgelöst
hat, taucht für den Menschen der Tod rings in der Lichtwelt als das große
Rätsel auf. (Ebd., S. 571 ).
Die Gruppe der hohen Kulturen
Was wir vom Menschen wissen,
scheidet sich klar in zwei große Zeitalter seines Daseins. Das erste ( )
wird für unsern Blick begrenzt einerseits durch jene tiefe Fuge im Schicksal
des Planeten, die wir heute als Anfang der Eiszeit bezeichnen und von der wir
innerhalb des Bildes der Erdgeschichte nur feststellen können, daß
hier eine kosmische Änderung stattgefunden hat; andrerseits durch den Beginn
der hohen Kulturen am Nil und Euphrat, womit der ganze Sinn des menschlichen Daseins
plötzlich ain anderer wird. (Ebd., S. 593 ).Wir
entdecken überall die scharfe Grenze von Tertiär und Diluvium und wir
finden diesseits den Menschen vor als fertig ausgebildeten Typus, mit Sitte, Mythos,
Kunst, Schmuck, Technik vertraut und von einem Körperbau, der sich seitdem
nicht merklich verändert hat. Wenn wir das erste Zeitalter das der primitiven
Kultur nennen, so ist das einzige Gebiet, auf dem sich diese Kultur, allerdings
in einer sehr späten Form, lebendig und ziemlich unberührt während
des ganzen zweiten Zeitalters und heute noch erhalten hat, das nordwestliche Afrika.
Dies klar erkannt zu haben, ist das große Verdienst von L. Frobenius ( ).
Die Voraussetzung war, daß hier eine ganze Welt primitiven Lebens
und nicht etwa nur eine Anzahl primitiver Stämme dem Eindruck hoher Kulturen
entzogen blieb. Was die Völkerpsychologen gern in allen fünf Weltteilen
zusammensuchen, sind dagegen Völkerfragmente, deren Gemeinsames in der rein
negativen Tatsache besteht, daß sie mitten unter den hohen Kulturen leben,
ohne innerlich an ihnen beteiligt zu sein. Es sind also teils zurückgebliebene,
teils mindewertige, teils entartete Stämme, deren Äußerungen noch
dazu unterschiedslos vermengt werden. (Ebd., S. 593-594 ).Die
primitive Kultur war aber etwas Starkes und Ganzes, etwas höchst
Lebendiges und Wirkungsvolles; nur ist sie so verschieden von allem, was wir Menschen
einer hohen Kultur als seelische Möglichkeiten besitzen, daß man daran
zweifeln darf, ob selbst jene Völker, mit denen das erste Zeitalter noch
tief in das zweite hineinreicht, in ihrer heutigen Art des Daseins und Wachseins
Schlüsse auf den alten Zustand erlauben. (Ebd., S. 594 ).Daß
innerhalb der Menschengeschichte plötzlich der Typus der hohen Kultur erscheint,
ist ein Zufall ( ),
dessen Sinn nicht nachzuprüfen ist. Es ist auch ungewiß, ob nicht ein
plötzliches Ereignis im Dasein der Erde eine ganz andre Form zum Vorschein
bringt. Aber die Tatsache, daß acht solcher Kulturen ( )
vor uns liegen, alle von gleichem Bau, gleichartiger Entwicklung und Dauer, gestattet
uns eine vergleichende Betrachtung und damit ein Wissen, das sich über
verschollene Epochen rückwärts und über bevorstehende vorwärts
erstreckt, immer unter der Voraussetzung, daß nicht ein Schicksal anderer
Ordnung diese Formenwelt überhaupt plötzlich durch eine neue ersetzt.
Ein Recht dazu gibt uns die allgemeine Erfahrung vom organischen Dasein.
(Ebd., S. 597 ).Die
Gruppe der hohen Kulturen ist keine organische Einheit. Daß sie in dieser
Zahl, an diesen Orten und zu dieser Zeit entstanden, ist für das menschliche
Auge ein Zufall ohne tieferen Sinn. ( ).
Dagegen tritt die Gliederung der einzelnen mit solcher Deutlichkeit hervor, daß
die chinesische, indische, arabische und abendländische Geschichtsschreibung
und oft schon das übereinstimmende Gefühl der gebildeten eine Reihe
von Namen geprägt hat, die sich gar nicht verbessern lassen. Goethe hat in
seinem kleinen Aufsatz »Geistesepochen« ( )
eine Charakteristik der vier Abschnitte jeder Kultur, der Vorzeit, Frühzeit,
Spätzeit und Zivilisation (bzw. Vor-,
Früh-, Hoch- und
Spätkultur [-Quartale    ],
so bei mir; HB), von solcher Tiefe gegeben, daß sich heute noch nichts
hinzufügen läßt. Vgl. die damit genau übereinstimmenden Tafeln
( )
.... (Ebd., S. 598 ).Das
historische Denken hat also die doppelte Aufgabe, eine vergleichende Betrachtung
der einzelnen Lebensläufe vorzunehmen, eine Aufgabe, die klar gefordert,
aber bis jetzt nicht beachtet worden ist, und die andere, die zufälligen
und regellosen Beziehungen der Kulturen untereinander auf ihren Sinn zu
prüfen. Das ist bis jetzt in der bequemen und oberflächlichen Weise
geschehen, daß man das ganze Gewirr mit kausaler Erklärung in den »Gang«
einer Weltgeschichte brachte. Damit wird aber die sehr schwierige und aufschlußreiche
Psychologie dieser Beziehungen ebenso unmöglich wie die des Innenlebens der
Kulturen selbst. Diese zweite Aufgabe setzt vielmehr die erste als gelöst
voraus. Die Beziehungen sind sehr verschieden, zunächst schon nach dem räumlichen
und zeitlichen Abstand. In den Kreuzzügen steht eine Frühzeit einer
alten Zivilisation gegenüber, in der kretisch-mykenischen Welt des Ägäischen
Meeres eine Vorkultur einer blühenden Spätzeit. Eine Zivilisation kann
aus unendlicher Ferne herüberstrahlen wie die indische von Osten in die arabische
Welt, oder sich erstickend und greisenhaft über eine Jugend lagern, wie die
Antike vom Westen her. Aber auch nach Art und Stärke: die abendländische
Kultur sucht Beziehungen auf, die ägyptische weicht ihnen aus; jene erliegt
ihnen immer wieder in tragischen Erschütterungen, die Antike nützt sie
aus, ohne zu leiden. Das alles hat aber seine Bedingungen wieder im Seelischen
der Kultur selbst und lehrt diese Seele zuweilen besser kennen als ihre igne Sprache,
die oft mehr verbirgt als mitteilt. (Ebd., S. 598-599 ).Ein
Blick über die Gruppe der Kulturen erschließt Aufgaben über Aufgaben.
( ).
.... Die ungeheure Schwierigkeit, der eine gleichmäßige Behandlung
jener großen Lebensläufe heute noch begegnet, besteht darin, daß
es an ernsthaften Bearbeitungen der fernliegenden Gebiete durchaus fehlt.
(Ebd., S. 599 ).Die
ungeheure Schwierigkeit, der eine gleichmäßige Behandlung jener großen
Lebensläufe heute noch begegnet, besteht darin, daß es an ernsthaften
Bearbeitungen der fernliegenden Gebiete durchaus fehlt. Es zeigt sich wieder der
herrische Blick des Westeuropäers, der nur erfassen will, was von irgend
einem Altertum her über ein Mittelalter sich ihm nähert, und alles,
was seine eignen Wege geht, mit halbem Ernst behandelt. In der chinesischen und
indischen Welt sind soeben einige Gebiete - Kunst, Religion und Philosophie -
in Angriff genommen worden. Die politische Geschichte wird, wenn überhaupt,
im Plauderstil vorgetargen. Niemand denkt daran, die großen staatsrechtlichen
Probleme der chinesischen Geschichte, das Hohenstaufenschicksal des Li-wang (842),
den ersten Fürstenkongreß von 659, den Kampf zwischen den Prinzipien
des von dem »Römerstaate« Tsin vertretenen Imperialismus (lienheng)
und der Völkerbundidee (hohtsung) zwischen 500 und 300, den Aufstieg des
chinesischen Augustus Hoang-ti (221) mit derselben Gründlichkeit zu behandeln,
wie es Mommsen mit dem Prinzipat des Augustus getan hat. Die Staatengeschichte
Indiens mag noch so gründlich von den Indern vergessen sein, aus der Zeit
Buddhas liegt trotzdem mehr Material vor als aus der antiken Geschichte im 9.
und 8. Jahrhundert, aber wir tun noch heute, als hätte »der«
Inder ganz in seiner Philosophie gelebt wie die Athener, welche nach der Ansicht
unsrer Klassizisten ihr Leben, an den Ufern des Ilissos philosophierend, in Schönheit
verbrachten. Aber auch über die ägyptische Politik ist kaum nachgedacht
worden. Hinter den Namen der Hyksoszeit haben die späten ägyptischen
Historiker dieselbe Krisis verborgen, welche die chinesischen als »Zeit
der kämpfenden Staaten« behandeln. Das hat noch niemand untersucht.
Und in der arabischen Welt reicht das Interesse genau so weit wie das antike Sprachgebiet.
Was ist nicht über die Staatsschöpfung Diokletians geschrieben worden!
Und was für ein Material hat man etwa über die ganz gleichgültige
Verwaltungsgeschichte der kleinasiatischen Provinzen zusammengetragen - weil es
griechisch geschrieben war! Aber das Vorbild Diokletians in jeder Beziehung, der
Sassanidenstaat, fällt nur insoweit in den Kreis der Betrachtung, als er
gerade Krieg mit Rom führte. Wie steht es aber mit dessen eigener Verwaltungs-
und Rechtsgeschichte? Was ist über Recht und Wirtschaft in Ägypten,
Indien und China gesammelt worden, das sich neben den Arbeiten über antikes
Recht halten könnte? Es fehlt ebenso an einer Geschichte der Landschaft (also
des Bodens, der Pflanzendecke und der Witterung), in der sich die Menschengeschichte
seit fünftausend Jahren abgespielt hat. Aber die Menschengeschichte ringt
sich so schwer von der Geschichte der Landschaft ab und bleibt mit tausend Wurzeln
mit ihr so tief verbunden, daß man ohne sie das Leben, die Seele, das Denken
gar nicht verstehen kann. Was die Landschaft Südeuropas betrifft, so macht
seit dem Ende der Eiszeit ein unbändiger Überfluß der Pflanzenwelt
allmählich der Dürftigkeit Platz. In der Folge der ägyptischen,
antiken, arabischen und abendländischen Kultur hat sich um das Mittelmeer
herum eine Wandlung des Klimas vollzogen, wonach der Bauer aus dem Kampf gegen
die Pflanzenwelt in den für sie eintreten mußte, erst gegen
den Urwald, dann gegen die Wüste sich behauptend. Die Sahara lag zur Zeit
Hannibals weit im Süden Karthagos, heute dringt sie bereits in das nördliche
Spanien und Italien ein; wo war sie zur Zeit der ägyptischen Pyramidenbauer
mit den Wald- und Jagdbildern auf ihren Reliefs? Als die Spanier die Moriskos
vertreiben, erlosch der nur noch künstlich aufrecht erhaltene Charakter des
Landes als einer Wald- und Ackerlandschaft. Die Städte wurden Oasen in der
Wüste. Zur Römerzeit hätte das keine derartige Folge gehabt.
(Ebd., S. 599-601 ).Vor
diesem Bilde der Menschenwelt, welches bestimmt ist, das heute noch in den besten
Köpfen befestigte von Altertum, Mittelalter und Neuzeit abzuzlösen,
wird auch eine neue und, wie ich glaube, für unsere Zivilisation endgültige
Antwort auf die alte Frage möglich: Was ist Geschichte? (Ebd., S. 610 ).Ranke
(im Vorwort zu seiner Weltgeschichte) sagt: »Die Geschichte beginnt
erst, wo die Monumente verständlich werden und glaubwürdige schriftliche
Aufzeichnungen vorliegen.« Das ist die Antwort eines Sammlers und Ordners
von Daten. Ohne Zweifel ist hier das, was geschehen ist, mit dem verwechselt worden,
was innerhalb des Blickfeldes der jeweiligen Geschichtsforschung geschehen ist.
Daß Mardonios bei Platäägeschlagen wurde - das hat aufgeheört
Geschichte zu sein, wenn 2000 Jahre später ein Gelehrter davon nichts mehr
weiß? Ist das Leben nur dann eine Tatsache, wenn in Büchern davon geredet
wird? (Ebd., S. 611 ).Der
bedeutendste Historiker seit Ranke, Eduard Meyer, sagt: »Historisch ist,
was wirksam ist oder gewesen ist .... Erst durch die historische Betrachtung wird
der Einzelvorgang, den sie aus der unendlichen Masse gleichzeitiger Vorgänge
heraushebt, zu einem historischen Ereignis«. Das ist ganz im Geschmack und
Geiste Hegels gesagt. Es kommt erstens auf die Tatsachen an und nicht auf unser
zufälliges Wissen davon. (Ebd., S. 611 ).Gerade
das neue Bild der Geschichte zwingt uns, Tatschen ersten Ranges in großen
Folgen als vorhanden anzunehmen, von denen wir im Gelehrtensinne nie etwas wissen
werden. Wir müssen lernen, im weitesten Umfange mit dem Unbekannten zu rechnen.
Und zweitens: Wahrheiten gibt es für den Geist; Tatsachen gibt es nur in
bezug auf das Leben. Historische Betrachtung, in meiner Ausdrucksweise: physiognomischer
Takt: das ist die Entscheidung des Blutes, die auf die Vergangenheit
und Zukunft erweiterte Menschenkenntnis, der angeborne Blick für Personen
und Lagen, für das, was Ereignis, was notwendig war, was dagewesen sein muß,
und nicht die bloße wissenschaftliche Kritik und Kenntnis von Daten.
Die wissenschaftliche Erfahrung kommt bei jedem echten Historiker nebenher
oder nachher. Sie beweist mit den Mitteln des Verstehens und Mitteilens umständlich
noch einmal, und zwar für das Wachsein, was in einem Augenblick der
Erleuchtung für das Dasein schon bewiesen war. (Ebd., S. 611 ).Gerade
weil die Gewalt des faustischen Daseins heute einen Umkreis innerer Erfahrungen
herausgebildet hat, wie sie nie ein anderer Mensch und nie eine andere Zeit erwerben
konnten, gerade weil für uns in immer wachsendem Maße fernste Ereignisse
einen Sinn und eine Beziehung erhalten, der für alle andern und auch die
nächsten Miterlebenden nicht vorhanden sein konnte, ist heute für
uns vieles Geschichte, nämlich Leben im Einklang mit unserem Leben geworden,
was es noch vor hundert Jahren nicht war. Für Tacitus hat die Revolution
des Ti. Gracchus, deren Daten er vielleicht »wußte«, keine wirkliche
Bedeutung mehr, wohl aber für uns. Für keinen Bekenner des Islam bedeutet
die Geschichte der Monophysiten und ihre Beziehungen zur Umgebung Mohammeds irgend
etwas; wr lernen da die Entwicklung des englischen Puritanismnus unter andern
Bedingungen noch einmal kennen. Für den Weltblick einer Zivilisation, deren
Schauplatz die ganze Erde geworden ist, gibt es zuletzt nichts ganz Unhistorisches
mehr. Das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit ( ),
wie es das 19. Jahrhundert verstand, enthielt nur eine Auswahl handgreiflicher
Beziehungen. Aber die heute beginnende Wirkung frühchinesischer und mexikanischer
Geschichte auf uns ist von feinerer, geistigerer Art: wir machen da Erfahrungen
von den letzten Notwendigkeiten des Lebens überhaupt. Wir lernen dort an
einem andern Lebensverlauf uns selbst kennen, wie wir sind, wie wir sein müssen
und sein werden; das ist die große Schule unserer Zukunft. Wir, die wir
noch Geschichte haben und Geschichte machen, erfahren hier an der äußersten
Grenze der historischen Menschheit, was Geschichte ist. (Ebd., S. 612 ).Wenn
zwischen zwei Negestämmen des Sudan oder zwischen Cheruskern und Chatten
oder, was wesentlich dasselbe ist, zwischen zwei Ameisenvölkern eine Schlacht
stattfindet, so ist das lediglich ein Schauspiel der lebendigen Natur. Wenn die
Cherusker aber im Jahre 9 die Römer schlagen, oder die Azteken die Thaskalaner,
so ist das Geschichte. Hier ist das Wann von Bedeutung; hier wiegt jedes
Jahrzehnt, selbst jedes Jahr. Es handelt sich um das Fortschreiten eines großen
Lebenslaufs, in dem jede Entscheidung den Rang einer Epoche einnimmt. Es ist ein
Ziel da, auf das alles Geschehen zutreibt, ein Dasein, das seine Bestimmung erfüllen
will, ein Tempo, eine organische Dauer, und nicht das regellose Auf und Ab der
Skythen, Gallier, Karaiben, dessen Vorfälle im einzelnen ebenso belanglos
sind wie die in einer Biberkolonie oder einer Steppe voller Gazellenherden. Dies
ist zoologisches Geschehen und gehört in eine Einstellung von ganz
andrer Art: es kommt da nicht auf das Schicksal von einzelnen Völkern und
Herden an, sondern auf das Schicksal des Menschen und das der Gazelle
oder Ameise als Art. Der primitive Mensch hat Geschichte nur im biologischen
Sinne. Auf ihre Ermittlung läuft alle prähistorische Forschung hinaus.
Die zunehmende Vertrautheit mit Feuer, Steinwerkzeugen, Metallen und den mechanischen
Gesetzen der Waffenwirkung kennzeichnet nur die Entwicklung des Typus und der
in ihm ruhenden Möglichkeiten. Was mit diesen Waffen bei einem Kampf zwischen
zwei Stämmen erzielt wird, ist im Rahmen dieser Art von Geschichte völlig
gleichgültig. Steinzeit und Barock: das sind Altersstufen im Dasein einer
Gattung und einer Kultur, also zweier Organismen, die im Bereich zweier grundverschiedener
Einstellungen liegen. Ich protestiere hier gegen zwei Annahmen,
die alles historische Denken bis jetzt verdorben haben: gegen die Annahme eines
Endziels der gesamten Menschheit und gegen die Leugnung von Endzielen überhaupt.
Das Leben hat ein Ziel. (     ).
Es ist die Erfüllung dessen, was mit seiner Zeugung gesetzt war. Aber der
einzelne Mensch gehört durch seine Geburt entweder einer der hohen Kulturen
an oder nur dem menschlichen Typus überhaupt. Eine dritte große Lebenseinheit
gibt es für ihn nicht. Aber damit liegt sein Schicksal entweder im Rahmen
der zoologischen oder der »Weltgeschichte«. Der »historische
Mensch«, wie ich das Wort verstehe und wie es alle großen Historiker
immer gemeint haben, ist der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur. Vorher,
nachher und außerhalb ist er geschichtslos. Dann sind die Schicksale
des Volkes, zu dem er gehört, ebenso gleichgültig wie das Schicksal
der Erde, wenn man es nicht im Bilde der Geologie, sondern der Astronomie betrachtet.
(Ebd., S. 612-613 ).Und
daraus folgt eine ganz entscheidende und hier zum erstenmal festgestellte Tatsache:
daß der Mensch nicht nur vor dem Entstehen einer Kultur geschichtslos ist,
sondern wieder geschichtslos wird, sobald eine Zivilisation sich zu ihrer
vollen und endgültigen Gestalt herausgebildet und damit die lebendige Entwicklung
der Kultur beendet, die letzten Möglichkeiten eines sinnvollen Daseins erschöpft
hat. Was wir in der ägyptischen Zivilisation seit Sethos I. (1300) und in
der chinesischen, indischen und arabischen noch heute vor uns sehen, ist wieder
das zoologische Auf und Ab des primitiven Zeitalters, mag es sich auch in noch
so durchgeistigte religiöse, philosophische und vor allem politische Formen
hüllen. Ob in Babylon die Kossäer als wüste Soldatenhorde oder
die Perser als feine Erben sitzen; wann, wie lange und mit welchem Erfolg sie
das tun, ist von Babylon aus gesehen ohne Bedeutung. Für das Behagen der
Bevölkerung war es gewiß nicht gleichgültig, aber an der Tatsache,
daß die Seele dieser Welt erloschen war und deshalb alle Ereignisse einer
tieferen Bedeutung entbehrten, änderte sich damit nichts. Eine neue, fremde
oder einheimische Dynastie in Ägypten, eine Revolution oder Eroberung in
China, eine neues Germanenvolk im römischen Reiche, das gehört zur Geschichte
der Landschaft wie eine Änderung im Wildbestand oder der Ortswechsel eines
Vogelschwarmes. Was in der wirklichen Geschichte höherer Menschen immer auf
dem Spiel stand und allen tierhaften Machtfragen zugrunde lag, auch wenn der Treibende
oder Getriebene sich nicht im geringsten der Symbolik seiner Taten, Absichten
und Geschicke bewußt wurde, das war die Verwirklichung von etwas durchaus
Seelenhaftem, die Überführung einer Idee in eine lebendig historische
Gestalt. Das gilt ebenso von dem Ringen zwischen großen Stilrichtungen in
der Kunst - Gotik und Renaissance -, oder zwischen Philosophen - Stoiker und Epikuräer
-, oder Staatsgedanken - Oligarchie und Tyrannis -, oder Wirtschaftsformen - Kapitalismus
und Sozialismus. (Ebd., S. 613-614 ).
Von alledem ist nicht mehr die Rede. Was übrig bleibt, ist
der Kampf um die bloße Macht, um den animalischen Vorteil an sich. Und wenn
vorher selbst die scheinbar ideenloseste Macht noch in irgend einer Weise der
Idee dient, so ist in späten Zivilisationen selbst der überzeugendste
Schein einer Idee nur die Maske für rein zoologische Machtfragen. (Ebd.,
S. 614 ).Was
die indische Philosophie vor und nach Buddha unterscheidet, ist dort die große
Bewegung auf ein mit der indischen Seele und in ihr gesetztes Ziel des indischen
Denkens, und hier das immer neue Hin- und Herwenden eines Denkbestandes, der dadurch
nicht anders wird. Die Lösungen sind da, aber man ändert den Geschmack
in der Art, sie auszusprechen. Und dasselbe gilt von der chinesischen Malerei
vor und nach dem Beginn der Han-Dynastie - mögen wir sie kennen oder nicht
- und von der ägyptischen Architektur vor und nach dem Beginn des Neuen Reiches.
In der Technik steht es nicht anders. Die abendländischen Erfindungen der
Dampfmaschine und Elektrizität kommen unter den Chinesen heute in ganz derselben
Weise - und mit derselben religiösen Scheu - in Aufnahme wie vor viertausend
Jahren die Bronze und der Pflug und noch viel früher das Feuer. Beides
unterscheidet sich seelisch vollständig von den Erfindungen, welche die Chinesen
der Dschouzeit selbst gemacht haben und die für ihre innere Geschichte jedesmal
eine Epoche bedeuteten. ( ).
Vorher und nachher spielen Jahrhunderte nicht entfernt mehr die Rolle wie die
Jahrzehnte und oft einzelne Jahre innerhalb der Kultur, denn die Zeiträume
der Biologie kommen allmählich wieder zur Geltung. Das gibt diesen sehr
späten Zuständen, welche für ihre Träger etwas ganz Selbstverständliches
haben, den Charakter jener feierlichen Dauer, den echte Kulturmenschen wie Herodot
in Ägypten und seit Marco Polo die Westeuropäer in China im Vergleich
mit dem Tempo der eigenen Entwicklung staunend wahrgenommen haben. Es ist die
Dauer der Geschichtslosigkeit. (Ebd., S. 615 ).Ist
nicht mit Actium und der pax Romana die antike Geschichte zu Ende? Große
Entscheidungen, in denen sich der innere Sinn einer ganzen Kultur zusammendrängt,
kommen nicht mehr vor. Der Unsinn, die Zoologie beginnt zu herrschen. Es wird
gleichgültig - für die Welt, nicht für die handelnden Privatpersonen
-, ob ein Ereignis so oder so ausgeht. Alle großen Fragen der Politik sind
gelöst, wie sie in allen Zivilisationen zuletzt gelöst werden: indem
man Fragen nicht mehr als solche empfindet; indem man nicht mehr fragt. Es dauert
nicht lange und man versteht auch nicht mehr, was bei früheren Katastrophen
an Problemen eigentlich zugrunde lag. Was man nicht an sich selbst erlebt, erlebt
man auch nicht an andern. Wenn die späten Ägypter von der Hyksoszeit,
die späten Chinesen von der entsprechenden »Zeit der kämpfenden
Staaten« reden, so beurteilen sie das äußere Bild nach ihrer
Art zu leben, die keine Rätsel mehr kennt. Sie sehen da bloße Kämpfe
um die Macht; sie sehen nicht, daß diese verzweifelten äußeren
und inneren Kriege, in denen man die Fremden gegen die eigenen Mitbürger
aufrief, um eine Idee geführt wurden. Wir verstehen heute, was um die Ermordung
des Ti. Gracchus und des Clodius in furchtbaren Spannungen und Entladungen vor
sich ging. 1700 konnten wir es noch nicht und 2200 werden wir es nicht mehr verstehen.
Genau so steht es mit jenem Chian, einer napoleonischen Erscheinung, für
welche die ägyptischen Historiker später nur noch die Bezeichnung »Hyksoskönig«
ausfindig machten. Wären die Germanen nicht gekommen, so hätte die römische
Geschichtsschreibung ein Jahrtausend später vielleicht aus Gracchus, Marius,
Sulla und Cicero eine Dynastie gemacht, die von Cäsar gestützt wurde.
(Ebd., S. 615-616 ).Man
vergleiche den Tod des Ti. Gracchus mit dem Neros, als die Nachricht von der Erhebung
Galbas nach Rom kam, oder den Sieg Sullas über die Marianer mit dem des Septimius
Severus über Pescennius Niger. Hätte das entgegengesetzte Ergebnis im
zweiten Falle am Gange der Kaiserzeit irgend etwas geändert? Es geht bereits
viel zu weit, wenn Mommsen und Ed. Meyer (Cäsars Monarchie und das Prinzipat
des Pompejus, 1918, S. 501ff. )
einen sorgfältigen Unterschied zwischen der »Monarchie« Cäsars
und dem »Prinzipat« des Pompejus oder Augustus machen. Das sind jetzt
leere staatsrechtliche Formeln; fünfzig Jahre vorher wäre es noch der
Gegensatz zweier Ideen gewesen. Wenn Vindex und Galba 68 »die Republik«
wiederherstellen wollten, so spielten sie mit einem Begriff in einer Zeit, für
die es Begriffe von echter Symbolik nicht mehr gab. Es stand nur noch in Frage,
in wessen Hände die rein materielle Gewalt kommen würde. Die immer negerhafteren
Kämpfe um den Cäsarentitel hätten sich noch durch Jahrhunderte
fortspinnen können, in immer primitiveren und deshalb »ewigeren«
Formen. (Ebd., S. 616-617 ).Diese
Bevölkerungen haben keine Seele mehr. Sie können deshalb keine eigne
Geschichte mehr haben. Sie können höchstens in der Geschichte einer
fremden Kultur die Bedeutung eines Objektes erhalten und es ist ausschließlich
dieses fremde Leben, welches von sich aus den tieferen Sinn dieser Beziehung bestimmt.
Was auf dem Boden alter Zivilisationen überhaupt noch geschichtsartig wirkt,
ist also nie der Gang der Ereignisse, insofern der Mensch dieses Bodens selbst
in ihnen mitspielt, sondern insofern andre es tun. Aber
damit ist das Gesamtphänomen »Weltgeschichte« wieder in seinen
zwei Elementen sichtbar geworden: Lebensläufe großer Kulturen und die
Beziehungen zwischen ihnen. (Ebd., S. 617 ). Die
Beziehungen zwischen den Kulturen
Obwohl sie das zweite und
die Kulturen das erste sind, so urteilt das moderne historische Denken doch umgekehrt.
Je weniger es die eigentlichen Lebensläufe erkennt, aus denen sich die scheinbare
Einheit des Weltgeschehens zusammensetzt, desto eifriger sucht es das Leben im
Gewebe der Beziehungen, desto weniger versteht es mithin auch von diesen. Wie
reich ist die Psychologie dieses Aufsuchens, Abwehrens, Wählens, Umdeutens,
Verführens, Eindringens, Sichanbietens, und zwar sowohl zwischen den Kulturen,
die sich unmittelbar berühren, bewundern, bekämpfen, als zwischen einer
lebenden Kultur und der Formenwelt einer toten, derebn Reste noch sichtbar in
der Landschaft stehen! Und wie eng und arm sind die Vorstellungen, welche demgegenüber
der Historiker mit den Worten Einfluß, Fortdauer und Fortwirkung verbindet!
(Ebd., S. 617 ).
Das ist echtes 19. Jahrhundert. Man sieht nur noch eine Kette von
Ursachen und Wirkungen. Alles »folgt«, nichts ist ursprünglich.
Weil überall Formenelemente der Oberfläche älterer Kulturen sich
bei jüngeren wiederfinden, so haben sie »fortgewirkt«, und wenn
man eine Reihe von solchen Fortwirkungen beisammen hat, so glaubt man etwas Rechtes
getan zu haben. (Ebd., S. 617-618 ).
Zugrunde liegt dieser Betrachtungsweise das Bild der sinnvoll-einheitlichen
Menschengeschichte, wie es einst den großen Gotikern aufging. Da sah man,
wie auf Erden Menschen und Völker wechselten und die Ideen blieben. Der Eindruck
dieses Bildes war gewaltig und hat sich noch heute nicht verloren. Ursprünglich
war es der Plan, den Gott mit dem Menschengeschlecht verfolgte; aber auch später
noch konnte man sehen, solange der Bann des Schemas Altertum-Mittelalter-Neuzeit
( )
anhielt und man nur das scheinbar Dauernde, nicht das tatsächlich sich Verändernde
bemerkte. Inzwischen ist unser Blick anders geworden, kühler und weiter,
und unser Wissen hat die Grenzen dieses Schemas längst überschritten.
Wer heute noch so sieht, steht auf der falschen Seite. (Ebd., S. 618 ).Zwei
Kulturen können sich von Mensch zu Mensch berühren oder der Mensch der
einen die tote Formenwelt der andern in ihren mitteilbaren Resten sich gegenübersehen.
Tätig ist in jedem Falle der Mensch allein. Die gewordene Tat des einen kann
von einem andern nur aus dessen Dasein heraus beseelt werden. Sie wird damit sein
inneres Eigentum, sein Werk und ein Teil seines Selbst. Nicht »der Buddhismus«
ist von Indien nach China gewandert, sondern es wurde aus dem Vorstellungsschatz
der indischen Buddhisten ein Teil von den Chinesen einer besonderen Gefühlsrichtung
angenommen und zu einer neuen Art des religiösen Ausdrucks gemacht,
die ausschließlich für chinesische Buddhisten etwas bedeutete. Es kommt
nie auf den ursprünglichen Sinn der Form an, sondern auf die Form selbst,
in welcher das tätige Empfinden und Verstehen des Betrachters die Möglichkeit
zu eigner Schöpfung entdeckt. Bedeutungen sind unübertragbar.
Die tiefe seelische Einsamkeit, die sich zwischen das Dasein zweier Menschen von
verschiedener Art legt, wird durch nichts gemindert. Mögen sich damals Inder
und Chinesen gemeinsam als Buddhisten empfunden haben, sie standen sich innerlich
deshalb nicht weniger fern. Es sind dieselben Worte, dieselben Bräuche, dieselben
Zeichen - aber zwei verschiedene Seelen, die ihre eigenen Wege gehen. (Ebd.,
S. 620 ).Man
kann daraufhin alle Kulturen untersuchen .... Wie steht es denn mit der den »ewigen
Errungenschaften« in der Philosophie und Wissenschaft? Wir müssen
immer wieder hören, wieviel von der griechischen Philosophie noch heute fortlebt.
Aber das bleibt eine Redensart ohne eine gründliche Aufstellung dessen, was
erst der magische und dann der faustische Mensch mit der tiefen Weisheit ungebrochener
Instinkte abgelehnt, nicht bemerkt oder unter Beibehaltung der Formeln planmäßig
anders verstanden hat. Der naive Glaube gelehrter Begeisterung täuscht sich
hier. (Ebd., S. 621 ).Weil
es von vornherein feststand, was man ausdrücken wollte, und man also
von dem toten Bestand, den man vor sich hatte, nur das wenige wirklich sah, was
man wünschte, und zwar so, wie man es wünschte, nämlich in der
Richtung der eignen Absicht und nicht der des Schöpfers, über die kleine
lebendige Kunst je ernstlich nachgedacht hat. Man muß den »Einfluß«
der ägyptischen auf die frühgriechische Plastik Zug um Zug verfolgen,
um endlich zu sehen, daß ein Einfluß gar nicht vorhanden ist, sondern
daß das griechische Formwollen jenen alten Kunstbeständen einige Merkmale
entnahm, die es auch ohne sie in irgend einer Art gefunden hätte. .... Ich
wiederhole: man sieht immer nur die Beziehungen, die zugelassen worden sind. Was
alles ist aber nicht zugelassen worden? Warum befinden sich z.B. die ägyptischen
Pyramiden, Pylonen, Obelisken, die Hieroglyphen- und Keilschrift nicht darunter
? .... Man kann die gänzlich unbewußte Weisheit der Auswahl und der
ebenso entschlossenen Umdeutung gar nicht hoch genug einschätzen. Jede beziehung,
die zugelassen wird, ist nicht nur eine Ausnahme, sondern auch ein Mißverständnis,
und die innere Kraft eines Daseins äußert sich vielleicht nirgends
so deutlich wie in dieser Kunst des planmäßigen Mißverstehens.
(Ebd., S. 621-622 ).Je
lauter man die Prinzipien eines fremden Denkens rühmt, desto gründlicher
hat man sicherlich ihren Sinn verändert. Man gehe doch dem Lobe Platos im
Abendlande einmal genau nach! .... Je demütiger man eine fremde Religion
annimmt, desto vollkommener hat sie bereits die Form der neuen Seele angenommen.
Es sollte wirklich einmal die Geschichte der »drei Aristoteles« geschrieben
werden, nämlich des griechischen, arabischen und gotischen, die nicht einen
Begriff, nicht einen Gedanken gemein haben. Oder die Geschichte der Verwandlung
des magischen in das faustische Christentum! Wir hören und lernen, daß
diese Religion sich im Westen unverändert von der alten Kirche aus über
das Abendland verbreitet hat. In Wirklichkeit entwickelte der magische Mensch
aus der ganzen Tiefe seines dualistischen Weltbewußtseins eine Sprache seines
religiösen Wachseins, die wir »das« Christentum nennen. Was von
diesem Erlebnis mitteilbar war, Worte, Formeln, Gebräuche, nahm der Mensch
der spätantiken Zivilisation als Mitte für sein religiöses
Bedürfnis an; von Mensch zu Mensch ging diese Formensprache bis zu den Germanen
der abendländischen Vorkultur, in den Wortklängen immer dasselbe, in
den Bedeutungen immer etwas anderes. (Ebd., S. 622-623 ).Recht
des Abendlandes. - Und deshalb sei es hier in aller Schärfe gesagt: Das antike
Recht war ein Recht von Körpern, unser Recht ist das von Funktionen.
Die Römer schufen eine juristische Statik, unsere Aufgabe ist eine juristische
Dynamik. .... Für einen Römer war der Sklave eine Sache, die neue Sachen
hervorbrachte. Der Begriff des geistigen Eigentums ist einem Schriftsteller wie
Cicero nie gekommen, geschweige denn der des Eigentums an einer praktischen Idee
oder den Möglichkeiten einer großen Begabung. Für uns aber ist
der Organisator, Erfinder und Unternehmer eine erzeugende Kraft, die auf
andere, ausführende Kräfte wirkt, indem sie ihnen Richtung, Aufgabe
und Mittel zu eigener Wirkung gibt. Beide gehören dem Wirtschaftsleben an
nicht als Besitzer von Sachen, sondern als Träger von Energien. Eine Umstellung
des gesamten Rechtsdenkens nach Analogie der höheren Physik und Mathematik
wird zur Forderung der Zukunft. Das gesamte soziale, wirtschaftliche, technische
Leben wartet darauf, endlich in diesem Sinne begriffen zu werden; wir brauchen
mehr als ein Jahrhundert schärfsten und tiefsten Denkens, um dies Ziel zu
erreichen. Und dazu bedarf es einer ganz andern Art der Vorbildung des Juristen.
Sie fordert 1.) eine unmittelbare ausgedehnte und
praktische Erfahrung im Wirtschaftsleben der Gegenwart, 2.)
eine genaue Kenntnis der Rechtsgeschichte des Abendlandes, unter beständiger
Vergleichung der deutschen, englischen und romanischen Entwicklung, 3.)
die Kenntnis des antiken Rechts, und zwar nicht als eines Musters der heute
geltenden Begriffe, sondern als glänzendes Beispiel dafür, wie ein Recht
sich rein aus dem praktischen Leben der Zeit entwickelt. - Das römische
Recht hat aufgehört, für uns der Ursprung der für immer gültigen
Grundbegriffe zu sein. Aber das Verhältnis zwischen dem römischen Dasein
und den römischen Rechtsbegriffen macht es uns von neuem wertvoll. Wir können
an ihm lernen, wie wir unser Recht aus eignen Erfahrungen herauszubilden
haben. (Ebd., S. 654-655 ).
Städte und Völker (S. 656-783):
I. Die
Seele der Stadt (S. 656-687) Mykene und
Kreta [S. 656] Der Bauer [S. 660] Weltgeschichte ist Stadtgeschichte
[S. 661] Stadtbild [S. 664] Stadt und Geist [S. 669] Geist
der Weltstadt [S. 673] Unfruchtbarkeit und Zerfall [S. 678] II. Völker,
Rassen, Sprachen (S. 688-745) Daseinsströme
und Wachseinsverbindungen [S. 690] Ausdruckssprache und Mitteilungssprache
[S. 691] Totem und Tabu [S. 693] Sprache und Sprechen [S. 694]
Das Haus als Rasseausdruck [S. 698] Burg und Dom [S. 701] Die Rasse
[S. 703] Blut und Boden [S. 708] Die Sprache [S. 712] Mittel
und Bedeutung [S. 717] Wort, Grammatik [S. 721 Sprachgeschichte
731 Schrift [S. 737] Morphologie der Kultursprachen [S. 741]
III. Urvölker,
Kulturvölker, Fellachenvölker (S. 746-783)
Völkernamen, Sprachen, Rassen [S. 746] Wanderungen [S. 750]
Volk und Seele [S. 754] Die Perser [S. 756] Morphologie der
Völker [S. 759] Volk und Nation [S. 761] Antike, arabische,
abendländische Nationen [S. 765]. Die
Seele der Stadt
In Karl dem Großen tritt jene Mischung
urmenschlichen Seelentums kurz vor dem Erwachen und einer späten darüber
gelagerten Geistigkeit hell zutage. (Ebd., S. 657 ).Der
ursprüngliche Mensch ist ein schweifendes Tier, ein Dasein, dessen Wachsein
sich ruhelos durch das Leben tastet, ganz Mikrokosmos, ortsfrei und heimatlos,
mit scharfen und ängstlichen Sinnen, immer darauf bedacht, der feindlicllen
Natur etwas abzujagen. Eine tiefe Wandlung beginnt erst mit dem Ackerbau - denn
dies ist etwas Künstliches, wie es Jägern und Hirten durchaus
fern liegt: wer gräbt und pflügt, will die Natur nicht plündern,
sondern abändern. Pflanzen heißt etwas nicht nehmen, sondern
erzeugen. Aber damit wird man selbst zur Pflanze, nämlich Bauer.
Man wurzelt in dem Boden, den man bestellt. Die Seele des Menschen entdeckt eine
Seele in der Landschaft; eine neue Erdverbundenlleit des Daseins, ein neues Fühlen
meldet sich. Die feindliche Natur wird zur Freundin. Die Erde wird zur Mutter
Erde. Zwischen säen und zeugen, Ernte und Tod, Kind und Korn entsteht
eine tiefgefühlte Beziehung. Eine neue Frömmigkeit richtet sich in chtonischen
Kulten auf das fruchttragende Land, das mit den Menschen zusammenwächst.
Und als vollkommener Ausdruck dieses Lebensgefühls entsteht überall
die sinnbildliche Gestalt des Bauernhauses, das in der Anlage seiner Räume
und in jedem Zuge seiner äußeren Form vom Blut der Bewohner redet.
Das Bauernhaus ist das große Symbol der Seßhaftigkeit. Es ist selbst
Pflanze; es senkt seine Wurzeln tief in den »eigenen« Boden.
Es ist Eigentum im heiligsten Sinne. Die guten Geister des Herdes und der Tür,
des Grundstücks und der Räume: Vesta, Janus, die Laren und Penaten haben
ihren festen Ort so gut wie der Mensch selbst. (Ebd., S. 660 ).Dies
ist die Voraussetzung jeder Kultur, die selbst wieder pflanzenhaft aus ihrer Mutterlandschaft
emporwächst und die seelische Verbundenheit des Menschen mit dem Boden noch
einmal vertieft. Was dem Bauern sein Haus, das ist dem Kulturmenschen die Stadt.
Was dem einzelnen Hause die guten Geister, das ist jeder Stadt ihr Schutzgott
oder Heiliger. Auch die Stadt ist ein pflanzenhaftes Wesen. Alles Nomadenhafte,
alles rein Mikrokosmische liegt ihr ebenso fern wie das Bauerntum. Deshalb ist
jede Entwickllmg einer höheren Formensprache an die Landschaft gebunden.
Weder eine Kunst noch eine Religion können den Ort ihres Wachstums verändern.
Erst die Zivilisation mit ihren Riesenstädten verachtet wieder diese Wurzeln
des Seelentums und löst sich von ihnen. Der zivilisierte Mensch, der intellektuelle
Nomade ist wieder ganz Mikrokosmos, ganz heimatlos, geistig frei wie die Jäger
und Hirten es sinnlich waren. Ubi bene ibi patria - das gilt vor und nach
einer Kultur. Irn Vorfrühling der Völkerwanderung war es die jungfräuliche
und doch schon miitterliche Germanensehnsucht, die im Süden eine Heimat suchte,
um für ihre künftige Kultur ein Nest zu bauen. Heute, am Ende dieser
Kultur, schweift der wurzellose Geist durch alle landschaftlichen und gedanklichen
Möglichkeiten. Dazwischen aber liegt die Zeit, wo der Mensch fiir ein Stück
Erde stirbt. (Ebd., S. 660-661 ).Es
ist eine ganz entscheidende und in ihrer vollen Bedeutung nie gewürdigte
Tatsache, daß alle großen Kulturen Stadtkulturen sind. Der höhere
Mensch des zweiten Zeitalters ist ein städtebauendes Tier. Das ist
das eigentliche Kriterium der »Weltgeschichte«, das sie von der Menschengeschichte
überhaupt auf das Schärfste abhebt - Weltgeschichte ist die Geschichte
des Stadtmenschen. Völker, Staaten, Politik und Religion, alle Künste,
alle Wissenschaften beruhen auf einem Urphänomen menschlichen Daseins: der
Stadt. Da alle Denker aller Kulturen selbst in Städten leben - auch wenn
sie sich körperlich auf dem Lande befinden -, so wissen sie gar nicht, ein
wie bizarres Ding die Stadt ist. Wir müssen uns ganz in das Erstaunen eines
Urmenschen versetzen, der zum ersten Mal inmitten der Landschaft diese Masse von
Stein und Holz erblickt, mit ihren steinumgebenen Straßen und steinbelegten
Plätzen, ein Gehäuse von seltsamster Form, in dem es von Menschen wimmelt.
(Ebd., S. 661 ).Das
eigentliche Wunder ist die Geburt der Seele einer Stadt. Als Massenseele
von ganz neuer Art, deren letzte Gründe für uns ein ewiges Geheimnis
bleiben werden, sondert sie sich plötzlich ab aus dem allgemeinen Seelentum
ihrer Kultur. Ist sie erwacht, so bildet sie sich einen sichtbaren Leib. Aus der
dörflichen Sammlung von Gehöften, von denen jedes seine eigene Geschichte
hat, entsteht ein Ganzes. Und diese Ganze lebt, atmet, wächst,
erhält ein Antlitz, eine innere Form und Geschichte. Von nun ist außer
dem einzelnen Hause, dem Tempel, dem Dom, dem Palast auch das Stadtbild als Einheit
der Gegenstand einer Formensprache und Stilgeschichte, welche den ganzen Lebenslauf
einer Kultur begleitet. (Ebd., S. 661-662 ).Es
versteht sich, daß nicht der Umfang, sondern das Vorhandensein einer Seele
Stadt und Dorf unterscheidet. Es gibt nicht nur in primitiven Zuständen wie
im heutigen Inner-Afrika, sondern auch im späten China und Indien und in
allen Industriegebieten des modernen Europa und Amerika sehr große Siedlungen,
die trotzdem keine Städte sind. Sie sind Mittelpunkte des Landes, aber sie
bilden innerlich keine Welt für sich. Sie haben keine Seele. Jede primitive
Bevölkerung lebt durchaus bäuerlich und landmäßig. Das Wesen
»Stadt« ist für sie nicht vorhanden. Was sich äußerlich
vom Dorfe abhebt, ist nicht eine Stadt, sondern ein Markt, ein bloßer Treffpunkt
ländlicher Lebensinteressen, bei welchem von einem Sonderleben keine Rede
sein kann. Die Bewohner eines Marktes, auch wenn sie Handwerker oder Kaufleute
sind, leben und denken doch als Bauern. Wir müssen genau nachfühlen,
was es heißt, wenn aus einem urägyptischen, urchinesischen oder germanischen
Dorf, einem Pünktchen im weiten Lande, eine Stadt wird, die sich äußerlich
vielleicht durch nichts unterscheidet, die aber seelisch der Ort ist, von dem
aus der Mensch das Land jetzt als »Umgebung« erlebt, als etwas
anderes und Untergeordnetes. Von nun an gibt es zwei Leben, das drinnen und das
draußen, und der Bauer empfindet das ebenso deutlich wie der Bürger.
Der Dorfschmied und der Schmied in der Stadt, der Dorfschulze und der Bürgermeister
leben in zwei verschiedenen Welten. Der Landmensch und der Stadtmensch sind vcrschiedene
Wesen. Zuerst fühlen sie den Unterschied, dann werden sie von ihm beherrscht;
zuletzt verstehen sie sich nicht mehr. Ein märkischer und ein sizilischer
Bauer stehen sich heute näher als der märkische Bauer dem Berliner.
Von dieser Einstellung an gibt es wirkliche Städte und diese Einstellung
ist es, welche dem gesamten Wachsein aller Kultllren mit Selbstverständlichkeit
zugrunde liegt. (Ebd., S. 662 ).Jede
Frühzeit einer Kultur ist zugleich die Frühzeit eines neuen Städtewesens.
Den Menschen der Vorkultur erfüllt eine tiefe Scheu vor diesen Gebilden,
zu denen er innerlich kein Verhältnis gewinnen kann. Am Rhein und der Donau
siedelten sich die Germanen vielfach - z. B. in Straßburg - vor den Toren
der Römerstädte an, die unbewohnt liegen blieben. (Vgl. Georg Dehio,
Geschichte der deutschen Kunst, 1919, S. 13f.). In Kreta haben die Eroberer
auf dem Trümmerschutt der niedergebrannten Städte wie Gurnia und Knossos
ein Dorf angelegt. Die Orden der abendländischen Vorkultur... siedeln wie
die Ritter auf freiem Lande. Erst die Franziskaner und Dominikaner bauen sich
in den frühgotischen Städten an: da ist die neue Stadtseele eben erwacht.
Aber auch da liegt in allen Bauten, in der gesamten Franziskanerkunst noch eine
zarte Schwermut, eine fast mystische Furcht des einzelnen vor dem Neuen, Hellen,
Wachen, das von der Gesamtheit noch dumpf hingenommen wird. Man wagt es kaum,
kein Bauer mehr zu sein. Erst die Jesuiten leben mit dem reifen und überlegenen
Wachsein echt großstädtischer Menschen. Es ist ein Symbol der unbedingten
Vorherrschaft des Landes, das die Stadt noch nicht anerkennt, wenn die Herrscher
jeder Frühzeit in wandernden Pfalzen Hof halten. Im ägyptischen Alten
Reiche liegt der stark bevölkerte Verwaltungssitz an der »Weißen
Mauer« beim Ptahtempel im späteren Memphis, aber die Residenzen der
Pharaonen wechseln unaufhörlich wie im sumerischen Babylonien und im Karolingerreich.
(Vgl. Eduard Meyer, Geschichte des Altertums [I], 1884, S. 188). Die frühchinesischen
Herrscher der Dschou-Dynastie haben seit 1109 ihre Pfalz in der Regel zu Loh-yang
(heute Ho-nan-fu), aber erst seit 770, was unserem 16. Jahrhundert entspricht,
wird der Ort zur dauernden Residenzstadt erhoben. (Ebd., S. 662-663 ).Nirgends
hat sich das Gefühl der Erdverbundenheit, des Pflanzenhaft-Kosmischen so
mächtig ausgesprochen wie in der Architektur dieser winzigen frühen
Städte, die kaum mehr sind als ein paar Straßen um einen Markt, eine
Burg oder ein Heiligtum. Wenn es irgendwo deutlich wird, daß jeder große
Stil selbst eine Pflanze ist, so hier. Die dorische Säule, die ägyptische
Pyramide, der gotische Dom wachsen streng, schicksalhaft, ein Dasein ohne Wachsein
aus dem Boden; die ionische Säule und die Bauten des Mittleren Reiches und
des Barock ruhen voll erwacht, selbstbewußt, frei und sicher auf
ihm. Da ist, von den Mächten der Landschaft abgetrennt, durch das Pflaster
unter den Füßen gleichsam abgeschnitten, das Dasein matter, das Empfinden
und Verstehen immer mächtiger geworden. Der Mensch wird »Geist«,
»frei« und dem Nomaden wieder ähnlicher, aber enger und kälter.
»Geist« ist die spezifisch städtische Form des verstehenden
Wachseins. Alle Kunst, alle Religion und Wissenschaft wird langsam geistig,
dem Lande fremd, dem erdhaften Bauern unverständlich. Mit der Zivilisation
tritt das Klimakterium ein. Die uralten Wurzeln des Daseins sind verdorrt in den
Steinmassen ihrer Städte. Der freie Geist - ein verhängnisvolles Wort!
- erscheint wie eine Flamme, die prachtvoll aufsteigt und jäh in der Luft
verlodert. (Ebd., S. 663-664 ).Alle
politische und Wirtschaftsgeschichte kann nur begriffen werden, wenn man die vom
Lande sich mehr und mehr absondernde und das Land zuletzt völlig entwertende
Stadt als Gebilde erkennt, welches den Gang und Sinn der höhere Geschichte
überhaupt bestimmt. (Ebd., S. 667 ).
Weltgeschichte ist Stadtgeschichte. (Ebd., S. 667 ).Alle
wirkliche Geschichte beginnt damit, daß die Urstände, Adel und Priestertum,
sich als solche bilden und über das Bauerntum erheben. .... Der Bauer
ist geschichtslos. ... Der Bauer ist der ewige Mensch, unabhängig von
aller Kultur, die in den Städten nistet. Er geht ihr vorauf, er überlebt
sie, dumpf und von Geschlecht zu Geschlecht sich fortzeugend, auf erdverbundene
Berufe und Fähigkeiten beschränkt, eine mystische Seele, ein trockener,
am Praktischen haftender Verstand, der Ausgang und die immer fließende Quelle
des Blutes, das in den Städten die Weltgeschichte macht. Was die Kultur dort
in den Städten ersinnt, an Staatsformen und Wirtschaftssitten, Glaubenssätzen,
Werkzeugen, an Wissen und Kunst, nimmt er mißtrauisch und zögern d
endlich hin, ohne deshalb je seine Art zu ändern. .... Seine Götter
sind sind älter als jede höhere Religion. Nehmt den Druck der großen
Städte von ihm und er wird ohne Entbehrung in seinen natürlichen Zustand
zurückkehren. Seine wirkliche Ethik, seine wirkliche Metaphysik, die kein
Stadtgelehrter je der Entdeckung für würdig gehalten hat, leigen außerhalb
aller Religions- und Geistesgeschichte. Sie haben überhaupt keine Geschichte.
(Ebd., S. 668-669 ).
Die Stadt ist Geist. Die Großstadt ist der »freie Geist«,
Das Bürgertum, der Stand des Geistes, beginnt mit seiner Auflehnung gegen
die - »feudalen« - Mächte des Blutes und der Tradition sich seines
Sonderdaseins bewußt zu werden. ... Der städtische Geist reformiert
die große Religion der Frühzeit und setzt neben die alte ständische
eine bürgerliche Religion, die freie Wissenschaft. (Ebd., S.
669-670 ).Die
Stadt übernimmt die Leitung der Wirtschaftsgeschichte, indem sie an die Stelle
der Urwerte des Landes, wie sie vom bäuerlichen Leben nie zu trennen sind,
den von den Gütern abgelösten Begriff des Geldes setzt. Das uralte
ländliche Wort für den Güterverkehr ist Tausch. Selbst wo
es sich um die Vertauschung eines Dinges gegen Edelmetall handelt, liegt dem Vorgang
kein »Gelddenken« zugrunde, welches vom Dinge der Wert begrifflich
trennt und in eine fiktive oder metallene Größe bindet, deren Bestimmung
es von da an ist, das »andere«, »die Ware« zu messen.
Karavanenzüge und Wikingerfahrten der Frühzeit erfolgen zwischen ländlichen
Siedlungen und bedeuten Tausch und Beute. Zur Spätzeit erfolgen sie zwischen
Städten und bedeuten »Geld«. (Ebd., S. 670 ).Eine
Epoche tritt ein, wenn die Stadt sich so gewaltig entwickelt hat, daß sie
sich nicht mehr gegen das Land behaupten muß, gegen Bauerntum und Ritterschaft,
sondern daß das Land mit seinen Urständen eine hoffnungslose Verteidigung
gegen die Alleinherrschaft der Stadt führt, geistig gegen den Rationalismus,
politisch gegen die Demokratie, wirtschaftlich gegen das Geld. In dieser Zeit
ist die Zahl der Städte, welche als historisch führende in Betracht
kommen, schon sehr klein geworden. Es entsteht der tiefe, vor allem seelische
Unterschied von Großstadt und Kleinstadt, welch letztere unter dem
sehr bezeichnenden Namen Landschaft ein Teil des aktiv nicht mehr mitzählenden
Landes wird. Der Gegensatz zwischen dem Landmenschen und Stadtmenschen ist in
diesen kleinen Städten nicht geringer geworden, aber er verschwindet vor
dem neuen Abstand, der sich zwischen sie und die Großstadt legt. Bäuerlich-kleinstädtische
Schlauheit und großstädtische Intelligenz sind zwei Formen verstehenden
Wachseins, zwischen denen eine Verständigung kaum möglich ist. Es ist
klar, daß es sich auch hier nicht um die Einwohnerzahl, sondern um den Geist
handelt. Es ist auch deutlich, daß in allen großen Städten sich
Winkel erhalten, in denein Fragmente einer fast ländlich gebliebenen Menschheit
in ihren Gassen wie auf dem Lande leben, wo die Bewohner über die Straße
weg in fast dörflichen Beziehungen zueinander stehen. Es führt eine
Pyramide von immer städtischer geprägten Wesen von diesen fast bäuerlichen
Menschen über immer engere Schichten bis zu der geringen Zahl echter Großstadtmenschen,
die überall zu Hause sind, wo ihre seelischen Voraussetzungen erfüllt
werden. (Ebd., S. 670-671 ).
Damit hat auch der Begriff Geld seine volle Abstraktheit erlangt.
Er dient nicht mehr dem Verstehen des wirtschaftlichen Verkehrs; er unterwirft
den Warenumlauf seiner eigenen Entwicklung. Er wertet die Dinge nicht mehr untereinander,
sondern in bezug auf sich. Seine Beziehung zum Boden und den damit verwachsenen
Menschen ist so vollständig verschwunden, daß sie für das wirtschaftliche
Denken der führenden Städte - der »Geldplätze« - nicht
mehr in Betracht kommt. Das Geld ist jetzt eine Macht, und zwar eine rein geistige,
durch das Metall nur repräsentierte Macht im Wachsein der Oberschicht der
wirtschaftlich tätigen Bevölkerung geworden, welche die mit ihm beschäftigten
Menschen ebenso von sich abhängig macht, wie früher die Erde den Bauern.
Es gibt ein »Denken in Geld«, wie es ein mathematisches und juristisches
Denken gibt. (Ebd., S. 671 ).Aber
der Boden ist etwas Wirkliches und Natürliches, das Geld etwas Abstraktes
und Künstliches, eine bloße Kategorie wie »die Tugend«
im Denken der Aufklärung. Daraus folgt, daß jede ursprüngliche,
also stadtlose Wirtschaft von den kosmischen Mächten, dem Boden, dem Klima,
dem Menschenschlage abhängig und damit in Schranken gehalten ist, während
das Geld als reine Verkehrsform innerhalb des Wachseins einen von der Wirklichkeit
ebensowenig begrenzten Kreis von Möglichkeiten hat wie die Größen
der mathematischen und logischen Welt. Wie kein Blick auf die Tatsachen uns hindert,
nichteuklidische Geometrien in beliebiger Zahl zu konstruieren, liegt innerhalb
der ausgebildeten großstädtischen Wirtschaft kein Hindernis mehr vor,
das »Geld« zu vermehren, gewissermaßen in andem Gelddimensionen
zu denken, was mit der etwaigen Vermehrung des Goldes oder überhaupt der
wirklichen Werte durchaus nichts zu tun hat. Es gibt keinen Maßstab und
keine Art von Gütern, an denen man den Wert eines Talentes zur Zeit der Perserkriege
und in der ägyptischen Beute des Pompejus vergleichen könnte. Das Geld
ist für den Menschen als zwon oikonomikon eine
Form des tätigen Wachseins geworden, die keinerlei Wurzeln im Dasein mehr
besitzt. Darauf beruht seine ungeheure Macht über jede beginnende Zivilisation,
die jedesmal eine unbedingte Diktatur dieses »Geldes« in einer
für jede Kultur versclriedenen Gestalt ist, darin aber auch der Mangel an
Halt, durch den es zuletzt seine Macht und seinen Sinn verliert und aus dem Denken
einer späten Zivilisation wie der Zeit Diokletians völlig verschwindet,
um den bodenständigen Urwerten wieder Platz zu machen. (Ebd., S. 671-672 ).Es
entsteht zuletzt das ungeheure Symbol und Behältnis des völlig frei
gewordenen Geistes, die Weltstadt, der Mittelpunkt, in dem sich endlich der Gang
der Weltgeschichte vollkommen konzentriert: jene ganz wenigen Riesenstädte
aller reifen Zivilisationen, welche die gesamte Mutterlandschaft ihrer Kultur
durch den Begriff Provinz ächten und entwerten. Provinz ist jetzt alles,
Land, Kleinstadt und Großstadt, mit Ausnahme dieser zwei oder drei Punkte.
Es gibt nicht mehr Adlige und Bürger, nicht mehr Freie und Sklaven, nicht
mehr Hellenen und Barbaren, nicht mehr Rechtgläubige und Ungläubige,
sondern nur noch Weltstädtler und Provinzler. Alle anderen Gegensätze
verblassen vor diesem einen, der alle Ereignisse, Lebensgewohnheiten lmd Weltanschauungen
beherrscht. (Ebd., S. 672 ).Der
Steinkoloß »Weltstadt« steht am Ende des Lebenslaufes einer
jeden großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird
von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu
ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht.
Diese steinerne Masse ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner
großartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet,
enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig »Gewordenen«.
Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen
Stilgeschichte endlich zum entseelten Material dieser dämonischen Steinwüste
geworden. Diese letzten Städte sind ganz Geist. Ihre Häuser sind nicht
mehr wie noch die der ionischen und Barockstädte Abkömmlinge des alten
Bauernhauses, von dem einst die Kultur ihren Ausgang nahm. Sie sind überhaupt
nicht mehr Häuser, in denen Vesta und Janus, die Penaten und Laren irgendeine
Stätte besitzen, sondern bloße Behausungen, welche nicht das Blut,
sondern der Zweck, nicht das Gefühl, sondern der wirtschaftliche Unternehmensgeist
geschaffen hat. Solange der Herd im frommen Sinne der wirkliche, bedeutsame Mittelpunkt
einer Familie ist, solange ist die letzte Beziehung zum Lande nicht geschwunden.
Erst wenn auch das verloren geht und die Masse der Mieter und Schlafgäste
in diesem Häusermeer ein irrendes Dasein von Obdach zu Obdach führt,
wie die Jäger und Hirten der Vorzeit, ist der intellektuelle Nomade völlig
ausgebildet. Diese Stadt ist eine Welt, ist die Welt. Sie hat als Ganzes
die Bedeutung einer menschlichen Wohnung. Die Häuser sind nur die Atome,
welche sie zusammensetzen. Jetzt beginnen die alten gewachsenen Städte mit
ihrem gotischen Kern aus Dom, Rathaus und spitzgiebligen Gassen, um deren Türme
und Tore die Barockzeit einen Ring von gesteigerten, helleren Patrizierhäusern,
Palästen und Hallenkirchen gelegt hatte, nach allen Seiten in formloser Masse
überzuquellen, mit Haufen von Mietskasernen und Zwecklbauten sich in das
verödende Land hineinzufressen, das ehrwürdige Antlitz der alten Zeit
durch Umbauten und Durchbrüche zu zerstören. Wer von einem Turm auf
das Häusermeer herabsieht, erkennt in dieser steingewordenen Geschichte eines
Wesens genau die Epoche, wo das organische Wachstum endet und die anorganische
und deshalb unbegrenzte, alle Horizonte überschreitende Häufung beginnt.
Und jetzt entstehen auch die künstlichen, mathematischen,
vollkommen landfremden Gebilde einer reingeistigen Freude am Zweckmäßigen,
die Städte der Stadtbaumeister, die in allen Zivilisationen dieselbe schachbrettartige
Form, das Symbol der Seelenlosigkeit anstreben. Diese regelmäßigen
Häuserquadrate haben Herodot in Babylon und die Spanier in Tenochtitlan angestaunt.
In der antiken Welt beginnt die Reihe der »abstrakten« Städte
mit Thurioi, das Hippodamos von Milet 441 (v. Chr.) »entwarf«. Priene,
wo das Schachbrettmuster die Bewegtheit der Grundfläche vollkommen ignoriert,
Rhodos, Alexandria folgen als Vorbilder zahlloser Provinzstädte der Kaiserzeit.
Die islamischen Baumeister haben seit 762 Bagdad und ein Jahrhundert später
die Riesenstadt Samarra am Tigris planmäßig angelegt. In der westeuropäisch-amerikanischen
Welt ist das erste Beispiel der Grundriß von Washington (1791). Es kann
kein Zweifel bestehen, daß die Weltstädte der Hanzeit in China und
die der Maurya-Dynastie in Indien dieselben geometrischen Formen besessen haben.
Die Weltstädte der westeuropäisch-amerikanischen Zivilisation haben
noch bei weitem nicht den Gipfel ihrer Entwicklung erlangt. Ich
sehe - lange nach 2000 - Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen,
die sich über weite Landschaften verteilen, mit Bauten, gegen welche die
größten der Gegenwart zwerghaft wirken, und Verkehrsgedanken, die uns
heute als Wahnsinn erscheinen würden. (Ebd., S. 673-675 ).Selbst
in dieser letzten Gestalt seines Daseins ist das Formideal des antiken Menschen
noch der körperliche Punkt. Während die Riesenstädte der Gegenwart
unseren ganzen Hang zum Unendlichen zur Schau tragen: die Durchsetzung einer weiten
Landschaft mit Vororten und Villenkolonien, ein mächtiges Netz von Verkehrsmitteln
jeder Art nach allen Seiten und innerhalb des dicht bebauten Geländes ein
geregelter Schnellverkehr in, unter und über breiten Straßenzügen,
will die echt antike Weltstadt sich nicht ausbreiten, sondern immer mehr verdichten:
die Straßen eng und schmal, jeden Eilverkehr ausschließend, wie er
doch auf den römischen Heerstraßen voll ausgebildet war; keine Neigung,
vor der Stadt zu wohnen oder auch nur die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Die Stadt soll auch jetzt noch ein Körper sein, dicht und rund, soma
im strengsten Sinne. Der Synoikismos, der in der antiken Frühzeit allenthalben
die Landbevölkerung in die Stadt gezogen und damit erst den Typus der Polis
geschaffen hatte, wiederholt sich am Ende noch einmal in absurder Form: jeder
will in der Mitte der Stadt wohnen, in ihrem dichtesten Kerne, sonst fühlt
er sich nicht als Mensch einer Stadt. Alle diese Städte sind nur City, nur
Innenstadt. Der neue Synoikismos bildet statt der Vorortzone die Welt der oberen
Stockwerke aus. Rom hatte im Jahre 74 trotz der ungeheuren Kaiserbauten den geradezu
lächerlichen Umfang von 19,5 km. Dies führt dahin, daß diese Körper
überhaupt nicht in die Breite, sondern unablässig in die Höhe wuchsen.
Die Mietskasernen Roms, wie die berüchtigte Insula Feliculae, erreichten
bei einer Straßenbreite von 3-5 Metern Höhen, die im Abendlande noch
nirgends und in Amerika nur in wenigen Städten vorkommen. Beim Capitol hatten
unter Vespasian die Dächer schon die Höhe des Bergsattels erreicht.
Ein grauenvolles Elend, eine Verwilderung aller Lebensgewohnheiten, die schon
jetzt zwischen Giebeln und Mansarden, in Kellern und Hinterhöfen einen neuen
Urmenschen züchten, hausen in jeder dieser prachtvollen Massenstädte.
Das ist in Bagdad und Babylon nicht anders gewesen wie in Tenochtitlan und heute
in London und Berlin. Diodor erzählt von einem abgesetzten ägyptischen
König, der zu Rom in einer jämmerlichen Mietswohnung in einem hochgelegenen
Stockwerk hausen mußte. Aber kein Elend, kein Zwang, selbst nicht die klare
Einsicht in den Wahnsinn dieser Entwicklung setzt die Anziehungskraft dieser dämonischen
Gebilde herab. Das Rad des Schicksals rollt dem Ende zu; die Geburt der Stadt
zieht ihren Tod nach sich. Anfang und Ende, Bauernhaus und Häuserblock verhalten
sich wie Seele und Intelligenz, wie Blut und Stein. Aber »Zeit« ist
nicht umsonst ein Wort für die Tatsache der Nichtumkehrbarkeit. Es gibt hier
nur ein Vorwärts, kein Zurück. Das Bauerntum gebar einst den Markt,
die Landstadt, und nährte sie mit seinem besten Blute. Nun saugt die Riesenstadt
das Land aus, unersättlich, immer neue Ströme von Menschen fordernd
und verschlingend, bis sie inmitten einer kaum noch bevölkerten Wüste
ermattet und stirbt. Wer einmal der ganzen sündhaften Schönheit dieses
letzten Wunders aller Geschichte verfallen ist, der befreit sich nicht wieder.
Ursprüngliche Völker können sich vom Boden lösen und in die
Ferne wandern. Der geistige Nomade kann es nicht mehr. Das Heimweh nach der großen
Stadt ist stärker vielleicht als jedes andere. Heimat ist für ihn jede
dieser Städte, Fremde ist schon das nächste Dorf. Man stirbt lieber
auf dem Straßenpflaster, als daß man auf das Land zurückkehrt.
Und selbst der Ekel vor dieser Herrlichkeit, das Müdesein vor diesem Leuchten
in tausend Farben, das taedum vitae, das zuletzt manche ergreift, befreit
sie nicht. Sie tragen die Stadt mit sich in ihre Berge und an das Meer. Sie haben
das Land in sich verloren und finden es draußen nicht wieder. (Ebd.,
S. 675-677 ).Was
den Weltstadtmenschen unfähig macht, auf einem anderen als diesem künstlichen
Boden zu leben, ist das Zurücktreten des kosmischen Taktes in seinem Dasein,
während die Spannungen des Wachseins immer gefährlicher werden. Man
vergesse nicht, daß in einem Mikrokosmos die tierhafte Seite, das Wachsein,
zum pflanzenhaften Dasein hinzutritt, nicht umgekehrt. Takt und Spannung,
Blut und Geist, Schicksal und Kausalität verhalten sich wie das blühende
Land zur versteinerten Stadt, wie etwas, das für sich da ist, zu einem andern,
das von ihm abhängt. Spannung ohne den kosmischen Takt, der sie durchseelt,
ist der Übergang zum Nichts. Aber Zivilisation ist nichts als Spannung. Die
Köpfe aller zivilisierten Menschen von Rang werden ausschließlich von
dem Ausdruck der stärksten Spannung beherrscht. Intelligenz ist nichts als
Fähigkeit zu angespanntestem Verstehen. Diese Köpfe sind in jeder Kultur
der Typus ihres »letzten Menschen«. Man vergleiche damit Bauernköpfe,
wenn sie im Straßengewühl einer Großstadt auftauchen. Der Weg
von der bäuerlichen Klugheit - der Schlauheit, dem Mutterwitz, dem Instinkt,
die wie bei allen klugen Tieren auf gefühltem Takt beruhen - über den
städtischen Geist zur weltstädtischen Intelligenz - das Wort gibt schon
in dem scharfen Klange die Abnahme der kosmischen Unterlage vortrefflich wieder
- läßt sich auch als die beständige Abnahme des Schicksalsgefühls
und die hemmungslose Zunahme des Bedürfnisses nach Kausalität bezeichnen.
Intelligenz ist der Ersatz unbewußter Lebenserfahrung durch eine meisterhafte
Übung im Denken, etwas Fleischloses, Mageres. Die intelligenten Gesichter
aller Rassen sind einander ähnlich. Es ist die Rasse selbst, die in ihnen
zurücktritt. Je weniger ein Gefühl für das Notwendige und Selbstverständliche
des Daseins besteht, je mehr die Gewohnheit um sich greift, sich alles »klar
zu machen«, desto mehr wird die Angst des Wachseins kausal gestillt. Daher
die Gleichsetzung von Wissen und Beweisbarkeit und der Einsatz des religiösen
Mythos durch den kausalen: die wissenschaftliche Theorie. Daher das abstrakte
Geld als die reine Kausalität des wirtschaftlichen Lebens im Gegensatz zum
ländlichen Güterverkehr, der Takt ist und nicht ein System von Spannungen.
(Ebd., S. 677-678 ).Die
intellektuelle Spannung kennt nur noch eine, die spezifisch weltstädtische
Form der Erholung; die Entspannung, die »Zerstreuung«. Das
echte Spiel, die Lebensfreude, die Lust, der Rausch sind aus dem kosmischen
Takt geboren und werden in ihrem Wesen gar nicht mehr begriffen. Aber die Ablösung
intensivster praktischer Denkarbeit durch ihren Gegensatz, die mit Bewußtsein
betriebene Trottelei, die Ablösung der geistigen Anspannung durch die körperliche
des Sports, der körperlichen durch die sinnliche des »Vergnügens«
und die geistige der »Aufregung« des Spiels und der Wette, der Ersatz
der reinen Logik der täglichen Arbeit durch die mit Bewußtsein genossene
Mystik - das kehrt in allen Weltstädten aller Zivilisationen wieder. Kino,
Expressionismus, Theosophie, Boxkämpfe, Niggertänze, Poker und Rennwetten
- man wird das alles in Rom wiederfinden, und ein Kenner sollte einmal die Untersuchung
auf die indischen, chinesischen und arabischen Weltstädte ausdehnen. Um nur
eins zu nennen: wenn man das Kamasutram liest, versteht man, was für Leute
am Buddhismus ebenfalls Geschmack fanden; und man wird nun auch die Stierkampfszenen
in den kretischen Palästen mit ganz anderem Auge betrachten. Es liegt ein
Kult zugrunde, ohne Zweifel, aber es ist ein Parfüm darüber gebreitet
wie über den fashionablen stadtrömischen Isiskult in der Nachbarschaft
des Circus Maximus. (Ebd., S. 678 ).Und
nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das Wachsein
immer angespannter wird, endlich jene Erscheinung hervor, die im stillen längst
verbreitet war und jetzt plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt,
um dem ganzen Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des zivilisierten
Menschen. Es handelt sich hier nicht um etwas, das sich mit alltäglicher
Kausalität, etwa physiologisch, begreifen ließe, wie es die moderne
Wissenschaft selbstverständlich versucht hat. Hier liegt eine durchaus metaphysische
Wendung zum Tode vor. Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht
mehr leben, wohl als einzelner, aber nicht als Typus, als Menge; in diesem Gesamtwesen
erlischt die Furcht vor dem Tode. Das, was den echten Bauern mit einer tiefen
und unerklärlichen Angst befällt, der Gedanke an das Aussterben der
Familie und des Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des verwandten
Blutes innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als Pflicht dieses Blutes,
das Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als Verhängnis empfunden. Nicht nur
weil Kinder unmöglich geworden sind, sondern vor allem weil die bis zum äußersten
gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet,
bleiben sie aus. (Ebd., S. 678-679 ).Man
versenke sich in die Seele eines Bauern, der von Urzeiten her auf seiner Scholle
sitzt oder von ihr Besitz ergriffen hat, um dort mit seinem Blute zu haften. Er
wurzelt hier als der Enkel von Ahnen und der Ahn von künftigen Enkeln. Sein
Haus, sein Eigentum: das bedeutet hier nicht ein flüchtiges Zusammengehören
von Leib und Gut für eine kurze Spanne von Jahren, sondern ein dauerndes
und inniges Verbundensein von ewigem Land und ewigem Blute: erst
damit, erst aus dem Seßhaftwerden im mystischen Sinne erhalten die großen
Epochen des Kreislaufs, Zeugung, Geburt und Tod jenen metaphysischen Zauber, der
seinen sinnbildlichen Niederschlag in Sitte und Religion aller landfesten Bevölkerungen
findet. Das alles ist für den »letzten Menschen« nicht mehr vorhanden.
Intelligenz und Unfruchtbarkeit sind in alten Familien, alten Völkern, alten
Kulturen nicht nur deshalb verbunden, weil innerhalb jedes einzelnen Mikrokosmos
die über alles Maß angespannte tierhafte Lebensseite die pflanzenhafte
aufzehrt, sondern weil das Wachsein die Gewohnheit einer kausalen Regelung des
Daseins annimmt. Was der Verstandesmensch mit einem äußerst bezeichnenden
Ausdruck Naturtrieb nennt, wird von ihm nicht nur »kausal« erkannt,
sondern auch gewertet und findet im Kreise seiner übrigen Bedürfnisse
den angemessenen Platz. (Ebd., S. 679-680 ).Die
große Wendung tritt ein, sobald es im alltäglichen Denken einer hochkultivierten
Bevölkerung für das Vorhandensein von Kindern »Gründe«
gibt. (Ebd., S. 680 ).Die
Natur kennt keine Gründe. Überall, wo es wirkliches Leben gibt, herrscht
eine innere organische Logik, ein »es«, ein Trieb, die vom Wachsein
und dessen kausalen Verkettungen durchaus unabhängig sind und von ihm gar
nicht bemerkt werden. Der Geburtenreichtum ursprünglicher Bevölkerungen
ist eine Naturerscheinung, über deren Vorhandensein niemand nachdenkt,
geschweige denn über ihren Nutzen oder Schaden. Wo Gründe für Lebensfragen
überhaupt ins Bewußtsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig
geworden. Da beginnt eine weise Beschränkung der Geburtenzahl - die bereits
Polybios (ca. 200-120 )
als das Verhängnis Griechenlands beklagt, die aber schon lange vor ihm in
den großen Städten üblich war und in römischer Zeit einen
erschreckenden Umfang angenommen hat -, die zuerst mit der materiellen Not und
sehr bald überhaupt nicht mehr begründet wird. Da beginnt denn auch
... die Wahl der »Lebensgefährtin« - der Bauer und jeder ursprüngliche
Mensch wählt die Mutter seiner Kinder - ein geistiges Problem zu werden.
Die Ibsenehe, die »höhere geistige Gemeinschaft« erscheint, in
welcher beide »frei« sind, frei nämlich als Intelligenzen, und
zwar vom pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fortpflanzen will; und Shaw
darf den Satz aussprechen, »daß die Frau sich nicht emanzipieren kann,
wenn sie nicht ihre Weiblichkeit, ihre Pflicht gegen ihren Mann, gegen ihre Kinder,
gegen die Gesellschaft, gegen das Gesetz und gegen jeden, außer gegen sich
selbst, von sich wirft«. ( ).
Das Urweib, das Bauernweib ist Mutter. Seine ganze
von Kindheit an ersehnte Bestimmung liegt in diesem Worte beschlossen. Jetzt aber
taucht das Ibsenweib auf, die Kameradin, die Heldin einer ganz weltstädtischen
Literatur vom nordischen Drama bis zum Pariser Roman. Statt der Kinder haben sie
seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche Aufgabe und es kommt darauf
an, sich »gegenseitig zu verstehen«. Es ist ganz gleichgültig,
ob eine amerikanische Dame für ihre Kinder keinen zureichenden Grund findet,
weil sie keine season versäumen will, eine Pariserin, weil sie fürchtet,
daß ihr Liebhaber davongeht, oder eine Ibsenheldin, weil sie »sich
selbst gehört«. Sie gehören alle sich selbst und sie sind alle
unfruchtbar. Dieselbe Tatsache in Verbindung mit denselben »Gründen«
findet sich in der alexandrinischen und römischen und selbstverständlich
in jeder anderen zivilisierten Gesellschaft, ... und es gibt überall ...
eine Ethik für kinderarme Intelligenzen und eine Literatur über die
inneren Konflikte von Nora und Nana. (Ebd., S. 680-681 ).Kinderreichtum,
dessen ehrwürdiges Bild Goethe im Werther noch zeichnen konnte, wird etwas
Provinziales. Der kinderreiche Vater ist in Großstädten eine Karikatur
- Ibsen hat sie nicht vergessen; sie steht in seiner »Komödie der Liebe«.
(Ebd., S. 681 ).Auf
dieser Stufe beginnt in allen Zivilisationen das mehrhundertjährige Stadium
einer entsetzlichen Entvölkerung. Die ganze Pyramide des kulturfähigen
Menschentums verschwindet. Sie wird von der Spitze herab abgebaut, zuerst die
Weltstädte, dann die Provinzstädte, endlich das Land, das durch die
über alles Maß anwachsende Landflucht seiner besten Bevölkerung
eine Zeitlang das Leerwerden der Städte verzögert. Nur das primitive
Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken und zukunftreichen Elemente
beraubt. Es entsteht der Typus des Fellachen. (Ebd., S. 681 ).Wenn
irgend etwas, so beweist der allbekannte »Untergang der Antike«, der
sich lange vor dem Einbruch der germanischen Wandervölker vollendete, daß
Kausalität mit Geschichte nichts zu tun hat. (Zum Folgenden vgl. Eduard Meyer,
Kleine Schriften, 1910, S. 145ff.). Das Imperium genießt den vollkommensten
Frieden; es ist reich; es ist hochgebildet; es ist gut organisiert; es besaß
von Nerva (reg. 96-98) bis Marc Aurel (reg.
161-180) eine Herrscherreihe, wie sie der Cäsarismus keiner zweiten
Zivilisation aufzuweisen hat. Und trotzdem schwindet die Bevölkerung rasch
und in Masse hin, trotz der verzweifelten Ehe- und Kindesgesetzgebung des Augustus
(reg. 27 v. Chr. - 14 n. Chr.), dessen
lex de maritandis ordinibus ( )
auf die römische Gesellschaft bestürzender wirkte als die Niederlage
des Varus (9 n. Chr.), trotz der massenhaften Adoptionen,
der ununterbrochenen Ansiedlung von Soldaten barbarischer Herkunft, um Menschen
in die verödende Landschaft zu bringen, trotz der ungeheuren Alimentationsstiftungen
des Nerva (reg. 96-98) und Trajan (reg.
98-117), um die Kinder unbemittelter Eltern aufzuziehen. Italien, dann
Nordafrika und Gallien, endlich Spanien, das unter den ersten Kaisern am dichtesten
von allen Teilen des Reiches bevölkert war, sind menschenleer und verödet.
Das berühmte und bezeichnenderweise in der modernen Volkswirtschaft immer
wiederholte Wort des Plinius: latifundia perdidere Italiam, jam vero et provincias,
verwechselt Anfang und Ende des Prozesses: der Großgrundbesitz hätte
nie diese Ausdehnung gewonnen, wenn das Bauerntum nicht vorher von den Städten
aufgesogen worden wäre und das Land zum mindesten innerlich bereits preisgegeben
hätte. ( ).
Das Edikt des Pertinax von 193 enthüllt endlich den erschreckenden Stand
der Dinge: In Italien und den Provinzen wird jedem gestattet, verödetes Land
in Besitz zu nehmen. Wenn er es bebaut, soll er Eigentumsrecht darüber erhalten.
Die Geschichtsschreiber brauchten sich den übrigen Zivilisationen nur ernsthaft
zuzuwenden, um die gleiche Erscheinung überall festzustellen. Im Hintergrund
der Ereignisse des Neuen Reiches, vor allem von der 19. Dynastie an (seit
1345 v. Chr.), ist eine gewaltige Abnahme der Bevölkerung deutlich
zu verspüren. Ein Stadtbau, wie ihn Amenophis IV. (reg.
1377-1358) in Tell el Amarna ausführte,
mit Straßenzügen bis zu 45 m Breite, wäre bei der früheren
Bevölkerungsdichte undenkbar gewesen, und ebenso die notdürftige Abwehr
der »Seevölker«, deren Aussichten auf Besitznahme des Reiches
damals sicherlich nicht schlechter waren als die der Germanen vom 4. Jahrhundert
an, und endlich die unaufhörliche Einwanderung der Libyer in das Delta, wo
um 945 v. Chr. einer ihrer Führer (Scheschonk)
- genau wie 476 n. Chr. Odoaker - die Herrschaft über das Reich an sich nahm.
Aber dasselbe fühlt man aus der Geschichte des politischen Buddhismus seit
dem »Cäsar« Asoka (reg. 272-231
in Indien) heraus. (Wir kennen in China im 3. Jh. v. Chr.
- also in der chinesischen Augustuszeit!- Maßnahmen zur
Hebung der Bevölkerungsziffer). Wenn die Mayabevölkerung in ganz kurzer
Zeit nach der spanischen Eroberung geradezu verschwand
und die großen menschenleeren Städte dem Urwald anheimfielen,
so beweist das nicht allein die Brutalität der Eroberer, die in diesem Punkte
einer jungen und fruchtbaren Kulturmenschheit gegenüber wirkungslos gewesen
wäre, sondern ein Erlöschen von innen heraus, das ohne Zweifel
schon längst begonnen hatte. Und wenn wir uns der eigenen Zivilisation zuwenden,
so sind die alten Familien des französischen Adels zum weitaus größten
Teil nicht durch die französische Revolution ausgerottet worden, sondern
seit 1815 ausgestorben; die Unfruchtbarkeit breitete sich von ihm auf das Bürgertum
und seit 1870 auf die gerade durch die Revolution fast neu geschaffene Bauernschaft
aus. In England und noch weit mehr in den Vereinigten Staaten, und zwar gerade
in deren wertvollster, alteingewanderter Bevölkerung im Osten, hat der »Rasseselbstmord«,
gegen den Roosevelt sein bekanntes Buch geschrieben hat, längst im großen
Stile eingesetzt. (Ebd., S. 681-683 ).Deshalb
finden wir auch in diesen Zivilisationen schon früh die verödeten Provinzstädte
und am Ausgang der Entwicklung die leerstehenden Riesenstädte, in deren Steinmassen
eine kleine Fellachenbevölkerung nicht anders haust als die Menschen der
Steinzeit in Höhlen und Pfahlbauten. Samarra wurde schon im 10. Jahrhundert
verlassen; die Residenz Asokas, Pataliputra, war, als der chinesische Reisende
Hsiuen-tsiang sie um 635 besuchte, eine ungeheure, völlig unbewohnte Häuserwüste,
und viele der großen Mayastädte müssen schon zur Zeit des Cortez
leer gestanden haben. Wir besitzen eine Reihe antiker Schilderungen von Polybios
(ca. 200-120 )
an (vgl. Polybios, Strabo, Pausanias, Dio Chrysostomus, Avien
u.a., vgl. dazu: Eduard Meyer, Kleine Schriften, 1910, S. 164ff.):
die altberühmten Städte, deren leerstehende Häuserreihen langsam
zusammenstürzen, während auf dem Forum und im Gymnasium Viehherden weiden
und im Amphitheater Getreide gebaut wird, aus dem noch die Statuen und Hermen
hervorragen. Rom hatte im 5. Jahrhundert die Einwohnerzahl eines Dorfes, aber
die Kaiserpaläste waren noch bewohnbar. (Ebd., S. 683-684 ).Damit
findet die Geschichte der Stadt ihren Abschluß. Aus dem usprünglichen
Markt zur Kulturstadt und endlich zur Weltstadt herangewachsen, bringt sie das
Blut und die Seele ihrer Schöpfer dieser großartigen Entwicklung und
deren letzter Blüte, dem Geist der Zivilisation zum Opfer und venichtet damit
zuletzt auch sich selbst. (Ebd., S. 684 ).Bedeutet
die Frühzeit die Geburt der Stadt aus dem Lande, die Spätzeit (bei
mir: Hochzeit; HB )
den Kampf zwischen Stadt und Land, so ist Zivilisation (bei
mir: Spätzeit; HB )
der Sieg der Stadt, mit dem sie sich vom Boden befreit und an dem sie selbst zugrunde
geht. Wurzellos, dem Kosmischen abgestorben und ohne Widerruf dem Stein
und dem Geiste verfallen, entwickelt sie eine Formensprache, die alle Züge
ihres Wesens wiedergibt: nicht die eines Werdens, sondern die eines Gewordenen,
eines Fertigen, das sich wohl verändern, aber nicht entwickeln läßt.
Und deshalb gibt es nur Kausalität, kein Schicksal, nur Ausdehnung, keine
lebendige Richtung mehr. Daraus folgt, daß jede Formensprache einer Kultur
samt der Geschichte ihrer Entwicklung am ursprünglichen Orte haftet, daß
aber jede zivilisierte Form überall zu Hause ist und deshalb, sobald sie
erscheint, auch einer unbegrenzten Verbreitung anheimfällt. Gewiß haben
die Hansestädte in ihren nordrussischen Stapelplätzen gotisch und die
Spanier in Südamerika im Barockstil gebaut, aber es ist unmöglich, daß
auch nur der kleinste Abschnitt der gotischen Stilgeschichte außerhalb
Westeuropas verlaufen wäre, und ebensowenig konnte der Stil des attischen
und englischen Dramas oder die Kunst der Fuge oder die Religion Luthers und der
Orphiker von Menschen fremder Kulturen fortgebildet oder auch nur innerlich angeeignet
werden. (Ebd., S. 684 ).Was
aber mit dem Alexandrinismus und unserer Romantik entsteht, das gehört allen
Stadtmenschen ohne Unterschied. Mit der Romantik beginnt für uns das, was
Goethe weitschauend die Weltliteratur nannte; es ist die führende weltstädtische
Literatur, der gegenüber sich eine bodenständige, aber belanglose Provinzliteratur
überall nur mit Mühe behauptet. Der Staat Venedigs oder Friedrichs des
Großen oder das englische Parlament, so wie es wirklich ist und arbeitet,
lassen sich nicht wiederholen, aber »moderne Verfassungen« lassen
sich in jedem afrikanischen und asiatischen Lande ... »einführen«.
.... Und ebenso sind nicht echte Kultursprachen wie das Attische des Sophokles
und das Deutsch Luthers, aber die Weltsprachen, die sämtlich wie die griechische
Koine, das Arabische, Babylonische, Englische aus der alltäglichen Praxis
der Weltstädte hervorgegangen sind, überall erlernbar. Deshalb nehmen
in allen Zivilisationen die modernen Städte ein immer gleichförmigeres
Gepräge an. Man kann gehen, wohin man will, man trifft Berlin, London und
New York überall wieder; und wenn ein Römer reiste, konnte er in Palmyra,
Trier, Timgad und in den hellenistischen Städten bis zum Indus und Aralsee
seine Säulenstellungen, statuengeschmückten Plätze und Tempel finden.
Was aber hier verbreitet wird, ist nicht mehr ein Stil, sondern ein Geschmack,
keine echte Sitte, sondern Manieren, und nicht die Tracht, sondern die Mode. Damit
ist es denn möglich, daß ferne Bevölkerungen die »ewigen
Errungenschaften« einer solchen Zivilisation nicht nur annehmen, sondern
in selbständiger Fassung weiterstrahlen. Solche Gebiete einer »Mondlichtzivilisation«
sind Südchina und vor allem Japan, die erst seit dem Ausgang der Hanzeit
(220) »sinaisiert« wurden, Java als Verbreiterin der brahmanischen
Zivilisation und Karthago, das seine Formen von Babylon empfing. (Ebd.,
S. 684-685 ).Alles
das sind Formen eines extremen, von keiner kosmischen Macht mehr gehemmten und
gebundenen Wachseins, rein geistig und rein extensiv und deshalb von einer solchen
Gewalt der Ausbreitung, daß die letzten und flüchtigsten Austrahlungen
sich fast über die ganze Erde verbreitet und übereinander gelegt haben.
(Ebd., S. 685 ).Während
aber diese Ausbreitung alle Grenzen überschreitet, vollzieht sich und zwar
in großartigen Verhältnissen die Ausbildung der inneren Form in drei
deutlich unterscheidbaren Stufen: Ablösung von der Kultur - Reinzucht der
zivilisierten Form - Erstarrung. (Ebd., S. 685 ).Die
letzte, die Idee der Zivilisation selbst, ist im Umriß formuliert und ebenso
sind Technik und Wirtschaft im Problemsinne fertig. Aber damit beginnt
erst die mächtige Arbeit der Ausführung aller Forderungen und der Anwendung
dieser Formen auf das gesamte Dasein der Erde. Erst wenn diese Arbeit getan und
die Zivilisation nicht nur ihrer Gestalt, sondern auch ihrer Masse nach endgültig
festgestellt ist, beginnt das Festwerden der Form. Stil ist in Kulturen der Pulsschlag
des Sicherfüllens. Jetzt entsteht ... der zivilisierte Stil als Ausdruck
des Fertigseins. Er ist vor allem in Ägypten und China zu einer prachtvollen
Vollkommenheit gelangt, die alle Äußerungen eines im Innern von nun
an unveränderlichen Lebens vom Zeremoniell und Ausdruck der Gesichter an
bis zu den äußersten feinen und durchgeistigten Formen einer Kunstübung
erfüllt. (Ebd., S. 686 ).Von
Geschichte im Sinne des Zutreibens auf ein Formideal kann nicht mehr die Rede
sein, aber es herrscht eine beständige leichte Bewegtheit der Oberfläche,
welche der ein für allemal gegebenen Sprache immer wieder kleine Fragen und
Lösungen artistischer Art ablockt. Darin besteht die gesamte uns bekannte
»Geschichte« der chinesisch-japanischen Malerei und der indischen
Architektur. Und ebenso wie diese Scheingeschichte sich von der wirklichen des
gotischen Stils, so unterscheidet sich der Ritter der Kreuzzüge von dem chinesischen
Mandarin als der werdende von dem fertigen Stand. Der eine ist Geschichte,
der andere hat sie längst überwunden. Denn, wie schon festgestellt wurde,
die Geschichte dieser Zivilisationen ist Schein und ebenso die großen
Städte, deren Antlitz sich fortwährend verändert, ohne anders zu
werden. Und ein Geist dieser Städte ist nicht vorhanden. Sie sind Land in
steinerner Form. (Ebd., S. 686-687 ).Was
geht hier unter? Und was bleibt? Es ist ein bloßer Zufall, daß
germanische Völker unter dem Druck der Hunnen die romanische Landschaft besetzten
und damit die Entwicklung des »chinesischen« Endzustandes der Antike
abbrachen. Den Seevölkern, die seit 1400 v. Chr. in einer bis ins einzelne
gleichartigen Wanderung gegen die ägyptische Welt vordrangen, glückte
es nur im kretischen Inselgebiet. Ihre mächtigen Züge an der libyschen
und phönikischen Küste unter Begleitung von Wikingerflotten sind ebenso
gescheitert wie die der Hunnen gegen China. So ist die Antike das einzige Beispiel
einer im Augenblick ihrer vollen Reife abgebrochenen Zivilisation. Trotzdem haben
die Germanen nur die Oberfläche der Formen zerstört und durch das Leben
ihrer eigenen Vorkultur ersetzt. Die »ewige« Unterschicht erreicht
man nicht. Sie bleibt, versteckt und durch eine neue Formensprache vollständig
überzogen, im Untergrunde der ganzen folgenden Geschichte bestehen ....
(Ebd., S. 687 ). Völker
Rassen, Sprachen
Ohne Zitate (Anm. HB). Urvölker,
Kulturvölker, Fellachenvölker
Weltgeschichte
ist die Geschichte der großen Kulturen. Und Völker sind nur die sinnbildlichen
Formen, in welche zusammengefaßt der Mensch dieser Kulturen sein Schicksal
erfüllt. In jeder dieser Kulturen ... - ob unser Wissen dahin reicht oder
nicht - gibt es eine Gruppe großer Völker von ein und demselben Stil,
die am Eingang der Frühzeit entsteht und die, Staaten bildend und Geschichte
tragend, im ganzen Lauf der Entwicklung auch die ihr zugrunde liegende Form einem
Ziel entgegenführt. (Ebd., S. 761 ).Gerade
der Tiefe dieser Erlebnisse wegen ist es unmöglich, daß ein ganzes
Volk gleichmäßig ein Kulturvolk, eine Nation ist. In Urvölkern
hat jeder einzelne Mann das gleiche Gefühl volksmäßiger Verbundenheit.
Das Erwachen einer Nation zum Bewußtsein ihrer selbst erfolgt aber ohne
Ausnahme in Stufungen und also vornehmlich in einem einzelnen Stande, dessen Seele
die stärkste ist und die der übrigen durch die Macht ihres Erlebens
im Banne hält. Jede Nation wird vor der Geschichte durch eine Minderheit
repräsentiert. Zu Beginn der Frühzeit ist es der erst hier und zwar
als die Blüte des Volkstums entstehende Adel, in dessen Kreise der nicht
bewußte, aber in seinem kosmischen Takt um so mächtiger gefühlte
Nationalcharakter großen Stil erhält. .... Mit den Städten wird
das Bürgertum zum Träger des Nationalen, und zwar, der wachsenden Geistigkeit
entsprechend, eines Nationalbewußtseins, das es vom Adel empfängt
und zur Vollendung führt. Es sind immer und immer wieder einzelne Kreise
in zahllosen Abstufungen, die im Namen des Volkes leben, fühlen, handeln
und zu sterben wissen, aber diese Kreise werden größer; im 18. Jahrhundert
ist der abendländische Begriff der Nation entstanden, der den Anspruch
erhob und unter Umständen energisch verfolgte, von jedem ohne Ausnahme vertreten
zu werden. In Wirklichkeit waren, wie man weiß, die Emigranten so gut wie
die Jakobiner überzeugt, das Volk, die Repräsentanten der französischen
Nation zu sein. Ein Kulturvolk, das mit »allen« zusammenfällt,
gibt es nicht. Nur unter Urvölkern und Fellachenvölkern, nur in einem
Völkerdasein ohne Tiefe und ohne historischen Rang ist das möglich.
Solange ein Volk Nation ist, das Schicksal einer Nation erfüllt, gibt es
in ihm eine Minderheit, die im Namen aller seine Geschichte vertritt und vollzieht.
(Ebd., S. 764 ).Im
stadtlosen Lande war es der Adel, welcher zuerst die Nation in einem höheren
Sinne vertrat. Das Bauerntum, geschichtslos und »ewig«, war Volk vor
dem Ausbruch der Kultur; es bleibt in sehr wesentlichen Zügen Urvolk und
es überlebt die Nation. (Ebd., S. 779-780 ).Es
sind die Weltstädte, in denen neben einer Minderheit, welche Geschichte hat
und die Nation in sich erlebt, vertreten fühlt und führen will, eine
zweite entsteht: zeitlose, geschichtslose, literarische Menschen, Menschen der
Gründe und Ursachen, nicht des Schicksals, welche, dem Blut und dem dasein
innerlich entfremdet, ganz denkendes Wachsein, für den Begriff der Nation
keinen »vernünftigen« Inhalt mehr entdecken. Sie gehören
ihr wirklich nicht mehr an, denn Kulturvölker sind Formen von Daseinsströmen;
Kosmopolitismus ist eine bloße Wachseinsverbindung von »Intelligenzen«.
Es ist Haß gegen das Schicksal darin, vor allem gegen die Geschichte als
Ausdruck des Schicksals. Alles Nationale ist rassehaft bis zu dem Grade, daß
es keine Sprache findet und in allem, was Denken fordert, ungeschickt und hilflos
bis zum Verhängnis bleibt. Kosmopolitismus ist Literatur und bleibt
es, sehr stark in den Gründen und sehr schwach in ihrer Verteidigung, nicht
mit neuen Gründen, sondern mit dem Blute. (Ebd., S. 780 ).
Aber
eben deshalb kämpft diese geistig weit überlegene Minderheit mit geistigen
Waffen und sie darf es, weil Weltstädte reiner Geist, wurzellos und an sich
schon zivilisierter Gemeinbesitz sind. Die gebornen Weltbürger und Schwärmer
für Weltfrieden und Völkerversöhnung - im China der kämpfenden
Reiche, im buddhistischen Indien, im Hellenismus und heute - sind die geistigen
Führer des Fellachentums. (Ebd., S. 781 ).Panem
et circenses - das ist nur eine andere Formel für Pazifismus. (Ebd.,
S. 781 ).
Ein
antinationales Element ist in der Geschichte aller Kulturen stets vorhanden gewesen.
(Ebd., S. 781 )Das
reine auf sich selbst gestellte Denken war immer lebensfremd und also geschichtsfeindlich,
unkriegerisch, rasselos. (Ebd., S. 781 ).Diese
Fälle mögen noch so verschieden sein, sie gleichen sich darin, daß
das Weltgefühl des Rassemäßigen, der politische und deshalb nationale
Tatsachensinn - rihgt or wrong, my country! -, der Entschluß, Subjekt
oder Objekt der historischen Entwicklung zu sein - denn etwas Drittes gibt es
nicht -, kurz der Wille zur Macht durch eine Neigung überwältigt wird,
deren Führer sehr oft Menschen ohne ursprüngliche Triebe, aber desto
mehr auf Logik versessen sind, in einer Welt der Wahrheiten, Ideale und Utopien
zu Hause, Büchermenschen, welche das Wirkliche durch das Logische, die Gewalt
der Tatsachen durch eine abstrakte Gerechtigkeit, das Schicksal durch die Vernunft
ersetzen zu können glauben. Es fängt an mit den Menscehn der ewigen
Angst, die sich aus der Wirklichkeit in Klöster, Denkstuben und geistige
Gemeinschaften zurückziehen und die Weltgeschichte für gleichgültig
erklären, und endet in jeder Kultur bei den Aposteln des Weltfriedens. Jedes
Volk bringt solchen - geschichtlich betrachtet - Abfall hervor. Schon die Köpfe
bilden physiognomisch eine Gruppe für sich. Sie nehmen in der »Geschichte
des Geistes« einen hohen Rang ein - eine lange Reihe berühmter Namen
ist darunter -, vom Standpunkt der wirklichen Geschichte aus betrachtet, sind
sie minderwertig. (Ebd., S. 781 ).Allerdings,
mit dem Erlöschen der Nationen ist eine Fellachenwelt über die Geschichte
geistig erhaben, endgültig zivilisert, »ewig«. Sie kehrt im Reich
der Tatsachen in einen natürlichen Zustand zurück, der zwischen langen
Dulden und vorübergehenden Wüten auf und ab schwankt, ohne daß
mit allem Blutvergießen - das durch keinen Weltfrieden je geringer wird
- sich etwas ändert. Einst hatten sie für sich geblutet, jetzt müssen
sie es für andere und oft genug zu deren Unterhaltung - das ist der Unterschied.
Ein handfester Führer, der zehntausend Abenteurer versammelt, kann schalten,
wie er will. Gesetzt, die ganze Welt wäre ein einziges Imperium, so wäre
damit lediglich der Schauplatz für die Heldentaten solcher Eroberer der denkbar
größte geworden. (Ebd., S. 782-783 ).Lever
doodt als Sklaav: das ist ein altfriesischer Bauernspruch. Die Umkehrung ist der
Wahlspruch jeder späten Zivilisation und jede hat erfahren müssen, wieviel
es kostet. (Ebd., S. 783 ).
Probleme der arabischen Kultur (S. 784-960):
I. Historische
Pseudomorphosen (S. 784-840) Der Begriff
[S. 784] Actium [S. 788] Das Russentum [S. 788] Arabische
Ritterzeit [S. 794] Der Synkretismus [S. 799] Juden, Chaldäer,
Perser der Vorkultur [S. 804] Mission [S. 811] Jesus [S. 814]
Paulus [S. 827] Johannes, Marcion [S. 833] Heidnische und christliche
Kultkirche [S. 837] II. Die
magische Seele (S. 840-880) Dualismus
der Welthöhle [S. 840] Zeitgefühl (Ära, Weltgeschichte,
Gnade) [S. 847] Consensus [S. 854] Das Wort als Substanz,
der Koran [S. 855] Geheime Tora, Kommentar [S. 858] Die Gruppe der
magischen Religionen [S. 862] Der christologische Streit [S. 872]
Dasein als Ausdehnung (Mission) [S. 877] III. Pythagoras,
Mohammed, Cromwell (S. 880-960) Wesen
der Religion [S. 880] Mythos und Kultus [S. 884] Moral als Opfer
[S. 889] Morphologie der Religionsgeschichte [S. 894] Die Vorkultur:
Franken, Russen [S. 897] Ägyptische Frühzeit [S. 900]
Antike [S. 903] China [S. 908] Gotik (Marien- und Teufelsglaube,
Taufe und Buße) [S. 912] Reformation 922] Die Wissenschaft
[S. 927] Puritanismus [S. 930] Rationalismus [S. 935] Zweite
Religiosität [S. 941] Römischer und chinesischer Kaiserkult
[S. 946] Das Judentum [S. 948]. Historische
Pseudomorphosen
Historische
Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen eine fremde Kultur so mächtig
über dem Lande liegt, daß eine junge, die hier zu Hause ist, nicht
zu Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener Ausdrucksformen,
sondern nicht einmal zur vollen Entfaltung ihres Selbstbewußtseins gelangt.
(Ebd., S. 784 ).
Alles was aus der Tiefe eines frühen Seelentums
emporsteigt, wird in die Hohlformen des fremden Lebens ergossen; junge Gefühle
erstarren in ältlichen Werken und statt des Sichaufreckens in eigener Gestalungskraft
wächst nur der Haß gegen die ferne Gewalt zur Riesengröße.
Dies ist der Fall der arabischen Kultur. Ihre Vorgeschichte liegt ganz im Bereiche
der uralten (mesopotamisch[-sumerisch]-) babylonischen
Zivilisation, die seit zwei Jahrtausenden die Beute wechselnder Eroberer war.
( ).
(Ebd., S. 784 ).Die
magische Kultur ( )
ist geographisch und historisch die mittelste in der Gruppe hoher Kulturen ( ),
die einzige, welche sich räumlich und zeitlich fast mit allen andern berührt
( ).
(Ebd., S. 785 ).Der
Aufbau der Gesamtgeschichte in unserem Weltbilde hängt deshalb ganz davon
ab, ob man ihre innere Form erkennt, welche durch die äußere gefälscht
wird; aber gerade sie ist aus philologischen und theologischen Vorurteilen und
mehr noch infolge der Zersplitterung der modernen Fachwissenschaft bis jetzt nicht
erkannt worden. Die abendländische Forschung ist seit langem nicht nur dem
Stoff und der Methode, sondern auch dem Denken nach in eine Anzahl von Fachgebieten
zerfallen, deren widersinnige Abgrenzung es verhindert hat, daß man die
großen Fragen auch nur sah. Wenn irgendwo, so ist das »Fach«
für die Probleme der arabischen Welt zum Verhängnis geworden. Die eigentlichen
Historiker hielten sich an das Interessengebiet der klassischen Philologie, aber
deren Horizont endete an der antiken Sprachgrenze im Osten. Infolgedessen haben
sie die tiefe Einheit der Entwicklung diesseits und jenseits dieser seelisch gar
nicht vorhandenen Schranke nie bemerkt. Das Ergebnis war die Perspektive Altertum-Mittelalter-Neuzeit
( ),
die durch den griechisch-lateinischen Sprachgebrauch abgegrenzt und zusammengehalten
wird. ( ).
(Ebd., S. 785-786 ).Die
Pseudomorphose ( )
beginnt mit Actium - hier hätte Antonius siegen müssen. Es war
nicht der Entscheidungskampf zwischen Römertum und Hellenismus, der
zum Austrag kam; der ist bei Cannäund Zama ausgefochten worden, von Hannibal,
der das tragische Geschick hatte, in Wirklichkeit nicht für sein Land, sondern
für das Hellenentum zu kämpfen. Bei Actium stand die ungeborene arabische
Kultur gegen die greisenhafte antike Zivilisation. (Ebd., S. 788 ).Peter
der Große ist das Verhängnis des Russentums. .... Es bestand die Möglichkeit,
die russische Welt nach Art entweder der Karolinger oder der Seleukiden zu behandeln,
altrussisch nämlich oder »westlich«, und die Romanovs haben sich
für das letzte entschieden. (Ebd., S. 789 ).
Die Gründung von Petersburg (1703)
zwang die primitive russische Seele erst in die fremden Formen des hohen Barock,
dann der Aufklärung, dann des 19. Jahrhunderts. Der primitive Zarismus von
Moskau ist die einzige Form, welche noch heute dem Russentum gemäß
ist, aber er ist in Petersburg in die dynastische Form Westeuropas umgefälscht
worden. Der Zug nach dem heiligen Süden, nach Byzanz und Jerusalem, der tief
in allen rechtgläubigen Seelen lag, wurde in eine weltmännische Diplomatie
mit dem Blick nach Westen verwandelt. Auf den Brand von Moskau, die großartig
symbolische Tat eines Urvolkes, aus welcher der Makkabäerhaß gegen
alles Fremde und Fremdgläubige redet, folgt der Einzug Alexanders in Paris,
die heilige Allianz und die Stellung im Konzert der westlichen Großmächte.
Ein Volkstum, dessen Bestimmung es war, noch auf Generationen hin geschichtslos
zu leben, wurde in eine künstliche und unechte Geschichte gezwängt,
deren Geist vom Urrussentum gar nicht begriffen werden konnte. Späte Künste
und Wissenschaften wurden hereingetragen, Aufklärung, Sozialethik, weltstädtischer
Materialismus, obwohl in dieser Vorzeit Religion die einzige Sprache war, in der
man sich und die Welt verstand; in das stadtlose Land mit seinem ursprünglichen
Bauerntum nisteten sich Städte fremden Stils wie Geschwüre ein. Sie
waren falsch, unnatürlich, unwahrscheinlich bis in ihr Innerstes. »Petersburg
ist die abstrakteste und künstlichste Stadt, die es gibt«, bemerkt
Dostojewski (1821-1881). Er hatte, obwohl er dort geboren war, ein Gefühl,
als ob sie sich eines Morgens mit den Sumpfnebeln zugleich auflösen könnte.
So geisterhaft, unglaubwürdig, lagen auch die hellenistischen Prunkstädte
überall im aramäischen Bauernland. (Ebd., S. 789-790 ).
Alles, was rings umher entstand, ist von dem echten
Russentum seitdem als Gift und Lüge empfunden worden. Ein wahrhaft apokalyptischer
Haß richtet sich gegen Europa auf. Und »Europa« war alles, was
nicht russisch war, auch Rom und Athen, ganz wie für den magischen Menschen
damals auch das alte Ägypten und Babylon antik, heidnisch, teuflisch war.
»Die erste Bedingung der Befreiung des russischen Volksgefühls ist:
von ganzem Herzen und aus voller Seele Petersburg zu hassen«, schreibt Aksakow
1863 an Dostojewski. Moskau ist heilig, Petersburg ist der Satan; Peter der Große
erscheint in einer verbreiteten Volkslegende als der Antichrist. Genau so redet
es aus allen Apokalypsen, vom Buche Daniel und Henoch zur Makkabäerzeit bis
auf die Offenbarung Johannis, Baruch und den IV. Esra nach der Zerstörung
Jerusalems (70), gegen Antiochus, den Antichrist, gegen Rom, die babylonische
Hure, gegen die Städte des Westens mit ihrem Geist und Pomp, gegen die gesamte
antike Kultur. Alles, was entsteht, ist unwahr und unrein: diese verwöhnte
Gesellschaft, die durchgeistigten Künste, die sozialen Stände, der fremde
Staat mit seiner zivilisierten Diplomatie, Rechtsprechung und Verwaltung.
(Ebd., S. 790 ).
Der eine konnte sich innerlich vom Lande nie befreien,
der andere hat es trotz allen verzweifelten Bemühens niemals gefunden. Tolstoi
ist das vergangene, Dostojewski das kommende Rußland. Tolstoi ist mit
seinem ganzen Innern dem Westen verbunden. Er ist der große Wortführer
des Petrinismus, auch wenn er ihn verneint. Es ist stets eine westliche Verneinung.
.... Sein mächtiger Haß redet gegen das Europa, von dem er selbst sich
nicht befreien kann. Er haßt es in sich, er haßt sich. Er wird damit
der Vater des Bolschewismus. Die ganze Ohmacht dieses Geistes und »seiner«
Revolution von 1917 spricht aus den nachgelassenen Szenen: »Das Licht leuchtet
in der Finsternis«. Diesen Haß kennt Dostojewski nicht. Er hat alles
Weltliche mit einer ebenso leidenschaftlichen Liebe umfaßt. »Ich habe
zwei Vaterländer, Rußland und Europa«. Für ihn hat alles,
Petrinismus und Revolution, bereits keine Wirklichkeit mehr. Aus seiner
Zukunft blickt er wie aus weiter Ferne darüber hin. Seine Seele ist apokalyptisch,
sehnsüchtig, verzweifelt, aber dieser Zukunft gewiß. »Ich werde
nach Europa fahren«, sagt Iwan Karamasoff zu seinem Bruder Aljoscha, »ich
weiß es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten,
allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch. Teure Tote liegen dort begraben,
jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen Leben,
von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen Taten, an die eigene
Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene Erkenntnis, daß ich, ich weiß
es im voraus, zur Erde niederfallen, diese Steine küssen und über ihnen
weinen werde.« Der echte Russe ist ein Jünger Dostojewskis, obwohl
er ihn nicht liest, obwohl und weil er überhaupt nicht lesen kann.
Er ist selbst ein Stück Dostojewski. Wären die Bolschewisten, die in
Christus ihresgleichen, einen bloßen Sozialrevolutionär erblicken,
geistig nicht so eng, sie würden in Dostojewski ihren eigentlichen Feind
erkannt haben. Was dieser Revolution ihre Wucht gab, war nicht der Haß der
Intelligenz. Es war das Volk, das ohne Haß, nur aus dem Trieb, sich
von einer Krankheit zu heilen, die westlerische Welt durch ihren Abhub zerstörte
und diesen selbst ihr nachsenden wird; das stadtlose Volk, das sich nach seiner
eigenen Lebensform, seiner eigenen Religion, seiner
eigenen künftigen Geschichte sehnt. Das Christentum Tolstois war ein Mißverständnis.
Er sprach von Christus und meinte Marx. Dem Christentum Dostojewskis gehört
das nächste Jahrtausend. (Ebd., S. 792-794 ).
Von der magischen Gottheit
gilt das Wort Jesu: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen,
da bin ich mitten unter ihnen.« Es versteht sich, daß für jeden
Gläubigen nur ein Gott der wahre und gute sein kann, die Götter der
andern aber falsch und böse sind ( ).
Die Beziehungen zwischen diesem Gott und dem Menschen ruht nicht im Ausdruck,
sondern in der geheimen Kraft, in der Magie gewisser symbolischer Handlungen:
damit sie wirksam sind, muß man ihre Form und Bedeutung genau kennen und
sie danach ausüben. Die Kenntnis dieser Bedeutung ist ein Besitz der Kirche
- sie ist die Kirche selbst als die Gemeinschaft der Kenner - und damit liegt
der Schwerpunkt jeder magischen Religion nicht im Kult, sondern in einer Lehre,
im Bekenntnis. (Ebd., S. 799-800 ).Solange
die Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die Pseudomorphose ( )
darin, daß alle östlichen Kirchen zu Kulten westlichen Stils wurden.
Dies ist eine wesentliche Seite des Synkretismus ( ).
Die persische Religion dringt als Mithraskult ein, die chaldäisch-syrische
in den Kulten der Gestirngötter und Baale (Jupiter, Dolichenus, Sabazios,
Sol Invictus, Atargatis), das Judentum in Gestalt des Jahwekultes, denn die ägyptischen
Gemeinden der Ptolemäerzeit lassen sich nicht anders bezeichnen, und auch
das früheste Christentum, wie die Paulinischen Briefe und die römischen
Katakomben deutlich erkennen lassen, als Jesuskult. Mögen alle diese Kulte,
die etwa seit Hadrian (also seit etwa 117-138) die
der echt antiken Stadtgötter völlig in den Hintergrund drängen,
noch so laut den Anspruch erheben, eine Offenbarung des einzig wahren Glaubens
zu sein - Isis nennt sich deorum dearumque facies uniformis -, so tragen
sie doch sämtliche Merkmale des antiken Einzelkultes: sie vermehren deren
Zahl ins Unendliche; jede Gemeinde steht für sich und ist örtlich begrenzt,
alle diese Tempel, Katakomben, Mithräen, Hauskapellen sind Kultorte, an welche
die Gottheit nicht ausdrücklich, aber gefühlsmäßig gebunden
ist; aber trotzdem liegt magisches Empfinden in dieser Frömmigkeit. ( ).
Antike Kulte übt man aus, und zwar in beliebiger Zahl, von diesen
gehört man einem einzigen an. Die Mission ist dort undenkbar, hier
ist sie selbstverständlich, und der Sinn religiöser Übungen verschiebt
sich deutlich nach der lehrhaften Seite. Mit dem Hinschwinden der apollinischen
und dem Aufblühen der magischen Seele seit dem zweiten Jahrhundert kehrt
sich das Verhältnis um. Das Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber
es sind jetzt Kulte des Westens, die zu einer neuen Kirche des Ostens werden.
Aus der Summe von Einzelkulten entwickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche
an diese Gottheiten und Übungen glauben, und nach dem Vorgange des Persertums
und Judentums entsteht ein neues Griechentum als magische Nation. ( ).
Aus der sorgfältig festgelegten Form der Einzelhandlung bei Opfern und Mysterien
wird eine Art Dogma über den Gesamtsinn dieser Akte. Die Kulte können
sich gegenseitig vertreten; man übt sie nicht eigentlich aus, sondern »hängt
ihnen an«. Und aus der Gottheit des Ortes wird, ohne daß jemand
sich der Schwere dieser Wendung bewußt wäre, die am Orte gegenwärtige
Gottheit. (Ebd., S. 800-801 ).So
sorgfältig der Synkretismus seit Jahrzehnten durchforscht ist, so wenig hat
man doch den Grundzug seiner Entwicklung, zuerst die Verwandlung östlicher
Kirchen in westliche Kulte und dann mit umgekehrter Tendenz die Entstehung der
Kultkirche, erkannt. Infolgedessen erscheint er als formloser Mischmasch aller
denkbaren Religionen. Nichts ist weniger richtig. Die Formenbildung geht erst
von West nach Ost, dann von Ost nach West. (Ebd., S. 801 ).
Vgl. auch: Pseudomorphose ( )
am antik-magischen Beispiel: Es
gehört zu den letzten Geheimnissen des Menschentums und des unbeweglichen
Lebens überhaupt, daß die Geburt des Ich und der Weltangst ein und
dasselbe sind. Daß sich vor einem Mikrokosmos ein Makrkosmos auftut, weit,
übermächtig, ein Abgrund von fremdem lichtüberstrahlten Sein und
Treiben, das läßt das kleine, einsame Selbst scheu in sich zurückweichen.
Eine Angst vor dem eigenen Wachsein, wie sie Kinder zuweilen überfällt,
lernt kein Erwachsener in den schwärzesten Stunden seines Lebens wieder kennen.
Diese Todesangst lag auch über dem Anbruch der neuen Kultur. In dieser Morgenröte
magischen Weltbewußtseins, das verzagt, ungewiß, dunkel über
sich selbst war, fiel ein neuer Blick auf das nahe Ende der Welt. Es ist der erste
Gedanke, mit dem bis jetzt jede Kultur zum Bewußtsein ihrer selbst kam.
(Ebd., S. 815-816 ).Man
dachte, man lebte nur noch in apokalyptischen Bildern. Die Wirklichkeit wurde
zum Schein. .... Der Jüngste Tag war nahe herangekommen, Man erwartete ihn.
Man wußte, daß »er« jetzt erscheinen müsse, von dem
in allen Offenbarungen die Rede war. Propheten standen auf. Man schloß sich
zu immer neuen Gemeinden und Kreisen zusammen, in der Überzeugung, die angeborene
Religion nun besser erkannt oder die wahre gefunden zu haben. In dieser Zeit ungeheuerster,
von Jahr zu Jahr wachsender Spannung ist, ganz nahe der Geburt Jesu, neben zahllosen
Gemeinschaften und Sekten auch die mandäische Erlösungsreligion entstanden
( ),
deren Stifter oder Ursprung wir nicht kennen. .... Überall ist »er«,
der Menschensohn, der in die Tiefe gesandte Erlöser, der selbst erlöst
werden muß, das Ziel der Erwartung. .... Alle Züge der großen
prophetischen Religionen und der ganze Schatz tiefster Einsichten und Gestalten,
der sich seitdem in der Apokalyptik gesammelt hatte, liegen hier gemeinsam zugrunde.
Von antikem Denken und Fühlen ist in diese Unterwelt des Magischen nicht
ein Hauch gedrungen. Die Anfänge der neuen Religion sind wohl für immer
verschollen. Eine geschichtliche Gsetalt des Mandäertums aber tritt
mit ergreifender Deutlichkeit hervor, tragisch in ihrem Wollen und Untergang wie
Jesus selbst: es ist Johannes der Täufer. ( ).
Dem Judentum kaum noch angehörig und von einem mächtigem Hasse - er
entspricht genau dem urrussichen Hasse gegen Petersburg - gegen den Geist von
Jerusalem erfüllt, predigt er das Ende der Welt und des nahen Barnasha, des
Menschensohn, der nicht mehr der verheißene Messias der Juden, sondern
der Bringer des Weltbrandes ist. Zu ihm ging Jesus und wurde einer seiner
Jünger. (Nach Reitzenstein [Das mandäische Buch des Herrn der Größe,
1919, S. 65 ]
ist er als Johannesjünger in Jerusalem verurteilt worden. Nach Lidzbarski
[Mandäische Liturgien, 1920, XVI ]
und Zimmern [Zeitschrift d. D. Morg. Gesellschaft, 1920, S. 429] weist der Ausdruck
Jesus der Nazaräer oder Nasoräer, der später von der christlichen
Gemeinde auf Nazareth bezogen wurde [Matthäus, 2, 23, mit einem unechten
Zitat], auf die Zugehörigkeit zu einem mandäischen Orden hin [ ].).
Er war dreißig Jahre alt, als die Erweckung über ihn kam. Die apokalyptische
und im besonderen die mandäische Gedankenwelt erfüllte von nun an sein
ganzes Bewußtsein. Nur scheinhaft, fremd und bedeutungslos lag die andere
Welt der geschichtlichen Wirklichkeit um ihn her. Daß »er« jetzt
kommen und dieser so unwirklichen Wirklichkeit ein Ende machen werde, war seine
große Gewißheit, und für sie trat er wie sein Meister Johannes
als Verkünder auf. Noch jetzt lassen die ältesten ins Neue Testament
aufgenommenen Evangelien diese Zeit hindurchschimmern, in der er in seinem Bewußtsein
nichts war als ein Prophet (vgl. z.B. Markus 6 und dazu die große Wendung
Markus 8, 27ff.. Es gibt keine zweite Religion, aus deren Entstehungszeit Stücke
von so treuherziger Berichterstattung erhalten sind.). (Ebd., S. 816-818 ).
 Religion
ist Metaphysik, nichts anderes: Credo, quia absurdum. Und zwar ist erkannte,
bewiesene, für bewiesen gehaltene Metaphysik bloße Philosophie oder
Gelehrsamkeit. Hier ist erlebte Metaphysik gemeint, das Undenkbare als
Gewißheit, das Übernatürliche als Ereignis, das Leben in einer
nichtwirklichen, aber wahren Welt. Anders hat Jesus auch nicht einen Augenblick
gelebt. Er war kein Sittenprediger. In der Sittenlehre das letzte Ziel sehen,
heißt sie nicht kennen. Das ist neunzehntes Jahrhundert. »Aufklärung«,
humanes Philistertum. Ihm soziale Absichten zuschreiben, ist eine Lästerung.
Seine gelegentlichen Sittensprüche, soweit sie ihm nicht nur zugeschrieben
sind, dienen lediglich der Erbauung. Sie enthalten gar keine neue Lehre. Seine
Lehre was einzig die Verkündigung der letzten Dinge, deren Bilder
ihn beständig erfüllten: der Anbruch des neuen Weltalters, die Herabkunft
des himmlischen Gesandten, das letzte Gericht, ein neuer Himmel und eine neue
Erde. Einen anderen Begriff von Religion hat er nie gehabt, und einen anderen
besitzt überhaupt keine wahrhaft innerliche Zeit. Religion ist durch und
durch Metaphysik, Jenseitigkeit. Wachsein inmitten einer Welt, in welcher
das Zeugnis der Sinne nur den Vordergrund aufhellt; Religion ist das Leben in
und mit dem Übersinnlichen, und wo die Kraft zu solchem Wachsein, die Kraft,
auch nur daran zu glauben, fehlt, da ist die wirkliche Religion zu Ende. Mein
Reich ist nicht von dieser Welt - nur wer das ganze Gewicht dieser Einsicht
ermißt, kann seine tiefsten Aussprüche begreifen. Erst späte,
städtische Zeiten, die solcher Einblicke nicht mehr fähig waren, haben
den Rest von Religiosität auf die Welt des äußeren Lebens bezogen
und die Religion durch humane Gefühle und Stimmungen, die Metaphysik durch
Sittenpredigt und Sozialethik ersetzt. In Jesus findet man das gerade Gegenteil.
»Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist« - das heißt:
Fügt euch den Mächten der Tatsachenwelt, duldet, leidet und fragt nicht,
ob sie »gerecht« sind. Wichtig ist nur das Heil der Seele. »Sehet
die Lilien auf dem Felde« - das heißt: Kümmert euch nicht um
Reichtum und Armut. Sie fesseln beide die Seele an die Sorgen dieser Welt.
»Man muß Gott dienen oder dem Mammon« - da ist mit dem Mammon
die ganze Wirklichkeit gemeint. Es ist flach und feige, die Größe aus
dieser Forderung fortzudcuten. Zwischen der Arbeit für den eignen Reichtum
und der für die soziale Bequemlichkeit »aller« hätte er
überhaupt keinen Unterschied empfunden. Welm er vor dem Reichtum erschrak
und wenn die Urgemeinde in Jerusalem, die ein strenger Orden war und kein Sozialistenklub,
den Besitz verwarf, so liegt darin der größte überhaupt denkbare
Gegensatz zu aller »sozialen Gesinnung«: nicht weil die äußere
Lage alles, sondern weil sie nichts ist, nicht aus der Alleinschätzung, sondern
aus der unbedingten Verachtung des diesseitigen Behagens gehen solche Überzeugungen
hervor. Aber es muß allerdings etwas da sein, dem gegenüber alles irdische
Glück zu nichts versinkt. Es ist wieder der Unterschied von Tolstoi und Dostojewski.
Tolstoi, der Städter und Westler, hat in Jesus nur einen Sozialethiker erblickt
und wie der ganze zivilisierte Westen, der nur verteilen, nicht verzichten kann,
das Urchristentum zum Range einer sozialrevolutionären Bewegung herabgezogen,
und zwar aus Mangel an metaphysischer Kraft. Dostojewski, der arm war, aber in
gewissen Stunden fast ein Heiliger, hat nie an soziale Verbesserungen gedacht
- was wäre der Seele damit geholfen, wenn man das Eigentum abschafft?
(Ebd., S. 821-823 ). Die
magische Seele
Die Welt, wie sie sich vor dem magischen Wachsein
ausbreitet, besitzt eine Art von Ausgedehntheit, die höhlenhaft genannt werden
darf ( ),
so schwer es dem Menschen des Abendlandes auch ist, im Vorrat seiner Begriffe
auch nur ein Wort ausfindig zu machen, mit dem er den Sinn des magischen »Raumes«
wenigstens andeuten könnte. Denn »Raum« bedeutet für das
Empfinden beider Kulturen durchaus zweierlei. Die Welt als Höhle ist von
der faustischen Welt als Weite mit ihrem leidenschaftlichen Tiefendrang ebenso
verschieden wie von der antiken Welt als Inbegriff körperlicher Dinge.
(Ebd., S. 840 ).Das
folgt mit Notwendigkeit aus dem Weltgefühl der magischen Menschen und führt
zur Verwandlung der Herrscher in Kalifen - Beherrscher vor allem der Gläubigen,
nicht eines Gebietes - und damit zur Auffassung der Rechtgläubigkeit als
der Voraussetzung wirklicher Staatsangehörigkeit, zur Pflicht der Verfolgung
falscher Religionen - der heilige Krieg des Islam ist so alt wie diese Kultur
selbst und hat ihre ersten Jahrhunderte vollkommen erfüllt -, zur Stellung
der im Staate nur geduldeten Ungläubigen unter eigenes Recht und Verwaltung
- denn das göttliche Recht ist Ketzern versagt - und damit zur Wohnweise
des Ghetto. (Ebd., S. 868 ). Pythagoras,
Mohammed, Cromwell
Vor dem chinesischen
Wachsein waren Himmel und Erde Hälften des Makrokosmos, ohne Gegensatz und
jede ein Spiegelbild der andern. Das Werden erscheint in der ungezwungenen Wechselwirkung
zweier Prinzipien, des yang und yin, die eher periodisch als polar
gedacht sind. ( ).
Dementsprechend gibt es zwei Seelen im Menschen .... Aber von beiden Seelenarten
gibt es außerhalb des Menschen noch unzählige Mengen .... Das Leben
der Natur und das menschliche Leben bestehen ganz eigentlich aus dem Spiel solcher
Einheiten. Klugheit, Glück, Kraft und Tugend hängen von ihrem Verhältnis
ab. .... Alles das wird in dem Urwort tao zusammengefaßt. Der Kampf
zwischen dem yang und yin im Menschen ist das tao seines
Lebens; das Weben der Geisterscharen draußen ist das tao der Natur.
Die Welt besitzt tao, insofern sie Takt, Rhythmus und Periodizität
hat. Sie besitzt li, Spannung, insofern man sie erkennt und fertige Verhältnisse
zur ferneren Anwendung daraus abzieht. .... Der Weg des Pharao durch den dunklen
Gang zu seinem Heiligtum ist ihm verwandt, das faustische Pathos der dritten Dimension
ist es auch: aber tao ist doch von dem Gedanken der technischen Überwindung
der Natur weit entfernt. Der chinesische Park vermeidet die energische Perspektive.
Er legt Horizont hinter Horizont und lädt zum Wandeln ein, statt auf ein
Ziel zu weisen. Der chinesische »Dom« der Frühzeit, das Pi-yung,
hat mit seinen Pfaden, die durch Tore, Gebüsche, über Treppen, geschwungene
Brücken und Plätze führen, niemals den unerbittlichen Zug Ägyptens
und den Tiefendrang der Gotik. (Ebd., S. 910-911 ).Sokrates
ist so gut der Erbe der Sophisten wie der Ahnherr der kynischen Wanderprediger
und der pyrrhonischen Skepsis. (Ebd., S. 939 ).Die
zweite Religiosität erscheint in allen Zivilisationen, sobald diese zur vollen
Ausbildung gelangt sind und langsam in den geschichtslosen Zustand hinübergehen,
für den Zeiträume keine Bedeutung mehr haben. Daraus ergibt sich, daß
die abendländische Welt von dieser Stufe noch um viele Generationen entfernt
ist. (Ebd., S. 941-942 ).Die
zweite Religiosität ist das notwendige Gegenstück zum Cäsarismus,
der endgültigen politischen Verfassung später Zivilisationen.
Sie wird demnach in der Antike etwa von Augustus an sichtbar, in China etwa mit
Schi Hoang-ti. .... Die zweite Religiosität enthält, nur anders erlebt
und ausgedrückt, wieder den Bestand der ersten .... Zuerst verliert sich
der Rationalismus, dann kommen die Gestalten der Frühzeit zum Vorschein,
zuletzt ist es die ganze Welt der primitiven Religion, die vor den großen
Formen des Frühglaubens zurückgewichen war und nun in einem volkstümlichen
Synkretismus ( ),
der auf dieser Stufe keiner Kultur fehlt, mächtig wieder hervordringt. ....
Damit sind die Möglichkeiten der Physik als des kritischen Weltverstehens
erschöpft, und der Hunger nach Metaphysik meldet sich wieder. (Ebd.,
S. 942 ).
Es war ein echter Pogrom, als im Jahre 88 v. Chr. (Vesper
von Ephesus) auf einen Wink von Mithridates VI. (von
Pontus) hin an einem Tage 100 000 römische Geschäftsleute von
der erbitterten Bevölkerung Kleinasiens ermordet wurden. Die »Juden«
dieser Zeit waren die Römer, und in dem apokalyptischen Haß der Aramäer
gegen sie (vgl. die Aufstände 66-70 und 132-135)
liegt auch etwas dem westeuropäischen Antisemitismus ganz Verwandtes. Alle
magischen Nationen (also nicht nur die ins Abendland
gezogenen Diaspora-Juden mit ihrem Geschäftssinn) befinden sich seit
den Kreuzzügen (seit 1096-1270) auf dieser Stufe.
(Ebd., S. 952 ).Am
tiefsten trennend und verbitternd hat aber die Tatsache gewirkt, welche in ihrer
vollen Targik am wenigsten begriffen worden ist: während der abendländische
Mensch von den Tagen der Sachsenkaiser bis zur Gegenwart Geschichte im allerbedeutendsten
Sinne durchlebt, und zwar mit einer Bewußtheit, die in keiner anderen Kultur
ihresgleichen findet, hat der jüdische consensus aufgehört Geschichte
zu haben. Seine Probleme waren gelöst, seine innere Form abgeschlossen und
unveränderlich geworden; Jahrhunderte hatten für ihn wie für den
Islam, die griechische Kirche und die Parsen keine Bedeutung mehr, und deshalb
kann, wer innerlich diesem consensus verbunden ist, die Leidenschaft gar
nicht begreifen, mit welcher faustische Menschen die ... Entscheidungen ihrer
Geschichte, ihres Schicksals durchleben .... (Ebd., S. 953 ).
Der Staat (S. 961-1144):
I. Das
Problem der Stände: Adel und Priestertum (S. 961-1004)
Mann und Weib [S. 961] Stamm und Stand [S. 964] Bauerntum
und Gesellschaft [S. 966] Stand, Kaste, Beruf [S. 967] Adel und
Priestertum als Symbole von Zeit und Raum [S. 970] Zucht und Bildung, Sitte
und Moral [S. 979] Eigentum, Macht und Beute [S. 983] • Priester und Gelehrte
[S. 986] • Wirtschaft und Wissenschaft: Geld und Geist [S. 989] • Geschichte der
Stände: Frühzeit [S. 990] • Der dritte Stand: Stadt - Freiheit - Bürgertum
[S. 998] II. Staat
und Geschichte (S. 1004-1107) Bewegtes
und Bewegung, In-Form-sein [S. 1004] Recht und Macht [S. 1008]
Stand und Staat [S. 1011] Der Lehnsstaat [S. 1018] Vom Lehnsverband
zum Ständestaat [S. 1024] Polis und Dynastie [S. 1027] Der
absolute Staat, Fronde und Tyrannis [S. 1038] Wallenstein [S. 1043]
Kabinettspolitik [S. 1046] Von der ersten zur zweiten Tyrannis [S. 1050]
Die bürgerliche Revolution [S. 1056] Geist und Geld [S. 1059]
Formlose Gewalten (Napoleonismus) [S. 1065] Emanzipation des Geldes
[S. 1072] • Verfassung [S. 1076] Vom Napoleonismus zum Cäsarismus
(Zeitalter der kämpfenden Staaten) [S. 1081] Die großen
Kriege [S. 1085] Römerzeit [S. 1088] Vom Kalifat zum Sultanat
[S. 1090] Ägypten [S. 1095] Die Gegenwart [S. 1097]
Der Cäsarismus [S. 1101] III. Philosophie
der Politik (S. 1107-1144) Das Leben
ist Politik [S. 1107] Politische Begabung [S. 1111] Der Staatsmann
[S. 1112] Tradition schaffen [S. 1115] Physiognomischer (diplomatischer)
Takt [S. 1117] Stand und Partei [S. 1121] Das Bürgertum als
Urpartei (Liberalismus) [S. 1122] Vom Stand über die Partei zum Gefolge
von Einzelnen [S. 1125] Die Theorie: Von Rousseau bis Marx [S. 1127]
Geist und Geld (Demokratie) [S. 1130] Die Presse [S. 1137] Selbstvernichtung
der Demokratie durch das Geld [S. 1143] Das
Problem der Stände: Adel und Priestertum
Jeder Adel ist
ein lebendiges Symbol der Zeit, jede Priesterschaft eins des Raumes.
(Ebd., S. 971 ).Schicksal
und heilige Kausalität, Geschichte und Natur, das Wann und das Wo, Rasse
und Sprache, Geschlechtsleben und Sinnenleben: das alles kommt darin zum höchstmöglichen
Ausdruck. (Ebd., S. 971 ).Der
Adel lebet in einer Welt von Tatsachen, der Priester in einer Welt von Wahrheiten;
jener ist Kennen, dieser Erkenner, jener Täter, dieser Denker. Aristokratisches
Weltgefühl ist durch und durch Takt, priesterliches verläuft durchaus
in Spannungen. (Ebd., S. 971 ). Staat
und Geschichte
Innerhalb der Welt
als Geschichte, in die wir lebend verwoben sind, so daß unser Empfinden
und Verstehen beständig dem Fühlen gehorcht, erscheinen die kosmischen
Flutungen als das, was wir Wirklichkeit, wirkliches Leben nennen. Daseinsströme
in leiblicher Gestalt. Man kann sie, die das Merkmal der Richtung tragen, verschieden
erfassen: hinsichtlich der Bewegung oder des Bewegten. (Ebd.,
S. 1004 ).Geschichte
gibt es nur von etwas. Meinen wir die Geschichte der großen Kulturen, so
ist Nation das Bewegte. Staat, status heißt Zustand. .... Der Staat
ist die Geschichte als stillstehend, Geschichte der Staat als fließend gedacht.
Der wirkliche Staat ist die Physiognomie einer geschichtlichen Daseinseinheit;
nur der ausgedachte Staat der Theoretiker ist ein System. Eine Bewegung hat
Form, das Bewgte ist in Form oder, um wiederum einen Sportasudruck
von Bedeutung anzuwenden: ein vollendet Bewegtes befindet sich in vollkommener
Verfassung. (Ebd., S. 1005 ).In
jedem Falle aber ist der Staat die Form, welche die äußere Lage
bestimmt, so daß die Beziehungen zwischen Völkern stets politischer
und nicht sozialer Natur sind. Innenpolitisch ist die Lage dagegen derart
von ständischen Gegensätzen beherrscht, daß hier die soziale und
politische Taktik auf den ersten Blick untrennbar erscheinen und beide Begriffe
im Denken von Menschen, die ihr eigenes, etwa bürgerliches Standesideal mit
der geschichtlichen Wirklichkleit gleichsetzen und deshalb nicht außenpolitisch
denken können, sogar identisch sind. Im Außenkampfe sucht ein Staat
Bündnisse mit anderen Staaten; im Innenkampf ist er stets auf ein Bündnis
mit Ständen angewiesen .... (Ebd., S. 1012-1013 ).Deshalb
muß die Tatsache unzweideutig ausgesprochen werden: es gibt nur Standesstaaten,
Staaten, in denen ein einzelner Stand regiert. Man verwechsle das nicht
mit Ständestaat, dem der einzelen nur vermöge seiner Zugehörigkeit
zu einem Stande angehört. Das letzte ist der Fall in der älteren
Polis, in den Normannenstaaten von England und Sizilien, aber auch in dem Frankreich
der Verfassung von 1791 und in Sowjetrußland. Das erste bringt dagegen die
allgemeine geschichtliche Erfahrung zum Ausdruck, daß es stets eine einzelne
Schicht ist, von welcher, gleichviel ob verfassungsmäßig oder nicht,
die politische Führung ausgeht. Es ist immer eine entschiedene Minderheit,
welche die welthistorische Tendenz eines Staates vertritt, und innerhalb dieser
wieder eine mehr oder weniger geschlossene Minderheit, welche die Leitung kraft
ihrer Fähigkeiten tatsächlich, und oft genug im Widerspruch mit dem
Geist der Verfassung in Händen hat. Und wenn man von revolutionären
Zwischenzeiten und von cäsarischen Zuständen absieht, die als Ausnahme
die Regel bestätigen, ... - so ist es die Minderheit innerhalb eines Standes,
welche durch Tradititon regiert, weitaus am meisten innerhalb des Adels ....
(Ebd., S. 1016-1017 ).Das
römische Imperium ist nichts als der letzte und größte Stadtstaat
der Antike auf Grund eines riesenhaften Synoikismos. Der Redner Aristides konnte
unter Marc Aurel mit vollem Recht sagen (in seiner Rede auf Rom): »Rom hat
diese Welt im Namen einer Stadt zusammengefaßt. Wo man auch in ihr
geboren sein mag, man wohnt doch in ihrer Mitte«. (Ebd., S. 1035-1036 ).In
der Wendung vom Ständestaat zum absoluten Staat, der alles nur in bezug auf
sich gelten läßt, haben die Dynastien des Abendlandes ... den Nichtstand,
das »Volk«, zu Hilfe gerufen und damit als politische Größe
anerkannt. Darin liegt die Bedeutung des Kampfes gegen die Fronde, und die Mächte
der großen Stadt konnten für sich zunächst nur einen Vorteil darin
erblicken. Der Herrscher steht hier im Namen des Staates, der Sorge für alle,
und er bekämpft den Adel, weil dieser den Stand als politische Größe
aufrecht erhalten will. (Ebd., S. 1039 ).Wallenstein
knüpft unbewußt dort an, wo die Hohenstaufen aufgehört hatten.
Nach dem Tode Friedrichs II. (1250) war die Gewalt der Reichsstände eine
unbedingte geworden und gegen diese, für einen absoluten Kaiserstaat, trat
er während seines ersten Kommandos ein. .... Auf dem Reichstag zu Regensburg
(1630) war er abwesend, weil, wie er sagte, sein Quartier demnächst in Paris
sein werde. Es war der schwerste politische Fehler seines Lebens, denn hier siegte
die Fronde der Kurfürsten über den Kaiser durch die Drohung, Ludwig
XIII. an seine Stelle zu setzen, und erzwang die Abdankung des Generals. Damit
hatte die Zentralgewalt in Deutschland, ohne die Tragweite des Schrittes zu erkennen,
ihr Heer aus der Hand gegeben. (Ebd., S. 1043-1044 ).In
Deutschland wurde im Westfälischen Frieden für die große Fronde
der Reichsfürsten gegen den Kaiser das englische, für die kleine Fronde
den Landesfürsten gegenüber das französische Verhältnis durchgesetzt.
Im Reich regieren die Stände, in deren Gebieten aber die Dynastie. Von da
an war das Kaisertum wie das englische Königtum ein Name, umgeben mit Resten
des spanischen Prunks aus dem frühen Barock .... (Ebd., S. 1046 ).
Und zwar erweist sich das Geld als reine Tatsache den idealen
Wahrheiten als unbedingt überlegen, die wie gesagt nur als Schlagworte, als
Mittel für die Tatsachenwelt vorhanden sind. Versteht man unter Demokratie
die Form, welche der dritte Stand als solcher dem gesamten öffentlichen Leben
zu geben wünscht, so muß hinzugefügt werden, daß Demokratie
und Plutokratie gleichbedeutend sind. Sie verhalten sich wie der Wunsch zur Wirklichkeit,
wie Theorie zur Praxis, wie die Erkenntnis zum Erfolg. Es ist das Tragikomische
an dem verzweifelten Kampf, den Weltverbesserer und Freiheitslehrer auch gegen
die Wirkung des Geldes führen, daß sie es eben damit unterstützen.
(Ebd., S. 1060-1061 ).Damit
ist der Eintritt in das Zeitalter der Riesenkämpfe vollzogen, in dem wir
uns heute befinden. Es ist der Übergang vom Napoleonismus zum Cäsarismus,
eine allgemeine Entwicklungsstufe ..., die in allen Kulturen nachzuweisen ist.
Die Chinesen nennen sie tschan-kuo, Zeit der kämpfenden Staaten. Am
Anfang werden sieben Großmächte gezählt, die erst planlos, dann
mit immer klareren Blick für das unvermeidliche Endergebnis in diese dichte
Folge von Kriegen und Revolutionen eintreten. Ein Jahrhundert später sind
es noch fünf. .... Gleichzeitig beginnt der rasche Aufstieg des Römerstaates
Tsin im unphilosophischen Nordwesten, der seinen Einfluß nach West und Süd
über Tibet und Yünnan ausdehnt und die übrige Staatenwelt in weitem
Bogen umklammert. Den Mittelpunkt der Gegnerschaft bildet das Königreich
Tsu im taoistischen Süden, von wo aus die chinesische Zivilisation langsam
in die damals noch wenig bekannten Länder jenseits des großen Stromes
drängt. Das ist in der Tat ein Gegensatz wie der zwischen Römertum und
Hellenismus: dort der harte Wille zur Macht, hier der Hang zur Träumerei
und Weltverbesserung. 368-320 (antik etwa Zeit des Zweiten Punischen
Krieges, 218-201) steigert sich der Kampf zu einem ununterbrochenen Ringen der
gesamten chinesischen Welt, mit Massenheeren, die bis zur äußersten
Anspannung der Bevölkerungszahl aufgebracht werden.
(Ebd., S. 1081-1082 ).Bei
Zama (202) und nicht erst bei Magnesia (190) und Pydna (168) sind auch die hellenistischen
Ostmächte besiegt worden. (Ebd., S. 1089 ).Es
war ganz umsonst, wenn der große Scipio (235-189) mit wahrer Angst vor dem
Schicksal, dem eine mit den Aufgaben der Weltherrschaft belastete Polis entgegenging,
von nun an jede Eroberung zu vermeiden suchte. Es war umsonst, wenn seine Umgebung
gegen den Willen aller Kreise den makedonischen Krieg durchsetzte, nur um den
Osten dann gefahrlos sich selbst überlassen zu können. Der Imperialismus
ist ein notwendiges Ergebnis jeder Zivilisation, daß er ein Volk im Nacken
packt und in die Herrenrolle stößt, wenn es sie zu spielen sich weigert.
(Ebd., S. 1089 ).Der
Imperialismus ist ein so notwendiges Ergebnis, daß er ein Volk im Nacken
packt und in die Herrenrolle stößt, wenn es sie zu spielen sich weigert.
(Ebd., S. 1089 ).Während
die chinesischen Staaten auch noch den letzten Rest ihrer Selbständigkeit
in erbitterten Kriegen verteidigt haben, ging Rom seit 146 nur deshalb an die
Verwandlung der östlichen Ländermasse in Provinzen, weil es ein anderes
Mittel gegen die Anarchie nicht mehr gab. Und auch das hatte zur Folge, daß
die innere Form Roms, die letzte, die noch aufrecht geblieben war, sich unter
dieser Belastung in den gracchischen Unruhen (136-132) auflöste. Es ist ohne
Beispiel, daß hier der Endkampf um das Imperium überhaupt nicht mehr
zwischen Staaten stattfindet, sondern zwischen den Parteien einer Stadt, aber
die Form der Polis ließ einen anderen Ausweg gar nicht zu. Was einst Sparta
und Athen gewesen war, heißt jetzt Optimaten- und Popularpartei. In der
gracchischen Revolution, der 134 schon der erste Sklavenkrieg voraufging, wurde
der jüngere Scipio heimlich ermordet (129) und C. Gracchus öffentlich
erschlagen (133): das sind der erste Prinzeps und der erste Tribun als die politischen
Mittelpunkte einer formlos gewordenen Welt. Wenn die stadtrömische Masse
104 zum erstenmal ein Imperium in gesetzloser und tumultuarischer Weise einem
Privatmann - Marius - übertrug, so ist die tiefere Bedeutung dieses Schauspiels
der Annahme des mythischen Kaisertitels durch Tsin (Chin) 288 vergleichbar: der
unvermeidliche Ausgang des Zeitalters, der Cäsarismus zeichnet sich plötzlich
am Horizont. (Ebd., S. 1089-1090 ).Der
Prinzeps Pompejus und der Tribun Cäsar - Tribun nicht dem Amte,
aber der Haltung nach - vertreten noch Parteien, aber sie haben auch schon in
Lucca (56) zusammen mit Crassus zum ersten Male die Welt unter sich verteilt.
Als bei Philippi (42) die Erben gegen die Mörder Cäsars kämpften,
waren es nur noch Gruppen; bei Actium (31) waren es nur noch Einzelpersonen: damit
ist auch auf diesem Wege der Cäsarismus erreicht. (Ebd.,
S. 1090 ).Daß
neben dem Geist das Geld hinter der Tat (Mord an Cäsar;
Anm. HB) stand, die großen Vermögen Roms, die im Cäsarismus
das Ende ihrer Allmacht heraufkommen sahen, war selbstverständlich. ....
Das hat Tacitus (um 55 - 115) nicht mehr verstanden. Er haßt diese ersten
Cäsaren, weil sie mit allen denkbaren Mitteln sich gegen eine schleichende
Opposition wehrten - in seinen Kreisen -, die seit Trajan (regierte von 98 bis
117) eben nicht mehr vorhanden war. (Ebd., S. 1105 ).Mit
dem Weltfrieden - dem Frieden der hohen Politik - tritt die »Schwertseite«
des Daseins zurück und die »Spindelhälfte« herrscht wieder:
es gibt nur noch Privatgeschichte, private Schicksale, privater Ehrgeiz,
von den kümmerlichen Nöten des Fellachen angefangen bis zu den wüsten
Fehden der Cäsaren um den Privatbesitz der Welt. Die Kriege im Zeitalter
des Weltfriedens sind Privatkriege, furchtbarer als alle Staatenkriege, weil sie
formlos sind. (Ebd., S. 1106 ).
Denn der Weltfriede - der oft schon dagewesen ist - enthält den privaten
Verzicht der ungeheuren Mehrzahl auf den Krieg, damit aber auch die uneingestandene
Bereitschaft, die Beute der andern zu werden, die nicht verzichten. (Ebd.,
S. 1106 ). Philosophie
der Politik
Wie man Politik macht? - Der geborene Staatsmann
ist vor allem Kenner, Kenner der Menschen, Lagen, Dinge. Er hat den »Blick«,
der ohne Zögern, unbestechlich den Kreis des Möglichen umfaßt.
Der Pferdekenner prüft mit einem Blick die Haltung des Tieres und
weiß, welche Aussichten es im Rennen besitzt. Der Spieler wirft einen Blick
auf den Gegner und kennt den nächsten Zug. Das Richtige tun, ohne es zu »wissen«,
die sichere Hand, die den Zügel unmerklich kürzer faßt oder fallen
läßt - es ist das Gegenteil von der Begabung des theoretischen Menschen.
Der geheime Takt alles Werdens ist in ihm und in den geschichtlichen Dingen ein
und derselbe. Sie ahnen einander; sie sind für einander da. Der Tatsachenmensch
kommt nie in Gefahr, Gefühls- und Programmpolitik zu treiben. Er glaubt nicht
an die großen Worte: Er hat die Frage des Pilatus beständig auf den
Lippen. Wahrheiten - der geborne Staatsmann steht jenseits von wahr und falsch.
(Ebd., S. 1112 ).Aber
was ist Politik? - Die Kunst des Möglichen; das ist ein altes Wort und mit
ihm ist beinahe alles gesagt. Der Gärtner kann eine Pflanze aus dem Samen
ziehen oder ihren Stamm veredeln. Er kann die in ihr verborgenen Anlagen, ihren
Wuchs und ihre Tracht, ihre Blüten und Früchte zur Entfaltung bringen
oder verkümmern lassen. Von seinem Blick für das Mögliche und also
Notwendige hängt ihre Vollkommenheit, ihre Kraft, ihr ganzes Schicksal ab.
Aber die Grundgestalt und Richtung ihres Daseins, dessen Stufen, Geschwindigkeit
und Dauer, das »Gesetz, nach dem sie angetreten«, stehen nicht
in seiner Gewalt. Sie muß es erfüllen oder sie verdirbt, und dasselbe
gilt von der ungheuren Pflanze »Kultur« und den in ihre politische
Formenwelt gebannten Daseinsströmen menschlicher Geschlechter. Der große
Staatsmann ist der Gärtner eines Volkes. (Ebd., S. 1116 ).Aber
die absteigende Demokratie wiederholt den gleichen Fehler, halten zu wollen, was
das Ideal von gestern war. Es ist die Gefahr des 20. Jahrhunderts. Auf jedem Pfade
zum Cäsarismus findet sich ein Cato (Marcus Porcius
Cato Censorius [auch genannt: Cato Maior bzw. Cato d.Ä.; 234-149]; sein Urenkel:
Marcus Porcius Cato Uticensis [auch genannt: Cato Minor bzw. Cato d.J.; 95-46]).
(Ebd., S. 1118 ).Aristokratisch
ist die vollendete Kultur, demokratisch die beginnende Zivilisation, bis der Gegensatz
im Cäsarismus aufgehoben wird. (Ebd., S. 1123 ).Das
Ende der Demokratie und der Übergang zum Cäsarimus äußert
sich deshalb darin, daß nicht mehr etwa die Partei des 3. Standes, der Liberalismus,
verschwindet, sondern die Partei als Form überhaupt. Die Gesinnung, das volkstümliche
Ziel, die abstrakten Ideale aller echten Parteipolitik lösen sich auf, und
an ihre Stelle tritt die Privatpolitik, der ungehemmte Machtwille weniger
Rassemenschen. Ein Stand hat Instinkte, eine Partei hat ein Progrramm, eine Gefolgschaft
hat einen Herrn: das ist der Weg von Patriziat und Plebs über Optimaten und
Popularen zu den Pompejanern und Cäsarianern. (Ebd.,
S. 1125-1126 ).Die
römische Ämterlaufbahn forderte, seit sie sich in der Form von Volkswahlen
vollzog, ein Kapital, das den angehenden Politiker zum Schuldner seiner ganzen
Umgebung machte. Vor allem die Ädilität, wo man durch öffentliche
Spiele die Vorgänger überbieten mußte, um später die Stimmen
der Zuschauer zu haben. Sulla fiel bei der ersten Bewerbung für die Prätur
durch, weil er nicht Ädil gewesen war. Dann das glänzende Gefolge, mit
dem man sich täglich auf dem Forum zu zeigen hatte, um der müßigen
Menge zu schmeicheln. Ein Gesetz verbot das Geleit gegen Bezahlung, aber die Verpflichtung
von Vornehmen durch Darlehen, Empfehlung zu Ämtern und Geschäften und
Verteidigung vor Gericht, die diese wiederum zu Begleitung und zu täglichen
Morgenbesuchen verpflichtete, war teuer. Pompejus war Patron der halben Welt,
von den picenischen Bauern an bis zu den Königen im Orient; er vertrat und
beschützte alles; das war sein politisches Kapital, das er gegen die zinslosen
Darlehen des Crassus und die »Vergoldung« aller Ehrgeizigen durch
den Eroberer Galliens einsetzen konnte. Man läßt den Wählern bezirksweise
Frühstücke servieren (Inaurari, zu welchem Zweck Cicero seinen Freund
Trebatius an Cäsar empfahl), Freiplätze für die Gladiatorenspiele
anweisen oder auch wie Milo unmittelbar Geld ins Haus senden. Cicero nennt das
»die Sitten der Väter achten«. Das Wahlkapital nahm amerikanische
Dimensionen an und betrug zuweilen Hunderte von Millionen Sesterzen. Bei den Wahlen
von 54 (v. Chr.) stieg der Zinsfuß von 4 auf 8%, weil der größte
Teil der ungeheuren Bargeldmasse, die in Rom vorhanden war, in der Agitation festgelegt
wurde. Cäsar hatte als Ädil so viel ausgegeben,
daß Crassus für 20 Millionen bürgen mußte, damit die Gläubiger
ihm die Abreise in die Provinz gestatteten, und bei der Wahl zum Pontifex maximus
hatte er seinen Kredit noch einmal so überspannt, daß sein Gegner Catulus
ihm Geld für den Rücktritt bieten konnte, weil er im Falle einer Niederlage
verloren war. Aber die auch deshalb unternommene Eroberung und Ausbeutung Galliens
machte ihn zum reichsten Mann der Welt; hier ist eigentlich Pharsalus schon gewonnen
worden. Es handelte sich um Milliarden von Sesterzen, die seitdem durch Cäsars
Hände gingen. Die Weihgeschenke der gallischen Tempel, die er in Italien
ausbieten ließ, riefen einen Sturz des Goldwertes hervor. Vom König
Ptolemäus erpreßten er und Pompejus für die Anerkennung 144 (und
Gabinius noch einmal 240) Millionen. Der Konsul Aemilius Paulus (50) wurde mit
36, Curio mit 60 Millionen erkauft. Man kann daraus auf die vielbeneideten Vermögen
seiner näheren Umgebung schließen. Bei dem Triumph von 46 (v. Chr.)
erhielt jeder der weit über hunderttausend Soldaten je 24000 Sesterzen, die
Offiziere noch ganz andere Summen. Trotzdem reichte der Staatsschatz nach seinem
Tode aus, um die Stellung des Antonius zu sichern. Denn Cäsar hat diese Milliarden
um der Macht willen erobert, wie Cecil Rhodes, und nicht aus Freude am Reichtum,
wie Verres und im Grunde auch Crassus, ein großer Geldmann mit politischem
Nebenberuf. Er begriff, daß auf dem Boden einer Demokratie die verfassungsmäßigen
Rechte ohne Geld nichts, mit Geld alles bedeuten. Als Pompejus noch davon träumte,
er könne Legionen aus der Erde stampfen, hatte sie Cäsar durch sein
Geld längst zur Wirklichkeit verdichtet. Er hatte diese Methoden vorgefunden;
er beherrschte sie, aber er identifizierte sich nicht mit ihnen. Man muß
sich klar machen, daß sich etwa seit 150 (v. Chr.) die um Grundsätze
versammelten Parteien zu persönlichen Gefolgschaften auflösen um Männer,
die ein privatpolitisches Ziel hatten und sich auf die Waffen ihrer Zeit verstanden.
(Ebd., S. 1134-1136 ).Die
Demokratie hat das Buch aus dem Geistesleben der Volksmassen vollständig
verdrängt. .... Das Volk liest die eine, »seine« Zeitung,
die in Millionen Exemplaren täglich in alle Häuser dringt, die Geister
vom frühen Morgen an in ihren Bann zieht, durch ihre Anlage die Bücher
in vergessenheit bringt, und, wenn eins oder das andre doch einmal in den Gesichtskreis
tritt, seine Wirkung durch eine vorweggenommene Kritik ausschaltet. Was ist Wahrheit
? Für die Menge das, was man ständig liest und hört. Die
andre ... ist heute ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber
erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle
Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich,
als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen. Auch die antike
Rhetorik war auf den eindruck und nicht den Inhalt berechnet .... Die Dynamik
der Presse will dauernde Wirkungen Sie muß die Geister dauernd
unter Druck halten. .... Ein Demokrat vom alten Schlage würde heute nicht
Freiheit für die Presse, sondern von der Presse fordern ....
Eine furchtbarere Satire auf die Gedankenfreiheit gibt es nicht. Einst durfte
man nicht wagen, frei zu denken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr.
Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als
seine Freiheit. Und die andere Seite dieser späten Freiheit: es ist jedem
erlaubt zu sagen, was er will; aber es steht der Presse frei, davon Kenntnis zu
nehmen oder nicht. Sie kann jede »Wahrheit« zum Tode verurteilen,
indem sie ihre Vermittlung an die Welt nicht übernimmt, eine furchtbare Zensur
des Schweigens. die um so allmächtiger ist, als die Sklavenmasse der Zeitungsleser
ihr Vorhandensein gar nicht bemerkt. (Ebd., S. 1139-1141 ).An
Stelle der Scheiterhaufen tritt das große Schweigen. Die Diktatur der Parteihäupter
stützt sich auf die Diktatur der Presse. man sucht durch das Geld Leserscharen
und ganze Völker der feindlichen Hörigkeit zu entreißen und unter
die eigene Gedankenzucht zu bringen. Hier erfahren sie nur noch, was sie wissen
sollen, und ein höherer Wille gestaltet das Bild ihrer Welt. Man peitscht
ihre Geister auf, durch Artikel, Telegramme, Bilder - Northcliffe! - bis sie Waffen
fordern und ihre Führer zu einem Kampfe zwingen, zu dem diese gezwungen
sein wollten. Das ist das Ende der Demokratie. (Ebd., S. 1141-1142 ).Das
Geld organisiert den Vorgang im Interesse derer, die es besitzen*, und die Wahlhandlung
wird ein verabredetes Spiel, das als Selbstbestimmung des Volkes inszeniert ist.
*Hier liegt das Geheimnis, weshalb alle radikalen, also armen Parteien
notwendig Werkzeuge der Geldmächte, in Rom der equites, heute der Börse
werden. Theoretisch greifen sie das Kapital an, praktisch aber nicht die Börse,
sondern in deren Interesse die Tradition. Das war zur Zeit der Gracchen ebenso
wie heute, und zwar in allen Ländern. Die Hälfte der Massenführer
ist durch Geld, Ämter, Beteiligung an Geschäften zu erkaufen und mit
ihnen die ganze Partei. (Ebd., S. 1142 ).Aber
die Macht verlagert sich heute schon aus den Parlamenten in private Kreise, und
ebenso sinken die Wahlen unaufhaltsam zu einer Komödie herab. (Ebd.,
S. 1142 ).
Der Cäsarismus wächst auf dem Boden der Demokratie, aber seine
Wurzeln reichen tief in die Untergründe des Blutes und der Tradition hinab.
Seine Gewalt verdankt der antike Cäsar dem Tribunat, seine Würde und
damit seine Dauer aber besitzt er als Prinzeps. .... Mögen die Machthaber
der Zukunft, da die große politische Form der Kultur unwiderruflich zerfallen
ist, die Welt als Privatbesitz beherrschen, so enthält diese formlose und
grenzenlose Macht doch eine Aufgabe, die der unermüdlichen Sorge um
diese Welt .... (Ebd., S. 1143-1144 ).
Die Formenwelt des Wirtschaftslebens (S. 1145-1195):
I. Das
Geld (S. 1145-1182) Die Nationalökonomie
[S. 1145] Die politische und die wirtschaftliche Seite des Lebens [S. 1147]
Erzeugende und erobernde Wirtschaft (Landbau und Handel) [S. 1151]
Politik und Handel (Macht und Beute) [S. 1153] Urwirtschaft und Wirtschaftsstil
der hohen Kulturen [S. 1156] Stand und Wirtschaftsklasse [S. 1157]
Das stadtlose Land: Denken in Gütern [S. 1160] Die Stadt: Denken in
Geld [S. 1162] Weltwirtschaft: Mobilisierung der Güter durch das Geld
[S. 1166] Das antike Geld: Die Münze [S. 1169] Der Sklave als
Geld [S. 1171 Das faustische Denken in Geld: Der Buchwert [S. 1173]
Die doppelte Buchführung [S. 1174] Die Münze im Abendland [S.
1175] Geld und Arbeit [S. 1177] Der Kapitalismus [S. 1179]
Wirtschaftliche Organisation [S. 1180] Erlöschen des Denkens in Geld:
Diokletian. Das Wirtschaftsdenken der Russen [S. 1181] II. Die
Maschine (S. 1183-1195) Geist der Technik
[S. 1183] • Primitive Technik und Stil der hohen Kulturen [S. 1185] • Antike Technik
[S. 1186] • Die faustische Technik: Der Wille zur Macht über die Natur. Der
Erfinder [S. 1186] • Rausch der modernen Erfindungen [S. 1187] • Der Mensch als
Sklave der Maschine [S. 1190] • Unternehmer, Arbeiter, Ingenieur [S. 1190] • Ringen
zwischen Geld und Industrie [S. 1192] • Endkampf zwischen Geld und Politik; Sieg
des Blutes [S. 1193]. Das
Geld
Der Standpunkt, von dem aus die Wirtschaftsgeschichte
der hohen Kulturen verstanden werden kann, darf auf dem Boden der Wirtschaft selbst
nicht gesucht werden. Wirtschaftliches Denken und Handeln ist eine Seite
des Lebens, die in falsche Beleuchtung rückt, sobald man sie als eine selbständige
Art von Leben betrachtet. Am allerwenigsten findet man ihn auf dem Boden
der heutigen Weltwirtschaft, die seit 150 Jahren einen phantastischen, gefährlichen,
zuletzt fast verzweifelten Aufstieg genommen hat, der ausschließlich abendländisch
und dynamisch ist und nichts weniger als allgemein menschlich. (Ebd., S.
1145 ).Was
wir heute Nationalökonomie nennen, ist aufgebaut aus lauter spezifisch englischen
Voraussetzungen. Die allen andern Kulturen ganz unbekannte Maschinenindustrie
steht in der Mitte, als ob das selbstverständlich wäre, und beherrscht
durchaus die Begriffsbildung und die Ableitung sogenannter Gesetze, ohne daß
man sich dessen bewußt wird. Das Kreditgeld in der besonderen Gestalt, welche
sich aus dem englischen Verhältnis von Welthandel und Exportindustrie in
einem bauernlosen Lande ergeben hat, dient als Unterlage von Definitionen der
Worte Kapital, Wert, Preis, Vermögen, die dann ohne weiteres auf andere Kulturstufen
und Lebenskreise angewandt werden. Die Insellage Englands hat in allen ökonomischen
Theorien die Auffassung der Politik und ihrer Beziehung zur Wirtschaft bestimmt.
Die Schöpfer dieses Wirtschaftsbildes sind David Hume und Adam Smith.
Was seitdem über sie hinaus und gegen sie geschrieben worden ist, setzt immer
die kritische Anlage und Methode ihrer Systeme unbewußt voraus. Das gilt
von Carey und List so gut wie für Fourier und Lasalle. Und was den größten
gegner von Adam Smith, Marx betrifft, so macht es wenig aus, ob man, ganz in der
Vorstellungswelt des englischen Kapitalismus befangen, laut gegen ihn protestiert:
man erkennt ihn eben damit an und will nur durch andre Art von Verrechnung dessen
Objekten den Vorteil der Subjekte zuwenden. (Ebd., S. 1145-1146 ).Schon
zur Zeit des Augustus kann von den antiken Kunstwerken aus Edelmetall und Bronze
nicht viel übrig gewesen sein. Selbst der gebildete Athener dachte viel zu
unhistorisch, um eine Statue aus Gold und Elfenbein nur deshalb zu schonen, weil
sie von Phidias war. Man erinnerte sich, daß an dessen berühmter Athenefigur
die Goldteile abnehmbar angefertigt waren und von Zeit zu Zeit nachgewogen wurden.
Die wirtschaftliche Verwendung war also von vornherein ins Auge gefaßt.
Was bei den Triumphen an Statuen und Gefäßen aufgeführt wurde,
war in den Augen der Zuschauer bares Geld, und Mommsen (Ges. Schriften IV,
S. 200ff.) konnte den Verdacht machen, den Ort der Varusschlacht nach Münzfunden
zu bestimmen, weil der römische Veteran sein ganzes Vermögen in Edelmetall
auf dem Körper trug. Antiker Reichtum ist kein Guthaben, sondern ein Geldhaufen;
ein antiker Geldplatz ist nicht Mittelpunkt des Kredits wie die heutigen Börsenplätze
und das ägyptische Theben, sondern eine Stadt, in welcher sich ein erheblicher
Teil des Bargeldbestandes der Welt gesammelt hat. Man darf annehmen, daß
zur Zeit Cäsars weit über die Hälfte des antiken Goldes sich jederzeit
in Rom befand. (Ebd., S. 1170-1171 ).Aber
als diese Welt in das Zeitalter der unbedingten Geldherrschaft getreten war ...,
reichte die natürlich begrenzte Masse von Edelmetall und stofflich wertvollen
Kunstwerken innerhalb ihres Machtgebietes nicht mehr aus, um den Bedarf an Barmitteln
zu decken, und es entstand ein wahrer Heißhunger nach neuen geldfähigen
Körpern. Da fiel der Blick auf den Sklaven, der eine andere Art von Körper,
aber nicht Person sondern Sache war und deshalb als Geld gedacht werden konnte.
Erst von da an wird der antike Sklave etwas Einzigartiges in der gesamten Wirtschaftsgeschichte.
Die Eigenschaften der Münze haben sich auf lebendige Objekte ausgedehnt,
und damit tritt neben den Metallbestand der durch die Plünderungen von Statthaltern
und Steuerpächtern wirtschaftlich »erschlossenen« Gebiete deren
Menschenbestand. Es entwickelt sich eine bizarre Art von Doppelwährung. Der
Sklave hat einen Kurs, was vom Grund und Boden nicht gilt. Er dient zur Anhäufung
großer Barvermögen, und erst infolge davon erscheinen jene ungeheuren
Sklavenmassen der Römerzeit, die aus einem andern Bedarf gar nicht zu erklären
sind. Solange man nur soviel Sklaven hielt, als man gewerblich brauchte, war ihre
Zahl gering und aus Kriegsbeute und Schuldknechtschaft leicht zu decken. ....
Da die antike Wirtschaft statisch und nicht dynamisch ist und die planmäßige
Erschließung von Energiequellen nicht kennt, so waren die Sklaven der Römerzeit
nicht da, um ausgebeutet zu werden, sondern sie wurden beschäftigt, so gut
es ging, um in möglichst großer Zahl gehalten zu werden. Man bevorzugte
Prunksklaven, die sich auf irgend etwas verstanden, weil sie bei gleichem Unterhalt
einen höheren Wert darstellten; man vermietete sie, wie man bares Geld auslieh;
man ließ sie Geschäfte auf eigene Rechnung treiben, so daß sie
reich werden konnten; man unterbot mit ihnen die freie Arbeit, alles nur, um wenigstens
die Erhaltungskosten dieses Kapitals zu decken. Das ist der Gegensatz zur Negersklaverei
..., die eine Vorstufe der Maschinenindustrie darstellt: eine Organisation
von »lebendiger« Energie, bei welcher man vom Menschen endlich zur
Kohle ( )
überging, und das erste erst dann als unmoralisch empfand, als das zweite
eingebürgert war. Von dieser Seite betrachtet, bedeutet der Sieg des Nordens
im amerikanischen Bürgerkrieg (1865) den wirtschaftlichen Sieg der konzentrierten
Energie der Kohle über die einfache Energie der Muskeln. (Ebd., S.
1172 ). Die
Maschine
Die Technik ist so
alt wie das frei im Raume bewegliche Leben überhaupt. .... Die entscheidende
Wendung in der Geschichte des höheren Lebens erfolgt, wenn das Fest-stellen
der Natur - um sich danach zu richten - in ein Fest-machen übergeht, durch
das sie absichtlich verändert wird. Damit wird die Technik gewissermaßen
souverän, und die triebhafte Urerfahrung geht in ein Urwissen über,
dessen man sich deutlich »bewußt« ist. Das Denken hat sich vom
Empfinden emanzipiert. Erst die Wortsprache hat diese Epoche heraufgeführt.
(Ebd., S. 1183-1184 ).Man
»weiß«, was man will, aber es muß vieles geschehen sein,
um das Wissen zu haben, und man täusche sich nicht über den Charakter
dieses »Wissens«. Durch die zahlenmäßige Erfahrung kann
der Mensch mit dem Geheimnis schalten, aber er hat es nicht enthüllt. Das
Bild des modernen Zauberers: eine Schalttafel mit ihren Hebeln und Bezeichnungen,
an welcher der Arbeiter durch einen Fingerdruck gewaltige Wirkungen ins Dasein
ruft, ohne von ihrem Wesen eine Ahnung zu haben, ist das Symbol der menschlichen
Technik überhaupt. Das Bild der Lichtwelt um uns, so wie wir es kritisch,
zerlegend, als Theorie, als Bild entwickelt haben, ist nichts als
eine solche Tafel, auf der gewisse Dinge so bezeichnet sind, daß auf eine
Berührung hin gewisse Wirkungen mit Sicherheit erfolgen. Das Geheimnis bleibt
nicht weniger drückend. Die »Richtigkeit« physikalischer Kenntnisse.
d.h. ihre bis zum Augenblick durch keine Erscheinung widerlegte Anwendbarkeit
als »Deutung«, ist ganz unabhängig von ihrem technischen
Werte. Eine sicherlich falsche und in sich widerspruchsvolle Theorie kann für
die Praxis wertvoller sein als eine »richtige« und tiefe, und die
Physik hütet sich längst, die Worte falsch und richtig im populären
Sinne überhaupt auf ihre Bilder statt auf die bloßen Formeln anzuwenden.
(Ebd., S. 1184 ).Aber
durch diese Technik greift das Wachsein doch gewaltsam in die Tatsachenwelt; das
Leben bedient sich des Denkens wie eines Zauberschlüssels, und auf
der Höhe der Zivilisation, in deren großen Städten, erscheint
endlich der Augenblick, wo technische Kritikn es müde ist, dem Leben zu dienen,
und sich zu seinem Tyrannen aufwirft. Eine Orgie dieses entfesselten Denkens von
wahrhaft tragischen Maßen erlebt die abendländische Kultur eben jetzt.
(Ebd., S. 1184-1185 ).Man
hat den gang der Natur belauscht und sich Zeichen gemerkt. Man beginnt sie nachzuahmen
durch Mittel und Methoden, welche die Gesetze kosmischen Taktes sich zunutze machen.
Der Mensch wagt es, die Gottheit zu spielen und amn begreift, daß die frühesten
Verfertiger und Kenner dieser künstlichen Dinge - denn hier ist dei Kunst
als Gegenbegriff von Natur entstanden -, vor allem die Hüter der Schmiedekunst
von den andern als etwas ganz Seltsames betrachtet, scheu verehrt oder evrabscheut
wurden. (Ebd., S. 1185 ).Es
versteht sich von selbst, daß der antike Mensch, euklidisch wie er sich
in seiner Umwelt fühlt, schon dem Gedanken an der Technik feindselig gegenübersteht.
Meint man mit antiker Technik etwas, das sich mit entschiedenem Streben über
die allverbreiteten Fertigkeiten der mykenischen Zeit erhebt, so gibt es keine
antike Technik. ( ).
Diese Trieren sind vergrößerte Ruderboote, die Katapulte und Onager
ersetzen Arme und Fäuste und können sich mit den assyrischen und chinesischen
Kriegsmaschinen nicht messen, und was Heron und andere seines Schlages betrifft,
so sind Einfälle keine Erfindungen. Es fehlt das innere Gewicht, das Schicksalvolle
des Augenblicks, die tiefe Notwendigkeit. Man spielt hier und da mit Kenntnissen
- warum auch nicht -, die wohl aus dem Osten stammten, aber niemand achtet darauf,
und niemand denkt vor allem daran, sie ernstlich in die Lebensgestaltung einzuführen.
(Ebd., S. 1185-1186 ).Etwas
ganz anderes ist die faustische Technik, die mit vollem Pathos der dritten Dimension
... auf die Natur eindringt, um sie zu beherrschen. Hier und nur hier ist
die Verbindung von Einsicht und Verwertung selbstverständlich. (Ebd.,
S. 1186 ).Die
chinesische Kultur hat fast alle abendländischen Erfindungen auch gemacht,
aber der Chinese schmeichelt der Natur etwas ab, er vergewaltigt sie nicht. Er
empfindet wohl den Vorteil seines Wissens und macht Gebrauch davon, aber er stürzt
sich nicht darauf, um es auszubeuten. (Ebd., S. 1186 ).Der
faustische Erfinder und Entdecker ist etwas Einzigartiges. Die Urgewalt seines
Wollens, die Leuchtkraft seiner Visonen, die stählerne Energie seines praktischen
Nachdenkens müssen jedem, der aus fremden Kulturen herüberblickt, unheimlich
und unverständlich sein, aber sie liegen uns allen im Blute. Unsre ganze
Kultur hat eine Entdeckerseele. Ent-decken, das was man nicht sieht, in
die Lichtwelt des inneren Auges ziehen, um sich seiner zu bemächtigen, das
war vom ersten Tage an ihre hartnäckigste Leidenschaft. Alle ihre großen
Erfmdungen sind in der Tiefe langsam gereift, durch vorwegnehmende Geister verkündigt
und versucht worden, um mit der Notwendigkeit eines Schicksals endlich hervorzubrechen.
Sie waren alle schon dem seligen Grübeln frühgotischer Mönche ganz
nahegerückt. Wenn irgendwo, so offenbart sich hier der religiöse Ursprung
alles technischen Denkens. Diese inbrünstigen Erfinder in ihren Klosterzellen,
die unter Beten und Fasten Gott sein Geheimnis abrangen, empfanden das
als einen Gottesdienst. Hier ist die Gestalt Fausts entstanden, das große
Sinnbild einer echten Erfinderkultur. Die scientia experimentalis, wie
zuerst Roger Bacon die Naturforschung definiert hatte, die gewaltsame Befragung
der Natur mit Hebeln und Schrauben beginnt, was als Ergebnis in den mit Fabrikschloten
und Fördertürmen übersäten Ebenen der Gegenwart vor unsern
Augen liegt. Aber für sie alle bestand auch die eigentlich faustische Gefahr,
daß der Teufel seine Hand im Spiele hatte, um sie im Geist auf jenen Berg
zu führen, wo er ihnen alle Macht der Erde versprach. Das bedeutet der Traum
jener seltsamen Dominikaner wie Petrus Peregrinus vom perpetuum mobile,
mit dem Gott seine Allmacht entrissen gewesen wäre. Sie erlagen diesem Ehrgeiz
immer wieder; sie zwangen der Gottheit ihr Geheimnis ab, um selber Gott zu sein.
Sie belauschten die Gesetze des kosmischen Taktes, um sie zu vergewaltigen, und
sie schufen so die Idee der Maschine als eines kleinen Kosmos, der nur
noch dem Willen des Menschen gehorcht. Aber damit überschritten sie jene
feine Grenze, wo für die allbetende Frömmigkeit der andern die Sünde
begann, und daran gingen sie zugrunde, von Bacon bis Giordano Bruno. Die Maschine
ist des Teufels: so hat der echte Glaube immer wieder empfunden. (Ebd.,
S. 1186-1187 ).
Eine Leidenschaft im Erfinden zeigt schon die gotische Architektur - die
man mit der gewollten Formenarmut der dorischen vergleiche - und unsre gesamte
Musik. Es erscheinen der Buchdruck und die Fernwaffe. (Das griechische Feuer will
nur erschrecken und zünden; hier aber wird die Spannkraft der Explosionsgase
in Bewegungsenergie umgesetzt. Wer das ernsthaft vergleicht, der versteht den
Geist abendländischer Technik nicht.). Auf Kolumbus und Kopernikus folgen
das Fernrohr, das Mikroskop, die chemischen Elemente und endlich die ungeheure
Summe der technischen Verfahren des frühen Barock. (Ebd., S. 1187-1188 ).
Dann aber folgt zugleich mit dem Rationalismus
die Erfindung der Dampmaschine, die alles umstürzt und das Wirtschaftsbild
von Grund aus verwandelt. Bis dahin hatte die Natur Dienste geleistet, jetzt wird
sie als Sklavin ins Joch gespannt und ihre Arbeit wie zum Hohn nach Pferdestärken
bemessen. Man ging von der Muskelkraft des Negers, die in organisierten Betrieben
angesetzt wurde, zu den organischen Reserven der Erdrinde über, wo die Lebenskraft
von Jahrtausenden als Kohle aufgespeichert liegt, und richtet heute den Blick
auf die anorganische Natur , deren Wasserkräfte schon zur Unterstützung
der Kohle herangezogen sind. Mit den Millionen und Milliarden Pferdekräften
steigt die Bevölkerungszahl in einem Grade, wie keine andre Kultur es je
für möglich gehalten hätte. Dieses Wachstum ist ein Produkt
der Maschine, die bedient und gelenkt sein will und dafür die Kräfte
jedes Einzelnen verhundertfacht. Um der Maschine willen wird das Menschenleben
kostbar. Arbeit wird das große Wort des ethischen Nachdenkens. Es
verliert im 18. Jahrhundert in allen Sprachen seine geringschätzige Bedeutung.
Die Maschine arbeitet und zwingt den Menschen zur Mitarbeit. Die ganze Kultur
ist in einen Grad von Tätigkeit geraten, unter dem die Erde bebt. (Ebd.,
S. 1188 ).
Was sich nun im Laufe kaum eines Jahrhunderts entfaltet, ist ein Schauspiel
von solcher Größe, daß den Menschen einer künftigen Kultur
mit andrer Seele und andern Leidenschaften das Gefühl überkommen muß,
als sei damals die Natur ins Wanken geraten. Auch sonst ist die Politik über
Städte und Völker hinweggeschritten; menschliche Wirtschaft hat tief
in die Schicksale der Tier- und Pflanzenwelt eingegriffen, aber das rührt
nur an das Leben und verwischt sich wieder. Diese Technik aber wird die Spur ihrer
Tage hinterlassen, wenn alles andere verschollen und versunken ist. Diese faustische
Leidenschaft hat das Bild der Erdoberfläche verändert. Es ist das hinaus-
und hinaufdrängende und eben deshalb der Gotik tief verwandte Lebensgefühl,
wie es in der Kindheit der Dampfmaschine durch die Monologe des Goetheschen Faust
zum Ausdruck gelangte. Die trunkene Seele will Raum und Zeit überfliegen.
Eine unnennbare Sehnsucht lockt in grenzenlose Fernen. Man möchte sich von
der Erde lösen, im Unendlichen aufgehen, die Bande des Körpers verlassen
und im Weltraum unter Sternen kreisen. Was am Anfang die glühend hinaufschwebende
Inbrunst des heiligen Bernhard suchte, was Grünewald und Rembrandt in ihren
Hintergründen und Beethoven in den erdfernen Klängen seiner letzten
Quartette ersannen, das kehrt nun wieder in dem durchgeistigten Rausch dieser
dichten Folge von Erfindungen. Deshalb entsteht dieser phantastische Verkehr,
der Erdteile in wenigen Tagen kreuzt, der mit schwimmenden Städten über
Ozeane setzt, Gebirge durchbohrt, in unterirdischen Labyrinthen rast, von der
alten, in ihren Möglichkeiten längst erschöpften Dampfmaschine
zur Gaskraftmaschine übergeht und von Straßen und Schienen sich endlich
zum Flug in die Lüfte erhebt; deshalb wird das gesprochene Wort in einem
Augenblick über alle Meere gesandt; deshalb bricht dieser Ehrgeiz der Rekorde
und Dimensionen hervor, die Riesenhallen für Riesenmaschinen, ungeheure Schiffe
und Brückenspannungen, wahnwitzige Bauten bis in die Wolken hinauf, fabelhafte
Kräfte, die auf einen Punkt zusammengedrängt sind und dort der Hand
eines Kindes gehorchen, stampfende, zitternde, dröhnende Werke aus Stahl
und Glas, in denen sich der winzige Mensch als unumschränkter Herr bewegt
und endlich die Natur unter sich fühlt. (Ebd., S. 1192 ).
Und diese Maschinen werden in ihrer Gestalt immer mehr entmenschlicht, immer
asketischer, mystischer, esoterischer. Sie umspinnen die Erde mit einem unendlichen
Gewebe feiner Kräfte, Ströme und Spannungen. Ihr Körper wird immer
geistiger, immer verschwiegener. Diese Räder, Walzen und Hebel reden nicht
mehr. Alles, was entscheidend ist, zieht sich ins Innere zurück. Man hat
die Maschine als teuflisch empfunden, und mit Recht. Sie bedeutet in den Augen
eines Gläubigen die Absetzung Gottes. Sie liefert die heilige Kausalität
dem Menschen aus und sie wird schweigend, unwiderstehlich, mit einer Art von vorausschauender
Allwissenheit von ihm in Bewegung gesetzt. (Ebd., S. 1188-1190 ).
Niemals hat sich ein Mikrokosmos dem Makrokosmosiiberlegener gefühlt.
Hier gibt es kleine Lebewesen, die durch ihre geistige Kraft das Unlebendige von
sich abhängig gemacht haben. Nichts scheint diesem Triumph zu gleichen, der
nur einer Kultllr geglückt ist und vielleicht nur für eine kleine Zahl
von Jahrhlmderten. (Ebd., S. 1190 ).
Aber gerade damit ist der faustische Mensch zum Sklaven seiner Schöpfung
geworden. Seine Zahl und die Anlage seiner Lebenshaltung werden durch die Maschine
auf eine Bahn gedrängt, auf der es keinen Stillstand und keinen Schritt rückwärts
gibt. Der Bauer, der Handwerker, selbst der Kaufmann erscheinen plötzlich
unwesentlich gegenüber den drei Gestalten, welche sich die Maschine auf
dem Weg ihrer Entwicklung herangezüchtet hat: dem Unternehmer, dem Ingenieur,
dem Fabrikarbeiter. Aus einem ganz kleinen Zweige des Handwerks, der verarbeitenden
Wirtschaft, ist in dieser eitlen Kultur und keiner andern der mächtige Baum
aufgewachsen, welcher über alle sonstigen Berufe seinen Schatten wirft: die
Wirtschaftswelt der Maschinenindustrie. Sie zwingt den Unternehmer wie den
Fabrikarbeiter zum Gehorsam. Beide sind Sklaven, nicht Herren der Maschine,
die ihre teuflische geheime Macht erst jetzt entfaltet. Aber wenn die sozialistische
Theorie der Gegenwart nur die Leistung des letzten hat sehen wollen und für
sie allein das Wort Arbeit in Anspruch nahm, so ist diese doch nur durch die souveräne
und entscheidende Leistung des ersten möglich. Das berühmte Wort von
dem starken Arm, der alle Räder stillstehen läßt, ist falsch gedacht.
Anhalten - ja, aber dazu braucht man nicht Arbeiter zu sein. In Bewegung halten
- nein. Der Organisator und Verwalter bildet den Mittelpunkt in diesem künstlichen
und komplizierten Reich der Maschine. Der Gedanke hält es zusammen, nicht
die Hand. Aber gerade deshalb ist eine Gestalt noch wichtiger, um diesen
stets gefährdeten Bau zu erhalten, als die ganze Energie unternehmender Herrenmenschen,
die Städte aus dem Boden wachsen lassen und das Bild der Landschaft verändern,
eine Gestalt, die man im politischen Streit zu vergessen pflegt: der Ingenieur,
der wissende Priester der Maschine. Nicht nur die Höhe, das Dasein
der Industrie hängt vom Dasein von hunderttausend begabten, streng geschulten
Köpfen ab, welche die Technik beherrschen und immer weiter entwickeln. Der
Ingenieur ist in aller Stille ihr eigentlicher Herr und ihr Schicksal. Sein Denken
ist als Möglichkeit, was die Maschine als Wirklichkeit ist. Man hat, ganz
materialistisch, die Erschöpfung der Kohlenlager gefürchtet. Aber solange
es technische Pfadfmder von Rang gibt, gibt es keine Gefahren dieser Art. Erst
wenn der Nachwuchs dieser Armee ausbleibt, deren Gedankenarbeit mit der Arbeit
der Maschine eine innere Einheit bildet, muß die Industrie trotz Unternehmertum
und Arbeiterschaft erlöschen. Gesetzt den Fall, daß das Heil der Seele
den Begabtesten künftiger Generationen näher liegt als alle Macht in
dieser Welt, daß unter dem Eindruck der Metaphysik und Mystik, die heute
den Rationalismus ablösen, das wachsende Gefühl für den Satanismus
der Maschine gerade die Auslese des Geistes ergreift, auf die es ankommt - es
ist der Schritt von Roger Bacon zu Bernhard von Clairvaux -, so wird nichts das
Ende dieses großen Schauspiels aufhalten, das ein Spiel der Geister ist,
bei dem die Hände nur helfen dürfen. (Ebd., S. 1190-1191 ).
Die abendländische Industrie hat die alten Handelsbahnen der übrigen
Kulturen verlagert. Die Ströme des Wirtschaftslebens bewegen sich nach den
Sitzen der »Königin Kohle« und den großen Rohstoffgebieten
hin; die Natur wird erschöpft, der Erdball dem faustischen Denken in Energien
geopfert. Die arbeitende Erde ist der faustische Aspekt; in ihrem Anblick stirbt
der Faust des zweiten Teils, in dem die unternehmende Arbeit ihre höchste
Verklärung erfahren hat. Nichts ist dem ruhend gesättigten Sein der
antiken Kaiserzeit mehr entgegengesetzt. Der Ingenieur ist es, der dem römischen
Rechtsdenken am fernsten steht, und er wird es durchsetzen, daß seine Wirtschaft
ihr eignes Recht erhält, in dem Kräfte und Leistungen die Stelle von
Person und Sache einnehmen. (Ebd., S. 1192 ).
Aber ebenso titanisch ist nun der Ansturm des Geldes auf diese geistige
Macht. Auch die Industrie ist noch erdverbunden wie das Bauerntum. Sie hat ihren
Standort und ihre dem Boden entströmenden Quellen der Stoffe. Nur die Hochfinanz
ist ganz frei, ganz ungreifbar. Die Banken und damit die Börsen haben
sich seit 1789 am Kreditbedürfnis der ins Ungeheure wachsenden Industrie
zur eigenen Macht entwickelt und sie wollen, wie das Geld in allen Zivilisationen,
die einzige Macht sein. Das uralte Ringen zwischen erzeugender und erobernder
Wirtschaft erhebt sich zu einem schweigenden Riesenkampf der Geister, der auf
dem Boden der Weltstädte ausgefochten wird. Es ist der Verzweiflungskampf
des technischen Denkens um seine Freiheit gegenüber dem Denken in Geld. Dies
gewaltige Ringen einer sehr kleinen Zahl stahlharter Rassemenschen von ungeheurem
Verstand, wovon der einfache Städter weder etwas sieht noch versteht, läßt
von fern betrachtet, welthistorisch also, den bloßen Interessenkampf zwischen
Unternehmertum und Arbeitersozialismus zur flachen Bedeutungslosigkeit herabsinken.
Die Arbeiterbewegung ist, was ihre Führer aus ihr machen, und der Haß
gegen die Inhaber der industriellen Führerarbeit hat sie längst in den
Dienst der Börse gestellt. Der praktische Kommunismus mit seinem »Klassenkampf«,
einer heute längst veralteten und unecht gewordenen Phrase, ist nichts als
ein zuverlässiger Diener des Großkapitals, das ihn wohl zu benützen
weiß. (Ebd., S. 1192 ).
Die Diktatur des Geldes schreitet vor und nähert sich einem natürlichen
Höhepunkt, in der faustischen wie in jeder andern Zivilisation. Und nun geschieht
etwas, das nur begreifen kann, wer in das Wesen des Geldes eingedrungen ist. Wäre
es etwas Greifbares, so wäre sein Dasein ewig; da es eine Form des Denkens
ist, so erlischt es, sobald es die Wirtschaftswelt zu Ende gedacht hat, und zwar
aus Mangel an Stoff. Es drang in das Leben des bäuerlichen Landes ein und
setzte den Boden in Bewegung; es hat jede Art von Handwerk geschäftlich umgedacht;
es dringt heute siegreich auf die Industrie ein, um die erzeugende Arbeit von
Unternehmern, Ingenieuren und Ausführenden gleichmäßig zu seiner
Beute zu machen. Die Maschine mit ihrer menschlichen Gefolgschaft, die eigentliche
Herrin des Jahrhunderts, ist in Gefahr, einer stärkeren Macht zu verfallen.
Aber damit steht das Geld am Ende seiner Erfolge, und der letzte Kampf beginnt,
in welchem die Zivilisation ihre abschließende Form erhält: der zwischen
Geld und Blut. (Ebd., S. 1193 ).
Die Heraufkunft des Cäsarismus bricht die Diktatur des Geldes und ihrer
politischen Waffe, der Demokratie. Nach einem langen Triumph der weltstädtischen
Wirtschaft und ihrer Interessen über die politische Gestalttmgskraft erweist
sich die politische Seite des Lebens doch als stärker. Das Schwert siegt
über das Geld, der Herrenwille unterwirft sich wieder den Willen zur Beute.
Nennt man jene Mächte des Geldes Kapitalismus, und Sozialismus den Willen,
über alle Klasseninteressen hinaus eine mächtige politisch-wirtschaftliche
Ordnung ins Leben zu rufen, ein System der vornehmen Sorge und Pflicht, die das
Ganze für den Entscheidtmgskampf der Geschichte in fester Form hält,
so ist das zugleich ein Ringen zwischen Geld und Recht. (Zu dem die Interessenpolitik
der Arbeiterparteien auch gehört, denn sie wollen die Geldwerte nicht überwinden,
sondern besitzen.). Die privaten Mächte der Wirtschaft wollen freie Balm
für ihre Eroberung großer Vermögen. Keine Gesetzgebung soll ihnen
im Wege stehen. Sie wollen die Gesetze machen, in ihrem Interesse, und sie bedienen
sich dazu ihres selbstgeschaffenen Werkzeugs, der Demokratie, der bezahlten Partei.
Das Recht bedarf, um diesen Ansturm abzuwehren, einer vornehmen Tradition, des
Ehrgeizes starker Geschlechter, der nicht im Anhäufen von Reichtümern
sondern in den Aufgaben echten Herrschertums jenseits aller Geldvorteile Befriedigung
findet. Eine Macht läßt sich nur durch eine ander stürzen,
nicht durch das Prinzip, und es gibt dem Geld gegenüber keine andere. Das
Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben. Das Leben
ist das erste und letzte, das kosmische Dahinströmen in mikrokosmischer Form.
Es ist die Tatsache innerhalb der Welt als Geschichte. Vor dem unwiderstehlichen
Takt der Geschlechterfolgen schwindet zuletzt alles hin, was das Wachsein in seinen
Geisteswelten aufgebaut hat. Es handelt sich in der Geschichte um das Leben und
immer nur um das Leben, die Rasse, den Triumph des Willens zur Macht, und nicht
um den Sieg von Wahrheiten, Erfindungen oder Geld. Die
Weltgeschichte ist das Weltgericht: sie hat immer dem stärkeren, volleren,
seiner selbst gewisseren Leben Recht gegeben, Recht nämlich auf das Dasein,
gleichviel ob es vor dem Wachsein recht war, und sie hat immer die Wahrheit und
Gerechtigkeit der Macht, der Rasse geopfert und die Menschen und Völker zum
Tode verurteilt, denen die Wahrheit wichtiger war als Taten, und Gerechtigkeit
wesentlicher als Macht. So schließt das Schauspiel einer hohen Kultur, diese
ganze wundervolle Welt von Gottheiten, Künsten, Gedanken, Schlachten, Städten,
wieder mit den Urtatsachen des ewigen Blutes, das mit den ewig kreisenden kosmischen
Fluten ein und dasselbe ist. Das helle, gestaltenreiche Wachsein taucht wieder
in den schweigenden Dienst des Daseins hinab, wie es die chinesische und römische
Kaiserzeit lehren; die Zeit siegt über den Raum, und die Zeit ist es, deren
unerbittlicher Gang den flüchtigen Zufall Kultur auf diesem Planeten in den
Zufall Mensch einbettet, eine Form, in welcher der Zufall Leben eine Zeitlang
dahinströmt, während in der Lichtwelt unserer Augen sich dahinter die
strömenden Horizonte der Erdgeschichte und Sternengeschichte auftun.
(Ebd., S. 1194 ).
Für uns aber, die ein Schicksal in diese Kultur und diesen Augenblick
ihres Werdens gestellt hat, in welchem das Geld seine letzten Siege feiert und
sein Erbe, der Cäsarismus, leise und unaufhaltsam naht ist in einem eng umschriebenen
Kreise die Richtung des Wollens und Müssens gegeben, ohne das es sich nicht
zu leben lohnt. (Ebd., S. 1194-1195 ).Ducunt
fata volentem, nolentem trahunt ( ).
(Ebd., S. 1195 ). |