Spenglers
Aufforderung an die Denker, das seltsame Gehäuse wahrzunehmen wie zum ersten
Mal, impliziert die Zumutung an die Intelligenz, einen Standort außerhalb
der städtischen Erbaulichkeit, Wohnlichkeit und Verwöhnung zu wählen.
Eben dies haben bisherige Urbanisten und Stadthistoriker, benommen von urbanen
Sitten und vom gedanklichen und zivilisatorischen Komfort ihres Objekts, fast
durchweg zu tun versäumt. Was Städte ursprünglich sind und wollen,
läßt sich nach Spengler
nur verstehen, wenn die Städter par excellence, die Philosophen, sich
außerhalb der Mauern stellen und die Erscheinung Stadt meditieren, als hätten
sie an deren Bergungskaft und ihrer Verführung noch keinen Anteil. Die Stadt
denken heißt folglich zunächst: die Verwöhnung durch die Stadt
rückgängig machen und sich der Blendung durch ihre Selbstdeutungen entziehen.
Weil gerade die mächtige Stadt immer auch eine Organisationsform des Wirklichkeitsverlusts
oder des losgelösten Verfügens über Materialien und Zeichen ist,
können Städter, die nichts als Städter sein wollen, die Bedingungen
ihrer eigenen Möglichkeit und Wirklichkeit nie zureichend verstehen.
Ein Gestalt-Historiker Spenglerschen
Typs, der die Stadt als von Grund auf erstaunliche Erscheinung betrachtet, müßte
ein Phänomenologe sein, der die begnadete Angst eines Denkens von außen
auf sich nimmt - hierin ist Spengler
der unmittelbare Vorgänger von revolutionären Strukturhistorikern wie
Foucault, Deleuze und Guattari. Wenn er vorschlägt, sich zurückzuversetzen
in das Staunen des Frühmenschen, der das unfaßbare Riesengehäuse
mit seinen Mauern und Türmen am Horizont aufragen sieht, so folgt er der
Intuition, daß die Wahrheit über alles, was im äußeren Raum
erscheint, nur durch eine initiatische Raum-Angst erfahren werden kann. Diese
Angst schlägt die Brücke zwischen archaischer Welt und Moderne, weil
sie den zu keiner Zeit ganz absorbierbaren Überschuß der Ekstase über
die Geborgenheit bezeugt. Wird dieser Überschuß für die Theorie
fruchtbar gemacht, so liegt das Feld des genuin modernen Denkens offen. In dem
Maß, wie Spengler
aus diesem Überschuß oder dieser Ekstase - man könnte auch schlichter
sagen aus dieser Unsicherheit - denkt, ist seine Zugehörigkeit zum Abenteuer
des wesenhaft zeitgenössischen Denkens unbestreitbar. Die Sehkraft, die er
in seiner Kulturen-Phänomenologie aufbietet, entstammt der Erfahrung entsicherten
Existierens in einer überdehnten, nie mehr im ganzen heimatlich verklärbaren
Welt. Spenglers
Morphologie der Weltgeschichte hat ihr philosophisches Momentum in einer Theorie
der schöpferischen Raum-Angst, die den Menschen der Hochkulturen eine Offenbarung
der dritten Dimension als »Tiefe«, das heißt als Herkunftsraum
des Unumgänglichen, gewährt. Der kühle Morphologe und sein Schatten,
der dem verstörten Urmenschen ähneln will, sollen sich einig werden
in einem Staunen, das in Wahrheit ein Nicht-ganz-glauben- Können, ein Entsetzen
ist. Tatsächlich, was wäre eine mit Urmenschen-Augen angeschaute Stadt
vom Typus der mesopotamischen Gott- Königs-Metropolen anderes als eine Erläuterung
zu der These, daß in den Hochkulturen das Ungeheure als Menschenwerk in
Erscheinung tritt? Und was sind diese Gehäuse von seltsamster Form,
von außen gesehen, anderes als Bergungsmaschinen, mit denen Menschen ihre
spezifische Offenbarung von Weltangst abgearbeitet und ihrem Willen zum Nicht-außen-Sein
monströse Denkmäler errichtet haben?Spenglers
Schritt zurück vor die Stadt hat also nichts zu tun mit neuzeitlicher Zivilisationskritik,
auch nichts mit dem anti-babylonischen Ressentiment der Juden, das von den Christen
kopiert wurde und seit der Marginalisierung des Christentums als anonymes Ferment
in der Niveaumüdigkeit der Gegenwartskulturen allgegenwärtig umherspukt.
Er bedeutet vielmehr einen Akt der theorie-ermöglichenden epoché
im Hinblick auf ein kaum noch distanzierbares Milieu und dient der Abstandnahme
des Denkenden von den Blendungen des immer schon städtisch gelebten Lebens,
mitsamt seinen unthematisierten Ansprüchen an Selbsterhöhung, Raumangst-Überwindung,
Entlastung und Reizzufuhr. Die Theorie der Stadt kann nur beginnen mit der Entwöhnung
von den Verwöhnungen, die durch die Stadt erst möglich geworden sind.
Die Stadt denken heißt also über das verwöhnende Wohnen in ihr
so reflektieren, als könnte man anderswo als in ihr zu Hause sein, ja, als
ließe sich das Verlangen, überhaupt irgendwo Wurzeln zu schlagen, im
ganzen einklammern. Wohnen, als wohnte man nicht. Leben, als hätte man weder
Haus noch Stadt im Rücken. Denken wie im freien Fall.Was ist es,
was einem Phänomenologen, der seinen eigenen Sehgewohnheiten abgestorben
wäre und der das Urmenschen-Staunen angesichts der ersten Stadterscheinung
nachspielen wollte, beim Anblick einer frühen Großmachtstadt wie Uruk,
Kisch, Babylon oder Ninive zuerst zu denken geben würde? Er müßte
wohl vor allem darüber ins Staunen geraten, daß die Erscheinung am
Horizont einem zweiten Blick standhält und sich als etwas behauptet, was
durchaus keine Sinnestäuschung sein will. Der unverwöhnte Blick auf
die Stadt wird gefangengenommen von deren Beharrung auf ihrem Aufragen; er sieht
sich konfrontiert mit einem nachdrücklichen Willen zum Erscheinen. Hier ist
eine Höhe in die Welt getreten, deren Gewalt nicht vormenschliche Kräfte
hergewälzt haben. Alles an der großen Stadt, der frühen wie der
späten, ist Menschenwerk und Herrenmutwille.Es gibt in politischen
Dingen kein Zurück zu dem »euklidischen Gefühl« - ein Ausdruck,
mit dem Oswald Spengler
sehr treffend die völlige Absorbierung der antiken Menschen durch ihre Geschlechter-
und Stadtgeister charakterisiert hat.Durch die politische Raumsorge der
Menschen an der Schwelle zum imperialen Staat wirkt ein Motiv hindurch, das man
mit Oswald Spengler
die archaische kosmologische Raumangst nennen könnte - eine Angst, die Spengler
für ein Merkmal allen wachen und freibeweglichen Lebens und für ein
Movens aller höheren Kulturschöpfungen hat halten wollen. »Die
Weltangst ist sicherlich das schöpferischste aller Urgefühle.«
( ).
Sie ist es, die in jeder ursprünglichen »Symbolisierung des Ausgedehnten,
des Raumes und der Dinge« ( )
gebannt werden will. Uns scheint es plausibler, anzunehmen, daß die spezifische
Angst vor der unabschließbaren Weite des Erd- und Himmelsraums erst als
Nebenfolge von Sphärenstörungen bei der gewaltsamen Einschmelzung von
Gruppen und Stämmen in größere imperiale Strukturen und bei der
Entsicherung der Städte aufgebrochen ist. Es ist nicht notwendigerweise die
natürlich erfahrbare Weite der Himmelskuppel, die den Menschen das Gefühl
von Verlorenheit im überdehnten Raum einflößt. Kulturanthropologen
und Charakterologen haben gezeigt, daß manche Kulturen und Individuen von
Raumangst wenig wissen; Frobenius
hat das Welterlebnis der weite-suchenden Kulturen gefeiert, und Balint hat in
seinem Porträt des Philobaten das individualpsychologische Gegenstück
dazu geliefert. Die kosmophobische Empfindungsart ist eher ein abgeleitetes Phänomen,
das gescheiterte Immunisierungen und kollabierte Narzißmen zur Voraussetzung
hat. Menschen mit geringen traumatischen Altlasten assoziieren zum Anblick des
heiteren Himmels von alters her eher Bilder von Zelten und Zaubermänteln,
in der Architektenzeit auch die von Domen, Kuppeln und Palästen; sie erkennen
in seiner Weite eine Komplizin ihres Mutes und in seiner Höhe eine Vorzeichnung
der Möglichkeiten ihrer Intelligenz. Das Erlebnis hingegen, daß der
Weltraum undicht ist und zum Hinausstürzen einlädt, jenes Gefühl
einer ernsten und schlimmen Tiefe, über die Spengler
in seiner Raumtheorie unvergeßliche Seiten verfaßte - oder das zornige
Bewußtsein, beim Aufschauen zum Himmel den Rand einer vermauerten Wüste
zu sehen -, gehören zu den psychopathologischen Errungenschaften von Zeiten,
in denen immer größere Zahlen von Einzelnen sich als Ausgesetzte und
Verlorene erlebten, als von den Menschen Abgestoßene und von den Göttern
Vergessene. Vielleicht mischen sich in diese Erlebnisweise auch Reste einer archaischen
Panik-Religion ein, die sich unter dem Eindruck kosmischer Katastrophen gebildet
haben könnte.»Der Zirkel ist der Meißel dieser zweiten
bildenden Kunst.« ( ).
Ihr Ziel ist es, zu beweisen, daß die Seele in jeder Schicksalslage und
an jedem Punkt der Erdoberfläche sich auf ihr unverlierbares Privileg berufen
kann, eine Bürgerin des fürsorglichen Kosmos zu sein. Das Bürgerrecht
in der absoluten Stadt bleibt das Eigentum des Weisen, auch wenn ihm alles übrige
Umwälzung, Pest, Exil beschert. Das ist das kosmische Cogito, das jede menschliche
Lage muß begleiten können: Das Universum ist ein Haus, und das Haus
verliert nichts, auch nicht mich selbst, wie verlegen und verloren ich mich fühlen
mag.Etwas von der Aura
esoterischer Einsamkeit, die dieses großartig hochgesinnte und zugleich
schrankenlos zugängliche Gebäude umgibt, hat Oswald Spengler
in seiner genialischen Bemerkung eingefangen, das Pantheon
sei »die früheste aller Moscheen« gewesen. ( ).
Mit dieser Wendung verband Spengler
seine dunkle These, daß Rom im Jahr 125 nach Christus längst im Begriff
gewesen sei, aus dem Kreis des antiken »Seelentums« auszutreten und
in den Bann jener »magischen
Kultur« zu geraten, die sich im Vorderen Orient unter zahlreichen pseudomorphotischen
Anverwandlungen an fremde Volks- und Kulturkörper zu entfalten begann. (Kenner
der Spenglerschen
Hauptschrift wissen, daß der Autor zu diesem Komplex unter der Überschrift
»Probleme der arabischen Kultur«
ein Buch im Buche vorgelegt hat, von dem man nicht zuviel sagt, wenn man es als
Kulmination spekulativer Kulturphilosophie im 20. Jahrhundert bezeichnet.) Der
Akzentwechsel vom antiken zum magischen Seelentum sei es letztlich gewesen, der
für die Durchdringung des römischen Reiches durch eine pseudomorphotische
Religion, das frühe Christentum in seiner hellenisierten Form, verantwortlich
war (welches seinerseits ein Seelengeschwister des späteren Islam darstellte,
des Prototyps einer Religion der unterwerfungfordernden und hingabegewährenden
Unübersichtlichkeit). An Spenglers
Hinweis ist sicher soviel richtig, daß Rom in der Pantheon-Zeit einen Sinnwandel
der Immanenz durchlebte und daß sich der Modus, in dem die Götter ihre
innerweltliche Präsenz bekundeten, einer folgenschweren Veränderung
unterworfen war. Es spricht vieles dafür, daß die spätantiken
Massen beim Eintritt ins Pantheon nur wenig noch von dem erfuhren, was in dem
Gipfelgespräch zwischen Caesarismus, Philosophie und Architektur erwogen
und verwirklicht worden war. Die Zeit gehörte mehr und mehr den Mystagogen
und den Aposteln, die eine Entmathematisierung des Himmels betrieben - man würde
heute von einer Wiederverzauberung der Welt sprechen. Diesen Agenten eines völlig
veränderten, bekennend alogischen, telepathischen, mirakelsüchtigen
Immanenzgefühls ist es zu verdanken, daß die späteren Kuppeln,
insbesondere die des byzantinischen Ostens, nicht mehr die pantheologische Bauform
wiederholen, die der noetischen Partizipation des Menschen am Gestaltoptimum des
Welthauses ein Denkmal setzen wollte, dauerhaft wie opus caementitium,
sondern zunehmend die allseitige Umschlossenheit des menschlichen Raumes durch
ein undurchdringliches Weltgeheimnis bezeugen; Oswald Spengler
hat das am raumphilosophisch relevanten Zentralsymbol der magischen Kultur, dem
Welthöhlenempfinden, suggestiv erläutert. Diesen Wandel macht der Unterschied
zwischen dem Pantheon
und der Kirche der Hagia
Sophia zu Konstantinopel vollendet klar. Wo der römische Kugeltempel
dem Weltgedanken der antiken Philosophie zu seiner ultimativen Selbsterklärung
in bautechnischer Kristallisation verholfen hatte (in einem Gebäude, das
man als Weltkind aus irgendeiner Provinz betrat, um es als Grieche und als Neophyt
der Philosophie zu verlassen), dort setzte die Kirche der Heiligen Weisheit ein
Empfinden von numinos durchleuchteter und magisch umzingelter Immanenz ins Werk
(so daß man es nicht betreten konnte, ohne auf der Stelle zum Araber ante
litteram, zum verzückten Debütanten in Gotteszaubersachen zu werden).Die
arabische Kultur bleibt problematisch, weil sie nie einen eigenen Körper
ausbilden, sich nie überzeugend territorialisieren konnte und darum nur als
höhere Gespenstergeschichte möglich war - Spengler
nennt das vornehm eine Pseudomorphose.
Vergessen wir nicht, daß nach ihm das Christentum in seinem ersten Zyklus
nur eine Metastase der übervölkisch herumspukenden arabischen Seele
gewesen sein soll.Was die Weitergabegewalten zuletzt immer über
den Geist der Freisprüche siegen läßt, ist die Positivierung der
Versprechen und die Nationalisierung der Universalien. Eben dies ist das Prinzip
der magischen Nationen ( ),
die Oswald Spengler
entdeckt und benannt hat - und die man auch Taufnationen oder Religionsnationen
nennen könnte.  Das
überseeische Imperium Karls V. ( )
war auf Krediten flämischer und Augsburger ... Bankhäuser errichtet
( ),
deren Besitzer Globen drehten, um sich von den Hinwegen ihrer Kredite und den
Rückwegen ihrer Zinsen ein Bild zu machen. Von Anfang an verstrickte das
ozeanische Abenteuer seine Akteure in einen Wettlauf um verhüllte Chancen
auf undurchsichtigen fernen Märkten. Schon für sie war das berüchtigte
Wort Cecil Rhodes gültig: »Ausdehnung ist alles« (Oswald
Spengler
hat diesen Satz zum Axiom der zivilisatorischen Epochen erklärt: »Expansion
ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und Ungeheures, das den späten
Menschen des Weltstadiums packt ... und verbraucht ....« ).
Was Ökonomen im Gefolge von Marx die ursprüngliche Akkumulation genannt
haben, war wohl - wie unser Beispiel ahnen läßt - häufig eher
eine Anhäufung von Eigentumstiteln, Optionen und Nutzungsansprüchen
als der Betrieb von Produktionsanlagen und Kapitalbasis. Die Entdeckung und förmliche
Inbesitznahme von fernen Territorien begründete für die fürstlichen
und bürgerlichen Mandanten der Überseeschiffahrt die Erwartung künftiger
Einkommen, sei es in Form von Beute oder Tribut, sei es durch reguläre Handelsgeschäfte,
bei denen es nie verboten war, von märchenhaften Gewinnspannen zu träumen.Das
Axiom der individulalistischen Immun-Ordnung greift in den Massen selbstzentrierter
Einzelner wie eine neue Evidenz um sich: daß letztlich niemand für
sie tun kann, was sie nicht für sich selber leisten. Die neuen Immunitätstechniken
empfehlen sich als Existentialstrategien für Gesellschaften aus Einzelnen,
bei denen der Lange Marsch ... zum Ziel geführt hat - zur Grundlinie des
von Spengler
richtig prophezeiten Endes jeder Kultur: jenem Zustand, in dem es unmöglich
ist, zu entscheiden, ob die Einzelnen außergewöhnlich fit oder außergewöhnlich
dekadent sind. ( ).
Jenseits dieser Linie verlöre die letzte metaphysische Differenz, die von
Nietzsche
verteidigte Unterscheidung von Vornehmheit und Gemeinheit, ihre Kontur, und was
am Projekt Mensch hoffnungsvoll und groß erschien, verschwände wie
am Meeresufer ein Gesicht im Sand.Nach dem bekannten scholastischen Lehrsatz
hat das Endliche mit dem Unendlichen kein gemeinsames Maß. Operationen mit
dem Wert unendlich sind seither als eine ständige Selbstgefährdung der
menschlichen Intelligenz hintergründig präsent. Im Grunde geht es hier
nicht mehr um das Unvorstellbare als das Unsagbare, weil eben das Unendliche
per definitionem das ist, was das Vorstellen übersteigt. Zugleich ist
unsere Intelligenz so organisiert, daß wir dennoch versuchen, das Unvorstellbare
vorzustellen. Ein gewisses Maß an Unendlichkeitsstreß gehört
zum modus operandi der europäischen Intelligenz. Über Fragen
dieser Art hat Spengler
aufschlußreiche Bemerkungen zu Papier gebracht, als er die Kulturen im Hinblick
auf ihre mathematischen Stile unterschied. Er hat etwa gezeigt, daß für
die Antike die Quadratur des Kreises ein charakteristisches Problem war, also
der Versuch, den Abgrund zwischen zwei endlichen geometrischen Figuren zu überbrücken.
Hingegen hat sich der Geist der abendländischen Kultur in der Infinitesimalrechnung
des Leibnizschen
oder des Newtonschen
Typs manifestiert, also in Rechnungen mit dem Wert Unendlich. Leibniz
hat vormachen können, wie man den Unendlichkeitsdämon mathematisch zähmt,
indem man einen diskreten Sprung ins unendlich Große oder unendlich Kleine
vollzieht und trotzdem so tut, als sei man in einem rechnerisch kontrollierten
Kontinuum geblieben. Spengler
ist mir mit seinen raumphilosophischen Überlegungen ... nahe gekommen. Er
hat den Versuch gemacht, ... die Kulturen nach dem Modus der Raumbildung zu bestimmen.
Dabei kommt ihm etwas in den Blick, was man gewissermaßen als Impfung einer
Kulturseele mit einer spezifischen Herausforderung, mit einem initialen Schock
bezeichnen könnte. Spengler
redet in solchen Zusammenhängen ganz nietzscheanisch, wobei man wissen muß,
daß Nietzsche
in seinen besten Augenblicken als Immunologe spricht, wie ein Kulturarzt, der
weiß, daß Kulturen und ihre Träger, die Menschen, Wesen sind,
die mit dem Ungeheuren geimpft werden und eigensinnige Immunreaktionen entwickeln,
aus denen verschiedene kulturelle Temperamente hervorgehen. In diesem Sinne muß
man Spenglers These auffassen, daß es nur acht Hochkulturen im eigentlichen
Wortsinn gegeben habe. ( ).
Nur in dieser kleinen Zahl von Fällen haben sich die hochkulturschöpferischen
Immunreaktionen vollzogen, von denen jede einzelne einen unverwechselbaren Charakter
besaß. Die acht hohen Kulturen wären demnach die Abwicklung lokaler
Immunreaktionen. .... Man darf sich von Spenglers
botanischen Metaphern nicht in die Irre führen lassen. Seine Kulturen sind
nicht so sehr Pflanzen höchster Ordnung, wie er vorgibt, sondern Generationsprozesse
über dem Input einer schöpferischen Immunantwort, die sich immer mehr
formalisiert, bis zur Erstarrung. .... Spengler
gibt sein Bestes, darüber sind sich auch seine skeptischen Leser einig, wenn
er über die faustische und die arabische Kultur spricht. Spenglers
zentrale Denkerfahrung liegt in der Beobachtung, daß Formen ein Eigenleben
haben - sein ganzes Genie steckt in diesem Motiv. .... Die Form, die Spengler
vor allem interessiert, ist das, was er eine Kultur nennt. Nun ist Spenglers
Formbegriff, der über Goethes
Idee der Urpflanze bis auf die aristotelische Zoologie zurückgeht, durch
und durch organologisch geprägt, er gehört zu einem lebensphilosophischen
Sprachspiel ( ),
in dem das Leben als Substanz betrachtet wird und die Individuen als Akzidentien.
Nur darum konnte Spengler
die von ihm so genannten Kulturen als »Lebewesen höchsten Ranges«
bezeichnen. Er meint damit, daß es ein Gestaltgesetz gibt, ein strukturelles
Muß, welches bewirkt, daß in einer Kultur an dieser oder jener Stelle
ihres Gestaltbogens nur Ereignisse, Akteure und Institutionen von einer gewissen
formal vorherbestimmten Qualität auftreten müssen und keine anderen.
Man kann dieser Idee eine gewisse logische Mächtigkeit nicht absprechen ... Man
sollte Spengler
progressiv fruchtbar machen und ihn als einen Experten in Primärraumfragen
hören. Seit dem Heraufkommen der metaphysischen
Weltbilder vor zweieinhalbtausend Jahren, mit denen nach Weber,
Spengler,
Jaspers
( )
und anderen, sei es zu Recht oder Unrecht, Begriffe wie Hochkultur und Hochreligion
assoziiert werden, verlagert sich die Sache der Immunsystemvorgänger aus
dem kombattanten Kraftherden in einen Bereich des erlebten Innen, das als psyche
neu beschrieben wird. Wo im metaphysischen Sinn von Seele die Rede ist, hat sich
bereits ein Motivwandel bei der Auslegung der inneren Verteidigungs- und Behauptungskräfte
vollzogen. Am prägnantesten wird die Seinsweise der absoluten
Insel ( )
durch die Devise von Jules Vernes Kapitän Nemo auf den Begriff gebracht:
Mobilis in mobili, beweglich im Beweglichen - eine Prägung, in der
Oswald Spengler
mit gutem Grund die Existenzformel der unternehmerischen Einzelnen in der »faustischen«
Zivilisation erkennen wollte. Das elektrisch angetriebene Unterwasserhotel Nautilus,
dem Erfindergeist des großen Misanthropen entsprungen, verkörpert eine
erste technisch vollkommene Projektion der Idee absoluter Insularität ...Das
lateinische insula bezeichnete neben seiner Grundbedeutung vom 2. nach-christlichen
Jahrhundert an zugleich das freistehende mehrstöckige Mietshaus, das zumeist
von den Ärmeren bewohnt war. Spengler
erwähnt, um die indifferenzerzeugende Mechanik des späten Großstadtbetriebs
zu illustrieren, eine Stelle bei Diodor über einen »abgesetzten ägyptischen
König, der zu Rom in einer jämmerlichen Mietswohnung in einem hochgelegenen
Stockwerk hausen mußte« ( ).
In unserem Kontext wäre zu sagen, daß dieser ägyptische Robinson
von imperialen Turbulenzen an den Strand einer überfüllten Insel geworfen
worden war.  Die
im erneuerten Olympismus latenten massenkulturellen Potentiale wurden erstmals
bei den Berliner Sommerspielen 1936 vollständig zur Entfaltung gebracht.
Als Oswald Spengler
im ersten Band von Der Untergang des Abendlandes bemerkte, »der Unterschied
eines Berliner Sportplatzes an einem großen Tage von einem römischen
Zirkus war schon 1914 sehr gering« ( ),
war er den Ereignissen vorausgeeilt; da er im Mai 1936 starb, blieb es ihm verwehrt,
die Erfüllung seiner prophetischen Diagnose zu erleben.Allein eine
willkürliche Option kann uns an einer zugespitzten Stelle des Realen zum
Einsatz verpflichten. Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
Mussolini hatte das verstanden, als er den fascismo durch den Horror vor
dem bequemen Leben definierte. In der grenzenlosen Popularität des Sports,
die dem Zeitdiagnostiker Oswald Spengler
bereits vor 1914 auffiel, artikuliert sich die Wahrheit über das gegenwärtige
Zeitalter: In ihm ist die befehlende Not durch die gewählte Anstrengung ersetzt
worden ....Hochkultur ist keineswegs bloß, wie Oswald Spengler
dozierte, die Resultierende aus der Begegnung zwischen einer Landschaft und einer
Gruppenseele - oder das Amalgam aus einem Klima und einem Trauma. Sie ist aber
auch nicht einfach »Reichtum an Problemen«, um Egon Friedells
geistvolle Definition von Kultur im Sinn von Bildung zu zitieren. Vielmehr wurzelt
jede Hochkultur in ihrem robusten Eigentum an einem überlieferungsfähig
gemachten Paradoxon. Sie entspringt aus der grausamen Naivität, mit der sich
das basale Paradoxon in seinen frühen Stadien verkörpert. Grausam ist
die Naivität der frühen Hochkulturen in dem Maß, wie sie ihre
Forderung nach der Ermöglichung des Unmöglichen gegen ihre Adepten durchsetzt.
Erst wenn solche harten Ausgangsparadoxien sich zu Problemen entspannt haben,
können sie wie Reichtümer genossen und wie Bildungsgegenstände
gesammelt werden. In ihren frühen Zuständen werden Paradoxien nicht
als Schätze erlebt, sondern als Passionen erlitten.Bekehrung des
Paulus
auf dem Weg nach Damaskus. Die Erzählung von diesem Einschnitt ist in der
Apostelgeschichte zweimal überliefert, einmal in autobiographischer Form
als Element der Verteidigungsrede des Paulus vor den Juden in Jerusalem (vgl.
Apg., 22), ein anderes Mal in der dritten Person (vgl. Apg., 9). In beiden Fassungen
wird hervorgehoben, Paulus sei durch das Ereignis auf dem Weg nach Damsakus »umgedreht«
worden und habe sich von einem Verfolger der Christen zu einem Verkünder
des Christentums gewandelt. .... Von den subtilen platonischen Erwägungen
über die Umwendung der Seele und ihre Herausführung aus der Höhle
der sinnlichen Kollektivillusionen sind wir hier bereits Lichtjahre entfernt.
Keine Rede mehr von den Sorgen des griechischen Rationalismus um die Wende zur
Wahrheitssonne. Das Licht, das den Eiferer auf dem Weg nach Damaskus blendet,
ist ein Gemenge aus Mittagsdämon und Halluzination. Die Geschichte spielt
bereits ganz auf dem Boden eines magischen Weltbildes (Spengler
ordnete es sogar dem Stimmungsraum der »arabischen Kulturseele« zu
 ),
dessen Atmosphäre von Apokalypsebereitschaft, Erlösungspanik und einer
wundersüchtig supranaturalistischen Hermeneutik geprägt ist. Vor allem
verrät sich in ihr der Geist eines nach allen Seiten aufbruchsbereiten Eiferertums,
dem es fast gleichgültig zu sein scheint, ob es sich in die eine oder die
andere Richtung erhitzt. Vor den Hintergrund des philosophischen Begriffs von
conversio oder epistrophé gesetzt, handelt es sich bei dem
Erlebnis des Paulus in keiner Weise um eine Bekehrung ....Es
gibt keine Konversion: .... - In diesem Kontext haben wir Gelegenheit, Oswald
Spenglers
starke These zu re-evaluieren, wonach es im Grunde überhaupt keine Konversionen
gebe, sondern nur Umbesetzungen zwischen freien Stellen in dem fest strukturierten
Optionenfeld einer Kultur. (Vgl. Oswald Spengler,
Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 440f. ).
Durch alle Oberflächenwendungen der Konfession hindurch bleibe die basale
Seelenstimmung eines Hochkulturkomplexes identisch, und was sich in äußerer
Sicht wie eine 180-Grad-Drehung darstelle, könne in Wahrheit nie mehr sein
als eine letztlich beliebige (obschon gelegentlich für die Mit- und Nachwelt
folgenreiche) Variation innerhalb eines definitiv umrissenen Möglichkeitsraums.
Die Suggestivität dieser These läßt sich vor allem an
dem zweiten Bekehrungshelden der christlichen Überlieferung, Aurelius Augustinus,
erläutern, von dem bekannt ist, wie er in seinen Confessiones seine
gesamte Jugendgeschichte als ein langgezogenes Zögern vor der »Konversion«
des Jahres 386 stilisierte. Gerade im Blick auf ihn scheint Spenglers
Theorem durchschlagend plausibel. Man kann an seiner Lebensgeschichte - wie der
zahlloser analoger Konfessionswechsler und Ernstmacher späterer Zeiten -
mühelos zeigen, daß bei ihm in der Tiefenstruktur seiner Persönlichkeit
nie die geringste »Konversion« stattgefunden hat. Vielmehr hat er
nur innerhalb einer seit jeher bestehenden Ausrichtung auf die Überwelt mehrfach
die Adressen bzw. den Großen Anderen, den transzendenten Trainer gewechselt
- vom Manichäismus zu Platonismus, vom Platonismus zum philosophlschen Christentum,
vom philosophischen Christentum zu einem theozentrisch nachgedunkelten Unterwerfungskult.
Hierin war er keine Singularität, da schon seit dem zweiten nachchristlichen
Jahrhundert unter den Gebildeten der römischen Ökumene »Bekehrungen«
zur Philosophie auftraten, die sich organisch in Übertritte zum Christentum
fortsetzten - so etwa im Fall von Justin dem Märtyrer, des katholischen Patrons
der Philosophen.Gewiß hatte Oswald Spengler
übertrieben, wenn er die Möglichkeit der Konversion innerhalb einer
gegebenen Kultur von vorneherein abstritt, dennoch erhob er seinen Einwand nicht
ohne gute Gründe, da der größte Teil der real erlebten Bekehrungen
tatsächlich nicht im Modus einer epistrophischen Gesamtumkehrung, sondern
des Übergangs zu einer mehr oder weniger naheliegenden Alternative geschieht:
Eine wirkliche Umwälzung vollzieht sich letztlich nur beim Eintritt auf den
Hochkulturpfad als solchen, der die Sterblichen auf die hohen Formen der Vertikalspannung
ausrichtet, indem er sie impft mit dem Wahnsinn des Verlangens nach dem Unmöglichen.Auf
Aron Zalkind, 1889-1936, ... der ... die Ansätze von Freud
und Pavlov
zu synthetisieren versuchte (um das Feld der Erziehung für die damals viel
benutzte Theorie der »bedingten Reflexe« zu reklamieren und die Kulturtheorie
als Anwendungsgebiet der höheren Reflexologie zu annektieren) ... beruhte
die »Kunst« der bolschewistisch-sozialistischen Prognostik ( ).
Sie bildet das real-utopische Gegenstück zu Oswald Spenglers
nicht weniger prätentiösem Versuch, die Erzählbarkeit der Zukunft
durch Einsicht in die Ablaufgesetze der »Kulturen« auf wissenschaftliche
Grundlage zu stellen. (Zitat-Ende).
Heidegger
läßt das subjektive Wissen der Autobiographik, ja die gesamte Grundstellung
der Subjektivität hinter sich zugunsten eines Andenkens dessen, was er Seinsgeschichte
nennt. Gadamer
sprengt den Horizont von Selbstbewußtsein zugunsten eines umfassend angelegten
Verständnisses von Überlieferungsgeschehen – ich erinnere en passant
an die einprägsame Formel: Nicht wir haben die Tradition, sondern die Tradition
hat uns. Es gibt Tage, da kommt es mir vor, als wären alle schon
tot, mit denen man vernünftig hätte reden können. Umrisse
zu einer kinetischen Anthropologie, die ich Analytik des Zur-Welt-Kommens ( )
nenne -, das fängt mit »Der Zauberbaum« an und reicht bis zu
meinen letzten philosophischen Buch »Weltfremdheit«. Seither steckt
in allen meinen Büchern ein revolutionskritsischer Kern. Ich verstehe Philosophie
als Einführung in allgemeine Revolutionswissenschaft. Damit verglichen ist
politischer Anarchismus eine Provinzaffäre. Das Heideggersche
Sichanfangen führt bis zur Möglickeit einer rückwirkenden Revolution
in der Vergangenheit. Der konservative Revolutionär Heidegger
fordert den mobilisatorischen Revolutionär Marx in die Schranken. .... Von
den Denkern, die den Übergang aus der Dringlichkeit in die Initiative am
tiefsten durchdacht haben, kann man lernen, daß in der Poetik des Zurweltkommens
nun noch ein drittes Moment angenommen werden muß: das Initiativapriori.
Heideggers
Todesanalytik ... geht darum, das für das ganze neuzeitliche Denken ausschlaggebende
Initiativapriori neu zu fassen; er unternimmt den Versuch, das Sichübernehmenkönnen
so zu begreifen, daß keine Metaphysik der Ichheit mehr vorauszusetzen ist,
weder in theologischer noch in transzendentalphilosophischer Form. Hier denkt
Heidegger
letztlich revolutionärer als die offiziellen Revolutionäre.
Heidegger
... interpretiert das Ininitiativapriori als Entschlossenheit zur Selbstübernahme
aus der Verfallenheit - eine Formel, der man nicht nachsagen kann, daß sie
es dem Publikum leicht mache. Doch ist auch eine langwierige Entzifferung dunkler
Gedanken lohnend bei einem Denker, der auf hintersinnige Weise revolutionärer
dachte als die bisherigen Virtuosen der Inititiv- und Freiheitsidee.
Heideggers
Hermeneutik des Anfangens rollt den gesamten Prozeß der »Seinsgeschichte«
noch einmal wie von vorne auf, um die Anfangsfrage auf Weißglut zu erhitzen.
... Das Heideggersche
Sichanfangen führt bis zur Möglichkeit einer rückwirkenden Revolution
in der Vergangenheit.Was aber die Originalität von Heideggers
Auslegung des Sinns von Sichanfangen ausmacht, ist in dem Umstand enthalten, daß
er im Anfang selbst die Spur eines »anderen Anfangs« sufdeckt. Seither
ist das Initiativapriori sozusagen nach rückwärts offen. Sichanfangen
kann jetzt heißen: sich durch uneingeschränkte Wahrnehmung des tatsächlichen
Gewordenseins nachträglich öffnen für die Stimmen und Spuren eines
anderen Anfangs. Die physische Geburt
des Menschen (zur Welt kommen) ist das Gegenteil eines Zurweltkommens, es ist
das Herausfallen aus allem »Bekannten«, ein Sturz ins Unheimliche,
ein Sichausgesetztfinden in einer nicht geheuren Lage. Das gilt in dreifacher
Hinsicht: 1) Abschied von seinem intrauterinen Leben.
2) Ankunft im Ungewissen. 3) Zu früh und unreif (unfertig) auf die
Welt kommen.In seiner Analytik der Daseinsstimmungen
wirft Heidegger
die Frage auf, ob es denn unter ihnen eine gebe, in der sich dem »Enthüllungssinne
nach das Nichts offenbart« - und beantwortet sie bejahend, indem er darauf
hinweist, wie die Gesichtszüge des Seienden in der »tiefen Langeweile«
zu nichts zerfallen. Entscheidend bleibt, was Heidegger
in seiner Beschreibung der Angst ausführt.»Zwar ist die Angst
immer Angst vor ..., aber nicht vor diesem und jenem. Die Angst vor ... ist immer
Angst um ..., aber nicht um dieses und jenes. .... In der Angst - sagen wir -
ist es einem unheimlich, Was heißt das es und das
einem? Wir können nicht sagen, wovor es unheimlich ist. Im Ganzen
ist einem so. Alle Dinge und wir selber versinken in eine Gleichgültigkeit.
Dies jedoch nicht im Sinne eines bloßen Verschwindens, sondern in ihrem
Wegrücken als solchen kehren sie sich uns zu. Diese Wegrücken des Seienden
im Ganzen, das uns in der Angst umdrängt, bedrängt uns. Es bleibt kein
Halt. Es bleibt nur und kommt nur über uns - im Entgleiten des Seienden -
dieses kein. Die Angst offenbart das Nichts. Wir schweben
in Angst. Deutlicher: die Angst läßt uns schweben, weil sie das Seiende
im Ganzen zum Entgleiten bringt. Darin liegt, daß wir - diese seienden Menschen
- inmitten des Seienden uns mitentgleiten. Darum ist im Grunde nicht dir
und mirunheimlich, sondern einem ist es so. Nur das reine
Da-sein in der Durchschütterung dieses Schwebens, darin es sich an nichts
halten kann, ist noch da.« (Martin Heidegger,
Was ist Metaphysik?, 1929, a.a.O., S. 110).Gewiß ist
auch Heideggers
Durchschütterung kein unmittelbar musikalischer Augenblick im Sinne der Musik,
die gemacht wird - so wenig wie Hegels
passiv durchzittertes Kindsein einen solchen bedeutet hat ( ).
Und doch handelt diese Theorie der Angst von einer Vor-Stimmung des Subjekts als
medium percussum, durch die das Selbst seine Klangkörpereigenschaften
verrät. Darüber hinaus hat das Hinausgehaltensein des Daseins ins »Nichts«
eine direkte tiefenmusikologische Konsequenz: Heideggers
Angst deutet auf eine Katastrophe des Hörens, die für die Entstehung
von Musik mitverantwortlich ist; der ursprüngliche Hörunfall ist die
Folie, auf die alles spätere Wiederhören von Musik gesetzt wird. Wenn
uns nämlich während der »seltenen« Erfahrungen großer
Angst die Gegenwärtigkeit des Nichts aufgeht, so ist mit dem Seienden im
Ganzen auch sein Laut verschwunden und entzogen. Das Da-sein in der Welt bedeutet
immer schon ein Ausgesetztsein in eine Sphäre, wo Nicht-Musik erstmals möglich
ist. Wer geboren wurde, ist aus dem tiefenakustischen Kontinuum des Mutterinstruments
herausgefallen. Die scharfe Durchschütterung der Angst entspringt dem Verlust
jener Musik, die wir nicht mehr hören, wenn wir in der Welt sind. Eine genaue
Lektüre von Heideggers
dunkler Rede läßt erkennen, daß die Angst, von der die Rede ist,
keine andere sein kann als die vor dem Tod der angeborenen Musik, die Angst vor
der furchtbaren Stille der Welt nach der Trennung vom mütterlichen Medium.
Alles, was später gemachte Musik sein wird, kommt her von einer auferstandenen
und wiedergefundenen Musik, die vom Kontinuum auch nach seiner Zerstörung
zeugt. (Ich deute hier. analog zu der naturphilosophischen Differenz zwischen
natura naturans und natura naturata, eine tiefenmusikologische Differenz
zwischen musica musicans und musica musicata an). Wiedergefundene
Musik ist Anknüpfen an das Kontinuum nach seiner Katastrophe. Wenn der Herzschlag
und das viszerale Rauschen des primären Musikinstruments nicht mehr zu hören
sind, tritt der Ernstfall der Daseinspanik ein. Dort nämlich nur, im leeren
Schweben »in der Welt«, öffnet sich eine unheimliche stille Weite,
in der das akustische Kontinuum der mütterlichen Musik aufgehoben ist; nur
durch einen gefährdeten akustischen Ariadnefaden bleibt das entbundene Einzelwesen
noch auf die mitnehmende Kraft bezogen, die der ersten, der inneren, der gemeinsamen
Klangwelt eigen war. Man versteht, wieso es Heideggers
Überzeugung sein konnte, daß unter der Geräuschkulisse des betriebsamen
Dahinlebens die alte Panik »schläft«: Das normalerweise Schlafende
besitzt die Authentizität des Schrecklichen, das, wenn ich standhalte, zu
mir als einem »Existierenden« führt. Darum kann Heidegger
nicht genug betonen, daß uneigentliches Leben im Lärm und im Gerede
dahingeht, während zur Vereigentlichung die Angst vor einer furchtbaren Stille
gehört.»Diese ursprüngliche Angst wird im Dasein zumeist
niedergehalten. Die Angst ist da. Sie schläft nur. Ihr Atem zittert ständilg
durch das Dasein.« (Martin Heidegger,
Was ist Metaphysik?, 1929, a.a.O., S. 116). Zu ihrem Wesen rechnen
eine »eigentümliche Ruhe«, eine »gebannte Ruhe« und
der Drang, die »leere Stille« zu übertäuben (vgl. Martin
Heidgger, ebd, S. 111, 113, 112). Man könnte das Hören der Stille, weil
es ein Sichhören des Daseins in der Innigkeit des Unheimlichen einschließt,
ein panisches Cogito nennen. Ich höre nichts mehr, also bin ich da.
Das Dasein in der Stille der Welt ist eine Saite, die unter ihrer eigenen Spannung
vibriert. Mag sein, daß die Meditierer aller Zeiten Stille und Schweigen
gesucht haben, weil das Sichhören des Daseins beim Verstummen des Lärms
hilft, die Saite zu spannen. Daher feiert die Musik nicht nur das Wiederanknüpfen
ans Kontinuum, sondern erinnert, wenn sie mehr ist als Sedativ oder Narkose, auch
immer an die kosmische Stille der Existenz.So wie Martin Heidegger
in einem berühmten Diktum darauf insistierte, daß das Wesen der Technik
selbst nichts Technisches sei ( ),
so muß man ... deutlich machen, daß das Wesen des Designs selbst nichts
Designartiges ist. Ich habe soeben Design
als Können des Nichtkönnens definiert und möchte nun diese Formel
mit einigen anthropologischen Überlegungen unterbauen. Die Wurzeln des gekonnten
Nichtkönnens reichen natürlich weit vor die moderne Kompetenzwelt zurück,
ja sie durchziehen das gesamte Feld der menschlichen Urgeschichte und der Frühkulturen;
in denen driftet der Homo sapiens als Werkzeugmacher und Mythenerzähler
in Horden und Stämmen durch eine noch weithin technisch unbewältigte
und analytisch undurchdrungene Naturwirklichkeit. Für ihn ist das Nichtkönnen
- das Nichtvielmachenkönnen, Nichtvielverändernkönnen im Bezug
auf seine Umwelt - zumindest verglichen mit dem Machtradius der Spätkultur
- gleichsam seine erste Natur. Nichtsdestoweniger sind die frühen Menschen
alles andere als hilflose, angstüberschwemmte Opfer einer übermächtigen
Außenwelt. Sie sind, im Gegenteil, lebhafte, erfinderische, hochbewegliche
Akteure eines Überlebensspiels, das sie mit großem Erfolg betreiben,
auch wenn sie vom Kompetenzhorizont eines mittelmäßigen modernen Individuums
nur wie von einem Dasein in göttlichen Vollmachten hätten träumen
können. Wenn ihre Lebensformen aus heutiger Sicht als schiere Ohmachtskulturen
erscheinen, so haben wir es mit einer optischen Täuschung (!!!)
zu tun. In Wahrheit sind moderne Subjekte wegen der breiten Entfaltung ihres Kompetenzfächers
viel mehr ohnmachtgefährdet als die vorgeschichtlichen Menschen. Sie riskieren
öfter und an mehreren Fronten, ihr Scheitern durch Inkompetenz zu erfahren.
Der Frühemensch hingegen profitiert davon, daß er zumeist alle Griffe
kann, die er zu seiner persönlichen und sozialen Selbsterhaltung braucht,
während er alles, was nicht gekonnt werden kann, im Schutz von Ritualen mehr
oder weniger routiniert übersteht. Nehmen Sie an, die Sintflut fällt
unter Blitz und Donner vom Himmel auf ihr Blätterdach, dann können Sie,
wenn sich das Unwetter überhaupt überstehen läßt, es besser
überstehen, wenn Sie ein Lied für den Wettergott rezitieren. Es ist
nicht wichtig, daß sie selber Wetter machen können - auch die modernen
Kompetenzen reichen noch nicht ganz bis dorthin -, sondern daß Sie eine
Technik kennen, bei schlechtem Wetter in Form zu bleiben; es muß in Ihrer
Kompetenz liegen, auch dann etwas tun zu können, wenn man ansonsten nichts
tun kann. Nur wer weiß, was man tut, wenn nichts mehr zu machen ist, verfügt
über hinreichend effiziente weiterlaufende Lebensspiele, die ihm dabei helfen,
nicht in auflösende Panik oder seelentötende Starre zu verfallen. Gekonntes
Nichtkönnen stiftet eine Art Leerlaufverhalten oder einen Parallelprozeß,
in dem das Leben auch in Gegenwart des Ohnmächtigmachenden weitergehen kann.
Ich verwende für solche Parallelprozesse den religionswissenschaftlichen
und ethnologischen Ausdruck Ritual. Auch die Menschen der Frühzeit konnten
nicht ganz dessen gewiß sein, ob die Sonne wirklich deswegen aufgeht, weil
sie schon vor ihr wach waren und ihren Aufgang mit einem Rundtanz förderten;
aber sie waren auf diese Weise den Dämonen der Morgendämmerung gewachsen
und konnten sich so in ihren Tag hineinspielen und ihre mythische Identität
als Kinder des hellen Gestirns und der dunklen Erde bewahren. Die Lücke,
durch die Ohnmacht, Panik und Tod ins Leben eindringen, wird von archaischen Zeiten
an durch Rituale geschlossen. In diesem Sinn darf man von der Geburt des Designs
aus dem Geist des Rituals sprechen.Martin Heidegger
hat in seiner ... Rede über »das Ding« die hier gestellten Fragen
am Beispiel eines Kruges erläutert. Die Funktion des Kruges ... zeigt sich
in seiner Eignung zu der Aufgabe, in seinem hohlen Innern Wasser oder Wein zu
fassen und zum Ausschenken zur Verfügung zu stellen - deswegen vereinigt
er in seinem Aussehen notwendigerweise die drei Merkmale Hohlraum, Griff und Schnabel.
Die Funktion des Dings wäre demnach einfachhin dessen Dienst oder Nutzen.
Von diesem Beispiel her gedacht sind Dinge allgemein gesprochen nützliches
zuhandenes Zeug. ( ).
Als dienendes Zeug sind sie zugleich auch diskret souveräne Geber. Gebe-Wesen
sozusagen in den Händen von Lebewesen. Dies zeigt sich am Krugbeispiel besonders
klar. Der Krug ist von Amts wegen zum Ausschenken da, so daß sich an ihm
ohne Umschweife verdeutlicht, wie dieses Ding, indem es dient, zugleich auch schenkt.
Man muß zugeben, daß Heidegger zu Recht keinen Grund sah, vor der
Aussage zurückzuschrecken, das Wesen des Kruges sei das Schenken. Von hier
aus ist es nur ein Schritt zu dem ding-ontologischen Hauptsatz, das Wesen des
Dings überhaupt sei das Ge-schenk. Wir erreichen mit diesem überraschenden
Theorem ein doppeltes Dingverständnis - eines, das den funktionalen Dienst
des Dings an den Anfang stellt und von diesem her auf den Menschen als Herrn und
Nutzer kommt, und eines, das vom Geschenkcharakter des Dings ausgeht und den Menschen
als Empfänger von Gaben der Dinge kennzeichnet. .... Alles Design entspringt
einer Anti-Andacht; es beginnt mit der Entscheidung, die Frage nach der Form und
Funktion der Dinge neu zu stellen. Souverän ist, wer in Formfragen über
den Ausnahmezustand entscheidet. Und Design ist der permanente Ausnahmezustand
in Dingform-Angelegenheiten - es erklärt ein Ende der Bescheidenheit gegenüber
überlieferten Dingverfassungen und manifestiert den Willen zur Neufassung
aller Dinge aus dem Geist eines radikalisierten Fragens nach der Funktion und
ihrem Herrn und Nutzer. Jedem Funktionalismus wohnt ein dingstürmerischer
Funke inne. Während man beim Geschenk nicht an den Preis zu denken hat, ist
das Designer-Ding von Anfang an für Preisfragen und Revisionen offen: Statt
das Ding zu nehmen, wie es sich gibt, stellt das Design die Funktion an den Anfang
und macht aus dem Ding eine variable Erfüllung der Funktion. Design ist möglich,
weil und insofern der Satz gilt, daß jedes Ding einen Preis hat. .... In
der modernisierten Warenwelt gibt es - idealtypisch gesehen - der Tendenz des
Marktverlaufs nach keine statischen Güter mehr, sondern nur noch Besserungen,
keine stabilen Qualitäten, sondern nur Überbietungs- und Steigerungswaren.
... Wenn der Designer als homo aestheticus und psychologicus ...
ein Zulieferer für Souveränitäts-Simulationen ist, so ist er als
homo oeconomicus der Ausstatter für Güter auf dem Weg zur Besserung;
er ist der Mann des unbedingten Komperativs - Entwicklungshelfer für aufstrebende
Dinge .... Und in dem Maß, wie der aktuelle Weltmarkt tatsächlich Besserung
honoriert, wird Design nicht nur zu einem Erfolgs-Faktor unter anderen, sondern
mehr noch zum Grundelement und zur Nährlösung für den modernisierten,
das heißt klüger gemachten Erfolg überhaupt.Unter den
Denkern des 20. Jahrhunderts war es zuerst Heidegger,
der durch seine Sezession von der zweieinhalbtausendjährigen philosophischen
Überlieferung die Privilegen des präkonfusen (kontrakt-symbolischen)
Denkens zurückgewinnen wollte. Auf seine Weise versuchte er, gegen die eigene
Zeit und doch in mancher Hinsicht auf ihrer Höhe, das Philosophieren in den
»vorsokratischen« Zustand zurückzuversetzen, in dem vorübergehend
eine Einheit von Wachen und Denken möglich gewesen war. Der Zerfall der präkonfusen
Einheit hatte sich schon vor 2500 Jahren als unaufhaltsam erwiesen; die raschen
Fortschritte in der Begriffsbildung spalteten die alten Grundwörter in viele
Teilbedeutungen auf. Nicht jedes Wort überlebte diese Entwicklung unbeschädigt
- insbesondere verlor das archaische Verbum sophronein, verständig
sein, das eleganteste Leistungswort der alten Welt, bei seiner Gerinnung zu dem
Substantiv sophrosyne, das die Tugend der Besonnenheit inmitten einer Gruppe
anderer Tugenden bezeichnet, seine durchdringende Energie und intime Appellwirkung.Aus
den asymmetrischen Zerfallsprodukten ergaben sich die tiefreichenden Differenzen
zwischen den Rationalitätskulturen bzw. den »Ethiken« des Okzidents
und des Orients. Während sich auf dem westlichen Pfad, um summarisch zu reden,
ein Denken ohne Wachen durchsetzte, das sich dem Ideal der Wissenschaft verpflichtete,
kam auf dem östlichen Pfad eher ein Wachen ohne Wissenschaft zum Zug, das
Erleuchtungen ohne begriffliche Präzisierungen anstrebte - angelehnt an einen
Staatschatz von Weisheitsfiguren, der mehr oder weniger allen Meistern gehört.
Heideggers
Versuch, die Alternative von Szientismus und Illuminismus in neo-vorsokratischer
Haltung zu unterlaufen, erbrachte ein Konzept von »Denken«, das deutlich
näher beim meditierenden Wachen als bei der Konstruktion oder Dekonstruktion
von Diskursen lag. Seine späte Pastorale des Seins, die mehr einem Exerzitium
als einer diskursiven Praxis gleicht, weist auf das Unternehmen hin, die Bewußtseinsphilosophie
nach ihrem aufrüttelnden Durchgang durch die Existenzphilosophie
in eine welthaltige Wachheitsphilosophie zu verwandeln. Man darf wohl annehmen,
der Mensch unterstehe als »Hüter des Seins« einem Schlafverbot.
Allerdings wird bei Heidegger nicht recht klar, wie der Zeitplan beim Hüten
des Seins geregelt ist. Auch wie die Hüter die Nachtarbeitserlaubnis in den
Laboren der Spitzenforschung bekommen, ist nicht leicht zu erkennen. Die Wette
ist so plausibel wie anspruchsvoll: Es gilt jetzt, die von Heidegger
in Aussicht genommene Verwandlung des Denkens in eine Wachheitsüpung ohne
Rückschritte hinter das Niveau der modernen Rationalitätskultur vorzunehmen.Vor
Heidegger
hatte nur Oswald Spengler
einige vorläufige, doch nicht unbedeutende Skizze zur Kritik des rationalistischen
Weltzugriffs mittels einer allgemeinen Wachheitslehre vorgetragen diese aber nicht
weiterverfolgt, sondern in eine spekulative Psychologie der Hochkulturen übersetzt
und damit philosophisch neutralisiert. Überdies entstellte er seine subtilen
Hinweise auf die Angst-Verfassung des wachen Daseins - die zehn Jahre später
in Heideggers
Antrittsvorlesung Was ist Metaphysik? ( )
von 1929 wieder auftauchen - durch die Grobheit seines pragmatistischen Glaubens
an den Vorrang der »Tatsachen«. (Vgl. Oswald Spengler,
Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922, S. 557-579 ).
Aufs Ganze gesehen versagt die Philosophie des 20. Jahrhunderts vor dem Imperativ
der Wachheitskultur mehr oder weniger kläglich. Nicht ohne Grund hat sie
den größten Teil ihrer virtuellen Klientel an die psychotherapeutischen
Subkulturen verloren, in denen neue lebbare Stilisierungen des Verhältnisses
von Wachheit und Wissen entstanden sind, nicht selten zum Mißfallen der
verbeamteten Theoriepfleger. Heideggers
Lichtung
denken oder: Die Welterzeugung ist die Botschaft
Für
den Eintritt in die menschenbildende Situation ist das Zusammenwirken von vier
(bzw. fünf) Mechanismen vonnöten, deren Ineinandergreifen früh
zu bizarren Kreiskausalitäten führt. Der fünfte Mechanismus (Zerebralisation
und Neokortikalisierung) ist besonders komplex, ... weil er in gewisser Weise
die Auswirkungen der ... vier Mechanismen in einem sich eigens hierfür steigernden
Organ synthetisiert:
Keiner von diesen könnte für sich allein genommen die Hominisation
oder gar das Heraustreten in die Lichtung motivieren, aber in ihrer Synergie wirken
sie wie ein Fahrstuhl in die menschliche Ekstase. (Vgl. Feuer
! Anm. H.B.) Der
Insulationseffekt ( )
ist die formale Prämisse aller Binnenraumschöpfung. Seine Anfänge
reichen weit in die Geschichte der gesellig lebenden Tiere, ja bis in die Pflanzenwelt
zurück. Er beruht im wesentlichen auf dem Umstand, daß die eher randständigen
Exemplare in Lebensgemeinschaften mit ihrem physischen Aufenthalt an den Peripherien
der eigenen Population den Effekt einer lebenden Wand hervorbringen, auf deren
Innenseite ein Klimavorteil für die Individuen der Gruppe entsteht, die sich
habituell im Zentrum aufhalten.Durch
die Trias von Werfen, Schlagen, Schneiden ... öffnet sich ein Fenster, in
dem Produktionen geschehen und Produkte entstehen können. .... Im Falle des
Erfolges wie des Mißerfolges konvergieren hier zum erstenmal die Aktion
(factum) und die angeschaute und beurteilte Lage nach der Tat (verum).
Der Vormensch als Werfer, Schlagoperateur und Zerleger stellt also wenn nicht
den alleinigen Produzenten, so doch einen Kooperateur der Lichtung dar. Nur in
der Lichtung - dem Bereich der Erfolgsbeobachtung - können Wahrheiten und
Handlungen aufeinander verweisen und einander ebenbürtig sein.Die
Lichtung ist ein Werk der Steine, die zu anderen Steinen, zu entstehenden Händen
und zu bearbeitbaren oder treffbaren Dingen passend werden. Der erfolgreiche Schlag
ist die Vorform
des Satzes. Der treffende Wurf ist die erste Synthesis aus Subjekt (Stein),
Kopula (Aktion) und Objekt (Tier oder Feind). (- Sprache).
Der durchgehende Schnitt präfiguriert das analytische Urteil. Sätze
sind Wurf-, Schlag- und Schnittmimesis im Zeichenraum, wobei Affirmationen Wurf-,
Schlag- und Schnitterfolge nachvollziehen, während Negationen aus der Beobachtung
von fehlgehenden Würfen, mißglückten Schlägen und gescheiterten
Schnitten geboren werden. Die ältesten Steinartefakte sind Werkzeug und Zeigzeug
in einem. Sie sprechen von Anfang an von der Macht, die aus dem Gegenüber-Sein-Können
folgt. Darum: Wer von Steinen nicht reden will, soll von Menschen schweigen.  -
Treffer
(Schütze und Jäger) - Fund
(Sucher und Sammler)Das ontologische Resultat dieser ersten Hervorbringungen
ist also weit mehr als ein vereinzeltes Produkt - es ist die Eröffnung des
Raumes, in dem es Resultate erst geben kann: In diesem Tat-Erfolgsfenster werden
Würfe gewertet, Bearbeitungen vollzogen und Ergebnisse verstanden. Die Wirkungen
von Würfen, Schlägen und Schnitten stiften das Band zwischen Erfolg
und Wahrheit, das in höheren Kultursituationen zwar stark gedehnt, aber nie
zerrissen werden kann. (Weswegen der späte Heidegger
meines Erachtens der Lichtung nicht mehr gerecht wird, wenn er dazu neigt, das
besonnene Menschsein ganz auf Willensverzicht und neu-demütiges Eingefügtsein
ins Spiel des »Gevierts« einzuschwören; dabei wird die Lichtung
zu sehr von einem leerlaufenden Wach-Sein her gedacht, das sich zur Gelassenheit
überhöht; die anfängliche Lichtung ist hingegen an sich
schon der Erfolgsraum, in dem technische Zugriffe auf Dinge beobachtbar werden:
als Fenster für Erfolgsbeobachtungen wird sie zunächst - bevor sie zu
ästhetischen und mediativen Anblicken einlädt - ausschließlich
durch Eingriffshandeln und offensive Abstanderzeugung aufgestoßen.) In diesem
Raum wird der Treffer-Charakter
von »Wahrheiten« und der Passungs-Charakter von operativen Synthesen
eingespielt; in ihm wird die Möglichkeit von Zuhandenheit gewonnen - gleichsam
die Lichtung in der Hand. Zugleich entsteht für das Auge, das Würfe
begleitet, der Horizont - die Lichtung ist die Ausspannung des Umsicht-Raumes.
In diesem Sinne darf man sagen, daß das Ergebnis der Steinzeit
in der Eroberung jener Naturdistanz
bestand, mit der die Sprengung des Umwelt-Rings in Richtung auf Weltoffenheit
geschieht.Heidegger
hat also nicht recht zu sagen, es seien die Griechen gewesen, die ihren Ausdruck
alétheia zuerst die »Unverborgenheit« der Phänomene
als solcher empfunden und ausgesprochen hätten. Das Offenliegen von Phänomenen,
die aus einer vorgängigen Verborgenheit auftauchen und in sie zurückfallen
können, entsteht bereits aus der ältesten Zuwendung der werdenden Menschen
zu den Resultaten ihrer Wurf-, Schlag- und Schneideoperationen. An diesen wird
Wahrheit ursprünglich als Richtigkeit abgelesen: Sie erscheint im
Treffer
eines Wurfs, in der Passung eines Griffs, im Durchgang eines Schnitts an der richtigen
Stelle.In der ersten Offenheit wird der Unterschied zwischen erfolgreichen
und erfolglosen Handlungen scharf: mehr noch, vom frühesten Aufkommen der
Sprache
an werden auch die Stimmgebärden, die Rufe, die Sätze empfindlich für
den Unterschied von Erfolg und Mißerfolg. Der Parallelismus zwischen materiellen
Handlungserfolgen und zutreffenden Aussagen wird dichter.Der Erfolg der
harten Mittel - der Wurf-, Schlag- und Schneidemittel - bildet sich im weichen
Mittel, im Sagen und im Zeichnen, ab. In dieser Hinsicht ist die Sprache
nichts als ein Medium, Erfolge zu repräsentieren und zu präsentieren
- mithin eine Form, die einerseits Erfolge wiedergibt, andererseits selbst reiner
Vollzug von Redeerfolg ist. Mit jedem erzielten, gesagten und gespeicherten Erfolg,
mit jedem treffenden, schlagenden, schneidenden Wort wächst der Abstand der
Vormenschen gegenüber ihrer »Umwelt« und spinnt sie in die Sphäre
der erfolgreich gesagten Dinge ein. Das vormenschlich-beinahe-menschliche Tier
wird jetzt expansiv und ferne-empfindlich: Seine Ekstase hebt an, sein Spielraum
wächst, seine Fähigkeit der Selbstbergung in Technikhüllen und
Erfolgserinnerungen - nachmals Geschichten - nimmt zu. In diesem Sinn streben
tatsächlich alle Menschen »von Natur aus« nach dem »Wissen«,
das Erfolg ist.Der Gebrauch des harten Mittels während der gesamten
Dauer der altsteinzeitlichen
Anthropogenese erzeugt eine evolutionär einzigartige Situation, in der die
Organismen der Präsapienten von dem Zwang zur nur-körperlichen Anpassung
an die äußere Umwelt zunehmend freigesetzt werden. .... Halten wir
fest, daß mit der Körperausschaltung nicht gesagt ist, es gebe keinerlei
Selektion mehr oder die adaptiven Mechanismen seien außer Kraft gesetzt.
Aber die Selektion wird zunehmend treibhausrelativ: Sie führt nicht so sehr
zur Anpassung an eine druckausübende Umwelt, sondern belohnt die Eiegnschaften,
die dem werdenden Sapiens die erhöhte Distanzierung von der Umwelt und somit
die weitere Nichtanpassung an sie erleichtern - etwa die physischen und mentalen
Werfer-Qualitäten.Halten wir fest, daß der Polylith der erste
materiale Satz, in dem ein Subjekt, der Griff, mit einem Objekt, dem Stein, durch
eine Kopula (dem Bindemittel) zusammengesetzt wird; die primitive Syntax - als
erste logische Synthesis - entstünde demzufolge aus den operativen Kategorien
oder Universalien der chirotopischen Hantierungen. (Vgl. Sprache).Im Treibhaus der Gruppe überlebt nicht der Tüchtigste im Sinne
einer Bewährung an der Front von vorgegebenen Umwelthärten, sondern
der Glücklichste im Sinne der Klimaausnutzung und der treibhausinternen Chancenverwertung.
Die Humanevolution vollzieht sich weitgehend in einem Gruppenmilieu, das die Tendenz
zeigt, ästhetisch günstige und kognitiv leistungsfähigere Variationen
zu belohnen. Zudem werden zahlreiche genetische Variationen selektionsneutral.
Von nun an ist der Mensch unterwegs zur Schönheit.Das Luxurieren
der weiblichen Formen und das Aufklaren der Menschengesichter bezeugen diesen
Effekt in der auffälligsten Weise. (Anthropologen haben oft auf die spektakulären
Gesäßbildungen bei Khoisanidenfrauen [»Hottentottenvenus«]
hingewiesen, die am ehesten durch lokale sexuelle Zuchtwahleffekte zu deuten sind.)
Es ist überdies vor allem das menschliche Gehirn,
das in dieser Lage beginnt, rätselhaft zu luxurieren, indem es quasi vorauseilend
ein Leistungspotential aufbaut, das sehr weit über seine faktischen Beanspruchung
hinausdeutet. (Die Formel Runawy Brain deutet auf den Sachverhalt, daß das
Menschengehirn ein »Durchgänger« der Evolution ist, der sich
in einer langfristig wiksamen, intelligenzbelohnenden genetischen Rückkoppelung
mit primären Kulturtechniken formiert - in unserer Terminiologie: durch den
Humantreibhauseffekt).Die Sapiens-Wesen weisen, wie die paläo-anatomische
Forschung unmißverständlich gezeigt hat, eine Reihe von Merkmalen auf,
die sich nur als Aufbewahrungen von juvenilen (jugendlichen), ja sogar von fötalen
Bildungen bis in die Erwachsenenstufe verstehen lassen. Es ist das Proprium der
Sapienten, daß sich bei ihnen dank des Treibhausprivilegs monströse
Verwöhnungserfolge langfristig stabilisieren konnten: dies geht bis zur Beibehaltung
intrauteriner Morphologien in der extrauterinen Situation - als könne dieses
dissidente Tier es sich erlauben, den Gesetzen der Reifung zu entgehen.Das
alles deutet darauf hin, daß das »Haus
des Seins«, in dem der Mensch zu wohnen eingeladen sein wird, nicht
allein und nicht einmal in erster Linie durch die lichtende Kraft der Zeichen
errichtet wird. Vor der Sprache
sind es umweltdistanzierende Gesten des harten (wurf-, schlag- und schneidetechnischen)
Typs, die den Menschenbrutkasten erzeugen und sichern. Der spezifische Ort des
werdenden Menschen besitzt also funktional die Qualitäten eines technisch
eingeräumten externen Uterus, in dem die Geborenen zeitlebens Ungeborenenprivilegien
genießen. Danach reproduzieren sich die Lebe-Wesen, die eines Tages Menschen
sein werden, zunächst und ausschließlich in einer Schonung, die sich
am passendsten als autogener Park bezeichnen läßt. Die Schonung, in
der es Menschen gibt, ist ein Effekt der primitiven Technik. Was
Heidegger
als das »Ge-stell«
benennen und als fatales Seinsgeschick verstehen wird, ist zunächst nichts
anderes als das Ge-Häuse, das Menschen beherbergt und durch Beherbergung
unmerklich herstellt. (Heidegger
kommt dem Begriff des Ge-Häuses sachlich zur Zeit des Kunstwerk-Aufsatzes,
1935, am nächsten, als er an dem Konzept eines guten Ge-stells [»das
Kunstwerk stellt eine Welt auf«] arbeitete). Dies legt den verwirrenden
Befund nahe, daß Menschen die Lebe-Wesen sind, die nicht zur Welt, sondern
ins Treibhaus kommen - freilich ein Treibhaus, das die Welt bedeutet. (Immerhin
läßt sich das, was der späte Heidegger
über die »Gegend« und das Wohnen sagt, wie eine Wiederentdeckung
des ursprünglichen Ge-Häuses lesen).Die Erforschung und Formulierung
dieser Zusammenhänge verbindet sich mit dem Namen des Amsterdamer Paläoanthropologen
Louis Bolk, auf den das später von Adolf Portmann modifizierte Fötalisations-Theorem
im wesentlichen zurückgeht. (Bolk spricht [1926] öfter von Fetalisierung
als von Neotenie, meint aber denselben Komplex von Beobachtungen: die phänotypische
Festhaltung juveniler oder sogar fätaler Bildungen. Portmann setzt den Akzent
mehr auf die zeitlichen und mentalen Aspekte der menschlichen Frühgeburtlichkeit
als auf die morphologischen Manifestationen der Neotenie.) In seiner Essenz besagt
dieses, daß beim modernen Homo sapiens eine Zeit-Revolution stattgefunden
hat, deren Konsequenzen uns fortwährend in Atem halten. In ihrem Drehpunkt
stehen eine riskante Vorverlegung des Geburtenzeitpunkts und ein sehr langer Aufschub
der Erwachsenwerdung - zwei Prozesse, die durch evolutionär spät erworbene
endokrinologisch-chronobiologische Mechanismen gesteuert werden. Tatsächlich
ist das herausragende Merkmal der werdenden Sapiens-Gruppen der beispiellose Ausbau
der Infantilität: Er wird übersteigert durch die Einbringung festgehaltener
fötaler Züge ins erwachsene Erscheinungsbild.Beim modernen
Menschentypus ist davon auszugehen, daß das traditionelle anthropogonische
Treibhaus schon ganz die Eigenschaften eines Brutkastens übernimmt. Die uterusmimetischen
Qualitäten des Menschen-»Ge-Häuses« erstrecken sich in der
Folge auf die Adoleszenten und die erwachsenen Mitglieder der Gruppen und setzen
auch bei ihnen Tendenzen zur Verspätung der reifen Formen frei.Auf
diese Weise entsteht innerhalb der »Dimension« Menschen-Raum die existentiale
Zeit: Sie wird zuerst als Dimension für Zurückbehaltungen, Verzögerungen
und Verwöhnungen bemerkbar (sie machen die Substanz der Vorgeschichte als
Hominisationszeit aus), später auch als Dimension für Vorwegnahmen,
Beschleunigungen und Fortifikationen (sie sind die Substanz der Geschichte als
Weltalter der Kulturenkonkurrenz und der Kriege). Die menschliche Zeitmaschine
unterliegt dem Prinzip der regressiven Revolution. Die Tiefe des Rückschritts
zeigt den Bedarf an Vorausschritt an. (Dies hat Heidegger
abstrakt ausgedrückt, indem er die Dimension Zukunft von Herkunft abhängig
sein ließ, ohne die Differenz zwischen Zukunft und Herkunft einzuebnen.
...) Das Ausmaß der Verfeinerung bestimmt, wieviel Härte nach außen
abgegeben werden muß. Die Leistung des Brutkastens wiederum gibt vor, bis
wohin die Verfeinerung in seinem Innern gehen kann.
Übertragung (bzw. Sprache)

Hier
kommt der Horizont einer symbolischen Immunologie und die Psychosemantik der Regeneration
in Sicht, ohne welche die Existenz von Homo sapiens in den chronischen
Leiden seiner Geschichte nicht denkbar ist. Der Rückgriff auf Zustandserinnerungen
aus der Zeit vor Katastrophen ist derAnsatzpunkt für die Entstehung von reparativen
Religionen. Deren
Kern bilden rituelle und psychische Handlungen, mit denen integre Raumerfahrungen
auf Zustände nach Unheil übertragen werden. Darum kennen viele religiöse
Systeme das Konzept der Wiedergeburt: mit ihr läßt sich das Wiederanknüpfen
des verletzten Lebens an der Integrität des Ungebornenen am überzeugendsten
inszenieren.Der Mechanismus der Übertragung sorgt dafür, daß
Qualitäten des ersten Raumes in äußere und äußerste
Situationen übernommen werden. Wo auch immer Neu- und Notsituationen danach
verlangen, verstanden und gestaltet zu werden, greifen Menschen auf Routinen aus
der älteren, relativ integren Situation zurück und legen sie in den
fremden Raum hinein. Nicht zufällig haben die germanischen und romanischen
Sprachen ihre Begriffe von Gewohnheit oder Habitus aus dem Aufenthalt im Primärraum,
das heißt aus dem Wohnen abgeleitet; sie deuten das Sich-Gewöhnen an
Neues als eine Gewohnheitsübertragung. In diesem Geschehen findet sich der
Schlüssel zu dem, was man bei Menschen in einem überbiologischen Sinn
Erwachsenwerden nennt. Zu ihm gehört immer ein gewisses Sicheinleben ins
Nicht-Eigene - wohl auch ein maßvoller Verzicht auf die Übertragung,
ohne welchen niemand fähig wird, dem Neuen als Neuem zu begegnen.Als
Heidegger
die Sprache als das »Haus
des Seins« bezeichnete, bereitete er die Einsicht in die Sprache als
das allgemeine Organon der Übertragung vor. Mit ihr navigieren die Menschen
in den Ähnlichkeitsraum. An ihr ist nicht nur wichtig, daß sie die
nahe Welt aneignet, indem sie Dingen, Personen und Qualitäten zuverlässige
Namen zuordnet und sie in Geschichten, Vergleiche, Serien verstrickt. Entscheidend
ist: Sie »nähert« das Fremde und Unheimliche, um es in eine bewohnbare,
verstehbare, mit Einfühlung auskleidbare Sphäre einzubeziehen. Sie macht
die menschliche Heraussetzung an die offene Welt lebbar, indem sie die Ekstase
in Enstase übersetzt. Die »Tendenz auf Nähe« setzt sich
in der menschlichen Rede vom ersten Wort an durch; Sprache ist immer schon Nähe-Dichtung.
(Heideggers
Lehre vom existentialen Ort: »Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf
Nähe« [Martin Heidegger,
Sein und Zeit, 1927, S. 105]). Sie assimiliert das Unähnliche dem
Ähnlichen - wie bei der Bildung von Metaphern besonders deutlich wird. Man
könnte umgekehrt auch sagen, daß sie die Enstase im Gewohnten »hinaus«trägt
in die Ekstase beim Ungewohnten. Ihre wesentliche Leistung besteht darin, wie
Heidegger bemerkt, daß sie das Seiende im Ganzen verhäuslicht (...).
... Sprache ist - oder war - das allgemeine Weltbefreundungsmedium in dem Maß,
wie sie das Agens der Übertragung von Häuslichem auf Nicht-Häusliches
ist - oder war.Der Graecophile Heidegger
nimmt das Hegelsche
Motiv der Welthäuslichkeit auf; aber er transportiert es aus der idealistisch-olympischen
in eine vorolympisch-titanische Tonart, indem er klarstellt, daß es nicht
der Mensch (und erst recht nicht der »Geist«) ist, auf dessen Bei-sich-sein
oder Einhausung in der Welt es ankommt. Vielmehr fragt er, wie das Sein, dessen
Lichtung durch den Menschen hindurchblitzt, überhaupt bei sich sein kann.
Oder, um es im Jargon deutscher Soziologie zu sagen: Wie kann das Ungeheure eine
vernünftige Identität ausbilden?Der
fünfte Mechanismus - Zerebralisation und der Neokortikalisierung - synthetisiert
in gewisser Weise die Auswirkungen der ersten vier Mechanismen in einem sich eigens
hierfür steigernden Organ.Die Zerebralität kan zum Teil durch
hohe evolutionäre Prämien auf Intelligenzzuwächse (daneben auch
wohl durch ständigen Zugang zu einer Nahrung aus tierischen Proteinen) erklärt
werden. Das führt zu einer dramatischen Volumenvergrößerung beim
Gehirn, zur höheren Ausbildung der Neokortex und einem riskanten intrauterinen
Schädelwachstum, als dessen unmittelbare Nebenfolge sich der Zwang zur Frühgeburt
ergibt. Beide Tendenzen, Zerebralisierung und Frühgeburtlichkeit, sind kreiskausal
voneinander abhängig. Sie werden von der Tatsache mitgetragen, daß
das stabilisierte Gruppentreibhaus über lange Zeitspannen hin imstande ist,
die Funktionen eines externen Uterus zu garantieren, und zwar weit über die
Periode der nachgeburtlichen Symbiose zwischen Menschenmutter und Kind hinaus,
durch die das Uterusdefizit des Neugeborenen ausgeglichen wird: Das Menschenkind
brauchte nach psychobiologischen Erkenntnissen eine Tragzeit von 21 Monaten, wenn
es den Geburtsreifezustand des Primatenniveaus mutterleibintern erreichen sollte.
es muß aber spätestens nach 9 Monaten geboren werden, um die letzte
Chance zum Durchgang durch die mütterliche Beckenöffnung zu nutzen.
 Die
Organe der Lichtung bezeugen den Übergang des Biologischen ins Metabiologische.Die
menschlichen Gehirne sind die allgemeinen Organe der Lichtung; in ihnen konzentriert
sich der Inbegriff von Möglichkeiten der Offenheit für das, was Nicht-Gehirn
ist. Die Lernfähigkeit der Sapiens-Gehirne kommt nicht nur einem Selbstbeweis
der organismischen Intellignnz gleich, sondern in eins damit einem wie immer mittelbaren
Realitätsbeweis für die Außenwelt. Seine dramatisch luxurierende
Entwicklung gab dem Exodus des Menschenwesens aus der Armut (Dummheit) die vollkommensten
Mittel an die Hand. Durch Einbettung in das Konzept der Gehirne von ihresgleichen
erst werden die Exemplare von Homo sapiens auf endogene Weise weltfähig.
Entscheidend ist, daß der größte Teil der menschlichen Gehirnbildung
in der extrauterinen Situation geschieht. Durch das Bereitsein für Spätprägungen
gewinnen das Abwarten und Offenstehen für nicht-angeborene, situative und
»historische« Information definitiv die Oberhand gegenüber dem
Angeborenen und Mitgebrachten. Das Menschengehirn hält die vertrauensbildenden
Kontinuen der ersten Welteinbettung ebenso fest, wie es die mißtrauensbildenden
Einschnitte, Verletzungen und Weltverluste speichert. So wird es zur Werkstatt
des Verhältnisses von Apriori und Aposteriori, das heißt zur organischen
Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung. Es ist die höchste Ausgeburt
der Brutkastensituation und zugleich das Organ der Ekstase, die über das
Brutkastendasein hinausdeutet.Angesichts dieser Zusammenhänge kann
man behaupten, daß alle Technik ursprünglich - und die längste
Zeit unbewußt - Treibhaustechnik und ipso facto indirekte Gentechnik gewesen
ist. Unter Perspektiven der Evolutionstheorie ist die umweltdistanzierende Praxis
der Vormenschen und erst recht der beginnenden Menschen immer schon eine spontane
Genmanipulation - Selbstbehausungstechnik mit der Nebenwirkung Menschwerdung.Heidegger
hatte in seinem ominösen Spiegel-Gespräch (1966) den Satz geäußert:
»Nur
noch ein Gott kann uns retten« ( ).
Nach allem, was wir heute wissen, wäre das Wort Gott zu ersetzen durch den
Ausdruck »das Vermögen, Naturen zu schaffen« ... das Vermögen,
mit den Naturen zu kooperieren.Der angeklagte Wille zur Macht wird in
der nächsten Prozeßrunde als Helfer in der Not gerufen werden - wenn
er auch selbst bei der Auslösung der Not nicht unschildig war. Mehr denn
je ist die technisch avancierte Menschheit zu »Alchemie« verdammt.Die
Lichtung ist ... nicht ohne ihre technogene Herkunft zu denken.Man kann
weder unverwandt in die Sonne blicken noch in den Tod. Nach Heidegger
wäre hinzuzufügen, man kann auch nicht in den Menschen oder in die Lichtung
blicken. .... Heidegger
regt an, daß man nicht nur das anschaut, was im Licht liegt, sondern daß
man darüber nachdenkt, wie das Licht und die Dinge zusammenkommen, anders
gesagt, man soll die Lichtung als solche meditieren. Die Lichtung ist gleichsam
der weltgebende Blitz. .... Aber wer direkt in ihn schaut, wird geblendet. ....
Die Menschen ... sollen den Blitz bedenken und sich in seinem Licht selber als
die Unheimlichen fürchten lernen. Der Mensch kennt sich selber noch gar nicht,
weil er noch nie richtig nach sich selbst gefragt hat. Wenn er sich konventionell
als animal rationale definiert, fügt er nur zwei scheinbar vertraute
Größen zusammen: Er bildet sich ein, zu wissen, was Tiere sind, und
er glaubt zu verstehen, was die Ratio ist, und indem er die beiden Trivialitäten
addiert, meint er zu guter Letzt, er habe Übersicht hergestellt und sei bei
sich zu Hause. Auf dieser Ebene argumentieren auch heute noch oder schon wieder
all diejenigen, denen die Ungewißheiten und Unübersichtlichkeiten,
alt oder neu, zu viel geworden sind und sich in einem »neuen
Humanismus« retten wollen, zum Beispiel die reaktionären Neokantianer
in Frankreich, die das angeblich antihumane Denken von 1968 zuerst verhunzt und
dann in seiner Verhunzungsgestalt scharf abgelehnt haben. Human, da weiß
man, was man hat:Der Humanismus ist der Fundamentalismus
unserer Kultur, er ist die politische Religion des globalisierten okzidentalen
Menschen, der sich für so gut und klarsichtig hält, daß er sich
gern überall nachgeahmt sähe.Heidegger
ist ein Ontologe der Unheimlichkeit des Menschen bei sich selbst, wenn er darauf
hinweist, daß der Mensch den Ort im Seienden innehat, wo sich die Seinsfrage
überhaupt erst stellt. Durch den Menschen hindurch geschehen all diese explosiven
Ereignisse wie der Weltkrieg als planetarische Projektion der Machtfrage und die
Totalbenutzung der Erde und des Lebendigen für die Produktion, den Verkehr,
den Konsum. Wo so gefragt wird, ist es mit der Erbaulichkeit des Humanismus in
Schule und Sonntagspolitik vorbei.Seltsam, daß die leidlosen Atome
so leichtsinnig waren, sich auf Nervlichkeit, auf Schmerz und Gedächtnis
einzulassen, lange vor dem Menschen. Ist das nicht eine Unfaßbarkeit für
sich? Das ist sie ohne Zweifel, aber nur, wenn der Mensch da ist, dem sie
auffällt. Sie kann ihm freilich nur auffallen vor dem Hintergrund seiner
eigenen, noch größeren Ungeheuerlichkeit, seiner noch enormeren Auffälligkeit,
seiner ontologischen Ekstase, die man diskret mit dem Allerweltswort Existenz
bezeichnet.Heidegger
hat in einem quasi-naturwissenschaftlichen Passus der Grundbegriffe der Metaphysik,
1929-1930, nach dem berühmten Langeweile-Abschnitten [ ],
die Differenzen zwischen der Weltlosigleit der Steine, der Weltarmut des Tieres
und dem weltbildenden Wesen des Menschen herausgearbeitet, im übrigen mit
einer Darstellungskraft, die kaum ihresgleichen hat, zugleich professoral und
dämonisch, Das läßt sich auch so lesen, als sei beim Menschen
zu allem Bisherigen eine Art von ontologischem Organ hinzugekommen, ein Welt-Sinn
oder eine Totalitätsfühligkeit, wie sie kein Tier besitzen konnte -
vorausgesetzt, der Mensch 'macht auf' und hebt den Kopf und existiert. Ansonsten
bliebe auch für Mitglieder der Menschengattung wahr, was Heidegger
bemerkt: »der vulgäre Verstand sieht vor lauter Seiendem die Welt nicht«.
Diese potenzierte Unheimlichkkeit der Seinsfrage, als Menschenfrage oder besser
als Sein-durch-Menschen-Frage gestellt, macht den enormen Angriffswert der scheinbar
so betulichen Heideggerschen
Reflexionen aus. Manche Zeitgenossen haben gespürt, daß Fragestellungen
von einer ähnlichen Mächtigkeit nur in den Zeiten der Schöpfung
der Hochreligionen aufgekommen waren.Die Dezentrierung des Menschen ist
im Spiel, wenn Heidegger
behauptet, die bisherige Metaphysik habe nicht »hoch genug« vom Menschen
gedacht. Zu niedrig denkt man ihm zufolge, wenn man den Menschen als ein animal
mit einem Zusatz an Vernunft vorstellt, wie es der Tradition entspricht. Hoch
genug setzt man an, wenn man den Menschen als den Da-Seienden bedenkt, das heißt
als das Wesen, das in der Lichtung selbst ist. Ich habe versucht, Heideggers
Denkbewegung nach der ominösen Kehre ... in sehr knappen Umrissen nachzuzeichnen,
ausgehend von der äußerst katholisch klingenden These, daß es
auch in der modernen Welt nicht so sehr auf den Menschen ankommt, sondern auf
etwas, das über den Menschen hinausgeht und wofür er nur Medium oder
Resonanzboden sein kann - Heidegger
sagt »Hüter« und »Nachbar« -, nämlich auf das
Sein. Die christliche Tradition hätte hier von Gott gesprochen, aber seit
Heideggers
Intervemtion wissen wir, daß man von der sorglosen Gleichung von Gott und
Sein die Finger lassen soll. .... In Heideggers
berühmten Diktum aus dem Gespräch mit Rudolf Augstein, »Nur
ein Gott kann uns noch retten« [ ]
kann man einen fernen Nachhall des Ansatzes von Augustinus
hören. Es kommt nicht nur auf den Menschen nicht an - selbst wenn es auf
ihn ankäme, wäre ihm nicht zu helfen, weil nur der Gott oder ein Gott
ihn noch retten kann. Selbsthelfertum ist menschlicherseits nicht möglich,
wird uns da nachdrücklich versichert. Deswegen führen menschengemachte
Revolutionen zu nichts - das ist und bleibt die Grundüberzeugung des abgedankten
Revolutrionärs Heidegger
von dem Moment an, in dem er das Nazi-Unwesen durchschaute und sich von der Revolutionsillusion
zurückzog -, sie machen alles immer nur noch schlimmer, weil sie unweigerlich
erneut anthropozentrisch und gestell-immanent
ansetzen und niemals mehr zuwege bringen können als die Fortsetzung der schicksalhaften
Gestell-
und Selbstermächtigungsdynamik mit anderen Mitteln. Diese dunkle und menschenskeptische
Anthropologie geht den Modernen gegen den Strich, denn die Moderne stellt sich
alternativelos als ein Ermächtigungs- und Fortschrittsprojekt der politischen
Vernunft und der Technik vor, ein Projekt, das nur Sinn ergibt, wenn der Mensch
aus eigener Kraft gut und klug sein kann, zumindest klug und gut genug, um nicht
sofort an sich selbst zu scheitern. Aufklärung ist nur möglich, wenn
der Mensch nicht schon kurzfristig der Gnade bedarf, um das Richtige zu tun. Die
Modernen sind eben keine Augustiner
mehr, sondern Pelagianer
oder humanistische Semi-Monotheisten, meistens jedoch nur diffuse Atheisten
mit einer Aussteuer an quasi-transzendenten Menschenrechten. Für die Verfechter
von theonomen oder ontonomen Denkformen ist dieser pelagianische
Humanismus hingegen
nichts als die fortgeschrittenste Form von kreatürlich-rebellischer Verblendung
und die Matrix der subjektivistischen Selbstgerechtigkeit, die nach ihrer Überzeugung
in die Vernutzung, Entstellung und Vernichtung von allem führen muß.
Diesen Irrungen gegenüber wäre in der Sicht der Theonomisten eine radikale
Dämpfung angesagt - bei Heidegger
ist von Besinnung die Rede -, und zwar mit der Betonung darauf, daß auch
diese etwas ist, was man nicht selbsthaft machen kann, sondern was uns vom Sein
»gegeben« oder »geschickt« werden muß, wenn sie
denn statthaben soll. .... Bei Heideggers
Zurückweisung des gewöhnlichen Humanismus
handelt es sich um eine Denkgebärde, die im alteuropäischen Bestand
verankert ist und über die man sich nicht so einfach aufregen müßte,
wenn man noch eine Ahnung hätte von dem, was das theonome Denken seit jeher
gewollt und gelehrt hat. Nun sagt Heidegger
im Jahr 1946, »daß nicht der Mensch das Wesentliche ist, sondern das
Sein als die Dimension des Ekstatischen der (menschlichen) Ek-sistenz«.
Der Satz war wohl eine Zeitbombe, die nach 50 Jahren durch meine Paraphrase gezündet
hat.  Seit
der Publikation der Botschaft von der schafgewordenen Klonzelle im Februar 1997
spüren viele Menschen mit einem Mal den Eintritt in die Ernstfallphase der
Biotechnik [ ].
Alle ahnen irgendwie, der Klon-Mensch wäre der erste Mensch nach Christus,
auf den die nizäische Formel genitus non factus wieder anzuwenden
wäre, zumindest sinngemäß, denn genitus heißt im
Theologencode; von Gottvater direkt durch Selbstmitteilung hervorgerufen und nicht
durch physische Kausalität erzeugt, aber auch nicht nach dem Adam-Verfahren
hergestellt. Mithin, so wie Dolly kein schafgemachtes Schaf mehr ist, so wäre
auch der homo clonatus kein menschengezeugter Mensch mehr, und zugleich
erst recht in einem verschärften Sinn ein menschengemachter Mensch, er wäre
der Homunculus
von dem die Europäer durch ihre alchemistische Avantgarden seit der Renaissance
reden [ ].
Mit ihm würde die bisherige genealogische Logik auf den Kopf gestellt. Das
Klonen gäbe ... dem ohnehin schon angeschlagenen biparenten System den letzten
Stoß. Was sollte man etwa von einem weiblichen Individuum denken, das die
Zwillingschwester ihrer Mutter wäre und ihre Tochter? Für
Heidegger
war klar, daß sich die Seinsfrage durch die Macht- und Technikfrage hindurch
stellt [ ].
Und wie richtig das gesehen ist, bemerken wir erst heute daran, daß die
Spitzentechnologien in den 'life sciences' sich daran machen, die Codes des Lebendigen
umzuschreiben.Heidegger
hat sich ohne Zweifel in die Höhenlinie der europäischen Philosophie
eingetragen - vielleicht der einzige in unserem Jahrhundert, den man auf lange
Sicht in einem Atemzug mit Platon,
Augustinus,
Thomas,
Spinoza,
Kant, Hegel
und Nietzsche
wird nennen dürfen. .... So umfassend, wie ein Religionsstifter nach einem
Heilsweg fragt, fragt Heidegger
nach der Wahrheit über den Menschen. Man versteht ihn besser, glaube ich,
wenn man ihn mit Lehrern der zurückgezogenen Weisheit wie Lao-Tse,
mit indischen Denkmeistern wie Shankara und Nagarjuna oder Religionsgründern
wie Paulus,
Mani
oder Luther
in eine Linie stellt. Bei Gestalten dieses Ranges geht es um Neufassungen des
modus vivendi. Bei Heidegger
wird es für uns deswegen so unheimlich, weil uns die Zurückführung
seiner Gedanken auf die mystischen Muster und die christlichen Analogien letztlich
nichts nützt. Wir können nicht sagen, bei Meister
Eckhart steht das alles schon, denn Meister Eckhart hat die Atombombe nicht
erlebt, aber Heidegger
hat sie erlebt, und mehr noch als das, er hat sie gedacht. .... Die Blitze von
Hiroshima und Nagasaki waren so etwas wie Offenbarungen des Stands der Dinge auf
der Linie seiner Betrachtungen. Die beiden Atompilze kamen, seiner Sicht gemäß,
aus dem Kern des Humanozentrismus, sie waren Menschenwitz-und-Kunst in quintessentieller
Form, sie waren Gestell
und Explosion in einem, sie waren der Offenbarungseid der modernen Physik und
in gewisser Hinsicht die deutlichste Selbsterklärung nicht nur der amerikanischen,
sondern der modernen Stellung zur Welt überhaupt.Der Mensch, sofern
er das Wesen ist, das »existiert«, ist das Genie der Nachbarschaft.
Heidegger
hat das in seiner kreativsten Zeit auf den Begriff gebracht: Sind Existierende
zusammen da, halten sie sich »in derselben Sphäre von Offenbarkeit«.
Sie sind füreinander erreichbar und doch einander transzendent - eine Beobachtung,
die zu unterstreichen die Denker des Dialogs nicht müde werden. Aber nicht
nur Personen, auch die Dinge und die Umstände werden auf ihre Weise vom Prinzip
Nachbarschaft erfaßt. Deswegen bedeutet »Welt« für uns
den Zusammenhang von Zugangsmöglichkeiten. »Dasein bringt schon die
Sphäre möglicher Nachbarschaft mit sich; es ist von Hause aus schon
Nachbar zu ....« (Martin Heidegger,
Einführung in die Metaphysik, 1935, S. 138). Steine, die nebeneinander
liegen, kennen as eksatische Offensein füreinander nicht. Nicht alle geben
das zu.Jede Lage im Schaum [ ]
bedeutet eine auf die eigene Blase bezogene relative Verschränkung von Umsicht
und Blindheit; jedes In-der-Welt-Sein [ ],
als Im-Schaum-Sein [ ]
verstanden, eröffnet eine Lichtung im Undurchdringlichen.Zu
Recht hatte Heidegger
gelehrt, Technik sei eine »Weise des Entbergens«. Das besagte zugleich,
daß dem technisch Entborgenen und Veröffentlichten nur noch eine abgeleitete
Phänomenalität, eine hybride Öffentlichkeit und eine gebrochene
Zugehörigkeit zur Wahrnehmnung zukommen kann. Heideggers
Ge-stell-Begriff
fängt etwas ein von der Abnormität der zum Erscheinen genötigten,
von sich her nicht erscheinenden Sachverhalte. Er bezeugt ein Gespür für
das Monströse im Neu-Entborgenen, mithin für die Vergewaltigung des
Verborgenen, das sich durch Forschung zu erkennen geben muß und das, sobald
es unter Sichtbarkeitszwang bzw. in die Veröffentlichung gerät, etwas
ganz anderes bedeutet als die Anwesenheit eines naturwüchsigen »Dings«
in der näheren Umgebung oder das Offenstehen einer herkömmlichen Landschaft
für ausgreifende Umsichten.Wissenschaft und Technik haben ihm zufolge
von sich her den Charakter eines organisierten Attentats auf die Verborgenheit.
Den maßgeblichen Wink für die Entwicklung dieser Ansicht entnahm Heidegger
dem griechischen Wort für Wahrheit, alethéia, das er mit Un-Verborgenheit
übersetzte - in einer Hinsicht wohl zu Recht, da es sich nahelegt, den Ausdruck
als Kompositum aus dem Wort lethe, Verhüllung, Verbergung, Vergessen,
und dem Negationspräfix a - zu analysieren. Demnach beruhte der Begriff
auf der Vorstellung, daß »wahr« ist oder besser: in den Wahrheitsbereich
eintritt, was aus einer Verhüllung, Verbergung, Vergessenheit in die Enthüllung,
Entbergung, Erinnerung »herüberkommt«. Nicht allein durch das
Urteil, das einen Satz als wahr oder falsch bestimmt, wird die Wahrheit als Wahrheit
gestiftet; sondern daß eine Erscheinung, ein Vorschlag, eine Phänomen-Falte
in den Bereich des Offenliegenden ragt und das Urteil (das naturgemäß
auch falsch sein kann) herausfordert, hält das Wahrheitsgeschehen in Gang.Wahrheit
ist also nicht bloß eine Eigenschaft von ausgesprochenen Sätzen, die
dann und nur dann wahr heißen dürfen, wenn »im Realen«
»tatsächlich« der Fall wäre, was in den Sätzen behauptet
oder »abgebildet« wird; vielmehr stellte die Physis ... ein selbstpublizierendes
Geschehen dar, in dessen Verlautbarungen die spürenden und sätzebildenden
Intelligenzen einbezogen sind. Man darf sich durch die allegorische Redeweise
nicht verschrecken lassen - wenn man von der Natur wie einer handelnden Person
spricht, sind stets mediale Prozesse gemeint. In ihrem Erscheinen, so läßt
sich der Gedanke umformulieren, gibt die Natur sich selbst zu verstehen - sie
erteilt Winke, sie zeigt ein Bild von sich, sie läßt sich hören
und sehen, sie teilt sich in ihrem Aufgehen, ihrem Ertönen mit. Die Natur
... ist eine Autorin, die im Selbstverlag publiziert (wobei sie wohl auf ein menschliches
Lektorat angewiesen ist).Die tragische Ironie der Fehlauslegung von Naturerkenntnis
durch die Metaphysik sowie ihre Fortsetzer in den modernen Naturwissenschaften
und Technologien besteht nun Heidegger
zufolge darin, daß ihre extrem reduktionistischen, das Wahrheitsgeschehen
entstellenden und verarmenden Begriffe so erfolgreich waren, daß sie im
Modus einer sich selbst wahrmachenden Prophezeiung über mehr als zweitausend
Jahre hin für die europäische Rationalitätskultur bestimmend wurden.
Dieser Zeitraum wäre daher ausdehnungsgleich mit der Ära der Seinsvergessenhait.
Man erinnere sich, daß eine verwandte Sicht der Dinge mit dem Satz: »das
Ganze ist das Unwahre« ausgesprochen wurde - was historisch bedeutet: Auch
das Unwahre hat schon ein Altertum. Wer dessen Anfänge fassen will, um vor
sie in unverzerrte Zustände zurückzugehen, muß sich mit Platons
Verformelung der Wahrheit zur »Idee« oder noch früher zu Demokrits
Aufspaltung der menschlichen Realität in Körper und Seele befassen.
Fehlbeschreibungen dieser Größenordnung gehen, wie Heidegger
sah, über die Bezeichnungskraft des gewöhnlichen Irtumsbegriffs hinaus;
sie zwingt den Betrachter, zu Ausdrücken wie »Geschick«, vielleich
sogar »Verhängnis« zu greifen.Wie bemerkt, ließ
der Denker das Offenbarwerden des Offenbaren ursprünglich aus einer Selbstpublikation
des Seins hervorgehen - als Verlagsort der Publikation wird bei ihm die Lichtung
angegeben.Das durch Forschung und Erfindung erzeugte Wissen ist Neonlichtwissen.
An die Stelle der Selbstlichtung des Seins tritt die Zwangslichtung des »Gegebenen«,
an die Stelle der organischen Wahrnehmung die organisierte Beobachtung. Unter
solchen Prämissen ist es unvorstellbar, daß Menschen je wieder in ein
»Wahrheitsgeschehen« sich einordnen könnten, das von der alten
Natur samt ihrem »Aufgehen«, ihrem »Gebären«, ihrem
Verhüllen und Zurücktreten in die Unscheinbarkeit abgelesen würde
- ein Geschehen, in dem die Dinge von ihnen selbst her ungenötigt zeigen,
was und wieviel sie von Ihrem zu sehen geben, um den dunklen Rest als ihr Geheimnis
zu wahren.Heidegger
als erster Chirotopologe ....  In
den Zeug-Analysen von Sein und Zeit hat sich Martin Heidegger
als erster Chirotopologe hervorgetan: Wir verstehen darunter einen Interpreten
des Sachverhalts, daß Menschen als Hand-Besitzer und nicht als Geister ohne
Extremitäten existieren. Am Heidegger-Menschen
ist Beobachtern aufgefallen, daß er kein Genital zu besitzen scheint und
wenig Gesicht - um so besser ist sein Ohr ausgebildet, um den Ruf der Sorge zu
vernehmen. ( ).
Am vorzüglichsten ist seine Ausstattung mit Händen, weil Heideggersche
Hände von einem Ohr, dem durch die Sorge eingesagt wird, von Fall zu Fall
erfahren, was zu tun ist: Von diesem Ganz-Ohr-ganz-Hand-Menschen wird zum ersten
Mal in der Geschichte des Denkens expressis verbis ausgesprochen, daß
ihm die dinglichen Mitbewohner der Welt, in der er lebt, zeugförmig zuhanden
sind. In Heideggers
sorge-erschlossener Welt bildet Zuhandenheit einen Grundzug dessen, was den Eksistierenden
im Nähe-Bereich umgibt. Zeug ist, was in der Reichweite der klugen Hand,
im Chirotop, vorkommt: das Wurf-Zeug ( ),
das Schneide-Zeug, das Schlag-Zeug, das Näh-Zeug, das Grab-Zeug, das Bohr-Zeug,
das Eß-und-Koch-Zeug, das Schlaf-Zeug, das Ankleide-Zeug. Der Heideggersche
Mensch ist hinsichtlich all dieser Dinge im Bilde, welche Aufgaben durch sie seiner
Hand gestellt sind. Was wäre ein Kochlöffel, wenn er nicht den Befehl
zum Umrühren gäbe; was ein Hammer, wenn er nicht das Handlungsmuster
»wiederholt auf die Stelle schlagen« aufriefe? Die helle Hand
läßt sich das gegebenenfalls nicht zweimal sagen. Für den Ernstfall
kommt das Töte-Zeug hinzu, für den Nicht-Ernstfall das Spiel-Zeug, für
den Bündisfall das Schenk-Zeug, für den Unfall das Verbandszeug, für
den Todesfall das Bestattungszeug, für den Bedeutungsfall das Zeig-Zeug,
für den Liebesfall das Schönzeug.Unter den Zeug-Populationen
im Chirotop sind es vor allem drei Kategorien (  ),
die für die Heraushebung der Menscheninsel ( )
aus dem Umgebungselement sorgen.An erster Stelle
ist das Wurf-Zeug zu nennen, weil es seinem stetigen Gebrauch zu verdanken ist,
wenn sich die Hominiden vom akuten Umweltdruck ein Stück weit emanzipieren
konnten. Indem die werdende Menschenhand, getragen von einem für die Graslandschaft
umgeformten ehemaligen Baumaffenarm, es lernt, zum Werfen geeignete Objekte, in
der Regel kleinere und handgroße Steine, aufzunehmen und nach Bringern unwillkommener
Begegnungen oder Berührungen zu werfen - seien es größere Tiere,
seien es fremde Artgenossen -, gewährt sie den Hominiden zum ersten Mal eine
Alternative zur Kontaktvermeidung durch die Flucht. Als Werfer erwerben die Menschen
ihre bis heute wichtigste ontologische Kompetenz - die Fähigkeit zur actio
in distans. Durch das Werfen werden sie zu Tieren, die Abstand nehmen können.
Aufgrund des Abstands entsteht die Perspektive, die unsere Projekte beherbergt.
Die ganze Unwahrscheinlichkeit menschlicher Wirklichkeitskontrolle ist in die
Gebärde des Werfens zusammengezogen. Daher bildet das Chirotop das ursprüngliche
und eigentliche Handlungsfeld, in dem Akteure gewohnheitsmäßig ihre
Wurfergebnisse beobachten. Hier kommt ein Verfolger-Auge ins Spiel, das prüft,
was die Hände zustande bringen; Neurobiologen wollen sogar eine angeborene
Fähigkeit des Gehirns nachgewiesen haben, auf fliehende Objekte zu zielen.
Das Chirotop ist eigentlich ein Video-Chirotop, eine von Blicken überwachte
Sphäre von Handlungserfolgen.Was Heidegger
die Sorge ( )
nannte, bezeichnet der Sache nach zuerst die aufmerksame Ungewißheit, mit
der ein Werfer prüft, ob sein Wurf ins Ziel geht. Treffer
und Fehlwürfe sind praktischer Wahrheitsfunktionen, die beweisen, daß
eine Intention in die Ferne zu Erfolg oder Mißerfolg führen kann -
mit einer unklaren Mitte für einen dritten Wert. Beim gelungenen Wurf wie
beim Fehlwurf gilt, daß Wahres und Falsches, die logischen Erstgeborenen
des Abstands, sich selber anzeigen.Das Metawerkzeug Kultur hat in seiner
Gesamtheit die Wirkung eines Brutkastens, in dem ein Lebewesen chronisch das Privileg
der Unreife genießen darf. .... Nur zwei Organe nehmen an der Körperausschaltung
offenkundig nicht (oder nur auf paradoxe Weise) teil: das Gehirn, das sich somatisch
wie funktionell eigensinnig entwickelt, indem es sich zu unabsehbar komplexen
Leistungen steigert und ... in potentiell unabschließbare Reifung- und Spezialisierungssprozesse
aufbricht, sowie die Hand, die als engste Komplizin des Gehirns zu virtuoser Vielseitigkeit
heranreift. Die Hand ist das einzige Organ am menschlichen Körper, das bei
geeigneter Erziehung erwachsen wird. Sie ist das erste und eigentliche Subjekt
der »Bildung«, wie Hegel
sie definierte: als »Glättung der Besonderheit, daß sie sich
nach der Natur der Sache bestimmt« ( ).
.... Die Erwachsenheit der Hand impliziert »Bildung« im dialektischen
Sinn des Wortes, sofern bei jeder bewußten Manipulation ein Moment der »Entfremdung«,
der Hingabe ans Objekt, mit einer Rückkehr zu sich selbst, sprich einer mitlaufenden
Tastempfindung, korreliert. (Vgl. Dialektik).Nach
der Distanzwirkung des Wurfzeugs ist an zweiter Stelle die anthropogene Wirkung
der Schlagmittel hervorzuheben - wiederum überwiegend vertreten durch handliche
Steine und andere harte Mittel wie Holz und Horn. Die harten Mittel sind von Bedeutung,
weil mit ihnen der Werkzeuggebrauch im engeren Sinn und eo ipso die Geschichte
von Chirotopia beginnt. Wo eine Werkzeug ist, da war zuvor eine Hand, die es aufnahm.
.... Die Insel Chirotopia ( )
- ... die allein Heidegger
von ferne aus dem Nebel ragen sah - ist im Begriff, als die Insel des Seins ( )
aus der Umgebung aufzusteigen, weil sie der Schauplatz der ersten seinsenthüllenden
Operationen, der Produktionen, ist. Produzieren heißt mit den Händen
Dinge prophezeien. Wenn die Hominiden anfangen, Steine mit Steinen zu bearbeiten
oder Steine an Stielen zu befestigen, dann werden ihre Augen Zeugen eines Geschehens,
für das es in der alten Natur kein Vorbild gibt: Sie erleben, wie etwas ins
Dasein tritt, das zuvor nicht da war, nicht vorlag, nicht gegeben war: das gelungene
Werkzeug, die niederschlagende Waffe, der leuchtende Schmuck, das verständliche
Zeichen.Stiel-Werkzeuge sind ... erste Beispiele des polylithischen Objekttyps
..., nicht nur weil mit den Stielen das Prinzip des hergestellten Griffs, das
heißt der artifiziellen Handhabe an der Sache selbst, verwirklicht wird,
sondern mehr noch, weil sie authentische Komposit-Werkzeuge, sogenannte »Polylithe«,
darstellen, frei handhabbare Zusammensetzungen von Stein mit einer Mehrzahl andere
Materialien. Ihr Prototyp ist der Steinhammer oder die Steinaxt, die als erste
stoffliche Trinitäten aus einem Stein, einem Stock und einem Binde-Element
zusammengefügt sind, wobei der schwere Schlag- oder Hack-Körper seinerseits
durch den Einsatz eines zweiten Bearbeitungssteins vorgeformt sein kann. Das Zusammensein
von Menschen mit ihresgleichen und anderem erscheint im frühen Chirotop als
die ursprüngliche (soziale) Synthesis von mindestens vier Händen und
als primitive (materiale) Synthesis von mindestens dreiteiligen Objekten. Halten
wir fest, daß der Polylith der erste
materiale Satz, in dem ein Subjekt, der Griff, mit einem Objekt, dem Stein,
durch eine Kopula (das Bindemittel als Kopulativverb) zusammengesetzt wird; die
primitive Syntax - als erste logische Synthesis - entstünde demzufolge aus
den operativen Kategorien oder Universalien der chirotopischen Hantierungen.Schließlich
ist für das chirotopische Realitätsklima die Entdeckung der scharfen
Stein- und Knochenkanten von Bedeutung. Mit ihr beginnt die Kulturgeschichte des
Schneidens und der materiellen Analysis. Wo die Messerfunktion auftaucht, kommt
die Vernunft als teilende, portionierende, sezierende Gewalt in Gang. .... Das
Schneiden stiftet den Zusammenhang zwischen Quantität und Gewalt, der überall
im Spiel ist, wo an Körpern der Aspekt der teilbaren Menge hervorgehoben
wird. .... In der Praxis des Zerschneidens natürlicher Körper tritt
eine erste Manifestation dessen zutage, was wir ... Explikation genannt haben
- die Offenlegung von Hintergründen oder die Präsentmachung und Bloßstellung
von Abwesendem, Eingefaltetem und Bedecktem. .... Die Messer-Erfahrung spiegelt
sich in den frühen Lexika wider. Wenn Menschen für die vielen Wesen
und Dinge, die um sie vorkommen, jeweils eigene Wörter haben, so weil sie
von Messern im Mund Gebrauch machen. .... Jedes Wort serviert eine Weltportion.
... Die richtige Sprache wäre also jene, die den im Seienden angelegten Schnitten
folgt und immer da durchtrennt, wo von den Sachen selbst her Einschnitte und unterschiede
vorgeschlagen sind. So wie die meisten Kinder unauffällig in die
Komplexitäten der Syntax ihrer Muttersprache hineinwachsen, erwirbt jeder
durchschnittliche Insulaner durch seine bloße Teilnahme an den Lebensspielen
der Primärgruppe die Kompetenz, sich in jeder einzelnen der anthropotopischen
Dimensionen ( )
mit ausreichender Sicherheit zu bewegen. Dasein heißt die gesamte Syntax
des Anthropotops verstehen - dieses Verstehen zu verstehen ist eine andere Sache.
Was Heidegger
in Sein und Zeit für das Chirotop oder die zuhandene Welt ausgeführt
hatte: daß sie aufgrund ihrer alltäglichen Vertrautheit in nicht-diskursiver
Helligkeit den Grundzug der Erschlossenheit aufweist, ist mutatis mutandis
für die übrigen Dimensionen zu reklamieren. Der erwachsene Bewohner
der anthropogenen Insel ( )
nimmt deren innere Gespanntheit und Verfugung mit einem einzigen Blick wahr. Das
Unwahrscheinlichste ist für ihn zum Selbstverständlichen geworden; für
die Bewohner der ontologischen Insel ( )
bleiben die Implikationen der Grundsituation anfangs in makelloser Dichte eingefaltet.
Das zuhandene Zeug, der tönende Raum, die generalisierte Mutterwelt, die
Verwöhnungssphäre, das Feld der Wünsche und des Begehrens, die
Kooperationen mit den anderen, die Beanspruchung durch die Wahrheit, die Heimsuchung
durch die Götter und die Spannung der Gesetzesforderung: der gesamte Faltenwurf
des Überkomplexen, in dem sie sich mit ruhiger Übersicht bewegen, erscheint
ihnen wie eine nahezu glatte Oberfläche, über die fürs erste kaum
ein Wort zu verlieren nötig scheint.Es
kommt nicht überraschend, daß die anthropogene Insel ( )
ein Ort ist, dessen Bewohnern über die Welt und sich selbst in ihr ein Licht
aufgeht. Sie ist die Stelle, wo es zahllosen Dingen nicht gelingt, verborgen zu
bleiben - obschon Heraklit
... einen entscheidenden Aspekt an der anfänglichen Verteilung zwischen Verborgenen
und Offenkundigen benannt hat. Die Welt ist ein gelichteter Raum: soviel ist den
Bewohnern der Seins-Insel ( )
schon früh über ihre Lage klar. Ihnen ist aber auch unmittelbar gewiß,
daß nicht alles gelichtet ist. .... Die helle Sphäre, in die wir herausgetreten
sind, ist ein Lichtfleck inmitten eines Rings von Unbekanntem, Nicht-Manifestem,
Ungesagtem, Ungedachtem. .... Es sind in der Hauptsache zwei Beobachtungen, die
über das Wesen der Wahrheit Aufschluß geben: Aus dem umgreifenden Unbekannten
treten zu gegebener Zeit Neuheiten ins Gewußte und Gesagte; umgekehrt kehrt
aus dem Bekanntgemachten manches in die Vergessenheit, die léthe,
die Implikation zurück. Folglich ist Wahrheit weder ein sicherer Bestand
von Sachverhalten noch eine bloße Eigenschaft von Sätzen, sondern ein
Kommen und Gehen, ein aktuelles thematisches Aufleuchten und ein Versinken in
der athematischen Nacht. Solange die Mitte dazwischen, das scheinbar Ewig-Gleiche
und Präsente, alle Aufmerksamkeit bindet, bleibt für den dynamischen
Aspekt des Wahrheitsgeschehens kein freier Blick. Die fällige Blickwende
auf die Zeitigung der Wahrheit haben erst Denker wie Hegel
und noch mehr Heidegger
vollzogen (...). Unter pragmatischen Gesichtspunkten ist die Empfänglichkeit
der Menschen für den Unterschied von Wahr und Falsch an die Erfahrung geknüpft,
daß Würfe und Sätze treffend sein können oder verfehlt und
falsch. (Vgl. Treffer).
Zu sagen, daß die Menschen vom Erfolg ihrer Würfe und Sätze abhängig
sind, bedeutet soviel, wie festhalten, daß sie von Wahrheitswerten Betroffene
darstellen - und dies bereits auf einer biologischen Ebene. Die Treffsicherheit
von Würfen und die Zuverlässigkeit von Aussagen ist von Anfang an eine
Angelegenheit auf Leben und Tod - weswegen die »Wahrheit« auf den
Inseln der Werfer und Sprecher ( )
als hohes Gut gehütet werden mußte. Den Grenzververkehr zwischen dem
Hellen-Öffentlichen und dem Dunkel-Verborgenen prägen Ereignisse, die
»eintreten«, passieren und zu denken geben. Die Differenz zwischen
wahren und falschen Sätzen gründet hingegen in Handlungen, die erfolgreich
(treffend, passend, schlüssig) oder erfolglos (danebengehend, unpassend,
unschlüssig) enden. So ist die manifeste Welt von Anfang an auf zwei verschiedene
Weisen gegeben, einmal als Nexus von Handlungen, die wir begehen, und einmal als
Zusammenhang von Ereignissen, die uns angehen. Der Doppelsinn von Wahrheit als
Offenkundigwerden im Ereignis oder Ergebnis (im Es-geht des gelungenen Versuchs)
und als Ausgesagtwerden im apophantischen Satz ist so alt wie die Menscheninsel
( )
selbst. Wir nennen den Ort, an dem Dinge sowohl offensichtlich als auch sagbar
oder bildbar werden, das Alethotop. Der Aufenthalt in ihm schließt das Risiko
ein, in Mitleidenschaft gezogen zu werden von Wahrheiten, die sich zeigen, begriffen
werden und weitergelten, wie von Irrtümern, die sich erst später als
solche herausstellen und deren Wiederholung zu fürchten bleibt. In der ersten
Hinsicht gleicht das Alethotop einem Speicher, in der zweiten einer Richtstätte
oder einer Deponie. Im Speicher wird gesammelt, was sich bewährt - nicht
umsonst hängt das deutsche Wort für Wahrheit mit Vorstellungen wie betreuen,
in Obhut nehmen, bewahren, wehren, warten zusammen. An der Richtstätte beziehungsweise
der Deponie hingegen wird ausgeschieden, was die Gruppe nicht in sich behalten
kann und will, sofern es bösartig, fehlerhaft, unbrauchbar und nichtig ist.
Das Speicherbild erlaubt die Assoziation, daß Wahrheiten, bevor sie Gegenstand
von Sammlung und Hütung werden können, in einer ursprünglichen
Kollekte geerntet und eingebracht werden müssen - sehr im Einklang mit Heideggers
Hinweis auf den im Landbau beheimateten Sinn des griechischen Verbums légein,
lesen, sammeln, pflücken, dessen Substantivierung zu lógos
den alteuropäischen Vernunft- und Diskursbegriff ergibt. In dieser Hinsicht
ist das Alethotop als Wahrheitsbaufeld und Erkenntnissammelstelle der eigentliche
Schauplatz menschlicher Weltoffenheit. (Von hier aus läßt sich auch
verstehen, warum die modernen Speichermedien nur noch einen marginalen Bezug auf
menschliche Verhältnisse aufweisen, weil sich in ihnen, wie in allen großen
Archiven, subjektlose Sammlungen vollziehen - Anhäufungen von Informationen
für niemand).Wer auf der Menscheninsel ( )
lebt, wird ipso facto zu einem Hüter der Lichtung, ob ein aufmerksamer
oder ein zerstreuter, das spielt fürs erste kaum eine Rolle. Heidegger
hat bekanntlich den Unterschied zwischen den guten und den schlechten Hütern
über die Maßen betont (...). Aber gleichgültig, ob man sich eher
dem hütenden oder dem forschenden Pol zurechnet: die Bezogenheit von Menschen
auf Wahrheit und Wahrheiten ist nie zu umgehen ( ),
weil die Betroffenheit vom Wahrheitsgeschehen und seinen Sprachspielen im genius
loci begründet ist.Es gehört
zu den allgemeinsten Merkmalen der Humaninseln ( ),
daß ihre Bewohner sich früh aufspalten in solche, die von Wahrheitsspannungen
stark ergriffen werden, und solche, die kognitiven Streß-Situationen eher
aus dem Weg gehen. Daraus entwickelt sich die fast universale Differenzierung
der Gruppen in Experten, die sich zu schwerzugänglichen Wahrheiten persönlich
ins Verhältnis setzen, indem sie, teils auf eigeqes Risiko, teils gedeckt
durch die Figur des Magiers oder des Gelehrten, Wissen vom Verhüllten, Gewesenen,
Kommenden ansammeln, und Laien, denen es gelingt, sich mit den Evidenzen erster
Ordnung, den kollektiv gespeicherten Erfahrungen und Meinungen, sprich den Idolen
des Stammes, zufrieden zu geben. Auf der ersten Position finden wir die Figuren
des Schamanen, des Priesters, des Propheten, des Sehers, des Schreibers, des Philosophen
und des Wissenschaftlers; auf der zweiten die des einfachen Stammesmitglieds,
des Analphabeten, des Patienten, des Gläubigen, des Empirikers, des Laien,
des Zeitungslesers und des Zuschauers bei Fernsehduellen. Es dürfte keine
»Gesellschaft«, kein »Volk«, keine »Kultur«
gegeben haben, die nicht wenigstens in Ansätzen die Züge eines Zweikammersystems
der Zugänge zur Wahrheit ausgebildet hätte.Daß ... der
Wissenschaftsglaube ( )
auf breiter Front im Verblassen ist, läßt sich zum Teil auf die endogene
Korruption des Expertentums zurückführen. Die so peinlichen wie unbeendbaren
Expertenkämpfe auf dem Feld der vorgeblich externen Wahrheiten geben einem
größeren Publikum das Gefühl, daß auch die Wahrheit nicht
mehr das ist, was sie einmal war. Der psychosoziale Gebrauchswert des Experten:
die Möglichkeit, sich seinem Spruch zu unterwerfen und dadurch den Zweifel
abzuschließen, ist unleugbar in Verfall begriffen. B. F. Skinners lapidare
These: »Das Volk ist nicht in der Lage, Experten zu beurteilen«
(Futurum Zwei, 1972, S. 238), klingt längst ... unglaubwürdig
(...). Selbst wenn der Satz zuträfe, änderte dies nichts daran, daß
wir zu einem eigenen Urteil über die Experten verdammt sind. Nicht wenige
Zeitgenossen haben verstanden, daß sie selbst mit der Wahl des Experten
das Ergebnis der Expertise wählen. Damit wird die unvordenkliche Illusion,
die wahrhaft Wissenden seien die Deputierten externer Wahrheiten, in sozialen
Interessenkonflikten (um von den allzu menschlichen nicht zu reden) zerrieben.
Nicht zufällig wird die Öffentlichkeit immer öfter auf wissenschaftliche
Fälschungen aufmerksam (nach Schätzungen sind 75% aller publizierten
Forschungsergebnisse manipuliert).Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann
sich eine Art von epistemologischer Bürgerrechtsbewegung zu artikulieren,
deren Ziel es ist, die Experten aus ihrem längst dementierten goldenen Exil
bei den externen Wahrheiten zurückzuholen (...). Ob dies bei wachsender Esoterik
( )
der Forschung - und zunehmender Privatisierung der Resultate - gelingen kann,
ist eine offene Frage. .... Dieser Wandel, der die Wahrheiten wie ihre Überbringer
von ihrer Exzentrik gegen ihre Wirtsgesellschaften befreite, wäre zugleich
nichts anderes als der überfällige Nachvollzug des Wissens vom wirklichen
Leben der Wissenschaften durch die Wissenschaften.Hinsichtlich
des Weiblichen zum Auftauchen der Menscheninsel ( )
und ihrer ineren Formatierung ... kommt man erst voran, wenn man die Begriffe
Frau und Raum in einer biologischen und topologischen Verfremdung aufnimmt; dann
ist vom weiblichen, speziell vom mütterlichen Körper in geometrischen
oder lagetheoretischen Ausdrücken zu reden. Diese Wendung trägt der
Tatsache Rechnung, daß durch die evolutionären Errungenschaften des
Säugetierbiogramms ein radikal neuer Typus von Muttertieren ins Dasein getreten
ist - geprägt durch die »revolutionäre« Eroberung des weiblichen
Bauchraums als Milieu für Ei-Ablagen nach innen. Hierdurch entsteht eine
naturgeschichtlich einzigartige topologische Realität, insofern nun der Mutterkörper
zur ökologischen Nische des Nachwuchses wird. Durch die Interiorisierung
des Eies wird das Ablagerisiko in äußeren Nestern reduziert und gegen
das interne Brutrisiko und das neuartige Geburtsrisiko getauscht. Die Erfolgsgeschichte
der Säugetiere beweist, daß diese Transaktion von Vorteil war. Aus
ihm gingen nicht nur neue integrale Muttertiere hervor, die arteigene Parasiten
in sich beherbergen, sondern auch neue Typen von Jungen, die mit einem höheren
Bindungswert und einem schärferen Trennungsrisiko aufwachsen.Die
Rede von der »Mutter« impliziert bei Menschen eine analysis situs,
weil man sich mit der Verwendung des Ausdrucks darauf festlegt zu sagen, in welcher
Lage sich das Kind in bezug zu ihr befindet - ob noch innen oder schon
außen oder in gewisser Weise (aber in welchem Sinn?) in beiden Lagen zugleich.
Damit verweist man auf den Umstand, daß infolge der Verinnerlichung der
Eiablage und der fötalen Evolution in utero ein neuer Ereignistypus
produziert wurde: die Geburt. Es gibt infolge der Wende nach innen ein Protodrama
des Herauskommens, eine primäre Nötigung und Begabung zum Mutterleib-Verlassen,
eine frühe Fatalität bei der Wahl des Wegs, der vorwärts führt,
ins sogenannte Freie oder Offene. Das Faktum der Geburt wird als Matrix aller
Orts- und Zustandswechsel von radikalerem Charakter unabsehbare Konsequenzen zeitigen.Man
kann von hier aus ein Merkmal der anthropogenen Insel ( )
näher bestimmen: Sie muß der Ort sein, an dem ein Bedeutungswandel
der Geburt stattfindet. Diese wird beim Nachwuchs der Sapienten zu einem biologischen
Ereignis von metabiologischem Sinn. Es liegt ja auf der Hand, daß das säugetierische
Geborenwerden nicht ausreicht, um den Ort des Menschen zu erreichen. Säugetiere
werden geboren, Menschen kommen zur Welt. Die Insel des Seins ( )
liefert das Reizklima, in dem sich das Geborenwerden ins Zur-Welt-Kommen ( )
steigert.Dem Kenner der Philosophie des 20. Jahrhunderts wird klar sein,
daß wir hier von der Heideggerschen
Unterscheidung zwischen der an die Umwelt angepflockten Seinsweise der Tiere und
dem ekstatischen weltbildenden Wesen der Menschen Gebrauch machen. Wie die Genesis
dieser Differenz zu denken wäre ... - das versuchen wir seit langem zu zeigen
(...), und wir behaupten, daß man dieser Forderung nur genügt, indem
man eine Untersuchung der mit dem menschlichen Existieren gesetzten topologischen
Differenz als Gebürtig-Sein in Gang bringt.Immerhin ist die Säugetiergeburt
mit einem Übergang vom Leben im Wasser zum Dasein an Land und in der Luft
zu vergleichen, als müßte jedes Junge auf der Linie der Mammiferen
den urzeitlichen Exodus aus dem Meer und den Erwerb von festländischen Lebensweisen
in seinem eigenen Werden nachspielen. Aus einer Geburt
jedoch wird ein Zur-Welt-Kommen ( )
erst, wenn aus der Umwelt, in die der Ankömmling gerät, eine Welt geworden
ist - ein Inbegriff von Dingen oder ein All von Sachen, die der Fall sind. Was
der Ausdruck Welt philosophisch bedeutet, ist hier nicht darzulegen; in lagetheoretischer
Hinsicht bleibt zu sagen, daß das als In-der-Welt-Sein ( )
bezeichnete Grundverhältnis ein Draußen-Sein meint. Heidegger
hat das mit einem ontologisch ausgenüchterten Begriff von Ek-stase als Sein-bei-den-Umständen
angedeutet. Wer ek-sistiert, ist hinausgehalten in etwas, worin er zunächst
nicht bei sich sein kann. Bei Menschen, den ontologischen Exzentrikern, kommt
das Draußensein dem Behaustsein bei sich zuvor - obschon die Härte
dieses Befundes in der Regel durch die Schutzmacht der sphärischen Allianzen
gemildert wird. Am Vorsprung der Äußerlichkeit vor jeder Art von Behausung,
Inklusion, Umhüllung und Einrichtung bei sich selbst besteht, wenn von Lagen
in der Welt die Rede ist, kein Zweifel. Jede Theorie der elementaren Situation
ist darum auch eine Deutung des primären Traumas: daß es mehr äußeren
Raum gibt, als sich in Besitz nehmen, gestalten, wegdenken oder leugnen läßt.
Weil dies so ist, sind Menschen zur Herstellung von Interieurs verdammt.Hat
man sich hierüber verständigt, wird der Versuch wagbar, das Geheimnis
der Insel ( )
raumtheoretisch zu formulieren. Auf der Insel sein meint jetzt: von der Möglichkeit
Gebrauch machen zu können, Innensituationen zu übertragen. ( ).
Übertragungen dieses Typs sind vollziehbar, wenn eine reale Lage im Äußeren
erreicht ist, die als Folie oder Behälter für die Wiederholung von Innerlichkeit
an anderer Stelle dienen kann. Das Übertragungsphänomen entspringt einem
Trägheitseffekt, der durch das Übergewicht vergangener Prägungen
über die gegenwärtigen Wahrnehmungen ausgelöst wird. Er setzt zu
seiner Entfaltung starke szenische Differenzen zwischen Damals und Heute voraus.
Sind diese gegeben, ..., kann es zu dem Phänomen der Wiederholung der älteren
Szene in der jüngeren kommen. (Vgl. Projektion). In unserem Kontext legt
es sich nahe, die Übertragung als Reproduktion von Situationen neu zu beschreiben,
wobei der Akzent auf den Umstand fällt, daß die Urübertragung
sich als wiederholende Wiederherstellung einer Innenlage in einer äußeren
Sitauation vollzieht. In dieser Hinsicht ist das Paradigma der Raumfahrt informativ,
weil es im Vakuum explizit vorführt, was Menschen in der terrestrischen »Lebenswelt«
immer schon getan haben. Das Insulierungsgeheimnis der Menschensphäre besteht
darin, daß die Zusammenlebenden in koproduktiver Übertragung ein gemeinsames
Innen im gemeinsamen Außen einrichten. Zu beachten bleibt, daß Übertragungen
zunächst kollektiven Charakter haben und erst später individualisiert
werden, in Abhängigkeit von Medien, Sprachspielen und Wohnformen, die den
Privatisierungseffekt stützen.Das Gemeinschaftswerk, das in die
Inselschöpfung ( )
mündet, wird in der Weise vollzogen, daß die Zusammenlebenden aus einem
geteilten szenischen Fundus von Innen-Situationen schöpfen und diese in der
andersartigen Außenlage reproduzieren. Daraus entsteht die stark kohärente
Gruppe als Uterotop, das heißt als agierte Mutterleib-Metapher. In erster
Lesung wird das als Verwandtschaftsphantasma interpretiert - wie es in dem Dogma
begegnet, wir seien, als Mitglieder einer Nation, immer auch die Kinder derselben
Mutter. .... In zweiter Lesung ist mit dem Konzept Uterotop ein historisch mächtig
gewordenes Raum-Phantasma bezeichnet, das suggeriert, wir wären, solange
wir in der Eigengruppe territorialisiert bleiben, die bevorzugten Geschöpfe
derselben Höhle - ursolidarische Nutznießer derselben Ungeborenheit
im gemeinsamen Gruppenschoß. .... Wenn zeitgenössische Religiosnphilosophen
gelegentlich die Meinung ausdrücken, die »Menschheit« stelle
»im Tiefsten eine religiöse Größe« dar, machen sie
von der Möglichkeit Gebrauch, die Gattung im ganzen als ein adamistisches
Uterotop zu verklären.Die uterotopische Synthesis bedeutet die Auserwählung
von Menschen zum gemeinsamen Herkommen aus einer unvergleichlichen Höhle
(und das gemeinsame Feststecken in ihr). Im Gegensatz dazu meint die utopische
Synthesis die Auserwählung von Menschen für ein gemeinsames Unterwegssein
zu einem unvergleichlichen Ankunftsland.Uterotopie und Utopie spiegeln
sich ineinander wie Herkunfts- und Zukunftselitismus.Mit dieser Differenz
vor Augen läßt sich verstehen, daß, anders als Marx und Engels
dachten, alle Geschichte die Geschichte von Kämpfen zwischen Auserwählungsgruppen
ist. (Jedoch: ebenso sehr die Geschichte von Kämpfen zwischen Verwöhnungsgruppen
).
Dies feststellen heißt den Grund einsehen, warum seit der Dämmerung
der martialischen Kulturen ein Doppelweltkrieg im Gang ist: ein Krieg erster Ordnung
zwischen mehreren Gemeinschaften der Herkunftserwählung; ein Krieg zweiter
Ordnung zwischen Gemeinschaften der Erwählung durch Herkunft und Gemeinschaften
der Erwählung durch Zukunft. Was man bisherig für die Wahl zwischen
Krieg und Frieden hielt, war in Wahrheit meistens die Wahl zwischen dem ersten
und dem zweiten Krieg. Ob es einen dritten Krieg geben kann, ist unklar. Wenn
ja, verliefe seine Front zwischen den Auserwählten und den Nichtauserwählten.
Erfahrungsgemäß scheuen die letzteren vor förmlichen Aufstellungen
zurück. Sie begnügen sich damit, dem Treiben der Auserwählten solange
zuzuschauen, bis deren Selbstzerstörung vollendete Tatsache ist. (Wir verzichten
darauf, diese Optik an den möglichen Szenarien des aktuellen innermonotheistischen
Dreikampfs zu erläutern ). |