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Kommentar zur „Systemischen Evolutionstheorie“ von Peter Mersch

Literatur von Peter Mersch (*1949):
- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Migräne (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (1. Teil; 2008) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2. Teil; 2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -

Kommentar zur „Systemischen Evolutionstheorie“ von Peter Mersch

Systemische Evolutionstheorie und Reproduktionsinteresse
Familienmanagement und Organisation von Produktion und Reproduktion
Unterschiedliche Definitionen
Zusammenfassung

Als ich meine eigene Theorie entwarf, kannte ich die Theorie von Peter Mersch noch nicht, doch als ich sie später kennenlernte, stellte ich fest, daß sie zu meiner Theorie recht gut paßt, d.h. zwar etwas anders, aber doch ähnlich ist. Thema auf dieser Seite soll also sein, worum es Mersch mit seiner „Systemischer Evolutionstheorie“ geht und wie sehr sie zu meiner Theorie paßt.

Mersch hat ein Modell entworfen, in dem das Reproduktionsinteresse und nicht der Reproduktionserfolg (wie bei Darwin) entscheidend ist. Das Modell von Mersch ist also „ein akteurbasiertes Evolutionsmodell .... Dazu zählen:
 Die Natur hat zwei grundlegend unterschiedliche Selektionsweisen zur Erlangung von Ressourcen hervorgebracht: Dominanz und Gefallen-Wollen (Push und Pull).
 Im Rahmen der Evolution erfolgt eine Hierarchisierung »lebender« Systeme: einzellige Organismen (Einzeller), vielzellige Organismen (Vielzeller) und Superorganismen.
 Lebende Systeme zeichnen sich vor allen Dingen durch ihr Reproduktionsinteresse aus, das heißt durch ihr Bestreben, ihre Kompetenzen in bezug auf ihre Umwelt fortwährend zu erhalten.
Es wird eine auf der allgemeinen Systemtheorie fußende Systemische Evolutionstheorie formuliert und begründet, in deren Zentrum nicht mehr die natürliche Selektion, sondern der Evolutionsakteur mit seinen Reproduktionsinteressen steht.“ (**).

Die Darwinsche Evolutionstheorie wird von Mersch nicht verworfen, sondern integriert, so daß er „die folgenden Resultate erzielt beziehungsweise skizziert:
 Erfüllt eine biologische Population die Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie, dann evolviert sie auch im Darwinschen Sinne.
 Die natürliche und sexuelle Selektion lassen sich auf die gleichen Evolutionsprinzipien zurückführen.
 Die Systemische Evolutionstheorie kann neben der biologischen auch die technische, wissenschaftliche und kulturelle Evolution beschreiben.
Abschließend wird die Vermutung geäußert, daß sich auf der Erde alle Evolutionen gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie ereignen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Gefallen-wollen-Kommunikation zu, auf deren Basis fortwährend neue evolutive Lebensräume entstehen können.“ (**). Diese besondere Bedeutung ist der Grund dafür, daß Mersch auch nicht-biologische Evolutionen verständlich machen kann.

Mersch geht davon aus, „daß die individuellen Reproduktionsinteressen ganz erheblich durch die soziale Organisation beeinflußt werden (und nicht zwingend genetischer Natur sind).“ (**). Für Mersch gilt: „Selbsterhalt = Kompetenzerhalt während des aktuellen Lebens; Fortpflanzung = Kompetenzerhalt über das eigene Leben hinaus.“ (**).

„Bei der Darwinschen Evolutionstheorie steht der Reproduktionserfolg im Vordergrund, bei der Systemischen Evolutionstheorie dagegen das Reproduktionsinteresse.“ (**). „Anders als die individualistische Darwinsche Evolutionstheorie besitzt die Systemische Evolutionstheorie ein integriertes soziobiologisches Konzept.“ (**).

Laut Peter Mersch ist die natürliche Selektion lediglich ein Ergebnis der Wirkungen grundlegenderer, auf den Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen von Individuen beruhender Prinzipien, die er unter dem Namen Systemische Evolutionstheorie zusammenfaßt. Gemäß dieser können nur selbsterhaltende, selbstreproduktive Systeme eigendynamisch evolvieren. Sexuelle Selektion und Darwinsche Evolutionstheorie verhalten sich zueinander wie Gefallen-wollen-Kommunikation und Systemische Evolutionstheorie. Das Zusammenspiel von Systemischer Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation kann den „Ursprung von Allem“ (**) - so Mersch - erklären.

„Sexuelle Selektion und Darwinsche Evolutionstheorie verhalten sich zueinander wie Gefallen-wollen-Kommunikation und Systemische Evolutionstheorie. Die Systemische Evolutionstheorie „schafft eigenständige selektive Umwelten, in denen dann autonorne evolutive Prozesse ablaufen können. Anders gesagt: Die Gefallen-wollen-Kommunikation erzeugt den Rahmen; sie erstellt die evolutive Infrastruktur. Anschließend gestaltet sich darin alles gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie.“ (**).

Die Systemische Evolutionstheorie überzeugt auch deshalb so sehr, weil sie und - so weit ich sehe - nur sie in der Lage ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Biologie und Soziologie (einschließlich Demographie und Ökonomie). Über diesen Brückenschlag hinaus ist sie sehr sinnvoll, weil sie eine theoretische Lösung des demographisch-ökonomischen Paradoxons (**|**|**|**) bzw. des Central Theoretical Problem of Human Sociobiology (**) und auch eine praktische Lösung unseres modernen demographischen Problems (**|**|**|**) anbietet. Was diese Lösungen angeht, so versag(t)en nämlich alle bisherigen biologischen (einschließlich evolutionistischen) und alle bisherigen soziologischen (einschließlich ökonomischen) Theorien.

Mersch schlägt vor, ein Familienmanagement (**|**) einzuführen, die Familie zum Beruf zu machen (**|**). Dieser Vorschlag geht offenbar einher mit der Einsicht, daß es anscheinend (noch) kein Zurück zur „patriarchalisch“ organsierten Familie geben kann und der einmal von der abendländischen Kultur eingeschlagene Weg der Frauenemazipation, obwohl sie ein Irrtum ist (vgl. den Buchtitel: Die Emanzipation - ein Irrtum!  [**]) ist und „unsere Gesellschaft restlos ruinieren wird“ (vgl. den Buchuntertitel: Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft restlos ruinieren wird [**]), wohl (noch) nicht rückgängig gemacht werden wird. Mersch will also nicht einen anderen politischen Weg als Lösung, sondern einen anderen gesellschaftlich-wirtschaftlichen. Er will nicht oder jedenfalls nicht direkt die Politik ändern, sondern die Familie retten, indem er sie gesellschaftlich attraktiver machen will: Familie als Beruf heißt ja im modernen Sinne, daß die Familie wieder ins Zentrum der Gesellschaft gerückt wird, und das geht bei uns heute anscheinend nur noch dadurch, daß man sie wirtschaftlich reizvoll macht.

Die Geburtenrate soll dadurch steigen, daß z.B. eine „Familienmanagerin“ (**|**), die zuvor gut ausgebildet worden ist, viele - eigene und/oder fremde - Kinder großzieht, dafür viel Geld bekommt und vielen anderen Müttern dadurch ermöglicht, in Lohnarbeit zu gehen bzw. zu bleiben.

Mersch behauptet zu Recht, daß die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (**|**|**|**|**|**|**), die sich mittlerweile auch die Parteien auf die Fahnen geschrieben haben, zum Scheitern verurteilt ist. Wenn also die Frauen auf ihre beruflichen Karrieren (noch) nicht verzichten wollen und Familie und Beruf nicht wirklich vereinbar sind, dann gibt es offenbar nur eine Lösung für das demographische Problem: Famile als Beruf.

Die Politiker wollen, daß der Staat zur Familie wird - das erinnert an die kommunistischen Staaten -, Mersch will, daß ein Unternehmen zur Familie wird. Immer wieder stellt er auch deshalb den Vergleich zwischen wirtschaftlichen Unternehemen auf der einen und Staaten bzw. Gesellschaften auf der anderen Seite her. Wenn ein wirtschaftliches Unternehmen so wie unsere heutigen westlichen und westlich-orientierten Staaten bzw. Gesellschaften seine Reproduktion vernachlässigte, wäre er sehr bald pleite. In wirtschaftlichen Unternehmen heißt das, was in Staaten bzw. Gesellschaften Nachwuchs, Nachkommen oder auch Reproduktion heißt, „Forschung und Entwicklung“ bzw. Produkt-Reproduktion. Wenn ein Unternehmen nicht oder nicht genug in ihre Forschung und Entwicklung investiert, dann ist es nicht oder schon bald nicht mehr überlebensfähig. Pleite! Bankrott! Aus! Ende! Wenn ein Staat bzw. eine Gesellschaft sich ebenfalls so verhält, ist er ebenfalls nicht oder schon bald nicht mehr überlebensfähig.

Je mehr die Konkurrenz zunimmt, desto mehr steigt die Bedeutung der Reproduktion. Innovativen Unternehmen sind die Zusammenhänge natürlich längst bewußt. Zukunftsfähige Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen die Abteilungen für Forschung und Entwicklung die gehätschelten Lieblingskinder sind und sie folglich üppig wachsen und gedeihen. Dagegen wird in den anderen Abteilungen zeitgleich stetig Personal abgebaut. „Einige Unternehmen bestehen sogar überwiegend aus einem Management zuzüglich einer Entwicklungsabteilung (Reproduktion), während die gesamte Produktion ausgelagert ist. Um es salopp zu sagen: Nike könnte sich auf den Entwurf neuer Schuhmodelle konzentrieren, die Herstellung der Schuhe aber der Konkurrenz überlassen.“ (**). Wenn ein Unternehmen aber die Reproduktion der Konkurrenz überließe und selbst nur die Produktion behielte, wären seine Tage gezählt.

„Bei Produktion und Reproduktion handelt es sich um eigenständige und gleichgewichtige Aufgaben. .... Unternehmen investieren in neue Produkte (das heißt in ihre Reproduktion) häufig ähnlich lange vor, wie dies menschliche Gesellschaften beim Aufziehen von Nachwuchs tun.“ (**). Wenn sie es tun.

Käme man der Forderung nach der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (**|**|**|**|**|**|**) ernsthaft nach, so wäre das so, als wenn in einem Unternehmen das in der Produktion arbeitende Personal nach Feierabend auch noch in der Reproduktion (Forschung und Entwicklung) tätig wäre, und zwar unentgeltlich. „In ernsthaften Unternehmen wäre man sich sehr schnell im klaren darüber: Dies kann und wird nicht funktionieren. Aber Staaten sind ja auch keine ernsthaften, gewinnorientierten Unternehmen ....“ (**). Schon gar nicht Parteienstaaten.

„Hart kalkulierende und durch und durch ökonomisch denkende, gewinnorientierte Unternehmen investieren Milliardensummen in ihre Reproduktion, obwohl sich diese nicht unmittelbar »rechnet«. Sie beschäftigen in diesen Bereichen üblicherweise ihre fähigsten Mitarbeiter. Oft repräsentieren solche Abteilungen sogar die eigentliche Kernkompetenz des Unternehmens, während fast alles andere ausgelagert werden könnte und zum Teil auch wird. Dabei fällt aber vor allem eins auf: Leistungsfähige Unternehmen organisieren sowohl ihre produktiven als auch reproduktiven Bereiche marktwirtschaftlich, Staaten tun dies dagegen nicht. Wenn folglich ein Staat die eigene Reproduktionsarbeit vernachlässigt und keine ausreichenden Investitionen in sein Hauptvermögen - das Humanvermögen - tätigt, dann hat das nichts mit einem Trend zum Primat der Ökonomie zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit unprofessionellem Management und einer völlig verfehlten (sozialistischen) Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion. Leider haben die Globalisierung und der Trend zur Wissensgesellschaft noch nicht zu der Erkenntnis geführt, daß eine kritische staatliche Aufgabe nun die Reproduktion ist, und diese dann auch entsprechend zu oganisieren ist. Statt dessen liegt der Fokus weiterhin auf der wirtschaftlichen Entwicklung.“ (**).

Die Produktion ist marktwirtschaftlich, die Reproduktion dagegen sozialistisch organisiert (**). In der Produktion sind Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert, in der Reproduktion sind die Aufwände privatisiert und die Erträge sozialisiert. „Die Produktion belohnt folglich Leistung, die Reproduktion dagegen Faulheit.“ (**). Wie dumm! Sozialismus wie überhaupt jede Art von Egalitarismus macht eben alle gleich, nämlich: gleich arm und gleich dumm! Ein Beispiel unter vielen: „Die Angleichung der Geschlechter macht dumm. .... Die weitestgehende Angleichung der Geschlechter macht moderne Gesellschaften zunehmend ärmer und dümmer.“ (**). Dieser Prozeß ist eine typische Begleiterscheinung der Moderne, die zunächst noch nicht so sehr auffällt, und dann, wenn sie auffällt, nur noch schwer wieder rückgängig zu machen ist - wenn überhaupt. „In patriarchalischen Gesellschaften korreliert die Zahl an Nachkommen mit dem sozialen Erfolg und der Intelligenz der Männer, wodurch die Bevölkerung von Generation zu Generation sukzessive an Intelligenz gewinnt. In modernen »gleichberechtigten« Gesellschaften besteht dagegen üblicherweise eine negative Korrelation zwischen der Zahl an Nachkommen und der Intelligenz der Männer und Frauen, wodurch die Bevölkerung von Generation zu Generation sukzessive an Intelligenz verliert. Da der durchschnittliche IQ einer Bevölkerung auch mit dem Wohlstand des Landes korreliert, dürfte sich in solchen Gesellschaften zunehmend Armut ausbreiten. Kurz: Eine solche Gesellschaft brasilianisiert und entwickelt sich zurück in ein Entwicklungsland.“ (**). Wer die Reproduktion vernachlässigt, muß bald auch die Produktion vernachlässigen.

Mersch bietet auch Vergleiche aus dem Sport (**): In unseren westlichen Gesellschaften steigen nicht die Schlechtesten ab wie z.B. in der Fußballbundesliga, sondern die Besten. Eliminiert werden bei uns die Fittesten und nicht die Unfittesten. Wir haben also seit unserer Moderne (sie begann übrigens schon fünf bis sieben Jahrzehnte vor dem Bekanntwerden der Darwinschen Evolutionstheorie) die Darwinsche Evolutionstheorie in der Praxis auf den Kopf gestellt: Survival of the Unfittest. Bei uns überleben die Unangepaßtesten, steigen die Schlechtesten auf, siegen die Unfittesten, werden die Faulsten, die Dümmsten, die Unqualifiziertesten am meisten belohnt. In unserer Kultur war und ist der Hauptgrund für die Qualifikation des eigenen Nachwuchses eine auf sehr viele Jahrhunderte oder sogar einige Jahrtausende zurückgehende Erziehung, Bildung und Ausbildung. In den fremdkulturellen Ländern wurden und werden die Kinder nicht entsprechend unserer Kultur in Richtung auf technisch-wissenschaftliche Qualifikationen erzogen, gebildet und ausgebildet (vgl. „faustische“ Abendländer [**|**|**|**]). Der eigene Nachwuchs darf also niemals vernachlässigt werden. Wenn er vernachlässigt wird, tritt das Problem ein, das wir heute vor uns sehen: der eigene qualifizierte Nachwuchs wird immer schneller weniger und von dem aus fremden Kulturen stammenden unqualifizierten Nachwuchs immer mehr verdrängt. Besonders im Bereich Technik und Wissenschaft, also in zwei der typischsten Bereiche des faustischen Abendlandes, werden Qualifizierte benötigt. Außerhalb des Abendlandes sind diese Qualifizierten aber nicht oder jedenfalls kaum zu finden. Sie sind dort sehr „knapp“, um einen Begriff aus der Wirtschaftswissenschaft zu bemühen, und um diese sehr wenigen Qualifizierten, die es in nichtabendländischen Gegenden (z.B. in Ostasien) gibt und eigentlich dringend zuhause gebraucht werden, gibt es unter den abendländischen Ländern mittlerweile einen Wettbewerb, den man auch Krieg nennen kann.

Auch der Sport ist ein typisch abendländisches Phänomen; doch er ist mittlerweile sogar für einige der anderen Kulturkreise ein bißchen attraktiv geworden, weswegen also der Vergleich aus dem Sport mittlerweile ein bißchen hinkt. Aber trotzdem: Wenn z.B. der FC Bayern München im Konkurrenzkampf allein dadurch bestehen wollte, indem er Spieler zwar immer noch ein- und verkauft, aber auf die eigene Nachwuchsförderung größtenteils oder sogar ganz verzichtet, dann würde er schon bald absteigen und bald danach sogar auch das gesamte Profilager verlassen müssen. Was für Sportvereine gilt, gilt auch für Staaten bzw. Gesellschaften.

„Viele Arbeitsplätze werden erst durch Kinder, oder allgemeiner, durch die gesellschaftliche Reproduktion geschaffen. Und: Man kann die Arbeit nicht einfach immer weiter steigern. Eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote bei gleichzeitigem Rückgang der Kinderzahl würde bestenfalls zu einem Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt führen: Ältere und unqualifiziertere Arbeitskräfte werden ausgesondert und durch qualifiziertere jüngere Frauen ersetzt (**). Damit würde aber eine Entwicklung in Gang gesetzt, die ohne entsprechende Gegensteuerung geradezu fatale Züge annehmen könnte: Qualifizierte Frauen drängen verstärkt auf den Arbeitsmarkt und ersetzen weniger qualifizierte und ältere Arbeitnehmer, beziehungsweise verhindern, daß Schulabgänger Arbeit oder Lehrstellen finden, denn es entstehen ja auf diese Weise keine neuen Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Möglicherweise verrichten die qualifizierten Frauen die Arbeit besonders effizient. Ein Großteil der ersetzten oder nicht eingestellten Personen wird in der Folge arbeitslos oder frühzeitig in Rente gehen. Es entsteht eine größere Zahl weniger qualifizierter Arbeitswilliger, die aber auf Dauer keine Arbeit findet und sich bald aufgibt. Auf der anderen Seite bekommen qualifizierte und berufstätige Frauen nun besonders wenige Kinder. In der Folge verschiebt sich die Nachwuchsarbeit verstärkt in sozial schwächere Schichten, was - wie das Kapitel »Evolution« ... zeigen konnte (**) - langfristig beträchtliche Einbußen bei der Bevölkerungsqualität beziehungsweise dem Humanvermögen nach sich ziehen dürfte. Nun wachsen also prozentual noch mehr Menschen heran, die auch mit zusätzlichen Bildungsanstrengungen nur schwer für die Anforderungen einer modernen und im Wind der Globalisierung stehenden Wissensgesellschaft fit gemacht werden können. Die Wirtschaft wird deshalb fordern, die Frauenerwerbsquote weiter zu erhöhen, denn nur hier können noch ungenutzte Potentiale mobilisiert werden. Sie wird also qualifizierte Frauen noch stärker ködern und diese werden daraufhin mit einer noch niedrigeren Geburtenrate reagieren. Gleichzeitig werden sich die Stimmen derer mehren, die behaupten, man könne doch weitestgehend auf die teure eigene Nachwuchsarbeit verzichten und stattdessen Zuwanderer ins Land holen (so wie das ja Bayern München auch tue), die all das in ihren Heimatländern bereits erfahren hätten, was sonst deutsche Eltern ihren Kindern mühselig vor Ort beibringen müßten, weswegen sie dann weniger arbeiten könnten. Am Ende ist die gesamte Bevölkerung ausgetauscht, das Humankapital geplündert und das Land verarmt. Und niemand hat dem zugestimmt.“ (**). Wie schon gesagt (**): Eine solche Tenndenz geht in Richtung Verdummung und Verarmung!

„Ähnliche Fehlsteuerungen wie die gerade beschriebene kennt man auch in der Unternehmenswelt. Zum Beispiel könnte sich ein Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten (oder als Folge einer Übernahme mit kurzfristigen Gewinnmitnahmen) dazu entscheiden, die Investitionen in die Zukunft, nämlich in Forschung und Entwicklung, zurückzufahren. Damit könnten gegebenenfalls zunächst wieder erhöhte Gewinne erzielt werden. Wird diese Strategie aber für eine zu lange Zeit durchgehalten, dann fehlen irgendwann die Produkte, mit denen man auf dem Markt konkurrieren könnte. Eine erneute Steigerung der Investitionen zur Rückerlangung der Konkurrenzfähigkeit dürfte in einer solchen Phase dann aber viel zu spät kommen: Der Konkurs wäre unvermeidlich.“ (**). So ist es! Und das kann man wie ein Gesetz hinschreiben, am besten gleich ins Grundgesetz (**).

„Bei der gesellschaftlichen Reproduktion handelt es sich um Investitionen in die Zukunft eines Landes. .... Was fehlt, sind die täglichen zeitlichen und materiellen Aufwendugen für das jahrzehntelange Aufziehen von Kindern. Kinderlose konsumieren statt dessen den größten Teil ihres Einkommens. Die Zukunftsinvestitionen überlassen sie ganz wesentlich den Familien. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein Unternehmen erwirtschafte einen Gewinn von einer Milliarde Euro. Dann macht es einen großen Unterschied, ob der Gewinn in zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsprojekte (Reproduktion) investiert wird, oder ob dafür rote Ferraris und Yachten für Top-Manager gekauft werden. Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind Investitionen in die Zukunft des Unternehmens, Ferraris und Yachten dagegen nicht (**). Die unterschiedlichen Investitionen von Kinderlosen und Familien sind analog zu bewerten. Sollten Sie als Leser zur Zeit keinen Arbeitsplatz oder ihre Kinder keine Lehrstelle finden, dann lassen Sie sich bitte nicht durch Aussagen wie »Es ist gut, daß wir so wenig Nachwuchs bekommen, denn der würde doch auch wieder arbeitslos und müßte dann finanziert werden« verunsichern. Die aktuellen Arbeitsmarktprobleme werden ganz wesentlich durch die folgenden Umstände mitangetrieben: Als in der Bundesrepublik Deutschland der letzte Babyboom stattfand, wurden pro Jahr ca. 1,35 Millionen Kinder geboren. Heute sind es noch knapp die Hälfte. Hinzu kommt: Diese Generation verinnerlichte ganz besonders stark das Paradigma der gleichberechtigten, berufstätigen Frau. Die Frauen setzten folglich weniger Kinder in die Welt und arbeiteten dafür um so mehr. Auch profitierte diese Generation bereits von der Bildungsexpansion. Durch die hohe Erwerbsbeteiligung der Frauen nimmt diese Generation besonders viele Arbeitsplätze in Anspruch. Heute ist diese Generation ... besonders leistungsfähig. Mit einer Familiengründung hat sie abgeschlossen, sie verfügt über weitreichende Berufserfahrungen und muß in der Regel nicht erst kosten- und zeitaufwandig eingearbeitet werden. All das trägt dazu bei, daß jüngere und ältere Menschen zur Zeit auf dem Arbeitsmarkt vergleichsweise nur schwer zu vermitteln sind, denn sie weisen gegenüber diesen starken Generationen Defizite (zum Beispiel fehlende Berufserfahrung) auf. Was aber passieren wird, wenn der größte Teil dieser starken Jahrgänge in Rente geht und dann von den nachrückenden schwächeren Jahrgängen finanziert werden will, darüber läßt sich zur Zeit nur spekulieren.“ (**). Und als wäre das noch nicht problematisch genug, läßt unser Staat bzw. unsere Gesellschaft immer mehr Unqualifizierte aus dem Ausland einwandern, die ebenfalls von den Steuerzahlern finanziert werden müssen!

Zu Recht muß man doch fragen (dürfen): Warum darf ausgerechnet ein Staat, der zu wenig Wert auf den Nachwuchs legt und sich immer mehr verschuldet, sein Ende länger hianusschieben als ein Unternehmen? Zählt da überhaupt noch die Ausrede, er habe sich dabei ja nur nach den Wünschen eines bestimmten lobbyistischen Unternehmens gerichtet?

Ein Unternehmen, das seinen Nachwuchs bzw. seine Forschung und Entwicklung vernachlässigt, wird prompt dafür bestraft. Ein Staat darf, indem er sich verschuldet und dafür seine wichtigsten Bürger ganz besonders belastet, seine Strafe zeitlich verzögern und seine Verantwortung den zukünftigen Generationen aufbürden. Ist das gerecht?

Im linken Sozialismus ist - anders als in Marktwirtschaften - die vom Einzelnen „erbrachte Leistung nicht immer präzise zuordbar (beziehungsweise dies ist manchmal sogar ausdrücklich nicht erwünscht), denn viele Arbeiten werden im Kollektiv erbracht. Kritiker weisen darauf hin, es käme dann sehr leicht zur Tragik der Allmende (**), weshalb die einzelnen Individuen bei dieser Wirtschaftsform insgesamt deutlich weniger leisten würden, als sie leisten könnten.“ (**). Ein zentrales Problem moderner Gesellschaften kann also „identifiziert werden:
Die Produktion ist in den meisten modernen Gesellschaften marktwirtschaftlich organisiert, die Reproduktion dagegen sozialistisch.
Oder anders ausgedrückt: In der Produktion können Gewinne privat abgeschöpft werden, während Verluste meist sozialisiert werden. Dagegen sind in der Reproduktion die Aufwände privat zu erbringen, die Einkünfte daraus stehen aber allen zu. Die Produktion belohnt folglich Leistung, die Reproduktion dagegen Faulheit.“ (**).

Kein Wunder also, daß gerade diejenigen Staaten bzw. Gesellschaften, die alles Westliche und Westlich-Orientierte hassen, umso mehr auf die Reproduktion setzen, je mehr ihr Haß zunimmt. Was die am Westen bzw. am modernen Westen nicht mögen, ist seine derzeitige Vorliebe für eine ganz merkwürdige Koalition zwischen dem Marktwirtschaftlichen und dem Links-Sozialismus - besonders dem Feministischen, Egalitaristischen (im Sinne einer links-sozialistischen Frauenemanzipation) -, aus der sich auch seine immer schwächer werdende Reproduktion, sein immer schwächer werdendes Reproduktionsintereresse ergibt.

Das Morgenland z.B. will nicht untergehen, sondern - wieder - aufgehen. Wenn es das Abendland kopieren würde, ginge es ebenfalls unter, und das will es vermeiden. Auch deshalb ist es so antifeministisch und so antiabendländisch. Das Morgenland erkennt an dem Beispiel Abendland all das, was es vermeiden muß. Denn es begreift, daß die Moderne des Abendlandes der Untergang des Abendlandes ist. Man könnte auch sagen: Das Morgenland riecht den Untergang des Abendlandes. Als Spötter könnte man sagen: Das Morgenland verdankt seinen (Wieder-)Aufgang dem Untergang des Abendlandes.

Peter Mersch definiert die Begriffe „Kultur“, „Zivilisation“ und „Moderne“ zum Teil anders als ich (**). In meiner Theorie ist eine Kultur erst dann auch Zivilisation, wenn sie „erwachsen“ bzw. modern geworden ist. Kultur ist hier stets als Oberbegriff gemeint. Genauer: Kultur als Hyperonym (Superordination) umfaßt auch Zivilisation als Hyponym (Subordination), auch Moderne als Hyponym (Subordination). Ähnlich wie Mersch „Organisationssystem(e)“ (**|**) definiert, so definiere ich Kultur(en), wobei auch ich davon ausgehe, daß derartige Organisationsysteme als „Superorganismen“ seit der Moderne sogar dabei sind, auch biologisch einen ähnlich großen evolutionären Sprung („Komplexitätssprung“ [**], so Mersch) zu vollziehen wie vor ihnen die erfolgreichen Organismen. Organisationssysteme beinhalten Organismen, die Zellen beinhalten. (Zellen [Einzeller] sind autopoietische Systeme erster Ordnung; Vielzeller [Organismen] sind autopoietische Systeme zweiter Ordnung; Organisationssysteme sind autopoietische Systeme dritter Ordnung.) Mersch begründet seine sympathische Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökonomischen und demographischen Argumenten, ich meine Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökologischen, ökonomischen, demographischen und kulturgeschichtlichen. Unsere Theorien treffen sich also argumentativ in nicht wenigen Bereichen. Mersch vernachlässigt, wie ich finde, die Kulturgeschichte zu sehr. Kultur ist gemäß meiner Theorie vor allem als eine  G e m e i n s c h a f t s f o r m  - in etwa so wie ein  K u l t u r k r e i s  - zu verstehen, und zwar bezogen auf zwei Erscheinungen:
(1.) „Menschen-Kultur“ (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) als ein bis heute doch ziemlich abstrakt gebliebener „Kulturkreis“, da die Kultur dieser einen Menschheit ja konkret kaum existiert.
(2.) „Historien-Kultur“ als die aus bislang acht unterschiedlichen „Historien-Kulturen“ bestehende „Historiographie-Kultur“, und das heißt: die „Moderne der Moderne der Menschen-Kultur“ bzw. die „Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur“ oder aber sogar die „Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur“.
Man kann die Entwicklung der Menschheit evolutiv und/oder histori(ographi)sch beschreiben, aber sie blieb so lange nur evolutiv, so lange ihr die Schrift fehlte - also ist sie erst seit Beginn der Schrift zusätzlich auch historiographisch. Gemäß meiner Theorie ist die Schriftlichkeit - zusätzlich zu der ihr vorausgegangenen Seßhaftigkeit, der „Neolithischen Revolution“, den ersten Städten u.ä. - der Grund für die Notwendigkeit der Aufteilung einer Erscheinung in zwei Erscheinungen: „Menschen-Kultur“ (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) und die in ihr enthaltene „Historiographie-Kultur“ („Historien-Kultur“) mit den unterschiedlichen „Historien-Kulturen“. Die Aufteilung in diese beiden menschlichen Kulturphänome ist auch aus folgendem Grund sehr sinnvoll: Die „Menschen-Kultur“ hat bis heute keine wirkliche Einheit bzw. kein wirkliches Organisationssystem werden können, ihre einzelnen „Historien-Kulturen“ dagegen sehr wohl. Die „Menschen-Kultur“ ist also bis heute sehr blaß und abstrakt geblieben - ganz im Gegenteil zu ihren „Historien-Kulturen“.
(1.) Die „Menschen-Kultur“ umfaßt die Evolution bzw. die Geschichte der Menschheit - das heißt: die „Prähominisierung“, „Hominisierung“, „Sapientisierung“, „Historisierung“. Mit ihrer „Moderne“ als ihrer „Historisierung“ beginnt auch ihre „Zivilisation“, obwohl „Moderne“ und „Zivilisation“ nicht genau dasselbe bedeuten.
Die Menschwerdung ist noch lange nicht beendet! Sie wird definitiv erst mit dem Tod des letzten Menschen beendet sein. Das letztmalige echte Gefühl der Zusammengehörigkeit der Menschen als eine Menschheit war vielleicht die „Mondlandung“ (1969). Aber Einrichtungen wie die UNO, die ein historienkulturelles - nämlich ein abendländisches (und innerhalb des Abendlandes ein angelsächsisches und also ein genuin sehr wikingerhaftes [Motto: „Nimm dir, was du haben willst“], zu „individuelles“ und deshalb unbrauchbares) - Konstrukt ist, oder die WTO dienen nur der Minderheit (4%) einer Minderheit (20%) aller Menschen (100%). UNO, WTO, Weltbank und IWF sind also eher Beispiele dafür, daß ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen eben gerade nicht entstehen soll und wird. Die echten Gefühle dafür müssen aus der kulturellen Seele selbst kommen.
(2.) Die „Historien-Kultur“ ist die aus den 8 Historienkulturen bestehende „Moderne der Menschen-Moderne“ - das heißt: „Moderne der Moderne der Menschen-Kultur“ bzw. „Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur“ oder eben sogar „Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur“.
„Historien-Kultur“ bedeutet somit einerseits die Moderne der Moderne der Menschen-Kultur und andererseits die eigenartigen und sich unterschiedlich beeinflussenden Historien-Kulturen (in der Fachliteratur oft „Hochkulturen“ oder auch einfach nur „Kulturen“ genannt), für die gilt: je näher, desto mehr Berührungen, gegenseitiger Einfluß und also Beziehungen, aber auch entschiedene Abgrenzung voneinander (vgl. folgende Abbildung):
In meiner Theorie sind Kulturen im allgemeinen und im besonderen als den Lebewesen sehr ähnlich aufzufassen. Außerdem sind alle Historienkulturen als Abweichungen (besonders in der künstlerischen Art bzw. Form) von der Menschenkultur zu verstehen, in die sie über ihre Modernen bzw. Zivilisationen allmählich wieder einmünden - allerdings auf jeweils andere, nämlich kulturspezifische Art und Weise. Insofern und auch aufgrund anderer Hypothesen, z.B. auch der über die „vorgeburtliche“ Existenz einer jeden Kultur, unterscheidet sich meine Kulturtheorie auch sehr von allen bisherigen mir bekannten Kulturtheorien.
Die abendländische Kultur ist übrigens die einzige Kultur, die es tatsächlich geschafft hat, den Globus zu erobern und also ihre Globalisierung - sie ist grundsätzlich Absicht, Ziel bzw. Finalität jeder Kultur (ähnlich dem Motto: „Ausdehnung ist alles“) - in eine Wirklichkeit umzusetzen. Um das zu können, muß man aber zunächst noch nicht so wirtschaften wie heute, sondern zuvor (!) eine kulturelle Gemeinschaft gebildet haben. Kulturelle Gemeinschaft - vor allem als Gefühl (!) - ist die Voraussetzung dafür, nicht ihre Wirtschaft, die lediglich eine Folge davon ist, wenn auch bald so stark, daß sie gerade das historienkulturelle Gemeinschaftsgefühl fast ganz in den Schatten zu stellen vermag und als ein „Motor“ für die oben erwähnte Einmündung der Historienkulturen in die Menschenkultur fungiert, obwohl diese Einmündung bisher noch nie so richtig geklappt hat, weil die Menschenkultur ein zu sehr abstraktes und also zu wenig konkretes Gebilde ist. Die abendländische Kultur hat also wegen ihrer tatsächlich realisierten Eroberung des Planeten Erde die Möglichkeit zum Beweis, ob ihr eine solche Einmündung gelingt (dafür müßte sie alle anderen Menschen und damit alle anderen noch existierenden Kulturen integrieren [ich persönlich glaube, daß sie gerade das nicht kann]). Die Wirtschaft hat sich im Abendland bereits viel zu sehr von der Kultur als der Gemeinschaft getrennt, und die Kulturgemeinschaft selbst ist offensichtlich nicht mehr fähig, die Wirtschaft zu zähmen. Die abendländische Wirtschaft hat sich von der abendländischen Kultur so sehr „emanzipiert“, daß sie neben anderen abendländischen Erscheinungen eine ziemlich große Gefahr für den Untergang des Abendlandes bedeutet.
Peter Mersch definiert auch den Begriff „Globalisierung“ zum Teil anders als ich (**). Gemäß meiner Theorie ist Globalisierung die Geschichte einer jeden Historienkultur, besonders die des Abendlandes. Die Kulturgeschichte des Abendlandes ist eine Geschichte der Globalisierung. Nachdem die drei für das Abendland unenbehrlichen Faktoren aufeinander getroffen waren - Germanentum, Römerreich, Christenheit -, wurde sie mittels einer zunächst noch wenig konkrete Formen annehmende „Mythomotorik“ des jungen Abendlandes möglich. Der Gedanke an ein Reich spielte also von Beginn an eine ganz besonders wichtige, weil „kulturgenetisch“ bedingte Rolle, nämlich reichshistorisch (römisch), reichsreligiös (christlich) und reichskybernetisch (germanisch), denn eine „Kultur“ kann nur dann Kultur werden, wenn sie auch sich selbst steuern kann. Ohne die Germanen gäbe es keine Abendland-Kultur, kein Europa. Ohne die Germanen hätte sich das Abendland nicht zu einer selbständigen Kultur entwickeln können. Die Germanen sind die Gründer Europas.
Wer von „Globalisierung“ spricht, kann dreierlei meinen: (a) Globalisierung als Kulturgeschichte, (b) Globalisierung als eine kulturgeschichtliche Phase (Globalismus, Cäsarismus, Zeusiokratie u.ä.), (c) Globalisierung als eine absolute Dominanz der globalen Wirtschaft (Weltwirtschaft, Globalwirtschaft, Globalkapitalismus u.ä.). Zwei (b und c) dieser drei Definitionen kann man zusammenfassen, weil das von der heutigen Öffentlichkeit „Globalisierung“ genannte Phänomen sowohl ein Ausdruck des Zeigeistes im Sinne der erwähnten abendländischen Kulturphase (vgl. b) ist als auch die Dominanz der ja vom Abendland hervorgebrachten und dominierten Globalwirtschaft (vgl. c) bezeichnet. Aber das, was „Globalisierung“ dem Ursprung nach bedeutet, ist den meisten Menschen gar nicht mehr bewußt.
Der Globalismus ist eine Kulturphase, nicht aber die Globalisierung, denn diese wird häufig lediglich als ein wirtschaftliches Phänomen begriffen, also im Sinne einer Welt- bzw. Globalwirtschaft, eines Globalkapitalismus.
Globalismus als Kulturphase bedeutet auch Befruchtung und, daß diese Phase allen Akteuren alle Möglichkeiten schenkt. Doch deren Auswirkungen können positiv, aber auch negativ sein. Diese Phase ist so offen wie keine andere Phase; in ihr sind alle Chancen gegeben; in ihr werden die Karten neu gemischt (und verteilt !); es wird gewürfelt, und wer kein Glück hat oder die Gelegenheiten verpaßt, ist erst einmal draußen - vielleicht auch für immer. Das Abendland steht erst am Anfang dieser Phase und sollte sich nicht von ihren Verlockungen des Allen-alles-Versprechens leiten lassen oder sich etwa darauf verlassen oder gar berufen, daß die anderen 7 Kulturen diese Phase glücklich erlebt oder überlebt haben. Keine der anderen 7 Kulturen war eine so extreme Globalisierungskultur wie das Abendland!Eine sehr interessante Frage, ob das für die Zukunft der abendändischen Menschen, ja sogar für die Zukunft aller Menschen (mehr) positive oder (mehr) negative Auswirkungen haben wird!
„Organisationen wollen wachsen ....“ (**). Ganz besonders seit der oben beschriebenen Zeit degradieren Organisationssysteme „die jeweiligen Nationalstaaten regelrecht zu ihren Lieferanten für Humankapital, Ressourcen (Rohstoffe, Entsorgung, Endlagerung u.s.w.) und Infrastrukturen ..., während sie sich selbst zu eigenständigen, international operierenden Systemen von geradezu ungeheuerlicher Macht und Größe aufbauen, die nun durch praktisch niemanden mehr kontrollierbar sind.“ (**). Dies geschieht - wie gesagt - in ganz besonders hohem Ausmaß seit der oben beschriebenen Zeit. „Basierte der Wohlstand eines Landes bislang maßgeblich auf der Leistungsfähigkeit seiner Unternehmen (»der Wirtschaft«), so dürfte er in Zukunft eher auf dem Reichtum seiner Ressourcen (Rohstoffe wie Erdöl, Humankapital) und der Ausgereiftheit von Regelwerken und Infrastrukturen beruhen.“ (**). Schlechte Zeiten besonders für diejenigen Nationen und Imperien, die darüber nicht (mehr) oder kaum (mehr) verfügen.

Es ist durchaus möglich, daß die von Peter Mersch beschriebenen „Organisationssysteme“ der „Moderne“ einen bedeutenden, vielleicht sogar den bedeutendsten Beitrag (er ist seit Beginn der abendländischen Moderne exponentiell gestiegen), zur weiteren Entwicklung leisten, aber ob dieser positiv oder negativ zu bewerten ist, wird erst die Zukunft zeigen können, denn der Globalismus als Kulturphase (Befruchtung oder Cäsarismus) hat gerade erst begonnen, muß aber beendet sein, um sich darüber ein Urteil bilden zu können. Hier wäre eine Prognose angebracht. Ich verweise diesbezüglich auf die vielen um dieses Thema kreisenden Seiten meiner Webpräsenz (**).

Bis auf die angesprochenen Unterschiede in nur manchen, aber dennoch wichtigen Definitionen (**) ist die Theorie von Peter Mersch mit meiner Theorie kompatibel, wie schon eingangs erwähnt (**). Sie zeichnet sich insbesondere durch die Fähigkeit aus, ein von der Evolutionstheorie bis dahin nicht erkanntes oder totgeschwiegenes Problem zu lösen: das Reproduktionsinteresse.

Wir wissen heute, daß der von Darwin - wahrscheinlich weil er zu sehr von Malthus ausging - in den Vordergrund gerückte Reproduktionserfolg übertrieben ist, also abgeschwächt, eingeschränkt werden muß. Es muß sogar die gesamte Darwinsche Evolutionstheorie ergänzt und daher in ihrer Aussagekraft abgeschwächt, eingeschränkt werden.

Gemäß Darwinscher Evolutionstheorie bedeutet Evolution: (1) daß die Entwicklung, die selbst kein Ziel hat, eine vom Zufall, der eine Notwendigkeit enthält, abhängige Anpassung an die sich ebenfalls verändernde Umwelt ist (Stichwort: Selektion); (2) daß es viele unterschiedliche Lebewesen gibt (Stichwort: Variation); (3) daß es (eine Überproduktion von) Nachkommen und also Erben gibt (Stichwort: Vererbung). Ergänzt werden muß aber: (1) daß der Anpassung an die Umwelt durch die Distanzierung von ihr entgegengewirkt werden kann und auch wird (siehe z.B. die menschliche Technik); (2) daß der Unterschiedlichkeit durch die Gleichmacherei entgegengewirkt werden kann und auch wird (siehe z.B. die menschliche Politik); (3) daß der Produktion von Nachkommen durch den extremen Egoismus entgegengewirkt werden kann und auch wird (siehe z.B. die menschlichen Vorgenhensweisen gegen das Leben nachkommender Menschen wie Abtreibung und andere Kindestötungen). Die drei Regeln der Darwinschen Evolutionstheorie werden aber durch die drei ihnen genau entgegengesetzten Tendenzen nicht falsch, wohl aber auf ein kleineres Bedeutungsmaß eingeschränkt. Mit anderen Worten: Sie werden von den ihnen entgegengesetzten Ausnahmen also nicht falsifiziert, sondern ergänzt. Wo es Regeln gibt, da gibt es auch Ausnahmen von diesen Regeln. Wenn es zu Regeln keine Ausnahmen geben kann, dann handelt es sich nicht um Regeln, sondern um Gesetze (**). Die Evolutionstheorie stellt also keine Gesetze auf, sondern lediglich Regeln. Gerade die biologische Evolutionstheorie wird aber mit diesen Regeln nicht ausreichend erklärt, zumal einige Wissenschaftler nicht glauben, daß die Natur (wer oder was ist das? Gott?)  selektiert. Die Gründe für die biologische Evolution sind: (A) der Wille zur Selbsterhaltung (das „Selbsterhaltungsinteresse“, so Mersch **) und (B) der Wille zur Reproduktion (das „Reproduktionsinteresse“, so Mersch **). Beide (A und B) sind Varianten des Willens zum Leben bzw. Überleben. (**). Entscheidend ist also der Lebenswille (Lebenstrieb). Ergänzt werden muß auch hier: (A) der Wille zur Selbszerstörung (das „Selbsterhaltungsdesinteresse“) und (B) der Wille zur Reproduktionsverweigerung (das „Reproduktionsdesinteresse“). Beide (A und B) sind Varianten des Willens zum Nichtleben (Tod) bzw. Ableben (Sterben). Entscheidend ist in diesem Fall also der Todeswille (Todestrieb). Lebenswille (Lebenstrieb) und Todeswille (Todestrieb) sind die zwei Seiten dessen, was wir „Leben“ nennen. Das Leben hat einen Anfang und ein Ende, dessen Grenze der Tod bildet. Der Tod ist deshalb Bestandteil des Lebens, weil wir „wissen“, daß der Tod das Leben begrenzt. **

Die 3 Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie von Peter Mersch sind: (1) Reproduktionsinteresse (genauer: Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse **), (2) Variation, (3) Reproduktion. (**). Die Darwinsche Evolutionstheorie nennt: (1) Selektion, (2) Variation, (3) Vererbung. Die 3 Prinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie sind aus den 3 Prinzipien der Systemischen Evolutionstehorie ableitbar. „Beim Prinzip der natürlichen Selektion (-› 1) handelt es sich um kein Basisprinzip der Evolution, sondern um eine zwangsläufige Konsequenz aus dem grundsätzlicheren Prinzip der kompetenzneutralen Reproduktionsinteressen (-› 1)“ (**); sogar deckungsgleich sind sowohl die Formulierungen des Prinzips Variation (-› 2) Systemischer Evolutionstheorie und des Prinzips Variation (-› 2) Darwinscher Evolutionstheorie als auch die Formulierungen des Prinzips Reproduktion (-› 3) Systemischer Evolutionstheorie und des Prinzips Vererbung (-› 3) Darwinscher Evolutionstheorie (**|**). „Man kann zeigen, daß sich für biologische Populationen die Prinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie aus den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie ableiten lassen. Mit anderen Worten: Sind in einer Population die Grundpinzipien der Systemischen Evolutionstheorie erfüllt, dann evolviert diese auch im Darwinschen Sinne. Die Kriterien der Systemischen Evolutionstheorie sind folglich hinreichend für die Anwendbarkeit der Darwinschen Evolutionstheorie.“ (**). Ein großer Vorteil der Theorie von Mersch gegenüber der Theorie von Darwin. Gratulation, Herr Mersch!

Hubert Brune, 2008 (zuletzt aktualisiert: 2011).

 

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